E. Azoospermie: Ejakulat und Hodengewebe
Bei Männern ohne Spermien im Ejakulat (Azoospermie) lässt sich die Frage nach Bakterien im Hoden nur an Gewebe prüfen, das bei einer Biopsie oder Operation anfällt. Diese Studien sind klein, haben aber einen Vorteil gegenüber der Ejakulatprobe: Das Gewebe kommt nicht mit Harnröhre und Eichel in Berührung. Dafür sind die Kontrollgruppen schwierig, denn gesundes Hodengewebe wird nur bei Männern entnommen, die aus einem anderen Grund operiert werden.
Campbell et al. 2023 [s065]
Originaltitel: Next-generation sequencing analysis of semen microbiome taxonomy in men with nonobstructive azoospermia vs. fertile controls: a pilot study.
- Land: USA (Universität Miami, Urologie-Ambulanz).
- Design: Fall-Kontroll-Pilotstudie; nur die Zusammenfassung lag vor (der Volltext war nicht abrufbar).
- Population: 33 erwachsene Männer: 14 mit nichtobstruktiver Azoospermie (NOA; FSH über 10 IE/l, Hodenvolumen unter 10 ml) und 19 fruchtbare Kontrollen mit nachgewiesener Vaterschaft, die zur Vasektomie kamen [s065].
- Exposition: NOA gegenüber nachgewiesener Fruchtbarkeit.
- Messung: Ejakulatproben; quantitative PCR und 16S-rRNA-Sequenzierung mit umfassender taxonomischer Analyse [s065].
- Ergebnisse: Die Alpha-Diversität war in beiden Gruppen ähnlich, die Beta-Diversität unterschied sich. Bei NOA waren die Stämme Proteobacteria und Firmicutes unterrepräsentiert und Actinobacteriota überrepräsentiert. Auf Gattungsebene war Enterococcus in beiden Gruppen die häufigste Sequenzvariante; fünf Gattungen unterschieden sich signifikant, darunter Escherichia und Shigella, Sneathia und Raoultella [s065].
- Störgrößen: Im Abstract nicht berichtet.
- Stärken: Klar definierte NOA-Gruppe; Kontrollen mit nachgewiesener Vaterschaft.
- Schwächen: Sehr kleine Gruppen (14 und 19); Kontrollen sind Männer mit Vasektomiewunsch, deren Vaterschaft schon länger zurückliegen kann; im Abstract keine Zahlen zu Effekten, Alter oder Kontaminationskontrollen.
- Einordnung: Die Studie berichtet einen Gruppenunterschied in der Beta-Diversität, aber keine Gesamtunterschiede der Vielfalt; die Autoren sprechen von einem möglichen Verlust „funktioneller Symbiose" bei NOA, einer Deutung, die der Beobachtungsbefund nicht trägt [s065]. Ein Mitautor (Lundy) ist auch Erstautor der Studie von 2021 [s092].
Alfano et al. 2018 [s104]
Originaltitel: Testicular microbiome in azoospermic men-first evidence of the impact of an altered microenvironment.
- Land: Italien (Krankenhaus San Raffaele, Mailand).
- Design: Querschnittsstudie an Hodengewebe; Volltext lag vor.
- Population: 15 Hoden von 15 Männern in drei Gruppen zu je fünf: (i) idiopathische nichtobstruktive Azoospermie (iNOA) mit negativer Spermiengewinnung bei mikrochirurgischer Hodenbiopsie (microTESE); (ii) iNOA mit positiver Spermiengewinnung; (iii) normozoosperme Männer, denen wegen eines nicht metastasierten Seminoms ein Hoden entfernt wurde (nicht tumoröses Gewebe aus dem vom Tumor entferntesten Bereich, histologisch normale Spermatogenese; vor der Operation lag ein Samenanalysebefund ohne Azoospermie vor). Alle waren in den letzten sechs Monaten frei von bakteriellen Infekten und Antibiotika. Alter, Gesamttestosteron und LH unterschieden sich nicht, das FSH war bei iNOA höher [s104].
- Exposition: Hodengewebe mit normaler Spermatogenese, mit gestörter Spermatogenese (positive Spermiengewinnung) oder mit vollständiger Keimzellaplasie.
- Messung: Gewebe unter sterilen Bedingungen entnommen; DNA-Isolierung unter steriler Werkbank, Bakterienlast mit digitaler Tröpfchen-PCR (16S-Kopien je ng DNA; als Negativkontrolle DNA einer unter Antibiotika gezüchteten Zelllinie, als Positivkontrolle ein Mundschleimhautabstrich); 16S-Region V3 bis V5 durch verschachtelte PCR und tiefe Pyrosequenzierung (454 GS Junior); Auswertung mit QIIME [s104].
- Ergebnisse: Hoden mit normaler Spermatogenese enthielten wenig bakterielle DNA (Median 3,4 Kopien/ng; Interquartilsabstand 1,7 bis 7) über dem Hintergrund der Negativkontrolle (0,6; 0,6 bis 0,8). Bei iNOA war sie höher (12,1; 5 bis 15; p = 0,02). Die Normalproben enthielten Actinobacteria, Bacteroidetes, Firmicutes und Proteobacteria; bei iNOA fanden sich nur Actinobacteria und Firmicutes; der Artenreichtum war geringer, da Bacteroidetes und Proteobacteria fehlten (p = 2 × 10⁻⁵). Proben mit negativer Spermiengewinnung zeigten vollständige Keimzellaplasie, weniger Firmicutes und Clostridia (p < 0,05), kein Peptoniphilus asaccharolyticus und mehr Actinobacteria; zwischen positiver und negativer Spermiengewinnung unterschied sich die Bakterienmenge nicht [s104].
- Störgrößen: Nicht adjustiert; das Kontrollgewebe stammt aus Hoden mit Tumor.
- Stärken: Gewebe statt Ejakulat, quantitative Messung mit Negativ- und Positivkontrolle, sterile Entnahme, histologische Einordnung (Johnsen-Score).
- Schwächen: Fünf Proben je Gruppe; das „normale" Gewebe stammt aus einem von Tumor betroffenen Hoden (paraneoplastisches Milieu), die iNOA-Proben aus Bereichen mit den am stärksten erweiterten Tubuli (nach Auswahl bei der Biopsie), sodass die Bakterienmenge unterschätzt sein kann (so die Autoren). Fixierung und Lagerung der Proben unterschieden sich (Gefrierlösung gegen Einbettmedium). Die Autoren bezeichnen die Studie als vorläufig und externe Bestätigung als nötig. Spätere Übersichten nennen für Hodenproben Kontaminationsanteile von 50 bis 70 % der Reads [s054, s050].
- Einordnung: Die Studie ist nach Angabe der Autoren die erste Untersuchung eines Hodengewebe-Mikrobioms beim Menschen und laut dem italienischen Recherchedokument der stärkste italienische Primärbeitrag zum Thema; sie zeigt, dass der Hoden nicht keimfrei ist, aber in sehr geringer Menge. Der Zusammenhang „mehr Bakterien-DNA, weniger Vielfalt bei Keimzellaplasie" lässt zwei Richtungen zu: Bakterien könnten die Spermatogenese stören, oder das veränderte Gewebe beherbergt andere Bakterien. Die Hypothese eines „frühen Alterungsphänotyps" ist eine Deutung der Autoren [s104].
Faniev et al. 2024 (Zeitschrift „Экспериментальная и клиническая урология", Heft 2) [s062]
Titel: Структура микробиоты фертильных и инфертильных пациентов с различными видами азооспермии (Struktur der Mikrobiota fertiler und infertiler Patienten mit verschiedenen Formen der Azoospermie). Die Angaben stammen aus dem Recherchedokument für den russischen Sprachraum (Dokument ru); die Originalarbeit wurde für dieses Kapitel nicht eingesehen, in Europe PMC ist sie nicht erfasst.
- Land: Russland (laut Recherchedokument unter anderem RUDN-Universität und Kasaner Einrichtungen).
- Design: Retrospektiv eingeteilte Querschnittsstudie.
- Population: 57 Patienten: 29 mit nichtobstruktiver Azoospermie (NOA), 19 mit obstruktiver Azoospermie (OA) und 9 fertile Männer; bei allen wurde eine mikrochirurgische Hodenbiopsie (micro-TESE) durchgeführt [s062].
- Exposition: Azoospermieform und Fruchtbarkeitsstatus.
- Messung: 16S-rRNA-Sequenzierung des Hodengewebes (NGS), Auswertung mit QIIME 1.9.1; parallel Material aus der Harnröhre als Kontrolle der Methode [s062].
- Ergebnisse: Zwischen den Gruppen gab es keine signifikanten Unterschiede der Harnröhren-Mikrobiota. Die Diversitätsindizes (phylogenetische Diversität, Chao1, Shannon, Simpson) und die Zahl der taxonomischen Einheiten im Hodengewebe waren bei NOA und OA signifikant niedriger als bei den fertilen Männern. Bei NOA war Proteobacteria signifikant vermehrt, bei den fertilen Männern Firmicutes und Bacteroidetes. NOA und OA unterschieden sich vor allem im Anteil von Bifidobacterium adolescentis. Die Autoren schließen, das Hodengewebe sei nicht steril, bei Azoospermie sei die Bakteriengemeinschaft verarmt und von der Harnröhrenflora verschieden [s062].
- Störgrößen: Im Recherchedokument nicht genannt.
- Stärken: Hodengewebe statt Ejakulat; parallele Harnröhrenprobe als methodische Kontrolle; Vergleich zweier Azoospermieformen mit fertilen Männern.
- Schwächen: Kleine Gruppen (fertile Männer: 9); die fertile Gruppe sind Männer mit Vaterschaft, bei denen die Gewebeentnahme aus anderem Grund erfolgte (nach dem Recherchedokument zur verwandten Arbeit [s061] zum Ausschluss von Keimzelltumoren), also keine gesunden Freiwilligen. Negativkontrollen für Reagenzien sind im verfügbaren Text nicht beschrieben (so das Recherchedokument). Von derselben Forschungsgruppe wie [s060, s061, s046]; eine Überschneidung der Patienten ist wahrscheinlich, aber nicht angegeben.
- Einordnung: Eine der wenigen Studien am Hodengewebe, die die Gewebeflora mit der Harnröhrenflora vergleicht. Sie stützt gemeinsam mit Alfano die Aussage, dass das Hodengewebe Bakterien-DNA enthält und sich bei Azoospermie anders zusammensetzt [s104, s062].
Faniev et al. 2024 (Zeitschrift „Андрология и генитальная хирургия") [s061]
Titel: Сравнительный анализ микробиоты ткани яичка и уретры у пациентов с азооспермией методом секвенирования нового поколения (NGS) (Vergleichende Analyse der Mikrobiota von Hodengewebe und Harnröhre bei Patienten mit Azoospermie mittels Sequenzierung der nächsten Generation). Angaben aus dem Recherchedokument (Dokument ru); laut diesem wurden nur Zielsetzung, Methoden und Schlussfolgerungen gelesen, Zahlenergebnisse aus dem Text nicht verwendet.
- Land: Russland.
- Design: Querschnittsstudie mit gepaarten Gewebe- und Harnröhrenproben.
- Population: 53 Männer: 13 mit NOA und Varikozele, 29 mit obstruktiver Azoospermie (OA) und 11 fertile Männer mit nachgewiesener Vaterschaft. Das Recherchedokument weist darauf hin, dass der Methodenteil 42 ausgewählte Patienten plus 11 Fertile nennt, die Gruppen der Zusammenfassung ergeben ebenfalls 53 [s061].
- Exposition: Azoospermieform.
- Messung: Sequenzierung (NGS) von Hodengewebe und Harnröhrenprobe [s061].
- Ergebnisse: Laut der Schlussfolgerung hatte das Hodengewebe unfruchtbarer Patienten mit OA eine deutlich verarmte bakterielle Vielfalt im Vergleich zur Gruppe NOA mit Varikozele, und die fertile Gruppe war taxonomisch am vielfältigsten; die Autoren sehen darin einen möglichen Einfluss des Mikrobioms auf die Fortpflanzungsgesundheit [s061].
- Störgrößen: Nicht berichtet.
- Stärken: Paarvergleich Gewebe und Harnröhre.
- Schwächen: Im Recherchedokument liegen keine Zahlen vor; die Kontrollgruppe stammt aus Männern, bei denen die Biopsie zum Ausschluss von Keimzelltumoren erfolgte; kleine Gruppen; Überschneidung mit den übrigen Faniev-Studien [s061, s062, s060, s046].
- Einordnung: Die Befunde sind nur als Richtung zu lesen. Bemerkenswert ist, dass die Gruppe mit obstruktiver Azoospermie die geringste Vielfalt zeigte, obwohl die Hodenfunktion dort nicht primär gestört sein muss; eine Erklärung nennt das Recherchedokument nicht [s061].
Faniev et al. 2024 (Zeitschrift „Вестник урологии") [s060]
Titel: Взаимосвязь микробиома и мастоцитоза тестикулярной ткани при азооспермии (Zusammenhang zwischen Mikrobiom und Mastozytose des Hodengewebes bei Azoospermie). Angaben aus dem Recherchedokument (Dokument ru), das den Volltext dieser Arbeit als gelesen angibt; die Prüfung des PDF ist dort allerdings als nicht bestätigt vermerkt.
- Land: Russland.
- Design: Querschnittsstudie mit Sequenzierung und Immunhistochemie.
- Population: 33 Männer mit Azoospermie: 21 mit NOA und 12 mit OA. Alter im Mittel 39,4 ± 10,7 Jahre, Dauer der Kinderlosigkeit 7,2 ± 7,8 Jahre [s060].
- Exposition: Azoospermieform und Mastzellbefund im Hodengewebe.
- Messung: Hodengewebe (NGS 16S) und Immunhistochemie auf Mastzell-Tryptase [s060].
- Ergebnisse: Das Mikrobiom bei NOA unterschied sich deutlich von dem bei OA (p < 0,05); bei NOA waren Enterobacteriaceae, Xanthomonadaceae, Finegoldia, Bifidobacterium, Porphyromonas, Prevotella, Peptoniphilus und Pseudomonas häufiger, bei OA kam Prevotella selten vor, und die Gesamtzahl der Taxa war bei OA niedriger. Hormone: bei NOA niedrigeres Testosteron, höheres FSH und LH; Inhibin B korrelierte negativ mit FSH (r = −0,678) und LH (r = −0,645). Eine Mastozytose im Interstitium fand sich in etwa 83 % der Fälle, Mastzellen in den Tubuli in 68 %, ein vollständiges Fehlen von Mastzellen nur bei 32 %. In der NOA-Gruppe korrelierten Mastzellen in den Tubuli positiv mit Bifidobacterium (r = 0,710) und Dermabacter (r = 0,527), in der OA-Gruppe mit Cloacibacterium (r = 0,961), Propionibacterium (0,665), Collinsella (0,665), Porphyromonas (0,647) und Staphylococcaceae (0,632; alle p < 0,05). Die Alpha-Diversität nach Shannon (r = 0,591) und Simpson (r = 0,680) hing in der OA-Gruppe mit der Zahl der Stroma-Mastzellen zusammen, wobei das Vorzeichen im Quelltext widersprüchlich beschrieben ist [s060].
- Störgrößen: Nicht berichtet; keine Adjustierung erkennbar.
- Stärken: Verknüpfung von Mikrobiom, Hormonen und Gewebehistologie (Mastzellen).
- Schwächen: Sehr kleine Gruppen (12 bei OA), auf denen Korrelationen wie r = 0,961 beruhen, die bei vielen Taxa und wenigen Fällen anfällig für Zufallsbefunde sind; keine Korrektur für mehrfaches Testen erkennbar; kein Zusammenhang kann als ursächlich gelesen werden; Vorzeichenwiderspruch im Quelltext; Kontrollen fehlen (keine fertile Gruppe).
- Einordnung: Die Studie liefert die Hypothese, dass Mastzellen im Hoden und Bakterienprofile zusammenhängen. Sie ist hypothesengenerierend [s060].
Faniev et al. 2025 (Zeitschrift „Экспериментальная и клиническая урология", Heft 3) [s046]
Titel: Сравнительный анализ микробиоты уретры и яичек у пациентов с обструктивной азооспермией с результатами вспомогательных репродуктивных технологий (Vergleichende Analyse der Mikrobiota von Harnröhre und Hoden bei Patienten mit obstruktiver Azoospermie und den Ergebnissen der assistierten Reproduktion). Angaben aus dem Recherchedokument (Dokument ru).
- Land: Russland.
- Design: Kohortenstudie.
- Population: 24 Männer mit obstruktiver Azoospermie in assistierter Reproduktion: bei 13 trat eine Schwangerschaft ein (ART+), bei 11 nicht (ART−) [s046].
- Exposition: Mikrobiota von Hodengewebe und Harnröhre.
- Messung: 16S-Sequenzierung beider Proben; Vergleich der Alpha-Diversität und der Familienanteile; Korrelation mit Inhibin B [s046].
- Ergebnisse: Im Hodengewebe überwogen die Familien Enterobacteriaceae und Burkholderiaceae, in der Harnröhre Mycobacteriaceae, Staphylococcaceae, Lactobacillaceae und Peptoniphilaceae. Die Alpha-Diversität unterschied sich nicht signifikant zwischen ART− und ART+ (Shannon-Index im Hoden 4,7 ± 1,7 und 4,1 ± 1,2, in der Harnröhre 3,9 ± 1,9 und 3,6 ± 1,1). In der ART−-Gruppe waren im Hodengewebe aber 19 Familien signifikant häufiger und 2 seltener (Mycobacteriales und Legionellaceae). Inhibin B hing mit der Zusammensetzung der Hodenmikrobiota zusammen. Die Autoren sprechen von einer möglichen „Mikrobiota der Fruchtbarkeit des Hodens" [s046].
- Störgrößen: Keine Adjustierung für Alter oder weitere Merkmale im verfügbaren Text.
- Stärken: Seltener klinischer Endpunkt (Schwangerschaft nach ART); Vergleich von Gewebe und Harnröhre.
- Schwächen: 24 Männer, 13 gegen 11; Standardabweichungen sehr groß; 21 differenzielle Familien bei diesem Umfang laden zu Zufallsbefunden ein; der Schwangerschaftsausgang hängt auch von der Partnerin ab, deren Faktoren nicht berücksichtigt sind; die Deutung als „Mikrobiota der Fruchtbarkeit" ist eine Hypothese, nicht belegt [s046].
- Einordnung: Die Studie ist ein erstes Signal, dass die Hodenflora mit dem ART-Ergebnis zusammenhängen könnte, aber wegen der Gruppengröße nicht belastbar [s046]. Alle vier Faniev-Studien stammen von derselben Forschungsgruppe, und eine Überschneidung der Kollektive ist wahrscheinlich; sie sind keine unabhängigen Bestätigungen füreinander.
F. Besondere Populationen: Prostatitis, Beckenschmerz, sexueller Beginn und HIV
Diese Studien untersuchen nicht Unfruchtbarkeit, sondern Zustände, die das Samenmikrobiom verändern können und deshalb für die Einordnung der übrigen Studien wichtig sind.
Mändar et al. 2017 [s110]
Originaltitel: Seminal microbiome in men with and without prostatitis.
- Land: Estland (Universität Tartu und Kompetenzzentrum für Gesundheitstechnologien; Affiliation laut Europe-PMC-Eintrag).
- Design: Querschnittsstudie mit Vergleich von Prostatitispatienten und Männern ohne Prostatitis; nur die Zusammenfassung lag vor.
- Population: 67 Männer: 21 mit und 46 ohne Prostatitis. Weitere Merkmale nennt der Abstract nicht [s110].
- Exposition: Prostatitis.
- Messung: Sequenzierung der V6-Region des 16S-Gens (Illumina HiSeq2000) mit kombinatorischen Sequenzmarkierungen im Ejakulat [s110].
- Ergebnisse: Häufigster Stamm waren die Firmicutes (Median 41,7 %; Quartile 28,5 bis 47,2 %), danach Bacteroidetes, Proteobacteria und Actinobacteria. Der Anteil der Laktobazillen war bei Gesunden höher als bei Prostatitispatienten (27 % [20,2 bis 34,6] gegen 20,2 % [4,9 bis 25,0]; p = 0,05), besonders bei Lactobacillus iners. Proteobacteria machten bei den Patienten einen größeren Anteil aus. Die Artenvielfalt war bei den Patienten höher (inverser Simpson-Index 13,5 ± 5,8 gegen 10,3 ± 4,0) [s110].
- Störgrößen: Im Abstract nicht berichtet.
- Stärken: Klinisch definierte Gruppen (Prostatitis), Sequenzierung statt Kultur.
- Schwächen: Kleine Zahl; der Hauptbefund hat einen p-Wert genau an der Grenze (p = 0,05); Angaben zur Kontaminationskontrolle nicht im Abstract.
- Einordnung: Die Studie ist eine der Grundlagen für die Annahme „weniger Laktobazillen und höhere Vielfalt bei Entzündung der Prostata", die später auch bei Leukozytospermie gefunden wurde [s084]; bei den Laktobazillen war besonders L. iners in der Gruppe ohne Prostatitis häufiger, was in einem Spannungsverhältnis zum Befund von Osadchiy [s056] steht, wo L. iners bei auffälliger Motilität vermehrt war [s110].
Mändar et al. 2018 [s107]
Originaltitel: Impact of sexual debut on culturable human seminal microbiota.
- Land: Estland (Universität Tartu).
- Design: Querschnittsstudie mit kulturbasierter Methode; nur die Zusammenfassung lag vor.
- Population: 68 junge gesunde Männer: 12 ohne sexuelle Erfahrung, 11 mit einer einzigen Partnerin im Leben und 45 mit mehreren Partnerinnen [s107].
- Exposition: Sexuelle Erfahrung (sexueller Beginn).
- Messung: Kultur der Bakterien im Ejakulat mit Bestimmung der Zahl der Arten und der Gesamtkonzentration [s107].
- Ergebnisse: Ein Mann konnte ein bis neun verschiedene Bakterien im Ejakulat tragen; die Gesamtkonzentration lag zwischen 2,3 und 7,3 log10 KbE/ml. Bei Männern ohne sexuelle Erfahrung waren Gesamtkonzentration und Vielfalt niedriger als bei sexuell erfahrenen (p < 0,05); beide Größen waren positiv korreliert (r = 0,54; p < 0,0001). Grundparameter des Spermiogramms waren in den Untergruppen ähnlich, und es gab keinen Zusammenhang zwischen sexueller Erfahrung und der Leukozytenzahl im Ejakulat [s107].
- Störgrößen: Im Abstract nicht berichtet (Alter, Karenz).
- Stärken: Seltene Studie an Männern ohne sexuelle Vorerfahrung; Hinweis auf einen Einfluss des Sexualverhaltens auf die Samenflora.
- Schwächen: Nur kultivierbare Bakterien; nur 12 Männer ohne Erfahrung; Querschnitt; keine Aussage zur Fruchtbarkeit.
- Einordnung: Die Studie zeigt, dass die Bakterienflora im Ejakulat mit dem sexuellen Verhalten zusammenhängt, ohne dass sich das Spermiogramm unterscheidet. Das erschwert die Interpretation aller Studien, die nicht das Sexualverhalten berücksichtigen (etwa Osadchiy [s056], wo die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs nicht erfasst wurde) [s107].
Saldarriaga López et al. 2024 [s058]
Originaltitel: The microbiota of sexual intercourse and its effect on prostatitis.
- Land: Kolumbien (Universität von Antioquia, Medellín).
- Design: Querschnittsstudie mit Fall-Kontroll-Struktur; nur die Zusammenfassung lag vor.
- Population: 53 Ejakulatproben: 22 von Männern mit Symptomen einer chronischen Prostatitis und 31 von Männern ohne Anzeichen einer urogenitalen Infektion (Kontrollgruppe) [s058].
- Exposition: Symptome einer chronischen Prostatitis.
- Messung: Nachweis von Lactobacillus crispatus, Lactobacillus iners, Gardnerella vaginalis und Atopobium vaginae im Ejakulat (die Methode nennt der Abstract nicht), außerdem Spermienparameter, die gesamte antioxidative Kapazität des Samenplasmas, prostataspezifisches Antigen und einige entzündungsfördernde Zytokine [s058].
- Ergebnisse: Männer mit Prostatitissymptomen hatten einen geringeren Anteil normal geformter Spermien (4,3 % gegen 6,0 % in der Kontrollgruppe; p = 0,004). In der Gruppe ohne urogenitale Beschwerden wurden Mikroorganismen, die zur Scheidenflora gehören, häufiger nachgewiesen [s058].
- Störgrößen: Im Abstract nicht berichtet.
- Stärken: Gezielte Messung von Mikroorganismen, die sonst als „scheidentypisch" gelten; zusätzliche Entzündungs- und Antioxidationsmarker.
- Schwächen: Kleine Gruppen; nur vier Zielorganismen statt der Gesamtgemeinschaft; Methode und Häufigkeiten im Abstract nicht angegeben; die Deutung, Scheidenmikroorganismen im Ejakulat könnten vor Prostatitis schützen, ist eine Hypothese der Autoren und aus einem Querschnitt nicht abzuleiten.
- Einordnung: Der Befund zur Morphologie ist ein klinisch greifbarer Unterschied; die mikrobiologische Aussage ist vorläufig und passt zu den estnischen Studien zu Laktobazillen bei Prostatitis [s110, s058].
Choi et al. 2020 [s096]
Originaltitel: Analysis of bacterial community using pyrosequencing in semen from patients with chronic pelvic pain syndrome: a pilot study.
- Land: Südkorea (Einzelzentrum, Universitätskrankenhaus der Katholischen Universität Korea).
- Design: Prospektive Fall-Kontroll-Pilotstudie, Oktober 2014 bis August 2015; Volltext lag vor.
- Population: 17 Patienten mit chronischer Prostatitis/chronischem Beckenschmerzsyndrom (CP/CPPS; Beschwerden seit mindestens drei Monaten, NIH-CPSI-Score mindestens 15, keine Antibiotika in den letzten drei Monaten, negative Urinkultur) und 4 gesunde Freiwillige. Alter im Mittel 51,91 ± 12,27 und 47,25 ± 5,51 Jahre; NIH-CPSI 27,82 ± 5,51 gegen 1,25 ± 0,96. Männer mit Blut im Ejakulat wurden nicht ausgeschlossen [s096].
- Exposition: CP/CPPS.
- Messung: Reinigung von Händen und Eichel mit borsäuregetränkten Wattebällchen, Masturbation in sterile Flaschen, Tiefkühlung bei −20 °C. Parallel konventionelle Kultur (Blut- und MacConkey-Agar; positiv ab 10³ KbE/ml) und Pyrosequenzierung (454 GS FLX Plus; Primer 27F und 518R) mit Zuordnung gegen die Silva-Datenbank [s096].
- Ergebnisse: In keiner Probe beider Gruppen wuchsen Kolonien. Die Pyrosequenzierung (232.038 Reads, 1.343 OTUs bei 97 %) fand in allen Proben mehrere Gattungen, darunter viele anspruchsvolle Bakterien. Corynebacterium, Pseudomonas, Sphingomonas, Staphylococcus und Streptococcus wurden in beiden Gruppen häufig gefunden; Achromobacter, Stenotrophomonas und Brevibacillus bei den Patienten häufiger (Stenotrophomonas bei 14 Patienten, 82,4 %). Der Shannon-Index war in beiden Gruppen ähnlich (1,75 ± 0,66 bei Kontrollen, 1,88 ± 0,99 bei Patienten); ein signifikanter Unterschied der Vielfalt bestand nicht. Die Autoren sahen weniger Laktobazillen bei den Patienten [s096].
- Störgrößen: Keine Adjustierung; mittleres Alter 51,9 gegen 47,3 Jahre.
- Stärken: Parallele Kultur und Sequenzierung an derselben Probe; klinisch definierte Patientengruppe.
- Schwächen: Mit vier Kontrollpersonen kaum aussagekräftig (so die Autoren: „underpowered"); keine Negativkontrollen, und die Autoren weisen selbst darauf hin, dass Achromobacter ein häufiger Laborkontaminant ist und Studien mit Negativkontrollen nötig sind; die Auswertung der Diversität ist in der Studie widersprüchlich beschrieben (Shannon und Simpson geben unterschiedliche Richtungen an); die Probenentnahme mit Reinigung nur der Eichel; Kontaminationsmöglichkeit durch Entnahme und Handhabung.
- Einordnung: Die Studie zeigt vor allem den Unterschied zwischen Kultur und Sequenzierung: Alle Proben waren in der Kultur steril, während die Sequenzierung bei jeder Probe Bakterien-DNA fand. Das ist ein deutlicher Hinweis, dass Sequenzbefunde nicht mit lebenden Keimen oder Infektion gleichzusetzen sind und dass Kontamination eine Rolle spielen kann. Eine Aussage zur Fruchtbarkeit enthält die Studie nicht [s096].
Liu et al. 2014 [s115]
Originaltitel: The semen microbiome and its relationship with local immunology and viral load in HIV infection.
- Land: Kanada (Toronto); die Autorenaffiliationen nennen auch Einrichtungen in den USA.
- Design: Beobachtungsstudie (Kohorte) mit Längsschnittanteil; Volltext lag vor. Es geht nicht um Unfruchtbarkeit, sondern um das Samenmikrobiom bei HIV-Infektion.
- Population: 49 Männer, die Sex mit Männern haben (MSM): 22 HIV-negative und 27 HIV-positive, bisher unbehandelte Männer. Mittleres Alter 36,4 und 34,0 Jahre (p = 0,399). Einschluss ohne Hinweis auf Chlamydien-, Gonokokken- oder Syphilisinfektion. Bei den HIV-positiven Männern betrug die Seroprävalenz von HSV-2 48,3 % und von CMV 79,3 %; im Median CD4-Zahl 300/mm³, HIV-RNA 30.122 Kopien/ml im Blut und 3.192 Kopien/ml im Ejakulat [s115].
- Exposition: HIV-Infektion und antiretrovirale Therapie (Probe vor Beginn sowie nach 1 und 6 Monaten).
- Messung: Ejakulat durch Masturbation nach 48 Stunden Karenz in sterilen Nährmedien mit Penicillin und Streptomycin, Abtrennung des Samenplasmas durch Zentrifugation bei 850 g; Pyrosequenzierung der Regionen V3 bis V6 des 16S-Gens; Bakterienlast mit quantitativer PCR; 13 Zytokine im Samenplasma; HIV-RNA-Viruslast. Insgesamt 162.998 Sequenzen [s115].
- Ergebnisse: Streptococcus, Corynebacterium und Staphylococcus waren unabhängig vom HIV-Status häufig. Bei HIV-negativen Männern war Ureaplasma der häufigere Vertreter der Mollicutes, nach HIV-Infektion Mycoplasma. HIV war mit geringerer Diversität und Artenzahl im Samenmikrobiom verbunden, die sich nach sechs Monaten antiretroviraler Therapie erholten. Bei HIV-positiven Männern hing die Bakterienlast mit sieben entzündungsfördernden Zytokinen zusammen, darunter IL-6 (p = 0,024), TNF-α (p = 0,009) und IL-1β (p = 0,002); IL-1β mit der Viruslast im Ejakulat (r² = 0,18; p = 0,02), die Bakterienlast direkt mit der Viruslast (r² = 0,15; p = 0,02) [s115].
- Störgrößen: Das Sexualverhalten wurde nicht erfasst; die Autoren halten es für unwahrscheinlich, dass es die Veränderungen erklärt.
- Stärken: Wiederholte Messungen bei denselben Männern mit Therapie; Kombination von Bakterienlast, Zytokinen und Viruslast; HIV-negative Kontrollen aus demselben Ort.
- Schwächen: Die Verarbeitung war auf den HIV-Nachweis ausgelegt; die Autoren räumen ein, dass die hohe Zentrifugationsgeschwindigkeit Bakterienarten unterschiedlich abgetrennt haben könnte. Der Antibiotikazusatz im Entnahmemedium kann die Bakterienzusammensetzung ebenfalls verändern (Anmerkung des Verfassers); Bakterienlast im Pellet konnte wegen menschlicher DNA nicht gemessen werden; die Kontrollgruppe bestand aus Mitarbeitenden und Studierenden einer Universität; keine Angaben zu Spermienqualität; nur Männer, die Sex mit Männern haben.
- Einordnung: Diese Studie ist keine Studie zur Unfruchtbarkeit und darf nicht als Beleg für Unfruchtbarkeitsmechanismen verwendet werden. Sie zeigt, dass das Immunsystem das Samenmikrobiom mitprägt (Erholung der Vielfalt unter Therapie), und sie liefert Befunde zu Mollicutes (Ureaplasma, Mycoplasma) im Ejakulat von Männern, die Sex mit Männern haben [s115].