Messartefakte: Wenn nicht die Biologie, sondern die Messung schwankt
Nicht jede Schwankung im Spermiogramm spiegelt eine echte Veränderung der Spermienqualität wider. Ein erheblicher Teil der Variabilität zwischen zwei Spermiogrammen desselben Mannes – oder zwischen Studien aus verschiedenen Ländern – geht auf die Art der Probengewinnung, den Transport und die Laboranalyse selbst zurück. Wer ein auffälliges Spermiogramm bekommt, sollte diese Faktoren kennen, bevor er daraus voreilige Schlüsse zieht.
Abstinenzdauer als Messeinfluss (nicht nur biologischer Faktor)
Wie im Kapitel zu Alter, Stress und Abstinenz beschrieben, verändert die Anzahl der Tage seit der letzten Ejakulation die Messwerte messbar: längere Abstinenz erhöht tendenziell Volumen und Konzentration, kann aber die progressive Motilität senken und die DNA-Fragmentierung erhöhen. Für die Diagnostik bedeutet das vor allem eines: Zwei Spermiogramme desselben Mannes sind nur dann direkt vergleichbar, wenn die Abstinenzzeit ähnlich war. Fachgesellschaften empfehlen deshalb ein standardisiertes Intervall (die WHO nennt 2–7 Tage, ESHRE/NAFA-Leitlinien tendieren eher zu 3–4 Tagen) – unterschiedliche Abstinenzzeiten zwischen zwei Tests können allein schon einen scheinbaren Rückgang oder eine scheinbare Verbesserung erklären.
Transportzeit und Temperatur der Probe
Nach der WHO-Laborrichtlinie sollte die Probe innerhalb einer Stunde nach Gewinnung im Labor ankommen und währenddessen zwischen 20 °C und 37 °C gehalten werden, da sowohl Austrocknung als auch Temperaturschocks (insbesondere Kälte) Motilität und Vitalität der Spermien beeinträchtigen können. Eine Probe, die zu lange unterwegs war oder kalt transportiert wurde, kann schlechter abschneiden, ohne dass die tatsächliche Spermienproduktion beeinträchtigt ist.
Auffangbehälter, Kondome und Gleitmittel
Der Auffangbehälter muss für Spermien unschädlich (nicht-toxisch) sein; handelsübliche Latexkondome enthalten spermizide oder spermienschädigende Zusatzstoffe und sind für die Probengewinnung ungeeignet – dafür gibt es speziell zertifizierte, nicht-toxische Kondome. Ebenso können viele handelsübliche Gleitmittel die Spermienbeweglichkeit beeinträchtigen und verfälschen so das Ergebnis, wenn sie bei der Probengewinnung verwendet werden. Für ein aussagekräftiges Spermiogramm gilt daher: Gewinnung durch Masturbation in einen sterilen, dafür vorgesehenen Becher, ohne Gleitmittel.
Labor- und Beobachtervariation
Auch bei identischer Probe unterscheiden sich Ergebnisse zwischen Laboren und sogar zwischen verschiedenen Untersuchenden im selben Labor messbar, insbesondere bei der (teilweise subjektiven) Beurteilung von Morphologie und Motilität. Die WHO empfiehlt deshalb standardisierte Zählkammern, geschultes Personal und regelmäßige externe Qualitätskontrollen. Ein einzelnes grenzwertiges Ergebnis aus einem nicht qualitätsgesicherten Labor sollte mit Vorsicht interpretiert und im Zweifel wiederholt werden.
Geografische und saisonale Unterschiede zwischen Studien
Selbst unter fertilen, gesunden Männern schwanken die Referenzwerte je nach Land und Jahreszeit spürbar. Die große europäische Vergleichsstudie an 1.082 nachweislich fertilen Männern aus Kopenhagen, Paris, Edinburgh und Turku fand deutliche Unterschiede zwischen den Städten (die niedrigsten Konzentrationen bei dänischen, die höchsten bei finnischen Männern) sowie eine ausgeprägte saisonale Schwankung: Im Sommer lagen Konzentration und Gesamtspermienzahl im Schnitt nur bei rund 70–72 % der Winterwerte desselben Kollektivs (Jørgensen et al., 2001). Das zeigt, warum einzelne Ländervergleiche oder ein einzelnes Spermiogramm zur falschen Jahreszeit nicht unkritisch als Beleg für eine dauerhafte Verschlechterung gewertet werden sollten.
Quellen
- Jørgensen N, Andersen AG, Eustache F, et al. (2001). Regional differences in semen quality in Europe. Human Reproduction, 16(5), 1012-1019. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11331653/
- World Health Organization (2021). WHO Laboratory Manual for the Examination and Processing of Human Semen, 6th Edition — Angaben zu Probengewinnung, Transport und Behältern, zusammengefasst u.a. in: StatPearls, Semen Analysis. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK564369/
- Björndahl L, Kirkman Brown J, et al. (2022). The sixth edition of the WHO manual for human semen analysis: a critical review and SWOT analysis. Fertility and Sterility / PMC. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC8706130/