Dieses Kapitel fasst zusammen, was die ausgewertete Literatur über den Zusammenhang zwischen vier Gruppen von Eingriffen und der Spermienqualität aussagt: Hypospadiekorrektur, Leistenbruchoperation, Vasektomie und ihre Umkehr (Refertilisierung) sowie Operationen am Hoden (Orchidopexie bei Hodenhochstand, Operation bei Hodentorsion, Hodenentfernung bei Tumor). Die Operation der Varikozele und einige kleinere Eingriffe (Hydrozele, Zirkumzision, transurethrale Prostataresektion) werden knapp als Querverweis behandelt. Das Quellenverzeichnis der Gesamtstudie umfasst 393 Quellen aus zehn Sprach- und Herkunftsräumen (Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Chinesisch, Japanisch, Russisch, Arabisch, Türkisch); für Portugiesisch und Koreanisch war keine Originalliteratur abrufbar, die ägyptische, saudische und weitere arabisch geprägte Arbeiten sind überwiegend englischsprachig; die Kennungen [s01] bis [s393] verweisen darauf. Gelesen wurden Zusammenfassungen (Abstracts), die über die Europe-PMC-Schnittstelle und die NCBI-E-utilities abgerufen wurden, und in einzelnen Fällen die Webfassungen von Leitlinien. Volltexte der Studien wurden nicht ausgewertet; Angaben, die nur dort stünden, fehlen deshalb. Wo ein Abstract offensichtlich fehlerhafte Zahlen enthält, ist das vermerkt und die Zahl wird nicht verwendet. Eine Therapieempfehlung wird nicht gegeben; wo Empfehlungen genannt werden, sind es die Aussagen der jeweiligen Leitlinie oder der Studienautoren.
Zur Lesart vorab: Fast alle Studien sind Beobachtungsstudien. Die Anatomie, die zur Operation führt (Hodenhochstand, Hypospadie, Leistenbruch), kann selbst mit einer Störung der Spermienbildung verbunden sein. Eine schlechtere Samenqualität nach einer Operation ist deshalb nicht ohne Weiteres eine Folge des Eingriffs. Bei der Vasektomie liegt der Fall umgekehrt: Der Eingriff soll die Spermien aus dem Ejakulat entfernen, und die Frage nach der „Qualität“ betrifft hier den Verlauf der Spermienklärung, die Hodenfolgen eines dauerhaften Verschlusses und die Samenparameter nach einer Wiederherstellung.
Leitlinien und Konsensdokumente
Die Leitlinien werden hier inhaltlich wiedergegeben, nicht bewertet. Wo nur der Abstract zugänglich war, steht das ausdrücklich dabei; dann lässt sich über einzelne Empfehlungen und deren Stärke nichts sagen.
AUA-Leitlinie Vasektomie 2026, Teile I und II [s44, s43]. Das Panel unter dem Vorsitz von Schlegel begann die Arbeit 2023; die methodische Unterstützung leistete ein unabhängiges Team von ECRI, die Literatursuche reichte vom 1. Januar 1990 bis zum 30. Januar 2024. Aus der Webfassung (Abruf am 5. Oktober 2026) stammen die folgenden Aussagen. Zur Kontrolle des Erfolgs: Mindestens eine ordnungsgemäß gewonnene Samenprobe nach der Vasektomie (moderate Empfehlung, Evidenzgrad C); eine nicht zentrifugierte Probe könne im Labor, in der Praxis oder per Post untersucht werden (bedingte Empfehlung, C). Die Verhütung könne beendet werden bei vollständiger Azoospermie oder bei höchstens 100.000 seltenen unbeweglichen Spermien pro ml in einer einzelnen, nicht zentrifugierten und innerhalb von zwei Stunden untersuchten Probe (bedingte Empfehlung, Evidenzgrad B); bei Untersuchung nach mehr als zwei Stunden sei Azoospermie erforderlich (Expertenmeinung). Die Probe könne frühestens acht Wochen nach der Vasektomie abgegeben werden (bedingte Empfehlung, C). Bei beweglichen Spermien nach sechs Monaten solle eine Wiederholung der Vasektomie besprochen werden, bei mehr als 100.000 unbeweglichen Spermien pro ml nach sechs Monaten eine gemeinsame Entscheidungsfindung (Expertenmeinung). Zur Okklusionstechnik: Kombination aus Mukosakauterisation und Faszieninterposition (starke Empfehlung, Evidenzgrad B), nicht ausschließlich Ligatur und Exzision eines kurzen Samenleitersegments (starke Empfehlung, Evidenzgrad A). Zur Fruchtbarkeitswiederherstellung: Aufklärung, dass sowohl die chirurgische Rekonstruktion als auch die chirurgische Spermiengewinnung mit ICSI Optionen sind (Expertenmeinung); Verschlussdauer, Alter des Patienten und Alter der Partnerin als beste präoperative Prädiktoren (moderate Empfehlung, C); mikroskopische Untersuchung der Samenleiterflüssigkeit, weil Spermien an der Rekonstruktionsstelle der beste intraoperative Prädiktor der Durchgängigkeit seien (starke Empfehlung, B); mikrochirurgische Vasovasostomie mit modifizierter Ein- oder Zweischichtanastomose nach Operateurspräferenz (moderate Empfehlung, C). Die Webseite nennt außerdem für ein Studienergebnis eine Freigaberate von 64 % (71 von 111) bei dem Kriterium Azoospermie und von 98 % (109 von 111) bei dem Kriterium unter 100.000 unbeweglichen Spermien pro ml; die dort zitierte Primärstudie wurde hier nicht identifiziert. Die PubMed-Abstracts der beiden Teile enthalten dagegen nur Methodik und Zielsetzung.
Europäische Leitlinie zur Vasektomie 2012 (Dohle et al., spanische Fassung) [s287]. Titel: „Guía clínica de la Asociación Europea de Urología sobre la vasectomía“ (Klinische Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Urologie zur Vasektomie). Evidenzgrundlage waren Medline, Embase und Cochrane von 1980 bis 2010 mit 113 Einzelquellen; Veröffentlichungen in anderen Sprachen als Englisch wurden ausgeschlossen. Absolute Gegenanzeigen gebe es nicht; als relative Gegenanzeigen könnten fehlende Kinder, ein Alter unter 30 Jahren, schwere Erkrankung, keine aktuelle Partnerschaft und Hodenschmerz gelten. Mukosakoagulation und Faszieninterposition verringerten das Frühversagen gegenüber einfacher Ligatur; für späte Rekanalisation und spontane Schwangerschaften gebe es keine belastbaren Daten für ein überlegenes Verfahren. Die Freigabe könne bei dokumentierter Azoospermie oder bei seltenen unbeweglichen Spermien frühestens drei Monate nach dem Eingriff erfolgen. Der Abstract nennt keine Wirksamkeitszahlen.
Britische Laborleitlinien zum Spermiogramm nach Vasektomie 2016 [s232] und 2002 [s354] (Hancock et al.). Die Fassung von 2016 empfiehlt die Untersuchung frühestens zwölf Wochen nach dem Eingriff und nach mindestens 20 Ejakulationen, die Beurteilung innerhalb von vier Stunden nach der Gewinnung (bei unbeweglichen Spermien weitere Proben innerhalb einer Stunde), eine einzelne Probe als ausreichend bei Azoospermie unter vollständiger Beachtung der Methodik und einen Wert für die „besondere Freigabe“ unter 100.000 unbeweglichen Spermien pro ml, ausschließlich ohne bewegliche Spermien und nach zwei Proben. Die Fassung von 2002 sah die erste Beurteilung nach 16 Wochen und nach mindestens 24 Ejakulationen vor und die Freigabe nach zwei aufeinanderfolgenden spermienfreien Ejakulaten. Beide sind Experten- und Konsensusdokumente; die Abstracts enthalten keine Studiendaten. Der Schwellenwert von höchstens 100.000 unbeweglichen Spermien pro ml entspricht dem der AUA-Leitlinie.
AUA-Leitlinie Evaluation and Treatment of Cryptorchidism [s262]. Veröffentlicht 2014, die Gültigkeit wurde 2025 bestätigt (Webfassung). Panel Kolon et al.; Evidenzbasis war ein AHRQ-Vergleichsbericht von 2012 mit Ergänzungssuchen bis März 2013 (704 Studien); eine Aktualisierungsrecherche 2018 mit 93 Referenzen ergab keine neuen Aussagen. Zentrale Aussagen: Überweisung von Säuglingen ohne spontane Hodendeszension bis zum sechsten Lebensmonat (korrigiert für das Gestationsalter; Standard, Evidenzgrad B); keine Hormontherapie zur Induktion des Deszensus wegen niedriger Ansprechrate und fehlendem Nachweis einer Langzeitwirkung (Standard, B); Operation innerhalb des folgenden Jahres, wenn bis zum sechsten Monat kein Deszensus eingetreten ist (Standard, B); Aufklärung von Jungen mit Hodenhochstand oder Monorchie und von deren Eltern über Infertilitäts- und Krebsrisiko (klinisches Prinzip). In der Diskussion verweist die Leitlinie auf eine Studie, in der beidseitig kryptorche Männer eine deutlich verlängerte Zeit bis zur Schwangerschaft hatten (33,9 Monate gegenüber 11,1 Monaten bei einseitig Betroffenen und Kontrollen), und auf einen Befund, wonach die Vaterschaft bei Monorchie der bei einseitigem Hodenhochstand und bei Kontrollen entspricht. Sie hält fest, dass eine erfolgreiche Verlagerung Spätfolgen verringern, aber nicht verhindern kann.
EAU-Leitlinie Sexuelle und reproduktive Gesundheit, Kapitel Männliche Infertilität (Webfassung) [s393]. Das Kapitel enthält Aussagen zu mehreren Eingriffen. Zum Hodenhochstand im Erwachsenenalter: Die Behandlung angeborener und erworbener Formen führe zu ähnlichen Hormonprofilen, Samenanalysen und Hodenvolumina; Hodenvolumen und Hormonfunktion seien aber nach angeborenem beidseitigem Hodenhochstand gegenüber einseitigem vermindert. Eine Behandlung zwischen dem sechsten und achtzehnten Lebensmonat werde empfohlen, um spermatogoniale Stammzellen zu erhalten; Studien zu GnRH und hCG zeigten schlechte Erfolgsraten. In der Evidenzzusammenfassung steht, die Vaterschaft nach korrigiertem einseitigem Hodenhochstand sei nahezu gleich wie bei Männern ohne Hodenhochstand (Evidenzstufe 1b), der beidseitige Hodenhochstand verringere die Wahrscheinlichkeit der Vaterschaft deutlich (1b). Vaskuläre Schäden seien die schwerste Komplikation der Orchidopexie und könnten in 1 bis 2 % der Fälle eine Atrophie verursachen, bei nicht tastbaren Hoden mit langem Gefäßstiel in 12 %, bei gestufter Orchidopexie bis zu 40 %. Für Operationen im Erwachsenenalter nennt die Leitlinie unter anderem eine starke Empfehlung, Männern mit einseitigem Hodenhochstand und normaler Hormonfunktion oder Spermatogenese eine Orchiektomie anzubieten, und eine schwache Empfehlung der Orchidopexie bei biochemischem Hypogonadismus oder Spermatogenesestörung. Zur Varikozele: Metaanalysen zeigten eine Verbesserung der Samenparameter bei abnormen Samenwerten; in Studien mit abnormen Samenparametern waren Schwangerschaftsrate (OR 1,29; 95-%-KI 1,00 bis 1,65; p = 0,04) und Gesamtspermienzahl (Mittelwertdifferenz 12,34 Mio./ml; 95-%-KI 3,49 bis 21,18; p = 0,006) unter Behandlung gegenüber Beobachtung verbessert, nicht jedoch progressive Beweglichkeit und Normalform; die Leitlinie empfiehlt die Behandlung bei klinischer Varikozele, abnormen Samenparametern und sonst ungeklärter Infertilität bei guter Eizellreserve der Partnerin (starke Empfehlung) und rät bei normalem Spermiogramm und subklinischer Varikozele davon ab (starke Empfehlung). Zur Vasektomie-Umkehr: stichprobengewichtete mittlere Durchgängigkeits- und Schwangerschaftsraten von 90 bis 97 % und 52 bis 73 %, eine durchschnittliche Zeit bis zur Durchgängigkeit von 1,7 bis 4,3 Monaten und ein Spätversagen in 0 bis 12 %; das Fehlen von Spermien in der intraoperativen Samenleiterflüssigkeit, besonders bei dickflüssiger „zahnpastaartiger“ Flüssigkeit, spreche für einen sekundären Nebenhodenverschluss. Zur Leistenbruchoperation hält die Leitlinie fest, dass große beidseitige Samenleiterdefekte durch unwillkürliche Resektion der Samenleiter bei einer Hernienoperation in früher Kindheit oder bei vorheriger Orchidopexie meist nicht korrigierbar seien; Spermien könnten dann durch TESE, MESA, PESA oder proximale Samenleiteraspiration zur Kryokonservierung gewonnen werden. Für diese letzte Aussage gibt die Leitlinie keine eigenen Zahlen an.
AUA/ASRM-Leitlinie Männliche Infertilität (Webfassung; Aktualisierung 2024 [s90]). Die Aktualisierungsrecherche fand 4.093 neue Abstracts, von denen 125 geeignet waren; 22 Studien gingen in die endgültige Evidenzbasis ein. Neu sind überarbeitete Schwellen für Y-Chromosom-Mikrodeletionstests, Indikationen für Becken-MRT und Hinweise zur Verwendung testikulärer Spermien bei nicht azoospermen Männern. Aus der Webfassung: Die chirurgische Varikozelenoperation sei bei Männern mit Kinderwunsch, tastbarer Varikozele, Infertilität und abnormen Samenparametern (ausgenommen azoosperme Männer) in Betracht zu ziehen (moderate Empfehlung, Evidenzgrad B); bei nur bildgebend nachgewiesener, nicht tastbarer Varikozele werde sie nicht empfohlen (starke Empfehlung, C); bei klinischer Varikozele und nichtobstruktiver Azoospermie solle vor der chirurgischen Spermiengewinnung über das Fehlen eindeutiger Evidenz informiert werden (Expertenmeinung). Zur Spermiengewinnung: mikrochirurgische TESE bei nichtobstruktiver Azoospermie (moderate Empfehlung, C); ICSI mit frischen oder kryokonservierten Spermien möglich (bedingte Empfehlung, C); bei obstruktiver Azoospermie Gewinnung aus Hoden oder Nebenhoden möglich (bedingte Empfehlung, C).
EAU-Leitlinie Männliche Infertilität 2021 und 2025 [s170, s69] (Minhas et al.). Die Fassung von 2025 betont die umfassende urologische Untersuchung aller Männer mit Fruchtbarkeitsproblemen, die parallele Untersuchung der Partnerin und die Aufklärung über Gesundheitsrisiken; neu sind Abschnitte zu Exom-Sequenzierung und Probiotika. Die Fassung von 2021 hält fest, die Rolle der Hormonstimulation sei umstritten und außerhalb von Studien nicht empfohlen; für die verbreitete Anwendung empirischer Behandlungen und operativer Maßnahmen (zum Beispiel Antioxidantien und chirurgische Spermiengewinnung bei Männern ohne Azoospermie) fehle ausreichende Evidenz; die TESE (konventionell oder mikrochirurgisch) bleibe die Methode der Wahl bei nichtobstruktiver Azoospermie. In den Abstracts stehen keine Zahlen.
Leitlinie des Global Andrology Forum zur Varikozele 2026 [s10]. 31 Aussagen und Empfehlungen, von 24 Fachleuten im modifizierten Delphi-Verfahren mit GRADE bewertet. Die klinische Varikozele mit abnormen Spermienparametern sei die vorrangige einstimmige Indikation zur Korrektur; für eine medikamentöse Therapie gebe es keine ausreichende Evidenz. Es handelt sich um einen Expertenkonsens; der Abstract nennt keine Effektzahlen.
Vergleich der WHO-Leitlinie 2025 mit AUA/ASRM, EAU, ESHRE und NICE [s04] (Achermann et al. 2026). Die WHO-Leitlinie wähle einen Public-Health-Ansatz mit Betonung von Prävention, standardisierter Diagnostik und zentraler Rolle der Samenanalyse und gebe eine spezifische Empfehlung zur Varikozele. AUA/ASRM und EAU seien spezialistenorientiert; ESHRE und NICE seien paarzentriert mit begrenztem Fokus auf männerspezifische Wege. Die Evidenz für häufig genutzte Maßnahmen (Antioxidantien, Hormontherapien, erweiterte Diagnostik) wird als lückenhaft bezeichnet. Die ESHRE-Texte selbst wurden nicht abgerufen; ihr Inhalt ist hier nur über diesen Vergleichsartikel bekannt.
Französische Empfehlungen von AFU und SALF 2021 [s166] (Huyghe et al.). Titel: „Recommandations de l'AFU et de la SALF concernant l'évaluation de l'homme infertile“ (Empfehlungen der französischen Urologengesellschaft und der französischsprachigen Andrologiegesellschaft zur Abklärung des infertilen Mannes). PubMed-Recherche bis 1. Januar 2020, HAS-Evidenzgrade 2013. Empfohlen werden unter anderem eine systematische Anamnese, zwei Spermiogramme nach WHO, wenn das erste mindestens eine Auffälligkeit zeigt, eine Skrotalsonografie, Testosteron und FSH, ein Karyotyp bei Spermienkonzentration von höchstens 10 × 10⁶/ml, Yq-Mikrodeletionen bei höchstens 1 × 10⁶/ml und eine CFTR-Analyse bei Verdacht auf Fehlen des Samenleiters. Zu Operationen enthält der Abstract nichts; die Leitlinie betrifft die Abklärung.
Italienische Leitlinie SIAMS und SIEDP 2026, Teil 2 [s09]. Die Leitlinie wertet englischsprachige Literatur zu Kryptorchismus, Mikropenis, Hypospadie, Hodentumoren, Epididymitis, Orchitis, Varianten der Geschlechtsentwicklung und Hodentorsion aus (GRADE) und formuliert Empfehlungen zu Diagnose, Management und Behandlung. Der Abstract enthält weder einzelne Empfehlungen noch Zahlen; der Volltext wurde nicht eingesehen. Es ist die einzige gefundene italienische Fachgesellschaftsleitlinie zu Hypospadie, Hodenhochstand und Torsion.
Koreanische klinische Empfehlung zur männlichen Infertilität 2026 [s30] (Moon et al.). Die Empfehlung der Koreanischen Gesellschaft für Sexualmedizin und Andrologie betont eine paarzentrierte Versorgung unter Berücksichtigung des weiblichen Zeitfensters, die Behandlung beeinflussbarer Risikofaktoren, die Beschränkung empirischer Arzneitherapie auf zeitlich begrenzte, phänotypgesteuerte Versuche und krankheitsspezifische Wege für Varikozele, Endokrinopathien sowie obstruktive und nichtobstruktive Azoospermie, mit individueller Wahl zwischen mikrochirurgischer Rekonstruktion und chirurgischer Spermiengewinnung. ICSI solle selektiv eingesetzt werden; die Nachsorge solle sich an Lebendgeburt und Behandlungsbelastung statt an Zwischenwerten der Samenparameter orientieren. Evidenzgrade oder Zahlen zu einzelnen Operationen nennt die Zusammenfassung nicht.
Deutschsprachige Leitlinienbezüge [s48, s302, s110, s246]. Die AWMF-Leitlinien zu Hypospadie (S2k, erstmals 2016, aktualisiert 2021) und zum Hodenhochstand waren als Volltext nicht abrufbar (das AWMF-Register lieferte nur eine JavaScript-Hülle). Ihr Inhalt ist deshalb nur über Sekundärarbeiten greifbar. Sondermann et al. werten die deutschen Krankenhausqualitätsberichte 2006 bis 2024 aus: Die überarbeitete S2k-Leitlinie beeinflusse die Operationspraxis stärker als die Gesetzesänderung (BGB §1631e) [s48]. Zum Hodenhochstand berichten Hensel et al. und von Cube et al. über die Befolgung der Leitlinie (siehe Abschnitt Hodenhochstand) [s246, s110]; Mathers et al. geben den Leitlinienbezug aus Sicht der interdisziplinären Leitlinie wieder [s302]. Eine chinesische Evidenzzusammenfassung aus 21 Dokumenten (acht Leitlinien, vier Expertenkonsense, vier klinische Entscheidungen, drei systematische Übersichten, zwei Metaanalysen) mit 33 Evidenzaussagen zur Fertilitätserhaltung bei Hodentumor [s62] nennt im Abstract die Themenbereiche, aber keine Ergebnisse.
Was die Leitlinien gemeinsam haben. Die Leitlinien stützen sich überwiegend auf Beobachtungsstudien; die genannten Evidenzgrade liegen meist bei B oder C, viele Aussagen sind Expertenmeinung. Einig sind sich AUA, EAU und die britischen Laborleitlinien im Kern: Spermiogramm als Erfolgskontrolle der Vasektomie mit Schwelle bei höchstens 100.000 unbeweglichen Spermien pro ml, Prädiktoren der Vasovasostomie (Verschlussdauer, Alter der Partnerin, Spermien in der Samenleiterflüssigkeit) und ein Zeitfenster von sechs bis achtzehn Monaten für die Orchidopexie. Unterschiedlich sind die Details: Wartezeit bis zur ersten Samenprobe (AUA acht Wochen, britische Leitlinie von 2016 zwölf Wochen, EAU 2012 drei Monate), Anzahl der Proben und die Bewertung hormoneller Behandlung des Hodenhochstands (AUA lehnt sie ab; ein Standpunktartikel hält dagegen [s97]).
Hypospadie
Die Hypospadie ist eine angeborene Fehlmündung der Harnröhre an der Unterseite des Penis. Die Literatur zur Samenqualität im Erwachsenenalter ist dünn: Es gibt eine Handvoll Querschnittsstudien mit Samenanalyse, eine große schwedische Registerkohorte zu Vaterschaft und Fruchtbarkeit und systematische Übersichten, die überwiegend die Sexualfunktion auswerten. Ob die Operation selbst die Spermienbildung verändert, prüft keine der gefundenen Studien direkt; verglichen werden Schweregrade, Begleitfehlbildungen und Operationszeitpunkte, nicht operierte mit nicht operierten Männern mit gleicher Fehlbildung. Aus dem chinesischen, japanischen und koreanischen Sprachraum fand sich keine direkte Samenanalyse nach Hypospadiekorrektur; aus dem russischen, arabischen und türkischen Raum nur eine einzige, sehr knapp berichtete.
Übersichten. Siregar et al. 2026 werteten in einer systematischen Übersicht nach PRISMA (PubMed, Embase, Scopus; Newcastle-Ottawa-Skala) von 288 Artikeln 14 aus, mit zusammen 6.737 Teilnehmenden für Fruchtbarkeitsergebnisse und 933 für Sexualfunktion; die Qualität wird als durchschnittlich bewertet [s46]. Bei distaler Hypospadie fielen Sexualfunktion und Fruchtbarkeit günstiger aus als bei proximalen Formen, bei denen Ejakulationsstörungen, geringere Samenqualität und Infertilität häufiger seien. Der Abstract nennt keine gepoolten Effektschätzer, die Endpunkte sind uneinheitlich, die Autoren fordern eine multizentrische Bestätigung. Effendi et al. 2025 (Metaanalyse, 13 Studien) fanden eine gepoolte Häufigkeit erektiler Dysfunktion von 12 % (95-%-KI 7 bis 19 %) und sexueller Unzufriedenheit von 16 % (12 bis 22 %) bei erheblicher Heterogenität; Spermienparameter sind dort kein Endpunkt [s59]. Geada et al. 2024 berichten in einer narrativen Übersicht, Operierte gäben eine verminderte Penislänge an, Zufriedenheit, Libido und Samenqualität seien aber mit Kontrollen vergleichbar; die Übersicht hat keine systematische Suche und im Abstract keine Zahlen [s95]. Spinoit et al. 2021 geben in einer Übersicht an, bei 25 % aller Hypospadiepatienten bestehe eine Penisverkrümmung; Samenparameter werden nicht beziffert [s173]. Kunz 2026 beschreibt in einer deutschsprachigen Übersicht („Hypospadie als chronisches Problem?“) späte Folgeprobleme (Harnröhrenstrikturen, Fisteln, Nachträufeln, Divertikel, Restverkrümmung, Narben, wiederkehrende Harnwegsinfekte, Lichen sclerosus) und die Schwierigkeit, dass Erwachsene oft weder Schweregrad noch Operationstechnik kennen [s22].
Asklund et al. 2010 (Dänemark) [s308]. Querschnitt mit Kontrollgruppe aus der dänischen Allgemeinbevölkerung plus Registerauswertung. 92 Männer mit isolierter Hypospadie (IH) und 20 mit Hypospadie und zusätzlichen Genitalstörungen (HAGD); zusätzlich Fruchtbarkeitsdaten von 1.083 im Register als wegen Hypospadie operiert geführten Männern. Die Samenqualität der IH-Männer unterschied sich nicht von den Kontrollen, bei HAGD war sie vermindert. Mediane für IH beziehungsweise HAGD: Spermienkonzentration 52 beziehungsweise 32 Mio./ml (p = 0,02), Gesamtspermienzahl 173 beziehungsweise 101 Mio. (p = 0,03), Anteil beweglicher Spermien 70 beziehungsweise 58 % (p = 0,007), Anteil morphologisch normaler Spermien 9 beziehungsweise 4 % (p = 0,004). FSH und LH waren bei IH leicht, bei HAGD deutlicher erhöht. Von den 1.083 Registermännern waren 24,0 % als Vater mindestens eines Kindes verzeichnet, in der altersgleichen Allgemeinbevölkerung 29,4 % (p < 0,01). Schwächen: Querschnitt, kleine HAGD-Gruppe, Teilnahmeverzerrung; die niedrigere Vaterschaftsquote kann auch psychosoziale oder sexuelle Ursachen haben, wie die Autoren selbst schreiben.
Asklund et al. 2007 (Dänemark) [s328]. Reproduktive Gesundheit der Väter von Jungen mit Hypospadie: 64 Väter gegenüber 349 Partnern Schwangerer als Kontrollen. Mediane Spermienkonzentration 54,1 gegenüber 81,2 Mio./ml (p = 0,004), Gesamtspermienzahl 222,0 gegenüber 326,0 Mio. (p = 0,009); urogenitale Störungen berichteten 11 von 64 gegenüber 16 von 349 (p < 0,001); die Wartezeit bis zur Schwangerschaft unterschied sich nicht signifikant, aber 15 % der Väter hatten eine Fruchtbarkeitsbehandlung erhalten. Die Autoren vermuten gemeinsame Anfälligkeitsgene. Die Samenqualität hängt hier mit der Fehlbildung der Söhne zusammen, nicht mit einem Eingriff.
Kumar et al. 2016 (Indien) [s237]. Prospektive Querschnittsstudie mit 73 erwachsenen Patienten (mittleres Alter 23,73 Jahre; 14 proximal, 59 distal; 43 erst im Erwachsenenalter operiert) und 70 gesunden Kontrollen. Penislänge schlaff beziehungsweise erigiert 7,92 ± 1,33 beziehungsweise 9,62 ± 1,31 cm gegenüber 10,78 ± 0,94 beziehungsweise 13,15 ± 1,15 cm (p < 0,001); Zufriedenheit und Libido vergleichbar. Samenvolumen, Konzentration, Beweglichkeit und normale Morphologie waren bei distaler Hypospadie mit den Kontrollen vergleichbar (p > 0,05), bei proximaler schlechter; FSH und LH höher, Testosteron niedriger (p < 0,001), Hodengröße ohne Unterschied. Zwischen im Kindes- und im Erwachsenenalter Operierten bestand kein signifikanter Unterschied im Fruchtbarkeitspotenzial. Schwächen: nur 14 proximale Fälle, Einzelzentrum, besondere Population (späte Operation); die konkreten Spermienwerte stehen nicht im Abstract.
Tack et al. 2022 (Gent, Wien) [s152]. Querschnittskohorte: 193 Männer von 16 bis 21 Jahren mit nicht syndromaler Hypospadie (NSH) gegenüber 50 gesunden Kontrollen, mit Untersuchung, Samenanalyse, Hormonmessung und Exom-Genpanel (474 Gene). Alle erlebten eine spontane Pubertät, bei höheren LH- und INSL3-Spiegeln als Kontrollen. Oligo- oder Azoospermie bei 32 von 172 NSH-Männern (18,6 %; 99-%-KI 12,2 bis 27,4 %), bei 5 von 16 mit komplexer NSH (31,3 %; 11,1 bis 62,4 %) und bei 13 von 22 der klein für das Gestationsalter Geborenen (59,1 %; 33,2 bis 80,7 %). Keine (wahrscheinlich) krankheitsverursachenden kodierenden Varianten. Größte Kohorte mit Samenanalyse; Schwächen: Alter 16 bis 21 Jahre, nur 172 von 193 mit auswertbarer Probe, breite Konfidenzintervalle, Kontrollwerte im Abstract nicht beziffert. Belegt ist eine Assoziation mit der Fehlbildung, nicht mit der Operation.
Skarin Nordenvall et al. 2020 (Schweden) [s189]. Bevölkerungsbezogene Kohorte von 1,2 Millionen in Schweden 1964 bis 1998 geborenen Männern mit Cox-Modellen und geschwisterstratifizierter Analyse. Männer mit Hypospadie hatten eine geringere Wahrscheinlichkeit, leibliche Kinder zu haben (adjustierte HR 0,87; 95-%-KI 0,83 bis 0,92); distale Form HR 0,90 (0,85 bis 0,96), proximale Form HR 0,59 (0,42 bis 0,81). Sie wurden häufiger über assistierte Reproduktion Väter, unabhängig von einem begleitenden Hodenhochstand. Der anfängliche Zusammenhang mit der Diagnose männlicher Infertilität verschwand in Sensitivitätsanalysen ohne Hodenhochstand. Stärken: sehr große Fallzahl, Geschwistervergleich. Schwächen: Geburtenraten sind ein grobes Fruchtbarkeitsmaß, keine Samenparameter, Operationsdetails nicht ausgewertet.
Hormon- und Ultraschallbefunde bei Kindern und Jugendlichen. Leunbach et al. 2026 (prospektive Kohorte, 113 Säuglinge, 79 % distal): In der Minipubertät waren FSH 0,83 SDS, Testosteron 0,71 SDS und freies Testosteron 0,83 SDS höher (p < 0,001), Inhibin B −0,38 SDS, AMH −0,23 SDS, INSL3 −0,31 SDS, Androstendion −0,52 SDS und DHEA-S −0,50 SDS niedriger; Geburtsgewichts- und Plazentaperzentilen waren bei proximaler Form niedriger. Die Hormonwerte unterschieden sich nicht nach Schweregrad; die Autoren deuten dies als diskrete Hodenfunktionsstörung [s23]. Das Säuglingsalter liefert nur ein Surrogat; ob später schlechtere Spermien folgen, ist nicht untersucht. Kroon et al. 2026 (244 Männer mit Hypospadie, 200 davon im Tanner-Stadium 5, und 51 Kontrollen): Inhomogenität des Hodenparenchyms war bei Hypospadie häufiger (insgesamt p = 0,004; schwer und komplex p < 0,001) und nahm mit der Pubertät zu; sie war mit verminderter Spermienkonzentration, der Zahl der Penisoperationen, kürzerer erwachsener Penislänge und kleinem Geburtsgewicht verbunden. Der positive prädiktive Wert für Oligozoospermie betrug 29,6 %, der negative für Azoospermie 84,8 %; Mikrokalk unterschied sich nicht (p = 0,599) [s21]. Der Zusammenhang mit der Zahl der Operationen ist eine Assoziation; der Abstract trennt nicht zwischen Ursache und Schweregrad. Shen et al. 2026 (China, 323 Kinder): 68 (21,05 %) hatten Begleitfehlbildungen, am häufigsten Hodenhochstand; nach Propensity-Matching waren FSH und Prolaktin bei urogenitalen Begleitfehlbildungen erhöht [s45]. Raigorodskaja et al. 2013 (39 Patienten, russisch) beschreiben einen veränderten Pubertätsverlauf und eine Störung der Sertoli-Zell-Funktion; Zahlen nennt die Zusammenfassung nicht [s285]. Iwatsuki et al. 2011 (Nagoya, 82 präpubertär operierte Jungen mit Kryptorchismus, Hypospadie, beidem oder Hydrozele): Das FSH war bei Hypospadie plus Kryptorchismus in höheren Altersklassen höher als in den übrigen Gruppen (p < 0,05), LH und Testosteron nicht; die Autoren sehen eine Vereinbarkeit mit der Hypothese eines Hodendysgenesie-Syndroms [s301]. Nakamura et al. 2018 (Sapporo, 121 Kinder mit Hypospadie, Hodensonografie): Mikrolithiasis bei 17 (14,0 %); einziger signifikanter Risikofaktor war der Hodenhochstand (43,8 % gegenüber 9,5 %, p = 0,002) [s213]. Abbas und Ali 2021 (Katar, 61 Jungen mit Hypospadie, 51 mit Kryptorchismus, 102 Kontrollen) und Abdelhalim und El-Sakka 2020 (Ägypten, 52 Jungen mit Hypospadie, 30 Kontrollen) fanden einen kürzeren Anogenitalabstand bei Hypospadie (4,64 gegenüber 5,33 cm, p = 0,011 in der ägyptischen Studie) und deuten ihn als Marker einer gestörten fetalen Hormonwirkung [s162, s181]. Samenbefunde gibt es dort nicht, da es sich um Kleinkinder handelt.
Langzeit- und Versorgungsstudien ohne Samenanalyse. Bocchino et al. 2024 (Florenz): 799 Operierte 1993 bis 2004, 239 Teilnehmende nach 17 bis 28 Jahren; Komplikationsrate 27 % (65 von 239); mittlerer IIEF-5 24,10 ± 1,02, mittlerer IPSS 0,96 ± 1,97; keine Samenparameter, Auswahlverzerrung wegen der Teilnahme von 239 der 799 [s89]. Kanematsu et al. 2016 (Hyogo): Befragungskohorte, 108 von 518 Angeschriebenen erfüllten die Einschlusskriterien; Vaterschaft war in der multivariaten Analyse mit dem Ausbleiben zusätzlicher Operationen nach der Erstkorrektur verbunden (p = 0,013); keine Samenanalyse, Selbstauskunft [s235]. Kanematsu et al. 2019 (dieselbe Klinik, 90 Patienten nach zweizeitiger Korrektur): 26 (28,9 %) hatten 43 Reoperationen; von zwölf wegen einer Harnröhrenengstelle Reoperierten wurde keiner Vater (p = 0,032, Log-Rank), Ejakulationsprobleme betrafen 66,7 % gegenüber 17,4 % (p = 0,003); sehr kleine Gruppe, keine Samenparameter [s200]. Sondermann et al. 2026 zeigen für Deutschland stabile Diagnosezahlen von 3.225 bis 3.850 Fällen pro Jahr und Operationszahlen von 3.828 (2006) über 5.564 (2018) bis 5.725 (2024); zur Samenqualität enthält die Arbeit nichts [s48]. Popkov et al. 2011 (Baschkortostan) sind die einzige russischsprachige Studie mit direkten Samendaten: Bei vorderen Formen fanden sich eine geringfügig verminderte Konzentration und Beweglichkeit, bei mittleren Formen ein subfertiler Samen (mäßige Oligo-Astheno-Teratozoospermie), bei hinteren Formen und bei Hypospadie im Rahmen einer Störung der Geschlechtsentwicklung eine Spermienzahl von 0,3 ± 0,27 Mio./ml. Die Zahl der Teilnehmer, Statistik, Kontrollgruppe und Operationsverfahren nennt die Zusammenfassung nicht [s307]. Volodko et al. 2025 (22 Patienten mit proximaler Hypospadie und Geschlechtsentwicklungsstörung) berichten keine Samenwerte [s84]. Ramez et al. 2025 (Ägypten, randomisiert, 88 Kinder): Urethrokutane Fisteln traten bei 9 (20,9 %) mit Dartos-Lappen gegenüber 2 (4,9 %) mit Lappen aus der Tunica vaginalis auf (p = 0,029); ein Hodenhochstand nach zwölf Monaten bei 0 gegenüber 3 Kindern (7,3 %; p = 0,071); Samenparameter wurden nicht erhoben, ein Langzeitbefund zur Fruchtbarkeit fehlt [s74].
Genetik und Entstehung (Querverbindungen). Solonzow et al. 2026 (Moskau, 294 Jungen, davon 71 nach künstlicher Befruchtung): Die Hypospadiehäufigkeit betrug 4,2 % und war mit männlichem Faktor der Unfruchtbarkeit (p = 0,041) und mütterlicher Frühgeburt (p = 0,032) verbunden; explorative Serie [s47]. Kaya und Sahin 2022 (Türkei, 193 Kinder mit Hypospadie, 27 nach assistierter Fortpflanzung): kein belegbarer Einfluss der Kinderwunschbehandlung; ohne Vergleichsgruppe gesunder Kinder [s156]. Kon et al. 2016 (89 japanische Kinder): Kopienzahlvarianten der AZF-Region fanden sich bei 39 von 89 mit einer Häufigkeit wie bei Gesunden, ohne Zusammenhang mit dem Hypospadierisiko [s236]. Fang et al. 2022 (50 Männer mit angeborener Samenleiterabwesenheit): Die sieben mit zusätzlicher Hypospadie hatten ein kleineres Hodenvolumen (9,71 ± 2,14 gegenüber 14,45 ± 2,93 ml; p < 0,001) und höheres FSH (7,28 ± 3,91 gegenüber 4,24 ± 1,96 IU/l; p = 0,027) [s148]. Zwei Fallberichte beschreiben seltene genetische Verbindungen von Hypospadie mit Subfertilität: eine homozygote WWOX-Variante bei einem Jungen und seinem Vater [s11] und eine homozygote INHA-Mutation bei zwei Brüdern mit Azoospermie [s141]. Beide haben keine Gruppenaussage.
Tierversuch. Lee et al. 2010 (Ratte, Korea; 80 Tiere, je 20 pro Gruppe): Wöchentliche Testosteroninjektionen in den Wochen 1 bis 3, 3 bis 5 oder 1 bis 5 veränderten die Penislänge (größer bei Gabe in den Wochen 3 bis 5: 41,18 gegenüber 39,13 mm, p = 0,011; kleiner bei Gabe in den Wochen 1 bis 3: 37,24 mm, p = 0,020); das Hodengewicht war in allen Testosterongruppen niedriger (1,79; 2,16; 2,24 gegenüber 2,78 g), ebenso Nebenhodengewicht, Tubulusdurchmesser und Keimzellzahl. Das ist ein Hinweis auf möglichen Hodenschaden durch frühe Androgengabe, wie sie vor Hypospadiekorrekturen vorkommt; die Übertragbarkeit auf Menschen ist offen [s311].
Einordnung. Die belastbarsten Aussagen zur Samenqualität stammen aus vier Quellen [s308, s237, s152, s189]. Alle vier finden bei distaler Hypospadie wenig oder keine Auffälligkeit und bei proximaler, komplexer oder mit Begleitfehlbildungen verbundener Hypospadie eine deutlichere Beeinträchtigung; Tack et al. finden aber auch in der gesamten NSH-Gruppe in 18,6 % eine Oligo- oder Azoospermie. Ob die Operation selbst die Samenqualität verändert, wird nicht isoliert geprüft. Die Daten sprechen für den Schweregrad der Fehlbildung als gemeinsamen Faktor. Die Gewissheit ist niedrig bis mäßig.