Dieses Kapitel setzt die Durchmusterung der Sprachräume fort und behandelt sechs Räume: Chinesisch, Japanisch, Koreanisch, Russisch, Arabisch und Türkisch. Die Kernfrage lautet in jedem Raum gleich: Welche eigenen Kohorten, Register, Leitlinien und Fachzeitschriften gibt es zum seminalen und genitalen Mikrobiom, zu Probiotika und zur Spermienqualität, und was lässt sich daraus ableiten? Die Antwort fällt für die sechs Räume sehr unterschiedlich aus. Sie reicht von einer Reihe eigener Sequenzierkohorten (Chinesisch, mit der Einschränkung, dass es sich um englischsprachige Arbeiten chinesischer Zentren handelt) über eine einzige Arbeitsgruppe mit Hodengewebe-Daten (Russisch) und eine Region mit überwiegend kulturbasierten und PCR-basierten Infektionsstudien (Arabisch im Sinne von Iran und Ägypten) bis zu Räumen, in denen die eigensprachige Primärliteratur praktisch fehlt (Japanisch, Türkisch).
Wie dieses Kapitel zu lesen ist. Drei Vorbemerkungen gelten für alle Abschnitte.
- Sprachraum ist nicht gleich Land und nicht gleich Bevölkerung. Gemeint ist, welche Literatur in der jeweiligen Sprache oder aus der jeweiligen Region auffindbar war. Fast alle hier besprochenen Arbeiten sind in englischsprachigen, in PubMed indizierten Zeitschriften erschienen. Eigensprachige Datenbanken (CNKI, Wanfang, J-STAGE, CiNii, KCI, KoreaMed, DBpia, eLIBRARY.ru, CyberLeninka, Al Manhal, Arab World Research Source, TR Dizin) waren nach Angabe der Recherche-Dokumente nicht oder nur eingeschränkt auswertbar. Dass eine Arbeit nicht gefunden wurde, heißt nicht, dass sie nicht existiert.
- Doppelte Kernarbeiten werden nicht wiederholt. Die internationalen Übersichten und Kohorten, die in mehreren Sprachraum-Dokumenten auftauchen (etwa Farahani [s089], Prihadi [s020], Baud [s101], Lundy [s092], Osadchiy [s056]), sind in den Kapiteln zu Metaanalysen und Beobachtungsstudien ausführlich dargestellt. Hier erscheinen sie nur dort, wo sie für das Verständnis des Sprachraums nötig sind, in der Regel mit einem Halbsatz. Die Tiefe dieses Kapitels liegt bei den regionalen Primärstudien.
- Textgrundlage. Wo ein Volltext über Europe PMC (Open Access) oder eine PDF-Datei der Zeitschrift gelesen werden konnte, stammen Methoden, Gruppengrößen und Zahlen aus dem Volltext. Sonst stehen sie im Abstract; das ist jeweils vermerkt. Eine eigene Risiko-der-Verzerrung-Bewertung (Risk of Bias) wurde nicht durchgeführt; die Stärken und Schwächen sind die der Studie selbst, soweit sie aus Methoden und den Selbstangaben der Autoren hervorgehen. Dieses Kapitel gibt keine Therapieempfehlung. Wo Autoren Behandlungsansätze nennen, sind das ihre Aussagen.
Chinesisch
Abgrenzung und Textgrundlage. Die Durchsicht chinesischsprachiger Quellen stieß an eine harte Grenze: CNKI, Wanfang und die Volltexte der Zeitschrift für Andrologie (中华男科学杂志, Chinese Journal of Andrology) waren über die verfügbaren Werkzeuge nicht abrufbar. Chinesischsprachige Originalarbeiten konnten daher nicht geprüft werden, und ein Urteil über deren Zahl oder Qualität ist nicht möglich. „Chinesischer Sprachraum“ bedeutet in diesem Abschnitt: englischsprachige Arbeiten chinesischer Zentren, ergänzt um zwei ältere Studien aus Taiwan und Shanghai. Die Aussage „aus China gibt es wenig“ wäre deshalb selbst nicht belegt; belegt ist nur, dass die erreichbare Literatur dünn ist und aus wenigen Zentren stammt. Eine chinesische Leitlinienaussage zu Samenkultur, Antibiotika oder Probiotika wurde nicht geöffnet und wird deshalb nicht dargestellt.
Überblick. Aus China liegen vier Querschnitts- bzw. Fall-Kontroll-Studien zum Ejakulat-Mikrobiom vor (Shandong 2020 [s099], Changsha 2022 [s084], Shandong 2023 mit Darm, Urin und Ejakulat [s066], Chengdu 2025 und 2026 [s041, s014]). Dazu kommen eine Stuhl-Metagenom-Studie [s015], eine klinische Studie mit Mausmodell zur Spermiengewinnung bei Azoospermie [s027] sowie Tierarbeiten [s031, s039] und Übersichten [s032, s030]. Alle Ejakulat-Studien sind querschnittlich oder fallkontrolliert und haben 53 bis 159 Teilnehmer.
Die Ejakulat-Studien im Einzelnen
Yang et al. 2020, Shandong [s099]. Originaltitel: Potential pathogenic bacteria in seminal microbiota of patients with different types of dysspermatism. Die Studie an der Maternal and Child Health Care Hospital of Shandong Province (Ethikvotum IRB 2017-03) schloss 159 Teilnehmer ein: 22 mit Oligoasthenozoospermie, 58 mit Asthenozoospermie, 8 mit Azoospermie, 13 mit Oligozoospermie und 58 passende gesunde Kontrollen; das mittlere Alter lag bei 31,65 ± 6,01 Jahren ohne Gruppenunterschied. Einschlusskriterien waren unter anderem keine Antibiotika in den letzten drei Monaten, keine bekannte Erbkrankheit, keine sexuell übertragbare Erkrankung in der Vorgeschichte und keine Kortikosteroide. Die Probanden hielten 3 bis 7 Tage Karenz ein; Penis und Eichel wurden mit warmem Seifenwasser und 75-%-Alkohol gereinigt, die Proben innerhalb von zwei Stunden bei minus 80 Grad Celsius eingefroren. Sequenziert wurde die V1-V2-Region des 16S-rRNA-Gens (Primer 27F und 355R, Illumina HiSeq 2500); es entstanden 3.871.353 hochwertige Sequenzen (im Mittel 24.348 je Probe) und 1.065 taxonomische Einheiten bei 97 % Identität. Als Kontaminationsmaßnahme wird nur die Entfernung chimärer Sequenzen genannt; Negativkontrollen werden nicht beschrieben.
Die Alpha-Diversität (Shannon, ACE) unterschied sich weder zwischen Patienten und Kontrollen noch zwischen den fünf Gruppen (jeweils P > 0,05). Die Beta-Diversität dagegen unterschied sich: Patienten mit Dysspermie gegen Kontrollen (gewichtetes UniFrac r = 0,598, P = 0,001; ungewichtet r = 0,972, P = 0,001), Asthenozoospermie gegen Kontrollen (r = 0,294, P = 0,0001 gewichtet; r = 0,362, P = 0,0001 ungewichtet) und Oligoasthenozoospermie gegen Kontrollen (r = 0,270, P = 0,001; r = 0,316, P = 0,001). Für Oligozoospermie und Azoospermie fanden sich keine signifikanten Unterschiede, bei 13 beziehungsweise 8 Teilnehmern ist das schlicht eine Frage der Teststärke. Fünf Phyla dominierten (Proteobacteria, Firmicutes, Actinobacteria, Bacteroidetes, Fusobacteria); die häufigsten Gattungen waren Lactobacillus, Corynebacterium, Acinetobacter, Prevotella, Enterococcus, Veillonella, Streptococcus, Porphyromonas, Sneathia und Pelomonas. Insgesamt unterschieden sich 110 taxonomische Einheiten zwischen Dysspermie und Kontrollen. In der Dysspermie-Gruppe angereichert waren unter anderem Lactobacillus, Bacteroides, Delftia, Sneathia, Anaerococcus, Finegoldia, Aerococcus, Atopobium, Ralstonia und Ureaplasma; in den Kontrollen angereichert waren unter anderem Pelomonas, Propionibacterium, Bosea, Sphingomonas und Mycobacterium. Lactobacillus steht damit auf der Seite der Patienten, ein Befund, der der verbreiteten Lesart „Lactobacillus schützt“ widerspricht (siehe Widersprüche unten).
Für die Gruppe mit Asthenozoospermie wurden vier Biomarker mit ROC-Kurven geprüft (LDA > 3): Propionibacterium (AUC 0,650; 95-%-KI 54,6 bis 75,3 %), Pelomonas (0,683; 58,4 bis 78,2 %), Lactobacillus (0,841; 76,2 bis 92,0 %) und Propionibacterium acnes (0,647; 54,4 bis 75,1 %). Für die Oligoasthenozoospermie ergab Lactobacillus eine AUC von 0,773 (66,2 bis 88,4 %), Propionibacterium 0,727, Prevotella copri 0,763 (63,2 bis 89,3 %), Pelomonas 0,662 und Acinetobacter 0,679. (Zufällig gleicht die AUC von 0,773 der des Chengduer Modells [s014]; es sind verschiedene Studien mit verschiedenen Kohorten.) Die funktionelle Vorhersage (PICRUSt) nannte 40 verschiedene KEGG-Wege bei Asthenozoospermie und 32 bei Oligoasthenozoospermie, bei beiden mit mehr Aktivität in Zellwachstum und Zelltod, Lipidstoffwechsel und Stoffwechselkrankheiten; der Lipidstoffwechsel unterschied sich in allen drei Patientengruppen. Als Einschränkung nennen die Autoren, dass trotz Kulturversuch wegen des geringen Gehalts keine Erreger angezüchtet werden konnten und Metabolomik und Kulturomik nötig seien. Stärken: die größte Kohorte des Sprachraums, mehrere Phänotypen, ein Ethikvotum, definierte Karenz und Hautreinigung. Schwächen: eine einzige Zentrumskohorte, keine beschriebenen Negativkontrollen bei niedriger Biomasse, kleine Untergruppen, ROC-Werte ohne externe Validierung, Gruppenvergleiche über viele Taxa (Angaben zur Korrektur für multiples Testen fehlen in der verfügbaren Zusammenfassung).
Yao et al. 2022, Changsha [s084]. Originaltitel: Semen microbiota in normal and leukocytospermic males. Die Studie am Dritten Xiangya-Krankenhaus der Central South University untersuchte 87 Samenproben: 33 mit normaler Leukozytenzahl (20 Kontrollen, 13 Asthenozoospermie) und 54 mit Leukozytospermie (32 mit gleichzeitiger Asthenozoospermie, 22 ohne). Leukozytospermie war definiert als mehr als 1 × 10⁶ Leukozyten je ml im Ejakulat (WHO-Definition). Eingeschlossen wurden Männer ab 18 Jahren bei Voruntersuchung vor der Ehe oder bei vorzeitigem Samenerguss bzw. Unfruchtbarkeit mit einer Spermienkonzentration über 15 × 10⁶/ml; ausgeschlossen wurden unter anderem chronische Systemerkrankungen, Tumoren, Fieber oder Infektion in den letzten zwei Monaten sowie Antibiotika, Immunsuppressiva und Kortikosteroide in diesem Zeitraum. Weil Oligo- und Azoospermie ausgeschlossen waren, deckt die Studie nur leichtere Störungen ab. Die Proben wurden nach 3 bis 7 Tagen Karenz durch Masturbation gewonnen, nach zweimaligem Waschen von Händen und Penis mit Seife; sequenziert wurde die V3-V4-Region (Illumina MiSeq, Primer 338F und 806R). Negativkontrollen werden im Methodenteil nicht ausdrücklich erwähnt.
Der Shannon-Index war in der Leukozytospermie-Gruppe gegenüber den Kontrollen signifikant erhöht (P < 0,05); Ace- und Chao-Index waren leicht erhöht. Die häufigsten Gattungen waren Streptococcus, Lactobacillus, Burkholderia-Caballeronia-Paraburkholderia, Staphylococcus, Gardnerella, Ralstonia, Corynebacterium, Veillonella, Acinetobacter und Rhodococcus. Auf Phylumebene lagen Firmicutes bei 38,7 % (Kontrolle), 35,3 % (Asthenozoospermie), 37,6 % (Leukozytospermie) und 41,2 % (beides), Proteobacteria bei 26,3 %, 28,9 %, 25,0 % und 25,2 %; Bacteroidetes stiegen von 3,9 % in der Kontrollgruppe auf 9,4 % bei Leukozytospermie (P < 0,05). Zwei Profile traten auf: ein Lactobacillus-reiches (Kontrolle 60,0 %, Asthenozoospermie 53,9 %, Leukozytospermie 45,5 %, beides 50,0 %; zusammengefasst 57,6 % ohne gegenüber 48,1 % mit Leukozytospermie) und ein Streptococcus-reiches Profil (42,4 % ohne gegenüber 51,9 % mit Leukozytospermie). Bei den Spermienparametern waren Konzentration, progressive und Gesamtmotilität sowie die Akrosin-Aktivität in den Leukozytospermie-Gruppen niedriger (alle Vergleiche P < 0,001); laut Volltext lag die Konzentration bei Leukozytospermie gegenüber den Kontrollen um 10,2 % niedriger, die progressive Motilität um 11,2 %, die Gesamtmotilität um 9,5 % und die Akrosin-Aktivität um 11,8 %. Ob das relative Änderungen oder Prozentpunkte sind, geht aus der Zusammenfassung nicht eindeutig hervor. Die Autoren räumen selbst ein, dass die Cluster-Beziehung schwach war und mehr Proben nötig seien. Stärken: eine klar definierte Entzündungsfrage, Ausschluss von Infektion und Antibiotika. Schwäche: Die zwei Profile unterscheiden sich im Anteil nur um knapp zehn Prozentpunkte; Korrelationskoeffizienten werden nicht berichtet; bei einem Ausschluss von Oligo- und Azoospermie bleibt offen, ob die Befunde für schwerere Störungen gelten.
Cao et al. 2023, Darm, Urin und Ejakulat [s066]. Originaltitel: Characterization of the semen, gut, and urine microbiota in patients with different semen abnormalities. Die Studie am Central Hospital der Shandong First Medical University schloss 53 Teilnehmer in fünf Gruppen ein: 12 Kontrollen, 12 mit Asthenozoospermie ohne Hyperviskosität, 6 mit Oligozoospermie, 9 mit schwerer Oligozoospermie bzw. Azoospermie und 14 mit alleiniger Hyperviskosität des Ejakulats (definiert als Fadenbildung von mehr als 2 cm nach einer Stunde Verflüssigung). Das Recherche-Dokument nennt als Ort Tianjin; der Volltext nennt die Shandong First Medical University, und diese Angabe wird hier übernommen. Ausschlusskriterien waren Antibiotika in den letzten drei Monaten, Eingriffe am Urogenitaltrakt im letzten Jahr, Tumoren, Testosteronanwendung in den letzten zwei Jahren, Bluthochdruck und Diabetes. Aus 53 Männern wurden 157 Proben (Stuhl, Urin, Ejakulat) analysiert; ein Teilnehmer lieferte keine Stuhlprobe, eine Samenprobe scheiterte bei der DNA-Extraktion. Die V3-V4-Sequenzierung (Illumina, 2 × 250) ergab 12.393.226 Rohsequenzen, 11.140.437 bereinigte Sequenzen und 9.612 OTUs (6.270 im Darm, 5.920 im Urin, 3.547 im Ejakulat).
Der Darm zeigte die höchste Alpha-Diversität (P < 0,001 gegenüber Urin und Ejakulat); zwischen Kontroll- und auffälligen Ejakulatgruppen fanden sich in keinem Probentyp signifikante Alpha-Unterschiede. Im Ejakulat dominierten Lactobacillus, Prevotella, Finegoldia, Staphylococcus, Streptococcus und Ureaplasma. Im Darm war Collinsella bei Asthenozoospermie, schwerer Oligozoospermie bzw. Azoospermie und Hyperviskosität vermindert, Bifidobacterium und Blautia bei Asthenozoospermie; Bacteroides war bei schwerer Oligozoospermie bzw. Azoospermie erhöht. Staphylococcus im Ejakulat war bei Asthenozoospermie und Hyperviskosität erhöht; Lactobacillus im Urin war bei Oligozoospermie und Hyperviskosität vermindert. Verallgemeinerte lineare Modelle (Sternchen für P < 0,05, Koeffizienten im Text nicht genannt) verbanden Lactobacillus mit Konzentration und Gesamtzahl, Collinsella mit Konzentration, Gesamtzahl und vorwärts beweglichen Spermien, Bifidobacterium mit vorwärts beweglichen Spermien; negativ verbunden waren Bacteroides (auch mit dem Alter), Prevotella und Alicycliphilus mit Konzentration und Gesamtzahl. Die Autoren nennen als Einschränkungen eine Einzelzentrumsstudie mit kleiner Stichprobe, Mittelstrahlurin (der Urethra-Flora enthält), das Fehlen von Negativkontrollen und von Dekontaminationssoftware, eine einmalige statt wiederholte Sequenzierung, nicht untersuchte DNA-Schäden und die fehlende Stuhltransplantation im Tiermodell zur Prüfung. Stärke: der einzige Datensatz des Sprachraums mit drei Körperkompartimenten bei denselben Männern, was die Darm-Hoden-Hypothese prüfbar macht. Schwächen: Gruppen von 6 bis 14 Männern, keine Kontaminationskontrolle, multiple Vergleiche.
Lu et al. 2025, Chengdu: Mikrobiom und Metabolom [s041]. Originaltitel: Comprehensive microbiome and metabolome analysis ... idiopathic oligoasthenozoospermia. In dieser Fall-Kontroll-Studie standen 40 unbehandelte Männer mit idiopathischer Oligoasthenozoospermie (IOA) 30 gesunden fertilen Kontrollen gegenüber, deren Partnerinnen im vergangenen Jahr entbunden hatten oder schwanger geworden waren. Die Patienten erfüllten die WHO-Kriterien und hatten in den letzten drei Monaten keine Entzündung des Genitaltrakts, negative Kultur sowie negative Mykoplasmen- und Chlamydientests und im letzten Monat keine Antibiotika. Sie teilten sich in drei Untergruppen: Oligozoospermie (n = 23), Asthenozoospermie (n = 6) und Oligoasthenozoospermie (n = 11). Sequenziert wurde die V3-V4-Region (Illumina NovaSeq 6000); die Samenplasma-Metabolomik lief ungezielt (GC-MS und LC-MS). Die Beta-Diversität (Binary-Jaccard) unterschied sich nicht signifikant (P = 0,059). Prevotella war bei allen drei Patientengruppen gegenüber den Kontrollen erhöht (P = 0,036), die Kontrollen waren mit Bacteroides und Bacteroidaceae angereichert. Beim Metabolom gab es bei der Oligozoospermie-Gruppe 489 Unterschiede (155 hoch, 334 herunterreguliert) und bei der Oligoasthenozoospermie-Gruppe 462 (97 hoch, 365 herunter); zu den angereicherten Wegen gehörten der Tyrosinstoffwechsel (P = 0,0002), der Galaktosestoffwechsel (P = 0,001) und ABC-Transporter (P = 0,006). Ein Korrelationsnetzwerk (|r| > 0,6) verband Dialister, Prevotellaceae_NK3B31_group, Lawsonella und Blautia mit Metaboliten des Samenplasmas. Für die Asthenozoospermie-Gruppe mit nur sechs Männern war das Modell überangepasst und nicht auswertbar. Die Autoren nennen Einzelzentrum, begrenzte Stichprobe, mögliche Auswahlverzerrung, fehlende Aussage über Funktion und Kausalität und fehlende Längsschnittdaten. Der Wert der Studie liegt in der Verbindung zweier Ebenen (Bakterien und Stoffwechsel); ob Bakterien die Metaboliten verursachen oder umgekehrt, kann ein Querschnitt nicht klären.
Lu et al. 2026, Chengdu: maschinelles Lernen [s014]. Originaltitel: Interpretable machine learning uncovers core seminal microbial signatures in idiopathic oligoasthenospermia. Dieselbe Fallzahl (40 IOA, 30 fertile Kontrollen; ob es dieselben Männer sind, sagt der Abstract nicht ausdrücklich) wurde mit drei Verfahren zur Merkmalsauswahl ausgewertet: LASSO (6 Kerngattungen), Random Forest (15 Kandidaten) und SVM-RFE (9 Gattungen). Der Schnitt aller drei ergab fünf Gattungen: Blautia (schützend, mittlerer absoluter SHAP-Wert 0,132), Prevotella (Risikofaktor, 0,115), Bacteroides (in beide Richtungen: niedrige Häufigkeit Risiko, hohe schützend; 0,066), Nesterenkonia (Risikofaktor, 0,059) und die [Eubacterium]-oxidoreducens-Gruppe (Risikofaktor, 0,032). Das Modell erreichte eine AUC von 0,773 (95-%-KI 0,661 bis 0,885); die Kalibrierung wurde als gut beschrieben. Die Validierung war intern (verschachtelte, wiederholte, geschichtete Kreuzvalidierung, 5-fach × 20 Wiederholungen; Gattungen mit Auswahlhäufigkeit ab 0,6 wurden behalten); eine externe Validierung gab es nicht. Die vorhergesagten KEGG-Wege der fünf Gattungen waren vor allem Kohlenhydrat- und Nukleinsäurestoffwechsel, am stärksten die Glykolyse/Glukoneogenese (P = 6,67 × 10⁻³). Die Autoren selbst führen Einzelzentrum, kleine Stichprobe, fehlende Kausalität, die nur auf 16S plus Funktionsvorhersage gestützte Funktionsaussage und die fehlende externe Validierung an. Das Modell ist ein Befund zur Mustererkennung in einer Kohorte von 70 Männern, kein Test. Der Anspruch der Autoren, es könne ein „nichtinvasiver Screening-Marker“ werden, ist ihre Aussage und durch die Datenlage nicht gedeckt.
Luo et al. 2026, Chengdu: Stuhl-Metagenom [s015]. Originaltitel: Functional remodeling of the gut microbiome and metabolome in primary idiopathic male infertility. Diese Fall-Kontroll-Studie der Zweiten Klinik West China (Sichuan-Universität) untersuchte nicht das Ejakulat, sondern den Stuhl: 19 Männer mit primärer idiopathischer Unfruchtbarkeit und 12 fertile Kontrollen (Shotgun-Metagenomik plus ungezielte LC-MS/MS-Metabolomik, dazu computergestützte Samenanalyse). Einschluss: Alter 18 bis 55 Jahre, Mischkost, keine Magen-Darm-Operation; ausgeschlossen wurden bei den Patienten unter anderem Varikozele ab Grad II, Kryptorchismus oder Orchitis, Chromosomenanomalien oder Y-Mikrodeletionen, Verschlüsse, endokrine Störungen, aktive Infektionen und Antibiotika, Probiotika oder Hormone in den letzten drei Monaten. Die Gruppen unterschieden sich im Alter (31 ± 5,5 gegenüber 35 ± 2,0 Jahre; P = 0,021) und im Rauchen (8 von 19 gegenüber 0 von 12; P = 0,029), nicht im BMI (24,8 gegenüber 23,5). Die Konzentration lag bei 47,4 (42,6) gegenüber 78,6 (31,9) Mio/ml (P = 0,038), die progressive Motilität (A+B) bei 38,0 (34,0) gegenüber 59,5 (23,8) % (P = 0,003; Mittelwerte mit Standardabweichung in Klammern). Reichtum und Vielfalt unterschieden sich nicht (Chao1 P = 0,7; Shannon P = 0,9838), ebenso nicht die Gesamtstruktur (adonis R² = 0,044; P = 0,15). Dennoch gab es 23 unterschiedlich häufige Arten (LDA > 2,0): bei den Patienten Shigella flexneri, Shigella sonnei, Escherichia coli und Escherichia sp.; bei den Kontrollen Bifidobacterium sp., Catenibacterium mitsuokai, Eubacterium ramulus und Dorea amylophila. Hinzu kamen 53 veränderte KEGG-Wege der Metagenomik (unter anderem Pentosephosphatweg, Arginin- und Prolinstoffwechsel, HIF-1- und PPAR-Signalweg) und 780 unterschiedliche Metaboliten unter 4.434 annotierten in 29 angereicherten Wegen. Ascorbinsäure und Brenztraubensäure korrelierten stark negativ mit der progressiven Motilität (Koeffizienten nicht angegeben); Escherichia/Shigella korrelierten positiv mit Brenztraubensäure. Die Autoren nennen die kleine Stichprobe, das Querschnittsdesign, möglichen Restkonfundierung, nicht kontrollierte Ernährung, nicht erfasste Hormondaten, das Fehlen einer Vergleichsgruppe mit bekannter Ursache und, dass zu einem Modell keine verschachtelte Kreuzvalidierung und keine Konfidenzintervalle für AUC-Werte berechnet wurden. Das Raucher- und Altersungleichgewicht ist für die Deutung wichtig, weil Rauchen und Alter beide mit Samenparametern zusammenhängen.
Hodengewebe, Spermiengewinnung und Tiermodelle
Yao G. et al. 2026, Zunyi: Spermiengewinnung bei Azoospermie [s027]. Originaltitel: Gut Bacteroidales and AMH/INH-B ratio predict sperm retrieval. Die Studie verbindet eine retrospektive klinische Auswertung am Reproduktionszentrum der Affiliated Hospital of Zunyi Medical University (2021 bis 2024) mit einem Mausmodell. Der Abstract nennt 58 Männer. Aus dem Volltext ergibt sich die Aufteilung: 34 Männer mit nichtobstruktiver Azoospermie (NOA) und normalem FSH (5,16 ± 2,34 mIU/ml) und 24 gesunde Kontrollen. Von den 34 Patienten hatten bei der mikrochirurgischen Hodenbiopsie (Micro-TESE) 24 einen Spermiennachweis und 10 nicht (Erfolgsrate 70,6 %). AMH (7,12 gegenüber 10,78 ng/ml) und Inhibin B (157,51 gegenüber 260,71 pg/ml) lagen bei den Patienten niedriger (P < 0,01); FSH und Testosteron unterschieden sich nicht. Das Mausmodell nutzte Busulfan (3 mg/kg täglich über 17 Tage intraperitoneal); im Modell waren Bacteroidales, Muribaculaceae und Bacteroides vermindert, das Verhältnis Firmicutes zu Bacteroidetes erhöht, und die kurzkettigen Fettsäuren Essig-, Propion- und Buttersäure im Serum erniedrigt (P < 0,01). Die Stuhltransplantation (5 g Spenderstuhl in 10 ml Kochsalzlösung als Einlauf, alle drei Tage, insgesamt sechsmal, ab Tag 21 nach Busulfan) stellte diese Taxa und die Fettsäuren wieder her und hob die Proteine für Proliferation (PCNA, PGK2), Blut-Hoden-Schranke (ZO-1, Claudin-11) und Steroidsynthese (StAR, CYP17A1) an (P < 0,05).
Wichtige Einordnung der Zahlen. Der Abstract schreibt die AUC von 0,92 (95-%-KI 0,86 bis 0,98; Grenzwert 0,65; Sensitivität 88,2 %; Spezifität 85,7 %) dem Serum-Quotienten AMH/Inhibin B zu. Im Volltext ergibt sich ein anderes Bild: Der Quotient allein erreichte AUC 0,84 (Sensitivität 82,5 %, Spezifität 78,9 %), die Bacteroidales-Häufigkeit allein 0,78 (75,0 %; 72,4 %), und erst die Kombination beider 0,92. Die Abbildung dazu ist im Volltext ausdrücklich auf „NOA-Mäuse“ bezogen. Gleichzeitig räumen die Autoren ein, dass die Darmmikrobiom-Analyse nur im Mausmodell, nicht in der Patientenkohorte erfolgte und dass die direkte Übertragung der Mausbefunde auf den Menschen ein „nicht gerechtfertigter Artenschluss“ wäre. Wie ein kombiniertes Vorhersagemodell mit einem Messwert gerechnet wurde, der bei den Patienten nicht erhoben wurde, ist aus den verfügbaren Texten nicht nachvollziehbar. Als weitere Einschränkungen nennen die Autoren das retrospektive Einzelzentrumsdesign, die kleine Stichprobe und die ungleichen Untergruppen (24 gegenüber 10). Die 0,92 ist also vorläufig und nicht auf den Menschen übertragbar; das Recherche-Dokument sprach von „58 NOA-Patienten“, was dem Volltext nicht entspricht.
Zheng et al. 2026, chronischer Stress bei der Ratte [s031]. Originaltitel: Chronic stress drives oligoasthenozoospermia via gut microbiota-vitamin-Sting1/Slc9c2 axis. Diese Arbeit in Nature Communications (Peking-Universität) beschreibt ein Modell des chronischen Zwangsschwimmstresses (CFSS) über 21 Tage mit 5 bis 7 Ratten je Gruppe (n = 10 für die Metabolomik). Stress erhöhte Kortikosteron (351,80 ± 25,49 gegenüber 209,8 ± 14,70 ng/ml; P = 0,0037) und senkte Gesamtmotilität (31,14 ± 4,12 % gegenüber 69,33 ± 3,80 %; P < 0,0001) und Konzentration (9,21 ± 0,85 gegenüber 19,21 ± 1,24 × 10⁶/ml; P = 0,0096). Lactobacillus war vermindert (relative Häufigkeit 0,014 ± 0,002 gegenüber 0,031 ± 0,004; P = 0,0143), auf Artebene signifikant nur Lactobacillus reuteri (0,085 ± 0,031 gegenüber 0,473 ± 0,094; P = 0,0143). Die Autoren schildern eine Kette: Glukokortikoid schwächt die Darmbarriere über Glukokortikoidrezeptor-Signale, Lactobacillus nimmt ab, der Stoffwechsel der Vitamine A und E gerät aus dem Gleichgewicht, Sting1 wird hochreguliert, und im Nebenhoden sinkt die Slc9c2-Expression (mRNA 0,61 ± 0,06 gegenüber 1,24 ± 0,14; Protein 0,55 ± 0,05 gegenüber 1,09 ± 0,05), was die Motilitätsstörung erklären soll. Die Gabe von Lactobacillus (Gesamtmotilität 76,00 ± 4,60 % gegenüber 58,29 ± 4,55 % unter Vehikel; P = 0,018; Konzentration 12,41 ± 0,58 gegenüber 8,49 ± 0,74; P = 0,0013) oder von Vitamin A und E (76,00 ± 2,75 % gegenüber 55,38 ± 5,57 %; P = 0,0051) verbesserte die Befunde; die Kombination stellte die Fruchtbarkeit nicht vollständig wieder her. Interessant für die Übertragbarkeit: NHE11 (Slc9c2) liegt beim Menschen im Kopf der Spermien, bei der Maus nur im Flagellum und bei der Ratte in beiden Anteilen, die Lokalisation ist also artspezifisch. Humane Primärdaten enthält die Arbeit nicht. Die Dosierung der Vitamine A und E nennt der Haupttext nicht. Das ist die mechanistisch am weitesten ausgearbeitete chinesische Arbeit, bleibt aber ein Rattenmodell für Stress, kein Befund zur Probiotika-Wirkung beim Mann.
Weitere Tier- und Übersichtsarbeiten. Hu et al. 2025 (Hainan; Originaltitel: Morinda officinalis oligosaccharides improves sperm motility via the gut microbiota) prüften Oligosaccharide aus Morinda officinalis (einer in der traditionellen chinesischen Medizin verwendeten Pflanze) bei C57BL/6J-Mäusen mit Gossypol-induzierter Asthenozoospermie (Gossypol 20 mg/kg alle drei Tage über 30 Tage, danach 14 Tage Schlundsonde mit 12,5, 25 oder 50 mg/kg; L-Carnitin 10 mg/kg als Positivkontrolle) [s039]. Die Oligosaccharide verbesserten die Motilität dosisabhängig, stellten Testosteron wieder her und reicherten bei der hohen Dosis die Gattung Anaerococcus an; die Übertragung von Anaerococcus und die Hemmung mit Rapamycin sprechen nach den Autoren für den IGF-1/PI3K/mTOR-Weg. Die Zusammenstellung von Zhou et al. 2026 (Cell Biology and Toxicology; Originaltitel: The influence and mechanism of gut microbiota on spermatogenesis) beschreibt Vitaminstoffwechsel, extrazelluläre Vesikel mit miR-211-5p, Sphingolipidstoffwechsel, kurzkettige Fettsäuren und Androgenspiegel als Wege, auf denen eine Dysbiose die Spermatogenese stören könnte [s032]. Zhang et al. 2026 (Originaltitel: Trimethylamine N-oxide and impaired spermatogenesis in the gut-testis axis) bewerten Trimethylamin-N-oxid (TMAO) ausdrücklich als „Kandidat für einen Stoffwechselvermittler“, nicht als bewiesenen Kausalfaktor oder Behandlungsziel; menschliche Beobachtungsdaten verbinden TMAO mit Asthenozoospermie und dem Leydig-Zell-Marker INSL3 [s030].
Ältere Arbeiten aus Taiwan und Shanghai. Weng et al. 2014 (Originaltitel: Bacterial communities in semen from men of infertile couples: metagenomic sequencing reveals relationships of seminal microbiota to semen quality; Taiwan, 96 Proben von Männern aus Paaren mit Kinderwunsch) fanden als häufigste Gattungen Lactobacillus (19,9 %), Pseudomonas (9,85 %), Prevotella (8,51 %) und Gardnerella (4,21 %); normale Proben gehörten zu 80,6 % dem Lactobacillus-Cluster an [s116]. Hou et al. 2013 (Originaltitel: Microbiota of the seminal fluid from healthy and infertile men; Erstautor von der Shanghai Jiao Tong University School of Medicine) untersuchten 19 Spender und 58 Patienten und fanden sechs Bakteriengemeinschaften ohne Unterschied zwischen Spendern und Patienten, aber einen negativen Zusammenhang zwischen Spermienqualität und Anaerococcus [s117]. Beide Arbeiten sind im Kapitel zu den Beobachtungsstudien ausführlich dargestellt.
Probiotika und Übersichten im chinesischen Raum
Eine eigene chinesische Probiotika-Studie am Mann wurde nicht gefunden. Die Metaanalyse von vier Studien mit 156 Teilnehmern (SMD Konzentration 1,96; 95-%-KI 0,08 bis 3,84; I² 95 %) stammt nicht aus China [s020]; Oliveira et al. werten vier randomisierte Studien aus [s055]; die breitere Metaanalyse von Melhem et al. (41 RCT, 3.615 Männer) bewertet die Sicherheit der Evidenz für Antioxidantien als sehr niedrig [s017]. Details siehe die Kapitel zu Metaanalysen und Interventionsstudien.
Regionale Besonderheiten, Widersprüche und Grenzen
Zwei Merkmale heben die chinesischen Arbeiten ab. Erstens die Verbindung zur traditionellen chinesischen Medizin: eine Klinik für chinesische Medizin als Studienort [s041, s014] und die Morinda-Studie [s039]. Zweitens Multi-Omics-Designs, die Darm, Urin, Ejakulat, Stoffwechsel und Metagenom koppeln [s066, s041, s015]. Methodisch sind die Studien kaum vergleichbar: Sie nutzen V1-V2 [s099], V3-V4 [s066, s084, s041, s014] oder Metagenomik des Stuhls [s015], unterschiedliche Kontrolldefinitionen (gesund und fruchtbar gegenüber „normales Sperma“) und, soweit angegeben, keine Negativkontrollen [s066, s099].
Die Widersprüche sind deutlich. Lactobacillus: In Changsha war er im Profil der normalen Proben häufiger [s084], im Darm-Urin-Ejakulat-Datensatz mit besserer Konzentration verbunden [s066], in Shandong dagegen unter den bei Dysspermie angereicherten Gattungen und zugleich der beste Einzelmarker für Asthenozoospermie (AUC 0,841) [s099]. Prevotella: Bei Lu 2025 und 2026 und bei Cao mit schlechteren Befunden verbunden [s041, s014, s066], was zur internationalen Lesart passt. Staphylococcus: in Shandong mit Asthenozoospermie und Hyperviskosität erhöht [s066], in der Schweizer Kohorte in der normozoospermen Gruppe angereichert [s101]. Diversität: Changsha fand bei Leukozytospermie höhere Alpha-Diversität [s084], Shandong keinen Alpha-Unterschied [s099], und die Stuhlstudie ebenfalls keinen [s015]. Alle diese Studien sind Querschnitte; sie können nicht unterscheiden, ob ein Taxon Ursache, Folge oder bloß Begleiter einer Samenveränderung ist. Die Stichproben sind klein (größte: 159) und stammen aus wenigen Zentren in Ost- und Südwestchina, die Befunde sind weder extern validiert noch in Längsschnitten bestätigt.
Fazit für den chinesischen Raum. Das erreichbare Bild ist das einer jungen, schnell wachsenden Literatur mit Hypothesen statt Belegen: erkennbare Unterschiede in der Zusammensetzung des Ejakulats bei Oligo-, Astheno- und Leukozytospermie, aber kein einheitliches „Muster“, keine eigene klinische Probiotika-Studie, kein Leitlinienbeleg. Die belastbare Lücke ist, dass die chinesischsprachigen Datenbanken ungeprüft blieben.
Japanisch
Befund vorweg: Es gibt hier keine belegbare eigene Literatur. Das Recherche-Dokument durchsuchte J-STAGE, CiNii, die Zeitschrift der Japanischen Urologischen Gesellschaft, Veröffentlichungen im Umfeld der Japanischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin, die Zeitschrift Reproductive Medicine and Biology und PubMed mit japanischen und englischen Begriffen. Das Ergebnis ist ernüchternd und wird hier offen wiedergegeben: Eine PubMed-Suche, die „japanische Zugehörigkeit“ mit „Samenmikrobiom“ verknüpfte, lieferte keine einschlägige Studie zur männlichen Unfruchtbarkeit; im japanischen Register klinischer Studien (jRCT) fand sich keine Probiotika-Studie zu Samenparametern (nur eine Registrierung zum Vaginalmikrobiom). Es gibt keine japanische Kohorte mit Ejakulat-Sequenzierung, keine japanische Leitlinienaussage zu Mikrobiom oder Probiotika und keine japanische Probiotika-Studie am Mann, die geöffnet und geprüft werden konnte. Eine vollständige Volltextprüfung von J-STAGE und CiNii war nicht möglich; japanische Übersichten oder Kongressbeiträge können existieren, ohne hier erfasst zu sein.
Das Forschungsprojekt der Universität Osaka (KAKEN) [s081]. Gefunden wurde ein Projekteintrag im japanischen Forschungsförderungs-Verzeichnis (KAKENHI-Projekt 22K20974). Der Originaltitel lautet 「精索静脈瘤に着目した精液細菌叢の解明と細菌叢標的治療の開発」 (deutsch: Aufklärung der Samenbakterienflora mit Blick auf die Varikozele und Entwicklung einer auf die Bakterienflora zielenden Behandlung); die englische Fassung des Eintrags nennt „Elucidation of New Male Infertility Mechanisms and Development of Bacterial Flora Targeted Therapy Focusing on Seminal Microflora“. Projektleiter ist Tsujimura Go (Universitätsklinikum Osaka), die Laufzeit reicht vom 31. August 2022 bis zum 31. März 2024, das Budget beträgt 2.860.000 Yen (davon 2.200.000 direkt und 660.000 indirekt); Schlüsselwörter sind männliche Unfruchtbarkeit, Samenbakterienflora, Varikozele. Das Design: Veränderungen der Samenflora vor und nach der Varikozelen-Operation bei denselben Patienten mit Sequenzierung der nächsten Generation, mit Vergleich zwischen Männern, deren Fruchtbarkeit zurückkehrte, und solchen, bei denen das nicht der Fall war, und mit Blick auf oxidativen Stress. Zahlen, Teilnehmerzahlen oder Ergebnisse enthält der Eintrag nicht, und eine zugehörige Veröffentlichung wurde nicht gefunden. Der Eintrag ist ein Hinweis auf ein Forschungsinteresse, kein Beleg für irgendeinen Befund.
Die japanische Geburtskohorte JECS [s108]. Originaltitel: Baseline Profile of Participants in the Japan Environment and Children's Study (JECS). Der Eco-Chil-Studie (エコチル調査, Japan Environment and Children's Study, JECS) des Umweltministeriums gehörten 100.778 Schwangerschaften in 15 regionalen Zentren an (Rekrutierung 2011 bis 2014, etwa 45 % der Lebendgeburten in den Studiengebieten); bei 51.402 (51,0 %) nahm der Partner teil. Von den Vätern wurden Fragebögen und Blutproben gewonnen; die Biomaterialien der Studie umfassen laut Abstract Blut, Urin, Haare und Nabelschnurblut. Eine Samenanalyse oder Mikrobiomanalyse des Ejakulats wurde in den ausgewerteten Quellen nicht gefunden. Die Kohorte ist deshalb ein Beispiel für eine vorhandene Infrastruktur ohne Ejakulat-Daten, keine Mikrobiomstudie.
Tierdaten aus Japan [s106]. Originaltitel: Effect of dietary probiotics on the semen traits and antioxidative activity of male broiler breeders. Das einzige japanische Experiment im Recherche-Dokument ist eine Studie an 180 männlichen Cobb-Masthuhn-Zuchttieren (60 Wochen alt), die zwei Gruppen zugeteilt wurden: Basisfutter oder Basisfutter mit einem Probiotikum, das Bacillus amyloliquefaciens TOA5001 enthielt, sechs Wochen lang. Darmform, Darmflora, antioxidative Aktivität und Samenmerkmale verbesserten sich laut Abstract (Zahlen nennt der Abstract nicht). Die Autoren sind in einer Tierklinik in Tokio und an der Universität Kagoshima tätig. Die Arbeit sagt über die Unfruchtbarkeit des Mannes nichts aus.
Rückgriff auf die internationale Literatur. Das japanische Recherche-Dokument stützt sich daher auf englischsprachige Übersichten: Farahani et al. (55 Beobachtungsstudien, 51.299 Personen) [s089], Gomes et al. (7 Studien, 500 Personen) [s068], Puerta-Suárez und Cardona Maya (35 Artikel) [s044], Bazzar et al. [s001], die Übersicht von Chatzokou et al. [s036], die Probiotika-Metaanalyse [s020] und die Übersicht von Shamsi-Goushki et al. (15 Studien, davon 5 am Menschen und 10 am Tier, Literatur bis November 2024) [s022]. Zur Rolle von Probiotika bei Paaren nennt es die Übersicht von Corbett et al. (4 eingeschlossene Studien): Bei den zwei Studien mit oraler Gabe an Männer verbesserte sich die Motilität; die klinische Schwangerschaftsrate stieg in der Frauenstudie von 48,0 % auf 58,8 % (P = 0,47, nicht signifikant), und die Fehlgeburtenrate lag mit 30 % gegenüber 16,6 % in der Probiotika-Gruppe höher (P = 0,47) [s087]. Diese Arbeiten sind in den Kapiteln zu Metaanalysen und Interventionsstudien dargestellt; sie belegen nichts über Japan.
Widersprüche, Grenzen, offene Fragen. Weil es keine japanischen Primärdaten gibt, entfallen Widersprüche innerhalb des Raums. Die Grenze ist die Datenlage selbst: Es ist unbekannt, ob japanische Männer ein anderes Samenmikrobiom haben als Männer in Europa, Taiwan oder den USA, denn eine Studie, die Menschen verschiedener Herkunft direkt vergleicht, wurde nicht gefunden. Offen sind insbesondere die Ergebnisse des Osaka-Projekts zur Varikozele, eine japanische Querschnittsstudie mit Negativkontrollen und die Frage, ob eine große Geburtskohorte wie JECS jemals väterliche Faktoren aus dem Ejakulat auswerten wird.