Kurz zusammengefasst

Hormone, Haarausfall und Medikamente

Männliche Spermienqualität wird nicht nur durch Lebensstil und Umwelt beeinflusst, sondern in erheblichem Maß durch Hormone und Medikamente, die aktiv in die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden(HPG)-Achse eingreifen. Besonders deutlich zeigt sich das bei exogenem Testosteron: Ob verschrieben im Rahmen einer Testosteron-Ersatztherapie oder in Form von anabolen Steroiden im Bodybuilding konsumiert, führt zugeführtes Testosteron über eine negative Rückkopplung fast regelhaft zu einer Drosselung oder einem völligen Erliegen der körpereigenen Spermienproduktion. Auch Medikamente, die scheinbar wenig mit Fortpflanzung zu tun haben - etwa gegen Haarausfall, Depressionen, Bluthochdruck oder Schmerzen -, können über hormonelle, vaskuläre oder direkt testikuläre Mechanismen die Samenqualität verändern. Aggressive Krebstherapien gehören zu den stärksten gonadotoxischen Einflüssen überhaupt. Dieser Abschnitt ordnet die Evidenzlage zu zentralen Wirkstoffgruppen ein und untersucht außerdem, ob Haarausfall selbst - unabhängig von seiner Behandlung - ein Hinweis auf die Spermienqualität sein könnte.

Testosteron-Ersatztherapie (TRT)

− negativ Evidenz: hoch
Exogenes Testosteron unterdrückt über negative Rückkopplung LH/FSH und damit die intratestikuläre Testosteronproduktion, die für die Spermienbildung nötig ist.

Eine Testosteron-Ersatztherapie (TRT) wird üblicherweise bei diagnostiziertem Hypogonadismus eingesetzt, zunehmend aber auch off-label bei Männern mit unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit oder verminderter Libido, ohne dass immer ein klar gesicherter Mangel vorliegt. Aus reproduktionsmedizinischer Sicht ist TRT jedoch problematisch: Exogen zugeführtes Testosteron hemmt über eine negative Rückkopplung an Hypothalamus und Hypophyse die Ausschüttung von LH und FSH (Desai et al., 2022). Da luteinisierendes Hormon (LH) normalerweise dafür sorgt, dass die intratestikuläre Testosteronkonzentration 50- bis 100-fach über dem Blutspiegel liegt, und diese hohe lokale Konzentration für eine normale Spermatogenese unabdingbar ist, führt die Unterdrückung von LH zu einem drastischen Abfall der intratestikulären Testosteronkonzentration - unabhängig davon, dass der Blutspiegel durch die Therapie sogar steigt (Desai et al., 2022). Erst wenn die intratestikuläre Konzentration um mehr als 80 Prozent unter den Normalwert fällt, kommt es zu einer deutlichen Beeinträchtigung der Spermienproduktion; unterhalb einer Schwelle von etwa 20 ng/ml gilt die Spermatogenese in der Regel bereits als kompromittiert (Desai et al., 2022).

In der klinischen Praxis bedeutet das: Je nach Dosis, Wirkstoffform und Anwendungsdauer reicht die Auswirkung von einer messbaren Reduktion der Spermienzahl bis zur vollständigen Azoospermie. Die European Association of Urology (EAU) empfiehlt in ihren Leitlinien zur männlichen Infertilität ausdrücklich, Testosteron nicht zur Behandlung von Unfruchtbarkeit einzusetzen, da es den gegenteiligen Effekt hat (European Association of Urology, 2019).

Nach Absetzen der Therapie ist die Unterdrückung meist reversibel, die Erholung kann sich aber über viele Monate hinziehen. Eine Zusammenfassung von Verlaufsdaten bei rund 1.500 Männern (Liu et al., zitiert nach Desai et al., 2022) zeigt, dass etwa 67 Prozent der Männer nach 6 Monaten wieder eine Spermienkonzentration von mindestens 20 Millionen/ml erreichen, 90 Prozent nach 12 Monaten und praktisch alle nach 24 Monaten. Die Erholungsgeschwindigkeit hängt von Dauer und Dosis der vorangegangenen Anwendung, vom Alter, der Ausgangsfunktion der Hoden und - in manchen Auswertungen - auch von der ethnischen Herkunft ab (Desai et al., 2022). Bemerkenswert ist zudem, dass laut einer britischen Untersuchung rund 7 Prozent der TRT-Anwender im Anschluss wegen Unfruchtbarkeit ärztliche Hilfe suchen, obwohl der Zusammenhang zur vorherigen Therapie oft nicht unmittelbar hergestellt wird (Desai et al., 2022).

Für Männer mit Kinderwunsch, die dennoch wegen Hypogonadismus behandelt werden müssen, gibt es fertilitätserhaltende Alternativen: niedrig dosiertes humanes Choriongonadotropin (hCG), das die intratestikuläre Testosteronproduktion stimuliert, ohne die Spermatogenese zu unterdrücken, sowie neuere kurzwirksame Formulierungen (z. B. orales Testosteronundecanoat, nasales Testosterongel), die die HPG-Achse unvollständiger supprimieren (Desai et al., 2022). Eine Kryokonservierung von Spermien vor Therapiebeginn wird bei bestehendem oder potenziellem Kinderwunsch generell empfohlen.

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Testosteron-Ersatztherapie (TRT)-hochstark (bis Azoospermie möglich)Desai et al., 2022

Anabole Steroide und Bodybuilding-Doping

− negativ Evidenz: hoch
Hochdosierte anabol-androgene Steroide (AAS) unterdrücken die HPG-Achse noch stärker als eine TRT und führen bei einem Großteil der Anwender zu Oligo- oder Azoospermie.

Anabol-androgene Steroide (AAS) wirken auf die Spermienproduktion über denselben Mechanismus wie eine Testosteron-Ersatztherapie, jedoch meist in deutlich höherer Dosierung, oft in Kombination mehrerer Substanzen und häufig ohne ärztliche Kontrolle. Die Unterdrückung der HPG-Achse fällt entsprechend ausgeprägter aus. In einer retrospektiven Kohortenstudie an 45 Männern mit vorangegangenem AAS-Konsum, die sich wegen Unfruchtbarkeit vorstellten, waren bei Erstvorstellung 51 Prozent (23 von 45) bereits azoosperm (Ledesma et al., 2023). Nach einer standardisierten Behandlung über median 5 Monate - Absetzen der Steroide plus Clomifencitrat und hCG zur Stimulation der körpereigenen Achse - erreichten von den ursprünglich azoospermen Männern nur 5,6 Prozent eine Normozoospermie, während 27,8 Prozent weiterhin azoosperm blieben; der Rest verbesserte sich auf eine Oligospermie unterschiedlichen Schweregrads (Ledesma et al., 2023). Unter den Paaren, die eine Rückmeldung gaben, kam es dennoch bei 37,5 Prozent zu einer Schwangerschaft, mehrheitlich auf natürlichem Weg (Ledesma et al., 2023).

Laut der Übersichtsarbeit von Desai und Kollegen (2022) entwickelt die überwiegende Mehrheit der Männer unter regelmäßigem, hochdosiertem AAS-Gebrauch eine relevante Beeinträchtigung der Spermienzahl, bei einem großen Teil bis hin zur vollständigen Azoospermie. Die Erholung nach Absetzen ist prinzipiell möglich, aber langsamer und unvorhersehbarer als nach reiner TRT. In einer Untersuchung von Shankara-Narayana und Kollegen (zitiert nach Desai et al., 2022) lag die mittlere Zeit bis zur Erholung der Spermienzahl bei 10,4 Monaten, die Normalisierung von FSH dauerte im Mittel 19 Monate und die von Inhibin B sogar 31 Monate - ein Hinweis darauf, dass sich die Sertoli-Zell-Funktion besonders langsam erholt. Je länger und höher dosiert die Steroide eingenommen wurden, je älter der Mann beim Absetzen ist und je stärker die Hoden bereits vorher beeinträchtigt waren, desto länger dauert die Erholung (Desai et al., 2022).

Klinisch bedeutsam ist außerdem, dass ein relevanter Teil der Männer nach einer Kinderwunschbehandlung die Steroide erneut einsetzt, was auf die psychische und körperliche Bindung an die anabole Wirkung hindeutet und eine langfristige Kinderwunschplanung erschwert. Die EAU-Leitlinien zur männlichen Infertilität empfehlen daher ausdrücklich, den AAS-Konsum aktiv in der Anamnese zu erfragen, da er von vielen Männern nicht spontan berichtet wird (European Association of Urology, 2019).

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Anabole Steroide / Bodybuilding-Doping-hochstark (häufig Azoospermie)Ledesma et al., 2023

Männlicher Haarausfall (androgenetische Alopezie) als möglicher Marker

? unklar Evidenz: niedrig
Ob unbehandelter männlicher Haarausfall selbst mit schlechterer Spermienqualität zusammenhängt, ist wissenschaftlich nicht gesichert; die Datenlage ist dünn und die Rezeptorgenetik liefert widersprüchliche Hinweise.

Da sowohl Haarwachstum als auch Spermienproduktion von Androgenen gesteuert werden, liegt die Frage nahe, ob Haarausfall selbst - unabhängig von seiner Behandlung - etwas über die Spermienqualität aussagt. Die Datenlage dazu ist dünn und in ihrer Aussage uneinheitlich.

Die bislang wichtigste direkte Untersuchung stammt von Güngör und Kollegen (2015), die bei 203 jungen Männern in einer Kinderwunschklinik in Istanbul das Ausmaß ihrer androgenetischen Alopezie (AGA, eingeteilt nach der Norwood-Skala) mit ihren Spermiogramm-Werten verglichen. Männer mit mittelschwerer bis schwerer AGA (Norwood III-VII) hatten in dieser Untersuchung statistisch signifikant schlechtere Werte bei Volumen, Konzentration, Motilität und Morphologie als Männer mit keiner oder nur milder Ausprägung (Norwood I-II) (Güngör et al., 2015). Allerdings weist die Studie wichtige Einschränkungen auf: Sie wurde ausschließlich an Patienten einer Kinderwunschklinik durchgeführt - also an einer bereits vorselektierten Gruppe mit Fertilitätsproblemen -, es fehlt eine Kontrollgruppe aus der Allgemeinbevölkerung, und Störfaktoren wie eine gleichzeitige Einnahme von Finasterid oder Dutasterid wurden nicht durchgängig sauber herausgerechnet. Eine Bestätigung durch unabhängige, bevölkerungsbasierte Studien mit größeren Fallzahlen steht bislang aus.

Auf molekularer Ebene liefert die Genetik ein uneinheitliches, teils gegenläufiges Bild. Sowohl die Empfindlichkeit der Haarfollikel für Dihydrotestosteron (DHT) als auch ein Teil der Spermatogenese werden über den Androgenrezeptor (AR) vermittelt, dessen Aktivität unter anderem von der Länge einer CAG-Repeat-Sequenz im Gen abhängt. Hillmer und Kollegen (2005) zeigten in einer großen Fall-Kontroll-Studie, dass Varianten des Androgenrezeptor-Gens der entscheidende genetische Faktor für eine früh beginnende AGA sind, wobei tendenziell kürzere CAG-Repeats mit einem erhöhten AGA-Risiko assoziiert waren. Für die Spermienqualität zeigt sich jedoch die gegenteilige Richtung: In einer großen russischen Kohorte von über 1.300 jungen Männern waren gerade lange CAG-Repeats (≥25 Wiederholungen) mit niedrigerer Spermienkonzentration sowie schlechterer Motilität und Morphologie assoziiert, kurze Repeats dagegen mit besseren Werten (Osadchuk et al., 2022). Da kurze CAG-Repeats eher mit AGA und tendenziell besserer Spermienqualität einhergehen, während lange Repeats das Gegenteil nahelegen, liefert die Rezeptorgenetik derzeit kein stimmiges gemeinsames Erklärungsmodell - sie spricht eher gegen einen einfachen, direkten Kausalzusammenhang "mehr Haarausfall = schlechtere Spermien" über diesen speziellen Signalweg.

In der Summe lässt sich der wissenschaftliche Stand ehrlich nur so zusammenfassen: Es gibt einen einzelnen, methodisch limitierten klinischen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der androgenetischen Alopezie und der Spermienqualität, während die zugrunde liegende Rezeptorgenetik eher uneinheitliche bis gegenläufige Signale liefert. Haarausfall selbst sollte daher nicht als verlässlicher Marker für die Spermienqualität interpretiert werden; deutlich besser belegt ist dagegen der Effekt der gegen Haarausfall eingesetzten Medikamente (siehe folgende Abschnitte).

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Androgenetische Alopezie selbst (unbehandelt) als Marker?niedrignicht_quantifiziertGüngör et al., 2015

Finasterid (5-alpha-Reduktase-Hemmer, niedrig dosiert)

− negativ Evidenz: hoch
Finasterid senkt DHT und kann Spermienzahl und Ejakulatvolumen reduzieren; bei fertilitätsgesunden Männern meist gering und reversibel, bei bereits eingeschränkter Spermatogenese deutlich stärker.

Finasterid hemmt das Enzym 5-alpha-Reduktase Typ II und senkt dadurch die Umwandlung von Testosteron in das potentere Dihydrotestosteron (DHT) - in der niedrigen Dosierung von 1 mg/Tag zur Haarausfall-Behandlung um rund 70 Prozent im Serum (Amory et al., 2007). Da DHT vermutlich eine unterstützende Rolle in der Spermatogenese spielt, ist ein Effekt auf die Samenqualität biologisch plausibel, auch wenn der genaue Mechanismus nicht abschließend geklärt ist.

Die methodisch stärkste direkte Untersuchung ist eine randomisierte, placebokontrollierte Studie an 99 gesunden Männern, die über ein Jahr entweder Finasterid (5 mg/Tag, hochdosiert), Dutasterid oder Placebo erhielten (Amory et al., 2007). Unter der hochdosierten Finasterid-Gabe sank die Gesamtspermienzahl nach 26 Wochen um 34,3 Prozent gegenüber dem Ausgangswert, das Ejakulatvolumen um gut 21 Prozent; nach 52 Wochen hatten sich diese Effekte bereits teilweise abgeschwächt (Rückgang der Spermienzahl noch rund 16 Prozent), und nach Absetzen normalisierten sich die Werte weiter (Amory et al., 2007). Die Spermienmorphologie blieb in dieser Studie unverändert. Bei der niedrigeren, für die Haarausfall-Therapie typischen Dosis von 1 mg/Tag fanden andere kontrollierte Studien an gesunden Männern mit normaler Ausgangs-Spermatogenese keine relevanten Veränderungen der Samenparameter.

Anders sieht das Bild bei Männern mit bereits bestehender Fertilitätsstörung aus. In einer retrospektiven Analyse von Samplaski und Kollegen (2013) an 27 Männern einer kanadischen Kinderwunschklinik, die im Mittel seit fast fünf Jahren niedrig dosiertes Finasterid einnahmen, stieg die Spermienkonzentration rund sechs Monate nach Absetzen im Mittel um das 11,6-Fache an; bei Männern mit schwerer Oligospermie (unter 5 Millionen/ml) normalisierte sich der Wert bei 57 Prozent auf über 15 Millionen/ml (Samplaski et al., 2013). Die Autoren folgern daraus, dass Finasterid bei Männern mit ohnehin eingeschränkter Spermatogenese eine deutlich stärkere, klinisch bedeutsame zusätzliche Suppression auslösen kann - selbst in einer Dosierung, die bei fertilitätsgesunden Männern meist folgenlos bleibt. Motilität und Morphologie waren in dieser Untersuchung nach Absetzen unverändert, was dafürspricht, dass vor allem die Spermienzahl betroffen ist.

Eine systematische Übersichtsarbeit von Santana und Kollegen (2023), die In-vitro- und In-vivo-Daten zu Finasterid und Minoxidil zusammenfasst, kommt zu dem Schluss, dass Finasterid im Vergleich der beiden Wirkstoffe die reproduktionsmedizinisch relevanteren Effekte zeigt, einschließlich Veränderungen am Nebenhoden, verminderter Libido und reduziertem Ejakulatvolumen (Santana et al., 2023). Insgesamt gilt: Bei fertilitätsgesunden Männern in niedriger Standarddosierung sind die Effekte meist gering und nach Absetzen reversibel; bei bereits eingeschränkter Spermienproduktion oder bei hoher Dosierung kann die Wirkung dagegen deutlich ausgeprägter ausfallen.

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Finasterid-hochmoderat (stark bei Subfertilität)Amory et al., 2007; Samplaski et al., 2013

Dutasterid (5-alpha-Reduktase-Hemmer, stärker wirksam)

− negativ Evidenz: niedrig
Dutasterid blockiert beide 5-alpha-Reduktase-Isoformen, senkt DHT stärker als Finasterid und zeigt in Studien ausgeprägtere und bei langer Anwendung möglicherweise weniger vollständig reversible Effekte auf Ejakulatvolumen und Motilität.

Dutasterid hemmt im Gegensatz zu Finasterid beide Isoformen der 5-alpha-Reduktase (Typ I und II) und senkt den DHT-Spiegel dadurch deutlich stärker - um rund 94 Prozent gegenüber etwa 73 Prozent unter Finasterid (Amory et al., 2007). In derselben placebokontrollierten Ein-Jahres-Studie an gesunden Männern sank die Spermiengesamtzahl unter Dutasterid nach 26 Wochen um 28,6 Prozent und das Ejakulatvolumen nach 52 Wochen um knapp 30 Prozent (Amory et al., 2007). Bemerkenswert: Anders als bei Finasterid bildeten sich die Werte nach Absetzen nicht vollständig zurück - die Spermienzahl lag auch in der Erholungsphase noch etwa 23 Prozent unter dem Ausgangswert (Amory et al., 2007), was auf eine langsamere oder unvollständigere Erholung hindeutet.

Eine neuere koreanische Studie an 200 Männern, die Dutasterid unterschiedlich lange (von unter 6 bis über 24 Monaten) gegen androgenetische Alopezie eingenommen hatten, untermauert diesen Befund: Je länger die Anwendung dauerte, desto stärker waren Ejakulatvolumen und Spermienmotilität reduziert, und ab einer Anwendungsdauer von etwa 18 bis 20 Monaten bildeten sich diese Einschränkungen auch sechs Monate nach Absetzen nicht mehr vollständig zurück (Kim et al., 2025). Spermienkonzentration, Morphologie und Vitalität blieben dagegen über alle Gruppen hinweg weitgehend unbeeinflusst (Kim et al., 2025).

Da Dutasterid in Deutschland und den meisten europäischen Ländern primär bei gutartiger Prostatavergrößerung zugelassen ist und nur off-label gegen Haarausfall eingesetzt wird, betrifft die Datenlage zu jungen Männern mit Kinderwunsch vergleichsweise wenige, dafür aber gut charakterisierte Fälle. Insgesamt deutet die vorliegende, noch schmale Studienlage darauf hin, dass Dutasterid stärkere und - bei langer Anwendungsdauer - möglicherweise weniger vollständig reversible Effekte auf die Spermienqualität hat als niedrig dosiertes Finasterid.

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Dutasterid-niedrigmoderat (potenziell persistierend bei Langzeitgebrauch)Kim et al., 2025

Minoxidil (topisch und oral)

0 kein Effekt Evidenz: niedrig
Topisches Minoxidil wirkt lokal ohne relevante Hormonwirkung und zeigt keine belegten Effekte auf die Spermienqualität; für niedrig dosiertes orales Minoxidil fehlen belastbare Humanstudien beim Mann.

Topisches Minoxidil wirkt lokal an der Kopfhaut als Kaliumkanal-Öffner und fördert die Durchblutung der Haarfollikel, ohne in den Hormonhaushalt (Testosteron/DHT) einzugreifen. Die systemische Aufnahme durch die Haut ist bei bestimmungsgemäßer Anwendung gering. Dementsprechend gibt es bislang keine überzeugenden klinischen Humandaten, die einen Effekt von topischem Minoxidil auf Spermienzahl, -beweglichkeit oder -form belegen; ein systematisches Review von Santana und Kollegen (2023) stuft Minoxidil im Vergleich zu Finasterid als das reproduktionsmedizinisch deutlich unbedenklichere der beiden Mittel ein. In Tierversuchen zeigten sich testikuläre Veränderungen nur bei oraler Gabe in etwa dem Fünffachen der empfohlenen humanen Höchstdosis (Santana et al., 2023) - ein Dosisbereich, der für die übliche äußerliche Anwendung nicht relevant ist. Auch in klinischen Fallserien zu Männern, die topisches Minoxidil während einer aktiven Kinderwunschphase weiter anwendeten, wurden bislang keine auffälligen Veränderungen der Spermienzahl berichtet, wobei kontrollierte Studien mit dem Spermiogramm als primärem Endpunkt fehlen.

Anders zu bewerten ist die zunehmend verbreitete Praxis, Minoxidil off-label niedrig dosiert oral einzunehmen (etwa 0,25-5 mg/Tag), da diese Form eine deutlich höhere systemische Wirkstoffmenge erreicht als die topische Anwendung. Zur reproduktiven Sicherheit von oralem Minoxidil beim Mann liegen praktisch keine belastbaren klinischen Studien vor; verfügbare Übersichten mahnen vorsorglich zur Zurückhaltung bei Männern im reproduktionsfähigen Alter und empfehlen im Zweifel ein Spermiogramm vor Beginn einer Langzeitanwendung. Da die kardiovaskulären Nebenwirkungen (Herzrasen, Wassereinlagerungen) bei oraler Gabe ohnehin eine ärztliche Kontrolle erfordern, sollte diese im Rahmen von Kinderwunsch-Überlegungen ebenfalls thematisiert werden. Insgesamt gilt: Für die weit verbreitete topische Anwendung besteht kein belegter Effekt auf die Spermienqualität; für orales Minoxidil ist die Datenlage beim Mann zu dünn für eine gesicherte Aussage.

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Minoxidil (topisch/oral)0niedrignicht_quantifiziertSantana et al., 2023

SSRIs und andere Antidepressiva

− negativ Evidenz: hoch
SSRIs sind mit reduzierter Spermienkonzentration, Motilität und Morphologie sowie deutlich erhöhter Spermien-DNA-Fragmentierung assoziiert; die Effekte scheinen nach Absetzen reversibel.

Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) gehören zu den am häufigsten verschriebenen Antidepressiva und sind zugleich eine der am besten belegten Medikamentengruppen mit negativem Effekt auf die Spermienqualität. Grundlegend war eine prospektive Studie von Tanrikut und Kollegen (2010) an 35 gesunden Männern, die für fünf Wochen Paroxetin erhielten: Der Anteil der Spermien mit fragmentierter DNA (TUNEL-Score) stieg im Mittel von 13,8 Prozent vor Behandlung auf 30,3 Prozent unter Paroxetin; vor Behandlung hatten 9,7 Prozent der Männer einen als klinisch auffällig geltenden DNA-Fragmentationswert (≥30 Prozent), unter der Therapie waren es 50 Prozent (Tanrikut et al., 2010). Das entsprach einer Odds Ratio von 9,33 für eine auffällige DNA-Fragmentation unter Paroxetin. Einen Monat nach Absetzen normalisierten sich die Werte weitgehend wieder (Tanrikut et al., 2010).

Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse von Xu und Kollegen (2022), die vier Studien mit insgesamt 222 Männern zusammenfasst, bestätigt das Bild auf breiterer Basis: SSRIs waren mit einer signifikanten Reduktion des Anteils normal geformter Spermien, der Spermienkonzentration und der Motilität assoziiert sowie mit einem deutlich erhöhten DNA-Fragmentationsindex; lediglich das Ejakulatvolumen blieb unverändert (Xu et al., 2022). Die Effekte auf Morphologie und Konzentration traten erst nach mindestens drei Monaten Einnahme auf, nach einem Monat war noch kein signifikanter Unterschied nachweisbar - ein Hinweis darauf, dass ein vollständiger Spermatogenesezyklus betroffen sein muss, bevor sich die Wirkung im Ejakulat zeigt (Xu et al., 2022). Auch hier deuten Fallverläufe auf eine Erholung innerhalb von ein bis zwei Monaten nach Absetzen hin (Xu et al., 2022).

Zu beachten ist, dass die zugrunde liegende Studienbasis trotz der formalen Meta-Analyse noch schmal ist - insgesamt nur vier kleinere Studien -, und dass die Effekte je nach untersuchtem SSRI-Wirkstoff (Paroxetin, Fluoxetin, Venlafaxin u. a.) unterschiedlich stark ausfielen. Die klinische Bedeutung für die tatsächliche Zeugungsfähigkeit ist daher noch nicht abschließend quantifiziert, der Trend der vorliegenden Daten ist jedoch konsistent negativ. Wer unter SSRI-Therapie einen aktiven Kinderwunsch hat, sollte dies mit dem behandelnden Arzt besprechen, ohne die Medikation eigenmächtig abzusetzen, da eine unbehandelte Depression selbst ebenfalls mit schlechterer Spermienqualität und reduzierter Libido einhergehen kann.

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SSRIs / Antidepressiva-hochstark (DNA-Fragmentierung), moderat (übrige Parameter)Xu et al., 2022; Tanrikut et al., 2010

Betablocker (und ACE-Hemmer)

− negativ Evidenz: niedrig
Betablocker (und in geringerem Maß ACE-Hemmer) sind in Registerdaten mit erhöhtem Unfruchtbarkeitsrisiko sowie niedrigerem Ejakulatvolumen, Spermienkonzentration und -motilität assoziiert.

Eine großangelegte Auswertung von Versicherungsdaten US-amerikanischer Kinderwunschpatienten (Eisenberg et al., 2016) verglich die Häufigkeit von Unfruchtbarkeitsdiagnosen vor und nach Beginn verschiedener Blutdrucksenker. Für Betablocker ergab sich ein um 11 Prozent erhöhtes relatives Risiko für eine nachfolgende Unfruchtbarkeitsdiagnose (RR 1,11), für ACE-Hemmer ein um 9 Prozent erhöhtes Risiko (RR 1,09) (Eisenberg et al., 2016). Männer unter Betablocker-Therapie zeigten in derselben Auswertung außerdem signifikant niedrigere Werte bei Ejakulatvolumen, Spermienkonzentration und -motilität (Eisenberg et al., 2016). Als Mechanismus wird unter anderem ein Eingriff in die Hormonachse (Hypothalamus-Hypophyse-Gonaden) diskutiert.

Die Studie basiert auf Beobachtungsdaten aus Abrechnungsdaten, nicht auf randomisierten Studien; ein direkter Kausalitätsbeweis fehlt, und die zugrunde liegende Herz-Kreislauf-Erkrankung selbst (etwa Bluthochdruck) könnte einen Teil des Effekts miterklären, da Bluthochdruck unabhängig mit schlechterer Spermienqualität assoziiert ist. Dennoch ist der Befund aufgrund der großen Stichprobe und der Konsistenz zwischen erhöhtem Diagnose-Risiko und direkt gemessenen Spermiogramm-Werten bemerkenswert. Wer unter Betablocker- oder ACE-Hemmer-Therapie steht und einen Kinderwunsch hat, sollte mit dem behandelnden Arzt über mögliche Alternativpräparate sprechen, statt die Medikation eigenständig zu verändern - eine unkontrollierte Hypertonie ist ihrerseits ein Gesundheitsrisiko.

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Betablocker / ACE-Hemmer-niedriggering (RR 1,09-1,11)Eisenberg et al., 2016

Kalziumantagonisten

0 kein Effekt Evidenz: niedrig
Kalziumkanalblocker zeigen in Registerdaten kein erhöhtes Unfruchtbarkeitsrisiko, beeinflussen aber in Laborstudien funktionelle, für die Befruchtung wichtige Spermieneigenschaften reversibel.

Bei Kalziumkanalblockern (z. B. Nifedipin, Verapamil, Amlodipin) ist das Bild uneinheitlicher als bei Betablockern. In der bereits erwähnten Versicherungsdaten-Auswertung fand sich - anders als bei Betablockern und ACE-Hemmern - kein erhöhtes Unfruchtbarkeitsrisiko (RR 0,97) (Eisenberg et al., 2016). Auf zellulärer Ebene sind Kalziumkanäle jedoch nachweislich an mehreren für die Befruchtung wichtigen Spermienfunktionen beteiligt, etwa an der sogenannten Hyperaktivierung der Spermienbewegung im weiblichen Genitaltrakt und an der Akrosomreaktion, die das Eindringen in die Eizelle ermöglicht. Eine klassische Laboruntersuchung von Benoff und Kollegen (1994) verglich Spermien fertiler Männer mit denen normospermer Männer, die wegen Bluthochdrucks Kalziumantagonisten einnahmen: Bei Letzteren war die Expression bestimmter, für die Befruchtung notwendiger Oberflächenrezeptoren auf den Spermienköpfen reduziert, und eine spontane Akrosomreaktion blieb aus (Benoff et al., 1994). Bemerkenswert war, dass sich diese auf die Befruchtungsfähigkeit bezogenen Parameter nach Absetzen der Kalziumantagonisten vollständig normalisierten (Benoff et al., 1994).

Tierexperimentelle Studien berichten zusätzlich über oxidativen Stress im Hodengewebe unter hochdosierter Kalziumantagonisten-Gabe als möglichen Wirkmechanismus. Insgesamt stammen die vorliegenden Daten zu Kalziumantagonisten überwiegend aus Zellkultur-, Tier- und einer einzelnen älteren Laboruntersuchung am Menschen sowie einer großen, aber rein beobachtenden Registerauswertung ohne erhöhtes Unfruchtbarkeitsrisiko. Ein relevanter, im klassischen Spermiogramm messbarer Effekt auf Parameter wie Konzentration oder Gesamtzahl ist damit für den Menschen bislang nicht überzeugend belegt, während ein möglicher, funktionell subtilerer Effekt auf die Befruchtungsfähigkeit der Spermien nicht ausgeschlossen werden kann.

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Kalziumantagonisten0niedrignicht_quantifiziertEisenberg et al., 2016; Benoff et al., 1994

Opioide (auch bei medizinisch verordneter Schmerztherapie)

− negativ Evidenz: hoch
Opioide unterdrücken dosisabhängig die Testosteronachse über Hemmung der GnRH-Ausschüttung und Prolaktinanstieg; direkte Daten zu klassischen Spermiogramm-Parametern sind seltener als Hormondaten.

Opioide - ob als Suchtmittel oder als verordnete Schmerzmedikation bei chronischen Schmerzen - zählen zu den am stärksten endokrin wirksamen Substanzklassen überhaupt. Sie unterdrücken über eine Hemmung der hypothalamischen GnRH-Ausschüttung und einen Anstieg von Prolaktin die Freisetzung von LH und FSH, was zu einem opioidinduzierten Hypogonadismus führt (Eshraghi et al., 2021). In einer Fall-Kontroll-Studie an 357 Männern mit mindestens 90-tägiger Opioid-Einnahme (Eshraghi et al., 2021) zeigte sich ein klarer Dosis-Wirkungs-Zusammenhang: Pro 100 Einheiten Steigerung der maximalen morphinäquivalenten Tagesdosis (MEDD) stieg die Wahrscheinlichkeit eines Hypogonadismus um 44 Prozent (Odds Ratio 1,44). Konkret lag die Hypogonadismus-Häufigkeit bei einer MEDD von 0-99 bei 15,6 Prozent, bei 100-199 bei 27,1 Prozent, bei 200-299 bei 41,5 Prozent und bei sehr hohen Dosen (400-800+) bei rund 50 Prozent (Eshraghi et al., 2021).

Da ein niedriger Testosteronspiegel indirekt auch die Spermatogenese beeinträchtigen kann, ist ein negativer Effekt auf die Samenqualität biologisch naheliegend; direkte, groß angelegte Untersuchungen der klassischen Spermiogramm-Parameter unter Opioidtherapie sind allerdings deutlich seltener als Studien zur Hormonachse. Verfügbare kleinere Untersuchungen und tierexperimentelle Daten deuten zusätzlich auf direkte, testosteronunabhängige Effekte auf das Hodengewebe hin. Bei Methadon-Substitutionstherapie wird neben der endokrinen Suppression zusätzlich eine hohe Rate an sexueller Dysfunktion beschrieben, die die Fertilität auf indirektem Weg zusätzlich beeinträchtigen kann. Die Effekte auf die Testosteronachse gelten mit klarer Dosis-Wirkungs-Beziehung als gut abgesichert; auf direkte Spermienparameter bezogen ist die Evidenz insgesamt dünner. Grundsätzlich scheint die Suppression bei Absetzen bzw. Dosisreduktion zumindest auf hormoneller Ebene innerhalb weniger Tage bis Wochen rückläufig zu sein. Für Männer mit chronischen Schmerzen, die auf eine Opioidtherapie angewiesen sind, empfehlen Fachgesellschaften daher ein routinemäßiges Testosteron-Screening; bei bestehendem Kinderwunsch kann eine Anpassung der Schmerztherapie oder eine begleitende endokrinologische Mitbehandlung sinnvoll sein.

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Opioide (chronisch/hochdosiert)-hochstark (Testosteronachse); direkte Spermiendaten spärlicherEshraghi et al., 2021

Chemotherapie und Strahlentherapie

− negativ Evidenz: hoch
Zytostatika (v.a. alkylierende Substanzen) und Beckenbestrahlung gehören zu den stärksten bekannten gonadotoxischen Einflüssen und können vorübergehende bis dauerhafte Azoospermie verursachen.

Von allen in diesem Abschnitt behandelten Einflussfaktoren haben Chemotherapie und Strahlentherapie bei Krebserkrankungen mit Abstand die stärksten und am besten dokumentierten Effekte auf die Spermienproduktion. Das Keimepithel der Hoden gehört zu den sich am schnellsten teilenden Geweben des Körpers und ist deshalb besonders empfindlich gegenüber zytotoxischen Substanzen und ionisierender Strahlung (Delessard et al., 2020).

Das Ausmaß der Schädigung hängt stark von der Substanzklasse ab. Alkylierende Zytostatika (z. B. Cyclophosphamid, Procarbazin sowie die für Hodentumoren typische cisplatinhaltige BEP-Kombination) gelten als besonders gonadotoxisch und können bereits nach wenigen Zyklen zu einer vorübergehenden oder dauerhaften Azoospermie führen (Delessard et al., 2020). Bei cisplatinbasierter Chemotherapie wegen Hodenkrebs erholt sich die Spermatogenese bei rund der Hälfte der Männer innerhalb von zwei Jahren und bei etwa 80 Prozent innerhalb von fünf Jahren wieder auf ein für eine natürliche Zeugung ausreichendes Niveau. Nach Bestrahlung im Beckenbereich liegt der Tiefpunkt der Spermienzahl meist vier bis sechs Monate nach Behandlungsende; eine Rückkehr zum Ausgangswert - sofern überhaupt möglich - erfolgt häufig erst zehn bis 24 Monate später.

Neben der reinen Spermienzahl ist auch die Erbgutqualität der überlebenden Spermien betroffen: In einer Verlaufsuntersuchung an Männern mit Hodenkrebs unter BEP-Chemotherapie war der Anteil an Spermien mit fragmentierter DNA zwei Jahre nach Behandlungsende gegenüber gesunden Kontrollen noch deutlich erhöht, näherte sich aber im weiteren Verlauf - nach drei Jahren - wieder den Werten unbehandelter Männer an (Paoli et al., 2015). Das bedeutet, dass die Erholung der reinen Spermienzahl und die Erholung der DNA-Integrität zeitlich auseinanderfallen können und eine normwertige Spermienzahl allein noch keine vollständige genetische Erholung garantiert.

Aufgrund dieser gut dokumentierten, teils irreversiblen Risiken empfehlen einschlägige Fachgesellschaften unisono, vor Beginn einer Chemotherapie oder Beckenbestrahlung eine Kryokonservierung von Ejakulat anzubieten - unabhängig vom aktuellen Kinderwunschstatus, da sich dieser im Krankheitsverlauf ändern kann. Bereits bei Diagnosestellung, oft schon vor jeder Behandlung, ist die Spermienqualität bei vielen Krebspatienten aufgrund der Grunderkrankung selbst häufig reduziert, was die Dringlichkeit einer frühzeitigen Kryokonservierung zusätzlich unterstreicht.

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Chemotherapie / Strahlentherapie-hochstark (häufig temporäre oder dauerhafte Azoospermie)Delessard et al., 2020

Prohormone und "Legal Steroids"-Nahrungsergänzungsmittel

− negativ Evidenz: niedrig
Als Prohormone oder Testosteron-Booster vermarktete Supplements haben denselben unterdrückenden Wirkmechanismus wie anabole Steroide und sind häufig mit echten, nicht deklarierten anabolen Steroiden kontaminiert.

Als "Prohormone", "Testosteron-Booster" oder "Legal Steroids" vermarktete Nahrungsergänzungsmittel richten sich vor allem an Kraftsportler und Bodybuilder, die eine muskelaufbauende Wirkung ohne den rechtlichen Status eines anabolen Steroids suchen. Kontrollierte klinische Studien, die den direkten Effekt dieser Produkte auf Spermiogramm-Parameter untersuchen, existieren praktisch nicht - ein relevanter Unterschied zu den gut untersuchten verschreibungspflichtigen Anabolika. Die vorliegende Datenlage stützt sich daher überwiegend auf zwei Argumentationslinien: den bekannten Wirkmechanismus androgen aktiver Prohormone (die letztlich, wie TRT und klassische AAS, über eine Erhöhung des zirkulierenden Androgenspiegels die körpereigene Testosteron- und damit indirekt die Spermienproduktion unterdrücken) sowie wiederholt nachgewiesene Kontaminationen dieser Produktkategorie mit tatsächlichen, nicht deklarierten anabolen Steroiden.

Eine internationale Untersuchung von über 600 Nahrungsergänzungsmitteln aus 13 Ländern fand bei rund 15 Prozent der als "nicht-hormonell" deklarierten Produkte eine Verunreinigung mit anabolen Steroiden, überwiegend Prohormonen (Geyer et al., 2008). Bei Produkten, die gezielt für den Muskelaufbau beworben werden, liegt der Anteil kontaminierter Präparate noch deutlich höher: Eine Auswertung der Warnhinweise der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zwischen 2007 und 2016 identifizierte 776 verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel, von denen ein erheblicher Teil als Muskelaufbau-Produkte vermarktet wurde; bei den betroffenen Muskelaufbau-Präparaten enthielt die überwiegende Mehrheit tatsächliche synthetische Steroide oder steroidähnliche Wirkstoffe (Tucker et al., 2018).

Für Anwender bedeutet das: Wer ein als "legales" Prohormon oder Testosteron-Booster gekennzeichnetes Präparat einnimmt, kann faktisch - ohne es zu wissen - eine anabole Steroidwirkung mit denselben unterdrückenden Effekten auf die Spermienproduktion erzielen wie bei klassischem AAS-Konsum, nur ohne Dosiskontrolle oder verlässliche Wirkstoffdeklaration. Eine direkte Quantifizierung des Effekts auf die Spermienqualität ist mangels kontrollierter Studien an diesen konkreten Produkten nicht möglich; angesichts des Wirkmechanismus und der dokumentierten Kontaminationsraten ist jedoch von einem Risiko auszugehen, das im ungünstigen Fall dem klassischer anaboler Steroide nahekommt.

FaktorRichtungEvidenzEffektgrößeHauptquelle
Prohormone / "Legal Steroids"-Supplements-niedrignicht_quantifiziertGeyer et al., 2008; Tucker et al., 2018

Quellen

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