Gesamtstudie aus 12 Sprachräumen · aufgebaut wie ein Buch
Psychopharmaka außer SSRI und die Spermienqualität: Antipsychotika, Lithium, Benzodiazepine und ADHS-Medikamente in der internationalen Literatur
Weitere Themen der Recherche
- 60.999 Wörter
- 18 Kapitel
- 192 Quellen
- 35 Diagramme
- Literatur aus Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Spanisch, Chinesisch, Japanisch, Koreanisch, Russisch, Arabisch und Türkisch
Kurzfassung
Diese Studie fragt, was die veröffentlichte Forschung über den Zusammenhang zwischen vier Gruppen von Psychopharmaka und der Qualität der Spermien beim Mann weiß: Antipsychotika (Neuroleptika), Lithium, Benzodiazepine und ADHS-Medikamente wie Methylphenidat. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sind ausdrücklich nicht Thema. Ausgewertet wurden 192 Veröffentlichungen aus den Jahren 1977 bis 2026, gesucht in zwölf Sprachen, überwiegend auf der Ebene von Abstracts. Die Studie beschreibt Befunde und spricht keine Therapieempfehlung aus.
Das wichtigste Ergebnis ist eine Lücke. Für Antipsychotika, Lithium und Benzodiazepine gibt es beim Menschen keine kontrollierte Studie, die Spermienzahl, Beweglichkeit oder Form unter laufender Behandlung als Hauptzielgröße untersucht hat. Die einzige Humanstudie, die Wirkstoffspiegel im Samenplasma gemessen hat, umfasst 20 behandelte Männer in drei Wirkstoffgruppen [s73]. In ihr war bei zehn Männern unter Antipsychotika oder Antiepileptika die Spermienkonzentration niedriger (52,6 gegenüber 82,1 Mio./ml in der Kontrollgruppe) [s73]; die Autoren nennen das selbst vorläufig. Für Lithium liegt eine prospektive Untersuchung mit zehn Männern vor, die keine Unterschiede fand [s183]. Für Benzodiazepine gibt es vier Männer unter Alprazolam in einer gemischten Studie [s73] und zwei Männer in einer Chromosomenanalyse der Spermien nach Diazepam [s168].
Was reichlich vorhanden ist, sind Tierversuche, Laborversuche an menschlichen Spermien in der Schale und Hormonstudien. Tierversuche an Ratten und Mäusen zeigen bei mehreren Antipsychotika, bei Lithium und bei Methylphenidat überwiegend Veränderungen an Hoden, Hormonen und Spermien, meist bei hohen Dosen und häufig in Schutzversuchen, in denen das Medikament nur als Schädigungsmodell dient. Die Befunde sind nicht einheitlich: Eine nach Prüfrichtlinie durchgeführte Zwei-Generationen-Studie mit Lithium fand an Ratten keine Schäden an den Spermien [s81]. Am Menschen belegt die Hormonliteratur klar, dass Risperidon, Paliperidon und Amisulprid das Prolaktin erhöhen und Aripiprazol es senkt. Ob daraus eine messbare Veränderung der Spermienqualität folgt, hat keine dieser Studien geprüft, und eine japanische Studie fand keinen Zusammenhang zwischen Hormonwerten und Sexualstörungen [s143].
Bei den ADHS-Medikamenten ist die Humanlage am dichtesten, aber widersprüchlich. Eine Auswertung von 9.769 Samenproben fand unter Methylphenidat eher höhere Werte [s77]. Zwei große retrospektive Studien mit Stimulanzien fanden ein niedrigeres Samenvolumen, aber sonst weitgehend unveränderte Parameter [s65, s17]. Eine kleinere Fall-Kontroll-Studie berichtet verschlechterte Parameter, enthält aber im Abstract nicht interpretierbare Statistik [s58]. Eine taiwanische Kohorte mit knapp 60.000 Jungen mit ADHS fand für Methylphenidat kein signifikant erhöhtes Risiko einer Hodenfunktionsstörung (adjustiertes Hazard-Ratio 1,40; 95-%-Konfidenzintervall 0,77 bis 2,54) [s93].
Eine durchgehende Schwierigkeit ist die Verwechslung von Medikament und Erkrankung. Depression, ADHS und affektive Störungen sind selbst mit schlechterer Samenqualität oder Infertilität assoziiert [s83, s38, s47]. Bei Epilepsie war die Samenqualität schon vor Behandlungsbeginn vermindert [s101]. Studien ohne Basismessung können Medikamentenwirkung und Krankheitswirkung nicht trennen.
Ein Randgebiet liefert die belastbarsten Zahlen: Valproat, das in der Psychiatrie zur Phasenprophylaxe dient. Eine große Registerstudie fand keinen Zusammenhang mit Infertilitätsdiagnosen (Hazard-Ratio über die Lebenszeit 0,932; 0,849 bis 1,024) [s26], während kleinere klinische Studien und eine Metaanalyse eine Minderung von Spermienbeweglichkeit und teils Konzentration beschreiben [s71, s37]. Diese Ergebnisse sind nicht auf Lithium, Antipsychotika, Benzodiazepine oder ADHS-Medikamente übertragbar.
Die Leitlinien der Urologie und Reproduktionsmedizin, die wir einsehen konnten (AUA/ASRM, EAU, Japanische Urologische Gesellschaft), treffen zu den vier Wirkstoffgruppen und der Samenqualität keine eigene Aussage [s36, s192, s33]. Pharmakovigilanz-Auswertungen liefern für diese Gruppen keine tragfähigen Signale, erlauben aber auch keinen Ausschluss [s07, s20, s35]. Insgesamt bleibt die Gewissheit niedrig bis sehr niedrig. Wer Männer mit Kinderwunsch unter Psychopharmaka einschätzt, findet in der Literatur Hinweise, Hypothesen und Warnsignale, aber keine Effektgrößen, die sich auf den einzelnen Mann übertragen ließen.
Stand 5. Oktober 2026
Inhaltsverzeichnis
Die Studie ist in 18 Kapitel gegliedert, jedes mit eigener Seite. Der Text ist derselbe wie in der Markdown-Fassung, nur nach Kapiteln getrennt.
Mit Kapitel 1 beginnen: Das Wichtigste in Kürze
- 1Das Wichtigste in Kürze981 Wörter
- 2Aufbau und Methodik dieser Studie1.233 Wörter
- 3Hintergrund2.904 Wörter
- 4Studienlage: Metaanalysen und Übersichten4.218 Wörter
- Studienlage: Beobachtungsstudien
- Studienlage: Klinische Studien, Leitlinien und Tierversuche
- 9Mechanismen und biologische Plausibilität1.992 Wörter
- 10Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität3.068 Wörter
- Was die Literatur in den Sprachräumen zeigt
- 11Englisch bis Japanisch6.321 Wörter
- 12Koreanisch bis Türkisch3.843 Wörter
- 13Widersprüche und ihre mögliche Erklärung3.157 Wörter
- 14Limitationen der Evidenz1.304 Wörter
- 15Offene Forschungsfragen513 Wörter
- 16Praktische Einordnung824 Wörter
- 17Glossar806 Wörter
- 18Quellenverzeichnis6.802 Wörter
Anhang
- +Diagramme35 Diagramme
- +Quellen192 Quellen
- +Prüfprotokoll der Quellenkontrolle
Häufige Fragen
Verschlechtern Antipsychotika die Spermienqualität?
Das lässt sich nach heutiger Studienlage nicht sagen. Beim Menschen gibt es nur sehr kleine Untersuchungen, in einer davon war die Spermienkonzentration unter Antipsychotika oder Antiepileptika niedriger, die Autoren nennen das vorläufig. Tierversuche zeigen überwiegend Veränderungen an Hoden und Hormonen, meist bei hohen Dosen. Eine sichere Aussage für den einzelnen Mann ist nicht möglich.
Erhöhen Antipsychotika das Prolaktin, und schadet das den Spermien?
Dass Risperidon, Paliperidon und Amisulprid das Prolaktin erhöhen und Aripiprazol es senkt, ist gut belegt. Ob daraus eine Veränderung der Spermienqualität folgt, hat keine dieser Studien geprüft. Mehrere Studien fanden zudem keinen Zusammenhang zwischen Hormonwerten und Sexualstörungen. Prolaktin ist daher ein Zwischenmarker und kein Fruchtbarkeitsbefund.
Schädigt Lithium die Spermien?
Die Befunde widersprechen sich. Eine nach Prüfrichtlinie durchgeführte Zwei-Generationen-Studie an Ratten fand keine Schäden an den Spermien, andere Tierstudien zeigen teils deutliche Schäden, oft bei hohen Dosen. Beim Menschen liegt nur eine kleine Untersuchung mit zehn Männern vor, die keine Unterschiede fand. Die Gewissheit ist sehr niedrig.
Was weiß man über Benzodiazepine und die Spermien?
Hier ist die Datenlage am dünnsten. Vier Männer unter Alprazolam hatten Spermienwerte im Bereich der Kontrollen, bei zwei Männern unter Diazepam war der Anteil von Spermien mit überzähligen Chromosomen erhöht. Hinzu kommen Tierversuche mit sehr hohen Dosen. Aussagen zu Häufigkeit oder Ausmaß beim Menschen sind damit nicht möglich.
Beeinträchtigen ADHS-Medikamente wie Methylphenidat die Spermien?
Die Ergebnisse gehen auseinander. Eine Auswertung von 9.769 Samenproben fand unter Methylphenidat eher höhere Werte. Zwei große Studien mit Stimulanzien fanden ein niedrigeres Samenvolumen, sonst weitgehend unveränderte Parameter. Eine kleinere Studie berichtet Verschlechterungen, enthält aber im Abstract nicht interpretierbare Statistik. Eine einheitliche Richtung zeigt sich nicht.
Kann die Erkrankung selbst die Spermienqualität verändern?
Ja, das ist eine zentrale Schwierigkeit. Depression, ADHS und affektive Störungen sind selbst mit schlechterer Samenqualität oder Infertilität verbunden, und bei Epilepsie war die Samenqualität schon vor Behandlungsbeginn vermindert. Studien ohne Messung vor der Behandlung können Medikamentenwirkung und Krankheitswirkung deshalb nicht sauber trennen.
Lassen sich Tierversuche und Laborbefunde auf den Menschen übertragen?
Nur eingeschränkt. Die Tierdosen sind hoch und wurden nicht auf Patientendosen umgerechnet, viele Rattenversuche nutzen das Medikament nur als Schädigungsmodell für einen Schutzstoff. Laborversuche an Spermien arbeiten mit Konzentrationen, die nicht mit den Spiegeln im Samenplasma verglichen wurden. Sie liefern Hinweise auf Mechanismen, aber keinen Beleg für Schäden beim Menschen.
Was sagen die Leitlinien zu diesem Thema?
Die eingesehenen Leitlinien der Urologie und Reproduktionsmedizin (AUA/ASRM, EAU, Japanische Urologische Gesellschaft) treffen zu den vier Wirkstoffgruppen und der Samenqualität keine eigene Aussage. Erwähnt wird lediglich die durch Arzneimittel verursachte Hyperprolaktinämie. Die Studie selbst spricht keine Therapieempfehlung aus und ersetzt keine ärztliche Beratung.