Pränatale und transgenerationale Einflüsse · Kapitel 28 von 41 · Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität

8. Gesamtbewertung

  1. Dosis-Wirkung. Eine abgestufte Beziehung ist nur für das Rauchen der Mutter in der Schwangerschaft plausibel belegt: höhere Rauchmenge, größerer Abfall von Spermienkonzentration und Gesamtzahl (FEPOS -19 % und -38 % bei bis zu 10 beziehungsweise mehr als 10 Zigaretten pro Tag; Trend bei Aarhus; Odds Ratios 1,5 und 2,6 für Oligozoospermie bei Jensen 2005), gestützt durch Cotinin als objektiven Marker. Die Form der Kurve, besonders im niedrigen Bereich, bleibt offen, die Intervalle überlappen, und der Registerendpunkt Infertilität zeigt keinen monotonen Gradienten. Für Alkohol, Kaffee, Paracetamol, mütterlichen BMI und väterliches Rauchen gibt es keine belastbare Dosis-Wirkung für Samenparameter; für PFAS und einzelne Phthalate nur Trendtests in kleinen Stichproben. Für DES ist der Zeitpunkt (vor der 11. Woche) wichtiger als die Menge.
  2. Subgruppen. Das Alter der Söhne, das Geschlecht des Kindes, die Region und die Studienpopulation verändern die Befunde, doch sind die Subgruppenanalysen meist explorativ, mit kleinen Fallzahlen und datengetriebenen Grenzen. Der Seveso-Befund (Effekt nur bei Gestillten) zeigt, wie Subgruppen eine Deutung grundlegend verändern können, ist aber mit 21 Söhnen sehr klein und trennt Gebärmutter- und Stillexposition nicht. Für Vorerkrankungen der Mutter oder des Sohnes liegen kaum Daten vor.
  3. Zeitverlauf. Die pränatalen Effekte, soweit vorhanden, werden bei jungen Männern (Mittelwert Anfang 20) gefunden; im Alter von 38 bis 47 Jahren (Kalifornien) und in der Registerstudie nach 26 Jahren fehlen sie oder sind schwächer. Ob das ein echter Alterseffekt, ein Kohorten-, Mess- oder Poweraspekt ist, bleibt offen. Auf Bevölkerungsebene sinkt der Anteil pränatal Rauchexponierter, ohne dass die mittleren Spermienzahlen steigen; die pränatale Rauchexposition erklärt demnach nicht das Niveau.
  4. Reversibilität. Für den Erwachsenen gibt es Hinweise auf teilweise Rückbildung der Raucherfolgen innerhalb von 3 bis 6 Monaten nach Rauchstopp (n = 60 ohne Kontrollarm; Tier- und kleine Humandaten). Für pränatale Effekte gibt es keine Rückbildungsdaten, und die einzige Einschätzung in den Quellen lautet, dass perinatale Effekte auf die Sertoli-Zellzahl wahrscheinlich irreversibel sind [s180]. Diese Einschätzung ist eine Hypothese.
  5. Grenzen der Aussagekraft. Alle Humanbefunde sind Assoziationen aus Beobachtungsstudien mit Selbstauskunft, niedriger Teilnahme, einer Samenprobe pro Mann und Restkonfundierung. Dass eine nicht modifizierbare mütterliche Eigenschaft (späte Menarche) Effektgrößen wie manche Exposition erzeugt [s61], mahnt zur Vorsicht. Die Befunde sind Populationsmittelwerte und erlauben keine Aussage über die Samenqualität eines einzelnen Mannes; eine Samenanalyse und die ärztliche Einordnung klären den individuellen Befund. Dieses Kapitel gibt keine Empfehlung zu Behandlung, Medikation oder Verhalten.
Alle Kapitel und Anhänge (44)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. 2.1 Fragestellung, Leitbegriffe und Expositionsfenster bis 2.6 Hodenvolumen, Hormone und DNA-Integrität
  4. 2.7 Wie Studien Effekte berichten: Effektmaße, Verzerrungen, Designs und 2.8 Die Geschichte der Forschungsfrage
  5. 2.9 Der Populationskontext: Sinken die Spermienzahlen, und was hat das mit der Pränatalfrage zu tun? bis 2.12 Quellen außerhalb der Master-Quellenliste (Transparenz)
  6. Zweck, Auswahl und Lesehinweise bis Paracetamol und andere Analgetika
  7. Hormonell wirksame Stoffe bis Zusammenschau: Was die Metaanalysen für die einzelnen Expositionen zeigen
  8. Gemeinsame methodische Grenzen bis Lücken und nicht belegbare Punkte dieses Kapitels
  9. Vorbemerkung zu Auswahl, Datengrundlage und Lesart
  10. 1.1 Spermienqualität, Hormone und Hodenvolumen der Söhne bis 1.3 Langzeitfolgen jenseits der Samenqualität: Fertilität, Hodenhochstand, Hodenkrebs und Entwicklung
  11. 1.4 Rauchen erwachsener Männer und Rauchen Schwangerer in Regionen mit Wasserpfeife
  12. 2. Alkohol der Mutter in der Schwangerschaft bis 5. Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS)
  13. 6. Hormonell wirksame Stoffe: Dioxine, PCB, Phthalate, Bisphenole, Pestizide, Feinstaub und Mischungen und 7. Übergewicht der Mutter, Körpergewicht der Söhne und intrauterines Milieu
  14. 8. Diethylstilbestrol (DES) und andere Sexualhormone in der Schwangerschaft und 9. Väterliche Präkonzeptionsexposition
  15. 10. Weitere FEPOS-Analysen, Raine-Kohorte und Kohortenprofile und 11. Referenzstudien zur Samenqualität in der Allgemeinbevölkerung und Trendstudien
  16. 12. Gesamtübersicht der Beobachtungsstudien
  17. 1. Interventionsstudien und Nachbeobachtungen randomisierter Studien und 2. Fallserien und exponierte Gruppen im Vergleich
  18. 3. Leitlinien, Stellungnahmen und Kommentare und 4. Humane fetale Hodenkulturen und Xenotransplantate
  19. 5. Tierversuche und 6. Querbewertung: Was die Experimente tragen und was nicht
  20. 7. Überblick in Zahlen und 8. Grenzen dieses Kapitels
  21. Wie die Belegstärke in diesem Kapitel eingestuft wird bis Weg 1: Hemmung der fetalen Androgenbildung und Androgenwirkung (antiandrogene Wege)
  22. Weg 2: Schädigung des Sertoli-Zell-Systems und des Keimzellpools bis Weg 6: Plazenta, fetales Wachstum und Luftschadstoffe (indirekte Wege)
  23. Weg 7: Persistente Stoffe: PFAS, PCB und Dioxine (Rezeptor- und Keimzellwege) bis Weg 12: Gemeinsame familiäre und soziale Faktoren als Alternativerklärung
  24. Zusammenschau: Wo die Wege zusammenlaufen und wo sie sich widersprechen bis Grenzen dieses Kapitels
  25. 1. Evidenzbasis und Lesehinweise
  26. 2. Dosis-Wirkung
  27. 3. Zeitfenster der Exposition bis 7. Wo Daten fehlen
  28. 8. Gesamtbewertung
  29. Englisch und Deutsch
  30. Französisch bis Portugiesisch
  31. Spanisch
  32. Chinesisch und Japanisch
  33. Koreanisch und Russisch
  34. Arabisch und Türkisch
  35. W1. Mütterliches Rauchen: deutliche Abnahmen in Dänemark und Europa, Nullbefunde in Kalifornien und bei Ratcliffe bis W9. Mütterliches Übergewicht: Hormonmuster statt Samenbefund, und uneinheitliche Hilfsgrößen
  36. W10. PFAS, Phthalate, Bisphenole und Mischungen: gleiche Richtung bei PFOA und PFAS-Indizes, aber Nullbefunde bei PCB, DDE und Mischungen bis W17. Zusammenschau der Widersprüche
  37. Limitationen der Evidenz
  38. Offene Forschungsfragen
  39. Praktische Einordnung
  40. Glossar
  41. Quellenverzeichnis
  42. Diagramme
  43. Quellen
  44. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle