Dieser Abschnitt ordnet die Befunde für unterschiedliche Leserinnen und Leser ein. Er enthält keine Empfehlung zu Behandlung, Medikation oder Verhalten und ersetzt weder eine ärztliche Beratung noch eine Diagnostik. Wo Autoren der Originalarbeiten eine Schlussfolgerung für die Praxis formulieren, wird sie als deren Aussage wiedergegeben, nicht als Aussage dieser Studie.
Was die Befunde über den einzelnen Mann sagen
Die berichteten Unterschiede sind Unterschiede zwischen Gruppen von Männern. Das stärkste Beispiel ist das mütterliche Rauchen: In den größten Datensätzen lagen die Konzentration und die Gesamtzahl der Söhne im Mittel um etwa ein Fünftel bis ein Drittel niedriger [s201, s75]. In der Kopenhagener Querschnittsreihe betrug der Unterschied der Gesamtzahl 119 gegenüber 150 Millionen [s177]; die Autoren dieser Studien ordnen dies eher als bevölkerungsmedizinisch bedeutsam denn als individuell klinisch zwingend ein (so in der englischsprachigen Recherche zu [s177] wiedergegeben). Zugleich lagen in der Allgemeinbevölkerung junger Männer ohnehin viele Werte im unteren Bereich: In Kopenhagen hatten 35 % der Männer eine niedrige Samenqualität [s119], in der Schweiz 17 % eine Konzentration unter 15 Mio./ml [s106], in Hamburg und Leipzig lagen die medianen Konzentrationen bei 46, 42 und 44 Mio./ml [s185]. Wegen der großen Streuung zwischen Männern lässt sich aus einem einzelnen Spermiogramm nicht auf die Schwangerschaft der Mutter zurückschließen, und umgekehrt folgt aus einer mütterlichen Exposition nicht, dass der Sohn eine verminderte Samenqualität hat. In den Interviewdaten der DES-Studie waren selbst Männer mit Genitalfehlbildungen so fruchtbar wie andere [s210].
Die pränatalen Faktoren sind für den erwachsenen Mann nicht mehr änderbar. Für Einflüsse im Erwachsenenalter hält Sharpe fest, dass sie überwiegend reversibel seien, im Unterschied zu perinatalen Einflüssen auf die Sertoli-Zellzahl [s180]. Dass sich Samenparameter bei erwachsenen Rauchern nach Rauchstopp verbessern können, zeigt eine ägyptische Vorher-Nachher-Studie an 60 Männern (Konzentration 14,77 auf 19,27 Mio./ml nach sechs Monaten, ohne Kontrollgruppe) [s33] und die Arbeit von Cui et al. an Menschen und Mäusen [s26]. Das betrifft jedoch das eigene Rauchen, nicht die pränatale Exposition, und die Studie macht keine Aussage über den Einzelfall. Wie ein auffälliger Befund eingeordnet und abgeklärt wird, ist Sache der urologischen oder reproduktionsmedizinischen Untersuchung; die europäische Leitlinie zur männlichen Infertilität stellt die Beratung zu begleitenden Gesundheitsrisiken in den Vordergrund (in der gelesenen Zusammenfassung ohne Aussage zu pränatalen Faktoren) [s31].
Für Schwangere und Paare mit Kinderwunsch
Die Studien sind Beobachtungsstudien, die Gruppenunterschiede beschreiben. Sie begründen für sich genommen keine individuelle Verhaltens- oder Medikationsempfehlung. Einige Autoren formulieren dennoch Folgerungen:
- Rauchen: Jensen et al. sehen in ihren Befunden einen weiteren Grund, Schwangeren vom Rauchen abzuraten [s201]; Stokholm et al. schließen, dass ein kleines, unsicheres Risiko nicht ausgeschlossen werden könne und die geltenden Leitlinien zum Rauchverzicht vor der Schwangerschaft stütze [s15]. Die FEPOS-Analyse fand keinen Vorteil für Söhne, wenn die Mutter nach der siebten Schwangerschaftswoche aufhörte [s75]; ein Argument für das Weiterrauchen ergibt sich daraus nicht, und auch dieser Befund beruht auf einer begrenzten Zahl früh aufhörender Frauen. Die US-Registerstudie zu angeborenen Fehlbildungen sah auch bei geringem Konsum vor der Schwangerschaft erhöhte Risiken [s85]. Das Rauchen in der Schwangerschaft hat darüber hinaus viele andere Folgen, die mit der Samenqualität der Söhne nichts zu tun haben (zum Beispiel ein niedrigeres Geburtsgewicht bei rauchenden Schwangeren in Kairo: 2.583 gegenüber 2.991 g [s86]).
- Paracetamol und andere Analgetika: Die Studien zur erwachsenen Samenqualität zeigen keinen gesicherten Zusammenhang [s47]. Die Autoren der Eletri-Metaanalyse betonen, dass unbehandelter Schmerz oder Fieber in der Schwangerschaft selbst schädlich sein könne, und die Entscheidung gehöre zu der Ärztin oder dem Arzt, die oder der die Schwangerschaft betreut [s05]. Die Übersicht von Tadokoro-Cuccaro et al. empfiehlt aufgrund der begrenzten Evidenz eine vorsichtige Haltung (so in den Recherchen zu [s83] wiedergegeben), und die Autoren der Odense-Studie halten die Veränderung des AGD für individuell klein, aber wegen der Verbreitung der Anwendung für bevölkerungsmedizinisch bedeutsam [s23]. Fragen zur Medikation in der Schwangerschaft gehören in die ärztliche Beratung.
- Alkohol, Kaffee, Übergewicht: Für die Samenqualität der Söhne zeigen die größten Studien kleine und uneinheitliche Effekte [s68, s46, s43]; das bedeutet nicht, dass diese Faktoren in der Schwangerschaft in jeder Hinsicht unbedenklich sind. Die FEPOS-Autoren schließen höhere Alkoholdosen nicht aus [s68]. Die Hormonbefunde bei Söhnen übergewichtiger Mütter wurden teils über das eigene Körpergewicht der Söhne vermittelt, und die Autoren halten diesen Anteil für potenziell vermeidbar (mit Verweis auf Prävention von Übergewicht der Söhne) [s43].
- Hormonell wirksame Stoffe: Einzelne Befunde zu PFOA, BPA, Phthalaten und Mischungen sind klein, unpräzise oder mit Null vereinbar [s164, s74, s09, s60]; Aussagen zu Verbrauchsentscheidungen lassen sich daraus nicht ableiten.
Für Männer mit Kinderwunsch
Die Datenlage zur väterlichen Präkonzeptionsexposition und zur Samenqualität der späteren Söhne ist uneinheitlich: Zwei kleine schwedische Studien fanden niedrigere Werte bei Söhnen rauchender Väter [s157, s110], die größeren dänischen Analysen keinen unabhängigen Zusammenhang [s95, s27]. Die Befunde zu Methylierung und microRNA betreffen die Spermien der exponierten Männer selbst [s128, s87]. Das eigene Körpergewicht war in FEPOS mit einer niedrigeren Gesamtzahl assoziiert (minus 23 % in der Gruppe mit hohem Körperfettanteil; minus 35 bis minus 9) [s03]. Die Umbrella-Übersicht von Wang et al. (43 systematische Übersichten, 67 Risikofaktoren) beschreibt, dass ungünstige Lebensgewohnheiten, die Exposition gegenüber Schadstoffen und bestimmte Medikamente mit schlechterer Samenqualität assoziiert sind, während regelmäßige körperliche Bewegung, Nüsse und eine gesunde Ernährung einen Teil davon umkehren könnten [s20]. Auch hier handelt es sich um Assoziationen in Übersichtsarbeiten, nicht um eine Handlungsempfehlung dieser Studie.
Für Familien mit DES-Vorgeschichte
DES wurde in den 1950er und 1960er Jahren (in Frankreich nach den französischen Übersichten etwa von 1948 bis 1976 [s132, s155]) Schwangeren gegeben. Für heutige Schwangerschaften spielt es praktisch keine Rolle. Für Söhne exponierter Mütter sind Genitalfehlbildungen belegt (Kryptorchismus 1,9; Nebenhodenzysten 2,5; bei früher Exposition höher) [s183]; eine verminderte Zeugungsfähigkeit zeigte die Interviewstudie nicht [s210]. Für die dritte Generation sind die Befunde unsicher und beruhen auf Selbstauskünften und sehr breiten Intervallen [s122, s181, s50]. Fragen zur eigenen Familiengeschichte gehören in die ärztliche Beratung.
Was aus dem Material nicht folgt
| Aussage | Warum sie sich nicht ableiten lässt |
|---|---|
| „Das Rauchen der Mutter erklärt den Rückgang der Spermienzahl.“ | In Kopenhagen sank die Exposition von 40 auf 18 %, ohne dass die mittlere Spermienzahl stieg [s119]; die Metaregression ist ökologisch und kann keine bestimmte pränatale Exposition als Ursache identifizieren [s63]. |
| „Paracetamol in der Schwangerschaft schädigt die Spermien der Söhne.“ | Keine Assoziation in der einzigen Humanstudie zur erwachsenen Samenqualität; alle Intervalle schließen die Null ein [s47]; die Metaanalyse zu Genitalfehlbildungen zeigt 1,02 [s05]. |
| „Ein Rauchstopp nach der Konzeption ist nutzlos.“ | Die Aussage beruht auf einer begrenzten Zahl früh aufhörender Frauen und auf einer anderen Fragestellung als der Nutzen des Rauchverzichts für die Mutter und das Kind insgesamt [s75]. |
| „Mein niedriger Spermiogramm-Befund geht auf die Schwangerschaft meiner Mutter zurück.“ | Die Studien beschreiben Gruppenmittel; der Einzelfall wird durch viele weitere Faktoren bestimmt, und Streuung und Messvariabilität sind groß [s119, s210]. |
| „Hormonell wirksame Stoffe senken nachweislich die Spermienzahl der Söhne.“ | Kleine Kohorten mit Einzelmessung, teils Nullbefunde; Modellrechnungen sind nicht an Samenwerten validiert [s09, s60, s77]. |
| „DES-Söhne sind unfruchtbar.“ | Die einzige randomisierte Nachuntersuchung fand keine Beeinträchtigung der Fertilität nach keinem Maß, auch nicht bei Männern mit Fehlbildungen [s210]. |