Dieses Kapitel bespricht die Kohorten-, Querschnitts- und Fall-Kontroll-Studien der Gesamtstudie einzeln, also Arbeiten, in denen Menschen beobachtet und nicht durch ein Experiment einer Exposition zugewiesen wurden. Übersichtsarbeiten, Metaanalysen, Tierversuche, Leitlinien und Studienprotokolle werden in anderen Kapiteln behandelt und hier nur dort erwähnt, wo sie zum Verständnis einer Einzelstudie nötig sind. Die Gliederung folgt den Expositionen der Gesamtstudie: Rauchen, Alkohol, Koffein, Paracetamol und andere Analgetika, PFAS, hormonell wirksame Stoffe, mütterliches Übergewicht, Diethylstilbestrol (DES), väterliche Präkonzeptionsexposition sowie ergänzend die Referenzstudien zur Spermienqualität in der Allgemeinbevölkerung.
Datengrundlage. Für jede besprochene Studie wurde die Zusammenfassung über die PubMed-Schnittstelle (E-Utilities) abgerufen. Wo die Arbeit frei zugänglich ist, wurde zusätzlich der Volltext über Europe PMC abgerufen und für Methodik, Teilnahme, Ergebnisse und die von den Autoren genannten Stärken und Schwächen ausgewertet. Studien ohne PubMed-Eintrag (zum Beispiel ein spanischsprachiger und ein russischsprachiger Beitrag) stützen sich auf die Angaben in den Recherche-Dokumenten der jeweiligen Sprachräume. Zahlen stammen ausschließlich aus diesen Quellen. Wo nur die Zusammenfassung ausgewertet wurde, ist das im Text vermerkt, und Angaben, die dort nicht stehen (zum Beispiel Konfidenzintervalle einzelner Untergruppen), fehlen. Sätze mit der Einleitung „Einordnung" sind methodische Bewertungen im Rahmen dieser Gesamtstudie und keine Aussagen der Originalautoren; Stärken und Schwächen sind, wo möglich, den Diskussionsabschnitten der Originalarbeiten entnommen.
Lesehilfe. Effektangaben sind, soweit nicht anders vermerkt, relative prozentuale Unterschiede der Spermienkonzentration (Mio./ml), der Gesamtspermienzahl (Mio. pro Ejakulat), des Ejakulatvolumens, des Anteils beweglicher oder normal geformter Spermien, des Hodenvolumens oder von Hormonspiegeln gegenüber nicht Exponierten, mit 95-%-Konfidenzintervall (KI). Ein Konfidenzintervall, das die Null einschließt, bedeutet, dass der beobachtete Unterschied statistisch nicht von keinem Unterschied zu trennen ist. Alle Befunde sind Assoziationen; Ursächlichkeit lässt sich mit Beobachtungsdesigns nicht beweisen. Keine der hier berichteten Studien liefert eine Handlungsempfehlung, und dieses Kapitel gibt keine.
Die gemeinsame Datenbasis FEPOS. Ein großer Teil der neueren Studien stammt aus einer einzigen Kohorte, deren Aufbau hier einmal beschrieben wird. Die Kohorte „Fetal Programming of Semen Quality" (FEPOS) ist eine Söhne-Teilkohorte der Dänischen Nationalen Geburtskohorte (DNBC) [s98]. Von 49.653 in der DNBC geborenen Söhnen waren 21.623 zur Einladung geeignet: Sie mussten noch in der DNBC eingeschrieben sein, ihre Mütter mussten an den beiden telefonischen Befragungen um die Schwangerschaftswochen 16 und 31 teilgenommen und eine gelagerte Blutprobe in der Biobank haben, und die Söhne mussten mindestens 18 Jahre und 9 Monate alt sein, in der Nähe der Untersuchungszentren in Kopenhagen oder Aarhus leben und weder gestorben noch ausgewandert sein [s98]. Zwischen März 2017 und Dezember 2019 wurden 5.697 Männer eingeladen, 1.058 nahmen teil, die Teilnahmequote betrug also 19 % [s98]. Ausgeschlossen waren Männer nach Sterilisation, Krebsbehandlung, Orchiektomie oder mit nur einem oder keinem Hoden [s98]. Die Teilnehmer beantworteten einen umfangreichen elektronischen Fragebogen und wurden klinisch untersucht; sie maßen ihr Hodenvolumen selbst mit einem Prader-Orchidometer, gaben eine Samenprobe und eine Blutprobe ab, und alle Samenanalysen folgten den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2010 [s98]. Von 1.054 Männern mit Samenprobe gaben 87 % sie in der Klinik ab, die übrigen zu Hause [s98]. Der Aufwandsersatz betrug 500 dänische Kronen [s98]. Aus der Perspektive der Gesamtstudie sind für alle FEPOS-Analysen drei Eigenschaften zu beachten: die niedrige Teilnahmequote, die einmalige Samenprobe pro Mann bei nicht streng kontrollierter Karenzzeit, und die selbst gemessene Hodengröße. Die Autoren der Kohortenbeschreibung weisen darauf hin, dass die WHO-Referenzgrenzen an Männern abgeleitet wurden, die kürzlich Vater geworden waren, weshalb in einer unausgewählten Kohorte wie FEPOS zu erwarten sei, dass weniger als 95 % der Männer Werte oberhalb der Grenzen haben [s98]. Eine eigene Analyse zur Selektionsverzerrung in FEPOS prüfte die Beziehung zwischen Rauchen der Mutter im ersten Trimester und der Gesamtspermienzahl mit inverser Selektionsgewichtung und kam zu dem Ergebnis, dass die niedrige Teilnahme nicht zu einer wesentlichen Verzerrung führte; das wird bei den Rauchstudien unter [s59] einzeln besprochen.