J.1 Übersicht der wichtigsten Studien
| Studie | Land | Design | Stichprobe | Kernbefund |
|---|---|---|---|---|
| Hou 2013 [s117] | China | Querschnitt | 19 Spender, 58 Patienten | Kein Gesamtunterschied; Anaerococcus negativ mit Spermienqualität |
| Weng 2014 [s116] | Taiwan | Querschnitt | 96 | Drei Gemeinschaftstypen; 29 von 36 Normalproben (80,6 %) im Lactobacillus-Typ |
| Baud 2019 [s101] | Schweiz | Querschnitt | 94 (26 normal, 68 auffällig) | Gesamtzusammensetzung ohne Zusammenhang; Prevotella, Staphylococcus und Lactobacillus nur einzeln auffällig |
| Yang 2020 [s099] | China | Querschnitt | 159 | Unterschied bei Asthenozoospermie und Oligoasthenozoospermie; Lactobacillus bei Patienten vermehrt |
| Lundy 2021 [s092] | USA | Prospektiver Vergleich | 25 gegen 12 | Höhere Diversität, mehr Aerococcus; Prevotella negativ mit Konzentration |
| Yao 2022 [s084] | China | Querschnitt | 87 (und 1.161 Akten) | Leukozytospermie: schlechtere Parameter, mehr Streptococcus-Typ |
| Garcia-Segura 2022 [s077] | Spanien | Querschnitt | 14 Spender, 42 Patienten | Profile ohne Bezug zur Fruchtbarkeit; viele Einzelkorrelationen |
| Cao 2023 [s066] | China | Querschnitt | 53 | Staphylococcus im Ejakulat bei Asthenozoospermie und Hyperviskosität vermehrt |
| Osadchiy 2024 [s056] | USA | Querschnitt | 73 | L. iners bei auffälliger Motilität (9,4 % gegen 2,6 %) |
| Mowla 2025 [s043] | Großbritannien | Prospektiv, Fall-Kontrolle | 223 | Kein Gesamtzusammenhang; nur Flavobacterium nach Korrektur |
| Lu 2025 und 2026 [s041, s014] | China | Fall-Kontrolle | 40 gegen 30 | Prevotella bei Patienten; AUC 0,773 (intern) |
| Vougiouklaki 2026 [s026] | Griechenland | Querschnitt | 80 | Campylobacter-Dominanz bei Auffälligen (Zahlen widersprüchlich); keine Pilz-DNA |
| Cannarella 2026 [s005] | Italien | Querschnitt | 100 | Starke Korrelationen der Laktobazillen mit Spermienmerkmalen (nur Abstract) |
| Amato 2020 [s095] | Italien | Paare, prospektiv | 23 Paare | Vaginales L. crispatus, nicht Samenmikrobiom, mit IUI-Erfolg |
| Koort 2023 [s070] | Estland | Paare, Kohorte | 97 ART-Paare, 12 gesunde | Schwangerschaftsrate 53 % gegen 25 % bei „günstigen" Typen beider Partner |
| Alfano 2018 [s104] | Italien | Querschnitt (Hoden) | 15 | Mehr Bakterien-DNA bei iNOA, weniger Vielfalt bei Keimzellaplasie |
| Heidari 2021 [s090] | Iran | Querschnitt | 200 | M. genitalium (OR 8,06) und C. trachomatis (OR 16, extrem weites KI) bei Unfruchtbaren |
| Eini 2021 [s088] | Iran | Fall-Kontrolle | 172 und 35 | 34,88 % kulturpositiv; infizierte Proben mit mehr Leukozyten und DNA-Fragmentierung |
| Shash 2023 [s074] | Ägypten | Fall-Kontrolle | 34 gegen 34 | Bakteriospermie mit niedrigerer Beweglichkeit und Morphologie |
| Kim 2017 [s109] | Südkorea | Querschnitt | 381 | U. urealyticum nur mit schlechterer Morphologie |
J.2 Kontaminationskontrolle in den Sequenzierungsstudien
| Studie | Negativkontrollen oder Kontaminantenbehandlung laut verfügbarem Text |
|---|---|
| Hou [s117], Cannarella [s005], Campbell [s065], Lundy [s092] | Aus dem Abstract nicht zu beurteilen (Lundy nennt „experimentelle Kontrollen") |
| Weng [s116], Yang [s099], Yao [s084], Lu 2025 [s041], Amato [s095] | Im Methodenteil nicht beschrieben |
| Koort [s070] | Im verfügbaren Volltext nicht erwähnt (Details in Zusatztabellen) |
| Cao [s066], Choi [s096] | Von den Autoren ausdrücklich als fehlend benannt |
| Vougiouklaki [s026] | Positivkontrollen für Pilze; keine Negativkontrollen für Bakterien beschrieben |
| Baud 2019 [s101] | Zwei Extraktions-Negativkontrollen |
| Osadchiy [s056] | Positiv-, Extraktions- und Leerkontrollen; verdächtige Gattungen entfernt |
| Mowla [s043] | Drei Negativkontrollen, rechnerische Entfernung von 94 Sequenzvarianten |
| Garcia-Segura 2022 und 2023 [s077, s067] | Kontrollen aus Raum, Extraktion und PCR, aber keine Korrektur der Daten |
| Lu 2026 [s014] | Manuelle Entfernung bekannter Laborkontaminanten (Cutibacterium, Ralstonia, Sphingomonas, Methylobacterium) |
| Alfano [s104] | Negativ- und Positivkontrolle für die quantitative PCR |
| Baud 2025 [s035] | Laut Darstellung bei Mowla umfangreiche Negativkontrollen [s043] |
J.3 Richtung der Befunde nach Gruppen von Bakterien
| Taxon | Hinweise auf günstigeren Befund | Hinweise auf ungünstigeren Befund oder kein Zusammenhang |
|---|---|---|
| Lactobacillus | Weng [s116]; Baud 2019, Morphologie [s101]; Yao [s084]; Mändar 2017, Gesunde gegen Prostatitis [s110]; Cannarella [s005]; Cao [s066]; Garcia-Segura 2022, weniger Fragmentierung im alkalischen Comet-Test [s077] | Yang, bei Asthenozoospermie vermehrt [s099]; Osadchiy, L. iners [s056]; Mowla, Gesamtzusammenhang fehlt, ROS positiv [s043]; Amato, Samenmikrobiom ohne Bezug zum IUI-Erfolg [s095] |
| Prevotella | – | Weng [s116]; Baud 2019 [s101]; Lundy [s092]; Cao [s066]; Lu 2025 und 2026 [s041, s014]; Koort, Typ II zusammen mit anderen Anaerobiern [s070]; Baud 2024, Urocanat [s047]; Ding, Stuhl [s097]. Kein Gesamtzusammenhang bei Mowla [s043] |
| Staphylococcus | Baud 2019 [s101]; Osadchiy, S. hominis [s056] | Cao, bei Asthenozoospermie und Hyperviskosität vermehrt [s066] |
| Pseudomonas | Lundy, positiv mit beweglichen Spermien [s092] | Weng, Pseudomonas-Typ mit schlechterer Qualität [s116]; Osadchiy, Arten gegenläufig [s056] |
Bei der Vielfalt (Diversität) der Gemeinschaft fanden keinen Unterschied: Baud 2019 [s101]; Yang, Alpha-Diversität [s099]; Cao [s066]; Osadchiy [s056]; Mowla [s043]; Garcia-Segura 2022 [s077]; Lu 2026, Alpha-Diversität [s014]; Campbell, Alpha-Diversität [s065]. Höhere Vielfalt bei Unfruchtbarkeit oder Entzündung fanden: Lundy [s092]; Yao [s084]; Mändar 2017 [s110]; Amato, im Vergleich mit externen Kontrollen [s095]; Weng, beim Artenreichtum [s116].
J.4 Was die Beobachtungsstudien gemeinsam zeigen
Im Ejakulat findet sich in fast allen Sequenzierungsstudien Bakterien-DNA. Die häufigsten Stämme sind Firmicutes, Proteobacteria, Actinobacteria und Bacteroidetes [s099, s084, s077, s104]. Mehrere Studien sehen wiederkehrende Gemeinschaftstypen mit Lactobacillus, Prevotella oder Streptococcus als prägender Gattung [s116, s101, s084, s043], die Tartu-Gruppe zusätzlich einen Acinetobacter-Typ [s070]. Dass mehrere Studien aus verschiedenen Ländern ähnliche Typen finden, werten die Lausanner Autoren als Hinweis auf übergreifende Muster [s101]; die Typen sind aber erst nach dem Clustering beschrieben und sagen für sich nichts über Ursache und Wirkung.
Die Studien widersprechen sich bei fast jeder einzelnen Gattung (Tabelle J.3). Am deutlichsten ist das bei Lactobacillus: Er geht in einer Reihe von Studien mit besserer Spermienqualität einher [s116, s101, s005], war bei Yang aber bei Asthenozoospermie vermehrt [s099], und für L. iners fand Osadchiy den gegenteiligen Zusammenhang wie für die Gattung insgesamt [s056]. Die Befunde für Prevotella sind einheitlicher in der Richtung, aber ebenfalls nicht überall nachweisbar [s043]. Bei der Diversität gibt es sowohl höhere Werte bei Unfruchtbarkeit oder Entzündung als auch keinen Unterschied; „höhere Vielfalt ist besser" gilt im Genitaltrakt offenbar nicht [s084, s110, s095].
Die größte Studie mit Negativkontrollen und Korrektur für mehrfaches Testen fand keinen Zusammenhang der Gesamtgemeinschaft mit Spermiogramm, oxidativem Stress oder DNA-Fragmentierung [s043]. Auch die Lausanner Studie fand keinen Gesamtzusammenhang, aber einzelne Gattungen [s101]. Die Plattform kann die Gattungsanteile deutlich beeinflussen [s067], und Kontaminationen sind bei Proben mit wenig Bakterien-DNA ein reales Problem [s043, s096]. Ein Teil der berichteten Einzelbefunde (Flavobacterium, Ralstonia, Acinetobacter, Achromobacter) betrifft Gattungen, die in den Studien selbst als mögliche Kontaminanten diskutiert werden [s043, s056, s070, s096].
Bei Männern ohne Spermien im Ejakulat deuten die Gewebestudien darauf hin, dass der Hoden nicht keimfrei ist und dass bei idiopathischer Azoospermie mehr Bakterien-DNA und weniger Vielfalt vorkommen [s104]; die russischen Studien beschreiben ebenfalls eine verarmte Gewebeflora, stammen aber von einer Gruppe mit überlappenden Kollektiven [s062, s061, s060, s046].
Bei Paaren in Behandlung ist die Scheidenflora (L.-crispatus-Dominanz) in beiden Studien mit klinischem Endpunkt besser mit dem Erfolg verbunden als die Samenflora [s095, s070]; die Befunde zur Männerseite sind uneinheitlich (kein Zusammenhang bei Amato, ein günstiger Acinetobacter-Typ bei Koort). Der Effekt auf die Scheidenflora durch den Verkehr scheint in einer Paarstudie begrenzt [s035], während die Tartu-Gruppe eine Veränderung nach dem Verkehr beschreibt [s113].
Bei den Kultur- und PCR-Studien zeigen mehrere Arbeiten aus dem Iran, Ägypten und Südkorea Zusammenhänge zwischen bestimmten Erregern und schlechterer Beweglichkeit, Morphologie oder DNA-Fragmentierung [s090, s088, s074, s109, s034, s076]. Hier hängt vieles an den Kontrollgruppen: Wenn die Kontrollen über ein normales Spermiogramm definiert sind, ist der Zusammenhang mit dem Spermiogramm zum Teil eingebaut [s090, s088]. Die Erregerarten (Staphylococcus aureus, Enterococcus faecalis, Ureaplasma, Mycoplasma) unterscheiden sich je nach Land und Nachweismethode; in Spanien überwogen bei symptomatischen Männern Enterococcus faecalis und Ureaplasma [s073].
J.5 Was die Beobachtungsstudien nicht zeigen
- Keine Ursache. Keine dieser Studien kann klären, ob Bakterien die Spermienqualität verändern, ob veränderte Spermien oder Entzündung die Bakterien verändern oder ob beides von Dritten (Alter, Rauchen, Sexualverhalten, Entnahmetechnik) abhängt. Das Sexualverhalten hängt laut einer kulturbasierten Studie mit der Samenflora zusammen [s107], wurde aber in den meisten Studien nicht erfasst (zum Beispiel bei Osadchiy [s056]).
- Kein diagnostischer Test. Die berichteten AUC-Werte (0,773 bei Lu 2026; 0,660 bis 0,780 bei Garcia-Segura 2022; 0,841 für Lactobacillus bei Asthenozoospermie bei Yang) stammen aus kleinen Stichproben ohne externe Prüfung [s014, s077, s099].
- Kaum Schwangerschaften. Nur zwei Paarstudien und eine russische Kohorte berichten ein Schwangerschaftsergebnis, alle bei Paaren in Behandlung und mit wenigen Ereignissen [s095, s070, s046]. Für natürliche Schwangerschaft oder Lebendgeburt liegt in den hier erfassten Beobachtungsstudien nichts vor.
- Keine Aussage zur Wirkung von Probiotika oder Antibiotika. Dazu gehören Interventionsstudien, die in anderen Kapiteln behandelt werden. Auch die Arbeit von Ensslen, die über Besserungen nach Zahnsanierung berichtet, ist eine unkontrollierte Beobachtung und kein Wirksamkeitsnachweis [s121].
- Keine Therapieempfehlung. Dieses Kapitel gibt keine Empfehlung zu Untersuchungen oder Behandlungen. Fragen zu Befund und Behandlung gehören in die ärztliche Abklärung.
J.6 Lücken dieser Auswertung
Bei 13 Studien lag nur die Zusammenfassung vor (Hou, Cannarella, Campbell, Lundy, Mändar 2015, 2017 und 2018, Baud 2025, Saldarriaga, Dehghan, Asgari, Ensslen, Granouillet), bei vier russischen Arbeiten und einer türkischen nur die Beschreibung im jeweiligen Recherchedokument. Einzelne Taxa-Befunde und Zahlen ließen sich daher nicht prüfen.