Psychopharmaka: Antipsychotika, Lithium und ADHS-Medikamente · Kapitel 5 von 18 · Studienlage: Beobachtungsstudien

Ordnung und Qualität der Humanlage bis Lithium

Ordnung und Qualität der Humanlage

Zu den hier gesuchten Klassen gibt es keine randomisierte kontrollierte Studie, die einen Einfluss auf Spermienparameter als primären Endpunkt untersucht hätte. Die Humanliteratur besteht aus Beobachtungsstudien, kleinen experimentellen Studien an Gesunden, Fallberichten und Pharmakovigilanz-Auswertungen. Zur besseren Lesbarkeit ist dieser Abschnitt nach Wirkstoffklassen geordnet; innerhalb jeder Klasse stehen zuerst die Studien mit Samenparametern, danach die Studien mit Hormonen und Sexualfunktion und zuletzt die Einzelfälle. Dann folgen die Pharmakovigilanz-Auswertungen, Studien zur psychischen Erkrankung selbst und das Randgebiet der Antiepileptika. Ein durchgehendes methodisches Problem ist die Verzerrung durch die Indikation (Confounding by indication): Wer ein Antipsychotikum, Lithium oder ein Stimulans erhält, hat eine Erkrankung, die selbst mit Fruchtbarkeitsmerkmalen zusammenhängen kann, und das gilt für fast jede der folgenden Studien.

Studien mit mehreren Klassen und mit Spermienparametern

Mazzilli et al. 2021: Psychotropic Drugs Levels in Seminal Fluid: A New Therapeutic Drug Monitoring? [s73] (Frontiers in Endocrinology; Italien). Design: Beobachtungsstudie mit Fall-Kontroll-Vergleich in einer Andrologie. Population: Zunächst wurden 41 Männer aus infertilen Paaren (idiopathische oder ungeklärte männliche Infertilität, Behandlung mit Psychopharmaka seit mehr als drei Monaten) erfasst; 21 wurden ausgeschlossen (unter anderem wegen weiterer Medikamente oder Nahrungsergänzung, Hypogonadismus, Hyperprolaktinämie, Hypothyreose, schwerer Varikozele, früherer Hodentorsion oder -trauma, obstruktiver Azoospermie). Es verblieben 20 Männer, verglichen mit 10 unbehandelten fertilen Kontrollen. Von den 20 erhielten 6 einen SSRI (Fluoxetin), 4 ein Benzodiazepin (Alprazolam) und 10 Antipsychotika beziehungsweise Antiepileptika (Quetiapin, Olanzapin, Levetiracetam, Aripiprazol); die Behandlungsdauer lag zwischen 10 und 24 Monaten. Mittleres Alter 34,8 ± 3,7 gegenüber 34,1 ± 3,8 Jahre (p = 0,64). Methodik: Entwicklung eines LC-MS/MS-Verfahrens zur Messung von Psychopharmaka im Samenplasma, Standard-Samenanalyse. Wirkstoffspiegel (Mittelwert ± Standardabweichung, Serum gegenüber Samenplasma): Alprazolam 17,8 ± 10,8 gegenüber 9,1 ± 8,1 ng/ml (4 Männer); Olanzapin 42,0 ± 19,8 gegenüber 37,4 ± 21,3 ng/ml (2 Männer); Quetiapin 318,0 ± 76,7 gegenüber 34,3 ± 14,9 ng/ml (3 Männer); Aripiprazol 240,3 ± 62,3 gegenüber 39,1 ± 17,2 ng/ml (3 Männer); Levetiracetam 20,5 ± 2,1 gegenüber 10,8 ± 0,4 µg/ml (2 Männer). Alprazolam, Olanzapin und Levetiracetam erreichten also im Samenplasma ähnliche Größenordnungen wie im Serum, Fluoxetin, Quetiapin und Aripiprazol lagen im Samenplasma deutlich unter den Serumwerten. Samenparameter (behandelte Gesamtgruppe gegenüber Kontrollen): progressive Beweglichkeit 36,8 ± 11,6 % gegenüber 46,3 ± 10,0 % (p = 0,03); Volumen 3,2 ± 1,1 gegenüber 3,2 ± 1,3 ml (p = 0,91); Konzentration 70,8 ± 30,0 gegenüber 82,1 ± 17,6 × 10^6/ml (p = 0,21); Gesamtzahl 228,4 ± 112,3 gegenüber 247,7 ± 99,5 × 10^6 (p = 0,50); abnorme Formen 73,7 ± 6,9 gegenüber 75,1 ± 7,7 % (p = 0,60). In der Untergruppe Antipsychotika/Antiepileptika (n = 10) lag die Konzentration bei 52,6 ± 27,4 × 10^6/ml gegenüber 92,2 ± 23,9 in der SSRI-Gruppe, 84,3 ± 15,3 in der Benzodiazepin-Gruppe und 82,1 ± 16,4 in der Kontrollgruppe (p = 0,01); die Gesamtzahl bei 167,1 ± 101,5 × 10^6 (p = 0,01 beziehungsweise 0,05 und 0,05 gegenüber den drei Vergleichsgruppen); die progressive Beweglichkeit bei 31,3 ± 10,0 % gegenüber 46,3 ± 10,1 % in der Kontrollgruppe (p = 0,003). Die Benzodiazepin-Gruppe (Alprazolam, n = 4) unterschied sich in Konzentration (84,3 ± 15,3), Beweglichkeit (41,3 ± 11,1 %) und Gesamtzahl (406,7 ± 169,0 × 10^6) nicht erkennbar von den Kontrollen (82,1 ± 17,6 × 10^6/ml; 46,3 ± 10,0 %; 247,7 ± 99,5 × 10^6). Für Fluoxetin wurde eine Korrelation mit der Spermienzahl berichtet (r = 0,8, in der Studie als p < 0,5 angegeben). Stärken: erste Messung von Wirkstoffspiegeln im Samenplasma, Ausschluss vieler Störfaktoren, Kontrollgruppe. Schwächen: sehr kleine Gruppen (die Untergruppe mit Antipsychotika/Antiepileptika vereint vier verschiedene Wirkstoffe, darunter das Antiepileptikum Levetiracetam), Kontrollgruppe aus fertilen Männern ohne Behandlungsindikation (Verzerrung durch die Grunderkrankung nicht auszuschließen), Querschnitt, keine Dosisangaben, keine Konfidenzintervalle. Die Autoren nennen die Ergebnisse selbst vorläufig. Einordnung: Es ist die einzige Humanstudie des gesamten Materials, die Wirkstoffspiegel im Samen und Samenparameter bei behandelten Männern gemeinsam erhebt; sie liefert für die Antipsychotika-Untergruppe einen Hinweis auf niedrigere Konzentration und Beweglichkeit, ohne dass die Kausalität zu klären wäre.

Altiok et al. 2026: Investigating the impact of psychopharmacological agents on spermatozoa parameters, genomic integrity and chromatin architecture [s01] (Zygote). Design: Vergleichsstudie. Population: 14 Personen unter psychopharmakologischer Behandlung und 15 Nichtanwender. Untersucht wurden Volumen, Konzentration, Gesamtzahl, Morphologie und Beweglichkeit, ferner DNA-Fragmentierung, Chromatinintegrität und die Expression der Proteinkinase A. Die Autoren berichten signifikante Unterschiede in allen diesen Bereichen zu Ungunsten der behandelten Gruppe. Im Abstract fehlen Wirkstoffe, Dosen, Effektgrößen und p-Werte; eine Bewertung im Einzelnen ist daher nicht möglich. Die Stichprobe ist sehr klein, die Wirkstoffe sind unbekannt, und die Deutung bleibt offen. Die Studie gehört zu den wenigen, die DNA-Fragmentierung und Chromatin am Menschen unter Psychopharmaka betrachten, und ist ein Beleg dafür, wie dünn die Datenlage hier ist.

Yland et al. 2021: A North American prospective study of depression, psychotropic medication use, and semen quality [s83] (Fertility and Sterility; Nordamerika). Design: Prospektive Kohorte (Pregnancy Study Online), Präkonzeptionskohorte. Population: 329 Männer ab 21 Jahren mit 566 Samenproben, gemessen mit einem Heimtest (Volumen, Konzentration, Konzentration beweglicher Spermien). Eine diagnostizierte Depression berichteten 49 Männer (15 %), 41 (12 %) nannten in den letzten vier Wochen Psychopharmaka (Antidepressiva und weitere ohne Aufschlüsselung nach Klassen). Ergebnisse (Risikoverhältnis, RR, 95-%-Konfidenzintervall) für unterschrittene WHO-Grenzwerte: Eine Depressionsdiagnose war mit einem 4,3-fach erhöhten Risiko für ein niedriges Volumen (< 1,5 ml) verbunden (1,16 bis 16). Für die übrigen Parameter ergaben sich keine klaren Zusammenhänge: niedrige Konzentration 0,89 (0,44 bis 1,77), niedrige Beweglichkeit 1,13 (0,77 bis 1,65), niedrige Gesamtzahl 0,75 (0,35 bis 1,61), niedrige Gesamtzahl beweglicher Spermien 0,68 (0,29 bis 1,60). Für die aktuelle Psychopharmaka-Einnahme lagen die adjustierten Risikoverhältnisse im Modell A bei 1,00 (0,14 bis 7,2) für niedriges Volumen, 1,32 (0,65 bis 2,7) für niedrige Konzentration, 1,37 (0,95 bis 1,98) für niedrige Beweglichkeit, 1,14 (0,56 bis 2,3) für niedrige Gesamtzahl und 1,33 (0,64 bis 2,8) für niedrige Gesamtzahl beweglicher Spermien. Nach zusätzlicher Adjustierung für die Depressionsdiagnose (Modell B) lauteten die Punktschätzer 0,44 (0,03 bis 6,7), 1,66 (0,70 bis 4,0), 1,44 (0,89 bis 2,3), 1,40 (0,61 bis 3,2) und 1,84 (0,71 bis 4,8). Alle Konfidenzintervalle schließen 1 ein. Der Zusammenhang zwischen Depression und niedrigem Volumen wurde kaum durch die Medikation vermittelt (indirekter Effekt aRR 0,89; 0,33 bis 2,4). Die Autoren schreiben, die Medikation sei mit schlechterer Samenqualität assoziiert gewesen, und dieser Zusammenhang sei durch die Depressionsdiagnose konfundiert. Stärken: prospektiv, nicht auf Kinderwunschkliniken beschränkt, viele Kovariaten. Schwächen: sehr wenige Medikamentenanwender, keine Aufschlüsselung nach den hier gesuchten Klassen (zu klein für klassenspezifische Auswertungen), Selbstangabe von Medikation und Volumen, Heimtest ohne Morphologie, Progressivität und DNA-Fragmentierung, sehr breite Konfidenzintervalle. Einordnung: Die Studie ist für die vier Klassen nur indirekt aussagekräftig; sie zeigt aber die Schwierigkeit, Medikation und Grunderkrankung zu trennen, und die Punktschätzer für Beweglichkeit (1,37; 1,44) liegen leicht über 1, ohne dass die Intervalle das stützen.

Antipsychotika

Experimentelle Humanstudien zur Prolaktinwirkung. Die frühesten Humanstudien betreffen gesunde Männer, denen Dopaminantagonisten gegeben wurden, um die Folgen einer Hyperprolaktinämie zu untersuchen.

  • García Díez und González Buitrago 1982 [s186] (Archives of Andrology). 22 Männer erhielten gleichzeitig Metoclopramid und Sulpirid, um eine Hyperprolaktinämie zu erzeugen; gemessen wurden Samenparameter sowie Serum- und Samenplasmahormone. Die Hyperprolaktinämie führte zu einer Abnahme von Samenvolumen und Samenqualität; das Serum-Testosteron fiel sowohl bei normozoospermen als auch bei oligozoospermen Männern, und die Sekretionsaktivität der akzessorischen Geschlechtsdrüsen sei gehemmt gewesen. Wegen der Kombination zweier Antidopaminergika lässt sich der Effekt nicht einem einzelnen Antipsychotikum zuordnen; der Abstract nennt keine Zahlen zu den Samenparametern. Es ist eine der wenigen Humanstudien, die eine Wirkung auf das Ejakulat nach experimenteller Hyperprolaktinämie beschreibt.
  • Oseko et al. 1988 [s184] (Journal of Andrology). Fünf gesunde Männer erhielten 64 Tage lang täglich 300 mg Sulpirid (mittlere Prolaktinkonzentration 73,8 ng/ml). Das basale Plasma-Testosteron sank signifikant (p < 0,05) von 1011 ± 148 ng/dl auf 852 ± 13 (2 Wochen), 520 ± 53 (4 Wochen), 572 ± 137 (6 Wochen) und 554 ± 140 ng/dl (8 Wochen). Die Testosteronantwort auf hCG blieb unverändert; die Autoren halten daher einen direkten Hodeneffekt der Hyperprolaktinämie für unwahrscheinlich. Samenparameter wurden nicht berichtet. Schwächen: nur fünf Männer, keine Kontrollgruppe im Abstract.
  • Baptista et al. 1997 [s175] (Pharmacopsychiatry). Nicht verblindete kontrollierte Studie an gesunden Männern: 200 mg Sulpirid täglich über 30 Tage gegenüber Placebo. Prolaktin und Körpergewicht stiegen an; die übrigen endokrinen Parameter (LH, FSH, Östradiol, freies Testosteron und weitere) waren nicht signifikant verändert. Keine Samenparameter. Die Studie zeigt, dass ein Prolaktinanstieg nicht zwangsläufig eine Veränderung der Gonadenachse nach sich zieht, und widerspricht damit teilweise [s184].

Postmortale Hodenmorphologie unter Antipsychotika (Russland).

  • Volkov 2014: Morphologische Veränderungen der männlichen Gonaden unter antipsychotischer Therapie [s131] (Sovremennaia meditsina: aktual'nye voprosy). Design: morphometrische Autopsiestudie an Hoden von 52 psychisch kranken Männern (Alter 29 bis 62 Jahre), die zu Lebzeiten verschiedene Antipsychotika in Standarddosen, oft in Kombination, erhalten hatten. Gruppen nach Behandlungsdauer: bis 1 Jahr (n = 5), 1 bis 5 Jahre (n = 9), 5 bis 10 Jahre (n = 11), 10 bis 15 Jahre (n = 13), über 15 Jahre (n = 14). Vergleichsgruppe: 24 Männer im Alter von 30 bis 60 Jahren, gestorben ohne Antipsychotika und aus einer früheren Studie des Autors übernommen, Mittelwerte altersstandardisiert als „bedingte Norm“. Alle Verstorbenen waren an akuten Erkrankungen ohne urologische oder endokrine Pathologie gestorben (autoptisch bestätigt). Gemessen wurden der Spermatogenese-Index nach Astrachanzew und Solowjow, Leydig-Zell-Dichte, relative Zahl, Durchmesser von Zellen und Kernen, Kern-Zytoplasma-Index und ein Aktivitätskoeffizient. Ergebnisse: Der Spermatogenese-Index sank unter Therapie von 7,13 ± 0,19 (bedingte Norm) auf 4,94 ± 0,62 in der Gruppe bis 1 Jahr (minus 30,71 Prozent) und 4,61 ± 0,45 bei 1 bis 5 Jahren (minus 35,34 Prozent); nach 10 bis 15 Jahren war er um mehr als 52 Prozent, nach über 15 Jahren um 83,59 Prozent erniedrigt. Die Tabelle der Online-Fassung nennt dazu die Werte 3,42 ± 0,28, 1,17 ± 0,42 und 1,30 ± 0,32; die Zuordnung der Tabellenzeilen zu den Gruppen ist in der Online-Fassung durch die Textumwandlung unsicher. Die Hormonaktivität der Leydig-Zellen verlief nach Beschreibung des Autors wellenförmig: Abfall im ersten Jahr, teilweise Normalisierung bei 1 bis 10 Jahren, erneuter starker Abfall nach 10 Jahren. Die Keimzellfunktion nehme dagegen von Beginn an fortschreitend ab; ab über 15 Jahren nähere sich der Befund einer fast vollständigen Atrophie der Keimzellen. Der Autor diskutiert als Mechanismen einen sekundären Hypogonadismus durch Neuroleptika-bedingte Hyperprolaktinämie, einen möglichen direkten gonadotoxischen Effekt und Störungen der Mikrozirkulation. Stärken: selten (der Autor schreibt, in der Fachliteratur gebe es zuvor keine Angaben zu morphologischen Hodenveränderungen unter Antipsychotika), strukturierte Zeitstaffelung, objektive Histomorphometrie. Schwächen: Autopsiematerial psychisch Schwerkranker (Krankheit, Begleitmedikation, Rauchen, Alkohol, Todesursache und postmortale Veränderungen sind Störfaktoren), keine Aufschlüsselung nach Wirkstoff und Dosis, Kombinationstherapien, kleine und ungleiche Gruppen (die erste Gruppe umfasst nur 5 Männer), eine nicht altersangepasste Vergleichsgruppe aus einer früheren Untersuchung, keine Konfidenzintervalle, kein Spermiogramm, keine Information zur Fertilität; der Spermatogenese-Index ist ein histologischer Index und keine Samenanalyse. Die Gruppenbezeichnung im Text ist zwischen „Gruppe V“ und „Gruppe VI“ nicht einheitlich.
  • Volkov 2014: Funktionelle Morphologie der Gonaden unter antipsychotischer Therapie [s132] (Problemy endokrinologii). Dieselbe Hodenserie (52 Männer) und zusätzlich Eierstöcke von 55 Frauen unter Antipsychotika im Vergleich zu 24 Männern und 25 Frauen ohne diese Medikamente. Nach den Angaben des Autors sank der Spermatogenese-Index um 30,71 Prozent im ersten Jahr, um 35,34 und 40,95 Prozent in der zweiten und dritten Behandlungsgruppe (1 bis 5 und 5 bis 10 Jahre), um mehr als 52 Prozent nach 10 bis 15 Jahren und um 83,59 Prozent nach über 15 Jahren. Bei den Frauen sinkt die Gesamtzahl der Eierstockstrukturen schon nach einem Jahr; nach über 5 Jahren nimmt der Bestand an Primordialfollikeln ab, nach über 15 Jahren sei die Ovarialreserve stark verringert. Die Arbeit enthält zum Teil identische Daten wie [s131] und ist keine unabhängige Bestätigung; es gelten dieselben Schwächen.
  • Volkov 2015: Funktionelle Morphologie der Leydig-Zellen unter antipsychotischer Therapie in Abhängigkeit vom Alter [s121] (Innovatsii v nauke). Nur der Abstract wurde abgerufen: Die altersbedingten und die durch Antipsychotika bedingten morphofunktionellen Veränderungen der Leydig-Zellen addieren sich nach Aussage des Autors; die antipsychotische Wirkung sei oft der bestimmende Faktor für Tiefe, Schwere und Zeitpunkt der Schädigung. Daten und Fallzahlen wurden nicht gelesen.
  • Skoliarova 1977: Morphologie der Geschlechtsdrüsen bei Schizophrenie unter Psychopharmaka-Behandlung [s191] (Zhurnal nevropatologii i psikhiatrii). Makro- und mikroskopische Untersuchung der Genitaldrüsen von 33 Schizophreniekranken (19 Männer, 14 Frauen), englischer Abstract. In 12 Fällen war die Histologie von Eierstock und Hoden praktisch normal, in 19 Fällen fanden sich unterschiedlich ausgeprägte involutive (atrophische) Veränderungen, in 2 Fällen Tumoren. Der Grad der Veränderungen korrelierte mit Alter und Krankheitsdauer. Ein Zusammenhang zwischen der Histologie der Geschlechtsdrüsen und Dauer oder Intensität der psychopharmakologischen Behandlung (überwiegend Neuroleptika) wurde nicht gefunden. Die Studie widerspricht damit dem Befund von [s131], ist aber fast vierzig Jahre älter, kleiner (19 Männer), ohne Altersmatching beschrieben und nur als Abstract abgerufen.

Einordnung: Die beiden Autopsiestudien stehen im direkten Gegensatz zueinander und sind methodisch nicht vergleichbar (Behandlungsdauer als Gruppierungsmerkmal gegenüber Alter und Krankheitsdauer als Korrelat). Die neuere Serie [s131] ist die einzige Humanarbeit des Materials, die eine Dauerabhängigkeit der Hodenhistologie unter Antipsychotika beschreibt, wegen der Störfaktoren aber nicht kausal deutbar.

Prolaktin, Testosteron und Sexualfunktion unter Antipsychotika. Die folgenden Studien erheben keine Spermienparameter. Sie werden dargestellt, weil sie die breiteste Humanbasis zur männlichen Fortpflanzungsachse unter Antipsychotika bilden und die Prolaktin-Hypothese prüfen, auf die sich die Übersichten stützen.

Querschnitts- und Registerstudien zur Häufigkeit der Hyperprolaktinämie.

  • Alosaimi et al. 2018 [s96] (Saudi-Arabien). Querschnittsstudie mit 997 Patienten (553 Männer, 444 Frauen) aus fünf Regionen, 2012 bis 2014. Mittleres Prolaktin 32,6 ± 44,1 ng/ml, bei Frauen 42,9 ± 61,3, bei Männern 24,4 ± 18,6 (p < 0,001). Prävalenz der Hyperprolaktinämie 44,3 % (Frauen 41,9 %, Männer 46,3 %; p = 0,164). Zusammenhang mit der Einnahme von Antipsychotika im multivariaten Modell: Odds Ratio 2,08 (95-%-KI 1,26 bis 3,42; p = 0,004). Stärken: große Stichprobe, multivariate Analyse. Schwächen: Querschnitt, Schwelle für Männer (über 20 ng/ml) nur als Laborgrenzwert.
  • Al Harthi et al. 2022 [s57] (Oman). Retrospektive Beobachtungsstudie in zwei Kliniken, 2016 bis 2019, 1.103 Erwachsene unter Antipsychotika (56,7 % Frauen). Erhöhtes Prolaktin bei 68,3 %; in der psychiatrischen Klinik Al Masarra 76,9 % gegenüber 51,6 % im Universitätsklinikum (p < 0,001). Prädiktoren: Haloperidol gegenüber Risperidon (p < 0,001), höheres Alter (p = 0,03) und Symptome (p < 0,001). Aktenauswertung, daher unvollständige Daten möglich; die Auswertung nach Geschlecht ist im Abstract nicht angegeben.
  • Aly El-Gabry et al. 2026 [s02] (Vereinigte Arabische Emirate). Retrospektive Querschnittsstudie in Al Ain, 2017 bis 2023, 835 Patienten mit Schizophrenie unter Risperidon oder Paliperidon (53,8 % Männer); Prolaktin im Mittel 1126 ± 1334 mIU/l; 61,9 % mit Hyperprolaktinämie; höchste Werte unter oralem Paliperidon (1369 mIU/l; p = 0,003); sexuelle Nebenwirkungen bei 9,2 %. Die Autoren sprechen von deutlicher Unterschätzung sexueller Nebenwirkungen.
  • Öztürk Yalçın et al. 2026 [s13] (Türkei). Retrospektive Longitudinalkohorte über zehn Jahre, 251 Patienten mit 539 Prolaktinmessungen; Prolaktin über 20 ng/ml bei Männern in 68,4 %, über 25 ng/ml bei Frauen in 78,7 %; Hochrisiko-Antipsychotika waren mit einem durchschnittlichen Anstieg von etwa 40 ng/ml verbunden; weibliches Geschlecht und Wirkstoffrisiko waren die stärksten Prädiktoren. Nur Abstract.
  • Kim et al. 2023 [s54] (Korea). Retrospektive Auswertung eines klinischen Data Warehouse, 260 Akten gesichtet, 117 ausgewertet (48 Männer, 69 Frauen). Mittleres Prolaktin 64,6 ± 54,6 ng/ml; Hyperprolaktinämie (über 25 ng/ml) bei 70,1 % (n = 82); bei Männern 32,8 ± 20,9 ng/ml gegenüber 86,8 ± 59,8 ng/ml bei Frauen, Hyperprolaktinämie bei 54,2 % der Männer (26) und 81,6 % der Frauen (56). Nach Wirkstoff (Volltext): Amisulprid 122,4 ± 56,0 ng/ml (n = 10; Hyperprolaktinämie 100 %), Risperidon 80,2 ± 52,0 (n = 43; 88,4 %), Blonanserin 49,8 ± 45,5 (n = 18; 66,7 %), Olanzapin 43,3 ± 47,2 (n = 46; etwa 47,8 %). Schwere Hyperprolaktinämie (über 100 ng/ml) bei 70 % unter Amisulprid, 32,6 % unter Risperidon, 13 % unter Olanzapin und 5,6 % unter Blonanserin. Logistische Regression: Geschlecht (OR 0,115; KI 0,034 bis 0,395; p = 0,001) und Chlorpromazin-Äquivalenzdosis (OR 1,005; KI 1,002 bis 1,008; p < 0,001) waren Prädiktoren, das Alter nicht (p = 0,253). Schwächen: kleine Gruppen, Mischdiagnosen (u. a. 73 bipolare Störungen), Mehrfachzählung von 30 Patienten, nicht kontrolliert.
  • Yunilaynen et al. 2016 [s113] (Russland). Querschnittsstudie an 244 aufeinanderfolgenden stationären psychiatrischen Patienten (104 Männer, 140 Frauen) unter Antipsychotika; Serumprolaktin, Sexualhormone und Gonadotropine, Nebenwirkungen mit der UKU-Skala, sexuelle Funktionsstörungen mit dem PRSexDQ. Asymptomatische antipsychotikainduzierte Hyperprolaktinämie bei 16 % der Frauen und 37 % der Männer. Bei Männern war sie mit erektiler Dysfunktion, bei beiden Geschlechtern mit verminderter Libido und beeinträchtigter Lebensqualität durch sexuelle Funktionsstörungen assoziiert; im Gegensatz zu Hypophysentumor und idiopathischer Hyperprolaktinämie bestand kein Zusammenhang mit Gewichtszunahme oder Hypogonadismus. Stärken: große Stichprobe, validierte Skalen, Hormonmessung. Schwächen: Querschnitt, gemischte Wirkstoffe, Abstract ohne Effektgrößen.
  • Yunilaynen et al. 2014 [s133] (Russland). Nur Abstract: Die Häufigkeit der Hyperprolaktinämie ist bei Screening aller Patienten deutlich höher als bei Erfassung nach Inanspruchnahme; Risikofaktoren sind weibliches Geschlecht, bei Männern junges Alter und akute psychotische Symptomatik; die Prolaktinerhöhung ist am stärksten unter Risperidon, Sulpirid und Amisulprid, bei Frauen unter Thioridazin, Perizyazin und Trifluoperazin. Zahlen nicht abgerufen.
  • Kornetova et al. 2019 [s95] (Russland, Tomsk). 98 Patienten (48 Frauen, 50 Männer) mit Schizophrenie, 18 bis 50 Jahre. Prolaktin bei Frauen 52,4 ± 39,1 ng/ml, bei Männern 26,7 ± 19,7 ng/ml; Hyperprolaktinämie bei 47,9 % der Frauen (n = 23) und 50 % der Männer (n = 25); Männer mit Hyperprolaktinämie hatten einen höheren BMI (p = 0,0066); Männer hatten weniger Beschwerden und waren schlechter für Gespräche über sexuelle Störungen erreichbar. Nur Abstract.
  • Smith et al. 2002 [s167]. Querschnittsstudie an 67 ambulanten Patientinnen und Patienten mit Schizophrenie unter typischer Antipsychotika-Medikation seit mindestens zwei Jahren. Die Prolaktinspiegel korrelierten mit der Dosis (p < 0,001). Bei Frauen waren die Prolaktinspiegel negativ mit den Geschlechtshormonen assoziiert (p < 0,05). Bei den Männern lag der mittlere Prolaktinspiegel nach Abstract bei 404,1 (die Einheit ist im Abstract als „m/IU“ angegeben), die Gonadotropine und Geschlechtshormone lagen im Normbereich. Die Autoren schließen, dass bei Männern die Prolaktinspiegel im oberen Normbereich blieben und keine erkennbare Störung der Reproduktionshormone bestand. Das widerspricht der Annahme einer durchgehenden Kette „Antipsychotikum, Hyperprolaktinämie, Hypogonadismus“. Die Zahl der Männer ist im Abstract nicht genannt.

Studien zu Testosteron und zur Knochendichte.

  • Redman et al. 2021 [s76] (Pilot-Querschnittsstudie). 22 Männer unter prolaktinsteigernden Antipsychotika, keine Kontrollgruppe: erhöhtes Prolaktin bei 68 %, niedriges Testosteron bei 55 %, Gynäkomastie bei 50 %, penile Beschwerden bei 73 %. Die Autoren sehen einen Trend, dass Hyperprolaktinämie mit niedrigem Testosteron zusammenhängt, und eine signifikante Korrelation niedriger Testosteronwerte mit penilen Symptomen.
  • Bulanov et al. 2020 [s88] (Russland). Querschnittsstudie an 64 Männern (18 bis 55 Jahre) mit paranoider Schizophrenie unter Risperidon in Standarddosen. Gewichtszunahme bei 70,3 % im ersten Therapiejahr; mittlerer BMI 27,48 ± 1,24 kg/m², mittlerer Taillenumfang 102,4 ± 18,2 cm; Prolaktin erhöht bei 74,2 % (1069,6 ± 398 mIU/l); bei 53,13 % lag das Testosteron unter 12,0 nmol/l (Mittel 7,82 ± 3,1 nmol/l), Gruppenmittel Testosteron insgesamt 13,3 ± 4,4 nmol/l. Testosteron korrelierte negativ mit dem BMI (r = −0,4959; p = 0,000719) und dem Taillenumfang (r = −0,464; p = 0,014). Männer mit BMI über 30 (n = 26) hatten Testosteron 9,0 ± 1,5 nmol/l gegenüber 16,1 ± 3,4 nmol/l bei BMI unter 30 (n = 38; p = 0,000025); das Prolaktin lag bei 723,1 ± 269,4 gegenüber 948,5 ± 310,6 mIU/l (p = 0,09). Die Autoren führen den Testosteronabfall eher auf die Adipositas als auf die Hyperprolaktinämie zurück. Schwächen: nur Risperidon, keine Kontrollgruppe ohne Medikation; der Abstract beschreibt häufigere Erektions- und Ejakulationsstörungen bei BMI über 30 als „signifikant (p größer 0,05)“, was in sich widersprüchlich ist.
  • Bulut et al. 2016 [s110] (Türkei, Ankara). Querschnittsstudie mit Kontrollgruppe an Männern mit Schizophrenie: 23 unter prolaktinsteigernden und 19 unter prolaktinsparenden Antipsychotika (mindestens 12 Monate) sowie gesunde Kontrollen. Hyperprolaktinämie bei 65,2 % (n = 15) der ersten gegenüber 15,8 % (n = 3) der zweiten Gruppe; Östradiol in beiden Patientengruppen niedriger als bei Kontrollen; das Gesamttestosteron korrelierte negativ mit den T-Werten der Lendenwirbelsäule (nach Korrektur um Prolaktin und Östradiol). Der Schwerpunkt der Studie ist die Knochendichte.
  • Gorobets und Matrosova 2010 [s153] (Russland). 50 Patienten in der ersten Krankheitsepisode ohne Vorbehandlung (27 Männer, 23 Frauen) und 17 gesunde Kontrollen; Prolaktin, Östradiol, Testosteron. Bei den Männern waren Prolaktin und Östradiol gegenüber der Kontrolle erhöht; bei Männern mit akuter Symptomatik war das Testosteron erniedrigt; stärkere Symptome gingen mit niedrigerem Prolaktin einher. Die Studie ist als Gegengewicht wichtig: Hormonveränderungen bestehen teilweise schon vor der Antipsychotika-Therapie und können nicht allein dem Medikament zugeschrieben werden. Nur Abstract.
  • Tasaki et al. 2021 [s79] (Japan). Querschnittsstudie: 94 männliche Schizophrenie-Patienten unter Risperidon oder Paliperidon, 83 unter Aripiprazol. Mittleres Serumprolaktin 27,5 ± 13,1 ng/ml (Risperidon/Paliperidon) gegenüber 3,9 ± 3,5 ng/ml (Aripiprazol), p < 0,001. Hypoprolaktinämie bei 75 % der Aripiprazol-Gruppe, Hyperprolaktinämie bei 65 % der Risperidon-Gruppe. Positive Korrelation Prolaktin mit der Risperidon-Tagesdosis, negative Korrelation Prolaktin mit der Aripiprazol-Dosis. In der Risperidon-Gruppe korrelierte das Gesamttestosteron mit dem Alter, das freie Testosteron invers mit Alter und Prolaktin. Stärke: ordentliche Fallzahl, Testosteron gemessen. Schwäche: Querschnitt, keine Spermien, zwei verschiedene Patientengruppen (Selektion nach Verschreibung).
  • Wu et al. 2021 [s82] (Taiwan). Querschnittsstudie, 279 Patienten unter Olanzapin-Monotherapie; Hyperprolaktinämie 51,6 %, sexuelle Dysfunktion 53,8 %, metabolisches Syndrom 43,7 %. Höhere ASEX-Werte, höhere Insulinwerte, weibliches Geschlecht und jüngeres Alter waren mit Hyperprolaktinämie assoziiert; sexuelle Dysfunktion mit erhöhtem Prolaktin, begleitendem Antidepressivum, Insulinresistenz, längerer Krankheitsdauer und weiblichem Geschlecht. Männer hatten niedrigere Prolaktinwerte und geringere Raten sexueller Dysfunktion als Frauen.

Studien zur Sexualfunktion und zu Wirkstoffvergleichen.

  • Yasui-Furukori et al. 2012 [s143] (Japan). Querschnitt im Fall-Kontroll-Design: 191 Patienten (108 Männer) und 182 Gesunde (49 Männer), Sexualfunktionsstörung über die UKU-Skala. Die Zahl der Antipsychotika korrelierte mit vermindertem sexuellen Verlangen (standardisiertes Beta 0,241; p < 0,05), die Dosis mit Gynäkomastie (0,277; p < 0,01), gesteigertem Verlangen (0,229; p < 0,05) und Ejakulationsstörung (0,248; p < 0,05). Weder Prolaktin noch Testosteron noch Östradiol korrelierten mit der Sexualfunktionsstörung. Ein bemerkenswertes Gegenstück zur Erwartung, Prolaktin erkläre die Sexualstörung.
  • Martín-Muñoz et al. 2018 [s99] (Spanien). Querschnittsstudie an 57 ambulanten Patienten mit Schizophrenie unter Antipsychotika-Monotherapie der zweiten Generation. 80 % hatten eine sexuelle Dysfunktion, ein Drittel in starker Ausprägung, nur 30 % berichteten dies spontan. Die multivariate Regression fand keinen Zusammenhang mit Prolaktin, Geschlechtshormonen, Art des Antipsychotikums, psychotischer Psychopathologie oder metabolischem Syndrom, sondern nur mit Alter, Familienstand (ledig oder geschieden) und depressiver Psychopathologie.
  • Kirino 2017 [s107] (Japan). Querschnitt mit Fragebogen: 48,1 % der Patienten berichteten Sexualfunktionsstörungen; Prolaktin war bei diesen höher. Unter Aripiprazol-Monotherapie war Prolaktin niedriger als unter anderen Antipsychotika; bei Mehrfachtherapie waren aripiprazolhaltige Regime mit niedrigerem Prolaktin verbunden. Fallzahl im Abstract nicht genannt.
  • Zhang et al. 2018 [s102] (China). Querschnittsstudie, 118 Patienten (55 Männer) mit Schizophrenie unter konventionellen Antipsychotika; 66 (55,9 %) hatten Hyperprolaktinämie, bei sexueller Dysfunktion 91,8 % gegenüber 17,5 % ohne (p < 0,001). Hyperprolaktinämie und subklinische Hypothyreose waren unabhängig mit sexueller Dysfunktion assoziiert, besonders bei Frauen.
  • Lee et al. 2015 [s117] (Korea). 169 Patienten unter Risperidon-Monotherapie; Sexualfunktion (visuelle Analogskala) hing negativ mit Alter, Krankheitsdauer, weiblichem Geschlecht, Single-Status, Spätdyskinesie und Depressionswert zusammen; Männlichsein und Verheiratetsein waren mit besserer Erregung, Zufriedenheit und/oder Verlangen verbunden. Keine Hormon- oder Spermienwerte im Abstract.
  • Xiang et al. 2011 [s149] (Hongkong, neun asiatische Länder und Gebiete). Multinationale Querschnittsstudie mit 5.877 Patienten; die berichtete Häufigkeit sexueller Störungen war gering (laut Abstract 3,0 %, 0,8 % und 4,6 %, in der im Abstract genannten Reihenfolge Gesamtstichprobe, Frauen, Männer), und mehr Zweitgenerations-Antipsychotika, Benzodiazepine und Antidepressiva waren unabhängig mit höherer Wahrscheinlichkeit gemeldeter Sexualstörung verbunden. Die Autoren halten offen, ob die niedrige Rate echt oder Folge mangelnder Erfassung ist. Der Befund, dass auch Benzodiazepine mit gemeldeten Sexualstörungen zusammenhingen, ist einer der wenigen humanen Hinweise zu dieser Klasse; er betrifft die Sexualfunktion und nicht die Spermien.
  • Iagubov und Shtark 2011 [s148] und Shtark et al. 2011 [s150] (Russland). Beide beschreiben 60 Männer mit Schizophrenie oder Spektrumstörungen in den ersten fünf Krankheitsjahren; [s150] beschreibt einen Vergleich von Risperidon, Olanzapin und Quetiapin (ob [s148] und [s150] dieselbe Kohorte betreffen, ist aus den abgerufenen Texten nicht belegt). Ergebnisse aus [s150] (Volltext): Libidoverminderung bei 74 % (Risperidon), 65 % (Olanzapin) und 80 % (Quetiapin; in der vierten Woche); Ausfall von Orgasmus und Ejakulation bei 48 % (Risperidon), 41 % (Olanzapin) und 0 % (Quetiapin); verzögerte Ejakulation bei 26, 24 und 0 %; mittlerer ASEX-Wert 4,77 (Quetiapin) gegenüber 4,69 (Risperidon) und 4,5 (Olanzapin). Das Abstract von [s148] bestätigt Ejakulationsstörungen unter Risperidon und Olanzapin, nicht unter Quetiapin. Stärken: Verlaufsbeobachtung über Wochen, drei Wirkstoffe. Schwächen: kleine Gruppen, soweit abgerufen nicht randomisiert, Krankheitsaktivität als Störfaktor, keine Samenanalyse.
  • Evlice et al. 2010 [s152] (Türkei). Querschnittsstudie in einer Ambulanz, 43 Patienten (74 % Männer); Probleme bei Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs bei 74,4 %, in Kommunikation bei 48,8 %, in sexueller Zufriedenheit bei 27,9 %, Vermeidung bei 48,8 %; kein Vergleich der Wirkstoffe.
  • Özsoy und Taşçı 2022 [s64] (Türkei). Querschnittsstudie an 95 Patienten (79 Männer, 16 Frauen) unter Depot-Antipsychotika (Paliperidon-Palmitat, Risperidon-Depot, Zuclopenthixol-Depot): kein Unterschied der Sexualfunktions- und Depressionswerte zwischen den Gruppen; Prolaktin unter Paliperidon-Depot höher als unter Zuclopenthixol-Depot. Nur Abstract.
  • Karslioğlu et al. 2022 [s61] (Türkei). Prospektive Beobachtungsstudie mit 25 Patienten, Umstellung von Paliperidon-Palmitat 1-Monats- auf 3-Monats-Depot; nach der Umstellung sanken Prolaktin (p < 0,001), ASEX-Gesamtscore (p = 0,015) und Erregungs-Subscore (p = 0,020) sowie PANSS; vorläufige Befunde der ersten drei Monate.
  • Costa et al. 2007 [s157]. 63 stationäre Patienten mit akuter Schizophrenie, randomisiert auf Olanzapin oder konventionelle Antipsychotika, naturalistische Nachbeobachtung über 9 Monate. Nach 3 Monaten war Prolaktin unter Olanzapin niedriger (12,1 ± 6,3 µg/l, p = 0,01) als unter konventioneller Behandlung (18,1 ± 11,2 µg/l, p = 0,564; so im Abstract angegeben). Nach 9 Monaten tendierten beide Gruppen zu Normalwerten; die Häufigkeit sexueller Beschwerden unterschied sich nicht.

Umstellungsstudien auf Aripiprazol. Diese Studien sind Beobachtungs- beziehungsweise Interventionsstudien an Patienten mit Prolaktin und Sexualfunktion als Endpunkt.

  • Chen et al. 2011 [s147] (Taiwan). Fallserie über 16 Wochen: 9 chinesische Männer, die unter Risperidon sexuelle Funktionsstörung berichteten, wurden auf Aripiprazol umgestellt. Prolaktin sank bei allen von 26,54 ± 17,03 auf 3,71 ± 1,87 ng/ml (p = 0,008); fünf berichteten gebesserte Sexualfunktion; der CGI-S sank von 5,11 ± 0,93 auf 3,78 ± 1,39 (p = 0,010). Sehr klein, ohne Kontrollgruppe.
  • Gao et al. 2017 [s105] (China). Einarmige Umstellungsstudie über 8 Wochen: 75 Männer mit erstmaliger Schizophrenie und sekundärer Sexualfunktionsstörung nach Amisulprid oder Risperidon wurden auf Aripiprazol umgestellt (10 auf 30 mg/Tag in 2 Wochen). Nach 4 Wochen stiegen Sexualfunktionswert (24,3 ± 2,1 auf 32,6 ± 3,6; p < 0,05) und Testosteron (13,3 ± 2,7 auf 17,4 ± 3,0 mmol/l, so im Abstract; die Einheit erscheint ungewöhnlich und wird unverändert wiedergegeben; p < 0,05), Prolaktin sank (38,5 ± 10,5 auf 27,9 ± 8,2 ng/ml; p < 0,05). Nach 8 Wochen lagen Sexualfunktion und Prolaktin wieder auf dem Aufnahmeniveau; der PANSS sank von 62,1 ± 4,9 auf 57,2 ± 5,5 nach 4 Wochen und auf 51,2 ± 5,2 nach 8 Wochen (p < 0,05). Nebenwirkungen: Unruhe, Schwindel, Schlaflosigkeit, Appetitverlust bei 6,7 %, 5,3 %, 4,0 % und 1,3 %. Einarmig und ohne Kontrolle.
  • Zhao et al. 2015 [s120] (China). Randomisierte offene Vergleichsstudie: 113 Patienten unter stabiler Risperidon-Dosis, randomisiert auf Zusatz von Aripiprazol 10 mg/Tag oder keine Zusatzbehandlung über 8 Wochen (107 beendeten). Der PANSS-Gesamtwert sank in der Aripiprazol-Gruppe stärker (Woche 4 p = 0,003, Woche 8 p = 0,007), ebenso der PANSS-Negativwert (p = 0,005 beziehungsweise p < 0,001); Prolaktin war ab Woche 2 bis Woche 8 signifikant niedriger (jeweils p < 0,001). Keine Unterschiede bei der Nebenwirkungsrate; Registrierung ChiCTR-IOR-15006278. Offen, aber randomisiert; die Endpunkte sind Symptome und Prolaktin, keine Fertilitätsparameter. Es ist die einzige randomisierte Studie dieses Abschnitts.

Zwischenfazit Hormone und Sexualfunktion. Die Humanstudien belegen konsistent, dass Risperidon, Paliperidon und Amisulprid das Prolaktin häufig erhöhen und dass Aripiprazol es senkt [s79, s54, s147, s105, s120, s107]. Die Häufigkeit der Hyperprolaktinämie liegt je nach Population und Schwelle zwischen etwa 37 und 69 % [s113, s96, s02, s57, s13]. Dagegen fällt der Zusammenhang zu Testosteron und Sexualfunktion uneinheitlich aus: Teils findet sich ein Zusammenhang [s76, s79, s113], teils keiner [s167, s143, s99], und die Adipositas wird als alternative Erklärung eines niedrigen Testosterons genannt [s88]. Hormonveränderungen bestehen teilweise schon vor der Behandlung [s153]. Ob und in welchem Ausmaß all das für Konzentration, Beweglichkeit oder Morphologie eine Rolle spielt, beantwortet keine dieser Studien.

Ejakulationsstörungen und Fallberichte. Ejakulationsstörungen verändern das Ejakulat (Volumen, retrograder Fluss), ohne dass die Spermatogenese betroffen sein muss; für die Beurteilung einer Samenprobe sind sie dennoch relevant.

  • Holtmann et al. 2003 [s165]. Zwei männliche Jugendliche mit teilweiser oder vollständiger retrograder Ejakulation unter Risperidon; bei einem verminderte Ejakulatmenge und Viskosität; bei erneuter Gabe trat die Störung bei Patient A prompt wieder auf. Die Autoren erklären dies mit der α1-antagonistischen Wirkung von Risperidon, die verminderte Menge möglicherweise mit der Hyperprolaktinämie.
  • Loh et al. 2004 [s164]. Fallbericht mit Literaturübersicht: 51-jähriger Mann mit Schizophrenie, retrograde Ejakulation unter Risperidon 8 mg/Tag, prompte Rückbildung nach Dosisreduktion. Da Libido und Erektion erhalten blieben, sehen die Autoren eine α1-Blockade und nicht einen Testosteronmangel als Ursache.
  • Jimeno Orozco et al. 2026: Eyaculación retrógrada por antipsicóticos de segunda generación: reporte de casos (Retrograde Ejakulation durch Antipsychotika der zweiten Generation: Fallberichte) [s09] (IATREIA). Zwei Patienten unter Quetiapin und Olanzapin mit Aneiakulation bei erhaltenem Orgasmusempfinden; die Diagnose der retrograden Ejakulation wurde durch den Nachweis von Spermien im Urin nach Masturbation gestellt, der Naranjo-Algorithmus kam zur Anwendung; Besserung beim ersten Patienten nach Wechsel des Antipsychotikums und Aufklärung, beim zweiten (Olanzapin, Hyperprolaktinämie ohne Hypophysenläsion) keine Nachbeobachtung.
  • Takeshima et al. 2013: Ein Fall männlicher Infertilität durch arzneimittelbedingte Hyperprolaktinämie [s135] (Hinyokika Kiyo; Japan). 46-jähriger Mann mit Oligozoospermie, Asthenozoospermie und Hyperprolaktinämie, wahrscheinlich durch Sulpirid wegen einer Depression; die Samenqualität besserte sich nach dem Absetzen allmählich, nach fünf Monaten war das Prolaktin normal, und die Partnerin wurde spontan schwanger. Einzelfall, ohne Zahlen im Abstract, ohne Kontrolle; er illustriert den Prolaktin-Weg, belegt aber keine Häufigkeit.
  • Yıldız und Uğur 2020: Infertility after long-acting paliperidone palmitate treatment: a case report [s87] (Klinik Psikiyatri Dergisi; Türkei). Ein Patient mit starkem Nutzen unter Paliperidon-Palmitat-Depot, der im Verlauf eine Hyperprolaktinämie entwickelte; nach Wechsel auf ein Aripiprazol-Depot normalisierten sich die Prolaktinwerte. Der Titel nennt Infertilität; der Abstract nennt sie nur als mögliche Folge der Hyperprolaktinämie, Samenanalysedaten sind im Abstract nicht angegeben.
  • Getzoff 1978: Psychotropic drug induced male infertility: a case report [s190] (Infertility). 35-jähriger Mann nach beidseitiger Hodentorsion mit linksseitiger Varikozele und zahlreichen Psychopharmaka; die Samenqualität besserte sich nach dem Absetzen nur mäßig, deutlich erst nach Varikozelenoperation; danach wiederholt normale Befunde bis auf eine ausgeprägte Beweglichkeitsminderung unter Norpramin (einem Antidepressivum). Nach neun Monaten ohne dieses Präparat blieb die Samenqualität normal, und die Partnerin gebar ein gesundes Kind. Mehrere Störfaktoren; kein Antipsychotikum im Vordergrund.

Lithium

Für Lithium gibt es in den abgerufenen Quellen genau eine Humanstudie mit Spermienparametern unter Therapie und eine weitere mit Teilauswertung.

Tollefson und Garvey 1989: Spermatogenesis during extended lithium treatment [s183] (Hillside Journal of Clinical Psychiatry; USA). Design: prospektive klinische Studie mit parallelisierter Kontrolle. Population: 10 euthyme ambulante Patienten mit bipolarer Störung unter langjähriger Lithium-Erhaltungstherapie. Methodik: Proben bei Beginn und an den Tagen 35 und 70, um Keimzellen verschiedener Stadien der Spermatogenese zu beurteilen. Ergebnis: Es ergaben sich keine signifikanten Unterschiede innerhalb oder zwischen den Personen oder im Vergleich zu einer parallelisierten Kontrolle in einer Reihe analytischer Kriterien. Der Abstract nennt keine Zahlen und keine Spermienparameter im Einzelnen. Stärken: prospektiv, mit Kontrolle, Verlaufsmessung. Schwächen: sehr kleine Stichprobe, Abstract ohne Daten, entsprechend geringe Teststärke, ein Befund von 1989 mit damaligen Methoden. Einordnung: Der einzige Humanbefund zu Lithium und Spermatogenese spricht für keinen Unterschied, ist aber so klein, dass ein Effekt nicht ausgeschlossen werden kann.

Levin, Amsterdam, Winokur und Wein 1981: Effects of psychotropic drugs on human sperm motility [s189] (Fertility and Sterility). Design: In-vivo- und In-vitro-Studie am Menschen mit depressiven Patienten und Samenspendern; die In-vitro-Versuche gehören nicht in dieses Kapitel. Ergebnisse in vivo: Zwischen einer Gruppe von Patienten mit klinischer Depression und Samenspendern mit normalen Spermienmerkmalen bestand kein signifikanter Unterschied in Spermienzahl, Vitalität oder Beweglichkeit. Drei Wochen kontinuierliche Behandlung mit Desmethylimipramin (einem Antidepressivum) oder Lithiumcarbonat führten zu einer signifikanten Abnahme der Spermienvitalität, aber nicht der Spermienzahl oder Beweglichkeit. Der Abstract nennt keine Zahlen und gibt keine Aufschlüsselung der Gruppen nach Wirkstoff. Einordnung: Ein Beleg für eine reversible oder vorübergehende Vitalitätsminderung unter Lithium in drei Wochen, der durch spätere Studien nicht bestätigt oder widerlegt wurde; die Gabe von Desmethylimipramin ist ein Störfaktor, weil der Abstract die Ergebnisse beider Substanzen zusammenfasst.

Wang et al. 2025: Low-level exposure to environmental lithium element affects male reproductive health [s34] (Reproductive Toxicology; China). Dies ist keine Medikationsstudie, sondern eine Umweltexposition, und sie wird nur aufgeführt, weil sie als einzige Humankohorte Lithium und männliche Reproduktionsparameter in Beziehung setzt. Design: Kohorte (Querschnitt, MARHCS) plus Tierversuch. Population: 582 Studierende in Chongqing. Lithium wurde im Urin (Median 18,80 µg/l) und im Samenplasma (Median 5,38 µg/l) gemessen. Pro Anstieg um den Interquartilsabstand veränderte sich das Serum-Testosteron um −2,47 % (95-%-KI −4,52 bis −0,38 %) für Urin-Lithium und um −2,67 % (−4,79 bis −0,50 %) für Samenplasma-Lithium; Progesteron um −6,38 % (−11,09 bis −1,42 %) beziehungsweise −8,78 % (−13,20 bis −4,04 %). Zahlen zu den Samenparametern beim Menschen nennt der Abstract nicht. Bei Mäusen (LiCl 0, 4,3, 12,8 und 38,4 mg/kg über 35 Tage) hatte die höchste Dosis niedrigere Beweglichkeit, Konzentration und niedrigere Testosteron-, Progesteron-, Östradiol- und Prolaktinwerte als die Kontrolle (alle p < 0,05) mit mitochondrialer Vakuolisierung der Leydig-Zellen. Stärken: Messung im Samenplasma, Konfidenzintervalle. Schwächen: Es handelt sich um Umweltkonzentrationen im Mikrogramm-pro-Liter-Bereich, nicht um therapeutische Dosen; die Effekte sind klein (wenige Prozent) und die Intervalle liegen nahe der Null; Störfaktoren in einer Studierendenkohorte lassen sich nicht ausschließen. Die Übertragbarkeit auf Patienten unter Lithiumtherapie ist nicht gegeben.

Hormone und Sexualfunktion bei bipolarer Störung (Türkei).

  • Toprak et al. 2014: Comparison of sexual function and hormonal parameters between mood stabilizer treatment modalities in bipolar disorder [s129] (Nöropsikiyatri Arşivi). Querschnittsstudie an 57 Patienten mit bipolarer Störung in Remission (29 Männer, 28 Frauen) unter Lithium, Quetiapin, Olanzapin oder Kombination. Kein Unterschied der Hormonwerte (Prolaktin, FSH, LH, Östradiol, freies Testosteron) zwischen den Behandlungsgruppen bei beiden Geschlechtern; bei Frauen unter Lithium-Monotherapie niedrigere ASEX-Werte als unter Quetiapin und Olanzapin; bei Männern unter Quetiapin höhere GRISS-Werte als bei Frauen. Kleine Gruppen, keine Spermien.
  • Aldemir et al. 2016: Bipolar bozukluk tanılı hastalarda üreme ve cinsel işlevler (Reproduktive und sexuelle Funktionen bei Patienten mit bipolarer Störung) [s109] (Düşünen Adam; Türkei). Querschnittsstudie in einer Spezialambulanz der Ege-Universität, 193 Patienten (100 Männer, 93 Frauen). Erektile Funktionsstörung bei 52 % der Männer (n = 39), sexuelle Funktionsstörung bei 31,7 % der Frauen (n = 26); zwischen Gruppen mit Stimmungsstabilisatoren und Antipsychotika kein signifikanter Unterschied, keine Korrelation der Sexualfunktion mit Anwendung und Dauer. Die Autoren schließen, Fortpflanzungs- und Sexualfunktion seien weniger betroffen als angenommen, ohne Prüfung durch kontrollierte Studien.

Einordnung: Zu Lithium und Spermien am Menschen gibt es die Studie mit 10 Männern ohne Unterschied [s183], eine Studie mit Vitalitätsminderung nach drei Wochen [s189] und die Umweltkohorte [s34]. Die Humanbasis ist praktisch leer.

Alle Kapitel und Anhänge (21)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Ordnung und Qualität der Humanlage bis Lithium
  6. Benzodiazepine bis Gesamteinordnung der Beobachtungsstudien
  7. Wie dieser Abschnitt zu lesen ist bis Antipsychotika
  8. Lithium bis Nicht englischsprachige Quellen, Lücken und Grenzen
  9. Mechanismen und biologische Plausibilität
  10. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  11. Englisch bis Japanisch
  12. Koreanisch bis Türkisch
  13. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  14. Limitationen der Evidenz
  15. Offene Forschungsfragen
  16. Praktische Einordnung
  17. Glossar
  18. Quellenverzeichnis
  19. Diagramme
  20. Quellen
  21. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle