2.5 Historie der Forschungsfrage
Die Frage, ob Bakterien im Samen Ursache oder nur Begleiter einer verminderten Spermienqualität sind, ist alt. Neu ist seit etwa 2013 die Methode, mit der sie untersucht wird, und damit auch ihr Inhalt: Aus der Frage „Welcher Erreger infiziert?“ wurde die Frage „Wie sieht die normale Gemeinschaft aus, und wann ist sie gestört?“. Die folgende Chronik stützt sich auf die Originalabstracts und auf Übersichten, die die Entwicklung beschreiben. Jahreszahlen bezeichnen das Erscheinungsjahr der Arbeit.
Die Kulturära der 1980er-Jahre: französische und deutsche Klinik. Die ältesten Arbeiten in der Master-Quellenliste stammen aus Frankreich und Deutschland und arbeiten mit Samenkulturen.
- Granouillet und Kollegen 1982, „Étude de la flore bactérienne du sperme chez des hommes infertiles“ (Studie der Bakterienflora des Spermas bei unfruchtbaren Männern; in PubMed mit dem englischen Titel „Study of the spermatic bacterial flora in infertile males“, La semaine des hôpitaux). Zwei Gruppen unfruchtbarer Männer (65 und 132 Patienten) wurden in zwei Laboren mit zwei verschiedenen Methoden der Samengewinnung untersucht; die bakteriologischen Ergebnisse waren in beiden Gruppen ähnlich. Isoliert wurden unter anderem betahämolysierende Streptokokken, Proteus, Staphylococcus epidermidis, Mikrokokken, Corynebakterien, vergrünende Streptokokken, Klebsiellen, Pseudomonas, Enterobacter, Bacillus, Neisserien, Escherichia coli, anaerobe Staphylokokken und Streptokokken, Pilze und Achromobacter. Bei 20 % der Patienten bestand nach Angabe der Autoren eine chronische Infektion ohne klinische Zeichen, wahrscheinlich prostatischen Ursprungs, mit einer hohen Keimzahl im Samen (mehr als 3000 pro ml). Zwischen bakteriologischen Daten und den physikalischen und zytologischen Eigenschaften des Spermas zeigte sich keine Beziehung, außer beim pH-Wert: Samen mit niedrigem pH sei meist azoospermisch und stark kontaminiert [s124]. Stärke: zwei unabhängige Gruppen mit ähnlichem Ergebnis. Schwäche: nur Abstract abgerufen, keine Kontrollgruppe fruchtbarer Männer im Abstract erwähnt, Methoden von heute nicht vergleichbar.
- Auroux 1988, „Infection urogénitale et fertilité masculine“ (Urogenitale Infektion und männliche Fruchtbarkeit; Journal de gynécologie, obstétrique et biologie de la reproduction). Der Abstract beginnt mit der Feststellung, über den Einfluss urogenitaler Infektionen auf die männliche Fruchtbarkeit bestehe Uneinigkeit; die Erreger seien je nach Autor nicht dieselben, und die Art der Samenuntersuchung habe nicht immer die nötige bakteriologische Genauigkeit. Eine eigene Studie habe gezeigt, dass Ureaplasma urealyticum und Escherichia coli die in Kulturen des Samens unfruchtbarer Männer am häufigsten angetroffenen Bakterien seien. Als mögliche Wirkungen werden direkte (weniger Spermien, geringere Beweglichkeit, veränderte Morphologie, verminderte Befruchtungsfähigkeit) und indirekte unterschieden (Veränderung der Samenflüssigkeit, zum Beispiel viele polymorphkernige Zellen oder Antispermien-Antikörper). Therapieversuche seien noch nicht entscheidend gewesen, und der Autor mahnt rigorose bakteriologische Protokolle an [s123].
- Arvis 1989, „Infection du sperme dans la stérilité masculine“ (Spermainfektion bei männlicher Sterilität; Revue française de gynécologie et d'obstétrique). Die Spermainfektion müsse bewiesen werden, denn veränderte Leukozyten, auch mehr als 10⁵ oder 10⁶ pro ml, genügten nicht; bei vielen Keimen, besonders Chlamydien und Mykoplasmen, sei die Wirkung auf das Sperma nicht erkannt oder nachgewiesen. Der Autor schließt, eine echte Spermainfektion sei sehr selten, müsse aber bei Verdacht gesucht werden, besonders nach kürzlicher genitaler Infektion [s122]. Diese Arbeit ist als Gegengewicht lesenswert: Sie formuliert schon 1989 die Skepsis, die bis heute in der Mikrobiomforschung wiederkehrt, dass der Nachweis von Bakterien oder Leukozyten für sich genommen noch keine Infektion belegt.
- Ensslen und Kollegen 1990 (Zentralblatt für Gynäkologie, auf Deutsch; Titel in PubMed „Male subfertility and oral bacterial diseases“). Mehr als 70 % der Ehemänner, die seit Juni 1987 die Klinik für Frauenheilkunde der RWTH Aachen wegen Sterilität aufsuchten, hätten wegen Bakteriospermie mit Keimkonzentrationen über 10⁴ KBE/ml Ejakulat behandelt werden müssen; bei 23 % der Behandelten sei keine überzeugende Keimminderung erreicht worden. 36 Patienten mit therapieresistenter Bakteriospermie wurden zahnärztlich untersucht; man fand zahlreiche intraorale Herde, die beseitigt wurden. Das Keimspektrum der intraoralen Proben und der Spermiogramme sei identisch gewesen. Sechs Monate nach der Zahnbehandlung seien zwei Drittel der Spermiogramme steril gewesen, mit besseren Spermienparametern in Beweglichkeit, Morphologie und Dichte. Die Autoren folgern, es bestehe ein direkter ursächlicher Zusammenhang zwischen symptomatischer dentaler Primärerkrankung und Bakteriospermie [s121]. Beurteilung: eine unkontrollierte klinische Beobachtung an einer ausgewählten Gruppe therapieresistenter Fälle; der Abstract nennt keine Kontrollgruppe, und die Kausalaussage geht über das Design hinaus. Die Arbeit ist historisch als frühes deutsches Beispiel für den Gedanken einer Verbindung zwischen Mundflora und Samenflora interessant, mehr nicht.
Die 1990er- und frühen 2000er-Jahre: Kultur, Leukozyten, PCR. Für diesen Zeitraum stützt sich die Studie auf Übersichten, weil die Originalarbeiten nicht geöffnet wurden.
- Henkel sowie Magill und MacDonald zitieren die Arbeit von Willén und Kollegen (1996): In 97 Samenproben fanden sich bei 83 % Bakterien, und die Anwesenheit mehrerer Bakterienarten war nicht mit abnormer Spermienfunktion verbunden (zitiert nach [s051, s071]). Zu einer gleichzeitigen PCR-Studie (Jarvi und Kollegen, 1996) weichen die beiden Übersichten voneinander ab: Magill und MacDonald referieren, dass sowohl bei gesunden wie bei unfruchtbaren Männern weniger als 10⁴ Bakterien pro ml gefunden wurden, ohne Unterschiede in den Samenparametern [s071]; Henkel schreibt, eine PCR-Untersuchung habe mehr als 10⁴ Bakterien/ml bei gleich vielen unfruchtbaren und fruchtbaren Männern gefunden, während die Standardkultur nur bei 27 % der unfruchtbaren und bei keinem der fruchtbaren Männer Bakteriospermie gezeigt habe [s051]. Die Abweichung wird hier nicht aufgelöst; sie zeigt, wie unsicher die Weitergabe von Zahlen in Übersichten ist.
- Corral-Vazquez und Kollegen beschreiben die Kulturära: Die ersten und klassischen Untersuchungen seminaler Bakterien in den 1990er-Jahren beruhten auf Kulturen auf Agarplatten mit selektiven Medien, mit häufigem Nachweis von Ureaplasma, Mycoplasma, Escherichia, Corynebacterium, Gardnerella, Chlamydia, Staphylococcus, Streptococcus, Peptococcus, Lactobacillus, Enterobacter, Klebsiella, Haemophilus, Morganella oder Citrobacter. In den 2000er-Jahren setzten sich PCR und qPCR durch, meist für Mycoplasma, Ureaplasma und Gardnerella [s049]. Neto und Kollegen bestätigen, dass frühe Untersuchungen auf bekannte Krankheitserreger wie Staphylococcus, Enterococcus, Escherichia und Ureaplasma zielten und Anaerobier und anspruchsvolle Bakterien kaum erfassten [s054].
- Ludwig und Kollegen 2001 (Gießen, Der Urologe A): „Prostatitis syndrome. Changes in the ejaculate and effects on fertility“. Entzündungen und Infektionen des männlichen Genitaltrakts seien ein wichtiger, möglicherweise behandelbarer Faktor der Unfruchtbarkeit; neben Leuko- und Bakteriospermie würden Entzündungsmediatoren wie Zytokine und reaktive Sauerstoffspezies als relevante Mechanismen diskutiert. Klinische Studien zur Samenqualität bei den Formen des Prostatitissyndroms hätten widersprüchliche Ergebnisse geliefert, und künftig seien neue funktionelle und molekulare Parameter nötig, um das Zusammenspiel von Urogenitalinfektion und männlicher Unfruchtbarkeit zu bestimmen [s120]. Man erkennt hier schon die Fragestellung der Folgejahrzehnte: Leukozyten, Zytokine, ROS.
- Weitere Meilensteine dieser Zeit, wieder aus Henkel [s051] (zitiert nach): Eine Studie an 101 gesunden Männern von Fraczek und Kollegen (2016) verglich Männer mit isolierter Bakteriospermie (30), isolierter Leukozytospermie (19) und beidem (22). Bei Bakteriospermie seien Spermienkonzentration, Normalformen und Vitalität niedriger gewesen und DNA-Fragmentierung, mitochondriales Membranpotenzial und Anteil apoptotischer Spermien verschlechtert; bei Leukozytospermie wirke direkt oxidativer Stress mit stärkerem Effekt auf die Beweglichkeit. Moretti und Kollegen fanden bei 1085 Patienten nach Ausschluss anderer Ursachen in 417 (38,4 %) Bakterien im Samen; von 226 Patienten mit Bakterien seien 164 (72,6 %) unfruchtbar gewesen, bei 20 fruchtbaren Kontrollen keiner. Das sind Beobachtungen aus Kulturstudien, die in späteren Kapiteln mit Sequenzierstudien verglichen werden.
Die 2010er-Jahre: Sequenzierung entdeckt eine Gemeinschaft. Seit der Einführung der 16S-Sequenzierung (Corral-Vazquez und Kollegen: „Metagenomik“ ohne vorherige Artenauswahl) wurde das Samenmikrobiom als Gemeinschaft beschrieben [s049].
- Hou und Kollegen 2013 (Fertility and Sterility) untersuchten 19 Samenspender und 58 Patienten mit Unfruchtbarkeit mit Mikroskopie und 16S-rRNA-Sequenzierung. Hohe Zahlen verschiedener Bakterien fanden sich in den meisten Proben beider Gruppen; die Gemeinschaften variierten stark und ließen sich in sechs Gruppen clustern. Insgesamt zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Spendern und Patienten, aber mehrere Tests ergaben einen signifikanten negativen Zusammenhang zwischen Spermienqualität und der Anwesenheit von Anaerococcus; Bakterien des Samens kämen auch in der Scheidenflora vor, besonders bei bakterieller Vaginose [s117]. Das ist eine der ersten Sequenzierstudien; Stärke: Kontrolle durch Spender; Schwäche: n = 77 und keine Angabe zu Kontaminationskontrollen im Abstract.
- Liu und Kollegen 2014 (PLoS Pathogens) kamen aus der HIV-Forschung, nicht aus der Fertilitätsmedizin: 49 Männer, die Sex mit Männern haben (22 ohne und 27 mit HIV), mit 16S-Pyrosequenzierung. Streptococcus, Corynebacterium und Staphylococcus waren unabhängig vom HIV-Status häufige Bakterien im Samen; HIV war mit geringerer Vielfalt und Reichhaltigkeit verbunden, die sich nach sechs Monaten antiretroviraler Therapie wieder normalisierte; bei HIV-Infizierten korrelierte die Bakterienlast mit sieben entzündungsfördernden Zytokinen, darunter IL-6 (p = 0,024), TNF-α (p = 0,009) und IL-1β (p = 0,002) [s115]. Die Studie betrifft nicht die Unfruchtbarkeit und zeigt nur, dass das Samenmikrobiom als Thema auch aus der Infektiologie kam.
- Weng und Kollegen 2014 (PLoS One, Taiwan) sequenzierten 96 Samenproben von Männern unfruchtbarer Paare. Die häufigsten Gattungen waren Lactobacillus (19,9 %), Pseudomonas (9,85 %), Prevotella (8,51 %) und Gardnerella (4,21 %). Lactobacillus und Gardnerella waren in normalen Proben signifikant häufiger, Prevotella in Proben niedriger Qualität. Drei Gemeinschaftstypen wurden gefunden (Pseudomonas, Lactobacillus, Prevotella vorherrschend); 80,6 % der normalen Proben lagen im Lactobacillus-Cluster [s116]. Den Recherchenotizen zufolge bestanden die Proben aus 36 normalen, 33 minderwertigen (mindestens zwei auffällige Werte) und 27 mittleren; die Cluster umfassten 25 (Pseudomonas), 55 (Lactobacillus) und 16 (Prevotella) Proben, mit Normalanteilen von 20, 52,7 und 12,5 %, und das Risiko schlechter Qualität war im Pseudomonas-Cluster 5,2-fach und im Prevotella-Cluster 8,5-fach gegenüber dem Lactobacillus-Cluster (Fisher-Test p = 0,0074 und 0,00448) [s116]. Die Autoren schlossen, Lactobacillus könnte ein Probiotikum zur Erhaltung der Samenqualität sein und dem negativen Einfluss von Prevotella und Pseudomonas entgegenwirken; das ist eine Hypothese, kein Beleg. Stärke: erste größere Sequenzierstudie mit Clustern. Schwäche: Querschnitt, Männer aus Kinderwunschpaaren (selektiert), keine Angabe zu Kontrollen im Abstract.
- Mändar und Kollegen: 2015 die Paarstudie (23 Paare, siehe Abschnitt 2.2) [s113]. 2017 (International Journal of Urology) 67 Männer, davon 21 mit Prostatitis, mit 16S-V6-Sequenzierung: Firmicutes waren der häufigste Stamm (Median 41,7 %, Quartile 28,5 bis 47,2 %); Laktobazillen waren bei Gesunden häufiger als bei Prostatitis (27 % gegenüber 20,2 %; P = 0,05, besonders Lactobacillus iners), Proteobacteria bei Prostatitis höher, und die Artenvielfalt war bei Prostatitis höher (inverser Simpson-Index 13,5 ± 5,8 gegenüber 10,3 ± 4,0) [s110]. 2018 die Studie zum sexuellen Debüt (68 junge Männer, siehe Abschnitt 2.4) [s107]. Die estnische Gruppe ist damit ein früher Taktgeber des Feldes, mit Paar-, Prostatitis- und Gesundenstudien.
- Alfano und Kollegen 2018: Der Hoden ist nicht steril (siehe Abschnitt 2.2, n = 15) [s104].
- Altmäe, Franasiak und Mändar 2019 (Nature Reviews Urology) ordneten das Feld in einer Übersicht ein: Das Samenmikrobiom sei im Vergleich zu anderen Mikrobiombereichen noch unterforscht, habe aber wohl Bedeutung für die reproduktive Gesundheit des Mannes, die Gesundheit des Paares und sogar der Nachkommen, wegen der Übertragung von Mikroorganismen auf Partnerin und Nachkommen; sorgfältig geplante Studien mit ausreichender Fallzahl seien nötig [s100].
- Baud und Kollegen 2019 (Frontiers in Microbiology, Lausanne) untersuchten 26 Männer mit normalem und 68 mit mindestens einem auffälligen Spermiogrammparameter mit 16S-Sequenzierung und pan-bakterieller qPCR. Drei Profile ergaben sich: Prevotella-angereichert, Lactobacillus-angereichert und polymikrobiell; Prevotella-angereicherte Proben hatten die höchste Bakterienlast (p < 0,05). Entgegen der Hypothese korrelierten Verschiebungen der Gesamtzusammensetzung (Beta-Diversität) nicht mit Spermiogrammparametern, und es gab keine Unterschiede in Reichhaltigkeit oder Alpha-Diversität; drei Gattungen waren in einigen Qualitätsgruppen angereichert oder vermindert: Prevotella bei gestörter Beweglichkeit, Staphylococcus in der entsprechenden Kontrollgruppe, Lactobacillus bei normaler Morphologie. Die Autoren schlossen, der gesamte Bakteriengehalt des Spermas spiele möglicherweise keine große Rolle bei männlicher Unfruchtbarkeit, aber eine kleine Gruppe von Mikroben könnte die Spermienphysiologie beeinflussen [s101]. Das ist ein frühes Beispiel dafür, dass dieselbe Frage mit ähnlicher Methode zu einem anderen Gesamtergebnis führen kann als die Studie von Weng.
Die 2020er-Jahre: Systematik, Metagenomik, Widersprüche.
- Tomaiuolo und Kollegen 2020 (High-Throughput) stellten fest, dass erst wenige Studien Herkunft und Funktionen des Samenmikrobioms und seine Verbindung zum Mikrobiom der Partnerin untersucht hätten [s098]. 2020 erschien auch die Arbeit von Ding und Kollegen zur Darm-Hoden-Achse (siehe Abschnitt 2.2) [s097].
- Lundy und Kollegen 2021 (European Urology) lieferten mit Shotgun-Metagenomik die erste „umfassende“ Untersuchung von Darm-, Urin- und Samenmikrobiom bei männlicher Unfruchtbarkeit (Selbstbeschreibung der Autoren als Pilotstudie, 25 Männer mit primärer idiopathischer Unfruchtbarkeit, 12 mit nachgewiesener Vaterschaft). Befunde: bei unfruchtbaren Männern höhere seminale Alpha-Diversität und andere Beta-Diversität, mehr Aerococcus im Ejakulat, weniger Anaerococcus im Rektum; Prevotella war mit der Spermienkonzentration negativ assoziiert, Pseudomonas positiv mit der Gesamtzahl beweglicher Spermien; bei Varikozele waren Anaerobier im Ejakulat stark überrepräsentiert; im S-Adenosylmethionin-Zyklus fanden sich Veränderungen [s092]. Die Aktuelle Urologie kommentierte die Arbeit 2022 auf Deutsch unter dem Titel „Infertilität des Mannes: Welche Rolle spielen das Darm-, Urin- und Spermamikrobiom?“ [s075]; sie ist damit der wichtigste Bezugspunkt der deutschsprachigen Literatur zum Thema.
- Farahani und Kollegen 2021 (Andrology) fassten die Literatur in einer systematischen Übersicht mit Metaanalyse zusammen: 55 Beobachtungsstudien mit 51.299 Personen, Zeitraum 1992 bis 2019, Nachweis mit Kultur, PCR oder Sequenzierung. Das Samenmikrobiom war reich und vielfältig bei fruchtbaren und unfruchtbaren Männern. Lactobacillus ging mit besseren Spermienparametern einher, Prevotella schien negativ zu wirken. Bakteriospermie war mit niedrigerer Konzentration und progressiver Beweglichkeit verbunden und mit einem höheren DNA-Fragmentierungsindex (mittlere Differenz 3,518; 95-%-KI 0,907 bis 6,129; p = 0,008); Ureaplasma urealyticum war bei unfruchtbaren Männern häufiger (OR 2,25; 95-%-KI 1,47 bis 3,46); für Chlamydia trachomatis fand sich kein Unterschied. Die Autoren bewerteten die Evidenz zur Wirkung des Mikrobioms auf die Fertilität als nicht schlüssig [s089]. Das ist die breiteste Datengrundlage, mit der sich spätere Einzelstudien messen lassen.
- Systematische Übersichten mit kleineren Studienzahlen (Brandão 2021: 9 Studien, Stichproben von 15 bis 118 Personen, keine Studien zu Einnistung, Schwangerschaft, Fehlgeburt oder Lebendgeburt [s086]; Gomes 2023: 7 Studien mit zusammen 500 Personen [s068]; Neto 2024: 37 Studien mit 9310 Teilnehmern, davon 16 mit Kultur, 16 mit Sequenzierung und 5 mit beidem, keine Studie zu Pilzen oder Viren [s054]) bestätigten das Muster mit Unterschieden im Detail; die Angaben von Brandão und Gomes entstammen den Recherchenotizen dieser Studie.
- Mowla und Kollegen 2025 (eLife, Großbritannien) bildeten mit 223 Männern die größte prospektive Querschnittsstudie mit Sequenzierung unter den hier herangezogenen Einzelstudien: 63 gesunde Männer mit nachgewiesener Vaterschaft, 46 Partner bei wiederholten Fehlgeburten, 58 Männer mit Subfertilität (männlicher Faktor) und 56 Partner bei ungeklärter Unfruchtbarkeit. In allen Gruppen bildeten sich drei Gattungs-dominierte Cluster (Streptococcus; Prevotella; Lactobacillus und Gardnerella); der Prevotella-Cluster hatte die höchste Reichhaltigkeit (p < 0,001), Alpha-Diversität (p < 0,001) und Bakterienlast (p < 0,0001). Die Gesamtzusammensetzung oder -last war nicht mit Samenanalyse, ROS oder DNA-Fragmentierung verbunden; Männer mit nicht identifiziertem seminalem Flavobacterium hatten eher eine auffällige Samenanalyse [s043]. Damit steht am Ende der Chronik eine große Studie, die den Gesamtzusammenhang nicht bestätigt, während einzelne Gattungen (Flavobacterium) auffallen.
Die Probiotikafrage als zweiter Strang. Parallel zur Beschreibung kam die Frage nach der Beeinflussbarkeit auf.
- Valcarce und Kollegen 2017 gaben neun Männern mit Asthenozoospermie ein Präparat aus Lactobacillus rhamnosus CECT8361 und Bifidobacterium longum CECT7347, ohne Kontrollgruppe; berichtet wurden eine deutlich höhere Beweglichkeit (ungefähr sechsfach), geringere DNA-Fragmentierung (ungefähr 1,2-fach) und geringeres intrazelluläres H₂O₂ bei unveränderter Vitalität (Recherchenotizen, nur Abstract) [s112]. Es ist eine unkontrollierte Pilotstudie mit neun Männern.
- Maretti und Cavallini 2017 (Italien) führten eine kleine randomisierte Pilotstudie an 41 Männern mit idiopathischer OAT durch (20 Verum, 21 Stärke-Kontrolle; Lactobacillus paracasei B21060 mit Präbiotika, sechs Monate), bei der in der Verumgruppe Volumen, Konzentration, progressive Beweglichkeit und Normalformen höher lagen (jeweils p < 0,01) [s111]; Einzelheiten stehen im Kapitel zu den Interventionsstudien.
- Die iranischen randomisierten Studien (Abbasi 2021: n = 56 [s085]; Helli 2022: n = 52 [s079]; Asadi 2023: n = 78 [s064]; Gholipour 2026: n = 110 [s007]) folgten. Zu der Studie von Helli et al. (Human Fertility) liegt seit 2026 eine Rückzugserklärung vor [s021]; welche Folgen das für Metaanalysen hat, die diese Studie enthielten, ist Thema der späteren Kapitel.
- Prihadi und Kollegen 2026 fassten in einer Metaanalyse vier Studien mit 156 Teilnehmern zusammen (SMD für Konzentration 1,96; 95-%-KI 0,08 bis 3,84; I² 95 %) [s020]. Für den Hintergrund genügt: Die Kette von „Bakterien als Infektion“ über „Gemeinschaft“ zu „Beeinflussung der Gemeinschaft durch Probiotika“ ist in zwei Jahrzehnten entstanden, die Evidenz für die letzte Stufe ist die dünnste.
Aufmerksamkeit der Fachgesellschaften und der Öffentlichkeit. Italienische Berichte aus dem Umfeld der Società Italiana di Andrologia (SIA) beschreiben den Wandel so: Früher habe man geglaubt, das Ejakulat sei von Natur aus bakterienfrei und jeder gefundene Keim ein Zeichen einer Infektion; der Präsident der SIA sagt, Sperma habe eine eigene mikrobielle Gemeinschaft, und das Samenmikrobiom sei noch ein vernachlässigter Aspekt der Diagnostik [s126]. Das ist eine Pressedarstellung, keine Leitlinie. Die EAU-Leitlinie 2026 zu männlicher Unfruchtbarkeit konnte für diese Studie nur als gekürzte Seite abgerufen werden; Leitlinieninhalte werden deshalb nicht wiedergegeben [s006]. Für den deutschen Sprachraum fand die Recherche nur wenige Arbeiten: einen Kommentar in der Aktuellen Urologie (2022) [s075], die Arbeiten von Ludwig 2001 [s120] und Ensslen 1990 [s121] sowie die Studien von Baud und Kollegen (2019, 2024, 2025) [s101, s047, s035]. Eine AWMF-Leitlinie wurde nicht geöffnet.
2.6 Was aus dem Hintergrund für die folgenden Kapitel folgt
Aus den Grundlagen ergeben sich sieben Leseregeln, die in allen weiteren Kapiteln gelten.
- Ersatzgrößen, keine Geburten. Samenparameter und DNA-Fragmentierung sind Surrogate der Fruchtbarkeit (Cooper et al. 2010). Eine Verbesserung eines Parameters ist nicht dasselbe wie eine Schwangerschaft.
- Referenzgrenzen sind 5. Perzentile. Die WHO-Werte von 2021 (Konzentration 16 × 10⁶/ml, progressive Beweglichkeit 30 %, Gesamtbeweglichkeit 42 %, Normalformen 4 %) beschreiben fruchtbare Männer, kein Krankheitsurteil, und die sechste Auflage selbst warnt, dass die 5. Perzentile allein für die Diagnose nicht genügen (Campbell et al. 2021; Boitrelle et al. 2021; [s054]).
- Nachweis ist nicht Infektion. Bakteriospermie (Kultur über 10³ KBE/ml nach [s051]) und Leukozytospermie (über 1 × 10⁶ peroxidasepositive Zellen/ml nach [s051]) sind Befunde, keine Diagnosen; Leukozytospermie bleibt bei etwa 80 % der Betroffenen ohne Infektionsnachweis [s051].
- Die Methode bestimmt das Ergebnis. Kultur, PCR, Amplikon- und Shotgun-Sequenzierung, Plattform, Aufbereitung und Hygiene bei der Probengewinnung verändern Befunde; Kontamination macht bei Proben mit niedriger Biomasse einen großen Teil der Reads aus [s049, s050, s036, s067].
- Es gibt keine Referenz für ein „gesundes“ Samenmikrobiom. Dysbiose ist ein Begriff ohne Messlatte [s054, s071].
- Herkunft der Keime, Alter, sexuelle Erfahrung. Die Samenbakterien stammen aus mehreren Abschnitten (rund 30 % aus der Harnröhre nach [s054]); Alter und sexuelle Erfahrung verändern Messwerte [s083, s107].
- Beobachtung ist nicht Ursache. Die Darm-Hoden-Achse und die oxidativen und entzündlichen Wege sind Mechanismusvorschläge, die aus Tierversuchen und Übersichten stammen [s114, s097, s050, s051]; ob sie beim Menschen die Spermienqualität verändern, zeigen die Studien der folgenden Kapitel höchstens als Zusammenhang.
Lücken dieses Kapitels. Die Dauer der menschlichen Spermatogenese und die Anteile der einzelnen Drüsen am Ejakulatvolumen konnten in den abgerufenen Quellen nicht belegt werden und fehlen daher. Die WHO-Angaben zu Konzentration und Referenzpopulation stammen aus Abstracts (Cooper 2010; Campbell 2021) und einem Volltext (Boitrelle 2021), nicht aus dem WHO-Handbuch selbst; Werte zu pH, Karenzzeit und Leukozytenschwelle des Handbuchs wurden nicht gefunden. Mehrere Studiendetails stammen aus den Recherchenotizen der Sprachräume und aus Abstracts; wo nur ein Abstract oder eine Zusammenfassung in einer Übersicht vorlag, ist das im Text vermerkt. Eine Bewertung des Verzerrungsrisikos (Risk of Bias) der historischen Arbeiten wurde nicht vorgenommen.