Psychopharmaka: Antipsychotika, Lithium und ADHS-Medikamente · Kapitel 10 von 18

Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität

Grundsätzliche Einschränkungen

Eine belastbare Dosis-Wirkungs-Beziehung für Samenparameter beim Menschen liegt für keine der vier Kernklassen vor. In den abgerufenen Quellen fehlen Dosisangaben in den Humanstudien zu Samenparametern weitgehend: Die Studie mit Samenplasmaspiegeln nennt keine Dosen [s73], die Registerstudien hatten Dosis und Dauer nicht zur Verfügung [s26, s93], und die großen ADHS-Studien kennen nur Verordnung oder Kauf in den letzten 90 Tagen [s77, s65, s17]. Dosisabhängigkeit ist deshalb vor allem im Tierversuch und bei Hormonmarkern sichtbar. Die Tierdosen sind in keiner der Arbeiten auf den Menschen umgerechnet, und die folgenden Tabellen geben die Dosen so wieder, wie sie in den Quellen stehen. Ein Vergleich mit Patientendosen wird hier nicht vorgenommen.

Tierversuche: Antipsychotika

WirkstoffDosis (mg/kg und Tag) und DauerTierBefundQuelle
Olanzapin2,5 / 5 / 10, 28 TageRatteNormalformen 84,00 % (Kontrolle), 77,16 % (nicht signifikant), 64,86 %, 66,81 %; Konzentration und Beweglichkeit nicht signifikant verändert[s68]
Olanzapin5, 60 TageRatte (n = 7)Spermienzahl 115,8 auf 57,57 Mio./ml; progressive Beweglichkeit 91,57 auf 7,28 %[s08]
Olanzapin2 / 4, Dauer im Abstract nicht genanntRatte (je 8)Spermienzahl sank, dosisabhängige Histologie[s50]
Olanzapin0,5, 14 WochenRatte (je 20)Epithelablösung, Keimzellapoptose, Lipidtropfen[s128]
Olanzapin2,5 / 5 / 10 über Muttertiere (Laktation)Rattekleinere Hoden und Nebenhoden, mehr Prolaktin, weniger Testosteron, dosisabhängig[s55]
Risperidon1,25 / 2,5 / 3, 28 TageRatteNormalformen vermindert, Histologie dosisabhängig degeneriert, FSH und Testosteron nur in der Hochdosisgruppe erniedrigt[s70]
Risperidon2,5, 4 WochenRatte (je 6)Malondialdehyd 38,73 gegenüber 13,4; Testosteron vermindert[s27]
Quetiapin10 / 20 / 40, 28 TageRatteKonzentration sinkt, Anteil abnormer Spermien steigt; Histologie ab 20; Testosteron ab 20[s62]
Quetiapin55 / 100, 30 TageRatte (Missbrauchsmodell)Spermienzahl 80,143 auf 66,429 auf 41,571 Mio./ml; Beweglichkeit 83,7 auf 72,6 auf 66,8 %[s46]
Aripiprazol3 / 6, 28 TageRatte (36)progressive Beweglichkeit niedriger bei 3, Fertilität vermindert bei 6, Samenbläschen schwerer bei 6[s04]
Aripiprazol2, 14 WochenRatte (je 20)geringeres Hodengewicht, Epithelhöhe und Spermatogenese-Index[s128]
Haloperidol, Clozapin0,5 intraperitoneal, 28 TageRatte (je 10)Hodengewicht, androgenabhängige Organe, Testosteron erniedrigt[s91]
Haloperidol3 / 10 / 30 / 60, 4 Wochen; 3 / 10 / 30, 9 WochenRatteFertilitätsindex nur bei 60 (4 Wochen) erniedrigt; Hodengewicht ab 10 (9 Wochen); keine Fortpflanzungswirkung bis 30 nach 9 Wochen[s177]
Haloperidol30 / 60 / 80, 2 und 4 WochenRatteab 30 Hodengewicht erniedrigt, Leydig-Zell-Atrophie, nekrotische pachytäne Spermatozyten[s171]
Sulpirid2,5 / 25 über MuttertiereRatteHodengewicht und Kanälchenvolumen bei Jungen vermindert[s137]
Sulpirid2.000 (2 g/kg), oralRattekein Befund an Hoden und Spermien, keine Embryonenverluste[s94]

Tierversuche: Lithium

Dosis und ApplikationDauerTierBefundQuelle
5 / 15 / 45 mg/kg Lithiumcarbonat täglich (0,95 / 2,9 / 8,6 mg Li+/kg)Zwei-Generationen-Studie, OECD 416Rattekeine Wirkung auf Spermien, Fertilität, Wurfgrößen; NOAEL Reproduktion 45[s81]
500 / 800 / 1100 mg/kg Futter90 TageRatteab 800 weniger Spermien und Gewichte; bei 1100 Degeneration; Fertilitätsindex 50 % noch 30 Tage nach Absetzen[s166]
10 / 20 / 30 mg/kg48 TageRatte (je 6)dosisabhängig weniger Spermien, mehr Anomalien[s136]
10 / 40 mg/kg intraperitonealDauer im Abstract nicht angegebenRatte (je 6)Spermienzahl 1516,80 auf 932,66 auf 243,45 (Einheit nicht benannt)[s44]
30 mg/kg35 TageMausZahl, Beweglichkeit, Vitalität vermindert[s69]
100 mg/kg20 TageRatte (je 7)Hoden- und Körpergewicht, Spermien im Lumen vermindert[s124]
25 mg/kg intraperitoneal zweimal täglichDauer im Abstract nicht genanntRatteGewichte, Zahl, Beweglichkeit, Testosteron erniedrigt[s108]
1 mmol/kg intraperitoneal35 TageViscachaSpermienzahl 315 gegenüber 693 Mio./ml; bei Ratten unter derselben Behandlung kein Schaden[s173]
2000 / 4000 mg/kg Futterbis 28 TageRatteSerumlithium bis 1,34 mM; Testosteron sinkt, Spermatogenese kam zum Stillstand; hohe Sterblichkeit in der Hochdosisgruppe[s159]
4,3 / 12,8 / 38,4 mg/kg LiCl35 TageMausnur bei 38,4 niedrigere Beweglichkeit, Konzentration, Hormone[s34]

Auffällig ist die Spannweite: Zwischen der Dosis ohne Wirkung in der standardisierten Studie (bis 45 mg/kg Lithiumcarbonat) und Schäden in anderen Versuchen bei 10 bis 40 mg/kg liegt kein klarer Dosisunterschied; Spezies, Applikationsweg (intraperitoneal gegenüber oral), Dauer und die Frage nach Allgemeintoxizität unterscheiden sich. Die Autoren der standardisierten Studie berichten, dass bei 90 mg/kg in der Entwicklungstoxizitätsstudie die Plasmaspiegel im toxischen Bereich lagen (über 1,0 mEq/l) [s81]; in [s159] stiegen die Serumspiegel auf 1,34 bis 1,45 mM mit hoher Sterblichkeit. Bei der Viscacha waren die Veränderungen bei Plasmaspiegeln im therapeutischen Bereich des Menschen aufgetreten, bei Ratten unter derselben Behandlung nicht [s173].

Tierversuche: ADHS-Medikamente und Benzodiazepine

WirkstoffDosis (mg/kg und Tag) und DauerTierBefundQuelle
Methylphenidat5 / 10, 90 TageRatte (je 14)5: weniger runde Spermatiden Stadium II; 10: Stadien II und V, geringeres Hodengewicht, p53 erhöht[s145]
Methylphenidat2 / 10, 40 TageMaus (27)Testosteron 67,72 auf 0,302 ng/ml (2 mg/kg); Fertilitätsrate 95,42 auf 64,96 %[s141]
Methylphenidat2 / 10, 40 TageMaus (36)Keimepitheldicke sinkt; Testosteron und Gonadotropine steigen[s122]
Methylphenidat2,5 / 5,0, Tag 21 bis 60Ratteabnorme Flagellum-Morphologie bei 2,5; weniger Typ-A-Spermatogonien bei 5,0[s125]
Methylphenidat2 intraperitoneal, Tag 30 bis 44RatteHodentestosteron vermindert, Hoden schwerer, mehr Spermien[s158]
Methylphenidat5, 30 Tage ab Tag 38RatteSpermien-DNA-Schäden, 40 % geringere Embryoqualität[s59]
Methylphenidat10, 40 TageRatteKanälchendurchmesser 296,86 µm, Keimepithel 51,73 µm; Vitamin E schützt[s89]
Methylphenidat20 / 40, Dauer in den Abstracts nicht genanntMaus (je 8)Körpergewicht, Testosteron, Spermatiden, Spermienproduktion sinken[s31]
Lisdexamfetamin30, 3 WochenRatteBeweglichkeit vermindert, DNA-Fragmentierung erhöht, Testosteron fällt[s43]
Modafinil300 / 600, 14 TageRattedosisabhängig verschlechterte Spermienqualität[s32]
Bromantan30 / 200, zwei MonateRatte30 mg/kg: nicht signifikante Abnahme der Spermienzahl; Fertilisierung unbeeinflusst[s170]
Diazepam3, einmalig oder 14 TageMausDisomie 8 auf das 2,4-Fache nur nach 14 Tagen[s168]
Diazepam75 / 150 / 300 einmaligMaus (je 5)Hyperhaploidie nur bei 300 erhöht[s174]
Nitrazepam20 / 40 / 80, 2 bis 4 WochenRatteFertilitätsindex nur bei 80 erniedrigt; abnorme Köpfe ab 40[s178]
Alprazolam, Diazepam, Mezapam, Nozepam0,1 LD50 (160 bis 560), 4 WochenRatteHodenbefund nur für Alprazolam beschrieben[s144, s139]

Der Testosteronbefund bei 2 mg/kg Methylphenidat [s141] steht in Gegensatz zum Anstieg bei denselben Dosen in der Schwesterarbeit [s122]; die Höhe des Abfalls ist physiologisch unplausibel und deutet auf ein Mess- oder Einheitenproblem hin. Aus beiden Arbeiten lässt sich keine Dosis-Wirkungs-Aussage ableiten.

Muster der Tierdaten

Aus den Tabellen lassen sich fünf Muster ablesen, die als Beobachtungen und nicht als Gesetzmäßigkeiten zu lesen sind. Erstens ist die Dosisabhängigkeit bei mehreren Substanzen sichtbar (Quetiapin 55 und 100 mg/kg [s46]; Lithium bis 40 mg/kg [s44]; Methylphenidat 5 gegenüber 10 mg/kg [s145]; Olanzapin über die Laktation [s55]), aber nicht durchgängig: Beim Olanzapin war die Morphologie bei 5 und 10 mg/kg praktisch gleich verändert [s68], beim Aripiprazol zeigte sich der Beweglichkeitseffekt bei 3, nicht bei 6 mg/kg [s04], bei Haloperidol schwand der Befund nach 9 gegenüber 4 Wochen [s177]. Zweitens hängt der Endpunkt von der Untersuchungstiefe ab: Histologie, Hormonwerte und oxidative Marker sind früher und häufiger verändert als Konzentration und Beweglichkeit [s68, s70, s27]. Drittens unterscheidet sich die Behandlungsdauer stark: Bei Olanzapin halbierte sich die Spermienzahl nach 60 Tagen mit 5 mg/kg [s08], während sie nach 28 Tagen bis 10 mg/kg nicht signifikant verändert war [s68]; das ist ein Vergleich über Labore und Stämme hinweg und keine kontrollierte Beobachtung. Viertens liegen sehr hohe Dosen vor, die zum Teil Allgemeintoxizität erzeugen [s159, s177, s172]. Fünftens betreffen viele Arbeiten Schutzversuche, bei denen die Dosisfindung des Schadensmodells nicht Ziel der Untersuchung war.

Humanstudien: Dosis-, Dauer- und Expositionsbezug

BefundDosis- oder ExpositionsbezugQuelle
Prolaktin steigt mit Risperidon-Tagesdosis, fällt mit Aripiprazol-DosisTagesdosis, Querschnitt, 94 beziehungsweise 83 Männer[s79]
Hyperprolaktinämie nach Chlorpromazin-ÄquivalenzdosisOR 1,005 je Dosiseinheit (KI 1,002 bis 1,008)[s54]
Prolaktin mit der Dosis korreliert (typische Antipsychotika, mindestens zwei Jahre)p < 0,001[s167]
Prolaktin über 20 ng/ml bei Männern68,4 % in zehnjähriger Kohorte; Hochrisiko-Antipsychotika mit etwa 40 ng/ml höherem Mittelwert[s13]
Sulpirid 300 mg täglichTestosteron fällt in Woche 4 bis 8 auf etwa die Hälfte[s184]
Sulpirid 200 mg täglich über 30 Tage gegenüber Placebokeine signifikanten Änderungen der Gonadenhormone[s175]
Antipsychotika-Dosis und Ejakulationsstörungstandardisiertes Beta 0,248 (p < 0,05); Zahl der Antipsychotika mit Verlangen 0,241[s143]
Retrograde Ejakulation unter RisperidonDosisreduktion von 8 mg/Tag beseitigte sie[s164]
Methylphenidat, Behandlungsdauer bei Jungenkurz (1 bis 365 Tage) aOR 0,96; lang (über 365 Tage) aOR 1,40, beide nicht signifikant[s93]
Valproat, Dauer und DosisBehandlungsdauer 9,55 ± 0,85 Jahre; Zusammenhang mit Dauer und Dosis laut Abstract[s115]
Valproat, mittlere Tagesdosis1190 ± 295 mg; Konzentration 37,70 auf 30,00 Mio./ml nach 6 Monaten[s71]
Valproat, RegisterdatenDosis und Dauer nicht verfügbar; keine Zeitfenster mit signifikantem Effekt (30 Tage bis 10 Jahre)[s26]
Diazepammehr als 0,3 mg/kg/Tag über mehr als 6 Monate (2 Männer)[s168]
Valproat im EinzelfallSpermienzahl und Beweglichkeit sanken mit steigender Dosis[s116, s78]

Das Bild ist einheitlich in einem Punkt: Dosis und Dauer erklären beim Prolaktin einen Teil der Streuung, für die Samenparameter fehlen jedoch Dosis-Wirkungs-Daten.

In-vitro-Konzentrationen im Vergleich zu gemessenen Samenspiegeln

SubstanzWirksame In-vitro-Konzentration (Befund)Gemessener Spiegel im Samenplasma (falls berichtet)Quelle
Atomoxetin50 µM: progressive Beweglichkeit nach 120 Minuten 27,8 % gegenüber 53,0 %; ab 100 µM Zytotoxizitätnicht berichtet[s12]
Clonidinbis 50 µM Beweglichkeit erhalten; Hemmung der Calciumsignale; ab 100 µM zytotoxischnicht berichtet[s11]
Trifluoperazin25 µM hemmt Beweglichkeit; 50 und 100 µM ROS und Vitalitätsverlustnicht berichtet[s45]
ChlorpromazinEC50 0,22 mMnicht berichtet[s187]
LithiumEC50 10 mM; teils Hemmung bei im Samen nach oraler Gabe erreichten Konzentrationen; bei Levin keine WirkungSamenplasma-Lithium Median 5,38 µg/l (Umweltkohorte, keine Therapie)[s180, s182, s189, s34]
Haloperidol0,027 µM: Beweglichkeit 127 % der Kontrolle (als therapeutisch bezeichnet)nicht berichtet[s180]
Ritalinsäure1 bis 1.000 ng/ml: Beweglichkeit steigtnicht berichtet[s84]
Valproat10 bis 100 µM: Beweglichkeit, Penetration, ATP sinkenals Eingrenzung geschätzter Samenspiegel angesetzt[s14]
Valproat, Carbamazepin, PhenytoinEC50 nach 2 Stunden Vorinkubation 5,00, 4,23, 1,59 mmol/lKonzentrationsverhältnis Plasma/Samen 0,08 (Valproat), 0,21 (Phenytoin) im Fallbericht (Richtung nicht eindeutig)[s181, s176]
Alprazolamnicht In vitro geprüft9,1 ± 8,1 ng/ml[s73]
Olanzapin, Quetiapin, Aripiprazolnicht In vitro geprüft37,4; 34,3; 39,1 ng/ml[s73]

Ein Vergleich in Mol pro Liter ist aus den Abstracts nicht möglich, weil die Samenspiegel in ng/ml angegeben sind; die Autoren der In-vitro-Studien ziehen ihn nicht. Auffällig ist der Größenunterschied zwischen dem Haloperidol-Befund im therapeutischen Bereich (Beweglichkeitszunahme) [s180] und den Befunden bei Atomoxetin, Trifluoperazin und Lithium im mikro- bis millimolaren Bereich.

Subgruppen

SubgruppeBefundQuelle
Alter (Jungen, Pubertät)Hodendysfunktion (Diagnosecode) bei ADHS erhöht (aOR 1,95), Methylphenidat nicht signifikant (aHR 1,40; 0,77 bis 2,54); keine Samenparameter[s93]
Jugend- und Vorpubertät (Tier)Methylphenidat: DNA-Schäden, schlechtere Embryoqualität, Hormonveränderungen[s59, s158, s125]
Exposition über die Laktation (Tier)kleinere Hoden, Hormonänderungen, teils bleibend[s137, s154, s55]
Epilepsie gegenüber bipolarer Störung (Valproat)Epilepsie: Testosteron 338 gegenüber 385 ng/dl, Samenendpunkt HR 0,633 (0,366 bis 1,096); bipolar: keine Hormonunterschiede, HR 0,948[s26]
Infertilitätsklinik gegenüber ADHS-Kohorte (Stimulanzien)Klinik: höhere Zahl und Beweglichkeit [s77]; Kohorte: niedrigeres Volumen [s65, s17][s77, s65, s17]
Aktuelle gegenüber frühere Anwender (Methylphenidat)Konzentration und Beweglichkeit höher bei beiden Gruppen [s77]; im anderen Design frühere Anwender mit weiter veränderter Beweglichkeit und Abnormalität, Zahl unverändert [s58][s77, s58]
Wirkstoff (Prolaktin)steigernd: Risperidon, Paliperidon, Amisulprid, Haloperidol; neutral oder senkend: Aripiprazol, Quetiapin, Olanzapin (geringer)[s126, s79, s54, s46]
Geschlecht (Prolaktin)Frauen höhere Prävalenz; Männer in Saudi-Arabien 46,3 %, Frauen 41,9 % (p = 0,164)[s54, s82, s96]
DepressionDepressionsdiagnose, nicht Medikation, war mit niedrigem Volumen verbunden[s83]
BegleitmedikationExponierte hatten mehr Begleitmedikation (75,5 gegenüber 23,7 %)[s65]
AdipositasBMI über 30: Testosteron 9,0 gegenüber 16,1 nmol/l[s88]
Männer mit Schlafmangel und Depressionstärkere Abnahme von Beweglichkeit und Zahl in einer Querschnittsstudie ohne Medikationsangabe[s47]

Für Subgruppen nach Dosis, Behandlungsdauer bei Erwachsenen, Alter bei Beginn, Rauchen, Körpergewicht oder Begleiterkrankungen liegen keine wirkstoffspezifischen Auswertungen für Samenparameter vor. Die Studie von Yland und Mitarbeitern konnte klassenspezifische Auswertungen wegen der kleinen Zahl an Medikamentenanwendern nicht durchführen [s83].

Reversibilität

Direkte Daten zur Reversibilität beim Menschen bestehen fast nur aus Einzelfällen und aus dem Randgebiet der Antiepileptika.

BefundZeitraumArt der EvidenzQuelle
Sulpirid-assoziierte Oligo-/Asthenozoospermie, Prolaktin nach 5 Monaten normal, spontane Schwangerschaft der Partnerin5 Monate nach AbsetzenFallbericht[s135]
Stimulanzien-assoziierte Azoospermie und niedrige Hormone, nach Absetzen normale Samenanalyse, danach Schwangerschaft5 MonateFallbericht[s67]
Retrograde Ejakulation unter Risperidon, prompte Rückbildung nach Dosisreduktion; Wiederauftreten bei erneuter GabeTage bis WochenFallberichte[s164, s165]
Niedrige Gonadotropine und Testosteron unter Methylphenidat, Besserung unter Testosteron und hCG4 MonateFallbericht, mit Hormontherapie[s127]
Valproat: Spermienzahl und Beweglichkeit sanken mit Dosis, nach Absetzen und Lamotrigin Normalbefund; Kind geboren9 MonateFallbericht[s116]
Valproat, Wechsel auf Levetiracetam oder Lamotrigin: Gesamtbeweglichkeit stieg (P = 0,02), Zahl nicht signifikant (P = 0,06), drei spontane Schwangerschaftennicht im Abstract genanntBeobachtungsstudie, 17 Männer, ohne Kontrolle[s86]
Valproat/Phenytoin/Carbamazepin: Besserung nach Wechsel in mehreren Fällen, teils in entgegengesetzter RichtungMonateFallberichte[s161, s162, s176]
Valproat-assoziierte Infertilität als „fortschreitend, aber reversibel“ beschriebenÜbersichtÜbersicht mit Fallbericht[s78]
Prolaktin sinkt nach Umstellung auf Aripiprazol oder Paliperidon-3-Monats-Depot4 bis 16 WochenFallserien, einarmig[s147, s105, s61, s87]
Sexualfunktion und Prolaktin nach 8 Wochen wieder auf Ausgangsniveau (Umstellung Aripiprazol)8 Wocheneinarmige Studie[s105]
Mausspermien: kleine nichtkodierende RNAs nach 40 Tagen Auswaschphase kaum noch verändert (712 gegenüber 5245)40 TageKongressabstract, Maus[s19]
Ratte: Fertilitätsindex unter Lithium 50 % noch 30 Tage nach Absetzen30 TageTierversuch[s166]
Ratte: Nitrazepam senkte den Fertilitätsindex, er blieb bis zu 4 Wochen Erholung vermindert4 bis 11 Wochen ErholungTierversuch[s178]
Mäuse: Laktationsexposition, Hodenveränderungen persistierten bis Tag 63WochenTierversuch[s154]
Ratte, ADHS-Mittel: Beeinträchtigungen besserten sich nach medikamentenfreier Zeit (weibliche Tiere im Abstract)nicht genanntSystematische Übersicht Tierstudien[s103]

Die Beobachtungen zeigen in den Einzelfällen Erholung innerhalb weniger Monate, was mit der Dauer der Spermatogenese vereinbar ist; die Autoren einer Pharmakovigilanzauswertung nennen die mediane Zeit bis zum Ereignis von 132 Tagen mit dem Spermatogenesezyklus vereinbar [s07]. Einzelfälle unterliegen Berichtsverzerrung (erfolgreiche Verläufe werden eher publiziert), und in mehreren Fällen wurden gleichzeitig weitere Maßnahmen ergriffen [s127, s190]. Einige Tierversuche zeigen dagegen bleibende oder verzögert rückläufige Befunde nach Absetzen [s166, s178, s154]. Eine kontrollierte Studie, die Samenparameter nach Absetzen von Antipsychotika, Lithium, Benzodiazepinen oder ADHS-Medikamenten verfolgt, wurde nicht gefunden; die Übersichten von Samplaski und Nangia [s118] und Tallon und Mitarbeitern [s78] beschreiben die Effekte als meist reversibel beziehungsweise reversibel, beruhen aber auf den genannten Einzelbefunden.

Was die Evidenz zu Dosis, Subgruppen und Reversibilität nicht hergibt

Aus den abgerufenen Quellen lässt sich weder eine Effektgröße für Samenparameter unter therapeutischer Dosis von Antipsychotika, Lithium oder Benzodiazepinen angeben noch eine Reihenfolge der Wirkstoffe nach Spermientoxizität. Für ADHS-Medikamente zeichnet sich das einzige wiederholte Muster ab, ein um etwa 0,3 ml (8,4 % nach Adjustierung in [s17]) niedrigeres Samenvolumen bei sonst unveränderten Parametern in zwei retrospektiven Analysen [s65, s17], bei gegenläufigem Befund in einer dritten [s77] und unklarer Statistik in einer vierten [s58]. Die Frage, ob diese Befunde klinisch bedeutsam sind, ist in den Quellen nicht beantwortet; die Autoren von [s17] folgern, die erhaltene Spermienqualität mache eine wesentliche Beeinträchtigung der Fertilität unwahrscheinlich, die von [s65] empfehlen eine Beratung. Diese beiden Aussagen sind die der Autoren und werden hier nicht bewertet. Sicher ist nur, dass die Datenlage für Antipsychotika, Lithium und Benzodiazepine dünn, überwiegend präklinisch und durch die Grunderkrankung konfundiert ist [s119, s92, s104].

Alle Kapitel und Anhänge (21)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Ordnung und Qualität der Humanlage bis Lithium
  6. Benzodiazepine bis Gesamteinordnung der Beobachtungsstudien
  7. Wie dieser Abschnitt zu lesen ist bis Antipsychotika
  8. Lithium bis Nicht englischsprachige Quellen, Lücken und Grenzen
  9. Mechanismen und biologische Plausibilität
  10. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  11. Englisch bis Japanisch
  12. Koreanisch bis Türkisch
  13. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  14. Limitationen der Evidenz
  15. Offene Forschungsfragen
  16. Praktische Einordnung
  17. Glossar
  18. Quellenverzeichnis
  19. Diagramme
  20. Quellen
  21. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle