Kurz zusammengefasst
- − negativ Bluthochdruck (Hypertonie) — Infertile Männer haben ein leicht erhöhtes Risiko für eine Bluthochdruck-Diagnose; ob der Bluthochdruck selbst ursächlich die Spermienqualität verschlechtert, ist nicht direkt belegt.
- − negativ Bakterielle Infektionen des Genitaltrakts (u.a. E. coli) — Bakterielle Infektionen der Samenwege, Prostata oder Nebenhoden - besonders häufig durch E. coli - sind mit deutlich erhöhtem Infertilitätsrisiko assoziiert.
- − negativ Chlamydia trachomatis — Die häufigste bakterielle Geschlechtskrankheit ist über zwei unabhängige Metaanalysen konsistent mit deutlich erhöhtem Infertilitätsrisiko assoziiert, oft durch Samenwegsobstruktion.
- − negativ Mycoplasma genitalium — Diese sexuell übertragbare, zellwandlose Bakterienart ist mit deutlich erhöhtem Infertilitätsrisiko assoziiert und zeigt zunehmend Antibiotikaresistenzen.
- − negativ Ureaplasma urealyticum — Diese zellwandlose Bakterienart ist mit deutlich erhöhtem Infertilitätsrisiko assoziiert, kommt aber auch bei fertilen Männern als Teil der normalen Genitalflora vor.
- − negativ HPV-Infektion (Humane Papillomviren) — HPV-Partikel können an Spermienköpfen binden und sind mit deutlich erhöhtem Infertilitätsrisiko sowie schlechteren Spermienwerten und mehr DNA-Schäden assoziiert.
Grunderkrankungen, Infektionen und Stoffwechsel
Neben Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Ernährung oder Übergewicht kann eine Vielzahl medizinischer Grunderkrankungen, akuter und chronischer Infektionen sowie einzelner Medikamente und Industriechemikalien die Spermienqualität beeinträchtigen - oft unabhängig vom Verhalten des Betroffenen. Eine 2026 im Asian Journal of Andrology veröffentlichte Umbrella-Review wertete 43 systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen zu insgesamt 67 Risikofaktoren und 249 Einzeleffektgrößen für männliche Fertilität und Spermienparameter aus (Wang et al., 2026). Das ernüchternde Ergebnis dieser methodischen Einordnung: Keine einzige der 249 untersuchten Effektgrößen erreichte nach dem international anerkannten GRADE-System eine hohe Evidenzqualität; 54,6 Prozent wurden sogar nur als "sehr niedrig" und weitere 23,7 Prozent als "niedrig" eingestuft, lediglich 21,7 Prozent erreichten "moderate" Qualität (Wang et al., 2026). Das bedeutet nicht, dass die gefundenen Zusammenhänge falsch sind - viele beruhen auf biologisch plausiblen Mechanismen und wiederholt beobachteten Assoziationen -, wohl aber, dass die zugrunde liegenden Einzelstudien meist klein, heterogen oder methodisch angreifbar sind und eine echte Ursache-Wirkungs-Beziehung selten zweifelsfrei belegt werden kann.
Dieser Abschnitt fasst zusammen, was zu Stoffwechsel- und Hormonerkrankungen, Autoimmunerkrankungen, Prostataentzündungen, bakteriellen und viralen Infektionen sowie zu einzelnen Medikamenten und Industriechemikalien bekannt ist - ergänzt um zwei erfreuliche Ausnahmen: regelmäßigen Nusskonsum als nachgewiesen förderlichen Faktor und die klare wissenschaftliche Entwarnung zur COVID-19-Impfung. Da es sich bei den meisten hier behandelten Faktoren um Diagnosen und nicht um Lebensstilentscheidungen handelt, sind die Fragen im Rechner entsprechend sachlich und zurückhaltend formuliert ("Wurde bei dir folgende Erkrankung diagnostiziert?").
Diabetes Typ 1
− negativ Evidenz: niedrig
Typ-1-Diabetes ist mit deutlich reduzierter progressiver Spermienmotilität und leicht schlechterer Morphologie assoziiert, während Konzentration und Gesamtzahl meist unverändert bleiben.
Anders als der weitaus häufigere Typ-2-Diabetes, der eng mit Übergewicht und metabolischem Syndrom verknüpft ist, betrifft Typ-1-Diabetes (T1DM) meist schlanke, jüngere Männer und beruht auf einer Autoimmunzerstörung der insulinproduzierenden Bauchspeicheldrüsenzellen. Eine 2022 im Fachjournal Andrology veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von Facondo und Kollegen fasste acht Fall-Kontroll-Studien zusammen und fand bei Männern mit T1DM eine signifikant reduzierte normale Spermienmorphologie sowie einen Trend zu geringerem Ejakulatvolumen (Facondo et al., 2022). Am auffälligsten war die progressive Motilität: In den beiden Studien, die diesen Parameter direkt verglichen (380 T1DM-Patienten vs. 434 Kontrollen), war sie im Mittel um rund 33,6 Prozentpunkte reduziert (95%-Konfidenzintervall -39,1 bis -28,1) (Facondo et al., 2022).
Bemerkenswert ist, dass Spermienkonzentration und Gesamtspermienzahl in der Metaanalyse unverändert blieben - ein Hinweis darauf, dass bei T1DM weniger die eigentliche Spermienproduktion in den Hoden gestört ist als vielmehr nachgeschaltete Funktionen wie die Beweglichkeit, möglicherweise durch autonome Neuropathie mit gestörter Ejakulation oder chronische, hyperglykämiebedingte oxidative Schäden an der Spermienmembran. Die Autoren berichteten zudem eine niedrigere Rate an auf natürlichem Weg gezeugten Kindern bei längerer Diabetesdauer (Facondo et al., 2022). Die Umbrella-Review stuft die Gesamtevidenz als sehr niedrig ein, nicht zuletzt weil der Kernbefund zur Motilität nur auf zwei kleineren Studien beruht.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Diabetes Typ 1 | - | niedrig | stark (Motilität -33,6 Prozentpunkte, nur 2 Studien) | Facondo et al., 2022 |
Metabolisches Syndrom
− negativ Evidenz: niedrig
Die Kombination aus Bauchfett, Bluthochdruck, gestörtem Zuckerstoffwechsel und ungünstigen Blutfettwerten geht mit deutlich schlechteren Spermienwerten und niedrigerem Testosteron einher.
Das metabolische Syndrom - die Kombination aus abdomineller Adipositas, Bluthochdruck, gestörtem Glukosestoffwechsel und ungünstigen Blutfettwerten - gehört zu den am besten dokumentierten Stoffwechselstörungen mit Bezug zur Spermienqualität. Eine 2020 in Frontiers in Endocrinology veröffentlichte Metaanalyse von Zhao und Pang fasste 11 Studien mit insgesamt 1.731 Männern mit metabolischem Syndrom und 11.740 Kontrollen zusammen (Zhao & Pang, 2020). Männer mit metabolischem Syndrom hatten signifikant reduzierte Werte bei Spermienkonzentration (SMD -1,13; 95%-KI -1,85 bis -0,41), Gesamtspermienzahl (SMD -0,94), normaler Morphologie (SMD -0,61) und progressiver Motilität (SMD -0,58) sowie zusätzlich reduziertes Gesamttestosteron, FSH und Inhibin B; die Spermien-DNA-Fragmentierung war dagegen erhöht (Zhao & Pang, 2020).
Als Mechanismen werden mehrere, sich gegenseitig verstärkende Faktoren diskutiert: Überschüssiges Fettgewebe wandelt Testosteron über das Enzym Aromatase vermehrt in Östrogen um, was die hormonelle Steuerung der Spermienproduktion stört; Insulinresistenz und die begleitende chronische, niedriggradige Entzündung fördern zusätzlich oxidativen Stress im Hodengewebe (Zhao & Pang, 2020). Da die einzelnen Komponenten des metabolischen Syndroms auch für sich genommen mit schlechterer Spermienqualität assoziiert sind (siehe Cluster "Gewicht und Sport" sowie der folgende Hypertonie-Abschnitt), verstärken sich die Effekte bei gleichzeitigem Vorliegen mehrerer Komponenten vermutlich gegenseitig. Die Umbrella-Review stuft die Gesamtevidenz als niedrig ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Metabolisches Syndrom | - | niedrig | stark (SMD bis -1,13) | Zhao & Pang, 2020 |
Subklinische Hyperthyreose
− negativ Evidenz: niedrig
Eine oft unbemerkte, nur laborchemisch fassbare Schilddrüsenüberfunktion (erniedrigtes TSH bei normalem freiem T3/T4) ist mit deutlich schlechteren Spermienwerten assoziiert.
Bei der subklinischen Hyperthyreose ist das Thyreoidea-stimulierende Hormon (TSH) im Blut erniedrigt, während die peripheren Schilddrüsenhormone noch im Normbereich liegen - die Betroffenen bemerken die Störung meist nicht, da typische Symptome einer manifesten Schilddrüsenüberfunktion fehlen. Eine 2024 in Reproductive Sciences veröffentlichte Metaanalyse mit Meta-Regression von Bahreiny und Kollegen wertete Daten von 748 Teilnehmern aus und fand bei Männern mit subklinischer Hyperthyreose deutlich reduzierte Werte bei Ejakulatvolumen (SMD -0,99), Spermiengesamtzahl (SMD -3,10), Morphologie (SMD -0,86) und vor allem progressiver Motilität (SMD -1,91) (Bahreiny et al., 2024).
Als Mechanismus wird diskutiert, dass Schilddrüsenhormonrezeptoren direkt an den Sertoli-Zellen der Hoden exprimiert werden und für eine geordnete Spermienreifung mitverantwortlich sind; zudem erhöht ein Schilddrüsenhormonüberschuss das sexualhormonbindende Globulin (SHBG) im Blut, was die Verfügbarkeit von freiem Testosteron verändert. Da die subklinische Hyperthyreose meist nur durch eine gezielte TSH-Blutuntersuchung auffällt, bleibt sie bei Kinderwunschabklärungen häufig unentdeckt. Die Umbrella-Review bewertet die Evidenz als niedrig, bei insgesamt noch schmaler Studienbasis von 6-9 Studien je nach Parameter.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Subklinische Hyperthyreose | - | niedrig | stark (SMD bis -3,10) | Bahreiny et al., 2024 |
Bluthochdruck (Hypertonie)
− negativ Evidenz: hoch
Infertile Männer haben ein leicht erhöhtes Risiko für eine Bluthochdruck-Diagnose; ob der Bluthochdruck selbst ursächlich die Spermienqualität verschlechtert, ist nicht direkt belegt.
Für den Zusammenhang zwischen Bluthochdruck und männlicher Fertilität liegt mit einer 2022 in Andrologia veröffentlichten Metaanalyse von Li und Kollegen die bislang größte Datenbasis vor: Sieben Studien mit insgesamt rund 740.000 Teilnehmern verglichen das Risiko einer Hypertonie-Diagnose zwischen Männern mit und ohne dokumentierte Unfruchtbarkeit (Li et al., 2022). Infertile Männer hatten ein um 8 Prozent erhöhtes relatives Risiko, ebenfalls an Bluthochdruck zu leiden oder zu erkranken (RR 1,08; 95%-KI 1,02-1,14; adjustiert RR 1,06) (Li et al., 2022).
Wichtig für die Einordnung: Diese Studien messen in erster Linie die Assoziation und das Risiko einer Hypertonie-Diagnose bei bereits unfruchtbaren Männern, nicht direkt den Effekt eines bestehenden Bluthochdrucks auf Spermiogramm-Parameter - die Wirkrichtung ist also nicht eindeutig belegt und könnte auch über gemeinsame Risikofaktoren wie Übergewicht oder Insulinresistenz vermittelt sein (siehe vorheriger Abschnitt zum metabolischen Syndrom). Zudem war der Zusammenhang regional uneinheitlich: In europäischen Kohorten zeigte sich ein deutlicherer Zusammenhang als in nordamerikanischen oder asiatischen Studien (Li et al., 2022). Diskutierte Mechanismen für einen direkten Effekt sind eine hypertoniebedingte endotheliale Dysfunktion und verminderte Durchblutung der Hodengefäße sowie mögliche Wechselwirkungen mit blutdrucksenkenden Medikamenten wie Betablockern (siehe Cluster "Hormone, Haarausfall und Medikamente"). Die Umbrella-Review stuft die Evidenz trotz dieser Einschränkungen als moderat ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Bluthochdruck (Hypertonie) | - | hoch | gering (RR 1,08) | Li et al., 2022 |
Chronische bakterielle Prostatitis (CBP)
− negativ Evidenz: niedrig
Eine anhaltende bakterielle Entzündung der Prostata reduziert Spermienvitalität und -motilität deutlich, ohne Konzentration oder Volumen wesentlich zu verändern.
Die chronische bakterielle Prostatitis ist eine wiederkehrende oder anhaltende bakterielle Entzündung der Prostata, die über eine gestörte Sekretfunktion der Drüse und direkten Kontakt der Spermien mit Entzündungsprodukten die Samenqualität beeinträchtigen kann. Eine Metaanalyse von Shang und Kollegen (2014) aus sieben Fall-Kontroll-Studien mit 249 Männern mit CBP und 153 Kontrollen fand bei den Betroffenen eine signifikant reduzierte Spermienvitalität (SMD -0,81), Gesamtmotilität (SMD -1,00) und progressive Motilität (SMD -0,41), während Ejakulatvolumen und Spermienkonzentration unverändert blieben (Shang et al., 2014).
Eine größere, 2017 im Journal of Endocrinological Investigation veröffentlichte Übersichtsarbeit von Condorelli und Kollegen bestätigte diesen Zusammenhang an einer breiteren Datenbasis von 27 Studien mit insgesamt 3.241 Teilnehmern (davon 381 mit CBP) und fand zusätzlich eine deutlich reduzierte Zinkkonzentration im Seminalplasma (SMD -20,73) sowie ein signifikant erhöhtes Risiko für Anti-Spermien-Antikörper (OR 3,26) bei chronischer Prostataentzündung insgesamt (Condorelli et al., 2017). Als Mechanismen gelten eine bakteriell und entzündlich bedingte Erhöhung reaktiver Sauerstoffspezies (ROS) im Ejakulat sowie eine gestörte Sekretion von Zink, Fruktose und Zitrat durch die entzündete Prostata, die für Spermienreifung und -beweglichkeit wichtig sind. Eine antibiotische Behandlung der zugrunde liegenden Infektion kann diese Effekte teilweise rückgängig machen. Die Umbrella-Review stuft die Gesamtevidenz als sehr niedrig ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Chronische bakterielle Prostatitis (CBP) | - | niedrig | stark (Motilität SMD -1,00) | Shang et al., 2014 |
Chronisches Prostatitis/Beckenschmerzsyndrom (CP/CPPS)
− negativ Evidenz: niedrig
Beim chronischen Beckenschmerzsyndrom ohne nachweisbaren Erreger sind Spermienkonzentration, Motilität und Morphologie reduziert, das Ejakulatvolumen dagegen tendenziell erhöht.
Im Unterschied zur bakteriellen Prostatitis lässt sich beim chronischen Beckenschmerzsyndrom (CP/CPPS) meist kein Erreger nachweisen; im Vordergrund stehen anhaltende Schmerzen im Becken- und Genitalbereich über mindestens drei Monate, vermutlich bedingt durch eine Kombination aus neurogener Entzündung, Beckenbodenverspannung und subklinischer Immunaktivierung. Eine Metaanalyse von Fu und Kollegen (2014) mit zwölf Studien und 999 CP/CPPS-Betroffenen gegenüber 455 Kontrollen fand signifikant reduzierte Spermienkonzentration, progressive Motilität und normale Morphologie sowie ein paradox erhöhtes Ejakulatvolumen; Gesamtspermienzahl, Gesamtmotilität und Vitalität blieben unverändert (Fu et al., 2014).
Die bereits erwähnte, größere Übersichtsarbeit von Condorelli und Kollegen (2017) bestätigte an einer Teilstichprobe von bis zu 1.670 CP/CPPS-Patienten (innerhalb von insgesamt 27 Studien) ebenfalls eine Reduktion von Volumen, Konzentration, progressiver Motilität und Morphologie sowie erniedrigtes Zink im Seminalplasma und ein erhöhtes Risiko für Anti-Spermien-Antikörper (Condorelli et al., 2017). Als Mechanismen werden eine subklinische, nicht-bakterielle Entzündungsreaktion mit erhöhten Zytokinspiegeln im Seminalplasma sowie eine gestörte autonome Innervation der akzessorischen Geschlechtsdrüsen diskutiert. Da CP/CPPS eine Ausschlussdiagnose ist und die Studienqualität insgesamt begrenzt bleibt, stuft die Umbrella-Review die Evidenz als sehr niedrig ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| CP/CPPS | - | niedrig | stark (Morphologie SMD -1,81) | Fu et al., 2014 |
Leukospermie (Leukozytospermie)
− negativ Evidenz: niedrig
Eine erhöhte Zahl weißer Blutkörperchen im Ejakulat (>1 Mio./ml) ist mit leicht reduzierter Spermienkonzentration und -motilität assoziiert und oft Zeichen einer subklinischen Infektion.
Leukospermie bezeichnet eine erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen im Ejakulat und gilt nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation ab mehr als einer Million peroxidase-positiver Leukozyten pro Milliliter Ejakulat als auffällig. Sie kann Ausdruck einer subklinischen Infektion (etwa durch Chlamydien, Ureaplasmen oder Mykoplasmen, siehe folgende Abschnitte), einer chronischen Prostatitis oder auch ohne nachweisbaren Erreger auftreten. Eine große Metaanalyse von Castellini und Kollegen (2020) wertete 27 bis 28 Fall-Kontroll-Studien mit bis zu 6.176 Teilnehmern aus und fand bei Männern mit Leukospermie eine statistisch signifikante, aber in ihrem Ausmaß eher moderate Reduktion von Spermienkonzentration (SMD -0,14; 95%-KI -0,28 bis -0,01) und progressiver Motilität (SMD -0,18; 95%-KI -0,29 bis -0,06) (Castellini et al., 2020).
Der angenommene Mechanismus ist gut belegt: Aktivierte Leukozyten, insbesondere neutrophile Granulozyten, produzieren im Ejakulat reaktive Sauerstoffspezies (ROS), die Spermienmembranen und die DNA der Spermien schädigen können - ein Zusammenhang, der in der klassischen Samenanalyse (Konzentration, Motilität) allerdings nur unvollständig abgebildet wird, da vor allem funktionelle Eigenschaften wie Membranintegrität und DNA-Fragmentierung betroffen sein könnten. Bemerkenswert an dieser Metaanalyse ist daher weniger die absolute Effektgröße als die schiere Zahl und Konsistenz der eingeschlossenen Studien. Klinisch wird bei nachgewiesener Leukospermie üblicherweise nach einer zugrunde liegenden Infektion gefahndet und diese gezielt behandelt. Die Umbrella-Review bewertet die Evidenz als niedrig.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Leukospermie | - | niedrig | gering (SMD -0,14 bis -0,18) | Castellini et al., 2020 |
Systemischer Lupus erythematodes (SLE)
− negativ Evidenz: niedrig
SLE geht mit deutlich häufigerer erektiler Dysfunktion, veränderten Sexualhormonen und reduzierter Spermienzahl einher, wobei eine mögliche Mitwirkung der immunsuppressiven Therapie nicht sauber trennbar ist.
Der systemische Lupus erythematodes (SLE) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, die praktisch jedes Organsystem befallen kann - auch das männliche Fortpflanzungssystem. Eine 2025 in Autoimmunity Reviews veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von Zhu und Kollegen wertete neun Studien aus und fand bei Männern mit SLE eine deutlich erhöhte Rate an erektiler Dysfunktion (Odds Ratio 7,44; 95%-KI 5,00-11,06), erhöhte Werte der Hypophysenhormone FSH (MD +4,02) und LH (MD +2,21) sowie eine signifikant reduzierte Spermienzahl (MD -0,54; 95%-KI -0,86 bis -0,22) im Vergleich zu gesunden Kontrollen (Zhu et al., 2025).
Die erhöhten FSH/LH-Werte bei gleichzeitig verminderter Spermienzahl sprechen für eine primäre Schädigung des Hodengewebes mit kompensatorisch erhöhter Gonadotropin-Ausschüttung, möglicherweise vermittelt über die chronische systemische Entzündung und Autoantikörper-bedingte Gewebeschäden der Erkrankung selbst. Nicht abschließend geklärt ist, in welchem Ausmaß die häufig eingesetzte immunsuppressive Therapie - insbesondere das potenziell gonadotoxische Cyclophosphamid - zu den beobachteten Effekten beiträgt, da SLE-Patienten in den eingeschlossenen Studien meist bereits vorbehandelt waren. Mit nur drei zugrunde liegenden Studien für die Spermienzahl (162 Teilnehmer) bei insgesamt sehr niedriger Evidenzqualität ist die Datenbasis schmal; die Richtung des Effekts ist jedoch über mehrere Endpunkte hinweg konsistent negativ.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Systemischer Lupus erythematodes (SLE) | - | niedrig | stark (ED-Risiko OR 7,44) | Zhu et al., 2025 |
Multiple Sklerose
? unklar Evidenz: niedrig
Für einen Zusammenhang zwischen Multipler Sklerose und männlicher Unfruchtbarkeit gibt es bislang keinen statistisch gesicherten Beleg.
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die über eine Schädigung der für Erektion, Ejakulation und autonome Kontrolle zuständigen Nervenbahnen theoretisch auch die männliche Fertilität beeinträchtigen könnte. Eine 2023 im Journal of Family and Reproductive Health veröffentlichte Metaanalyse von Shahraki und Kollegen untersuchte drei Studien mit insgesamt rund 2.090 MS-Patienten gegenüber einer sehr großen, bevölkerungsbasierten Kontrollgruppe und fand keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen MS und männlicher Unfruchtbarkeit (Odds Ratio 1,87; 95%-KI 0,89-3,94) (Shahraki et al., 2023).
Die große Diskrepanz zwischen der geringen Zahl MS-spezifischer Studien und der riesigen Kontrollpopulation deutet auf eine begrenzte statistische Power hin; zudem betreffen die zugrunde liegenden Studien vor allem die Frage, ob eine Fertilitätsstörung das spätere MS-Risiko erhöht, und nicht direkt gemessene Spermiogramm-Veränderungen bei bereits diagnostizierter MS. Die Datenlage reicht damit derzeit nicht aus, um einen gesicherten Effekt anzunehmen.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Multiple Sklerose | ? | niedrig | nicht_quantifiziert (OR 1,87, n.s.) | Shahraki et al., 2023 |
Bakterielle Infektionen des Genitaltrakts (u.a. E. coli)
− negativ Evidenz: hoch
Bakterielle Infektionen der Samenwege, Prostata oder Nebenhoden - besonders häufig durch E. coli - sind mit deutlich erhöhtem Infertilitätsrisiko assoziiert.
Bakterielle Infektionen der Samenwege, Prostata oder Nebenhoden - häufig verursacht durch Escherichia coli (E. coli), aber auch durch Enterokokken oder andere fakultativ pathogene Keime - gehören zu den am besten belegten infektiösen Ursachen eingeschränkter Spermienqualität. Eine 2022 in Frontiers in Medicine veröffentlichte Metaanalyse von Gholami und Kollegen wertete 26 Fall-Kontroll-Studien mit 596 Teilnehmern aus und fand bei Nachweis bakterieller Erreger im Ejakulat unfruchtbarer Männer eine mehr als dreifach erhöhte Odds Ratio von 3,31 (95%-KI 2,60-4,23) im Vergleich zu Männern ohne solchen Nachweis (Gholami et al., 2022). E. coli gilt in urologischen Übersichtsarbeiten durchgehend als der am häufigsten aus Ejakulatkulturen isolierte Keim bei Männern mit Verdacht auf eine genitale Infektion.
Als Mechanismen werden eine direkte bakterielle Adhäsion an Spermienköpfen mit Beeinträchtigung der Motilität, eine Erhöhung reaktiver Sauerstoffspezies durch die begleitende Entzündungsreaktion (siehe auch Abschnitt Leukospermie) sowie eine mögliche partielle Obstruktion der ableitenden Samenwege bei chronischem Verlauf diskutiert. Eine gezielte antibiotische Behandlung nach Erregernachweis kann diese Effekte in vielen Fällen rückgängig machen, weshalb eine Ejakulatkultur bei Kinderwunschabklärung mit auffälligem Spermiogramm empfohlen wird. Die Umbrella-Review stuft die Evidenz als moderat ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Bakterielle Infektionen (u.a. E. coli) | - | hoch | stark (OR 3,31) | Gholami et al., 2022 |
Chlamydia trachomatis
− negativ Evidenz: hoch
Die häufigste bakterielle Geschlechtskrankheit ist über zwei unabhängige Metaanalysen konsistent mit deutlich erhöhtem Infertilitätsrisiko assoziiert, oft durch Samenwegsobstruktion.
Chlamydia trachomatis ist die weltweit häufigste bakterielle sexuell übertragbare Infektion und kann unbehandelt über eine aufsteigende Entzündung von Nebenhoden und Samenleitern zu einer partiellen oder vollständigen Verlegung der Samenwege führen. Eine 2023 in Mini-Reviews in Medicinal Chemistry veröffentlichte Metaanalyse von Keikha und Kollegen wertete 12 Studien mit 931 Teilnehmern aus und fand bei Chlamydien-Nachweis eine signifikant erhöhte Odds Ratio von 2,28 (95%-KI 1,90-2,72) für männliche Infertilität (Keikha et al., 2023).
Eine neuere, noch umfangreichere Metaanalyse von Bragazzi und Kollegen (2025) mit 26 Studien und über 11.700 Teilnehmern bestätigte den Zusammenhang mit einer sogar noch höheren Odds Ratio von 3,68 (95%-KI 2,24-6,02), die nach statistischer Korrektur für möglichen Publikationsbias auf 2,75 zurückging (Bragazzi et al., 2025) - insgesamt ein über zwei unabhängige, große Metaanalysen konsistentes Bild. Neben der mechanischen Samenwegsobstruktion werden eine direkte Schädigung des Keimepithels durch die Immunantwort auf die Infektion sowie erhöhte Spermien-DNA-Fragmentierung diskutiert. Da eine Chlamydieninfektion häufig symptomlos verläuft, wird ein Screening bei jungen sexuell aktiven Männern mit Kinderwunsch empfohlen; eine rechtzeitige Antibiotikatherapie kann Folgeschäden meist verhindern. Die Umbrella-Review bewertet die Evidenz als moderat.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Chlamydia trachomatis | - | hoch | stark (OR 2,28-3,68) | Keikha et al., 2023 |
Mycoplasma genitalium
− negativ Evidenz: hoch
Diese sexuell übertragbare, zellwandlose Bakterienart ist mit deutlich erhöhtem Infertilitätsrisiko assoziiert und zeigt zunehmend Antibiotikaresistenzen.
Mycoplasma genitalium ist eine zellwandlose, sexuell übertragbare Bakterienart, die zunehmend als Ursache von Urethritis und aufsteigenden Genitalinfektionen erkannt wird. Eine 2023 in Reproductive Health veröffentlichte Metaanalyse von Cheng und Kollegen wertete sieben Studien mit 720 Teilnehmern aus und fand bei Nachweis von M. genitalium im Genitaltrakt eine signifikant erhöhte Odds Ratio von 3,44 (95%-KI 1,78-6,64) für männliche Infertilität (Cheng et al., 2023). Ähnlich wie bei Chlamydien wird eine chronische, oft symptomarme Entzündungsreaktion mit möglicher Beteiligung von Nebenhoden und Samenleitern als Mechanismus vermutet, wobei die genaue Pathophysiologie beim Mann bislang weniger gut untersucht ist als bei Chlamydia trachomatis. Da M. genitalium zunehmend Resistenzen gegen Standardantibiotika entwickelt, gewinnt eine gezielte Diagnostik vor Therapiebeginn an Bedeutung. Die Umbrella-Review stuft die Evidenz als moderat ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Mycoplasma genitalium | - | hoch | stark (OR 3,44) | Cheng et al., 2023 |
Ureaplasma urealyticum
− negativ Evidenz: hoch
Diese zellwandlose Bakterienart ist mit deutlich erhöhtem Infertilitätsrisiko assoziiert, kommt aber auch bei fertilen Männern als Teil der normalen Genitalflora vor.
Ureaplasma urealyticum gehört wie Ureaplasma parvum und Mycoplasma genitalium zu den zellwandlosen Mykoplasmen, die den männlichen Genitaltrakt besiedeln können. In derselben Metaanalyse von Cheng und Kollegen (2023) war der Nachweis von U. urealyticum in 14 Studien mit 3.099 Teilnehmern mit einer signifikant erhöhten Odds Ratio von 3,28 (95%-KI 2,07-5,18) für männliche Infertilität assoziiert (Cheng et al., 2023) - ein ähnlich starker Zusammenhang wie bei Chlamydien und M. genitalium. Diskutiert werden eine direkte Beeinträchtigung der Spermienmotilität durch bakterielle Adhäsion an der Spermienoberfläche, eine begleitende subklinische Entzündungsreaktion (Leukospermie) sowie eine mögliche Erhöhung der Spermien-DNA-Fragmentierung. Da U. urealyticum auch bei fertilen Männern häufig als Teil der normalen Genitalflora nachweisbar ist, wird eine Behandlung meist nur bei gleichzeitig auffälligem Spermiogramm oder Kinderwunschproblemen empfohlen, nicht routinemäßig bei jedem asymptomatischen Nachweis. Die Umbrella-Review bewertet die Evidenz als moderat.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Ureaplasma urealyticum | - | hoch | stark (OR 3,28) | Cheng et al., 2023 |
Ureaplasma parvum
? unklar Evidenz: niedrig
Anders als U. urealyticum zeigt diese eng verwandte Art keinen statistisch gesicherten Zusammenhang mit männlicher Infertilität und gilt eher als harmloser Besiedler.
Im Gegensatz zu Ureaplasma urealyticum zeigte sich für die eng verwandte Art Ureaplasma parvum in derselben Metaanalyse von Cheng und Kollegen (2023) kein statistisch gesicherter Zusammenhang mit männlicher Infertilität: Bei vier Studien mit 246 Teilnehmern lag die Odds Ratio bei 1,67 (95%-KI 0,95-2,95), verfehlte damit knapp die statistische Signifikanz (Cheng et al., 2023). Dieser Unterschied zu U. urealyticum unterstreicht, dass nicht jede genitale Mykoplasmen-Besiedlung gleichermaßen fertilitätsrelevant ist - U. parvum gilt in der Fachliteratur zunehmend als eher harmloser Kolonisierer der normalen Genitalflora. Angesichts der kleinen Studienzahl bleibt die Datenlage insgesamt aber noch dünn. Die Umbrella-Review stuft die Evidenz als niedrig ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Ureaplasma parvum | ? | niedrig | nicht_quantifiziert (OR 1,67, n.s.) | Cheng et al., 2023 |
Cytomegalievirus (CMV)
? unklar Evidenz: niedrig
Für das humane Cytomegalievirus im Ejakulat zeigt sich ein erhöhtes, aber statistisch nicht abgesichertes Infertilitätsrisiko.
Das humane Cytomegalievirus (HCMV) gehört zur Familie der Herpesviren und kann auch das Genitalsekret befallen. Eine 2022 in Frontiers in Medicine veröffentlichte Metaanalyse von Gholami und Kollegen zu bakteriellen und viralen Erregern im Ejakulat unfruchtbarer Männer fand für CMV allein anhand von drei Studien mit 600 Teilnehmern eine erhöhte, aber statistisch nicht signifikante Odds Ratio von 2,03 für Unfruchtbarkeit (95%-KI 0,91-4,54) (Gholami et al., 2022). Für Virusinfektionen insgesamt (CMV, weitere Herpesviren und HPV gemeinsam betrachtet) ergab dieselbe Arbeit dagegen eine signifikant erhöhte Odds Ratio von 2,24 (95%-KI 1,09-4,59) bei einer gepoolten Prävalenz von rund 15 Prozent im Ejakulat unfruchtbarer Männer (Gholami et al., 2022). Für CMV im Speziellen reicht die aktuelle Datenlage mit nur drei kleinen Studien nicht aus, um einen eigenständigen, gesicherten Effekt auf die männliche Fertilität zu belegen; die Richtung des Punktschätzers spricht für ein mögliches, aber unbewiesenes Risiko.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Cytomegalievirus (CMV) | ? | niedrig | nicht_quantifiziert (OR 2,03, n.s.) | Gholami et al., 2022 |
HPV-Infektion (Humane Papillomviren)
− negativ Evidenz: hoch
HPV-Partikel können an Spermienköpfen binden und sind mit deutlich erhöhtem Infertilitätsrisiko sowie schlechteren Spermienwerten und mehr DNA-Schäden assoziiert.
Humane Papillomviren (HPV) sind vor allem als Ursache von Gebärmutterhalskrebs bekannt, können aber auch das Sperma infizieren und dort an der sogenannten Äquatorialregion des Spermienkopfs binden. Eine 2020/2021 in Andrology veröffentlichte Metaanalyse von Moreno-Sepulveda und Rajmil wertete neun Studien mit 1.635 Teilnehmern aus und fand bei Männern mit seminaler HPV-Infektion eine signifikant erhöhte, adjustierte Odds Ratio von 3,02 (95%-KI 2,11-4,33) für Unfruchtbarkeit sowie ein deutlich erhöhtes Fehlgeburtsrisiko (OR 5,13) und eine reduzierte Chance auf eine fortlaufende Schwangerschaft (OR 0,33) bei Paaren mit HPV-positivem Partner (Moreno-Sepulveda & Rajmil, 2021).
Eine ergänzende Metaanalyse von Weinberg und Kollegen (2020) zu 16 Studien mit 3.718 Männern fand bei HPV-positiven Männern zusätzlich direkt gemessene Verschlechterungen der Spermienqualität: reduzierte Konzentration (MD -4,6 Mio./ml), reduzierte Motilität (MD -11,7 Prozentpunkte) und reduzierte Morphologie (MD -2,4 Prozentpunkte) (Weinberg et al., 2020). Als Mechanismus wird angenommen, dass an Spermien gebundene HPV-Partikel die Beweglichkeit mechanisch behindern, die Akrosomreaktion stören und über eine lokale Immunreaktion oxidativen Stress und DNA-Schäden begünstigen können. Da eine HPV-Infektion oft symptomlos verläuft und nicht routinemäßig im Spermiogramm mituntersucht wird, bleibt sie bei der Abklärung von unerfülltem Kinderwunsch häufig unentdeckt. Die Umbrella-Review stuft die Evidenz für die Fertilitätsassoziation als moderat, für die direkten Semenparameter als niedrig ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| HPV-Infektion | - | hoch | stark (OR 3,02) | Moreno-Sepulveda & Rajmil, 2021 |
COVID-19-Infektion
− negativ Evidenz: niedrig
Eine durchgemachte COVID-19-Infektion verschlechtert Spermienkonzentration, -zahl, -motilität und -morphologie vorübergehend, meist mit Erholung innerhalb weniger Monate.
Eine Infektion mit SARS-CoV-2 kann die Spermienqualität vorübergehend beeinträchtigen, was angesichts der Expression von ACE2-Rezeptoren - dem Haupteintrittsweg des Virus in Körperzellen - auch auf Hodenzellen, Sertoli- und Leydig-Zellen biologisch plausibel ist. Eine 2022 im Fachjournal Research (Washington, D.C.) veröffentlichte Metaanalyse von Chen und Kollegen wertete 14 Studien mit Fall-Kontroll- und Prä-/Post-Vergleichen aus und fand bei Männern nach durchgemachter COVID-19-Infektion signifikant reduzierte Werte bei Spermienkonzentration (MD -6,54 x10⁶/ml), Gesamtspermienzahl (MD -38,89 x10⁶), Gesamtmotilität (MD -7,21 Prozentpunkte), progressiver Motilität (MD -5,12 Prozentpunkte) und Morphologie (MD -1,52 Prozentpunkte) (Chen et al., 2022).
Die Effekte waren am ausgeprägtesten innerhalb der ersten 90 Tage nach der Infektion und bildeten sich im weiteren Verlauf - passend zur rund 74-tägigen Dauer eines vollständigen Spermatogenesezyklus - meist wieder zurück (Chen et al., 2022). Neben der direkten Virusreplikation im Hodengewebe werden auch indirekte Faktoren wie Fieber, ein bei schweren Verläufen auftretender Zytokinsturm und allgemeine Krankheitsbelastung als Mitursachen diskutiert - ähnliche vorübergehende Effekte sind auch von anderen fieberhaften Infekten bekannt (siehe Cluster "Temperatur und Wasser"). Bei den meisten Männern ist mit einer vollständigen Erholung der Spermienqualität innerhalb weniger Monate zu rechnen; die Umbrella-Review bewertet die Gesamtevidenz aufgrund der noch kleinen und heterogenen Studienbasis als niedrig.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| COVID-19-Infektion | - | niedrig | moderat (meist reversibel) | Chen et al., 2022 |
COVID-19-Impfung (Entwarnung)
0 kein Effekt Evidenz: niedrig
Entwarnung: Mehrere unabhängige Studien und eine Metaanalyse finden keinen negativen Effekt von COVID-19-Impfstoffen (inkl. mRNA-Vakzinen) auf die Spermienqualität.
Anders als die Infektion selbst hat die Impfung gegen COVID-19 nach aktueller Studienlage keinen negativen Effekt auf die Spermienqualität - ein wichtiger Befund angesichts kursierender Fehlinformationen zu angeblichen Fruchtbarkeitsschäden durch mRNA-Impfstoffe. Eine 2023 im Journal of Medical Virology veröffentlichte Metaanalyse von Huang und Kollegen wertete zwölf Kohortenstudien mit insgesamt 914 Teilnehmern aus, die Spermiogramme vor und nach COVID-19-Impfung verglichen, und fand keine statistisch signifikanten Veränderungen bei Ejakulatvolumen (MD 0,18 ml), Spermienkonzentration (MD 1,16 x10⁶/ml) oder Gesamtmotilität (MD -0,14 Prozentpunkte) (Huang et al., 2023).
Dieser Befund wird durch mehrere unabhängige Primärstudien untermauert: Eine prospektive Untersuchung an 45 Männern, die zwei Dosen eines mRNA-Impfstoffs erhielten, fand keine signifikanten Rückgänge bei Spermienkonzentration, Motilität oder Volumen vor und nach der Impfung (Gonzalez et al., 2021). Eine weitere Studie an 72 Männern in Kinderwunschbehandlung, die den Impfstoff BNT162b2 erhielten, fand ebenfalls keine klinisch relevanten Veränderungen der Samenparameter (Safrai et al., 2022). Diese durchgehend konsistenten Ergebnisse aus mehreren unabhängigen Studiengruppen sprechen deutlich gegen einen ursächlichen Zusammenhang zwischen COVID-19-Impfung und verminderter männlicher Fruchtbarkeit - im Gegensatz zur COVID-19-Erkrankung selbst, die (siehe vorheriger Abschnitt) durchaus vorübergehende Effekte zeigt. Die formale Evidenzqualität wird aufgrund der noch begrenzten und teils kurzen Nachbeobachtungszeiträume als niedrig eingestuft, das inhaltliche Ergebnis ist aber über mehrere unabhängige Studien konsistent unauffällig.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| COVID-19-Impfung | 0 | niedrig | nicht_quantifiziert (kein Effekt) | Huang et al., 2023 |
Hepatitis B (HBV)
− negativ Evidenz: hoch
Eine chronische Hepatitis-B-Infektion ist mit reduziertem Ejakulatvolumen und deutlich niedrigerer Spermienkonzentration assoziiert.
Eine chronische Hepatitis-B-Infektion (HBV) kann über direkte Virusreplikation im Hodengewebe sowie über die begleitende Leberfunktionsstörung die männliche Fertilität beeinträchtigen. Eine 2024 in Reviews in Medical Virology veröffentlichte umfassende Metaanalyse von Guo und Kollegen zu 135 Studien mit über 30.000 Männern fand bei HBV-infizierten Männern ein signifikant reduziertes Ejakulatvolumen (MD -0,23 ml) und eine deutlich verminderte Spermienkonzentration (MD -18,13 x10⁶/ml), basierend auf 3 bis 13 Studien mit bis zu 720 Teilnehmern (Guo et al., 2024). Zusätzlich war die Fertilisierungsrate bei assistierter Reproduktion mit HBV-positiven Spendern leicht reduziert (OR 0,86) (Guo et al., 2024). Als Mechanismus wird eine direkte Schädigung der Spermatogenese durch HBV-DNA-Integration in Spermienzellen sowie eine Störung der Leberfunktion mit Auswirkungen auf den Hormonstoffwechsel diskutiert. Die Umbrella-Review stuft die Evidenz als moderat ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Hepatitis B (HBV) | - | hoch | stark (Konzentration -18,13 Mio./ml) | Guo et al., 2024 |
Hepatitis C (HCV)
− negativ Evidenz: hoch
Eine chronische Hepatitis-C-Infektion zeigt unter den untersuchten Virusinfektionen die stärkste Verschlechterung von Spermienzahl, -motilität und -morphologie.
Auch die chronische Hepatitis-C-Infektion (HCV) ist mit einer deutlichen Verschlechterung der Spermienqualität assoziiert - in der bereits erwähnten Metaanalyse von Guo und Kollegen (2024) sogar mit den stärksten Effekten unter allen untersuchten Virusinfektionen. Bei HCV-infizierten Männern war die Gesamtspermienzahl im Mittel um 107,43 x10⁶ reduziert, die Motilität um 16,91 Prozentpunkte und der Anteil normal geformter Spermien um 10,38 Prozentpunkte, basierend auf 4 bis 7 Studien mit bis zu 4.569 Teilnehmern (Guo et al., 2024). Ein möglicher Mechanismus ist neben der direkten Virusreplikation im Hodengewebe eine HCV-assoziierte systemische Entzündungsreaktion sowie oxidativer Stress, der durch die häufig begleitende Leberfunktionsstörung zusätzlich verstärkt werden kann. Da eine antivirale HCV-Therapie heute meist zu einer vollständigen Heilung führt, ist bei erfolgreicher Behandlung von einer Verbesserung der Spermienqualität auszugehen, wozu allerdings noch keine gezielten Verlaufsstudien vorliegen. Die Umbrella-Review bewertet die Evidenz als moderat.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Hepatitis C (HCV) | - | hoch | stark (Gesamtzahl -107 Mio.) | Guo et al., 2024 |
HIV-Infektion
− negativ Evidenz: hoch
HIV-positive Männer haben im Mittel ein geringeres Ejakulatvolumen, eine niedrigere Spermienzahl und reduzierte Motilität; unter stabiler antiretroviraler Therapie ist die Spermienqualität meist besser.
Eine HIV-Infektion beeinträchtigt die Spermienqualität sowohl durch die Viruserkrankung selbst als auch möglicherweise durch die antiretrovirale Therapie. In der Metaanalyse von Guo und Kollegen (2024) hatten HIV-positive Männer ein signifikant reduziertes Ejakulatvolumen (MD -0,39 ml), eine verringerte Gesamtspermienzahl (MD -88,38 x10⁶) und eine reduzierte Motilität (MD -10,73 Prozentpunkte), basierend auf 7 bis 13 Studien mit bis zu 2.143 Teilnehmern (Guo et al., 2024). Diskutierte Mechanismen umfassen eine direkte HIV-Infektion von Hodenzellen mit Störung der Blut-Hoden-Schranke, chronische systemische Immunaktivierung und Entzündung sowie potenzielle Nebenwirkungen bestimmter antiretroviraler Wirkstoffklassen auf die Spermatogenese. Bei stabil antiretroviral behandelten Männern mit nicht nachweisbarer Viruslast ist die Spermienqualität in der Regel deutlich besser als bei unbehandelter Infektion, weshalb eine konsequente Therapie auch aus fertilitätsmedizinischer Sicht empfehlenswert ist. Die Umbrella-Review stuft die Evidenz als moderat ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| HIV-Infektion | - | hoch | stark (Gesamtzahl -88 Mio.) | Guo et al., 2024 |
Herpesviren (HSV)
0 kein Effekt Evidenz: hoch
Für Herpes-simplex-Viren im Genitalbereich zeigt sich anders als bei Hepatitis B/C und HIV kein signifikanter Effekt auf die klassischen Spermiogramm-Parameter.
Herpes-simplex-Viren (HSV-1/HSV-2) können ebenfalls das Genitalsekret infizieren, zeigten in der Metaanalyse von Guo und Kollegen (2024) über 2 bis 11 Studien mit bis zu 1.548 Teilnehmern jedoch keinen statistisch signifikanten Effekt auf die klassischen Spermiogramm-Parameter (Guo et al., 2024). Das steht im Gegensatz zu den deutlich stärkeren, gut belegten Effekten von Hepatitis B, Hepatitis C und HIV in derselben Untersuchung. Möglicherweise beeinträchtigt eine akute Herpes-genitalis-Episode mit begleitendem Fieber und Unwohlsein die Spermienqualität vorübergehend, ohne dass sich hierfür in den vorliegenden, meist an klinisch stabilen Patienten durchgeführten Studien ein klarer Effekt nachweisen ließ. Die Umbrella-Review stuft die methodische Qualität als moderat ein, kommt aber inhaltlich zu keinem signifikanten Effekt.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Herpesviren (HSV) | 0 | hoch | nicht_quantifiziert (kein Effekt) | Guo et al., 2024 |
Sulfasalazin (bei Darmerkrankungen)
− negativ Evidenz: niedrig
Das bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen eingesetzte Sulfasalazin reduziert Spermienzahl und Motilität deutlich; der Effekt ist auf die Trägersubstanz Sulfapyridin zurückzuführen und nach Absetzen bzw. Wechsel auf reines Mesalazin meist reversibel.
Sulfasalazin und Mesalazin (5-Aminosalicylsäure, 5-ASA) werden bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa eingesetzt. Eine 2019 im Fachjournal Endocrine, Metabolic & Immune Disorders - Drug Targets veröffentlichte Übersichtsarbeit von Banerjee und Kollegen zu 14 Studien mit insgesamt 327 Patienten fand bei mit Sulfasalazin behandelten Männern eine deutlich reduzierte Spermienzahl (MD -28,31 x10⁶) sowie eine reduzierte Motilität (Banerjee et al., 2019).
Entscheidend für die klinische Einordnung: Der schädigende Effekt wird nicht durch den eigentlichen Wirkstoff 5-ASA, sondern durch dessen Trägersubstanz Sulfapyridin verursacht, die bei Sulfasalazin, nicht aber bei reinem Mesalazin vorhanden ist. Mesalazin allein gilt daher als weitgehend unbedenklich für die Spermienqualität, während Sulfasalazin regelhaft zu einer relevanten, aber nach Absetzen oder Umstellung auf Mesalazin meist innerhalb weniger Monate vollständig reversiblen Verschlechterung führt. Betroffene Männer mit aktivem Kinderwunsch sollten mit ihrem Gastroenterologen über einen Wechsel auf Mesalazin sprechen, statt die Basistherapie der Darmerkrankung eigenständig abzusetzen - eine unbehandelte chronisch-entzündliche Darmerkrankung birgt eigene Fertilitätsrisiken. Die Umbrella-Review stuft die Evidenz als niedrig ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Sulfasalazin | - | niedrig | stark (Gesamtzahl -28,3 Mio., reversibel) | Banerjee et al., 2019 |
Schwefelkohlenstoff (Carbon Disulfide, CS2)
− negativ Evidenz: niedrig
Diese Industriechemikalie aus der Viskose- und Gummiherstellung reduziert bei beruflich Exponierten Ejakulatvolumen und Spermiengesamtzahl deutlich.
Schwefelkohlenstoff (CS2) ist eine Industriechemikalie, die vor allem in der Viskose- und Zellophanherstellung sowie in der Gummiindustrie als Lösungsmittel eingesetzt wird und über die Atemwege sowie die Haut aufgenommen werden kann. Eine Übersichtsarbeit von Pizzol und Kollegen (2020) zu beruflich CS2-exponierten Männern fand ein gemischtes Bild: Ejakulatvolumen (SMD -0,39) und Spermiengesamtzahl (SMD -1,91) waren bei Exponierten deutlich reduziert, während sich die Spermienmorphologie in den zugrunde liegenden Studien paradox verbessert zeigte (SMD +1,67) (Pizzol et al., 2020).
Dieser scheinbar positive Morphologie-Befund wird in der Fachliteratur nicht als echter Nutzen interpretiert, sondern eher als methodisches Artefakt kleiner, möglicherweise selektiv berichteter Studien mit nur 2 bis 3 zugrunde liegenden Untersuchungen und 248 bis 355 Teilnehmern gewertet. In der Praxis betrifft eine relevante CS2-Exposition heute vor allem Arbeiter in bestimmten Industriezweigen in Ländern mit weniger strengen Arbeitsschutzstandards; in der EU gelten inzwischen deutlich niedrigere Grenzwerte als noch vor Jahrzehnten. Die Umbrella-Review stuft die Evidenz als niedrig ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Schwefelkohlenstoff (CS2) | - | niedrig | stark (Gesamtzahl SMD -1,91) | Pizzol et al., 2020 |
Arsen
− negativ Evidenz: niedrig
Arsenbelastung über Trinkwasser oder Beruf zeigt nur einen geringen, auf das Ejakulatvolumen begrenzten nachgewiesenen Effekt bei insgesamt sehr schmaler Studienbasis.
Eine Arsenbelastung - meist über kontaminiertes Trinkwasser oder berufliche Exposition in bestimmten Industriezweigen - zeigte in einer 2024 im Fachjournal Ecotoxicology and Environmental Safety veröffentlichten Metaanalyse von Akhigbe und Kollegen nur einen sehr begrenzten, statistisch aber signifikanten Effekt auf die Spermienqualität: Bei zwei zugrunde liegenden Studien mit 453 Teilnehmern war lediglich das Ejakulatvolumen leicht reduziert (MD -0,30 ml), während andere klassische Spermiogramm-Parameter in dieser Auswertung nicht signifikant verändert waren (Akhigbe et al., 2024). Angesichts der sehr schmalen Datenbasis von nur zwei Studien lässt sich das tatsächliche Ausmaß eines Arsen-Effekts auf die männliche Fertilität derzeit nur eingeschränkt beurteilen. Die Umbrella-Review stuft die Evidenz als sehr niedrig ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Arsen | - | niedrig | gering (Volumen -0,30 ml) | Akhigbe et al., 2024 |
Triclosan
− negativ Evidenz: niedrig
Der in Kosmetik-, Hygiene- und Reinigungsprodukten verwendete antibakterielle Konservierungsstoff Triclosan ist mit reduzierter Spermienkonzentration und -motilität assoziiert.
Triclosan ist ein antibakterieller und konservierender Wirkstoff, der über Jahrzehnte in Seifen, Zahnpasta, Deodorants und anderen Kosmetik- und Hygieneprodukten eingesetzt wurde; in der EU ist seine Verwendung in Kosmetika inzwischen deutlich eingeschränkt, in vielen anderen Ländern aber weiterhin verbreitet. Eine 2024 im Fachjournal Frontiers in Toxicology veröffentlichte Metaanalyse von Adegbola und Kollegen fand bei Männern mit höherer Triclosan-Belastung (gemessen im Urin) eine signifikant reduzierte Spermienkonzentration (SMD -0,42) und deutlich reduzierte Motilität (SMD -1,30), basierend auf 2 bis 5 Studien mit insgesamt gut 1.300 Teilnehmern (Adegbola et al., 2024). Als Mechanismus wird eine endokrine Wirkung diskutiert: Triclosan kann als schwacher Anti-Androgen und Schilddrüsenhormon-Störer wirken und dadurch indirekt in die hormonelle Steuerung der Spermienproduktion eingreifen. Da Triclosan über die Haut sowie über kontaminierte Konsumgüter aufgenommen wird, lässt sich eine Exposition durch bewusste Produktauswahl - Verzicht auf "antibakterielle" Kosmetik- und Reinigungsprodukte mit diesem Inhaltsstoff - relativ einfach reduzieren. Die Umbrella-Review stuft die Evidenz als niedrig ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Triclosan | - | niedrig | stark (Motilität SMD -1,30) | Adegbola et al., 2024 |
Nüsse und Nusskonsum
+ positiv Evidenz: hoch
Täglicher Verzehr von rund 60g Nüssen (Walnüsse, Mandeln, Haselnüsse) verbessert in randomisierten Studien Motilität, Morphologie und Vitalität und senkt die Spermien-DNA-Fragmentierung.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Faktoren in diesem Cluster ist Nusskonsum kein Risikofaktor, sondern einer der am besten durch randomisierte Studien belegten schützenden Ernährungsfaktoren für die Spermienqualität. Grundlage ist vor allem die FERTINUTS-Studie von Salas-Huetos und Kollegen (2018), eine randomisierte kontrollierte Studie an 119 gesunden jungen Männern (18-35 Jahre) mit westlicher Ernährungsweise: Über 14 Wochen erhielt eine Gruppe zusätzlich täglich 60 Gramm Nüsse (30g Walnüsse, 15g Mandeln, 15g Haselnüsse), die andere keine Nüsse. In der Nuss-Gruppe stiegen Spermienzahl um rund 16 Prozent, Vitalität um etwa 4 Prozent und Motilität um rund 6 Prozent gegenüber der Kontrollgruppe, während die Spermien-DNA-Fragmentierung deutlich zurückging - ein möglicher Erklärungsmechanismus für die übrigen Verbesserungen (Salas-Huetos et al., 2018).
Eine 2024 in Advances in Nutrition veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von Cardoso und Kollegen fasste diese und eine weitere randomisierte Studie mit insgesamt 223 gesunden Männern zusammen und bestätigte signifikant verbesserte Werte bei Gesamtmotilität (SMD 0,51), Morphologie (SMD 0,54) und Vitalität (SMD 0,61); die Spermienkonzentration verbesserte sich tendenziell, verfehlte aber knapp die statistische Signifikanz (SMD 0,26) (Cardoso et al., 2024). Als Mechanismen gelten der hohe Gehalt an Omega-3-Fettsäuren, Antioxidantien (u.a. Vitamin E, Selen, Zink) und Arginin in Nüssen, die oxidativen Stress an der Spermienmembran reduzieren können. Die Ergebnisse stammen bislang jedoch nur von gesunden, überwiegend jungen Männern; ob sie sich auf bereits subfertile Männer übertragen lassen, ist noch offen. Die Umbrella-Review stuft die Evidenz trotz der kleinen Stichprobenzahl als moderat ein, da es sich um randomisierte Studien handelt.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Nüsse / Nusskonsum | + | hoch | moderat (SMD 0,51-0,61) | Cardoso et al., 2024; Salas-Huetos et al., 2018 |
Bariatrische Chirurgie (Magenbypass, Schlauchmagen)
0 kein Effekt Evidenz: niedrig
Trotz massivem Gewichtsverlust zeigt sich nach bariatrischer Chirurgie keine nachgewiesene Verbesserung der Spermienqualität; einzelne Studien und Fallberichte deuten sogar auf eine mögliche vorübergehende Verschlechterung hin.
Bariatrische Operationen wie Magenbypass oder Schlauchmagen führen bei stark übergewichtigen Männern zu einem massiven, oft dauerhaften Gewichtsverlust und einer deutlichen Verbesserung zahlreicher Stoffwechselparameter. Da Adipositas selbst mit schlechterer Spermienqualität assoziiert ist (siehe Cluster "Gewicht und Sport"), wäre eine entsprechende Verbesserung der Spermienwerte nach der Operation zu erwarten - die Studienlage zeigt jedoch überraschend das Gegenteil. Eine 2022 im Fachjournal Obesity Surgery veröffentlichte Metaanalyse von Gao und Kollegen wertete 9 Studien mit 218 Patienten (Ausgangs-BMI 36,7 bis 70,5 kg/m², Nachbeobachtung 6 bis 24 Monate) aus und fand trotz des massiven Gewichtsverlusts keine signifikante Verbesserung von Ejakulatvolumen, Spermienkonzentration, Gesamtzahl, Morphologie, Motilität oder Vitalität (Gao et al., 2022).
Noch beunruhigender: Mehrere unabhängige, kleinere Untersuchungen deuten sogar auf eine mögliche vorübergehende Verschlechterung bei einem Teil der operierten Männer hin. Eine Übersichtsarbeit von Magalhães und Kollegen (2022) berichtet über Fälle mit neu aufgetretener Azoospermie und erhöhter Spermien-Chromosomenfehlverteilung nach der Operation sowie einen drastischen Anstieg fettlöslicher, hormonell wirksamer Umweltschadstoffe im Blut (bis zu +388% binnen eines Jahres) - vermutlich durch die rasche Mobilisierung dieser im Fettgewebe gespeicherten Substanzen bei schnellem Gewichtsverlust (Magalhães et al., 2022). Auch zwei publizierte Fallberichte beschreiben eine neu aufgetretene Azoospermie bei zuvor fertilen, extrem adipösen Männern nach Schlauchmagen-Operation, möglicherweise mitbedingt durch begleitende Nährstoffmängel (Razzaq et al., 2021). Männer mit Kinderwunsch sollten daher vor einer bariatrischen Operation über eine mögliche vorübergehende Verschlechterung der Spermienqualität aufgeklärt werden und gegebenenfalls eine Spermienkryokonservierung vorab in Erwägung ziehen. Die Umbrella-Review stuft die Gesamtevidenz als sehr niedrig ein.
| Faktor | Richtung | Evidenz | Effektgröße | Hauptquelle |
|---|---|---|---|---|
| Bariatrische Chirurgie | 0 | niedrig | nicht_quantifiziert (kein Nutzen trotz Gewichtsverlust) | Gao et al., 2022 |
Quellen
- Wang QH et al. (2026). Current risk factors for male infertility and semen parameters: an umbrella review of systematic reviews and meta-analyses. Asian Journal of Andrology, 28(3):284-296. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC13258348/
- Facondo P, Di Lodovico E, Delbarba A, Ferlin A et al. (2022). The impact of diabetes mellitus type 1 on male fertility: Systematic review and meta-analysis. Andrology. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/andr.13140
- Zhao L, Pang A (2020). Effects of Metabolic Syndrome on Semen Quality and Circulating Sex Hormones: A Systematic Review and Meta-Analysis. Frontiers in Endocrinology, 11:428. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7431460/
- Bahreiny SS et al. (2024). Meta-Analytical and Meta-Regression Evaluation of Subclinical Hyperthyroidism's Effect on Male Reproductive Health. Reproductive Sciences. https://link.springer.com/article/10.1007/s43032-024-01676-8
- Li et al. (2022). Association between male infertility and the risk of hypertension: A meta-analysis and literature review. Andrologia, 54(10):e14535. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/and.14535
- Shang YJ, Liu C, Cui D, Han G, Yi S (2014). The Effect of Chronic Bacterial Prostatitis on Semen Quality in Adult Men: A Meta-Analysis of Case-Control Studies. Scientific Reports, 4:7233. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4246207/
- Condorelli RA, Russo GI, Calogero AE, Morgia G, La Vignera S (2017). Chronic prostatitis and its detrimental impact on sperm parameters: a systematic review and meta-analysis. Journal of Endocrinological Investigation, 40(11):1209-1218. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28488229/
- Fu W, Zhou Z, Liu S, Li Q, Yao J, Li W, Yan J (2014). The Effect of Chronic Prostatitis/Chronic Pelvic Pain Syndrome on Semen Parameters in Human Males: A Systematic Review and Meta-Analysis. PLoS ONE, 9(4):e94991. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3990624/
- Castellini C et al. (2020). Relationship between leukocytospermia, reproductive potential after assisted reproductive technology, and sperm parameters: a systematic review and meta-analysis of case-control studies. Andrology, 8:125-135. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/andr.12662
- Zhu J, Zhu Q, Li X, Shen T, Shi X, Zhao T (2025). Systemic lupus erythematosus and male reproductive health: A systematic review and meta-analysis. Autoimmunity Reviews, 24(4):103742. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39788440/
- Shahraki Z et al. (2023). Male Factor Infertility and Risk of Multiple Sclerosis (MS): A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of Family and Reproductive Health, 17(4):194-198. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11128727/
- Gholami M, Moosazadeh M, Haghshenash MR, Jafarpour H, Mousavi T (2022). Evaluation of the Presence of Bacterial and Viral Agents in the Semen of Infertile Men: A Systematic and Meta-Analysis Review Study. Frontiers in Medicine, 9:835254. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9116196/
- Keikha M, Hosseininasab-Nodoushan SA, Sahebkar A (2023). Association between Chlamydia trachomatis Infection and Male Infertility: A Systematic Review and Meta-Analysis. Mini-Reviews in Medicinal Chemistry. https://doi.org/10.2174/1389557522666220827160659
- Bragazzi NL, Bosch Castells V, Deng Q, Ranson G, Thommes E, Wu J, Chaves SS (2025). The Impact of Chlamydia trachomatis on Male Infertility: A Systematic Review and Meta-Analysis. Open Forum Infectious Diseases. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12757865/
- Cheng C, Chen X, Song Y, Wang S, Pan Y, Niu S, Wang R, Liu L, Liu X (2023). Genital mycoplasma infection: a systematic review and meta-analysis. Reproductive Health. https://doi.org/10.1186/s12978-023-01684-y
- Moreno-Sepulveda J, Rajmil O (2021). Seminal human papillomavirus infection and reproduction: a systematic review and meta-analysis. Andrology. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/andr.12948
- Weinberg M, Sar-Shalom Nahshon C, Feferkorn I, Bornstein J (2020). Evaluation of human papilloma virus in semen as a risk factor for low sperm quality and poor in vitro fertilization outcomes: a systematic review and meta-analysis. Fertility and Sterility, 113(5):955-969. https://www.fertstert.org/article/S0015-0282(20)30010-8/fulltext
- Chen X, Ding J, Liu M, Xing K, Ye P, Min J, Zhang Y, Yin T (2022). A Systemic Review and Meta-analysis of the Effect of SARS-CoV-2 Infection on Sperm Parameters. Research (Washington, D.C.), 2022:9835731. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11412417/
- Huang F et al. (2023). Effect of COVID-19 vaccination on semen parameters: A systematic review and meta-analysis. Journal of Medical Virology. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1002/jmv.28263
- Gonzalez DC, Nassau DE, Khodamoradi K et al. (2021). Sperm Parameters Before and After COVID-19 mRNA Vaccination. JAMA. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34137808/
- Safrai M et al. (2022). The BNT162b2 mRNA Covid-19 vaccine does not impair sperm parameters. Reproductive Biomedicine Online, 44(4):685-688. https://doi.org/10.1016/j.rbmo.2022.01.008
- Guo Y, Zhou G, Feng Y, Zhang J, Liu Y, Yang X, Liu P, Feng Y, Xia X (2024). The Association Between Male Viral Infections and Infertility: A Systematic Review and Meta-Analysis. Reviews in Medical Virology, 34(6):e70002. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/rmv.70002
- Banerjee A, Scarpa M, Pathak S, Burra P, Sturniolo GC, Russo FP, Murugesan R, D'Incà R (2019). Inflammatory Bowel Disease Therapies Adversely Affect Fertility in Men - A Systematic Review and Meta-analysis. Endocrine, Metabolic & Immune Disorders - Drug Targets, 19(7):959-974. https://doi.org/10.2174/1871530319666190313112110
- Pizzol D et al. (2020). Pollutants and sperm quality: a systematic review and meta-analysis. Environmental Science and Pollution Research, 28:4095-4103. https://doi.org/10.1007/s11356-020-11589-z
- Akhigbe RE, Akhigbe TM, Adegbola CA, Oyedokun PA, Adesoye OB, Adeogun AE (2024). Toxic impacts of arsenic bioaccumulation on urinary arsenic metabolites and semen quality: a systematic and meta-analysis. Ecotoxicology and Environmental Safety, 281:116645. https://doi.org/10.1016/j.ecoenv.2024.116645
- Adegbola CA, Akhigbe TM, Adeogun AE, Tvrdá E, Pizent A, Akhigbe RE (2024). A systematic review and meta-analysis of the impact of triclosan exposure on human semen quality. Frontiers in Toxicology, 6:1469340. https://doi.org/10.3389/ftox.2024.1469340
- Salas-Huetos A, Moraleda R, Giardina S, Anton E, Blanco J, Salas-Salvadó J, Bulló M (2018). Effect of nut consumption on semen quality and functionality in healthy men consuming a Western-style diet: a randomized controlled trial. American Journal of Clinical Nutrition, 108(5):953-962. https://doi.org/10.1093/ajcn/nqy181
- Cardoso BR, Fratezzi I, Kellow NJ (2024). Nut Consumption and Fertility: a Systematic Review and Meta-Analysis. Advances in Nutrition, 15(1):100153. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10704322/
- Gao Z, Liang Y, Yang S, Zhang T, Gong Z, Li M, Yang J (2022). Bariatric Surgery Does Not Improve Semen Quality: Evidence from a Meta-analysis. Obesity Surgery, 32(4):1341-1350. https://doi.org/10.1007/s11695-022-05901-8
- Magalhães DP, Mahalingaiah S, Perry MJ (2022). Exploring the causes of semen quality changes post-bariatric surgery: a focus on endocrine-disrupting chemicals. Human Reproduction, 37(5):902-921. https://doi.org/10.1093/humrep/deac039
- Razzaq A, Soomro FH, Siddiq G, Khizar S, Khan MA (2021). Decrease in Sperm Count After Bariatric Surgery: Case Reports. Cureus, 13(12):e20388. https://doi.org/10.7759/cureus.20388