Psychopharmaka: Antipsychotika, Lithium und ADHS-Medikamente · Kapitel 4 von 18

Studienlage: Metaanalysen und Übersichten

Vorweg: Es gibt keine Metaanalyse zu den vier Wirkstoffklassen

Für die Kernfrage dieser Studie, ob Antipsychotika, Lithium, Benzodiazepine oder ADHS-Medikamente die Spermienqualität beim Mann verändern, wurde in keinem der durchsuchten Sprachräume eine Metaanalyse gefunden, die Humandaten gepoolt hätte. Die Recherchen in englischer, deutscher, französischer, italienischer, portugiesischer und spanischer Sprache, im chinesischen, japanischen und koreanischen sowie im russischen, arabischen und türkischen Raum kommen übereinstimmend zu diesem Ergebnis. Auch eine Cochrane-Übersicht zum Thema wurde nicht gefunden: Die Cochrane-Seite selbst ließ sich nicht abfragen, die ersatzweise durchgeführte Suche über Europe PMC in der Zeitschrift „Cochrane Database of Systematic Reviews“ ergab 26 Treffer, darunter keine Übersicht zu Psychopharmaka und Spermienqualität; zu sehen waren zum Beispiel Antioxidantien bei männlicher Subfertilität, Sulpirid gegenüber Placebo bei Schizophrenie und Pharmakotherapie bei Trichotillomanie, jeweils ohne Bezug zu Spermienparametern unter Psychopharmaka. Die einzige Metaanalyse mit Spermienendpunkten betrifft Valproat, ein Antiepileptikum und Stimmungsstabilisierer, also ein Randgebiet der hier gesuchten Klassen [s37]. Daneben existieren zwei systematische Übersichten im engeren Sinn, eine zu Psychopharmaka insgesamt [s119] und eine zu ADHS-Medikamenten im Tierversuch [s103], sowie ein Scoping-Review zur assistierten Reproduktion [s22]. Alles Übrige sind narrative Übersichten, die keine Suchstrategie und keine formale Bewertung der Studienqualität ausweisen.

Systematische Übersichten und Metaanalysen

Worly und Gur 2015: The effect of mental illness and psychotropic medication on gametes and fertility: a systematic review [s119] (Journal of Clinical Psychiatry). Land und Design: USA (Columbus, Ohio), systematische Übersicht. Population und Fragestellung: Wirkung psychischer Erkrankung und psychotroper Medikation auf Keimzellen und Fertilität bei Männern und Frauen. Methodik: PubMed-Suche nach englischsprachigen Artikeln mit den Stichwörtern gametes, fertility, psychotropic, oocyte, sperm, mental illness, depression und anxiety in Titel oder Abstract; die Suche ergab 3.603 Treffer. Nicht einschlägige, nicht englischsprachige und auf Wirbellose bezogene Arbeiten wurden ausgeschlossen; von 50 Volltexten und weiteren Arbeiten aus Literaturlisten blieben 37 Studien. Ergebnisse zu Spermien, nach dem Abstract: Klinische Studien zeigten uneindeutige Ergebnisse; mehrere Studien legten sogar eine erhöhte Spermienbeweglichkeit und -menge unter bestimmten Psychopharmaka nahe, in einer Reihe anderer Studien, in vitro wie in vivo, seien verminderte Menge und Beweglichkeit beschrieben. Eine Depression beim Mann schien die Spermien nicht zu beeinflussen, eine Angststörung hatte in einer Studie (n = 1) einen Effekt. Bei Frauen fanden sich keine nachteiligen Wirkungen auf Eizellgewinnung und Schwangerschaftsraten; mütterliche psychische Erkrankung war in der Mehrzahl (n = 11), aber nicht in allen (n = 3) der gesichteten Studien mit geringerem Fortpflanzungserfolg verbunden. Schluss der Autorinnen: Die Literatur sei nicht robust genug, um den Einsatz von Psychopharmaka bei Männern oder Frauen mit Kinderwunsch zu beeinflussen, vor dem Hintergrund der schädlichen Wirkung unbehandelter psychischer Erkrankung. Heterogenität und Effektmaße wurden nicht quantifiziert; eine Metaanalyse wurde nicht durchgeführt. Stärken: ausdrückliche Trennung der Wirkung der Erkrankung von der Wirkung der Medikation, Offenlegung der Zahl der Treffer. Schwächen: nur eine Datenbank, nur englischsprachige Arbeiten, keine klassenweise Auswertung im Abstract, keine Angabe zur Studienqualität, ein Literaturstand von 2015. Einordnung: Die Übersicht bestätigt in der Summe, was die Einzelstudien dieses Kapitels zeigen, nämlich eine uneinheitliche Humanlage; ihr Hinweis auf erhöhte Beweglichkeit und Menge unter einzelnen Psychopharmaka deckt sich mit der israelischen Methylphenidat-Studie [s77].

Danborg, Simonsen und Gøtzsche 2017: Impaired reproduction after exposure to ADHD drugs: Systematic review of animal studies [s103] (International Journal of Risk & Safety in Medicine). Land und Design: Dänemark (Nordic Cochrane Centre), systematische Übersicht tierexperimenteller Studien. Sie ist hier aufgeführt, weil sie die einzige systematische Übersicht zu ADHS-Medikamenten und Fortpflanzung überhaupt ist. Methodik: Suche in PubMed, Biosis und EMBASE; eingeschlossen wurden 17 Studien. Die Autoren bewerten die Studien als überwiegend von schlechter Qualität oder mangelhaft berichtet: Zwei Studien nannten eines von drei empfohlenen Randomisierungsverfahren, 15 verwendeten Placebo, was auf Verblindung hindeute. Ergebnisse: Unter Clonidin war bei Rattenmännchen die Fähigkeit, Nachwuchs zu zeugen, vermindert; in einer Studie zeugten 10 behandelte Ratten keinen Nachwuchs, alle vier Kontrolltiere dagegen schon, in einer anderen begatteten 10 behandelte Ratten neun Weibchen gegenüber 16 bei 10 Kontrolltieren. Unter Methylphenidat war die Vaginalöffnung in zwei Studien verzögert (in einer mit einer mittleren Differenz von 4,0 Tagen, 95-%-Konfidenzintervall 2,5 bis 5,6, und halbierter Zahl von Östruszyklen, in der anderen mit einer Verzögerung von mindestens 6 Tagen), in zwei weiteren Studien ohne Unterschied. Die Beeinträchtigungen besserten sich meist nach einer medikamentenfreien Zeit und waren bei späterem Behandlungsbeginn geringer. Schluss der Autoren: ADHS-Medikamente beeinträchtigten die Fortpflanzung bei Tieren. Stärken: systematisches Vorgehen, drei Datenbanken, offene Bewertung der Berichtsqualität. Schwächen: Die im Abstract genannten Effektgrößen für Methylphenidat betreffen weibliche Tiere (Vaginalöffnung), nicht Spermien; für Männchen werden nur die Clonidin-Befunde mit Zahlen belegt; keine Metaanalyse, kein Maß für Heterogenität im Abstract; die Übertragung vom Tier auf den Menschen bleibt offen. Einordnung: Die Übersicht ist ein Befund über die Qualität der Tierliteratur ebenso wie über die Wirkung; sie liefert keine Aussage über Männer.

Asghar et al. 2024: Understanding the impact of valproate on male fertility: insights from preclinical and clinical meta-analysis [s37] (BMC Pharmacology & Toxicology). Land und Design: China (Chongqing Medical University) und Malaysia, systematische Übersicht mit Metaanalyse. Gegenstand: Valproat bei Epilepsie; die Arbeit ist die einzige Metaanalyse mit Spermienendpunkten im gesamten Material und deshalb als Randgebiet aufgenommen (Valproat wird auch bei bipolarer Störung eingesetzt). Methodik: Suche in PubMed, Web of Science und PsycINFO; Effektmaß war die standardisierte Mittelwertdifferenz (SMD) mit 95-%-Konfidenzintervall für Spermienzahl, Beweglichkeit und Anteil abnormer Spermien, bei klinischen Studien zusätzlich für FSH und LH. Eingeschlossen wurden 7 präklinische Studien (112 Tiere) und 5 klinische Studien (274 Männer). Ergebnisse bei Tieren: Spermienzahl SMD −2,28 (95-%-KI −3,39 bis −1,18), Beweglichkeit SMD −2,32 (−3,34 bis −1,30), Anteil abnormer Spermien SMD 3,27 (1,98 bis 4,56), Hodengewicht SMD −2,73 (−4,23 bis −1,23). Ergebnisse beim Menschen mit Epilepsie unter Valproat gegenüber Kontrollen: Spermienzahl SMD −0,78 (−1,58 bis 0,03), Beweglichkeit SMD −1,62 (−2,81 bis −0,43), Anteil abnormer Spermien SMD 0,93 (−0,97 bis 2,84), FSH SMD −1,32 (−2,93 bis 0,29), LH SMD −0,96 (−1,95 bis 0,04). Von den klinischen Endpunkten schließt nur das Intervall der Beweglichkeit die Null nicht ein; Spermienzahl, Anteil abnormer Spermien, FSH und LH sind statistisch nicht gesichert. Auffälligkeit in der Quelle: Der Abstract nennt hinter den Konfidenzintervallen P-Werte (zum Beispiel P = 0,335 bei der Spermienzahl der Tiere, P = 0,368 bei der Beweglichkeit, P = 0,019 beim Anteil abnormer Spermien, P = 0,673 beim Hodengewicht, P = 0,033 bei der klinischen Beweglichkeit), die zu mehreren Intervallen nicht passen: Ein Intervall von −3,39 bis −1,18 schließt die Null deutlich aus, der zugehörige P-Wert von 0,335 würde auf Nichtsignifikanz deuten. Der Abstract beschreibt die Tierbefunde auch widersprüchlich (Spermienzahl und Beweglichkeit „vermindert“, Hodengewicht „nicht signifikant vermindert“, obwohl dessen Intervall die Null ausschließt). Möglicherweise handelt es sich um Heterogenitätstests; das ist eine Vermutung, die der Abstract nicht bestätigt. Die Zahlen werden hier wie veröffentlicht wiedergegeben und nicht korrigiert. Der Abstract nennt weder Heterogenitätsmaße (I²) noch eine Bewertung des Verzerrungsrisikos. Schluss der Autoren: Valproat verringere die männliche Fertilität und Fortpflanzungsparameter bei Männern mit Epilepsie; Neurologen sollten bei jungen erwachsenen Männern vorsichtig sein. Einordnung: Diese Schlussfolgerung geht über die klinischen Zahlen hinaus, bei denen nur die Beweglichkeit ein Intervall ohne Null hat; die Konfidenzintervalle sind sehr breit, die Zahl der klinischen Studien ist klein (5 Studien, 274 Männer insgesamt), und die Kontrollgruppen sind im Abstract nicht beschrieben; da Epilepsie selbst die Samenqualität mindern kann, wie die Studien [s101] und [s71] mit Messungen vor Therapiebeginn zeigen (siehe unten), bleibt offen, wie viel der Unterschiede auf die Erkrankung entfällt. Die später erschienene große Registerstudie [s26] findet keinen Zusammenhang; beide Arbeiten messen Verschiedenes (Spermiogramm-Mittelwerte kleiner Studien gegenüber Diagnosecodes in einer großen Datenbank).

Dawid et al. 2025: Psychopharmacological interventions among people who use Assisted Reproductive Technologies [s22] (Reproductive Biology and Endocrinology). Design: Scoping-Review, 29 Studien (31 Publikationen) zu Psychopharmakotherapie bei Menschen in assistierter Reproduktion. Die Evidenz betrifft nach dem Abstract hauptsächlich Frauen; am häufigsten wurden Serotoninwiederaufnahmehemmer untersucht (15 von 29 Studien), bei Angst Midazolam (6 von 29). Antipsychotika (Olanzapin, Clozapin, Risperidon, Quetiapin, Aripiprazol, Haloperidol, Promethazin) und Phasenprophylaktika (Valproinsäure, Lithium, Lamotrigin) kamen ebenfalls vor. Zu Spermienparametern liefert der Abstract keine Ergebnisse. Einordnung: Die Arbeit legt nahe, dass das Thema in der Reproduktionsmedizin überwiegend aus der Sicht der Frau bearbeitet wird; sie ist für die Frage dieser Studie nur als Hinweis auf die Lücke verwertbar.

Narrative Übersichten zu Psychopharmaka insgesamt

Drobnis und Nangia 2017: Psychotropics and Male Reproduction [s104] (Advances in Experimental Medicine and Biology; USA). Narrative Übersicht zu Antidepressiva, Antipsychotika und Antikonvulsiva. Die Autoren halten fest, dass Psychopharmaka insgesamt die Sexualfunktion und die Samenqualität beeinträchtigen können, mit großer Streuung zwischen Männern und zwischen Substanzen. Für Antipsychotika beschreiben sie einen Anstieg von Prolaktin, einen Abfall von Testosteron und eine Zunahme sexueller Nebenwirkungen einschließlich Ejakulationsstörungen; die stärkste Evidenz bestehe für Chlorpromazin, Haloperidol, Reserpin, Risperidon und Thioridazin, geringere Effekte seien für Aripiprazol und Clozapin beschrieben. Sinngemäß schreiben sie, bemerkenswert wenige Studien hätten die Wirkung von Antipsychotika auf die Samenqualität untersucht, das sei eine wichtige Wissenslücke. Für Lithium nennen sie erhöhtes Prolaktin und LH und erniedrigtes Testosteron, beruhend auf wenigen Studien. Für Valproat, Carbamazepin, Oxcarbazepin und Levetiracetam werde eine verminderte Samenqualität berichtet. Stärken: breiter Überblick, Darstellung der Mechanismen. Schwächen: narrativ, im Abstract keine Suchstrategie, keine Qualitätsbewertung der zugrunde liegenden Studien, keine Zahlen.

Solomon, Shvartsur und Azab 2019: The Association Between Psychotropic Drug Use and Fertility Problems Among Men [s92] (Journal of Psychiatric Practice; Israel). Narrative Übersicht zu sechs Substanzen: Lithium, Valproat, Haloperidol, Olanzapin, Imipramin und Fluoxetin. Die gesichteten Daten legten nahe, dass diese Medikamente mit Störungen der Sexualfunktion und negativen Effekten auf Spermienparameter verbunden sein können. Die Autoren betonen, dass die meisten Daten aus präklinischen Studien und nicht randomisierten klinischen Studien mit kleinen Stichproben stammen, sodass eindeutige Schlüsse zur klinischen Bedeutung nicht möglich seien; prospektive randomisierte Studien seien nötig. Stärken: Auswahl häufig verordneter Substanzen aus mehreren Klassen. Schwächen: Auswahl der sechs Substanzen ohne erklärte Systematik, keine Zahlen im Abstract, ein SSRI und ein Trizyklikum sind enthalten, die in diesem Kapitel nicht Gegenstand sind.

Samplaski und Nangia 2015: Adverse effects of common medications on male fertility [s118] (Nature Reviews Urology). Narrative Übersicht zu häufig verwendeten Arzneimitteln. Nach dem Abstract können Antihypertensiva und Psychopharmaka Spermien, Sexualfunktion und Hormonwerte beeinflussen; schlüssige Evidenz am Menschen sei oft begrenzt, und die Effekte seien meist reversibel. Die Autoren empfehlen eine entsprechende Beratung der Patienten (Aussage der Autoren). Der Abstract enthält keine Zahlen und trennt die Wirkstoffklassen nicht auf.

Hamed, Ekundina und Akhigbe 2023: Psychoactive drugs and male fertility: impacts and mechanisms [s52] (Reproductive Biology and Endocrinology). Narrative Übersicht zu psychoaktiven Substanzen und männlicher Infertilität, ausdrücklich einschließlich missbräuchlicher Anwendung. Beschrieben werden die Beeinträchtigung von Libido, Androgensynthese, Spermatogenese und Spermienqualität über oxidative Schädigung, Entzündung, Apoptose und Suppression der Hypothalamus-Hypophysen-Hoden-Achse. Schwäche: Der Abstract unterscheidet nicht zwischen therapeutischer Anwendung und Missbrauch; das schränkt die Übertragbarkeit auf verordnete Arzneimittel erheblich ein.

Belhadga, Elmaataoui und Kisra 2023: Antipsychotics and spermatogenesis, which is the impact? A review of the literature [s49] (European Psychiatry, Kongressabstract; Marokko). Literaturübersicht aus einer psychiatrischen Universitätsklinik. Aussage: Antipsychotika führten über Dopaminblockade zu Hyperprolaktinämie und indirekt zu Hypogonadismus; mehrere Studien zeigten veränderte Geschlechtshormone und eine Veränderung des Spermatogenese-Produkts, andere Hodenveränderungen bei Ratten; alle Antipsychotika, klassische wie atypische, könnten Spermatogenesestörungen verursachen. Die Autoren räumen ein, dass die meisten prospektiven Studien an Ratten durchgeführt wurden. Ein Kongressabstract ohne Zahlen: Die Aussagen sind nicht nachprüfbar, und die Formulierung „alle Antipsychotika könnten“ ist durch die Datenlage der Einzelstudien nicht gedeckt.

Ilgin 2020: The adverse effects of psychotropic drugs as endocrine disrupting chemicals on the hypothalamic-pituitary regulation in male [s85] (Life Sciences; Türkei). Narrative Übersicht (Eskişehir). Psychopharmaka (Antipsychotika, Antidepressiva, Stimmungsstabilisierer), die Dopamin, Serotonin und GABA beeinflussen, könnten über die Störung der Hypothalamus-Hypophysen-Regulation wie endokrine Disruptoren auf Spermatogenese und Sexualfunktion wirken; Studien hätten den Zusammenhang zwischen verminderter Spermienqualität und Psychopharmaka-Behandlung gezeigt. Keine eigenen Daten, keine Zahlen im Abstract.

Oukhaba 2024: Impact de la prise de psychotropes sur la fertilité masculine (Auswirkung der Einnahme von Psychopharmaka auf die männliche Fertilität) [s42] (Abschlussarbeit, HAL/DUMAS; Frankreich). Die Arbeit befasst sich mit dem Einfluss von Psychopharmaka auf die männliche Fertilität einschließlich Erektionsfunktion, Spermienparametern und Folgen für die Nachkommen. Der Abstract nennt als Hintergrund, dass in Frankreich 16 Millionen Menschen schon einmal Psychopharmaka und fünf Millionen Cannabis konsumiert haben, und gibt keine Studienzahlen wieder; die Arbeit selbst wurde nicht ausgewertet.

Schill und Przybilla 1985: Nebenwirkungen von Arzneimitteln auf die männliche Fertilität [s185] (Zeitschrift für Hautkrankheiten; Deutschland). Die einzige deutschsprachige Übersicht mit abrufbarem Abstract. Er nennt die antispermatogene Wirkung von Zytostatika, Immunsuppressiva, Psychopharmaka und Antibiotika sowie unter den möglichen Mechanismen die Hemmung des Spermientransports durch Neuroleptika und trizyklische Antidepressiva und die Hemmung der Beweglichkeit durch psychopharmakologische Substanzen; Zahlen fehlen. Ein weiterer deutschsprachiger Titel von 1974 (zu einer Kombination aus Acetylsalicylsäure, Chinidin und Lithium bei Mäusen) wurde gefunden, aber ohne Abstract; der Inhalt ist nicht bekannt und fließt nicht ein. Die deutsche Literatur liefert damit keine Evidenz, die über den englischsprachigen Teil hinausgeht.

Cohen 1981: Effets des psychotropes sur la fonction testiculaire et ovarienne et sur la reproduction (Wirkungen von Psychopharmaka auf Hoden- und Eierstockfunktion und auf die Fortpflanzung) [s188] (Journal de gynécologie, obstétrique et biologie de la reproduction; Frankreich). Übersicht, die Psychopharmaka in drei Gruppen einteilt (Depressiva, Stimulanzien, Modifikatoren der Aktivität des zentralen Nervensystems). Die vorliegende Information lege nahe, dass diese Substanzen die männliche und weibliche Gonadenfunktion beeinflussen, aber beweisende Studien fehlten. Eine Aussage von 1981, die den damaligen Stand wiedergibt.

Elenitza 2005: Efectos adversos endocrinológicos de los psicofármacos (Endokrinologische Nebenwirkungen von Psychopharmaka) [s160] (Vertex, Buenos Aires; Argentinien). Übersicht (Abstract). Hyperprolaktinämie könne unter anderem Galaktorrhö, Amenorrhö, Sexualstörungen, gestörte Spermatogenese und ein erhöhtes Osteoporoserisiko verursachen; atypische Antipsychotika verursachten weniger Hyperprolaktinämie als konventionelle; Lithium wirke deutlich auf die Schilddrüsenfunktion; Valproat könne mit dem polyzystischen Ovarsyndrom zusammenhängen. Keine Zahlen.

Watanabe und Kikuchi 2014: Adverse events of psychotropic drugs (Unerwünschte Ereignisse von Psychopharmaka) [s130] (Seishin Shinkeigaku Zasshi; Japan). Japanischsprachige Übersicht über oft übersehene Nebenwirkungen von Psychopharmaka; Valproat könne androgene Hormone erhöhen, manche Antidepressiva verursachten häufiger Sexualstörungen. Zu Spermien enthält der Abstract keine Aussage.

Gorobets und Mazo 2014: Neuroendocrine dysfunctions during psychopharmacological treatment: clinical presentations, diagnosis, risk factors and treatment (Neuroendokrine Funktionsstörungen unter psychopharmakologischer Behandlung) [s123] (Zhurnal nevrologii i psikhiatrii imeni S.S. Korsakova; Russland). Übersicht zu Prolaktinsyndrom, metabolischem Syndrom und Schilddrüsenstörungen unter Psychopharmaka; nur der Abstract wurde gelesen, Spermiendaten enthält er nicht. Therapieaussagen der Autoren werden hier nicht wiedergegeben.

Gemeinsames Bild der narrativen Übersichten zu Psychopharmaka insgesamt: Sie stimmen darin überein, dass Psychopharmaka die männliche Fortpflanzungsachse beeinflussen können, und sie stimmen ebenso darin überein, dass klinische Samenstudien selten und klein sind [s104, s92, s118, s49]. Keine der Übersichten nennt eine Effektgröße für die Samenparameter beim Menschen unter therapeutischer Anwendung einer der vier Klassen. Die Übersichten zitieren zu einem erheblichen Teil Tierversuche und Hormonstudien, sodass die Zahl der unabhängigen Belege hinter der Zahl der Übersichten deutlich zurückbleibt.

Übersichten zu Antipsychotika, Prolaktin und Sexualfunktion

Peuskens, Pani, Detraux und De Hert 2014: The effects of novel and newly approved antipsychotics on serum prolactin levels [s126] (CNS Drugs). Narrative Übersicht zum Prolaktin. Die höchsten Hyperprolaktinämieraten werden unter Amisulprid, Risperidon und Paliperidon berichtet, während Aripiprazol und Quetiapin das günstigste Profil haben. Die Erhöhungen seien meist dosisabhängig, bei den stark wirksamen Substanzen aber schon bei niedrigen Dosen ausgeprägt; bei Antipsychotika-naiven Patienten mit erster Episode könne eine Hyperprolaktinämie bereits vor der Behandlung bestehen. Schwäche: narrativ, im Abstract keine Zahlen; Prolaktin ist ein Ersatzmarker und kein Samenbefund.

Stojkovic, Radmanovic, Jovanovic, Janjic et al. 2022: Risperidone Induced Hyperprolactinemia: From Basic to Clinical Studies [s66] (Frontiers in Psychiatry). Narrative Übersicht. Die Risperidon-Hyperprolaktinämie wird als häufige, aber vernachlässigte Nebenwirkung beschrieben, mit Folgen unter anderem für die Fertilität. Keine Samenzahlen im Abstract.

Matuszewska, Kowalski, Jawień, Tomkalski et al. 2023: The Hypothalamic-Pituitary-Gonadal Axis in Men with Schizophrenia [s56] (International Journal of Molecular Sciences). Narrative Übersicht. Bei Männern mit Schizophrenie seien veränderte Testosteronspiegel beobachtet worden, einzelne Studien lieferten aber widersprüchliche Ergebnisse; die Spiegel könnten von Krankheitsphase, Symptomen, Therapie, Stress, Antipsychotika-bedingter Hyperprolaktinämie, Adipositas, Suchtmitteln und Leberschäden abhängen. Die Arbeit stützt damit die Warnung vor Störgrößen (Confounding) bei allen Hormonstudien an behandelten Patienten.

Dabbous und Atkin 2018: Hyperprolactinaemia in male infertility: Clinical case scenarios [s98] (Arab Journal of Urology). Systematische Literaturübersicht nach PRISMA, die Hyperprolaktinämie bei männlicher Infertilität allgemein behandelt und nicht spezifisch durch Antipsychotika verursachte. Nach dem Abstract hemmt erhöhtes Prolaktin die männliche Reproduktion, und die Behandlung bestätigter Hyperprolaktinämie mit Dopaminagonisten verbessere Samenparameter und Hormonwerte deutlich. Das ist ein Befund zur Hyperprolaktinämie allgemein; für medikamentös ausgelöste Hyperprolaktinämie unter Antipsychotika ist er nicht gesondert belegt.

Yunilaynen und Dorovskikh 2013: Hyperprolactinemia associated with neuroleptic use (Mit Neuroleptika-Einnahme assoziierte Hyperprolaktinämie) [s140] (Sotsial'naia i klinicheskaia psikhiatriia; Russland). Übersicht (Abstract gelesen). Hyperprolaktinämie unter Neuroleptika sei häufig und bei Frauen häufiger; es werden prolaktinsteigernde und prolaktinsparende Wirkstoffe unterschieden; beim Mann zeige sie sich überwiegend in Störungen der Sexualfunktion.

Park, Kim, Lee et al. 2012: Antipsychotic-induced sexual dysfunction and its management [s142] (World Journal of Men's Health; Korea). Übersicht aus der Urologie. Haloperidol, Risperidon und Amisulprid gelten als prolaktinsteigernd, Olanzapin, Clozapin, Quetiapin, Ziprasidon und Aripiprazol als prolaktinneutral; Risperidon und typische Antipsychotika waren nach der Übersicht mit höheren Raten sexueller Funktionsstörung verbunden als Olanzapin, Clozapin, Quetiapin und Aripiprazol. Therapieaussagen der Übersicht werden hier nicht wiedergegeben.

Atan, Aslan, Güzel et al. 2018: Hiperprolaktinemi ve erektil disfonksiyon (Hyperprolaktinämie und erektile Dysfunktion) [s97] (Androloji Bülteni; Türkei). Urologische Übersicht: Übermäßige Prolaktinfreisetzung könne beim Mann vor allem Infertilität und erektile Dysfunktion verursachen; Hyperprolaktinämie sei selten, aber eine korrigierbare Ursache männlicher Sexualstörung. Medikamenteninduzierte Fälle werden im Abstract nicht gesondert genannt.

Zwischenfazit: Diese Übersichten beschreiben übereinstimmend eine Prolaktin-Hypothese (Dopamin-D2-Blockade, Hyperprolaktinämie, Hemmung von GnRH und LH, sekundärer Hypogonadismus) und eine Rangfolge der Wirkstoffe nach Prolaktinwirkung. Dass diese Kette bis zu einer messbaren Verschlechterung der Samenqualität führt, wird in ihnen angenommen; die Humanstudien in Abschnitt „Beobachtungsstudien“ prüfen sie nur teilweise und finden sie nicht durchgängig bestätigt [s167, s143, s99, s113, s88].

Übersichten zu Benzodiazepinen, Stimulanzien und Lithium

Rodrigues et al. 2026: Potential Neuroendocrine Disruption by Benzodiazepines and Its Impact on Male Reproductive Health [s16] (Journal of Applied Toxicology). Narrative Übersicht. Benzodiazepine seien lipophile Substanzen, die sich in lipidreichen Geweben wie dem Reproduktionstrakt anreichern könnten. Anhaltende Modulation der GABA-A-vermittelten Hemmung könne die Gonadotropinfreisetzung stören, die Testosteronsynthese senken und die Spermatogenese beeinträchtigen. Tier- und In-vitro-Studien deuteten auf Hodenveränderungen, niedrigeres Testosteron, beeinträchtigte Beweglichkeit und oxidativen Stress hin; humane Studien seien begrenzt, der Nachweis von Benzodiazepinen im Samen und ein Zusammenhang mit veränderten Spermienparametern würden noch untersucht. Die Autoren fordern longitudinale Studien zu Dosisabhängigkeit, Reversibilität und transgenerationalen Folgen. Der Abstract nennt keine Zahlen. Damit bestätigt die jüngste Übersicht zu dieser Klasse, was die Primärliteratur dieses Kapitels zeigt: Für Benzodiazepine gibt es am Menschen praktisch keine Samenstudie.

Rodrigues et al. 2026: Impact of Psychostimulant Exposure on Male Fertility and Spermatogenic Function [s15] (Andrology). Narrative Synthese zu Kokain, Methamphetamin, Methylphenidat, Nikotin und Koffein. Die Autoren beschreiben als konsistente Befunde eine Störung der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse, niedrigeres Testosteron, Schädigung von Leydig- und Sertoli-Zellen und, in Spermienanalysen, geringere Konzentration und Beweglichkeit, abnorme Morphologie und mehr DNA-Fragmentierung; sie fordern Beratung sowie Hormon- und Samenüberwachung und weitere Forschung zu Dosisschwellen (Aussagen der Autoren). Schwäche: Der Abstract trennt therapeutische Anwendung und Missbrauch nicht, und die Befunde zu Methylphenidat im therapeutischen Bereich sind darin nicht gesondert ausgewiesen; die dargestellte Konsistenz steht im Kontrast zu den widersprüchlichen Humanstudien zu verordneten ADHS-Stimulanzien [s77, s65, s17, s58].

Gorokhova et al. 2024: Mechanismen der physiologischen und toxischen Wirkung von Lithiumsalzen (Übersicht) [s48] (Gigiena i Sanitariia; Russland). Übersicht (Quellen unter anderem Scopus, MEDLINE, Web of Science, PubMed, Cochrane Library, RINZ, CyberLeninka). Der relevante Absatz hält fest, dass das Lithiumion Beweglichkeit und Stoffwechsel der Spermatozoen hemme. Beschrieben wird ein Rattenversuch (Lithiumcarbonat 500, 800 und 1100 mg/kg Futter über 90 Tage), der zu Degeneration der spermatogenen Zellen, Vakuolisierung der Sertoli-Zellen und signifikant vermehrten abnormen Spermien (p kleiner 0,01) geführt habe; bei Paarung mit gesunden Weibchen sei der Fertilitätsindex auf 50 Prozent gesunken, auch 30 Tage nach Absetzen. Dosen und Dauer entsprechen der Rattenstudie [s166]; die Zahlen werden in der Übersicht aus zweiter Hand referiert. Humandaten zu Spermien unter Lithiumtherapie enthält die Übersicht nicht.

Übersichten zu Antiepileptika mit Stimmungsstabilisierer-Funktion (Randgebiet)

Tallon, O'Donovan und Delanty 2021: Reversible male infertility with valproate use: A review of the literature and case report [s78] (Epilepsy & Behavior Reports). Übersicht mit einem Fallbericht, der eine dosisabhängige Wirkung von Valproat auf Spermienparameter nahelegt. Die Autoren schreiben, Männer unter Valproat sollten über die Möglichkeit einer fortschreitenden, aber reversiblen Infertilität beraten werden, und Valproat solle bei infertilen Männern mit Kinderwunsch abgesetzt und ersetzt werden, besonders bei auffälligen Spermienparametern. Das ist eine Aussage der Autoren und keine Empfehlung dieser Studie; sie stützt sich auf kleine Studien und Einzelfälle.

Aldemir und Akdeniz 2009: Valproatın erkek üreme işlevleri üzerine etkileri (Wirkungen von Valproat auf die männliche Fortpflanzungsfunktion) [s156] (Türk Psikiyatri Dergisi; Türkei). Türkischsprachige Übersicht: Die Ergebnisse seien widersprüchlich, weil Fortpflanzungsstörungen auch von der Epilepsie selbst unabhängig von Valproat herrühren könnten. Keine eigenen Daten.

Avakyan, Badalyan und Mitarbeiter 2010: Reproduktive Störungen bei Männern mit Epilepsie [s155] (Epilepsiia i paroksizmal'nye sostoianiia; Russland). Übersicht: Die Ursache sei wahrscheinlich multifaktoriell (Epilepsie und Medikamente eng verflochten), mit Störungen der Sexualsteroide, des Hypothalamus-Hypophysen-Systems und der Hodenfunktion. Keine Zahlen im Abstract.

Leitlinien und Konsensdokumente

Leitlinien sind keine Metaanalysen, sie geben aber den Stand wieder, auf den sich Fachgesellschaften geeinigt haben. Das Ergebnis ist ernüchternd: Keine der gesichteten Leitlinien zur männlichen Infertilität behandelt die hier gesuchten Wirkstoffklassen.

AUA/ASRM-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung der Infertilität beim Mann [s36]. Die Leitlinie wird auf der Seite der American Urological Association als 2020 veröffentlicht und 2024 ergänzt geführt (online am 15. August 2024). Im abgerufenen Volltext kommen die Wörter Lithium, Benzodiazepin, Methylphenidat, Psychopharmaka und ADHS nicht vor. Zu den hier gesuchten Substanzen findet sich eine einzige Aussage, im Abschnitt zur Hyperprolaktinämie: Arzneimittel, die die dopaminerge Hemmung der Prolaktinsekretion vermindern, verursachten ebenfalls Hyperprolaktinämie; genannt werden Opioid-Analgetika, „many antipsychotics and antidepressants“, Antiemetika, Prokinetika und Antihypertensiva. Hyperprolaktinämie wird als gut belegte Ursache eines sekundären Hypogonadismus beschrieben, und die Leitlinie hält als Expertenmeinung fest, bei infertilen Männern mit Hyperprolaktinämie solle die Ursache abgeklärt und entsprechend behandelt werden. Außerdem verweist sie auf Datenbanken zu reproduktiven Wirkungen von Medikamenten (REPROTOX) und hält fest, dass die Daten zu den meisten Risikofaktoren, einschließlich Medikamenteneinnahme, begrenzt seien. Die Leitlinie trifft keine Aussage zu Antipsychotika, Lithium, Benzodiazepinen oder ADHS-Medikamenten und der Samenqualität.

EAU-Leitlinie Sexual and Reproductive Health, Kapitel Male Infertility [s192]. Im abgerufenen Kapitel fehlen die Wörter Antipsychotika, Neuroleptika, Lithium, Benzodiazepine, Methylphenidat, Psychopharmaka und ADHS. Die Leitlinie nennt allgemein, bei der Anamnese solle „jede mögliche bekannte gonadotoxische Medikation oder Freizeitdrogen“ ausgeschlossen werden (sinngemäße Übersetzung), und führt unter den Medikamenten als Beispiele anabole Substanzen und Chemotherapeutika an. Zur Hyperprolaktinämie heißt es, sie unterdrücke Gonadotropine und führe zu Subfertilität; als Behandlung unabhängig von der Ursache werden Dopaminagonisten oder das Absetzen des auslösenden Arzneimittels genannt, und eine Empfehlung der Stärke „weak“ betrifft Dopaminagonisten bei nachgewiesener Hyperprolaktinämie zur Verbesserung der Spermienqualität. Ein Bezug zu Antipsychotika wird nicht hergestellt. Die Angaben zu Behandlungen sind hier als Inhalt der Leitlinie berichtet.

Japanische Leitlinie zur männlichen Infertilität 2024 [s33]. Die Zusammenfassung der Leitlinie der Japanischen Urologischen Gesellschaft (Tsujimura et al. 2025, International Journal of Urology) nennt als häufigste Ursache die Spermatogenesestörung (82,4 % der männlichen Faktoren) und gibt Empfehlungsgrade für Gonadotropine, Clomifen, Antioxidantien, Varikozelenoperation, Mikro-TESE und Sexualfunktionsstörungen (PDE5-Hemmer Grad A; trizyklische Antidepressiva bei retrograder Ejakulation Grad B). Im Abstract kommen Antipsychotika, Lithium, Benzodiazepine oder ADHS-Medikamente als Ursache von Spermienveränderungen nicht vor; der Volltext wurde nicht ausgewertet.

Koreanische Leitlinie zur antipsychotikainduzierten Hyperprolaktinämie [s53]. Kim et al. 2023 (Clinical Psychopharmacology and Neuroscience) entwickelten nach dem ADAPTE-Verfahren aus Leitlinien, die Qualitätskriterien erfüllten, drei Ausgangsleitlinien und gelangten zu 25 Empfehlungen zu 10 Schlüsselfragen mit Evidenzgraden I bis IV und Empfehlungsgraden A bis D. Der Abstract nennt keine einzelne inhaltliche Empfehlung, und eine Aussage zu Fertilität oder Spermien ist dort nicht enthalten.

Spanischer multidisziplinärer Konsens zur arzneimittelbedingten Hyperprolaktinämie durch Antipsychotika [s111]. Montejo González et al. 2016 (Revista de psiquiatría y salud mental) nennen als kurzfristige Symptome Amenorrhö, Galaktorrhö und sexuelle Dysfunktion (verminderte Lust und erektile Dysfunktion durch sekundären Hypogonadismus) und als mittel- bis langfristige Folgen unter anderem Hypogonadismus, niedrige Knochendichte und kardiovaskuläres Risiko. Die Autorengruppe empfiehlt eine Bestimmung des Prolaktins bei Behandlungsbeginn aller Patienten unter Antipsychotika, zusätzlich FSH, LH, Testosteron und Vitamin D, sowie ein routinemäßiges Erfragen der Sexualfunktion; bei Prolaktin über 150 ng/ml solle ein Prolaktinom ausgeschlossen werden. Das ist eine Konsensaussage der Autorengruppe zur Überwachung und nicht ein Beleg zur Samenqualität; der Abstract nennt keine Spermienparameter und keine Fertilität.

Nicht auswertbar waren die ESHRE-Leitlinien (die abgerufene Übersichtsseite enthielt keinen Hinweis auf eine Leitlinie zu männlicher Infertilität oder zu Psychopharmaka) und das Register der AWMF (JavaScript-Anwendung, über Suchabfragen keine Ergebnisse). Eine Aussage zum Inhalt deutscher und europäischer reproduktionsmedizinischer Leitlinien zum Thema kann deshalb nicht gemacht werden. Die Webseite der Società Italiana di Andrologia war erreichbar, lieferte aber über die Suchabfrage keine Inhalte.

Einordnung der Übersichten

  1. Es gibt keine quantitative Zusammenfassung (Metaanalyse) der Humanstudien zu Antipsychotika, Lithium, Benzodiazepinen oder ADHS-Medikamenten. Die einzige Metaanalyse betrifft Valproat und hat selbst auffällige Unstimmigkeiten zwischen Konfidenzintervallen und P-Werten [s37].
  2. Die systematischen Übersichten [s119, s103] sind jeweils schmal (eine Datenbank, nur englischsprachig, beziehungsweise nur Tierstudien) und kommen zu vorsichtigen Aussagen: Die Humanlage zu Spermien sei uneindeutig [s119], die Tierstudien zu ADHS-Medikamenten seien von schlechter Qualität [s103].
  3. Die narrativen Übersichten wiederholen sich in hohem Maß. Die wiederkehrenden Kernaussagen (Prolaktinanstieg unter Antipsychotika, wenige Samenstudien, überwiegend präklinische Evidenz) gehen auf dieselbe kleine Zahl von Primärstudien zurück. Mehrere Übersichten mischen therapeutische Anwendung und Missbrauch [s52, s15] oder behandeln Wirkstoffe außerhalb der vier Klassen [s92, s104].
  4. Die Leitlinien der Urologie schweigen zu den vier Klassen oder erwähnen allenfalls Antipsychotika als Ursache einer Hyperprolaktinämie [s36, s192, s33]. Überwachungsempfehlungen zum Prolaktin stammen aus der Psychiatrie [s111, s53] und betreffen Hormone, nicht Samenparameter.
  5. Fast alle Übersichten fordern prospektive, kontrollierte Studien; das ist der übereinstimmende Befund der gesamten Übersichtsliteratur [s119, s92, s104, s16, s15].
Alle Kapitel und Anhänge (21)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Ordnung und Qualität der Humanlage bis Lithium
  6. Benzodiazepine bis Gesamteinordnung der Beobachtungsstudien
  7. Wie dieser Abschnitt zu lesen ist bis Antipsychotika
  8. Lithium bis Nicht englischsprachige Quellen, Lücken und Grenzen
  9. Mechanismen und biologische Plausibilität
  10. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  11. Englisch bis Japanisch
  12. Koreanisch bis Türkisch
  13. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  14. Limitationen der Evidenz
  15. Offene Forschungsfragen
  16. Praktische Einordnung
  17. Glossar
  18. Quellenverzeichnis
  19. Diagramme
  20. Quellen
  21. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle