5. Die Darm-Hoden-Achse: Barriere, Endotoxin und Immunsystem
Belegstärke: Stufe A im Tierexperiment (Stuhltransplantation, Keimfreiheit, gezielte Eingriffe), Stufe B für Darmbakterien und Spermienparameter beim Menschen, Stufe C für die Übertragung auf den Mann.
5.1 Das Konzept und seine Herkunft
Dieser Weg verlagert die Frage von den Bakterien im Ejakulat zu den Bakterien im Darm. Kaltsas und Kollegen (Journal of Personalized Medicine 2026) beschreiben die Darm-Hoden-Achse als wechselseitige Signalgebung, über die die Zusammensetzung des Darmmikrobioms und mikrobielle Produkte Spermatogenese und endokrine Regulation beeinflussen könnten. Sie halten zugleich fest, Dysbiose sei kontextabhängig, funktionelle Veränderungen von Gemeinschaften und Metaboliten bestimmten ihre Wirkung stärker als reine Verschiebungen der Taxa, und kompositionelle Unterschiede dürften nicht als Beleg für Kausalität gelesen werden [s009]. Als verbindende Hypothese wird die GELDING-Hypothese genannt (Gut Endotoxin Leading to a Decline in Gonadal Function, Tremellen 2016): Eine Ernährung mit hohem Fett- und Kaloriengehalt oder antibiotikabedingte Dysbiose erhöhe die Darmdurchlässigkeit und die Translokation von Endotoxin, was eine niedriggradige Entzündung antreibe, die die Steroidbildung der Leydig-Zellen und die Signalgebung der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse stören könne [s009, s071]. Die Übersicht von Magill und MacDonald (2023) schildert dieselbe Hypothese, wonach eine fettreiche Kost den Zusammenbruch der Darmschleimhautbarriere mit Austritt bakteriellen Endotoxins und einem chronischen Entzündungszustand auslöse, der zu Hoden- und Hormonstörung führen könne [s071].
Die Übersicht von Kaltsas stuft die Belege selbst ein, und diese Einstufung deckt sich mit der hier verwendeten: Entzündung und oxidativer Stress hätten die konsistenteste Rückendeckung beim Menschen, die endokrinen Befunde beim Mann seien dagegen variabel und typischerweise gering, und die meisten detaillierten endokrinen Mechanismen stammten aus Tier- und In-vitro-Studien statt aus klinischen Kohorten [s009]. Die methodische Übersicht von Ma und Kollegen (Frontiers in Endocrinology 2026) bewertet die Tiermodelle der Darm-Hoden-Achse und kommt zu dem Schluss, dass einige Modelle, besonders solche, die einzelne molekulare Wege prüfen, Expositionshöhen, Applikationswege und Zeiträume verwenden, die die langdauernden, niedrigintensiven Störungen, wie sie für die idiopathische Unfruchtbarkeit vermutet werden, möglicherweise nicht abbilden. Die Demonstrationen seien als „bedingte biologische Kapazität“ unter definierten Versuchsbedingungen zu lesen, nicht als direkter Beleg, dass dieselben Wege beim Menschen ursächliches Gewicht haben; die idiopathische Unfruchtbarkeit macht nach der Übersicht 30 bis 40 % der männlichen Unfruchtbarkeit aus [s016].
5.2 Experimentelle Belege
Stuhltransplantation aus fettreich gefütterten Mäusen (Ding und Kollegen, Gut 2020). Dies ist die am besten belegte Kette der gesamten Achse und sei deshalb ausführlich dargestellt [s097]. Männliche C57BL/6-Mäuse (sechs pro Gruppe) erhielten über 15 Wochen alle zwei Tage per Schlundsonde den Stuhlüberstand von Mäusen unter fettreicher Kost (45 % Fett) oder unter Normalkost; die Empfängertiere blieben auf Normalkost, und die Autoren verzichteten bewusst auf eine Antibiotikavorbehandlung, um Stoffwechselnebenwirkungen auszuschließen. In einem zusätzlichen Ansatz mit Antibiotikavorbehandlung zeigten die Tiere mit fettreicher Stuhltransplantation dennoch niedrigere Motilität und Spermienzahl. Ergebnisse:
- Die fettreiche Kost allein senkte Spermienkonzentration und Motilität und verminderte Spermatozyten und runde Spermatiden in den Hodenkanälchen. Die Übertragung der fettreichen Mikrobiota allein reichte aus, um Spermatogenese und Motilität bei normal gefütterten Empfängern zu senken; die Transplantation aus normal gefütterten Mäusen tat das nicht.
- Auf Genusebene stiegen bei den Empfängern Bacteroides (über das 80-Fache), Prevotella, Rikenella und Lactobacillus an; AF12 sank. Der Serumendotoxinspiegel erreichte das Niveau einer Endotoxämie.
- Der Mechanismus lief nach den Autoren über Endotoxin und den Toll-like-Rezeptor 4 (TLR4) mit dem Adapter MyD88 im Dünndarm (beide hochreguliert): In der Lamina propria des Dünndarms fanden sich Infiltrate von T-Zellen (CD3) und Makrophagen (F4/80). Im Nebenhodenkopf waren die Zytokine IL-1β, CXCL-10 und MCP-1 sowie NF-κB-p65 signifikant erhöht.
- Die Hoden-RNA-Sequenzierung ergab 716 unterschiedlich exprimierte Gene (133 hoch-, 583 herunterreguliert) mit Anreicherung in oxidativer Phosphorylierung (p = 0,42 × 10⁻⁷), Proteinexport, Steroidbiosynthese und Proteinverarbeitung im endoplasmatischen Retikulum. Mitochondriale Gene für Untereinheiten des Komplexes I der Atmungskette (MT-ND1, MT-ND2, MT-ND4, MT-ND4L, MT-ND5) waren vermindert, ebenso Meiose-Gene (Smc1b, Smc3, Smc4, Smc5, Smc6, Sycp1, Sycp2, Sycp3), Crisp2 (1440 ± 84,26 gegenüber 870,6 ± 54,38 FPKM; p < 0,01) und Ggnbp2 (164,90 ± 19,43 gegenüber 77,39 ± 4,62 FPKM; p < 0,01). Die Expressionsmarker für Leydig- und Sertoli-Zellen sowie Spermatogonien (Hsd3b1, Rhox5, Sohlh1) blieben unverändert; betroffen waren Spermatozyten und Spermatiden.
Die Autoren deuten dies so, dass Endotoxämie, Nebenhodenentzündung und gestörte Genexpression im Hoden die Phänotypen verursachten; sie räumen ein, dass offen bleibt, ob die lokale Darmentzündung selbst zum Spermatogenesedefekt beitrug, und dass die Stuhlübertragung die Schleimhautflora nicht erfasse (daher die Wiederholung alle zwei Tage) [s097]. Die Studie enthält außerdem Humandaten (n = 60 Stuhlproben von gesunden Spendern und Patienten mit Astheno-, Oligo- und Teratozoospermie): Die kombinierte Häufigkeit von Bacteroides und Prevotella korrelierte stark negativ mit der Spermienmotilität, und die Häufigkeit von Bacteroides korrelierte positiv mit dem Endotoxinspiegel im Blut. Für Prevotella copri zeigte die Gesamtgruppe nur einen nicht signifikanten negativen Trend; in der Untergruppe mit P.-copri-Anteil über 15 % (n = 20) lag eine negative Korrelation vor (r = −0,56; p = 0,011), in der Untergruppe unter 3 % (n = 40) nicht [s097]. Die Humankorrelation ist also nachträglich in einer Untergruppe gefunden und an 60 Proben gewonnen.
Alginat-Oligosaccharid-modulierte Mikrobiota (Hao und Kollegen, Microbiology Spectrum 2022). Die Stuhltransplantation aus Tieren mit durch Alginat-Oligosaccharid verbesserter Mikrobiota (A10-FMT) milderte die durch fettreiche Kost verminderte Samenqualität: Spermienkonzentration 286,1 ± 14,1 gegenüber 217,9 ± 17,4 Mio./ml, Motilität 40,1 ± 0,7 gegenüber 29,0 ± 0,9 %, Trächtigkeitsrate 87,4 ± 1,1 gegenüber 70,2 ± 6,1 %. Bacteroides stiegen dabei an (Kolon 24,9 ± 1,1 gegenüber 8,3 ± 0,6 %; Zäkum 10,2 ± 0,7 gegenüber 3,6 ± 0,7 %), Mucispirillum sanken. Als Mechanismus beschreiben die Autoren eine über die Leber vermittelte Veränderung des Lipidstoffwechsels mit mehr n-3-Fettsäuren (Eicosapentaensäure im Blut 55,5 ± 18,7 gegenüber 20,3 ± 2,4; Docosahexaensäure im Hoden 121,2 ± 6,2 gegenüber 89,4 ± 6,7; Einheiten im Abstract nicht angegeben) und eine Verbesserung des Hodenmikromilieus [s078]. Bemerkenswert ist der Gegensatz zu Ding: Bacteroides gelten dort als Teil der schädigenden Dysbiose, steigen hier aber unter der günstigen Intervention an. Der Befund unterstreicht, dass Gattungsnamen allein keine Richtung des Effekts tragen.
Keimfreie Mäuse (Al-Asmakh und Kollegen, PLoS One 2014). Bei keimfreien Mäusen war die Lumenbildung in den Hodenkanälchen am 16. Tag nach der Geburt verzögert, und die Durchlässigkeit der Blut-Hoden-Schranke (Evans-Blau-Perfusion) war erhöht; Occludin, ZO-2 und E-Cadherin waren vermindert, was auf eine mikrobiell regulierte Zell-Zell-Adhäsion hindeutet. Die Besiedlung keimfreier Tiere mit Clostridium tyrobutyricum, das viel Butyrat bildet, stellte die Schrankenintegrität und die Adhäsionsproteine wieder her. Zudem hatten keimfreie Mäuse niedrigere Serumspiegel von LH und FSH und weniger intratestikuläres Testosteron als SPF-Tiere oder mit C. tyrobutyricum besiedelte Tiere [s114]. Das ist der klarste Beleg dafür, dass das Mikrobiom in diesem Tiermodell die Reifung und Dichtigkeit der Blut-Hoden-Schranke mitgestaltet; eine Folgerung für erwachsene Männer mit normaler Darmflora ist damit nicht verbunden.
Polyaminstoffwechsel (Zhao und Kollegen, Microbiome 2021). Im Modell der Triptolid-induzierten Hodenschädigung bei Mäusen führte der Wirkstoff zu einem Spermin-Mangel durch gestörte Polyaminsynthese und -aufnahme im Hoden und zu einer Störung der Darmflora. Zugeführtes Spermin kehrte die Hodenfunktionsstörung um (höhere Expression von Genen früher und später spermatogenetischer Ereignisse, mehr Nachkommen). Der Verlust der Darmflora durch Antibiotika senkte den Sperminspiegel im Darm und verstärkte die Hodenschädigung; die Funktionsstörung ließ sich durch Stuhltransplantation von unbehandelten Mäusen und durch Gabe des polyaminbildenden Parabacteroides distasonis umkehren. Der Schutz durch Spermin hing weitgehend von der Hochregulation von Hitzeschockproteinen der HSP70-Familie ab [s094].
Chronischer Stress (Zheng und Kollegen, Nature Communications 2026). Im Rattenmodell des chronischen Zwangsschwimmstresses aktiviert der Stress die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse und erhöht Corticosteron. Das überschüssige Glukokortikoid beeinträchtigt über den Glukokortikoidrezeptor die Darmbarriere; es folgen eine Verarmung an Lactobacillus und gestörter Stoffwechsel der Vitamine A und E, danach eine Hochregulation von Sting1; im Nebenhoden ist Slc9c2 herunterreguliert, was die verminderte Spermienmotilität erklären soll. Die Wiederherstellung von Lactobacillus und die Gabe der Vitamine A und E milderten den Phänotyp; die genetische Beeinflussung von Sting1 und Slc9c2 bei vitamingefütterten Tieren sprach für die Beteiligung dieser Achse [s031]. Die Autoren bezeichnen die Oligoasthenozoospermie als Mehrsystemerkrankung mit Fehlsteuerung der Achse Darmmikrobiom, Stoffwechsel, Hoden und Nebenhoden. Das Ergebnis verknüpft Neuroendokrinologie, Darmbarriere und Lactobacillus und ist ein Beispiel dafür, dass in diesem Tiermodell ein Lactobacillus-Verlust schädlich wirkt, nicht ein Überschuss.
Busulfan-Modell und Kurzkettenfettsäuren (Yao und Kollegen, 2026). Im Mausmodell der Busulfan-induzierten nichtobstruktiven Azoospermie mit normalem FSH waren die Darmbakterien Bacteroidales und Muribaculaceae vermindert; die Stuhltransplantation stellte diese Populationen wieder her, verbesserte die Hodenfunktion und erhöhte Proteine für Proliferation (PCNA, PGK2), Blut-Hoden-Schranke (ZO-1, Claudin-11) und Steroidbildung (StAR, CYP17A1; p < 0,05). Die Autoren sehen Kurzkettenfettsäuren im Serum als chemische Botenstoffe, die direkt mit der Erholung der Schrankenproteine und Steroidenzyme korrelierten [s027].
Weitere Tiermodelle. Lactobacillus plantarum TW1-1 linderte bei mit dem Weichmacher DEHP belasteten Mäusen die Hodenschädigung: höheres Serumtestosteron, bessere Samenqualität, weniger Entzündungsfaktoren (TNF-α, IL-1β, IL-6), geringere Darmdurchlässigkeit und niedrigerer Serum-LPS-Spiegel; das Verhältnis von Firmicutes zu Bacteroidetes fiel unter DEHP von 0,28 auf 0,13 und wurde durch die Behandlung wiederhergestellt [s103]. Ein Probiotikagemisch verbesserte nach der französischen Auswertung bei Bisphenol-A-belasteten Mäusen Darmmikrobiota und Spermatogenese (Vitamin-D-Stoffwechsel, Darmbarriere, Struktur der Hodenkanälchen) [s059]. Ein Oligosaccharid aus Morinda officinalis verbesserte bei Mäusen dosisabhängig die Spermienmotilität und reicherte Anaerococcus an (über den IGF-1/PI3K/mTOR-Signalweg) [s039]. Eine Übersicht fasst zusammen, dass Dysbiose über Störungen des Vitaminstoffwechsels und verminderte Kurzkettenfettsäuren die Spermatogenese beeinträchtigt [s032].
5.3 Befunde beim Menschen
- Cao und Kollegen 2023 (Tianjin; 53 Männer: Kontrollen 12, Asthenozoospermie 12, Oligozoospermie 6, schwere Oligo- oder Azoospermie 9, Hyperviskosität 14; 16S von Stuhl, Urin und Samen, 157 Proben): Die Darmflora war vielfältiger als Urin- und Samenflora (p < 0,001). Collinsella war im Darm bei Asthenozoospermie, schwerer Oligo-/Azoospermie und Hyperviskosität vermindert, Bifidobacterium und Blautia bei Asthenozoospermie, Bacteroides bei schwerer Oligo-/Azoospermie erhöht; im Samen war Staphylococcus bei Asthenozoospermie und Hyperviskosität erhöht, im Urin Lactobacillus bei Oligozoospermie und Hyperviskosität vermindert. In den Modellen war Lactobacillus mit Konzentration und Gesamtzahl positiv verbunden, Collinsella mit Konzentration, Gesamtzahl und progressiver Motilität, Bifidobacterium mit der Zahl progressiv beweglicher Spermien; Bacteroides und Prevotella waren negativ mit der Konzentration verbunden. Die Autoren schließen, die Darmflora hänge stärker mit der Spermienqualität zusammen als die Samen- oder Urinflora [s066]. Die Gruppen sind sehr klein (6 bis 14 Männer).
- Luo und Kollegen 2026 (Chengdu; 19 Männer mit primärer idiopathischer Unfruchtbarkeit, 12 fruchtbare Kontrollen; Stuhl-Metagenom): Die Gesamtdiversität war ähnlich, es fanden sich 23 unterschiedliche Spezies, 53 KEGG-Wege und 780 unterschiedliche Metaboliten, bei verminderter Spermienkonzentration und progressiver Motilität [s015].
- Lu und Kollegen 2025 und 2026 (Chengdu; 40 Männer mit idiopathischer Oligoasthenozoospermie, 30 fruchtbare Kontrollen): Samenflora und Samenplasma-Metabolom unterschieden sich zwischen den Gruppen; Dialister, Prevotellaceae_NK3B31_group, Lawsonella und Blautia korrelierten mit Metaboliten des Samenplasmas (|r| > 0,6). Ein maschinell gelerntes Modell aus fünf Gattungen erreichte eine AUC von 0,773 (95-%-KI 0,661 bis 0,885); angereichert war der Weg von Glykolyse und Glukoneogenese (p = 6,67 × 10⁻³) [s041, s014]. Das sind explorative Befunde einer Zentrumsstudie ohne externe Validierung.
- Ding und Kollegen (siehe oben, n = 60) lieferten die Verbindung Bacteroides, Prevotella, Endotoxin und Motilität [s097].
- Weitere Humanbefunde im Referat von Ma und Kollegen: Eine integrierte Analyse von Stuhl-Metagenom und Serum-Metabolom bei Männern mit Asthenozoospermie ergab eine ausgeprägte Verarmung butyratbildender Bakterien und eine systemische Herabregulation von Butyratstoffwechselwegen; bei adipositasbedingter metabolischer Endotoxämie korrelierte das LPS-bindende Protein im Serum positiv mit oxidativen DNA-Schäden der Spermien [s016]. Diese Angaben stammen aus dem Referat der Übersicht, nicht aus den Primärstudien.
- Magill und MacDonald nennen Humanbeobachtungen: Bei Männern mit Typ-2-Diabetes unterschieden sich die Arten zwischen Männern mit und ohne niedrigem Testosteron, und Männer mit niedrigem Testosteron hatten mehr opportunistische Keime; eine weitere Studie fand bei erwachsenen Männern einen positiven Zusammenhang zwischen Firmicutes im Darm und Serumtestosteron unabhängig von Alter, BMI und Lipoproteinen [s071].
- Trimethylaminoxid (TMAO): Zhang und Kollegen (Biology 2026) beschreiben, dass Darmbakterien Cholin, L-Carnitin und Betain zu Trimethylamin umsetzen, das in der Leber vor allem durch die Flavin-haltige Monooxygenase 3 zu TMAO oxidiert wird. Humane Beobachtungsstudien verknüpften TMAO mit Asthenozoospermie und mit Leydig-Zell-Markern (insbesondere INSL3), Mausstudien deuteten auf Hodenschädigung und verminderte Spermatogenese nach TMAO-bezogener Exposition. Der Hippo/YAP-Mitochondrien-StAR-Weg wird als mögliche Erklärung vorgeschlagen, aber direkte Exposition des Genitaltrakts, die Kinetik an der Blut-Hoden-Schranke und die humane Bestätigung seien ungeklärt. TMAO sei als Kandidat für einen Stoffwechselvermittler, nicht als bewiesene Ursache oder Therapieziel zu betrachten [s030].
5.4 Einwände
- Richtungswidersprüche auf Gattungsebene. Bacteroides und Prevotella sind bei Ding und Cao schädlich assoziiert, Bacteroides steigen bei Hao unter einer günstigen Intervention; Lactobacillus nimmt bei Ding unter schädlicher Transplantation zu, fehlt aber bei Zheng als Schutzfaktor. Die Achse verlangt daher eine funktionelle, nicht taxonomische Beschreibung, wie auch Kaltsas betont [s009].
- Modellmäßige Distanz. Fettreiche Kost, Triptolid, Busulfan, DEHP, Bisphenol A oder chronischer Zwangsschwimmstress sind starke, definierte Eingriffe; sie bilden nicht ab, was im durchschnittlichen unfruchtbaren Mann mit idiopathischem Befund geschieht. Die humane Datenlage ist korrelativ und stammt aus kleinen Gruppen.
- Zeitlichkeit. Ding übertrug die Mikrobiota über 15 Wochen fortlaufend; bei den Humanstudien fehlt jede Längsschnittbeobachtung.
- Methodenkritik der Tiermodelle (Ma und Kollegen 2026). Bei ökologischen Störungsmodellen sehen die Autoren als Hauptrisiken die Koprophagie (Mäuse tauschen über das Fressen von Kot laufend Mikroben aus, was einer unkontrollierten „Stuhltransplantation innerhalb der Gruppe“ gleichkommt und Gruppenunterschiede angleichen kann), Käfigeffekte (sie können stärker sein als die Intervention, wenn nicht auf Käfigebene randomisiert wird; viele Studien berichten Haltung und Tierzahl pro Käfig nicht), metabolische Begleiterkrankungen in Protokollen mit fettinduzierter Adipositas und die direkte pharmakologische Toxizität darmentleerender Antibiotikagemische (mit möglichen Effekten auf Steroidwege, Redoxregulation und die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse). Als Rahmen für den Weg von der biologischen Kapazität zum ätiologischen Gewicht schlagen sie drei Kriterien vor (endogener Signalursprung, pathomimetisches Expositionsprofil, attributive Exklusivität) sowie eine Mindestberichtsliste (MIGTARS) [s016]. Nach meiner Einordnung betrifft diese Kritik mehrere hier berichtete Modelle, etwa fettreiche Kost, Antibiotika und Toxine.
5.5 Einstufung
Dass eine veränderte Darmflora im Tier Spermatogenese und Motilität verschlechtern oder verbessern kann und dass dabei Endotoxin, Entzündung des Nebenhodens, Blut-Hoden-Schranke und Metaboliten eine Rolle spielen können, ist experimentell gezeigt (Stufe A). Dass Darmbakterien beim Menschen mit Spermienparametern zusammenhängen, ist in kleinen Querschnittsstudien beschrieben (Stufe B). Dass dieser Weg beim Mann Unfruchtbarkeit verursacht und durch Eingriffe in das Mikrobiom therapierbar ist, wird in den Quellen als Möglichkeit formuliert, aber nicht belegt (Stufe C). Über die Rolle von TMAO beim Menschen lässt sich nur spekulativ sprechen (Stufe D).
6. Hormonelle Wege
Belegstärke: Stufe A in Zellkultur und Tiermodell, Stufe C bis D beim Menschen; die Humandaten sind variabel und überwiegend gering.
Die Hypothese lautet: Mikrobielle Signale (Endotoxin, Zytokine, Metaboliten) beeinflussen die Hormonachse und die Steroidbildung des Hodens und damit die Spermatogenese. Die Übersicht von Kaltsas ordnet diesen Weg selbst als schwächer belegt ein als Entzündung und oxidativen Stress: Die endokrinen Befunde beim Mann seien variabel und typischerweise gering, die detaillierten Mechanismen stammten überwiegend aus Tier- und In-vitro-Studien [s009]. Im Einzelnen:
Endotoxin und Entzündung gegen die Leydig-Zelle. Nach der Übersicht von Grande wird bei adipositasassoziiertem Hypogonadismus eine Zunahme von Lipopolysacchariden (LPS) vermutet; LPS senke das Testosteron durch direkte Hemmung der Leydig-Zellen und durch Unterdrückung auf Hypophysenebene, und IL-6 schädige über ERK-MAPK die Tight Junctions der Sertoli-Zellen [s050]. Das stützt sich auf die GELDING-Hypothese (siehe Abschnitt 5) [s009, s071]. In Dings Stuhltransplantationsmodell war die Steroidbiosynthese unter den angereicherten Wegen der Hoden-Transkriptomanalyse (p = 0,00053), die Expression des Leydig-Zell-Markers Hsd3b1 blieb aber unverändert; betroffen waren Spermatozyten und Spermatiden [s097]. Das passt eher zu einer Störung der Keimzellreifung und des Mikromilieus als zu einem Ausfall der Leydig-Zellen.
Darm und Hodenhormone bei keimfreien und stressbelasteten Tieren. Keimfreie Mäuse hatten niedrigere Serum-LH- und -FSH-Spiegel und weniger intratestikuläres Testosteron als SPF-Tiere; die Besiedlung mit einem butyratbildenden Clostridium normalisierte die Testosteronspiegel [s114]. Beim chronischen Stress aktiviert die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse über Corticosteron den Weg zu Darmbarrierestörung, Lactobacillus-Verlust und Vitamin-A/E-Mangel (Rattenmodell) [s031]. Lactobacillus plantarum TW1-1 hob bei DEHP-belasteten Mäusen das Serumtestosteron an [s103]. Im Rattenmodell von Harati und Kollegen (fettreiche Kost) sank LH, während das intratestikuläre Testosteron paradoxerweise anstieg; das Präbiotikum-Probiotikum-Gemisch, das von Beginn der Fettkost an gegeben wurde, erhielt die Hodenstruktur, senkte TNF-α und normalisierte das Testosteron teilweise, brachte aber keine signifikante Verbesserung von Spermienparametern oder LH; eine nach fünf Wochen begonnene Gabe brachte keine nennenswerte Besserung und führte in einigen Punkten sogar zu stärkerer Entzündung und strukturellem Abbau als die Fettkost allein [s008]. Das ist ein wichtiger Dämpfer: Der Zeitpunkt des Eingriffs kann entscheiden, und die Wirkung am Hoden ist nicht gleichbedeutend mit einer Wiederherstellung von Funktion.
Leydig-Zellen in vitro. In der Leydig-Zelllinie TM3 erhöhten Lacticaseibacillus rhamnosus, Limosilactobacillus fermentum und Bifidobacterium longum subsp. longum die Expression von Proteinen der Testosteronsynthese und die mitochondriale Aktivität gegenüber der Kontrolle [s045]. Das ist ein Zellkulturbefund, der zeigt, dass ein direkter Einfluss auf diese Zellen möglich ist; die Studie nimmt keine Aussage über den Menschen vor.
Über Darmhormone. Magill und MacDonald beschreiben, bakterielle Fermentation bilde Kurzkettenfettsäuren, die Darmhormone wie GLP-1 und Peptid YY freisetzen; GLP-1-Agonisten steigerten das Serumtestosteron bei diabetischen und adipösen Patienten und verbesserten Spermienstoffwechsel und Motilität; die Gabe von PYY hemme bei männlichen Ratten die GnRH-Sekretion. Zudem erzeuge die Darmflora selbst Androgene, sodass Veränderungen den intestinalen und androgenen Stoffwechsel modulieren könnten [s071]. Dies sind Referate von Befunden anderer Gruppen (teils aus Tier- und Diabetesstudien); als Mechanismus beim fruchtbarkeitsgestörten Mann ist es nicht belegt (Stufe D).
Humane Daten.
- Maretti und Cavallini 2017 (Italien; 41 Männer mit idiopathischer Oligoasthenoteratozoospermie, 20 Verum, 21 Stärke-Kontrolle; Lactobacillus paracasei B21060 plus Präbiotika, 6 Monate): Im Verum-Arm verbesserten sich neben den Samenparametern auch FSH, LH und Testosteron (p < 0,01), nicht aber Östradiol und Prolaktin; der Vergleich war ein Vorher-Nachher-Vergleich innerhalb der Gruppen mit Wilcoxon-Test, und die Kontrollgruppe blieb bei den meisten Parametern unverändert [s111]. Die Autoren der Metaanalyse von Prihadi referieren in ihrer Diskussion eine mögliche Beteiligung von Kisspeptin [s020]. Eine direkte Prüfung dieses Wegs liegt nicht vor (Stufe D). Der Befund ist, wie die italienische Auswertung selbst anmerkt, für ein Probiotikum bemerkenswert und bedarf einer unabhängigen Replikation.
- Helli und Kollegen 2022 (Iran) hatten im Titel Sexualhormone als Zielgrößen; die Studie wurde 2026 zurückgezogen, der Grund wurde in den Quellen nicht benannt [s079, s021]. Hormonbefunde daraus werden hier nicht als Beleg verwendet.
- Faniev und Kollegen 2024 (Hodengewebe von 33 Männern mit Azoospermie, 21 nichtobstruktiv, 12 obstruktiv): Bei nichtobstruktiver Azoospermie waren Testosteron erniedrigt sowie FSH und LH erhöht; Inhibin B korrelierte negativ mit FSH (r = −0,678; p < 0,05) und LH (r = −0,645; p < 0,05) [s060]. Bei 24 Männern mit obstruktiver Azoospermie in Kinderwunschbehandlung (13 Schwangerschaften, 11 ohne) ergab sich zudem eine Korrelation von Inhibin B mit der Mikrobiotazusammensetzung im Hodengewebe [s046]. Inhibin B ist ein Sertoli-Zell-Marker; die Korrelation sagt nichts über die Richtung der Wirkung.
- Yao und Kollegen 2026: Das Serumverhältnis AMH/INH-B sagte bei 58 Männern mit nichtobstruktiver Azoospermie und normalem FSH den Erfolg der mikrochirurgischen Spermiengewinnung voraus (AUC 0,92; 95-%-KI 0,86 bis 0,98; Grenzwert 0,65; Sensitivität 88,2 %; Spezifität 85,7 %); der Bezug zur Darmflora wurde nur im Mausmodell hergestellt („Bacteroidales“) [s027]. Der Biomarker ist ein klinischer Befund; die mikrobielle Deutung ist Tierdaten entnommen.
- Magill und MacDonald nennen die genannten Beobachtungen an Männern mit Typ-2-Diabetes (Testosteron und opportunistische Keime) und den Zusammenhang von Firmicutes im Darm mit dem Serumtestosteron [s071].
Einstufung. Dass Darmmikrobiota in Tieren die Gonadotropine, das Hodentestosteron und die Schrankenfunktion beeinflussen und dass einzelne Probiotika Leydig-Zellen in vitro stimulieren können, ist experimentell gezeigt (Stufe A). Beim Menschen sind die Befunde uneinheitlich und gering; die auffälligste Humanbeobachtung (Maretti) stammt aus einer kleinen Studie mit einem Kombinationspräparat und wurde nicht repliziert (Stufe C bis D).
7. Stoffwechselprodukte und Metabolite
Belegstärke: Stufe A für einzelne Metabolitenwege im Tier (Polyamine, Kurzkettenfettsäuren, Fettsäuren), Stufe B für Korrelationen zwischen Taxa und Metaboliten beim Menschen, Stufe C bis D für die Übertragung auf Männer.
Wenn die Zusammensetzung der Gemeinschaft allein wenig erklärt, rücken ihre Stoffwechselprodukte in den Vordergrund. Kaltsas betont, die Funktion sei wichtiger als die Taxonomie [s009]; Magill und MacDonald weisen darauf hin, dass trotz unterschiedlicher Zusammensetzung verschiedene Gemeinschaften dieselben Funktionen und Metaboliten hervorbringen könnten, die Funktion also wichtiger sein könnte als die Taxonomie [s071]. Folgende Metabolitenwege werden in den Quellen genannt:
- S-Adenosylmethionin-Zyklus (SAM): Lundy und Kollegen fanden im Metagenom von Samen und Urin unfruchtbarer Männer eine Überrepräsentation des SAM-Zyklus, der im Samen Pseudomonas-dominierter Proben auffiel. SAM ist der universelle Methyldonor, reguliert über Glutathion den oxidativen Stress und speist über die Aminopropylierung die Polyaminsynthese (Spermidin) [s092, s050, s071]. Welcher dieser Teilprozesse zur Unfruchtbarkeit beiträgt, ist nach Grande ungeklärt; die Lundy-Studie war ein Pilot [s092, s050].
- Urocanat: Baud und Kollegen 2024 (Infertile Paare; Mikrobiotaprofilierung mit Metabolomik) fanden, dass unterschiedliche Mikrobiotaprofile nicht zu global verschiedenen Samenplasma-Metabolomen führten, dass aber einzelne Metaboliten bei dysbiotischer Mikrobiota zunahmen. Urocanat war in abnormalen Samenproben signifikant erhöht (adjustierter p-Wert < 0,001) und in Prevotella-dominierten Proben angereichert (p < 0,05). Die Autoren vermuten eine immunmodulatorische Wirkung (Urocanat); als dominierende Metabolitengruppen im Samenplasma nennen sie Aminosäuren und Acylcarnitine [s047]. Dies ist zugleich eine Antwort auf die Frage, wie Bakterien die Spermienumgebung verändern könnten, ohne die Gesamtchemie zu verändern; die immunmodulatorische Rolle von Urocanat im Samen ist eine Vermutung der Autoren (Stufe D).
- Polyamine: Im Mausmodell von Zhao führte Spermin-Mangel zur Hodenschädigung, die durch Spermin, Stuhltransplantation und polyaminbildendes Parabacteroides distasonis umkehrbar war; die Wirkung hing von HSP70 ab [s094]. Lundys SAM-Befund würde dazu passen, die Verbindung beim Menschen ist aber nur eine Hypothese.
- Kurzkettenfettsäuren und Butyrat: In keimfreien Mäusen stellte ein butyratbildendes Clostridium die Blut-Hoden-Schranke wieder her [s114]; im Busulfan-Modell erhöhte die Stuhltransplantation Serum-Kurzkettenfettsäuren, die mit der Erholung von Schrankenproteinen und Steroidenzymen korrelierten [s027]. Kaltsas beschreibt zudem, dass Kurzkettenfettsäuren die Histonacetylierung beeinflussen (siehe Abschnitt 8) [s009].
- n-3-Fettsäuren: Die Hao-Studie verband eine günstig modulierte Darmflora über die Leber mit mehr n-3-Fettsäuren im Blut und Hoden [s078].
- Vitamine A und E: Im Zheng-Modell wurde der Vitaminstoffwechsel als Zwischenglied zwischen Lactobacillus-Verlust und Sting1/Slc9c2-Veränderung beschrieben [s031].
- TMAO: Als Kandidatenvermittler diskutiert, nicht belegt [s030].
- Samenplasma-Metabolom beim Menschen: Lu und Kollegen fanden eine charakteristische Stoffwechselstörung im Samenplasma von Männern mit idiopathischer Oligoasthenozoospermie (Aminosäure- und Kohlenhydratstoffwechsel) und Korrelationen (|r| > 0,6) zwischen Gattungen und Metaboliten, das Modell aus fünf Gattungen erreichte eine AUC von 0,773 [s041, s014]. Diese Beziehungen sind korrelativ, mit kleiner Fallzahl (40 gegenüber 30) und ohne externe Validierung.
- Weitere Hinweise: Luo und Kollegen beschrieben im Stuhl-Metagenom 780 unterschiedliche Metaboliten (n = 19 gegenüber 12) [s015].
Gemeinsam ist diesen Wegen, dass sie gut zur Idee „Mikrobiom verändert die chemische Umgebung der Keimzellen“ passen. Es gibt aber keine Studie, die beim Mann zeigt, dass die Veränderung eines dieser Metaboliten durch die Flora die Spermienparameter verändert; die kausale Prüfung erfolgte bisher nur im Tier.
8. Epigenetische Wege und Chromatin
Belegstärke: Stufe D für den Menschen, Stufe A bis C in einzelnen Tiermodellen.
Dieser Weg ist am dünnsten belegt. Kaltsas und Kollegen formulieren ihn in der Übersicht ausdrücklich als Hypothese [s009]: Jenseits der oxidativ vermittelten DNA-Fragmentierung könne Dysbiose die epigenetische Regulation der Spermien beeinflussen, aber direkte Humanbelege für eine Verbindung zwischen Mikrobiomeigenschaften und epigenetischen Spermienmarkern seien begrenzt, und die mechanistische Stützung stamme meist aus Tier- oder Ex-vivo-Studien. Die Begründung läuft über den Ein-Kohlenstoff-Stoffwechsel: Darmbakterien beeinflussen über B-Vitamine und Folat die Methylierungskapazität, tragen zum Methioninzyklus und zur Bildung des Methyldonors S-Adenosylmethionin bei, und Kurzkettenfettsäuren beeinflussen die Histonacetylierung. Eine dysbiotische Darmflora könne daher theoretisch die Methyldonorverfügbarkeit senken oder toxische Zwischenprodukte wie Homocystein erhöhen und so zu fehlerhafter DNA- oder Histonmethylierung in Keimzellen führen [s009]. Beim Menschen seien aberrante Spermien-DNA-Methylierung und gestörte Chromatinverpackung mit Unfruchtbarkeit und ungünstiger Embryoentwicklung assoziiert [s009].
Die tierexperimentelle Ergänzung betrifft kleine nichtkodierende RNAs: Bei Mäusen erhöhe fettreiche Kost bestimmte tRNA-Fragmente und PIWI-interagierende RNAs in den Spermien, und die Mikroinjektion dieser tRNA-Fragmente in Kontrollzygoten rekapituliere teilweise Stoffwechselphänotypen der Nachkommen. Veränderungen der Spermien-sncRNA-Fracht mit Wirkung auf die Nachkommen seien bisher nur im Tiermodell gezeigt, aberrante DNA-Methylierung und Chromatinverpackungsdefekte dagegen auch bei unfruchtbaren Männern [s009]. Die Hypothese der Autoren: Chronische mikrobiombezogene Stressoren hinterlassen über Entzündung und oxidativen Stress einen epigenetischen Abdruck auf den Spermien; ob Dysbiose diese Veränderungen beim Mann direkt auslöst, sei offen. Dieselbe Übersicht fasst die intergenerationelle Hypothese ebenso zurückhaltend: Im Tiermodell sind Störungen des väterlichen Darmmikrobioms vor der Paarung mit ungünstigen Nachkommenergebnissen verbunden, die sich durch Wiederherstellung des Mikrobioms abmildern lassen; die Humandaten reichten für keine klinische Empfehlung aus, dies bleibe hypothesengenerierend [s009]. Auch die Arbeit von Ding und Kollegen wies in der Einleitung darauf hin, dass fettreiche Kost zu epigenetischen Störungen der Spermien führen kann und dass väterlich vererbte Spermien-tsRNAs bei den Nachkommen Stoffwechselstörungen auslösen können [s097].
Konkrete experimentelle Anhaltspunkte liefern zwei Arbeiten:
- Tas und Kollegen 2026 (Ratte; Streptozotocin-induzierter Typ-1-Diabetes; Lacticaseibacillus rhamnosus GG lebend oder inaktiviert): Diabetes verminderte Körper- und Hodengewicht und Spermienmotilität, beeinträchtigte die Hodenhistologie, senkte DNA-Methyltransferasen (DNMT1, DNMT3A, DNMT3B) und 5-Methylcytosin im Hoden, steigerte Apoptose und oxidativen Stress und senkte das Testosteron; die Probiotika- und Paraprobiotika-Gruppen zeigten verbesserte Gewichte und Motilität. Es ist nach Angabe der Autoren die erste Beschreibung des Effekts von LGG auf die Hodenmethylierung im Diabetesmodell [s025]. Das Abstract gibt keine Effektzahlen an, ein direkter Zusammenhang zwischen den Methylierungsänderungen und der Motilitätsverbesserung wird nicht belegt. Zusätzlich zeigt der Befund, dass auch inaktivierte Bakterien wirksam waren, was gegen eine zwingende Besiedlung als Voraussetzung spricht.
- Schutz der Chromatinstruktur: Garcia-Segura fanden Zusammenhänge einzelner Gattungen mit verminderter Protaminierung und Doppelstrangbrüchen (siehe Abschnitt 4) [s077]. Chromatinverpackung ist ein epigenetisch relevanter Zustand, die Studie prüfte aber keine Methylierungsmarker.
Einstufung. Der epigenetische Weg ist biologisch plausibel (über SAM, B-Vitamine, Kurzkettenfettsäuren), im Tier in Ansätzen gezeigt, beim Menschen aber nicht direkt untersucht (Stufe D). Er sollte in keiner Argumentation als belegter Wirkweg dargestellt werden.
9. Hoden, Nebenhoden und lokale Immunität
Belegstärke: Stufe B (kleine Querschnittsstudien am Hodengewebe), Stufe C bis D für Kausalrichtung und Mechanismus.
Wenn Bakterien im Hoden selbst leben, wäre ein lokaler Mechanismus am einfachsten. Die Belege hierfür sind spärlich und methodisch anfällig.
Hodengewebe. Alfano und Kollegen (Mailand, Human Reproduction 2018) untersuchten 15 Hoden: 5 Männer mit idiopathischer nichtobstruktiver Azoospermie (iNOA) ohne Spermiennachweis bei der Mikro-TESE, 5 mit iNOA und Spermiennachweis, 5 normozoosperme Männer nach Orchiektomie (Ultratief-Pyrosequenzierung und digitale Tröpfchen-PCR für die Bakterienlast). Normozoosperme hatten geringe Bakterienmengen mit Actinobacteria, Bacteroidetes, Firmicutes und Proteobacteria als dominanten Phyla. Die iNOA-Proben enthielten mehr bakterielle DNA (P = 0,02) bei verminderter taxonomischer Reichhaltigkeit durch Fehlen von Bacteroidetes und Proteobacteria (P = 2 × 10⁻⁵). Proben ohne Spermiennachweis hatten eine vollständige Keimzellaplasie und eine weitere Verminderung von Firmicutes und Clostridia (P < 0,05), keinen Peptoniphilus asaccharolyticus und mehr Actinobacteria. Die Autoren warnen, die kleine Probenzahl erfordere externe Bestätigung, und das paraneoplastische Mikromilieu der entfernten Hoden könne die Befunde beeinflussen [s104]. Die Übersichten von Neto und Grande ergänzen, dass 50 bis 70 % der bakteriellen Reads in Hodenproben Kontamination sein könnten [s054, s050].
Russische Hodengewebsserie. Die Gruppe um Faniev untersuchte mit Mikro-TESE gewonnenes Hodengewebe und parallel die Harnröhre (als Kontrolle der Methodenreinheit) mit 16S-Sequenzierung. In der Serie von 57 Patienten (29 nichtobstruktive Azoospermie, 19 obstruktive Azoospermie, 9 fruchtbare Männer) waren Diversitätsindizes (Chao1, Shannon, Simpson) und Zahl der taxonomischen Einheiten im Hoden bei beiden Azoospermieformen signifikant niedriger als bei Fruchtbaren; bei nichtobstruktiver Azoospermie waren Proteobacteria erhöht, bei Fruchtbaren Firmicutes und Bacteroidetes; die Harnröhrenmikrobiota unterschied sich nicht zwischen den Gruppen [s062]. In einer zweiten Arbeit (53 Patienten) war die Hodenflora bei obstruktiver Azoospermie im Vergleich zu nichtobstruktiver Azoospermie mit Varikozele deutlich verarmt, und die Gruppe fruchtbarer Männer war am vielfältigsten; als Kontrollen dienten Männer mit nachgewiesener Vaterschaft, bei denen die Biopsie zum Ausschluss von Keimzelltumoren erfolgte, also keine gesunden Freiwilligen [s061]. In einer dritten Arbeit (33 Patienten, 21 nichtobstruktiv, 12 obstruktiv) unterschied sich die Flora signifikant zwischen den Formen (p < 0,05); bei nichtobstruktiver Azoospermie fanden sich signifikant häufiger unter anderem Enterobacteriaceae, Xanthomonadaceae, Finegoldia, Bifidobacterium, Porphyromonas, Prevotella, Peptoniphilus und Pseudomonas, bei obstruktiver Azoospermie war Prevotella selten und die Gesamtzahl der Taxa niedriger [s060]. Die vierte Arbeit (24 Männer mit obstruktiver Azoospermie in Kinderwunschbehandlung) fand keine signifikanten Unterschiede der α-Diversität zwischen Männern mit und ohne Schwangerschaft (Shannon-Index im Hoden 4,7 ± 1,7 gegenüber 4,1 ± 1,2), aber bei den Männern ohne Schwangerschaft eine signifikant höhere relative Häufigkeit von 19 und eine niedrigere von 2 Familien (Mycobacteriales und Legionellaceae); die Autoren sprechen von einer möglichen „Mikrobiota der Hodenfruchtbarkeit“, was eine Hypothese bei n = 24 ohne sichtbare Adjustierung auf Störgrößen ist [s046]. Kadyrov und Kollegen halten in einer Literaturübersicht (48 von 167 Quellen) fest, dass menschliches Hodengewebe eigene Mikrobenpopulationen enthält und nicht mikrobiologisch steril ist [s069]; konkrete Taxonamen aus dieser Übersicht werden hier nicht verwendet, weil der Volltext in der Auswertung fehlerhafte Gattungsnamen enthielt.
Weitere Hinweise auf einen genitalen Ursprung. Lundy und Kollegen beobachteten, dass die Vasektomie das Samenmikrobiom zu verändern schien, was auf einen Beitrag von Hoden oder Nebenhoden hindeute [s092]. Campbell und Kollegen (14 Männer mit nichtobstruktiver Azoospermie, 19 fruchtbare Kontrollen) fanden ähnliche α-Diversität, aber unterschiedliche β-Diversität, mit unterrepräsentierten Proteobacteria und Firmicutes sowie überrepräsentierten Actinobacteriota bei Azoospermie [s065]. In der griechischen Pilotstudie von Vougiouklaki und Kollegen (80 Samenproben: 48 normozoosperm, 32 mit Abweichungen; Nanopore-Sequenzierung des vollständigen 16S-Gens und ITS) dominierte in normozoospermen Proben das Phylum Bacillota (64,13 %), in Proben mit Abweichungen nur 2,32 %, bei Anreicherung von Campylobacterota (10,82 %); Pilz-DNA war in keiner Probe nachweisbar [s026].
Mastzellen und Immunmilieu im Hoden. Faniev und Kollegen fanden in den Biopsien von 33 Männern mit Azoospermie eine Mastozytose im Interstitium in rund 83 %, Mastzellen in den Kanälchen in 68 % und vollständige Abwesenheit nur bei 32 %. Bei nichtobstruktiver Azoospermie korrelierten Mastzellen in den Kanälchen positiv mit Bifidobacterium (r = 0,710; p < 0,05) und Dermabacter (r = 0,527), bei obstruktiver Azoospermie mit Cloacibacterium (r = 0,961), Propionibacterium (r = 0,665), Collinsella (r = 0,665), Porphyromonas (r = 0,647) und Staphylococcaceae (r = 0,632; alle p < 0,05) [s060]. Die Auswertung weist darauf hin, dass das Vorzeichen bei den Korrelationen der α-Diversität mit Stromamastzellen im Text widersprüchlich angegeben ist (Shannon r = 0,591, Simpson r = 0,680); Kausalität ist nicht belegt [s060]. Das Ergebnis ist ein Hinweis auf eine mögliche Verbindung von Mikrobiom und Immunmilieu, kein Mechanismus.
Systemische Immunlage der Betroffenen. Amodio und Kollegen (Nature Communications 2025; Immunphänotypisierung und Einzelzell-RNA-Sequenzierung) beschreiben, dass junge unfruchtbare Männer ein proinflammatorisches Milieu mit vermehrten myeloischen Zellen und Entzündungsmediatoren in Samenflüssigkeit und peripherem Blut haben, wie es sonst bei gesunden älteren Männern vorkommt. Gene der Interferon-γ- und -α-Antwort waren in peripheren T-Zellen von Männern mit Oligoasthenoteratozoospermie oder nichtobstruktiver Azoospermie hochreguliert, mit unterschiedlichen Signaturen von T-Zell-Erschöpfung beziehungsweise Seneszenz [s033]. Die Studie misst das Mikrobiom nicht; sie dient hier nur als Kontext dafür, dass eine immunologische Besonderheit bei unfruchtbaren Männern vorliegt, deren Ursache offen ist.
Nebenhoden als Angriffspunkt. In den Tierversuchen führte Endotoxämie nach Stuhltransplantation zu Entzündungsmediatoren im Nebenhodenkopf (IL-1β, CXCL-10, MCP-1, NF-κB-p65), also an dem Ort, an dem Spermien reifen und Motilität erwerben [s097]. Im Zheng-Modell war Slc9c2 im Nebenhoden als Grundlage der verminderten Motilität herunterreguliert [s031]. Beim Menschen gibt es für den Nebenhoden als Wirkort bei idiopathischer Unfruchtbarkeit keine direkte Messung (außer der klassischen Epididymitis, siehe Abschnitt 3).
Einstufung. Dass Bakterienmuster in Hodengewebe von Azoospermiepatienten sich von denen Fruchtbarer unterscheiden, ist in kleinen Serien beschrieben (Stufe B), mit zwei Einschränkungen: Die Kontaminationsproblematik ist bei Gewebe nicht ausgeräumt, und die Richtung der Kausalität ist umgekehrt denkbar, weil ein Hoden ohne Keimzellen ein anderes Milieu bietet. Dass die Hodenflora die Spermatogenese steuert, ist eine Hypothese (Stufe D).
10. Das Genitalmikrobiom des Paares
Belegstärke: Stufe B für Paardaten, Stufe A für einzelne Befunde im Tiermodell (Ratte) und in vitro, insgesamt überwiegend Stufe C bis D für den Mechanismus.
Ein weiterer Weg läuft über die Partnerin: Sperma und Vaginalflora beeinflussen sich wechselseitig, und der Befruchtungserfolg könnte vom Zusammenspiel beider abhängen.
- Austausch zwischen den Partnern. Sexuell aktive Paare teilten 56 % der vorherrschenden Gattungen; bei Paaren mit positiver Kultur beider Partner teilten 61 % mindestens einen genitalen Erreger [s054]. Die Bakterien bestimmter Vaginose-assoziierter Gattungen (Mycoplasma, Ureaplasma, Sneathia) wurden nur bei sexuell erfahrenen Männern nachgewiesen [s071, s054]. In der Studie von Mändar und Kollegen (2018; 68 gesunde junge Männer) hatten Männer ohne sexuelle Erfahrung eine niedrigere Bakterienkonzentration und Vielfalt in der Samenflora (p < 0,05; Korrelation zwischen beiden Maßen r = 0,54) [s107]. Kuribayashi und Kollegen sprechen von rascher und robuster Mikrobiomübertragung zwischen den Partnern, die das Sperma über kurze Zeiträume verändern könne [s011]. Dagegen fanden Baud und Kollegen 2025 (Paare in Kinderwunschbehandlung; Proben von Vagina, Penis, Follikelflüssigkeit und Sperma) nur begrenzte Hinweise auf eine Übertragung zwischen den Partnern und betonen, dass Längsschnittstudien zum Einfluss der sexuellen Aktivität fehlen; die Nischen waren eigenständig, Frauen von Lactobacillus dominiert, Männer vielfältiger [s035].
- Samen als Störfaktor der Vaginalflora. Die große Vielfalt der Samenflora im Vergleich zur niedrigen Vielfalt der Vaginalflora könne diese von einem Lactobacillus-dominierten Zustand zu einem Vaginose-ähnlichen verschieben; das ändere Zytokinprofile, Immunogenität, Einnistung und frühe Embryonalentwicklung bis hin zu Fehlgeburten [s036]. Bei Mändar und Kollegen (23 Paare) überwog bei der Hälfte der Partnerinnen von Männern mit Leukozytospermie Gardnerella vaginalis [s113]. Antonio und Kollegen (2009) fanden, dass die Besiedlung der Vagina mit Lactobacillus crispatus CTV-05 durch Geschlechtsverkehr und damit Samenexposition abnahm (ungeschützt: OR 75,5; 95-%-KI 6,9 bis 820,6); das zeigt, dass Sperma die Vaginalflora beeinflussen kann, sagt aber nichts über die männliche Fruchtbarkeit [s119].
- Paarkonstellation und Behandlungserfolg. Koort und Kollegen (97 Paare in assistierter Reproduktion, 12 gesunde Paare) fanden, dass Männer mit Acinetobacter-assoziierter Samenflora, die schon Kinder hatten, die höchste Erfolgsrate hatten (P < 0,05), dass Frauen mit bakterieller Vaginose oder Lactobacillus-iners- beziehungsweise L.-gasseri-dominierter Flora eine niedrigere Erfolgsrate hatten als Frauen mit L.-crispatus-dominierter oder gemischter Milchsäurebakterienflora (P < 0,05), und dass die 15 Paare mit günstigen Typen bei beiden Partnern eine Erfolgsrate von 53 % gegenüber 25 % bei den übrigen erreichten (P = 0,023) [s070]. Bei Amato und Kollegen (23 Paare, Insemination) war dagegen nur die Vaginalflora (L.-crispatus-Dominanz, P = 0,0002) mit dem Erfolg assoziiert, nicht die Samenflora [s095]. Beide Studien sind klein.
- Einfluss von Lactobacillus auf Spermien in Tier und Zellkultur. Li und Kollegen (2021) fanden an der Ratte, dass vaginales Lactobacillus crispatus, zwei weitere getestete Bakterienstämme und E. coli O157:H7 die Spermienmotilität in vitro signifikant hemmten, indem sie die intrazelluläre Kalziumkonzentration beeinflussten, und stark an Spermien hafteten; anhaftende Bakterien verminderten alle Bewegungsparameter signifikant (Gesamtmotilität unter 40 %, progressive Motilität unter 30 %, lineare Geschwindigkeit unter 40 µm/s). In vivo senkten L. crispatus und die anderen Bakterien die Trächtigkeitsraten deutlich, wobei L. crispatus Vorteile für mütterliche Gesundheit und Nachkommenentwicklung hatte und Entzündungs- und Apoptosefaktoren im Uterus stärker verminderte als die anderen Stämme [s091]. Das ist ein Hinweis, dass „nützlich“ vom Kompartiment abhängt: Dasselbe Bakterium, das die Scheide schützen kann, kann Spermien hemmen.
- Prostatitis und vaginale Flora. Saldarriaga López und Kollegen (Kolumbien; 22 Männer mit Prostatitissymptomen, 31 symptomfreie Kontrollen) fanden eine Spermienmorphologie von 4,3 % gegenüber 6,0 % bei den Kontrollen (p = 0,004) und vermuten eine mögliche Schutzwirkung von Organismen der Vaginalflora (L. crispatus, L. iners, G. vaginalis, A. vaginae); das ist eine Hypothese bei kleiner Stichprobe im Querschnitt [s058].
Der Weg ist insofern besonders heikel, als er die Fruchtbarkeit des Paares betrifft und nicht die Spermien des Mannes allein: Eine Verbesserung der Paarergebnisse muss nicht über die Spermienqualität laufen. Das zeigt die Huerga-Studie (Abschnitt 11), in der die Gabe an beide Partner die Schwangerschaftsrate erhöhte, ohne dass die Wirkung dem Mann zuzuordnen wäre [s040].
Einstufung. Dass Partner Mikroben austauschen und dass die Vaginalflora den Erfolg assistierter Reproduktion mitbestimmt, ist in kleinen Studien beschrieben (Stufe B), aber nicht konsistent. Dass Samenflora über die Partnerin die Paarfruchtbarkeit senkt, ist plausibel (Stufe C). Dass das bei einer Mehrheit der Paare die entscheidende Ursache ist, ist spekulativ (Stufe D).