Pränatale und transgenerationale Einflüsse · Kapitel 25 von 41 · Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität

1. Evidenzbasis und Lesehinweise

Dieses Kapitel beantwortet vier Fragen, die sich nach den Einzelbefunden der übrigen Kapitel stellen. Erstens: Wird der Effekt größer, wenn die Exposition größer ist (Dosis-Wirkung)? Zweitens: Gilt der Befund für alle Männer gleich, oder unterscheidet er sich nach Alter, Geschlecht der Kinder, Region, Begleitumständen und Vorerkrankungen (Subgruppen)? Drittens: Wie verhält sich der Effekt über die Zeit, also über das Zeitfenster der Schwangerschaft, über die Lebensspanne des Sohnes und über Jahrzehnte der Bevölkerungsentwicklung (Zeitverlauf)? Viertens: Lässt sich ein einmal entstandener Schaden zurückbilden (Reversibilität)? Wo die Daten für eine Antwort nicht ausreichen, steht das ausdrücklich im Text und im Abschnitt 8. Das Kapitel enthält keine Therapie- und keine Verhaltensempfehlung. Alle Humanbefunde sind Beobachtungsbefunde; der Ausdruck "assoziiert" bedeutet durchgehend einen statistischen Zusammenhang und keinen bewiesenen ursächlichen Effekt.

1. Evidenzbasis und Lesehinweise

Woher die Zahlen stammen. Alle Zahlen dieses Kapitels stammen aus den Recherchedokumenten der zwölf Sprachräume und aus der Master-Quellenliste (Zusammenfassungen der Originalarbeiten, bei einigen Arbeiten auch der frei zugängliche Volltext). Für fünf Arbeiten, die für Reversibilität und Altersgruppen zentral sind, wurden für dieses Kapitel zusätzlich die Europe-PMC-Einträge beziehungsweise Volltexte abgerufen: Stokholm 2026 [s15] (Volltext), Cui 2025 [s26] (Volltext), Ragheb 2025 [s33] (Zusammenfassung), Sharpe 2010 [s180] (Zusammenfassung) und die Zusammenfassungen von Jensen 2005 [s199], Hart 2016 [s135], Fisher 2016 [s134], Sun 2018 [s121] und Dai 2017 [s125]. Die Volltexte der meisten übrigen Arbeiten, darunter der FEPOS-Analyse zum mütterlichen Rauchen [s75], standen nicht zur Verfügung; Konfidenzintervalle, die nur in Volltexttabellen stehen, fehlen deshalb.

Wie Effekte angegeben werden. Sofern nicht anders vermerkt, sind Effekte relative prozentuale Unterschiede gegenüber nicht Exponierten oder der niedrigsten Expositionskategorie, meist aus negativ-binomialen Regressionsmodellen. Ein negatives Vorzeichen bedeutet einen niedrigeren Wert beim exponierten Sohn. KI steht für das 95-%-Konfidenzintervall. Ein Intervall, das die Null (bei Verhältnissen die 1) einschließt, ist mit einem fehlenden Effekt vereinbar.

Die Kohorten. Die Dosis-Wirkungs-Befunde stammen überwiegend aus wenigen Kohorten, die sich in Alter der Söhne, Geburtsjahrgang, Expositionsmessung und Teilnahmequote unterscheiden:

KohorteGeburtsjahre / RekrutierungAlter der Söhne bei Samenanalysen (Samenanalyse)BesonderheitID
Fünf-Länder-Studie (Dänemark, Norwegen, Finnland, Litauen, Estland)Musterung 1996 bis 1999junge Männer1.770Teilnahme 13 bis 19 %[s201]
Aarhus-Schwangerschaftskohorte1984 bis 1987, Untersuchung 2005/2006Alter in den Quellen nicht ausgewiesen347 (aus 5.109 Söhnen expositionsabhängig ausgewählt)Alkohol, Koffein, BMI, DNA-Integrität[s192, s179, s186]
Aarhus-Kohorte 1988 bis 19891988 bis 198919 bis 21 Jahre169 bis 176mütterliches Serum in Schwangerschaftswoche 30[s164, s156]
FEPOS (Danish National Birth Cohort)geboren 1998 bis 2000, Untersuchung 2017 bis 2019Median etwa 19 Jahre1.058 (19 % von 5.697 Eingeladenen)größte Längsschnittkohorte; Cotinin im Plasma[s98, s75]
Child Health and Development Studies, KalifornienMütter 1959 bis 196738 bis 47 Jahre196 mit Samenprobehöchstes Alter der Söhne[s171]
Raine-Kohorte, WestaustralienGeburtskohorte20 bis 22 Jahreje nach Analyse 136 bis 423Nabelschnurblut-Östrogene[s135, s144, s111]
Dänisches Register (Health Habits for Two)1984 bis 198735 bis 38 Jahre (klinische Infertilität)11.144 KinderRegisterendpunkt statt Samenanalyse[s15]

Die Teilnahmequote der FEPOS-Kohorte (19 %) ist ein bekanntes Qualitätsproblem; eine eigene Analyse zur Selektionsverzerrung (inverse Selektionsgewichtung, mehrdimensionale Bias-Analyse) fand für die Beziehung zwischen mütterlichem Rauchen im ersten Trimester und Gesamtspermienzahl nach Gewichtung weiterhin eine um 21 % niedrigere Gesamtzahl (KI -32 bis -9) und schätzt das Selektionsrisiko als begrenzt ein [s59]. Das beseitigt die Grundproblematik freiwilliger Teilnahme nicht.

Alle Kapitel und Anhänge (44)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. 2.1 Fragestellung, Leitbegriffe und Expositionsfenster bis 2.6 Hodenvolumen, Hormone und DNA-Integrität
  4. 2.7 Wie Studien Effekte berichten: Effektmaße, Verzerrungen, Designs und 2.8 Die Geschichte der Forschungsfrage
  5. 2.9 Der Populationskontext: Sinken die Spermienzahlen, und was hat das mit der Pränatalfrage zu tun? bis 2.12 Quellen außerhalb der Master-Quellenliste (Transparenz)
  6. Zweck, Auswahl und Lesehinweise bis Paracetamol und andere Analgetika
  7. Hormonell wirksame Stoffe bis Zusammenschau: Was die Metaanalysen für die einzelnen Expositionen zeigen
  8. Gemeinsame methodische Grenzen bis Lücken und nicht belegbare Punkte dieses Kapitels
  9. Vorbemerkung zu Auswahl, Datengrundlage und Lesart
  10. 1.1 Spermienqualität, Hormone und Hodenvolumen der Söhne bis 1.3 Langzeitfolgen jenseits der Samenqualität: Fertilität, Hodenhochstand, Hodenkrebs und Entwicklung
  11. 1.4 Rauchen erwachsener Männer und Rauchen Schwangerer in Regionen mit Wasserpfeife
  12. 2. Alkohol der Mutter in der Schwangerschaft bis 5. Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS)
  13. 6. Hormonell wirksame Stoffe: Dioxine, PCB, Phthalate, Bisphenole, Pestizide, Feinstaub und Mischungen und 7. Übergewicht der Mutter, Körpergewicht der Söhne und intrauterines Milieu
  14. 8. Diethylstilbestrol (DES) und andere Sexualhormone in der Schwangerschaft und 9. Väterliche Präkonzeptionsexposition
  15. 10. Weitere FEPOS-Analysen, Raine-Kohorte und Kohortenprofile und 11. Referenzstudien zur Samenqualität in der Allgemeinbevölkerung und Trendstudien
  16. 12. Gesamtübersicht der Beobachtungsstudien
  17. 1. Interventionsstudien und Nachbeobachtungen randomisierter Studien und 2. Fallserien und exponierte Gruppen im Vergleich
  18. 3. Leitlinien, Stellungnahmen und Kommentare und 4. Humane fetale Hodenkulturen und Xenotransplantate
  19. 5. Tierversuche und 6. Querbewertung: Was die Experimente tragen und was nicht
  20. 7. Überblick in Zahlen und 8. Grenzen dieses Kapitels
  21. Wie die Belegstärke in diesem Kapitel eingestuft wird bis Weg 1: Hemmung der fetalen Androgenbildung und Androgenwirkung (antiandrogene Wege)
  22. Weg 2: Schädigung des Sertoli-Zell-Systems und des Keimzellpools bis Weg 6: Plazenta, fetales Wachstum und Luftschadstoffe (indirekte Wege)
  23. Weg 7: Persistente Stoffe: PFAS, PCB und Dioxine (Rezeptor- und Keimzellwege) bis Weg 12: Gemeinsame familiäre und soziale Faktoren als Alternativerklärung
  24. Zusammenschau: Wo die Wege zusammenlaufen und wo sie sich widersprechen bis Grenzen dieses Kapitels
  25. 1. Evidenzbasis und Lesehinweise
  26. 2. Dosis-Wirkung
  27. 3. Zeitfenster der Exposition bis 7. Wo Daten fehlen
  28. 8. Gesamtbewertung
  29. Englisch und Deutsch
  30. Französisch bis Portugiesisch
  31. Spanisch
  32. Chinesisch und Japanisch
  33. Koreanisch und Russisch
  34. Arabisch und Türkisch
  35. W1. Mütterliches Rauchen: deutliche Abnahmen in Dänemark und Europa, Nullbefunde in Kalifornien und bei Ratcliffe bis W9. Mütterliches Übergewicht: Hormonmuster statt Samenbefund, und uneinheitliche Hilfsgrößen
  36. W10. PFAS, Phthalate, Bisphenole und Mischungen: gleiche Richtung bei PFOA und PFAS-Indizes, aber Nullbefunde bei PCB, DDE und Mischungen bis W17. Zusammenschau der Widersprüche
  37. Limitationen der Evidenz
  38. Offene Forschungsfragen
  39. Praktische Einordnung
  40. Glossar
  41. Quellenverzeichnis
  42. Diagramme
  43. Quellen
  44. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle