2. Alkohol der Mutter in der Schwangerschaft
Zu Alkohol in der Schwangerschaft und Spermienqualität des erwachsenen Sohnes liegen in den ausgewerteten Quellen zwei Kohortenstudien mit Samenanalyse vor (Aarhus und FEPOS) sowie ein Befund aus der kalifornischen Kohorte (siehe Abschnitt 1.1 [s171]) und einer zu Kryptorchismus [s113]. Die Studien sind deshalb gut vergleichbar, weil Aarhus und FEPOS beide aus Dänemark stammen und dieselbe Forschungsgruppe beteiligt war; sie unterscheiden sich in Geburtsjahrgang (1984 bis 1987 gegenüber 1998 bis 2000), Teilnehmerzahl und Expositionsverteilung.
Ramlau-Hansen und Mitarbeiter 2010: Aarhus-Geburtskohorte (n = 347) [s179]. Maternal alcohol consumption during pregnancy and semen quality in the male offspring: two decades of follow-up (Hum Reprod). Aus einer dänischen Schwangerschaftskohorte (1984 bis 1987) wurden 347 Söhne für eine Nachuntersuchung 2005 bis 2006 ausgewählt; Samen- und Blutproben wurden auf konventionelle Samenparameter und Reproduktionshormone analysiert und mit den prospektiv selbst berichteten Angaben der Mütter zum Alkoholkonsum in der Schwangerschaft in Beziehung gesetzt [s179]. Die Spermienkonzentration sank mit steigender pränataler Alkoholexposition: Die adjustierte mittlere Konzentration lag bei Söhnen von Müttern mit mindestens 4,5 Getränken pro Woche bei 40 Mio./ml (KI 25 bis 60), etwa 32 % niedriger als bei Männern mit weniger als 1,0 Getränk pro Woche (59 Mio./ml; KI 44 bis 77) [s179]. Ejakulatvolumen und Gesamtspermienzahl waren ebenfalls mit der Exposition assoziiert, wobei Söhne mit 1,0 bis 1,5 Getränken pro Woche die höchsten Werte hatten, die Beziehung also nicht linear war [s179]. Für Beweglichkeit, Morphologie und alle Reproduktionshormone einschließlich Testosteron fand sich kein Zusammenhang [s179]. Die Autoren deuten dies als möglichen anhaltenden Schaden an den Sertoli-Zellen und halten eine Erklärung eines Teils der Unterschiede zwischen Populationen und der langfristigen Veränderungen der Samenqualität für denkbar, falls die Zusammenhänge kausal sind [s179]. Stärken: prospektiv erhobene Mutterangaben, Hormonmessung, standardisierte Samenanalyse. Schwächen: nur 347 Männer; die Zahl der Mütter in der obersten Gruppe ist klein (aus der Zusammenfassung nicht ersichtlich); die höchsten Werte liegen in der Zwischenkategorie, sodass keine monotone Dosis-Wirkungs-Beziehung vorliegt; Selbstangaben zu Alkohol in der Schwangerschaft sind anfällig für Untererfassung. Einordnung: Die Arbeit ist die einzige mit einem nennenswerten Konzentrationsunterschied bei hoher pränataler Alkoholexposition; weil Motilität und Testosteron unbeeinflusst blieben, argumentieren die Autoren mit Sertoli-Zellen, das ist eine Hypothese und kein Befund.
Thomsen und Mitarbeiter 2023: FEPOS, Alkohol im frühen Schwangerschaftsverlauf (n = 1.058) [s68]. Maternal alcohol intake in early pregnancy and biomarkers of fecundity in adult sons: A cohort study (Reprod Toxicol). 1.058 Söhne aus FEPOS gaben mit etwa 19 Jahren Blut- und Samenproben ab. Die mütterliche wöchentliche Durchschnittsmenge (0 Getränke als Referenz, über 0 bis 1, über 1 bis 3, über 3 Getränke) und Episoden von Rauschtrinken (mindestens 5 Getränke bei einer Gelegenheit: 0, 1 bis 2, mindestens 3 Episoden) waren um die Schwangerschaftswoche 17 selbst berichtet worden; Zielgrößen waren Samenmerkmale, Hodenvolumen und Reproduktionshormone [s68]. Beobachtet wurden einige kleine Tendenzen zu niedrigeren Samenmerkmalen und verändertem Hormonprofil bei Söhnen von Müttern mit mehr als 3 Getränken pro Woche und mit mindestens 3 Episoden von Rauschtrinken; die Effektschätzer waren insgesamt klein und uneinheitlich und ohne Hinweis auf eine Dosisabhängigkeit [s68]. Wegen der geringen Zahl von Müttern mit hohem Konsum kann nach den Autoren nicht ausgeschlossen werden, dass eine Exposition oberhalb von 4,5 Getränken pro Woche im frühen Schwangerschaftsverlauf schädlich wirkt [s68]. Stärken: große Kohorte, differenzierte Erfassung von Durchschnittsmenge und Rauschtrinken. Schwächen: wenige Mütter mit hohem Konsum und damit geringe Aussagekraft gerade im interessanten Bereich, Selbstangaben, Teilnahmequote 19 %; die Zusammenfassung nennt keine Effektgrößen mit Konfidenzintervallen. Einordnung: Die FEPOS-Studie kann den Aarhus-Befund nicht bestätigen, aber wegen der geringen Zahl stark exponierter Mütter auch nicht widerlegen.
Weitere Befunde. Die kalifornische Kohorte fand für mütterlichen Alkohol keinen Zusammenhang mit der Samenqualität der Söhne [s171]. In der Kryptorchismus-Studie war durchschnittlicher mütterlicher Alkoholkonsum nicht mit dem Hodenhochstand assoziiert, und ein oder zwei Episoden von Rauschtrinken waren mit einem niedrigeren Hazard Ratio verbunden (0,81; KI 0,67 bis 0,98) [s113]. Die Autoren dieser Studie verweisen darauf, dass Alkoholangaben von Schwangeren unterberichtet sein können [s113].
Gesamtbild. Zwei Studien mit Samenanalyse zeigen einen Konzentrationsunterschied (Aarhus) beziehungsweise nur kleine, uneinheitliche Tendenzen (FEPOS), eine dritte Kohorte zeigt keinen Zusammenhang. Eine Aussage zu „sicheren" Mengen ist aus den Daten nicht ableitbar, und eine Therapie- oder Verhaltensempfehlung wird hier nicht gegeben.
3. Koffein, Kaffee und gesüßte Getränke der Mutter
Ramlau-Hansen und Mitarbeiter 2008: Aarhus-Geburtskohorte, Kaffee und eigener Koffeinkonsum (n = 343) [s186]. Semen quality according to prenatal coffee and present caffeine exposure: two decades of follow-up of a pregnancy cohort (Hum Reprod). Von 347 aus 5.109 Söhnen einer dänischen Schwangerschaftskohorte (1984 bis 1987) lagen für 343 Männer Daten vor (Nachuntersuchung 2005 bis 2006); Samen und Blut wurden auf Samenparameter und Hormone analysiert und mit dem mütterlichen Kaffeekonsum in der Schwangerschaft sowie dem eigenen aktuellen Koffeinkonsum in Beziehung gesetzt [s186]. Es zeigte sich eine Tendenz zu sinkendem rohem medianem Ejakulatvolumen (p = 0,06) sowie niedrigerem adjustiertem mittlerem Testosteron (p = 0,06) und Inhibin B (p = 0,09) mit steigendem mütterlichem Kaffeekonsum; Söhne von Müttern mit 4 bis 7 Tassen pro Tag hatten niedrigere Testosteronspiegel als Söhne von Müttern mit 0 bis 3 Tassen (p = 0,04) [s186]. Der aktuelle Koffeinkonsum der Männer war mit steigenden Testosteronspiegeln assoziiert (p = 0,007); bei hoher Aufnahme war die Testosteronkonzentration etwa 14 % höher als bei niedriger (p = 0,008), ohne klaren Zusammenhang mit der Samenqualität [s186]. Die Autoren nennen die Ergebnisse nur vorläufig, schließen aber einen kleinen bis moderaten Effekt der pränatalen Kaffeeexposition auf Volumen und Hormone nicht aus [s186]. Stärken: prospektiv erhobene Kaffeeangaben, Berücksichtigung des eigenen Koffeinkonsums. Schwächen: mehrere Testungen ohne Korrektur, überwiegend nicht signifikante Tendenzen (p zwischen 0,04 und 0,09), kleine Stichprobe. Einordnung: Die Studie ist eher hypothesengenerierend; ihre Ergebnisse betreffen Volumen und Hormone, nicht Konzentration oder Morphologie.
Cirillo und Mitarbeiter 2011: Child Health and Development Studies, mütterlicher Kaffee [s171]. Zur Beschreibung des Designs siehe Abschnitt 1.1. Bei hoher pränataler Exposition (fünf Tassen Kaffee der Mutter pro Tag) war die mittlere Spermienkonzentration um etwa 16 Millionen niedriger als bei nicht exponierten Söhnen (p für abnehmenden Trend = 0,09), proportional etwa 25 %; der mittlere Anteil beweglicher Spermien sank um etwa 7 Punkte (p = 0,04; proportional 13 %), der Anteil morphologisch normaler um etwa 2 Punkte (p = 0,01; proportional 25 %) [s171]. Die Adjustierung für den aktuellen Konsum von Kaffee, Alkohol und Zigaretten der Söhne erklärte die Zusammenhänge der Mütter nicht; Befunde zum Kaffeekonsum der Söhne und zum pränatalen Konsum der Väter waren nicht signifikant und nicht schlüssig [s171]. Stärken: prospektive Erfassung über 40 Jahre, Verwendung eines standardisierten Samenprotokolls. Schwächen: 196 Samenproben, Trendtest für die Konzentration nicht signifikant, Kaffeemenge von fünf Tassen betrifft vermutlich wenige Mütter (aus der Zusammenfassung nicht ersichtlich). Einordnung: In dieser Kohorte ist Kaffee der einzige mütterliche Konsumfaktor mit Zusammenhang zur Samenqualität; die Ergebnisse stehen im Widerspruch zu denen zu Rauchen und Alkohol in derselben Kohorte.
Langergaard und Mitarbeiter 2024: FEPOS, mütterlicher Kaffeekonsum (n = 1.058) [s46]. Maternal coffee consumption and biomarkers of reproductive health in young, adult sons: a cohort study (Reprod Toxicol). Von den 1.058 jungen Männern (2017 bis 2019), die Samen- und Blutproben abgaben und ihr Hodenvolumen selbst maßen, lag der tägliche Kaffeekonsum der Mütter aus Angaben um die Schwangerschaftswoche 17 vor; berechnet wurden relative prozentuale Unterschiede mit 95-%-KI [s46]. Mütterlicher Kaffeekonsum (ja/nein) war mit niedrigerem Ejakulatvolumen assoziiert (minus 7,0 %; KI minus 12,9 bis minus 0,7), mit einem niedrigeren Anteil morphologisch normaler Spermien (minus 8,3 %; KI minus 16,5 bis 0,8), einem höheren Anteil nicht progressiv beweglicher und unbeweglicher Spermien (4,3 %; KI minus 1,5 bis 10,3) und niedrigerem Hodenvolumen (minus 4,8 %; KI minus 9,0 bis minus 0,4) [s46]. In kategorisierten und kontinuierlichen Analysen gab es keinen Hinweis auf Dosis-Wirkung oder Schwellenwerte, und in keiner Analyse Zusammenhänge mit Hormonspiegeln [s46]. Die Autoren sehen insgesamt keine eindeutigen Hinweise darauf, dass mütterlicher Kaffeekonsum im frühen Schwangerschaftsverlauf die Fruchtbarkeit der Söhne verschlechtert; die meisten Schätzer seien klein und überlappten mit der Null, und künftige Studien mit größerem Expositionskontrast seien nötig [s46]. Stärken: große Kohorte, Hormonmessung, Prüfung von Dosisabhängigkeit und Schwellenwerten. Schwächen: Kaffee als Ja/Nein-Angabe mit geringem Expositionskontrast, Selbstangabe, Teilnahmequote 19 %, einmalige Samenprobe. Einordnung: Die Ergebnisrichtungen der drei Kohorten sind nicht deckungsgleich: Aarhus zeigt Volumen und Hormone, Kalifornien Beweglichkeit und Morphologie, FEPOS Volumen und Hodenvolumen. Das Fehlen einer Dosis-Wirkung in der größten Kohorte schwächt eine kausale Deutung.
Hauberg und Mitarbeiter 2026: FEPOS, künstlich gesüßte Getränke (n = 880) [s08]. Maternal Consumption of Artificially Sweetened Beverages in Pregnancies and Biomarkers of Fecundity in Adult Sons (Andrology). 880 junge Männer aus FEPOS wurden einbezogen; die mütterliche Aufnahme gesüßter Getränke wurde über einen Fragebogen zur Nahrungshäufigkeit um die Schwangerschaftswoche 25 erhoben und in vier Stufen eingeteilt (nie, weniger als 1 Portion pro Woche, 1 bis unter 7 Portionen pro Woche, mindestens 1 Portion pro Tag); Zielgrößen im Alter von 18 bis 21 Jahren waren Samenmerkmale, mittleres Hodenvolumen und Hormone; Sensitivitäts-, Mediations-, Substitutions- und Dosis-Wirkungs-Analysen prüften die Robustheit [s08]. Es zeigten sich keine konsistenten Zusammenhänge für die meisten Biomarker. Söhne von Müttern mit mindestens 1 Portion pro Tag hatten einen höheren Anteil von Spermien mit unreifer Chromatinstruktur (18,1 %; KI 3,8 bis 34,3) und eine Tendenz zu höherer DNA-Fragmentierung (6,8 %; KI minus 5,4 bis 20,5) im Vergleich zu nicht exponierten Söhnen; Hodenvolumen und Hormonspiegel waren nicht assoziiert [s08]. Die Autoren sprechen von subtilen ungünstigen Tendenzen (unter anderem niedrigere Konzentration, niedrigerer Anteil normaler Morphologie), die einigen Tierstudien ähneln, betonen aber, die Befunde seien unsicher und zeigten keine klaren schädlichen Effekte [s08]. Stärken: Fragebogen zur Nahrungshäufigkeit in der Schwangerschaft, mehrere Zusatzanalysen. Schwächen: Der einzige Konfidenzintervall-gesicherte Befund betrifft einen von vielen geprüften Endpunkten (Mehrfachtestung); die Gruppe mit mindestens einer Portion täglich ist vermutlich klein; Teilnahmequote von FEPOS 19 %. Einordnung: Ein Einzelbefund unter vielen, der ohne Replikation nicht als Hinweis auf Schädlichkeit zu lesen ist.
4. Paracetamol und andere leichte Analgetika
Die Humanstudien zu Paracetamol lassen sich in drei Gruppen ordnen: direkte Messungen der Spermienqualität erwachsener Söhne (nur FEPOS), Studien an der Vorläufergröße Anogenitalabstand (AGD) und Hodenhochstand bei Säuglingen, in denen die Exposition in der Schwangerschaft erhoben wurde, und Studien zur eigenen Anwendung bei erwachsenen Männern. Der Anogenitalabstand, also die Strecke zwischen Anus und Genitale, gilt als Marker der Androgenwirkung im sogenannten Maskulinisierungsfenster der Schwangerschaft (nach den Autoren der britischen Studie die Schwangerschaftswochen 8 bis 14 [s134]); er ist keine Samenqualitätsmessung, und die Verbindung zur späteren Spermienzahl ist in den hier ausgewerteten Studien nur postuliert, nach den Autoren der Odenser Studie in Querschnittsstudien bei erwachsenen Männern ein kürzerer Abstand mit schlechterer Samenqualität und niedrigerem Testosteron verbunden [s129].
Laursen und Mitarbeiter 2024: FEPOS, Paracetamol in der Schwangerschaft (n = 1.058) [s47]. Maternal intake of paracetamol during pregnancy and biomarkers of male fecundity in young adult sons (Reprod Toxicol). Longitudinale Studie an 1.058 jungen Männern, die 1998 bis 2000 in die Dänische Nationale Geburtskohorte hineingeboren und mit 18 bis 21 Jahren nachuntersucht wurden. Die Exposition (mütterliche Einnahme von Paracetamol) wurde auf drei Arten modelliert: dichotom, trimesterspezifisch und als Dauer in Kategorien (kurz 1 bis 2 Wochen, mittel 3 bis 9 Wochen, lang über 9 Wochen gegenüber keiner Einnahme); Zielgrößen waren Samenmerkmale, selbst gemessenes Hodenvolumen und Hormone, geschätzt mit negativ-binomialer Regression [s47]. Insgesamt 547 Söhne (48 %) waren pränatal exponiert (mindestens eine Einnahme). Die Einnahme in der Schwangerschaft war im dichotomen und im trimesterspezifischen Modell mit keinem Biomarker assoziiert; bei langer Einnahmedauer zeigten sich Tendenzen zu niedrigerer Spermienkonzentration (minus 14 %; KI minus 31 % bis 8 %), höherem Anteil nicht progressiver und unbeweglicher Spermien (8 %; KI minus 4 % bis 21 %) und höherem DNA-Fragmentierungsindex (16 %; KI minus 1 % bis 36 %) gegenüber keiner Einnahme [s47]. Die Autoren fassen zusammen, die Einnahme sei nicht klar mit Biomarkern assoziiert, es könne aber nicht ausgeschlossen werden, dass eine lange Einnahmedauer mit beeinträchtigten Samenmerkmalen verbunden ist [s47]. Stärken: große Kohorte, prospektiv in der Schwangerschaft erhobene Einnahmeangaben (nach der Zusammenfassung wird die mütterliche Einnahme auf drei Arten modelliert), differenzierte Modellierung von Zeitpunkt und Dauer, direkter Samenbefund beim erwachsenen Sohn. Schwächen: Alle Konfidenzintervalle der Dauer-Analyse schließen die Null ein; die Gruppe mit langer Einnahme ist klein (aus der Zusammenfassung nicht ersichtlich); Confounding by indication (Fieber, Schmerz, Infektion als Anlass) ist nicht ausgeschlossen; Teilnahmequote 19 %. Einordnung: Bei einem Anteil von 48 % exponierten Müttern fehlt ein Kontrast bei der Dauer; die Studie liefert keinen Nachweis eines Zusammenhangs und keinen Beweis seiner Abwesenheit.
Østergaard und Mitarbeiter 2022: FEPOS, Paracetamol-Anwendung der Männer selbst (Querschnitt, n = 913) [s81]. Use of paracetamol (acetaminophen) as a nonprescription analgesic and semen quality in young men: A cross-sectional study (Andrology). Aus den 1.058 Männern von FEPOS (18 bis 21 Jahre) lagen für 913 Teilnehmer Angaben vor; ein ausführlicher Online-Fragebogen erfasste die Analgetika-Anwendung, Samenproben wurden analysiert; Zielgrößen waren prozentuale Unterschiede (adjustierte Mittelwertverhältnisse, aMR) nach Anwendung (nein/ja) und Häufigkeit (fast nie; weniger als 1 pro Monat; mindestens 1 pro Monat; mindestens 1 pro Woche) [s81]. 28 % der 913 Teilnehmer berichteten die Anwendung innerhalb der letzten sechs Monate. Anwender hatten eine etwas höhere Gesamtspermienzahl (aMR 1,13; KI 0,99 bis 1,30), andere Merkmale waren unverändert; die Häufigkeit deutete vor allem bei Anwendern mit mindestens 1 pro Woche auf niedrigere Gesamtspermienzahl und weniger morphologisch normale Spermien, die Konfidenzintervalle waren aber breit [s81]. Die Autoren verweisen auf Confounding by indication, auf wahrscheinlich nicht differenzielle Fehlklassifikation durch Erinnerung, und darauf, dass wegen der kurzen Plasmahalbwertszeit von Paracetamol und der wenigen häufigen Anwender keine Aussage zu hohen Dosen möglich sei [s81]. Einordnung: Die Studie betrifft die Exposition im Erwachsenenalter, nicht die pränatale; sie wird als Kontext geführt.
Smarr und Mitarbeiter 2017: Paracetamol im Urin und Samenqualität, USA (Kohorte, n = 501) [s130]. Male urinary paracetamol and semen quality (Andrology). 501 männliche Partner von Paaren mit Schwangerschaftswunsch gaben eine Urinprobe und zwei frische Samenproben im Abstand von etwa einem Monat ab; 35 Samenparameter wurden analysiert, Paracetamol und sein Metabolit p-Aminophenol wurden mit Flüssigchromatographie-Massenspektrometrie im Spoturin bestimmt [s130]. Die medianen Konzentrationen betrugen 15,5 ng/ml (Interquartilbereich 5,44 bis 73,5) für Paracetamol und 978 ng/ml (500 bis 1.596) für p-Aminophenol. Nach Adjustierung für Kreatinin und Alter war eine Standardabweichung mehr log-transformiertes Paracetamol mit einer geringeren Schlag-Kreuzfrequenz (minus 0,59 Hz; KI minus 1,16 bis minus 0,03) und einer höheren DNA-Fragmentierung assoziiert (0,05 %; KI 0,01 bis 0,09); p-Aminophenol war mit kleinerer Spermienkopffläche assoziiert (minus 0,1 μm²; KI minus 0,18 bis minus 0,02) und -breite (minus 0,02 μm; KI minus 0,04 bis minus 0,01), wobei nur der Befund zur Kopffläche in den Quartilmodellen signifikant blieb [s130]. Stärken: Messung im Urin statt Selbstauskunft, zwei Samenproben, sehr viele Parameter. Schwächen: eine einzige Spoturinprobe bei sehr kurzlebiger Substanz, 35 Zielgrößen und damit hohe Mehrfachtestung, kleine absolute Effekte. Einordnung: Auch dies ist eine Studie zur Exposition des Mannes selbst, nicht zur pränatalen.
Kristensen und Mitarbeiter 2011: Odense und Turku, Kryptorchismus (Geburtskohorte, n = 2.297, kombiniert mit Rattenversuch) [s174]. Intrauterine exposure to mild analgesics is a risk factor for development of male reproductive disorders in human and rat (Hum Reprod). In einer prospektiven Geburtskohorte füllten 2.297 dänische und finnische Schwangere einen Fragebogen aus, 491 der dänischen Mütter nahmen an einem Telefoninterview zur Anwendung leichter Analgetika in der Schwangerschaft teil; die Hodenlage der Neugeborenen wurde von geschulten Kinderärzten beurteilt; ergänzend wurden an Ratten der Anogenitalabstand nach intrauteriner Exposition und die Wirkung auf ex vivo kultivierte Hoden am Gestationstag 14,5 untersucht [s174]. In der dänischen Kohorte war die Anwendung leichter Analgetika dosisabhängig mit angeborenem Kryptorchismus assoziiert, besonders bei Anwendung im zweiten Trimester, mit einem höheren Risiko bei gleichzeitiger Anwendung verschiedener Analgetika; in der finnischen Kohorte fand sich der Zusammenhang nicht; bei Ratten verminderte intrauterines Paracetamol den Anogenitalabstand, und leichte Analgetika verringerten die Testosteronproduktion in ex vivo fetalen Rattenhoden [s174]. Stärken: Kombination von Humankohorte und Tiermodell, Untersuchung durch Fachärzte. Schwächen: In der finnischen Kohorte nicht repliziert; Selbstangaben; die Zusammenfassung nennt keine Fallzahlen oder Effektgrößen der Kryptorchismus-Analyse. Einordnung: Die Autoren folgern ein Risiko für Störungen der männlichen Fortpflanzungsentwicklung; wegen der fehlenden Replikation in Finnland und der unklaren Effektgrößen ist das Ergebnis als Hinweis, nicht als gesicherter Befund einzuordnen.
Lind und Mitarbeiter 2017: Odense Child Cohort, Anogenitalabstand bei Söhnen (n = 1.027) [s129]. Maternal use of mild analgesics during pregnancy associated with reduced anogenital distance in sons: a cohort study of 1027 mother-child pairs (Hum Reprod). Zwischen 2010 und 2012 wurden 2.500 Schwangere in die Odense Child Cohort aufgenommen; sie wurden bei der Aufnahme (Schwangerschaftswoche 10 bis 27) und in Woche 28 nach Paracetamol und nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) gefragt; Anogenitalabstand und Penisbreite wurden drei Monate nach dem errechneten Termin von geschultem Personal gemessen; 1.027 Frauen beantworteten beide Fragebögen, und multivariable lineare Regressionen wurden für Alter und Gewicht-für-Alter-Z-Wert adjustiert [s129]. 40 % der Frauen berichteten Paracetamol und/oder NSAR (4,4 %) in den ersten 28 Wochen. Die Exposition war mit einem verkürzten Anogenitalabstand bei Jungen assoziiert, statistisch signifikant aber nur für NSAR; signifikant war der Zusammenhang bei 20 Jungen, die gegenüber beiden Mitteln exponiert waren (minus 4,1 mm; KI minus 6,4 bis minus 1,7); bei Mädchen zeigte sich kein klarer Zusammenhang, und die Penisbreite war unbeeinflusst [s129]. Die Autoren nennen als Einschränkungen: Nur 27 Jungen und 18 Mädchen waren NSAR-exponiert, die meisten zugleich Paracetamol-exponiert, sodass sich NSAR-Wirkung und Mischeffekt nicht trennen lassen; die Angaben wurden bis zu zwei Monate nach der Einnahme selbst berichtet; Confounding by indication; sie bezeichnen die Studie als erste ihrer Art beim Menschen [s129]. Einordnung: Der Befund beruht auf einer sehr kleinen Gruppe (20 Jungen) mit Mehrfachexposition und betrifft den Anogenitalabstand, nicht die Samenqualität.
Fisher und Mitarbeiter 2016: Cambridge Baby Growth Study, Paracetamol im Maskulinisierungsfenster (n = 676 Jungen) [s134]. Prenatal paracetamol exposure is associated with shorter anogenital distance in male infants (Hum Reprod). Von 2.229 zwischen 2001 und 2009 in einer britischen Entbindungsklinik um die 12. Schwangerschaftswoche rekrutierten Frauen setzten 1.640 die Säuglingsstudie nach der Geburt fort, 676 gebaren Jungen und füllten den Medikamentenfragebogen aus [s134]. Anogenitalabstand (gemessen ab 2006), Penislänge und Hodenstand wurden im Alter von 0, 3, 12, 18 und 24 Monaten erfasst, und die Zusammenhänge der Einnahme in drei Zeitfenstern (vor Woche 8, Woche 8 bis 14, nach Woche 14) wurden mit linearen gemischten Modellen geprüft [s134]. 225 von 681 männlichen Säuglingen (33 %) waren in der Schwangerschaft gegenüber Paracetamol exponiert, 68 davon in den Wochen 8 bis 14; Anogenitalabstand lag für 434 Säuglinge vor. Exposition in den Wochen 8 bis 14, nicht in anderen Zeitfenstern, war mit einem kürzeren Anogenitalabstand verbunden (um 0,27 Standardabweichungen; KI 0,06 bis 0,48; p = 0,014) von der Geburt bis 24 Monate, unabhängig von der Körpergröße; Penislänge und Hodenstand waren nicht betroffen [s134]. Die Autoren nennen Confounding durch andere Arzneimittel oder hormonell wirksame Stoffe als nicht auszuschließen, eine nicht voll repräsentative Kohorte (Herkunft der Mütter, Raucherquote) und Fehlklassifikation durch Erinnerungsfehler [s134]. Einordnung: Der Befund eines zeitlich spezifischen Zusammenhangs im Maskulinisierungsfenster ist biologisch stimmig, beruht aber auf 68 exponierten Jungen im relevanten Fenster.
Andreasen und Mitarbeiter 2025: Odense Child Cohort, Paracetamol im Urin und Anogenitalabstand bis 9 Jahre (n = 931 Jungen, 793 Mädchen) [s23]. Maternal urinary paracetamol concentrations and self-reported paracetamol use in mid-gestation: Association to reduced anogenital distance in offspring from infancy to 9 years (Reprod Toxicol). In der Odense Child Cohort füllten Frauen drei Fragebögen zur Paracetamolanwendung in der Schwangerschaft aus und gaben Urinproben um die Schwangerschaftswoche 28 ab; der Anogenitalabstand der Kinder wurde im Alter von 3 und 18 Monaten sowie 3, 5, 7 und 9 Jahren erfasst [s23]. Selbstangaben lagen für 931 Jungen und 793 Mädchen mit 6.292 Messungen vor, Urinkonzentrationen für 281 Jungen und 233 Mädchen mit 2.298 Messungen; analysiert wurde mit propensity-gewichteter linearer Regression, adjustiert für die Körpergröße des Kindes [s23]. 65 % der Frauen gaben Paracetamolanwendung an; Paracetamol war bei allen Teilnehmerinnen nachweisbar, bei 6 % (über 4.000 ng/ml) als Zeichen kürzlicher Einnahme. Konzentrationen, die auf kürzliche Anwendung hindeuteten, waren nicht signifikant mit 1,71 % und 2,25 % kürzerem Anogenitalabstand bei Jungen und Mädchen assoziiert. Selbstberichtete Anwendung zu irgendeinem Zeitpunkt war bei Mädchen signifikant mit 1,56 % kürzerem Abstand assoziiert; Anwendung vor Woche 14 und zwischen Woche 15 und 29 war bei Jungen nicht signifikant mit 1,71 % und 1,79 % kürzerem Abstand assoziiert, bei Mädchen signifikant mit 2,52 % und 2,72 % (Anwendung zwischen Woche 15 und 29 und nach Woche 30) [s23]. Die Autoren halten die Änderungen für gering, für den Einzelnen wenig bedeutsam, wegen der Verbreitung (65 %) aber für gesundheitspolitisch relevant [s23]. Stärken: wiederholte Messungen über neun Jahre, Urinbiomarker zusätzlich zur Selbstauskunft, Propensity-Gewichtung. Schwächen: Urinbiomarker nur bei einem Teil der Kinder und mit kurzer Halbwertszeit; die Effekte bei Jungen sind nicht signifikant, signifikante Befunde finden sich bei Mädchen. Einordnung: Die Ergebnisse lassen sich weder als Bestätigung noch als Widerlegung einer antiandrogenen Wirkung lesen, da die Effekte bei Mädchen deutlicher sind als bei Jungen.
Gesamtbild Paracetamol. Die direkte Evidenz zur Samenqualität erwachsener Söhne stützt sich auf eine einzige Kohorte (FEPOS) und zeigt keinen klaren Zusammenhang; die Vorläuferstudien (Anogenitalabstand, Kryptorchismus) sind uneinheitlich. Aus den Studien lässt sich keine Handlungsempfehlung ableiten, und dieses Kapitel gibt keine.
5. Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS)
PFAS sind langlebige Industriechemikalien mit wasser-, schmutz- und fettabweisenden Eigenschaften, die weltweit im Menschen nachweisbar sind und die Plazenta passieren; deshalb besteht die Sorge, dass eine Exposition im Mutterleib die Hodenentwicklung stören könnte (so die Autoren der Aarhus-Studie [s164]). Die Studienlage zur Samenqualität erwachsener Söhne besteht aus zwei dänischen Kohortenstudien (Aarhus und FEPOS); daneben stehen eine Querschnittsstudie zur aktuellen Exposition der FEPOS-Männer, eine färöische Querschnittsstudie, eine färöische Kohortenstudie zu Chromosomenfehlverteilungen, eine Fall-Kontroll-Studie zu Hodenkrebs und zwei Geburtskohorten zu kindlichem Wachstum und Anogenitalabstand.
Vested und Mitarbeiter 2013: Aarhus-Schwangerschaftskohorte, PFOA und PFOS im Mutterblut (n = 169 Söhne) [s164]. Associations of in utero exposure to perfluorinated alkyl acids with human semen quality and reproductive hormones in adult men (Environ Health Perspect). Aus einer 1988 bis 1989 in Aarhus aufgebauten Schwangerschaftskohorte wurden 169 männliche Nachkommen (19 bis 21 Jahre) rekrutiert; das entsprach 37,6 % der berechtigten Söhne (468 Söhne wurden eingeladen, den Fragebogen auszufüllen, 176 stimmten der körperlichen Untersuchung zu) [s164]. Jeder Mann gab eine Samenprobe und eine Blutprobe ab; als Maß der Exposition im Mutterleib wurden PFOA und PFOS in mütterlichen Blutproben aus der Schwangerschaftswoche 30 bestimmt. Die mütterlichen medianen Plasmakonzentrationen betrugen 3,8 ng/ml für PFOA (Interquartilbereich 2,8 bis 4,7) und 21,2 ng/ml für PFOS (17,4 bis 26,5), die beiden Substanzen waren stark korreliert (Spearman-Rho 0,73) [s164]. In den Rohdaten gab es keine signifikanten Trends; in multivariablen Modellen zeigten sich signifikant negative Trends für Spermienkonzentration (p für Trend = 0,01) und Gesamtspermienzahl (p = 0,001) mit PFOA, beim Vergleich der höchsten mit der niedrigsten Expositionsgruppe eine Verringerung um 34 % der Konzentration (KI minus 58 % bis 5 %) und um 34 % der Gesamtzahl (KI minus 62 % bis 12 %), beide Intervalle also die Null einschließend; die Trends wurden hauptsächlich von deutlich niedrigeren Werten in der obersten Quintile getragen [s164]. Die computergestützte Samenanalyse (CASA) bestätigte dies (minus 33 %; KI minus 54 % bis minus 1 % für die Konzentration; minus 34 %; KI minus 58 % bis 6 % für die Gesamtzahl) und zeigte zudem einen um 13 % niedrigeren Anteil progressiv beweglicher Spermien (KI minus 23 % bis minus 2 %) in der Hochexpositionsgruppe [s164]. FSH war in der Hochexpositionsgruppe nach Adjustierung um 31 % höher (KI 5 % bis 64 %), LH um 24 % höher (KI 4 % bis 48 %); Morphologie, Ejakulatvolumen und Hodenvolumen zeigten keine Zusammenhänge [s164]. PFOS war mit keinem Ergebnis assoziiert [s164]. Stärken (nach den Autoren): Längsschnittdesign mit Messung der Exposition in der entscheidenden pränatalen Phase der Entwicklung der männlichen Fortpflanzungsorgane. Schwächen: Teilnahme nur 37,6 %, wobei Männer mit Fruchtbarkeitsproblemen nach früheren Studien eher teilnehmen; kleine Stichprobe; die Konfidenzintervalle der Tertilvergleiche schließen die Null ein; die Rohdaten zeigten keine Signifikanz, und nach den Autoren lag es an der für die lineare Regression nötigen Transformation, nicht an der Adjustierung, dass Roh- und adjustierte Ergebnisse abwichen. Einordnung: Die Zusammenfassung stützt sich vor allem auf Trendtests, die effektiven Unterschiede sind unsicher; die Arbeit ist hypothesengenerierend und wurde in FEPOS nur teilweise bestätigt.
Hærvig und Mitarbeiter 2022: FEPOS, sieben PFAS im Mutterplasma (n = 864) [s74]. Maternal Exposure to Per- and Polyfluoroalkyl Substances (PFAS) and Male Reproductive Function in Young Adulthood: Combined Exposure to Seven PFAS (Environ Health Perspect). Aus FEPOS (2017 bis 2019) wurden 864 junge Männer (18,9 bis 21,2 Jahre) einbezogen, nachdem 188 wegen zu geringer Plasmamenge und 6 wegen nicht beidseitig deszendierter Hoden ausgeschlossen worden waren; die mütterlichen Plasmaproben (1998 bis 2003, 95 % im ersten Trimester) wurden aus der Dänischen Nationalen Biobank abgerufen, 15 PFAS gemessen, sieben mit Nachweis in über 80 % der Proben analysiert [s74]. Die mediane mütterliche Konzentration war am höchsten für PFOS (27,56 ng/ml; Interquartilbereich 12,74), gefolgt von PFOA (4,40 ng/ml; 2,63); PFOS und PFOA waren stark korreliert [s74]. Es wurden gewichtete Quantilsummen-Regression (WQS) für die Kombination und negativ-binomiale Regression für Einzelsubstanzen verwendet, adjustiert für vorab festgelegte fetale und postnatale Risikofaktoren [s74]. Pro Einheit des WQS-Index war die kombinierte mütterliche PFAS-Exposition mit niedrigerer Spermienkonzentration (minus 8 %; KI minus 16 % bis minus 1 %), niedrigerer Gesamtspermienzahl (minus 10 %; KI minus 17 % bis minus 2 %) und einem höheren Anteil nicht progressiver und unbeweglicher Spermien (5 %; KI 1 % bis 8 %) assoziiert; die Beiträge der Substanzen waren unterschiedlich, Perfluorheptansäure (PFHpA) war trotz niedriger Konzentration der Hauptbeitragende (42 % für die Konzentration, 52 % für die Gesamtzahl, 65 % für unbewegliche Spermien) [s74]. Bei der Einzelsubstanzanalyse hatten Söhne im obersten PFHpA-Tertil eine um 13 % niedrigere Konzentration (KI minus 24 % bis minus 1 %) und einen um 8 % höheren Anteil nicht progressiver und unbeweglicher Spermien (KI 1 % bis 15 %); für die übrigen PFAS waren die Zusammenhänge schwach, die meisten Konfidenzintervalle schlossen die Null ein [s74]. Zu Hodenvolumen und Hormonen gab es keine klaren Zusammenhänge [s74]. Stärken (nach den Autoren): sehr große Stichprobe im Vergleich zu früheren Studien, Information zu fetalen und adulten Faktoren, Mischungsanalyse. Schwächen: Die Autoren räumen ein, dass der starke Beitrag von PFHpA angesichts niedriger Konzentrationen und enger Expositionsbereiche zumindest teilweise Zufall sein kann; WQS setzt eine gleiche Wirkrichtung aller Substanzen voraus; einmalige Messung; Restkonfundierung möglich; Teilnahme 19 %, wobei Teilnehmer, Nichtteilnehmer und Nichtteilnehmer mit unzureichendem Plasma hinsichtlich Merkmalen wie beruflichem Status, mütterlichem Body-Mass-Index vor der Schwangerschaft und Alter vergleichbar waren; die Einzelsubstanzanalysen zeigten nicht für alle PFAS eindeutig nachteilige Assoziationen [s74]. Einordnung: Die FEPOS-Studie ist die größte Untersuchung zur pränatalen PFAS-Exposition und zeigt kleine, konsistente Zusammenhänge der Kombination; die Effekte sind klein (minus 8 bis minus 10 % je WQS-Einheit), und die Autoren fordern eine Replikation in anderen Populationen [s74].
Petersen und Mitarbeiter 2022: FEPOS, aktuelle PFAS-Exposition (Querschnitt, n = 1.041) [s82]. Per- and polyfluoroalkyl substances (PFAS) and male reproductive function in young adulthood; a cross-sectional study (Environ Res). Betrachtet wurde bei 1.041 Männern (18 bis 21 Jahre) aus FEPOS die aktuelle Exposition gegenüber 15 PFAS im Plasma, von denen sechs in mindestens 80 % der Teilnehmer über der Nachweisgrenze lagen; die Auswertung erfolgte mit negativ-binomialer und WQS-Regression [s82]. Es fanden sich keine konsistenten Zusammenhänge zwischen PFAS-Konzentrationen, Samenqualität und Hodenvolumen; höhere Einzel- und Kombinationsexposition war mit etwas höherem FSH assoziiert (WQS 4 % Unterschied; KI 0 bis 9), mit PFOA als Hauptbeitragendem und positiven Signalen von PFDA und PFHxS [s82]. Einordnung: Die aktuelle Exposition der Männer zeigt kein Muster, das dem der mütterlichen Exposition entspricht; zusammen mit [s74] ergibt sich der Eindruck, dass der Zeitpunkt der Exposition eine Rolle spielen könnte. Die Studien schließen aber nicht aus, dass der Unterschied auf Messfehler, Teilnahme oder Zufall beruht.
Petersen MS und Mitarbeiter 2018: Färöer Inseln, PCB und PFAS (Querschnitt, n = 263) [s118]. Reproductive Function in a Population of Young Faroese Men with Elevated Exposure to Polychlorinated Biphenyls (PCBs) and Perfluorinated Alkylate Substances (PFAS) (Int J Environ Res Public Health). Die bevölkerungsbasierte Querschnittsstudie umfasste 263 färöische Männer (24 bis 26 Jahre), die eine Samenprobe zur Bestimmung von Konzentration, Gesamtzahl, Volumen, Morphologie und Beweglichkeit abgaben; eine Blutprobe diente der Bestimmung von Reproduktionshormonen, PCB und PFAS [s118]. Die Exposition gegenüber der Summe der PCB und gegenüber Perfluoroctansulfonat (PFOS) war positiv mit SHBG und LH assoziiert, das Gesamttestosteron zusätzlich positiv mit der PCB-Summe [s118]. Die Autoren deuten den SHBG-Anstieg als möglicherweise über die Leber vermittelt, das höhere Gesamttestosteron bei PCB als mögliche Gegenregulation zur Aufrechterhaltung eines unveränderten freien Testosterons und den LH-Anstieg als möglichen direkten Schaden an den testosteronproduzierenden Leydig-Zellen [s118]. Die Zusammenfassung nennt keine Effekte auf Samenparameter. Schwächen: Die Exposition ist die aktuelle im Erwachsenenalter, nicht die pränatale; Querschnitt ohne zeitliche Abfolge; Mehrfachtestung; die Zusammenfassung nennt keine Effektgrößen.
Perry und Mitarbeiter 2026: Färöer-Geburtskohorte, Chromosomenfehlverteilung der Spermien (n = 96) [s13]. In utero and childhood exposure to organochlorines and perfluorinated chemicals in relation to sperm aneuploidy in adulthood (Environ Health). In Samenproben von 96 färöischen jungen Männern (22 bis 24 Jahre), Mitgliedern einer 1986 bis 1987 gegründeten Geburtskohorte, wurde die Aneuploidie bestimmt; aktuelles und früheres Serum sowie Nabelschnurblut wurden auf DDE, vier PCB-Kongenere (118, 138, 153, 180) und PFAS (PFOA, PFOS, PFNA, PFDA, PFHxS) analysiert [s13]. Geschätzt wurden Inzidenzratenverhältnisse zwischen den Expositionen und dem Risiko eines zusätzlichen Geschlechtschromosoms in Spermien des Erwachsenen als Hinweis auf meiotische Fehler sowie der Mischungseffekt als prozentuale Änderung jeder Disomieart bei Verdopplung der Exposition [s13]. Höhere Organochlorkonzentrationen im Nabelschnurblut und im Serum mit 7, 14 und 22 Jahren waren mit höheren Anteilen chromosomaler Disomien assoziiert; PCB im Nabelschnurblut war vor allem mit einem zusätzlichen Y-Chromosom assoziiert (p = 0,006), PFAS im Erwachsenenalter durchgehend mit XX18- und YY18-Disomien (p-Werte unter 0,05) [s13]. Stärken: wiederholte Expositionsmessung seit der Geburt, Nabelschnurblut als Marker der pränatalen Exposition. Schwächen: nur 96 Männer, viele Expositions-Zielgrößen-Kombinationen, PFAS-Befunde betreffen Konzentrationen im Erwachsenenalter, nicht die pränatale Exposition. Einordnung: Die Autoren sprechen von neuen Hinweisen, dass fetale und spätere Exposition die Bildung männlicher Keimzellen bis ins Erwachsenenalter beeinflussen kann [s13]; die Fallzahl ist für eine Bestätigung zu klein.
Uldbjerg und Mitarbeiter 2025: PFAS und Hodenkeimzelltumor, verschachtelte Fall-Kontroll-Studie (103 Fälle, 446 Kontrollen) [s37]. Exposure to per- and polyfluoroalkyl substances during fetal development and risk of testicular germ cell cancer in adulthood (Environ Int). In einer Quellpopulation von über 100.000 Schwangeren mit biobankierten Serumproben (1985 bis 1994, vor Einschränkungen der PFAS) wurden 549 Mutter-Sohn-Paare (103 Hodenkeimzelltumor-Fälle, 446 gematchte Kontrollen) untersucht; die Söhne wurden bis zu 38 Jahre beobachtet, die Fälle über das Dänische Krebsregister mit histologischer Sicherung identifiziert, acht PFAS im Mutterserum mit LC-MS/MS bestimmt, und Zusammenhänge wurden mit Cox-Regression und Quantil-g-Computation geschätzt [s37]. Die Zusammenhänge einzelner PFAS mit dem Tumorrisiko waren gering und nicht signifikant; die Hazard Ratios für Perfluoralkylsulfonsäuren (PFOS, PFHxS, PFHpS) deuteten pro Quartil auf höhere Risiken, die für Carbonsäuren (PFOA, PFNA, PFDA, PFHpA, PFUnDA) auf niedrigere; die Mischungsanalyse stützte das Muster mit höherem Risiko für die gemeinsame Wirkung der Sulfonsäuren (HR 1,13; KI 0,89 bis 1,44), und bei Seminomen war das Risiko höher als bei Nichtseminomen [s37]. Stärken (nach den Autoren): prospektiv erhobene Daten, große Sammlung langzeitgelagerter mütterlicher Serumproben, vollständige und valide nationale Register. Schwächen: nur 103 Fälle; kein Konfidenzintervall schloss die Null aus; die Unterschiede zwischen Substanzgruppen sind aus der Zusammenfassung nicht auf Zufall abgrenzbar. Einordnung: Hodenkrebs ist eine TDS-Komponente; die Autoren sehen begrenzte Evidenz und Anlass für weitere Forschung vor allem zu Sulfonsäuren und Seminomen [s37].
Xi und Mitarbeiter 2025: Shanghai Minhang Birth Cohort, PFAS und Anogenitalabstand-Verläufe [s38]. Associations of prenatal exposure to legacy and emerging PFAS with anogenital distance growth trajectories during early childhood: A prospective cohort study (J Hazard Mater). In der Shanghai Minhang Birth Cohort wurden mit einem gruppenbasierten Verlaufsmodell Verläufe des Anogenitalabstands charakterisiert, und der Zusammenhang mit pränataler Exposition gegenüber klassischen und neuen PFAS wurde mit multipler logistischer Regression und Bayesscher Kernel-Maschinen-Regression untersucht [s38]. Bei Jungen war die pränatale Exposition gegenüber Perfluorbutansulfonsäure (PFBS) mit niedrigeren Chancen assoziiert, zur Gruppe „schnelles Wachstum" des AGD (AGDAS) zu gehören (OR 0,44; KI 0,20 bis 0,98); bei Mädchen waren PFHxS, PFTrDA und PFDoDA im obersten Tertil und PFHxA im mittleren Tertil mit höheren Chancen für den Verlauf „schnelles Wachstum" des AGD (AGDAF) assoziiert, mit ORs von 2,98 (KI 0,97 bis 9,19), 3,16 (1,08 bis 9,28), 3,27 (0,99 bis 10,81) und 3,60 (1,05 bis 12,28) [s38]. Die Autoren sprechen von vorläufiger Evidenz mit Geschlechtsdimorphismus [s38]. Die Zusammenfassung nennt die Fallzahl nicht. Schwächen: einziger signifikanter Befund bei Jungen ist ein Zusammenhang mit einer einzigen Substanz (PFBS) mit einer unteren Intervallgrenze von 0,20 und oberen von 0,98, also knapp; mehrere Vergleiche; mehrere Intervalle bei Mädchen beginnen knapp bei 1 (0,97 bis 9,19; 0,99 bis 10,81) und sind sehr breit. Einordnung: Ein Surrogat-Endpunkt (Anogenitalabstand), der keine Aussage über die Samenqualität im Erwachsenenalter erlaubt.
Yamamoto und Mitarbeiter 2025: Japan Environment and Children's Study, PFAS und kindliches Wachstum (n = 23.058) [s39]. Association between Maternal Exposure to Per- and Polyfluoroalkyl Substances and Childhood Growth Trajectories up to 4 Years of Age: The Japan Environment and Children's Study (Environ Sci Technol). Schwangere wurden zwischen 2011 und 2014 in die JECS aufgenommen; acht PFAS wurden ausgewählt, Expositionsbelastungswerte für die Mischungen berechnet und mit Latent-Class-Verlaufsmodellen Daten von 23.058 Kindern ausgewertet, die fünf Wachstumsverläufe auf Grundlage alters- und geschlechtsspezifischer Standardabweichungswerte für Gewicht, Größe und Body-Mass-Index ergaben [s39]. PFOS, PFHxS und PFOA waren negativ mit den Chancen auf hoch ansteigende, niedrig ansteigende und/oder Verläufe mit hohem Gewicht assoziiert; alle acht PFAS waren positiv mit dem Verlauf „niedrig ansteigende Größe" assoziiert; PFOS war außerdem positiv mit einem Verlauf sehr geringer Größe und negativ mit einem Verlauf mit hohem Body-Mass-Index assoziiert [s39]. Die Autoren schließen, mütterliche PFAS-Exposition könne stabiles hohes und ansteigendes Gewichtswachstum in der frühen Kindheit unterdrücken und das fetale Größenwachstum hemmen, wobei Aufholwachstum in der frühen Kindheit auftreten könne [s39]. Einordnung: Die Studie ist die größte Kohorte in diesem Abschnitt, betrifft aber kindliches Wachstum und nicht Fortpflanzung; sie ist ein Randbefund zur Plazentapassage und Wirkung von PFAS auf die Entwicklung. Sie belegt, dass PFAS-Exposition im Mutterleib mit Entwicklungsunterschieden assoziiert ist, nicht aber, dass sie die Samenqualität verändert.
Gesamtbild PFAS. Die Evidenz zur Samenqualität stützt sich auf zwei Kohorten (Aarhus 2013, FEPOS 2022). Beide weisen in dieselbe Richtung (niedrigere Konzentration und Gesamtzahl bei höherer mütterlicher Exposition), unterscheiden sich aber in der verantwortlichen Substanz (PFOA in Aarhus, PFHpA in FEPOS bei kleinem PFOA-Beitrag zur Gesamtzahl). Die aktuelle Exposition der Männer zeigt in FEPOS keine konsistenten Zusammenhänge mit der Samenqualität. Aus diesen Studien lässt sich weder eine kausale Wirkung noch eine Handlungsempfehlung ableiten.