Pränatale und transgenerationale Einflüsse · Kapitel 38 von 41

Offene Forschungsfragen

Die folgenden Fragen ergeben sich aus den Widersprüchen und Limitationen. Jeweils ist angegeben, welches Studiendesign sie beantworten könnte und auf welche Quellen sie sich stützen. Die Reihenfolge entspricht keiner Rangfolge der Bedeutung.

  1. Gepoolte Auswertung mit Individualdaten zum Rauchen der Mutter. Es gibt für keinen der Datensätze eine Metaanalyse der Spermienparameter erwachsener Söhne. Eine Individualdaten-Metaanalyse müsste die Expositionskategorien harmonisieren, denn die Kohorten verwenden unterschiedliche Schwellen (mehr als 10 gegenüber mehr als 19 Zigaretten pro Tag) [s203, s192]. Sie könnte klären, ob es eine Schwelle gibt (Zwillingsregister: kein Effekt bei 1 bis 10 Zigaretten pro Tag [s203]; FEPOS: Effekt bereits bei höchstens 10 [s75]) und warum der kalifornische Datensatz abweicht [s171].
  2. Warum stieg die Spermienzahl nicht, als das Rauchen in der Schwangerschaft zurückging? Die Kopenhagener Reihe (40 auf 18 %) [s119] verlangt eine Erklärung: Gegenläufige Expositionen, Restkonfundierung des Querschnittseffekts oder geringe Trennschärfe. Hilfreich wären Analysen, die den Beitrag des Rauchens zur Populationsverteilung modellieren, und weitere Zeitreihen mit einheitlichem Protokoll in anderen Regionen (die französische Fivnat-Reihe [s163] und die Metaregression [s63] erlauben das nicht).
  3. Replikation der PFAS-Befunde. Es gibt zwei dänische Kohorten in gleicher Richtung [s164, s74], aber keine Replikation außerhalb Dänemarks. Nötig sind Kohorten mit größerem Expositionskontrast, Mehrfachmessungen im Verlauf der Schwangerschaft und eine Trennung von pränataler und aktueller Exposition (die aktuellen Plasmawerte in [s82] zeigten keine konsistente Assoziation, die Chromosomenbefunde in [s13] betrafen die Erwachsenenwerte). Neuere kurzkettige Verbindungen und Mischungen mit wiederholten Messungen sind kaum untersucht [s09].
  4. Alkohol und Koffein bei größerem Kontrast. Die FEPOS-Autoren nennen selbst, dass hohe Dosen wegen weniger stark trinkender Mütter nicht beurteilbar sind [s68] und dass für Kaffee Studien mit größerem Expositionskontrast nötig sind [s46]. Gesucht sind Kohorten mit nennenswertem Anteil hoher Konsumenten und objektiven Biomarkern.
  5. Paracetamol: Dauer, Zeitfenster und Confounding by indication. Für die erwachsene Samenqualität gibt es nur die FEPOS-Analyse [s47]. Sinnvoll wären Studien mit wochengenauer Erfassung der Einnahme (die Gewebedaten nennen enge Fenster [s123, s146]), Geschwistervergleiche oder Negativkontrolldesigns, um Schmerz, Fieber und Infektion von der Substanz zu trennen [s05, s129]. Offen ist auch, warum der AGD in der Odense-Kohorte bei Mädchen, nicht bei Jungen signifikant verkürzt war [s23].
  6. Von der Hilfsgröße zum Endpunkt. Ob Anogenitalabstand, Hodenvolumen oder Hormonprofil im Kindes- und Jugendalter die spätere Spermienqualität quantitativ vorhersagen, ist im Material nicht belegt [s129, s06]. Längsschnittstudien, die AGD im Säuglingsalter mit Samenanalysen im Erwachsenenalter verbinden, fehlen.
  7. Folgen der Hormonverschiebung. Wenn LH, Östradiol und freier Androgenindex bei Söhnen übergewichtiger Mütter erhöht sind, ohne dass sich die Samenparameter ändern [s43], stellt sich die Frage, ob dies eine kompensierte Leydig-Zell-Funktion ist [s60, s76] und ob sich später, mit zunehmendem Alter, Folgen zeigen. Die Studien betreffen etwa 19-Jährige; ältere Söhne wurden nur in Kalifornien untersucht [s171].
  8. Väterlicher Weg. Es fehlen detaillierte Rauchanamnesen der Väter (Nie- gegenüber Ex-Raucher, Dauer, Menge) [s27]; offen ist, ob die an Spermien beobachteten Methylierungs- und microRNA-Veränderungen [s128, s87] tatsächlich auf Söhne übergehen und deren Samenqualität beeinflussen. Dafür wären Studien nötig, die väterliche Spermienmarker, kindliche Daten und die Samenqualität der Söhne verbinden; die vorhandenen Studien zu Markern und zur Samenqualität der Söhne bleiben getrennt.
  9. Transgenerationale Übertragung beim Menschen. Über die F2-Generation hinaus liegen für die Samenqualität keine belastbaren Humandaten vor. Für DES wären standardisierte Spermiogramme bei Söhnen und Enkelsöhnen exponierter Personen (Réseau DES France [s122, s132]) die naheliegende Untersuchung; die vorhandenen Drittgenerationsbefunde beruhen auf Selbstauskunft und sehr breiten Intervallen [s181, s122, s50].
  10. Pränatale gegenüber postnataler Exposition. In Seveso lassen sich pränatale und Stillexposition nicht trennen [s176]; im Mausmodell zum Rauchen ebenfalls nicht [s154]. Gesucht sind Designs, die Schwangerschaft, Stillzeit und Kindheit getrennt erfassen (zum Beispiel Kohorten mit Nabelschnurblut und wiederholten Kindheitsmessungen wie in Hokkaido [s115] und den Färöern [s13]).
  11. Mischungen und Expositionsprofile. Hazard-Index-Rechnungen [s77] sind an gemessener Samenqualität nicht validiert; die ersten Mischungsanalysen sind impräzise [s09]. Nötig sind größere Stichproben, wiederholte Messungen kurzlebiger Stoffe und Modelle, die auch Ernährung und Lebensstil berücksichtigen, weil diese mit den Chemikalien korreliert sind [s49].
  12. Der Dosisabstand zwischen Epidemiologie und Tier. Sharpe nennt epidemiologisch berichtete Effekte bei Expositionen, die tausendfach unter den im Rattenversuch wirksamen liegen [s49]; ob dies Konfundierung, Mischungseffekte oder ein biologisches Phänomen ist, ist offen.
  13. Kohorten außerhalb Nordeuropas. Gesucht werden Mutter-Kind-Kohorten mit späterer Samenanalyse der Söhne in Süd- und Westeuropa, Lateinamerika, dem arabischen Raum, der Türkei, Russland, Ostasien und Afrika. Konkret genannt werden in den Recherchen die Verlängerung der Chongqing-Kohorte über das Alter von 2 Jahren hinaus [s71], die Nachverfolgung der JECS-Söhne bis ins Erwachsenenalter [s16], Geburtskohorten in Ägypten und den Golfstaaten mit Erfassung der Wasserpfeife und des Passivrauchens [s86, s88] und eine deutschsprachige Kohorte mit prospektiv erfasster mütterlicher Exposition und Samenanalyse der Söhne (die Hamburg-Leipzig-Daten liefern Ausgangswerte, aber keine Expositionsanalyse [s185]).
  14. Wasserpfeife und Passivrauchen. Die Exposition gegenüber Wasserpfeife in der Schwangerschaft nimmt in Jordanien zu [s88] und ist in Kairo häufig [s86]; ihre Wirkung auf die Samenqualität der Söhne wurde nicht untersucht.
  15. Klinische Endpunkte statt Surrogate. Die Zeit bis zur Schwangerschaft und Vaterschaft sind selten ausgewertet; Stokholm et al. fanden bei registerbasierter Infertilität keine robusten Hinweise [s15]. Gesucht sind Längsschnittdaten, die Samenparameter, Vaterschaft und Zeit bis zur Schwangerschaft in derselben Kohorte verbinden.
  16. Mütterliches Übergewicht und die Wirkung auf die Funktion der Spermien. Offen ist, ob die Hormonverschiebungen die Spermienfunktion (nicht nur die Hormone) beeinflussen und welche Rolle die Adipositas der Söhne selbst als Mediator spielt [s43, s03].
  17. Selektion und Messbarkeit. Weitere Selektionsanalysen für andere Kohorten, standardisierte Laborprotokolle mit mehreren Proben pro Mann und eine Verständigung auf gemeinsame Effektmaße würden die Vergleichbarkeit verbessern [s59, s119].
  18. Mechanismen beim Menschen. Für die Hypothese eines persistierenden Sertoli-Zell-Schadens [s179], einer Störung des Maskulinisierungsfensters [s75] und epigenetischer Programmierung [s128] fehlen direkte Humanbelege; Tier- und Gewebedaten stützen sie nur teilweise [s149].
Alle Kapitel und Anhänge (44)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. 2.1 Fragestellung, Leitbegriffe und Expositionsfenster bis 2.6 Hodenvolumen, Hormone und DNA-Integrität
  4. 2.7 Wie Studien Effekte berichten: Effektmaße, Verzerrungen, Designs und 2.8 Die Geschichte der Forschungsfrage
  5. 2.9 Der Populationskontext: Sinken die Spermienzahlen, und was hat das mit der Pränatalfrage zu tun? bis 2.12 Quellen außerhalb der Master-Quellenliste (Transparenz)
  6. Zweck, Auswahl und Lesehinweise bis Paracetamol und andere Analgetika
  7. Hormonell wirksame Stoffe bis Zusammenschau: Was die Metaanalysen für die einzelnen Expositionen zeigen
  8. Gemeinsame methodische Grenzen bis Lücken und nicht belegbare Punkte dieses Kapitels
  9. Vorbemerkung zu Auswahl, Datengrundlage und Lesart
  10. 1.1 Spermienqualität, Hormone und Hodenvolumen der Söhne bis 1.3 Langzeitfolgen jenseits der Samenqualität: Fertilität, Hodenhochstand, Hodenkrebs und Entwicklung
  11. 1.4 Rauchen erwachsener Männer und Rauchen Schwangerer in Regionen mit Wasserpfeife
  12. 2. Alkohol der Mutter in der Schwangerschaft bis 5. Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS)
  13. 6. Hormonell wirksame Stoffe: Dioxine, PCB, Phthalate, Bisphenole, Pestizide, Feinstaub und Mischungen und 7. Übergewicht der Mutter, Körpergewicht der Söhne und intrauterines Milieu
  14. 8. Diethylstilbestrol (DES) und andere Sexualhormone in der Schwangerschaft und 9. Väterliche Präkonzeptionsexposition
  15. 10. Weitere FEPOS-Analysen, Raine-Kohorte und Kohortenprofile und 11. Referenzstudien zur Samenqualität in der Allgemeinbevölkerung und Trendstudien
  16. 12. Gesamtübersicht der Beobachtungsstudien
  17. 1. Interventionsstudien und Nachbeobachtungen randomisierter Studien und 2. Fallserien und exponierte Gruppen im Vergleich
  18. 3. Leitlinien, Stellungnahmen und Kommentare und 4. Humane fetale Hodenkulturen und Xenotransplantate
  19. 5. Tierversuche und 6. Querbewertung: Was die Experimente tragen und was nicht
  20. 7. Überblick in Zahlen und 8. Grenzen dieses Kapitels
  21. Wie die Belegstärke in diesem Kapitel eingestuft wird bis Weg 1: Hemmung der fetalen Androgenbildung und Androgenwirkung (antiandrogene Wege)
  22. Weg 2: Schädigung des Sertoli-Zell-Systems und des Keimzellpools bis Weg 6: Plazenta, fetales Wachstum und Luftschadstoffe (indirekte Wege)
  23. Weg 7: Persistente Stoffe: PFAS, PCB und Dioxine (Rezeptor- und Keimzellwege) bis Weg 12: Gemeinsame familiäre und soziale Faktoren als Alternativerklärung
  24. Zusammenschau: Wo die Wege zusammenlaufen und wo sie sich widersprechen bis Grenzen dieses Kapitels
  25. 1. Evidenzbasis und Lesehinweise
  26. 2. Dosis-Wirkung
  27. 3. Zeitfenster der Exposition bis 7. Wo Daten fehlen
  28. 8. Gesamtbewertung
  29. Englisch und Deutsch
  30. Französisch bis Portugiesisch
  31. Spanisch
  32. Chinesisch und Japanisch
  33. Koreanisch und Russisch
  34. Arabisch und Türkisch
  35. W1. Mütterliches Rauchen: deutliche Abnahmen in Dänemark und Europa, Nullbefunde in Kalifornien und bei Ratcliffe bis W9. Mütterliches Übergewicht: Hormonmuster statt Samenbefund, und uneinheitliche Hilfsgrößen
  36. W10. PFAS, Phthalate, Bisphenole und Mischungen: gleiche Richtung bei PFOA und PFAS-Indizes, aber Nullbefunde bei PCB, DDE und Mischungen bis W17. Zusammenschau der Widersprüche
  37. Limitationen der Evidenz
  38. Offene Forschungsfragen
  39. Praktische Einordnung
  40. Glossar
  41. Quellenverzeichnis
  42. Diagramme
  43. Quellen
  44. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle