Mikrobiom und Probiotika · Kapitel 5 von 33 · Studienlage: Metaanalysen und systematische Übersichten

Gegenstand, Abgrenzung und Lesehinweise bis Systematische Übersicht: Puerta-Suárez und Cardona Maya 2025 [s044]

Gegenstand, Abgrenzung und Lesehinweise

Dieses Kapitel behandelt jede in der Master-Quellenliste als „Systematische Übersicht“ oder „Systematische Übersicht und Metaanalyse“ geführte Arbeit zum seminalen und genitalen Mikrobiom, zu Genitaltrakt-Infektionen, zu Probiotika und zur männlichen Fruchtbarkeit. Es sind vierzehn Arbeiten: Farahani 2021 [s089], Gomes 2023 [s068], Brandão 2021 [s086], Hofman 2025 [s038], Bazzar 2026 [s001], Puerta-Suárez 2025 [s044], Campbell 2026 [s004], Boujemaa 2026 [s002], Prihadi 2026 [s020], Oliveira 2024 [s055], Shamsi-Goushki 2026 [s022], Corbett 2021 [s087], Maleki-Hajiagha 2025 [s042] und Melhem 2026 [s017]. Die Rückzugsmitteilung zu Helli 2022 [s021] gehört ebenfalls hierher, weil die zurückgezogene Studie in mehreren dieser Übersichten als Datenquelle eingeht. Rein narrative Übersichten (zum Beispiel [s009, s010, s036, s050, s051]) sind nicht Gegenstand dieses Kapitels; zwei strukturiert angelegte narrative Arbeiten mit Zahlen zur Studienzahl, [s054] und [s012], werden am Ende als Grenzfälle kurz dargestellt.

Die Arbeiten beantworten vier verschiedene Fragen, und diese Trennung ist für das Verständnis wichtig:

  1. Welche Bakterien finden sich im Ejakulat, und hängen sie mit der Spermienqualität zusammen? (Farahani [s089], Gomes [s068], Brandão [s086], Bazzar [s001], Puerta-Suárez [s044]; methodisch dazu Hofman [s038]).
  2. Verschlechtern Infektionen des männlichen Genitaltrakts oder einzelne Erreger die Samenparameter? (Campbell [s004], Boujemaa zu Mycoplasma hominis [s002]; Teilergebnisse bei Farahani [s089]).
  3. Verbessern Probiotika bei Männern die Spermienparameter oder die Schwangerschaftsrate? (Prihadi [s020], Oliveira [s055], Shamsi-Goushki [s022], Corbett [s087]; für Lactobacillus insgesamt Puerta-Suárez [s044]; für die weibliche Seite Maleki-Hajiagha [s042]).
  4. Wie wirksam sind nahrungsergänzende und medikamentöse Therapien bei idiopathischer männlicher Unfruchtbarkeit insgesamt? (Melhem [s017], als Vergleichsmaßstab für die Größenordnung der Probiotika-Effekte).

Was in diesem Kapitel nicht steht. Es enthält keine Therapieempfehlung. Wenn Autoren der besprochenen Übersichten selbst Schlüsse in Richtung Behandlung ziehen („Probiotika als mögliche therapeutische Alternative“, „Screening sollte erwogen werden“), werden diese als Aussagen der Autoren wiedergegeben und eingeordnet, nicht übernommen.

Welche Textgrundlage jeweils vorlag. Für die Einordnung der Aussagekraft ist entscheidend, ob der Volltext oder nur der Abstract geprüft werden konnte. Im Volltext (Europe PMC bzw. PMC) wurden gelesen: Boujemaa [s002], Gomes [s068], Brandão [s086], Hofman [s038], Puerta-Suárez [s044], Oliveira [s055] und Maleki-Hajiagha [s042]. Für Prihadi [s020] lag die Seite der Zeitschrift vor (Urologia Colombiana; die Arbeit ist in PubMed nicht indexiert, eine PMID gibt es nicht), die über eine automatische Zusammenfassung abgerufen wurde. Nur als Abstract (PubMed) lagen vor: Farahani [s089], Campbell [s004], Melhem [s017], Bazzar [s001], Shamsi-Goushki [s022] und Corbett [s087]. Der Volltext von Farahani, Campbell, Bazzar und Corbett war nicht frei abrufbar (Verlagsserver verweigerte den Zugriff beziehungsweise Abonnement erforderlich); der Volltext von Melhem war über die Europe-PMC-Schnittstelle nicht verfügbar. Bei diesen Arbeiten werden deshalb nur Angaben berichtet, die im Abstract stehen; was dort fehlt (zum Beispiel Studienzahl je Analyse, Heterogenität, Qualitätsbewertung), wird ausdrücklich als „im Abstract nicht angegeben“ gekennzeichnet und nicht ergänzt.

Überblick: die vierzehn Arbeiten in einer Tabelle

IDArbeitFragestellungEingeschlossenQuantitative Synthese?Qualitätsbewertung (laut Autoren)Textbasis
[s089]Farahani et al. 2021, AndrologySeminales Mikrobiom, Spermienfunktion, Fertilität55 Beobachtungsstudien, 51.299 PersonenJa (Mittelwertdifferenz, OR)im Abstract nicht angegebenAbstract
[s068]Gomes et al. 2023, JBRAMikrobiota und Samenqualität7 Studien, 500 MännerNeinkeine formale BewertungVolltext
[s086]Brandão et al. 2021, Porto Biomed JSamen- und Hodenmikrobiom (NGS) und Fertilität9 Studien (15 bis 118 Personen je Studie)Neinkeine formale Bewertung im gelesenen TextVolltext
[s038]Hofman et al. 2025, Front Reprod HealthMethodik der metagenomischen Samenstudien29 Studien, Median 56 TeilnehmerNein (Methodenvergleich)keine (Methodenübersicht)Volltext
[s001]Bazzar et al. 2026, Biol ReprodSamenmikrobiom und männliche Reproduktionsgesundheitim Abstract nicht angegebenNeinim Abstract nicht angegebenAbstract
[s044]Puerta-Suárez, Cardona Maya 2025, JBRALactobacillus spp. im menschlichen Samen35 ArtikelNeinJBI-Checkliste, QUIN-WerkzeugVolltext
[s004]Campbell et al. 2026, Fertil SterilGenitaltrakt-Infektionen und Samenqualität51 Studien qualitativ, 35 quantitativJa (Mittelwertdifferenzen, OR)im Abstract nicht angegebenAbstract
[s002]Boujemaa et al. 2026, Health Sci RepMycoplasma hominis und Spermienqualität11 Studien, 20.797 unfruchtbare MännerJa (SMD)Newcastle-Ottawa-SkalaVolltext
[s020]Prihadi et al. 2026, Urol ColombProbiotika bei idiopathischer Unfruchtbarkeit4 Studien (3 RCT, 1 einarmig), 156 TeilnehmerJa (SMD)RoB 2, ROBINS-IZeitschriftenseite
[s055]Oliveira et al. 2024, JBRAProbiotika bei männlicher Unfruchtbarkeit4 StudienNeinkeine formale BewertungVolltext
[s022]Shamsi-Goushki et al. 2026, Nutr HealthProbiotika und Spermienparameter (Mensch und Tier)15 Studien (5 Mensch, 10 Tier)Nein (laut Abstract)Cochrane RoB, SYRCLEAbstract
[s087]Corbett et al. 2021, EJOGRBProbiotika bei Paaren mit Unfruchtbarkeit4 StudienNeinim Abstract nicht angegebenAbstract
[s042]Maleki-Hajiagha et al. 2025, BMC Pregnancy ChildbirthVaginale Probiotika vor Embryotransfer (Frau)6 Studien, 850 TeilnehmerinnenJa (Risk Ratio)RoB 2, ROBINS-IVolltext
[s017]Melhem et al. 2026, AndrologyPharmakologische und nahrungsergänzende Therapien41 RCT, 3615 MännerJa (SMD, Dreiebenen-Modell)GRADEAbstract

Registrierungen laut Abstract oder Volltext: Boujemaa PROSPERO CRD420251072578 [s002]; Puerta-Suárez PROSPERO CRD42024519245 [s044]; Maleki-Hajiagha PROSPERO CRD42024550798 [s042]; Melhem PROSPERO CRD420261289976 [s017]. Für die übrigen Arbeiten wird im Abstract beziehungsweise im gelesenen Text keine Registrierung genannt.

Hinweise zu den Effektmaßen

Die berichteten Effektgrößen sind nicht untereinander vergleichbar, solange das Maß nicht übereinstimmt. Eine standardisierte Mittelwertdifferenz (SMD) gibt den Unterschied in Einheiten der Standardabweichung an und macht verschiedene Messskalen vergleichbar; ein SMD von 1 entspricht einem Unterschied von einer Standardabweichung zwischen den Gruppen. Eine Mittelwertdifferenz (MD) bleibt in der Originaleinheit (Millionen pro Milliliter, Prozentpunkte, Milliliter). Das Odds Ratio (OR) und das Risk Ratio (RR) vergleichen Häufigkeiten; ein Wert von 1 bedeutet keinen Unterschied. Das 95-%-Konfidenzintervall beschreibt die statistische Unsicherheit des gepoolten Mittelwerts; schließt es den Nullwert ein (bei Differenzen die 0, bei OR und RR die 1), ist der Effekt statistisch nicht gesichert. Die Heterogenität I² gibt an, welcher Anteil der Streuung zwischen den Studien nicht durch Zufall erklärbar ist; bei den hier besprochenen Arbeiten liegen die Werte häufig bei 80 bis 95 %, die gepoolte Zahl ist dann ein Durchschnitt sehr unterschiedlicher Einzelergebnisse. Ein Prädiktionsintervall (nur bei Melhem [s017] erwähnt) beschreibt, in welchem Bereich der Effekt einer künftigen einzelnen Studie liegen würde, und ist bei hoher Heterogenität deutlich weiter als das Konfidenzintervall.

Metaanalyse zum seminalen Mikrobiom: Farahani et al. 2021 [s089]

Fragestellung und Einschlusskriterien. Farahani und Mitarbeiter (Londoner Einrichtungen) wollten klären, ob das Mikrobiom des Samens die Spermienfunktion und die Fruchtbarkeit beeinflusst. Als Ausgangslage nennt der Abstract, dass der männliche Faktor an bis zu 50 % der Fälle von Unfruchtbarkeit beteiligt ist, dass In-vitro-Studien eine Schädigung der Spermienfunktion durch Bakterien zeigen und dass die Evidenz zum Samenmikrobiom widersprüchlich ist [s089]. Eingeschlossen wurden englischsprachige Studien aus den Jahren 1992 bis 2019, die Bakterien im Samen fruchtbarer und unfruchtbarer Männer identifizierten, und zwar mit Hochdurchsatzsequenzierung (NGS), Kultur oder PCR. Durchsucht wurden MEDLINE, OVID und PubMed nach dem PRISMA-Vorgehen [s089].

Umfang. 55 Beobachtungsstudien mit insgesamt 51.299 Personen. Das ist die mit Abstand größte der hier besprochenen Arbeiten nach Personenzahl. Der Abstract gibt weder an, wie viele dieser Studien in die einzelnen quantitativen Analysen eingingen, noch wie sich die Personenzahl auf NGS-, Kultur- und PCR-Studien verteilt. Das ist eine wichtige Einschränkung beim Lesen: Eine Zahl von 51.299 Personen beschreibt die Gesamtmenge der Literatur, nicht die Fallzahl hinter einem einzelnen gepoolten Effekt [s089].

Ergebnisse laut Abstract.

  • Das Samenmikrobiom war „reich und vielfältig“, sowohl bei fruchtbaren als auch bei unfruchtbaren Männern [s089].
  • Drei NGS-Studien berichteten eine Clusterbildung des Samenmikrobioms mit jeweils einer vorherrschenden Art; Lactobacillus und Prevotella dominierten in jeweils eigenen Clustern [s089]. Diese Clusterstruktur wird in der Primärliteratur etwa bei Weng 2014 [s116] beschrieben.
  • Lactobacillus war mit besseren Samenparametern assoziiert, Prevotella schien die Spermienqualität negativ zu beeinflussen [s089].
  • Eine Bakteriospermie wirkte sich negativ auf Spermienkonzentration und progressive Motilität aus. Für den DNA-Fragmentierungsindex (DFI) lag die gepoolte Mittelwertdifferenz bei 3,518 Prozentpunkten (95-%-Konfidenzintervall 0,907 bis 6,129; p = 0,008) [s089]. Konfidenzintervalle für Konzentration und Motilität nennt der Abstract nicht.
  • Ureaplasma urealyticum wurde bei unfruchtbaren Männern häufiger nachgewiesen (OR 2,25; 95-%-Konfidenzintervall 1,47 bis 3,46) und war mit schlechterer Konzentration und Morphologie verbunden [s089].
  • Chlamydia trachomatis: kein Unterschied in der Häufigkeit zwischen fruchtbaren und unfruchtbaren Männern und kein signifikanter Einfluss auf Samenparameter [s089].
  • Enterococcus faecalis beeinträchtigte die Gesamtmotilität; Mycoplasma hominis beeinträchtigte Konzentration, progressive Motilität und Morphologie [s089].

Schlussfolgerung der Autoren. Ureaplasma urealyticum, Enterococcus faecalis, Mycoplasma hominis und Prevotella wirkten sich negativ auf Samenparameter aus, Lactobacillus scheine die Spermienqualität zu schützen. Zugleich halten die Autoren fest, dass die Evidenz zur Auswirkung des Samenmikrobioms auf die Fruchtbarkeit selbst „inconclusive“ (nicht schlüssig) sei und weitere Studien nötig seien. Die Befunde könnten die Entwicklung neuer Therapien, zum Beispiel mit Probiotika, erleichtern [s089].

Einordnung und Kritik.

  • Trennung von Parametern und Fruchtbarkeit. Die Aussage „negativ für Samenparameter“ ist nicht gleichbedeutend mit „verursacht Unfruchtbarkeit“. Der Abstract nennt keine Auswertung von Schwangerschaften oder Geburten; die Autoren selbst bezeichnen die Evidenz zur Fertilität als nicht schlüssig [s089].
  • Gemischte Nachweismethoden. Kultur und PCR erfassen nur gezielt gesuchte oder anzüchtbare Arten; NGS erfasst die gesamte Gemeinschaft. Brandão [s086] und Hofman [s038] weisen darauf hin, dass sich daraus Widersprüche zwischen den Methoden ergeben. In Hofman wird die Angabe zitiert, Kulturverfahren erfassten nur etwa 1 % aller mikrobiellen Taxa [s038]. Eine Zusammenführung der drei Methoden in einer Analyse erfordert daher Vorsicht, und der Abstract sagt nicht, ob nach Methode getrennt gepoolt wurde.
  • Ausgangsgruppen. Der Abstract definiert nicht, was „Bakteriospermie“ (Schwellenwert) bedeutet. Henkel [s051] nennt als in den meisten Studien verwendete Schwelle mehr als 10³ koloniebildende Einheiten pro Milliliter, Neto [s054] für die Kultur meist mehr als 10⁴ pro Milliliter (in einer dänischen Studie mehr als 10³); die konkrete Handhabung bei Farahani bleibt hier offen.
  • Qualitätsbewertung, Heterogenität, Publikationsbias. Im Abstract nicht angegeben und deshalb hier nicht beurteilbar.
  • Beobachtungsdesign. Alle eingeschlossenen Studien sind Beobachtungsstudien, damit sind Störgrößen (Alter, Rauchen, Adipositas, Antibiotikaeinnahme, Sexualpartner) nicht kontrolliert. Kausalaussagen sind nicht möglich; die Autoren formulieren dies im Fazit mit der Bitte um weitere Studien [s089].
  • Widerspruch zu einer neueren Metaanalyse. Campbell 2026 [s004] findet für den DFI bei Genitaltrakt-Infektionen keinen signifikanten Unterschied, Farahani für die Bakteriospermie dagegen einen höheren DFI. Beide Arbeiten fassen unterschiedliche Studienmengen mit unterschiedlichen Definitionen zusammen (Bakteriospermie versus dokumentierte Infektion des Urogenitaltrakts); der Abstract-Vergleich erlaubt keine Auflösung. Siehe Abschnitt zu den Widersprüchen.

Aussagekraft. Hoch als Kartierung der Literatur und als Beleg dafür, dass die Zusammenhänge in dieselbe Richtung zeigen (Lactobacillus günstig, Prevotella und bestimmte Erreger ungünstig); niedrig bis mäßig für die Frage, ob sich daraus eine kausale Wirkung auf die Fruchtbarkeit ableiten lässt. Die Arbeit liegt hier nur im Abstract vor, einzelne Zahlen wurden nicht gegen den Volltext geprüft.

Systematische Übersicht: Gomes et al. 2023 [s068]

Fragestellung. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Mikrobiota und der Samenqualität? Die Autoren (Fortaleza und Ribeirão Preto, Brasilien) stellen den Gedanken voran, dass Männer mit „idiopathischer“ Unfruchtbarkeit möglicherweise eine Mikrobiota mit Mikroorganismen haben, die die Samenqualität senken, und dass eine solche Beziehung, falls bewiesen, eine gezielte Behandlung ermöglichen könnte [s068].

Methodik und Einschlusskriterien. Datensammlung von August 2021 bis März 2022 in PubMed, Medline und der Cochrane Library mit den Schlagwörtern „microbiota or microbiome“, „16S“ und „semen or sperm“. Eingeschlossen wurden vollständige Originalarbeiten in englischer Sprache, die zwischen 2012 und März 2022 erschienen waren und die Samenqualität mit der Mikrobiota in Beziehung setzten; ausgeschlossen wurden nicht verfügbare Artikel, Tierstudien und Übersichtsarbeiten. Das Vorgehen orientiert sich am PRISMA-Schema [s068].

Studienfluss. 45 Treffer (PubMed 36, Medline 7, Cochrane 2); zwei Duplikate entfernt, 34 Arbeiten nach Titel und Abstract ausgeschlossen, neun Arbeiten im Volltext gelesen, davon sieben in die Auswertung aufgenommen [s068]. Die im Abstract genannten sieben Arbeiten sind: Hou 2013 [s117] (77 Spender), Baud 2019 [s101] (94), Yang 2020 [s099] (159), Yao 2022 [s084] (87), Lundy 2021 [s092] (37), Okwelogu 2021 (36 Teilnehmer, in der Masterliste nicht geführt) und Puerta-Suárez und Cardona Maya 2021 (10). Die Summe der Teilnehmer ergibt 500 Personen (77 + 94 + 159 + 87 + 37 + 10 + 36), was der Angabe im Text entspricht [s068]. Alle Studien nutzten die 16S-rRNA-Gen-Sequenzierung; nur Lundy ergänzte Shotgun-Sequenzierung, Hou ergänzte eine Gram-Färbung, mit der die Autoren feststellten, dass bei den meisten Samenspender-Proben die Zahl der Bakterien die der Spermien übertraf [s068].

Ergebnisse (rein qualitativ). Es werden keine Effektgrößen, keine Konfidenzintervalle und keine Heterogenitätsmaße berechnet. Berichtet wird, welche Gattungen in welcher Gruppe erwähnt werden:

  • In fünf Studien war bei Männern mit normalen Samenparametern die Gattung Lactobacillus am häufigsten; bei Männern mit Samenveränderungen war sie ebenfalls nachweisbar, aber vermindert [s068].
  • Sechs Studien fanden Prevotella bei Männern mit irgendeiner Samenveränderung; drei Studien fanden Prevotella auch bei normospermen Männern, dort aber in geringer Konzentration [s068].
  • Ralstonia, Aerococcus und Ureaplasma wurden nur bei Männern mit veränderter Samenqualität gefunden [s068].
  • Einzelbefunde der Tabelle: Hou 2013 [s117] bei Asthenozoospermie Prevotella, Peptoniphilus, Lactobacillus, Clostridiales; bei Oligoasthenozoospermie und schwerer Azoospermie Ralstonia, Prevotella, Aerococcus, Gemella. Baud 2019 [s101]: Staphylococcus und Lactobacillus bei normalem Spermiogramm, Prevotella bei mindestens einem auffälligen Parameter. Yao 2022 [s084]: bei Kontrollen Lactobacillus erhöht und Streptococcus vermindert; bei Leukozytospermie Streptococcus erhöht; bei Asthenozoospermie plus Leukozytenzahl über 1 × 10⁶/ml Lactobacillus vermindert. Lundy 2021 [s092]: bei idiopathischer Unfruchtbarkeit Aerococcus erhöht; Gardnerella, Prevotella, Pseudomonas und Collinsella vermindert; bei Kontrollen Collinsella erhöht und Pseudomonas vermindert [s068].

Diskussionspunkte der Autoren. Gomes und Kollegen heben Ralstonia, Aerococcus, Ureaplasma, Staphylococcus und Prevotella hervor und führen als Begründung unter anderem folgende Literatur an, die nicht Teil der Auswertung ist, sondern in der Diskussion zitiert wird: eine Fallbeschreibung zu Ralstonia pickettii, eine kolumbianische In-vitro-Studie, bei der lösliche Faktoren von Staphylococcus-Stämmen die Motilität gesunder Spender-Spermien innerhalb von 15 bis 30 Minuten um 25 bis 30 % verschlechterten, sowie die Mausstudie von Ding 2020 [s097] zur Darm-Hoden-Achse [s068]. Zur Gegenseite verweisen sie auf Weng 2014 [s116] (96 Proben, Lactobacillus crispatus günstig). Zur Probiotikastudie von Maretti und Cavallini 2017 [s111] geben sie an, fünf der 20 mit dem Wirkstoff behandelten Patienten hätten ein Kind bekommen, in der Kontrollgruppe keiner; diese Angabe steht nur in der Diskussion von Gomes und lässt sich dem Abstract der Primärstudie nicht entnehmen [s068, s111].

Schlussfolgerung der Autoren. Es gebe eine Divergenz zwischen der Mikrobiota fruchtbarer und unfruchtbarer Männer; bei Männern mit guter Samenqualität überwiege Lactobacillus, bei unfruchtbaren Männern seien Ralstonia, Prevotella, Ureaplasma, Staphylococcus und Aerococcus häufiger. Zugleich räumen sie hohe Variation zwischen den Populationen ein und fordern größere und homogenere Studien [s068].

Kritik und Aussagekraft.

  • Keine formale Bewertung der methodischen Qualität oder des Verzerrungsrisikos der sieben Studien in Methodik und Ergebnissen.
  • Nur englischsprachige Arbeiten, nur drei Datenbanken, Suchende März 2022.
  • Sehr kleine Gesamtbasis: sieben Studien, 500 Personen, darunter Studien mit 10 und 36 Teilnehmern und teils Gruppen mit nur wenigen Männern je Untergruppe.
  • Die Zählung „fünf Studien“ beziehungsweise „sechs Studien“ ist eine reine Auszählung der Nennungen (Vote Counting); sie berücksichtigt weder die Größe der Studien noch die Effektstärke noch die Gruppenaufteilung. Der Befund „Lactobacillus bei Normospermie“ entspricht der Richtung bei Farahani [s089], ist aber hier nicht gewichtet.
  • Der Schlusssatz, es gebe Berichte, nach denen unfruchtbare Männer „nach korrekter Behandlung wieder fruchtbar“ würden, stützt sich in der Diskussion auf Einzelfallberichte und eine Pilotstudie und geht über die Ergebnisse der eigentlichen Übersicht hinaus [s068].
  • Hinweis: Die Zahl der Berichte, die das Mikrobiom (und nicht nur Bakteriospermie) betreffen, ist durch den Zeitraum 2012 bis 2022 und den Zwang zur 16S-Sequenzierung begrenzt; damit fehlen Kultur- und PCR-Studien, die Farahani [s089] einschloss.

Aussagekraft. Gering. Sie ist als Zusammenfassung von sieben Studien nützlich, kann aber wegen des qualitativen, ungewichteten Vorgehens keine belastbare Schätzung liefern. Sie bestätigt die Tendenz, die auch die anderen Übersichten zeigen.

Systematische Übersicht: Brandão, Gonçalves-Henriques und Ceschin 2021 [s086]

Fragestellung. Welchen Einfluss hat das mit Hochdurchsatzsequenzierung (NGS) untersuchte Samen- und Hodenmikrobiom auf Spermienqualität, männliche Fruchtbarkeit und die Ergebnisse assistierter Reproduktion (ART)? Die Autoren grenzen ihre Arbeit von Kultur- und PCR-Studien ab, weil diese nur gezielt gesuchte oder anzüchtbare Bakterien erfassen [s086].

Methodik und Einschlusskriterien. Suche im Oktober 2020 in PubMed, SCOPUS und der Cochrane Library mit der Abfrage (microbiome OR microbiota OR biofilm OR 16s) AND (semen OR seminal OR sperm OR spermatozoa). Eingeschlossen wurden Originalarbeiten am Menschen, die Spermiogramm-Parameter, Fruchtbarkeit oder ART-Ergebnisse berichteten; ausgeschlossen wurden Übersichten, Fallberichte, Fallserien, Editorials, Briefe, Kommentare, Buchkapitel und Tierstudien sowie Arbeiten, die nur Kultur oder gezielte Sequenzierung einzelner Bakterien nutzten. Es gab keine Sprachbeschränkung; die Auswahl erfolgte unabhängig durch zwei Gutachter [s086].

Studienfluss. 749 Treffer (PubMed 304, SCOPUS 436, Cochrane 9). 271 Duplikate, 434 thematisch unpassende Arbeiten, 6 Tierstudien, 1 nicht abgeschlossene Studie und 15 Übersichten, Briefe und ähnliche Beiträge wurden entfernt; von 22 Volltexten schieden 13 aus (fehlender Bezug zu Spermiogramm, Fruchtbarkeit oder ART beziehungsweise Kultur- oder Zielsequenzierung). Neun Studien blieben; die Durchsicht der Literaturlisten ergab keine weiteren [s086]. Die Stichproben der neun Studien reichen von 15 bis 118 Personen [s086].

Ergebnisse (qualitativ, ohne gepoolte Effekte).

  • Zusammensetzung. Die häufigsten Bakterien gehören zu vier Phyla: Actinobacteria (Corynebacterium, Rhodococcus), Bacteroidetes (Prevotella), Firmicutes (unter anderem Anaerococcus, Finegoldia, Lactobacillus, Staphylococcus, Streptococcus, Veillonella) und Proteobacteria (unter anderem Haemophilus, Pseudomonas). Die Anteile schwankten stark zwischen Proben und Studien [s086].
  • Artenreichtum und Diversität. Die Datenlage war widersprüchlich: Chen und Kollegen fanden bei Männern mit Azoospermie weniger Arten (mittlere Zahl operativer taxonomischer Einheiten, OTU: Kontrollen 1093, obstruktive Azoospermie 925, nichtobstruktive Azoospermie 840). Amato und Kollegen [s095] fanden bei idiopathisch unfruchtbaren Männern eine höhere Diversität (Shannon-Index 4,3 bis 4,8 gegenüber 3,1 bei Kontrollen; p = 0,004). Monteiro und Kollegen fanden zunehmende Werte von den Kontrollen über Asthenozoospermie und Oligoasthenozoospermie bis zur Hyperviskosität. Weng und Kollegen [s116] fanden keinen Unterschied (Chao-Index p = 0,08; Shannon-Index p = 0,33); Baud und Kollegen [s101] ebenfalls keinen, bis auf einen kleinen Anstieg des Chao1-Index bei verminderter Motilität (p = 0,02). Die Autoren schließen: Aus diesen Befunden lasse sich keine Schlussfolgerung ziehen [s086].
  • Lactobacillus. Alle vier Studien, die diese Gattung untersuchten, hätten bessere Samenparameter mit Lactobacillus verbunden, besonders L. crispatus und L. acidophilus (Weng) [s086]. Im selben Absatz nennt die Übersicht allerdings Anteile von 6,79 % bei Kontrollen, 17,98 % bei obstruktiver und 17,24 % bei nichtobstruktiver Azoospermie [s086]. Das ist als gedruckt widersprüchlich: Die genannten Zahlen zeigen bei den Männern mit Azoospermie einen höheren, nicht niedrigeren Lactobacillus-Anteil. Dieselben Prozentwerte geben Puerta-Suárez und Cardona Maya für die Primärstudie von Chen an (6,79 % in der fruchtbaren Gruppe, 17,98 % und 17,24 % in den Azoospermiegruppen; 27 der 398 gemeinsamen OTU gehörten zu Lactobacillus) [s044]. Die Übersicht von Brandão bildet diesen Befund also korrekt ab, interpretiert ihn aber im Sinne einer günstigen Wirkung. Der Widerspruch bleibt in der Übersicht unaufgelöst.
  • Phylum- und Gattungsebene. Chen: Bacteroidetes und Firmicutes überwogen bei Azoospermie, Proteobacteria und Actinobacteria bei Fruchtbaren. Hou [s117]: Anaerococcus häufiger bei unfruchtbaren Männern (p = 0,0012). Baud [s101] und Weng [s116]: Zusammenhang eines normalen Spermiogramms mit Propionibacterium, Gardnerella vaginalis, Atopobium vaginae und Staphylococcus, im Widerspruch zu früheren Kultur- und PCR-Studien; Prevotella (besonders P. bivia) und Haemophilus parainfluenzae häufiger bei mindestens einem auffälligen Wert. Monteiro: bei Oligoasthenozoospermie oder Hyperviskosität mehr Pseudomonas, Klebsiella, Aerococcus, Actinobaculum, Neisseria, weniger Propionibacterium. Štšepetova (in der Übersicht zitiert): Staphylococcus nur bei Männern mit Entzündung nachweisbar; Bacteroidetes und Proteobacteria negativ mit der Motilität assoziiert; Escherichia coli ohne Beziehung zu Samenparametern [s086].
  • ART-Ergebnisse. Nur zwei Gruppen berichteten dazu. Amato [s095] fand bei intrauteriner Insemination keine Unterschiede nach Diversität oder Zusammensetzung. Die Embryoqualität nach IVF war laut einer weiteren Studie bei Proteobacteria und Corynebacterium im Samen schlechter, bei Enterobacteriaceae besser, beurteilt morphologisch im Teilungsstadium, ohne Berücksichtigung der Eizellqualität. Studien zu Implantation, klinischer Schwangerschaft, Fehlgeburt und Lebendgeburt wurden nicht gefunden [s086].
  • Hodengewebe. Alfano und Kollegen [s104] fanden bei Männern mit idiopathischer nichtobstruktiver Azoospermie (iNOA) mehr bakterielle 16S-DNA-Kopien (p = 0,02) und geringere Artenvielfalt, vor allem durch deutlich weniger Bacteroidetes und Proteobacteria (p = 0,00002); bei Männern ohne Spermiengewinnung dominierten Actinobacteria [s086].

Kritik der Autoren und eigene Einordnung. Die Autoren nennen als Limitationen: spärliche Datenlage, kleine Stichproben (15 bis 118 Personen), uneinheitliche Ein- und Ausschlusskriterien (Anamnese, Antibiotikaeinnahme), teils fehlende Angaben zu aseptischer Probengewinnung, unterschiedliche Sequenzierkits, Zielregionen und Datenbanken. „Inconsistent results, sometimes contradictory“ verhindere jede Schlussfolgerung; es sei „premature“, eine Wirkung des Mikrobioms auf Samenqualität und Fruchtbarkeit abzuleiten [s086].

Aussagekraft. Die Arbeit ist eine der vorsichtigsten der hier besprochenen. Ihr Wert liegt in der klaren Aussage, dass NGS-Studien einander in wesentlichen Punkten widersprechen (Diversität, Phylumebene, einige Gattungen). Ihre Interpretation von Lactobacillus als günstig ist mit den berichteten Zahlen schwer vereinbar. Eine formale Qualitätsbewertung der neun Studien findet im gelesenen Text nicht statt.

Methodenübersicht: Hofman, Brenerová und Borilová Linhartová 2025 [s038]

Fragestellung. Anders als die übrigen Arbeiten fragt diese Übersicht nicht nach Effekten, sondern nach Methoden: Wie werden Samenproben für metagenomische Untersuchungen gewonnen, aufbereitet, sequenziert und ausgewertet, und welches Vorgehen ist empfehlenswert? Die Arbeit ist deshalb für die Beurteilung aller Mikrobiom-Studien wichtig, weil sie erklärt, warum Ergebnisse unterschiedlicher Studien schwer vergleichbar sind [s038].

Methodik und Einschluss. PubMed-Suche mit den Begriffen (seminal OR sperm OR ejaculate) AND (microbiome OR microbiota OR bacterium OR bacterial OR bacteriospermia); nur Originalarbeiten, ab 2018, am Menschen. 850 Treffer, 41 relevante Originalarbeiten nach Durchsicht von Titel und Abstract; zwölf davon werteten nur kultivierte Bakterien aus (MALDI-TOF, VITEK II oder Mikroskopie) und wurden ausgeschlossen. Es blieben 29 Studien, die Stichprobengröße reichte von 5 bis 285, der Median lag bei 56 Teilnehmern [s038].

Befunde zu den Methoden.

  • Gewinnung. In 27 der 29 Studien durch Ejakulation in einen sterilen Behälter, überwiegend nach WHO-Empfehlungen (2 bis 7 Tage Karenz, Reinigung, Verarbeitung innerhalb von drei Stunden); ergänzend in einigen Studien Hodengewebe- oder Nebenhodenaspirate (TESE, PESA, MESA) bei obstruktiver Azoospermie [s038]. Die Verarbeitung der Probe (Abtrennung von Seminalplasma, Zentrifugationsbedingungen) wurde nur in drei Studien angegeben [s038].
  • DNA-Extraktion. In 22 Studien mit einem kommerziellen Spin-Säulen-Kit; Alternativen waren Phenol-Chloroform, Trizol, CTAB und ein automatisches System. In elf Studien ging eine Vorbehandlung mit Proteinase K und/oder Kugelmühle voraus. Am häufigsten wurde das QIAamp DNA Mini Kit genutzt [s038].
  • Analyse. In vier Studien PCR (qualitativ oder quantitativ); die 16S-rRNA-Amplikonsequenzierung war mit 23 Studien die häufigste Methode. Zielregionen: V3–V4 am häufigsten (sieben Studien), sonst V1–V9, V3, V4, V6, V3–V6, V3–V5, V1–V3, V1–V2, V2–V3 oder V4–V6. Illumina-MiSeq in 14 Studien; weitere Plattformen waren HiSeq 2000, HiSeq 2500, HiSeq 4000, NovaSeq 6000, MinION, 454-Pyrosequenzierung und Ion Torrent [s038].
  • Kontaminationskontrolle. Der Text hebt hervor, dass bei Proben mit geringer Biomasse der Anteil von Kontaminanten mit abnehmendem Eigensignal steigt; Kontaminanten finden sich häufig in Reagenzien, besonders Extraktionskits, hinzu kommen Querkontamination zwischen Probenvertiefungen und Umweltkontamination. Als Mindeststandard werden Positiv- und Negativkontrollen sowie eine MOCK-Gemeinschaft empfohlen [s038].
  • Konsequenz für die Vergleichbarkeit. Es gebe „keinen Konsens“ über die optimale Zielregion; vergleichende Daten zu Ejakulatproben fehlten; der Einfluss der Extraktionsmethode sei der Literatur zufolge meist größer als der der Zielregion [s038].

Empfohlener Arbeitsablauf der Autoren. Probengewinnung nach WHO-Handbuch, mechanische plus enzymatische Vorbehandlung, QIAamp DNA Mini Kit, V3–V4-Region, MiSeq-Plattform, Positiv- und Negativkontrollen und MOCK-Gemeinschaft. Die Autoren betonen, dass dies als Standardisierungsvorschlag gedacht ist, der Metaanalysen künftig erleichtern soll [s038].

Einordnung. Die Übersicht liefert keine Effektgrößen und bewertet keine Studien nach Verzerrungsrisiko; sie ist eine Methodenkritik mit Empfehlungen, die auf Literatur aus anderen Körperregionen (vor allem Vaginalmikrobiom) extrapoliert, weil für Ejakulat direkte Vergleichsdaten fehlen. Ihr Wert für dieses Kapitel: Sie erklärt, warum die in Farahani [s089], Gomes [s068], Brandão [s086] und Bazzar [s001] berichteten Unterschiede zwischen Studien teilweise methodisch bedingt sein können. Die Suche wurde auf PubMed beschränkt und auf Studien ab 2018; frühere Sequenzierstudien sind nicht erfasst.

Systematische Übersicht: Bazzar et al. 2026 [s001]

Fragestellung. Wie wirkt sich das seminale Mikrobiom auf Samenqualität und männliche Reproduktionsgesundheit aus? Der Abstract beschreibt, dass die männlichen Fortpflanzungsorgane Mikroben aus dem Magen-Darm-Trakt, den Fortpflanzungsorganen und externen Quellen wie Sexualpartnern enthalten, und dass eine Dysbiose Spermienparameter verändere, Entzündung und oxidativen Stress auslöse und mit Unfruchtbarkeit, HPV-Infektion, Prostatitis, Prostatakrebs und Azoospermie assoziiert sei [s001].

Methodik. Nach den Angaben im Abstract wurde das PRISMA-2020-Schema mit „Erweiterungen von 2025 für Reproduzierbarkeit“ befolgt, es wurden PubMed, Scopus und Science Direct (2015 bis 2025, mit „vorherigem Kontext“) durchsucht, und zwar mit Schwerpunkt auf Studien am Menschen, In-vitro-Studien und Nagetiermodellen [s001]. Die Autoren sind an der Fakultät für Veterinärmedizin der Universität Urmia (Iran), Abteilung Theriogenologie, tätig. Zahl der eingeschlossenen Studien, Einschlusskriterien im Detail und Qualitätsbewertung nennt der Abstract nicht.

Ergebnisse laut Abstract (rein qualitativ). Wichtige Phyla seien Firmicutes, Proteobacteria, Actinobacteria und Bacteroidetes. Nützliche Gattungen wie Lactobacillus verbesserten Motilität, Konzentration und DNA-Integrität der Spermien, während dysbiotische Taxa wie Prevotella, Pseudomonas und Ureaplasma mit Rückgängen verbunden seien. Sexuelle Aktivität erleichtere den beidseitigen Mikrobentransfer und fördere die Dysbiose. Entzündliche Zytokine, reaktive Sauerstoffspezies und Stoffwechselstörungen seien beteiligt. Krankheitsspezifisch sei zum Beispiel ein höherer Fusobacterium-Anteil in HPV-positiven Proben [s001]. Effektgrößen, Konfidenzintervalle oder Teilnehmerzahlen gibt es im Abstract nicht.

Schlussfolgerung der Autoren. Standardisierte Methoden und Langzeitstudien seien nötig, um Kausalität zu beweisen; Probiotika und andere therapeutische Interventionen „zeigten Potenzial“, das Gleichgewicht wiederherzustellen und die Fruchtbarkeit zu steigern [s001].

Einordnung und Kritik.

  • Mischung von Evidenzebenen. Ausdrücklich werden Studien am Menschen mit In-vitro- und Nagetierdaten gemeinsam behandelt. Aussagen wie „Lactobacillus verbessert Motilität“ sind damit nicht automatisch Aussagen über Männer; der Abstract trennt dies nicht auf.
  • Keine quantitative Synthese, keine Zahl der Studien im Abstract. Die Stärke der Aussagen lässt sich nicht beurteilen.
  • Der Satz, Probiotika zeigten Potenzial, ist im Abstract nicht durch eigene Ergebnisse unterlegt; er ist eine Einschätzung der Autoren.
  • Frühere Studienlage. Mit dem Zeitraum 2015 bis 2025 liegt der Beginn der Suche nach den ersten NGS-Studien (zum Beispiel Weng 2014 [s116], Hou 2013 [s117]); der Abstract spricht von „vorherigem Kontext“, ohne dies zu präzisieren.
  • Für die Arbeit liegt nur der Abstract vor; die im Abstract genannte Methodik ließ sich nicht an Volltext oder Tabellen prüfen.

Aussagekraft. Gering für quantitative Fragen, nützlich als Bestätigung der in anderen Übersichten gefundenen Richtung (Lactobacillus günstig, Prevotella, Pseudomonas, Ureaplasma ungünstig) und des Konsenses, dass Kausalität unbewiesen ist.

Systematische Übersicht: Puerta-Suárez und Cardona Maya 2025 [s044]

Fragestellung. Welche Wirkung hat Lactobacillus spp. auf den menschlichen Samen? Ausgangspunkt der Autoren ist die Beobachtung, dass die Rolle dieser in der Vagina gut untersuchten Gattung im männlichen Genitaltrakt unklar ist [s044].

Methodik. PRISMA-Vorgehen, Registrierung bei PROSPERO (CRD42024519245). Suche in PubMed und Scopus mit der Zeichenfolge „Lactobacillus spp. AND human AND (semen or sperm)“ für Arbeiten bis Mai 2023; eingeschlossen wurden begutachtete Originalarbeiten in Englisch und Spanisch. PICO: Population männliche Patienten; Intervention Erfassung von Lactobacillus spp. im menschlichen Samen; Vergleich Selbstvergleich oder unabhängige Kontrollen (Placebo oder keine Behandlung); Ergebnis Veränderung der Samenparameter. Ausgeschlossen: Duplikate, Tiermodelle, Übersichten. Zwei Autoren sichteten unabhängig. Die Qualitätsbewertung erfolgte mit der JBI-Checkliste (Joanna Briggs Institute) und, für In-vitro-Studien, dem QUIN-Werkzeug [s044].

Studienbasis. 35 Artikel; hinzu kam eine weitere Arbeit aus der manuellen Durchsicht. Die Studien wurden in vier Gruppen eingeteilt: (a) Nachweis von Lactobacillus spp. in Samenproben, (b) Einnahme von Präparaten mit Lactobacillus, (c) In-vitro-Wirkung von Lactobacillus auf die Spermienphysiologie, (d) Nachweis verschiedener Lactobacillus-Arten in Samenproben mit Zusammenhang zu Veränderungen, Erkrankungen oder Zuständen [s044].

Ergebnisse je Gruppe (Auswahl aus der Tabelle der Übersicht).

Gruppe a: Nachweishäufigkeit. Eggert-Kruse 1992 (Deutschland, 1000 Paare): Lactobacillus in 56,8 % (531 von 935) der Zervixproben und 13,5 % (117 von 869) der Samenproben. Voroshilina 2020 (Russland, 634 Proben): 19,7 % (125) positiv. Voroshilina 2021 (227 normozoosperme Proben): 11,5 % (26). Rivera 2022 (Kolumbien, 81 Männer ohne urogenitale Symptome, PCR): Lactobacillus mit 70 % häufigster Mikroorganismus, kein Zusammenhang mit der Samenqualität [s044]. Der Spielraum von 11,5 % bis 70 % zeigt, wie stark die Nachweishäufigkeit von Methode und Population abhängt.

Gruppe b: Einnahme von Probiotika. Valcarce 2017 [s112] (9 asthenozoosperme Männer): Motilität verbessert, DNA-Fragmentierung und intrazelluläres H₂O₂ vermindert. Maretti und Cavallini 2017 [s111] (41 Männer, Flortec gegen Stärke): Volumen, Konzentration, Motilität, Morphologie und die Hormone FSH, LH und Testosteron „signifikant verbessert“. Helli 2022 [s079] (52 Männer, 500 mg täglich über 10 Wochen): Volumen, Gesamtzahl, Konzentration, Gesamtmotilität, Vitalität verbessert. Abbasi 2021 [s085] (56 Männer, 28 je Gruppe): Konzentration, Motilität, Morphologie, Lipidperoxidation und DNA-Fragmentierung verbessert. Grande 2022 (104 Männer mit primärer Unfruchtbarkeit): vollständige Eradikation mit negativer Samenkultur und negativem mikrobiologischem Befund des Prostatasekrets bei 64 von 84 Patienten (76,2 %) unter Antibiotikum plus Probiotikum gegenüber 10 von 20 (50 %) unter Antibiotikum allein. Asadi 2023 [s064] (78 Männer vor mikrochirurgischer Varikozelenoperation): nach drei Monaten Konzentration, normale Morphologie, Volumen und Zahl motiler Spermien besser als unter Placebo [s044]. Bei Grande 2022 ist der Endpunkt die Keimfreiheit, nicht die Spermienqualität; die Gruppen (84 gegenüber 20) sind ungleich groß.

Gruppe c: In vitro. Barbonetti 2011 (10 normozoosperme Männer): Lactobacillus verhinderte die durch Eisenionen ausgelöste Lipidperoxidation der Spermien und bewahrte Motilität und Vitalität. Barbonetti 2013 (6 Spender): lösliche Faktoren schützten die Spermienmembran vor Lipidperoxidation durch E. coli, nicht aber die Mitochondrien. Raad 2023 (30 unfruchtbare Männer): Sekrete von Lactobacillus plantarum (10⁸ KBE/ml) schützten DNA-Integrität und Motilität im Vergleich zum Einfriermedium ohne Sekrete [s044].

Gruppe d: Arten, Erkrankungen, Zustände. Auswahl: Weng 2014 [s116] (96 Männer, primäre Unfruchtbarkeit): häufigste Art L. iners (14,09 %); L. crispatus mit Spermienlänge und strenger Morphologie nach Kruger verbunden. Chen 2018 (China, je 5 bis 6 Männer): Lactobacillus 6,79 % in der fruchtbaren Gruppe, 17,98 % und 17,24 % bei obstruktiver und nichtobstruktiver Azoospermie. Mändar 2017 [s110] (Estland, 21 chronische Prostatitis, 46 Kontrollen): Lactobacillus-Anteil höher bei Gesunden (Median 27 gegenüber 20,2 %; p = 0,05), besonders L. iners (14,2 gegenüber 9,8 %; p = 0,013). Baud 2019 [s101] (26 normal, 68 mit mindestens einem auffälligen Parameter): höhere relative Häufigkeit bei normaler Morphologie. Pochernikov 2020 (Russland, 210 Männer): Lactobacillus im Ejakulat verbunden mit Oligoasthenoteratozoospermie (p < 0,01), geringerer Konzentration (p = 0,01), geringerer Motilität (p < 0,01) und morphologischen Auffälligkeiten (p < 0,01), also in umgekehrter Richtung zur Mehrzahl der Befunde. Osadchiy 2024 [s056] (73 Männer): Der mittlere Anteil von L. iners betrug 9,4 gegenüber 2,6 % (p = 0,0464); die Übersicht formuliert dies uneindeutig, laut dem Diagramm der Masterquelle gehören die 9,4 % zur Gruppe mit auffälliger Motilität. Motamedifar 2020 (Iran, 200 unfruchtbare und 150 fruchtbare Männer): Bakteriospermie bei Unfruchtbaren häufiger (48 gegenüber 26,7 %; p < 0,001) und mit schlechterer Konzentration, Motilität und Morphologie verbunden; bei Fruchtbaren war Lactobacillus mit 17,3 % das häufigste Isolat. Okwelogu 2021 (Nigeria, 36 Paare): Lactobacillus in Vaginalabstrichen häufiger als im Samen (61,7 gegenüber 43,9 %); L. jensenii im Samen bei positivem IVF-Ergebnis. Koort 2023 [s070] (97 ART-Paare, 12 fruchtbare Paare): Lactobacillus im Samen der ART-Männer seltener. Cao 2023 [s066] (53 Männer): Lactobacillus mit Spermienkonzentration und Gesamtzahl positiv korreliert. Saldarriaga López 2024 [s058] (22 Männer mit Prostatitissymptomen, 31 Kontrollen): L. crispatus 9,1 gegenüber 16,1 %, L. iners 45,5 gegenüber 58,1 % [s044].

Qualitätsbewertung der Übersicht. Für alle Querschnittsstudien (JBI, acht Fragen) vergibt die Übersicht in der Ergänzungstabelle die Höchstpunktzahl 8 von 8. Für die randomisierten Studien (13 Fragen): Valcarce 6/13, Maretti 12/13, Helli 12/13, Abbasi 12/13, Grande 6/13, Asadi 12/13. Für die drei In-vitro-Studien (QUIN): jeweils 18 von 24 Punkten (75 %) [s044].

Schlussfolgerung der Autoren. Lactobacillus spp. sei ein häufiger Besiedler des männlichen Urogenitaltrakts und scheine für die Samenqualität „vorteilhaft“, wenn auch kontrovers, besonders hinsichtlich der Methodik; Abweichungen könnten auch an der jeweiligen Lactobacillus-Art liegen. Probiotika könnten die Samenqualität verbessern. Neue Studien zu einzelnen Arten und zum Paar seien nötig. In der Diskussion halten die Autoren außerdem fest, dass der Verzehr probiotischer Lebensmittel „als harmlos betrachtet werden könne“ und der Nutzen die Risiken überwiegen könne; diese Aussage ist eine Einschätzung ohne eigene Sicherheitsdaten und keine Empfehlung dieses Kapitels [s044].

Kritik und Aussagekraft.

  • Keine quantitative Synthese. Die Tabelle fasst Einzelstudien zusammen, ohne Effekte zu poolen; die Schlussfolgerung „scheint vorteilhaft“ ist eine Gesamteinschätzung bei gleichzeitig gegenläufigen Einzelbefunden (zum Beispiel Pochernikov; Chen mit höherem Lactobacillus-Anteil bei Azoospermie; Rivera ohne Zusammenhang).
  • Sehr heterogene Studienbasis. Nachweishäufigkeit (11,5 bis 70 %), Methoden (Kultur, PCR, 16S-Sequenzierung), Populationen und Gruppengrößen (5 bis 1000) sind kaum vergleichbar; die Autoren nennen die methodischen Unterschiede selbst als Limitation [s044].
  • Qualitätsbewertung wenig trennscharf. Die Höchstwerte für alle beurteilten Querschnittsstudien (8 von 8) machen die Bewertung für die Gewichtung der Evidenz wenig aussagekräftig; kleine Studien mit 5 bis 10 Teilnehmern in einer Gruppe erhalten dieselbe Wertung wie große Studien. Das ist ein Hinweis auf geringe Unterscheidungskraft des Instruments in dieser Anwendung, kein Urteil über die Einzelstudien.
  • Suchzeitraum. Die Suche endet im Mai 2023; Arbeiten wie Boujemaa [s002], Gholipour [s007] oder Huerga López [s040] liegen außerhalb. Die Arbeit wurde erst 2025 veröffentlicht.
  • Zurückgezogene Studie. Helli 2022 [s079] geht mit 12 von 13 Punkten in die Bewertung ein. Die Rückzugserklärung [s021] ist 2026 erschienen und konnte von der Übersicht nicht berücksichtigt werden.
  • Zwei Datenbanken, zwei Sprachen. Nur PubMed und Scopus, nur Englisch und Spanisch; Originalarbeiten in anderen Sprachen sind nicht erfasst.
  • Zählweise. Der Abstract nennt 35 Artikel; hinzu kommt ein per Handsuche ergänzter Artikel; der Text unterscheidet beide Angaben nicht weiter.

Aussagekraft. Mäßig für die Aussage, dass Lactobacillus im Samen häufig und seine Wirkung uneinheitlich ist; gering für den Nutzen von Probiotika, weil die Evidenz dazu auf den gleichen vier bis fünf kleinen Studien beruht wie in den anderen Übersichten (siehe Abschnitt zu den Überschneidungen).

Alle Kapitel und Anhänge (36)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. 2.1 Männliche Unfruchtbarkeit: Definition und Häufigkeit bis 2.4 Messgrößen: Samenanalyse, WHO-Referenzwerte 2021 und Mikrobiomdiagnostik
  4. 2.5 Historie der Forschungsfrage und 2.6 Was aus dem Hintergrund für die folgenden Kapitel folgt
  5. Gegenstand, Abgrenzung und Lesehinweise bis Systematische Übersicht: Puerta-Suárez und Cardona Maya 2025 [s044]
  6. Metaanalyse: Campbell et al. 2026, Genitaltrakt-Infektionen und Samenqualität [s004] bis Systematische Übersicht: Corbett, Crosby und McAuliffe 2021, Probiotika bei Paaren mit Unfruchtbarkeit [s087]
  7. Metaanalyse: Maleki-Hajiagha et al. 2025, vaginale Probiotika vor Embryotransfer (Frauen) [s042] bis Lücken und Grenzen dieses Kapitels
  8. A. Sequenzierungsstudien am Ejakulat: Vergleiche nach Spermienqualität und Fruchtbarkeitsstatus
  9. B. Samenmikrobiom und Samenplasma: DNA-Integrität, Oxidationspotenzial, Stoffwechselprodukte und Methodenvergleich bis D. Paare und assistierte Reproduktion: Samen- und Scheidenmikrobiom gemeinsam betrachtet
  10. E. Azoospermie: Ejakulat und Hodengewebe und F. Besondere Populationen: Prostatitis, Beckenschmerz, sexueller Beginn und HIV
  11. G. Kultur- und PCR-Studien: Bakteriospermie und Genitalinfektionen bis I. Humanproben aus einer überwiegend tierexperimentellen Studie
  12. J. Zusammenschau der Beobachtungsstudien
  13. Quellenbasis und Lesehinweise bis Ernährungsintervention: Koreanische gegenüber westlicher Kost (Jung et al. 2024)
  14. Registrierte und laufende Vorhaben bis Tierversuche und experimentelle Studien
  15. Querschnittsbewertung der klinischen Evidenz und Lücken und nicht belegbare Punkte
  16. Lesehilfe: Wie die Belegstärke eingestuft wird bis 4. Oxidativer Stress und DNA-Integrität
  17. 5. Die Darm-Hoden-Achse: Barriere, Endotoxin und Immunsystem bis 10. Das Genitalmikrobiom des Paares
  18. 11. Warum ein Probiotikum wirken könnte: die vorgeschlagenen Wirkwege bis 16. Fazit des Kapitels
  19. Vorbemerkung: Was „Dosis“ hier bedeuten kann bis 3. Zeitverlauf
  20. 4. Altersgruppen bis 7. Was Dosis, Alter, Vorerkrankung und Zeit für klinische Endpunkte bedeuten
  21. 8. Wo Daten fehlen: Lückenübersicht bis 10. Hinweise zu Zahlenwidersprüchen in den Quellen
  22. Englisch und Deutsch
  23. Französisch bis Portugiesisch
  24. Spanisch
  25. Chinesisch und Japanisch
  26. Koreanisch und Russisch
  27. Arabisch und Türkisch
  28. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  29. Limitationen der Evidenz
  30. Offene Forschungsfragen
  31. Praktische Einordnung
  32. Glossar
  33. Quellenverzeichnis
  34. Diagramme
  35. Quellen
  36. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle