Dieser Abschnitt bespricht Kohorten, Fall-Kontroll-Studien, Querschnittsstudien, Fallserien, Registerauswertungen und die wenigen randomisierten Einzelstudien, geordnet nach Eingriff. Studien, die in mehreren Sprachräumen erfasst wurden, stehen nur einmal.
Hypospadie
Die Literatur zur Samenqualität im Erwachsenenalter ist dünn: eine Handvoll Querschnittsstudien mit Samenanalyse, eine große schwedische Registerkohorte zu Vaterschaft und Fruchtbarkeit und Arbeiten zu Hormonen, Hodenbefunden, Genetik und Entstehung. Die Frage, ob die Operation selbst die Spermienbildung verändert, wird durch keine der Studien direkt geprüft; verglichen werden Schweregrade, Operationszeitpunkte und Gruppen mit und ohne Begleitfehlbildung.
Studien mit Samen-, Hormon- oder Vaterschaftsdaten bei Erwachsenen und Jugendlichen
Asklund et al. 2010: Samenqualität, Hormone und Fruchtbarkeit operierter Männer (Dänemark) [s308]. Titel: „Semen quality, reproductive hormones and fertility of men operated for hypospadias.“ (International journal of andrology, 2010). Querschnitt mit Kontrollgruppe aus der dänischen Allgemeinbevölkerung (junge Männer) plus Registerauswertung. Population: 92 Männer mit isolierter Hypospadie (IH) und 20 mit Hypospadie und zusätzlichen Genitalstörungen (HAGD) aus dem Raum Kopenhagen; zusätzlich Fruchtbarkeitsdaten von 1.083 im Register als wegen Hypospadie operiert geführten Männern. Ergebnisse: Die Samenqualität der IH-Männer unterschied sich nicht von den Kontrollen, bei HAGD war sie vermindert. Mediane für IH bzw. HAGD: Spermienkonzentration 52 bzw. 32 Mio./ml (p = 0,02), Gesamtspermienzahl 173 bzw. 101 Mio. (p = 0,03), Anteil beweglicher Spermien 70 bzw. 58 % (p = 0,007), Anteil morphologisch normaler Spermien 9 bzw. 4 % (p = 0,004). Bei IH waren FSH und LH leicht erhöht, bei HAGD deutlicher. Von den 1.083 Registermännern waren 24,0 % als Vater mindestens eines Kindes verzeichnet, in der altersgleichen Allgemeinbevölkerung 29,4 % (p < 0,01). Stärken: Kombination aus Samenanalyse und Registerdaten, Trennung nach Begleitfehlbildungen. Schwächen: Querschnitt, kleine HAGD-Gruppe (n = 20), Teilnahmeverzerrung möglich; die niedrigere Vaterschaftsquote kann auch psychosoziale oder sexuelle Ursachen haben, wie die Autoren selbst schreiben.
Kumar et al. 2016: Fruchtbarkeitspotenzial bei erwachsenen Hypospadiepatienten (Indien) [s237]. Titel: „Fertility Potential in Adult Hypospadias.“ (Journal of clinical and diagnostic research : JCDR, 2016). Prospektive Querschnittsstudie mit 73 erwachsenen Patienten (mittleres Alter 23,73 Jahre; 14 proximal, 59 distal; 43 erst im Erwachsenenalter operiert) und 70 gesunden altersgleichen Kontrollen. Gemessen wurden Penismaße, Hodenvolumen, LH, FSH, Testosteron, Samenanalyse und Fragebögen (IIEF-5). Ergebnisse: Penislänge schlaff bzw. erigiert 7,92 ± 1,33 bzw. 9,62 ± 1,31 cm gegenüber 10,78 ± 0,94 bzw. 13,15 ± 1,15 cm bei Kontrollen (p < 0,001); Zufriedenheit und Libido vergleichbar (p > 0,05). Samenvolumen, Konzentration, Beweglichkeit und normale Morphologie bei distaler Hypospadie mit den Kontrollen vergleichbar (p > 0,05), bei proximaler Form schlechter. FSH und LH signifikant höher, Testosteron niedriger (p < 0,001); Hodengröße ohne Unterschied. Kein signifikanter Unterschied im Fruchtbarkeitspotenzial zwischen im Kindes- und im Erwachsenenalter Operierten. Stärken: Vergleich mit Kontrollen, Vergleich des Operationszeitpunkts. Schwächen: kleine Gruppe proximaler Fälle (n = 14), Einzelzentrum, besondere Population (späte Operation), die konkreten Spermienwerte stehen nicht im Abstract.
Tack et al. 2022: Endokrinologie und Samenparameter junger Männer mit nicht syndromaler Hypospadie (Gent, Wien) [s152]. Titel: „Endocrine outcome and seminal parameters in young adult men born with hypospadias: A cross-sectional cohort study.“ (EBioMedicine, 2022). Querschnittskohorte mit 193 Männern im Alter von 16 bis 21 Jahren mit nicht syndromaler Hypospadie (NSH) gegenüber 50 gesunden Kontrollen, mit Untersuchung, Samenanalyse, Hormonmessung und Exom-Genpanel (474 Gene). Ergebnisse: Alle erlebten eine spontane Pubertät, bei höheren LH- und INSL3-Spiegeln als Kontrollen. Oligo- oder Azoospermie bei 32 von 172 NSH-Männern (18,6 %; 99-%-KI 12,2 bis 27,4 %); bei 5 von 16 mit komplexer NSH (31,3 %; 99-%-KI 11,1 bis 62,4 %) und bei 13 von 22 der klein für das Gestationsalter Geborenen (59,1 %; 99-%-KI 33,2 bis 80,7 %). Keine (wahrscheinlich) krankheitsverursachenden kodierenden Varianten. Stärken: größte Kohorte mit Samenanalyse, zwei Zentren, genetische Zusatzdaten. Schwächen: Alter 16 bis 21 Jahre, nur 172 von 193 mit auswertbarer Samenprobe, breite Konfidenzintervalle in den Untergruppen; die Samenwerte der Kontrollen sind im Abstract nicht beziffert. Die Studie belegt eine Assoziation mit der Fehlbildung, nicht mit der Operation.
Skarin Nordenvall et al. 2020: Fruchtbarkeit erwachsener Männer mit Hypospadie, schwedische Registerkohorte [s189]. Titel: „Fertility in adult men born with hypospadias: A nationwide register-based cohort study on birthrates, the use of assisted reproductive technologies and infertility.“ (Andrology, 2020). Bevölkerungsbezogene Kohorte von 1,2 Millionen in Schweden 1964 bis 1998 geborenen Männern; logistische und Cox-Modelle, geschwisterstratifizierte Analyse zur Kontrolle familiärer Störfaktoren. Ergebnisse: Männer mit Hypospadie hatten eine geringere Wahrscheinlichkeit, leibliche Kinder zu haben (adjustierte HR 0,87; 95-%-KI 0,83 bis 0,92); distale Form HR 0,90 (0,85 bis 0,96), proximale Form HR 0,59 (0,42 bis 0,81). Sie wurden häufiger über assistierte Reproduktion Väter, unabhängig von einem begleitenden Hodenhochstand. Der anfängliche Zusammenhang mit der Diagnose männlicher Infertilität verschwand in Sensitivitätsanalysen ohne Hodenhochstand. Stärken: sehr große Fallzahl, Geschwistervergleich. Schwächen: Geburtenraten sind ein grobes Fruchtbarkeitsmaß bei Familienplanung; keine Samenparameter; Operationsdetails werden im Abstract nicht ausgewertet. Die Autoren werten die Gesamtschau als Hinweis auf beeinträchtigte Fruchtbarkeit.
Asklund et al. 2007: Fortpflanzungsgesundheit der Väter von Jungen mit Hypospadie [s328]. Titel: „Increased frequency of reproductive health problems among fathers of boys with hypospadias.“ (Human reproduction (Oxford, England), 2007). Vergleich von 64 Vätern von Jungen mit Hypospadie mit 349 Partnern Schwangerer als Kontrollen; Samenprobe, Blutprobe, Untersuchung, Fragebogen. Ergebnisse: mediane Spermienkonzentration 54,1 gegenüber 81,2 Mio./ml (p = 0,004), Gesamtspermienzahl 222,0 gegenüber 326,0 Mio. (p = 0,009); urogenitale Störungen berichteten 11 von 64 gegenüber 16 von 349 (p < 0,001); keine signifikant andere Wartezeit bis zur Schwangerschaft, aber 15 % der Väter hatten eine Fruchtbarkeitsbehandlung erhalten. Die Autoren vermuten gemeinsame Anfälligkeitsgene von Vätern und Söhnen. Bedeutung: Die Samenqualität hängt in dieser Familienperspektive mit der Fehlbildung zusammen, nicht mit einem Eingriff.
Kroon et al. 2026: Hodensonografie als Screening bei Hypospadie [s21]. Titel: „The role of testicular ultrasonography as a screening tool for testicular dysfunction in hypospadias.“ (BJU international, 2026). Fall-Kontroll-Querschnitt mit 244 Männern mit Hypospadie (200 im Tanner-Stadium 5) und 51 Kontrollen; drei Untersucher mit guter Übereinstimmung (κ = 0,735 für Mikrokalk, 0,647 für Inhomogenität). Inhomogenität des Hodenparenchyms häufiger bei Hypospadie (insgesamt p = 0,004; mild p = 0,006; schwer und komplex p < 0,001) und zunehmend mit der Pubertät; Assoziation mit verminderter Spermienkonzentration, Zahl der Penisoperationen, kürzerer erwachsener Penislänge und kleinem Geburtsgewicht. Positiver prädiktiver Wert für Oligozoospermie 29,6 %, negativer für Azoospermie 84,8 %. Mikrokalk ohne Unterschied (p = 0,599). Die Verbindung mit der Zahl der Penisoperationen ist eine Assoziation; der Abstract trennt nicht zwischen Ursache und Schweregrad.
Fang et al. 2022: genetische Fallserie bei angeborener Samenleiterabwesenheit mit Hypospadie (China) [s148]. Titel: „Congenital absence of the vas deferens with hypospadias or without hypospadias: Phenotypic findings and genetic considerations“ (Frontiers in genetics, 2022). 50 Männer mit angeborener Samenleiterabwesenheit; 29 trugen mindestens eine CFTR-Variante, ADGRG2-Varianten fanden sich nicht. Bei sieben Männern mit zusätzlicher Hypospadie ergab die Exomsequenzierung keine homozygoten oder zusammengesetzt heterozygoten Varianten. Diese Männer hatten ein kleineres Hodenvolumen (9,71 ± 2,14 ml gegenüber 14,45 ± 2,93 ml; p < 0,001) und höheres FSH (7,28 ± 3,91 gegenüber 4,24 ± 1,96 IU/l; p = 0,027) als die ohne Hypospadie. Die Autoren schließen auf eine geringere Hodenspermatogenese und eine andere genetische Grundlage. Schwäche: nur sieben Männer.
Popkov et al. 2011: Ejakulatparameter nach Operation verschiedener Hypospadieformen (Russland, Baschkortostan) [s307]. Titel: „Параметры эякулята у пациентов с вариантами гипоспадии в отдаленном периоде после хирургического лечения (Ejakulatparameter bei Patienten mit Hypospadievarianten im späten Verlauf nach chirurgischer Behandlung)“ (Медицинский вестник Башкортостана, 2011). Beobachtungsstudie an Männern, die im Kindesalter wegen unterschiedlicher Hypospadieformen operiert wurden; die Zahl der Teilnehmer nennt die Zusammenfassung nicht. Bei vorderen Formen fanden sich eine geringfügig verminderte Spermienkonzentration und Beweglichkeit. Bei mittleren Formen wurde der Samen als subfertil gewertet (mäßige Oligo-Astheno-Teratozoospermie). Am schwersten waren die Veränderungen bei hinteren Formen und bei Hypospadie im Rahmen einer Störung der Geschlechtsentwicklung: Die Spermienzahl lag bei 0,3 ± 0,27 Millionen pro Milliliter, der Samen galt als nicht fertil. Die Ausprägung der Pathospermie korreliere direkt mit der Schwere der Hypospadie. Stärken: einzige direkte regionale Untersuchung des Zusammenhangs, Staffelung nach Schweregrad. Schwächen: keine Teilnehmerzahl, keine p-Werte oder Konfidenzintervalle im Abstract, keine Kontrollgruppe, keine Angabe zu Operationsverfahren und Alter bei der Operation. Eine Vermischung von Operationsfolge und Grunderkrankung ist nicht auflösbar: Die schwersten Fälle gehören zu Störungen der Geschlechtsentwicklung, bei denen schon die Hoden selbst gestört sein können.
Raigorodskaja et al. 2013: Pubertät und Sertoli-Zell-Funktion bei Hypospadie (Russland) [s285]. Titel: „Становление пубертата у мальчиков с гипоспадией (Pubertätsverlauf bei Jungen mit Hypospadie)“ (Бюллетень медицинских интернет-конференций, 2013). 39 Patienten mit Hypospadie am Schaft oder am Skrotum. Die Untersuchung beschreibt einen veränderten Pubertätsverlauf und eine Störung der Sertoli-Zell-Funktion. Die Durchblutung im Hoden und das Prostatavolumen korrelierten stark mit FSH und Inhibin B. Zahlen nennt die Zusammenfassung nicht. Aussagekraft: Hinweis auf eine gonadale Mitbeteiligung, kein Samenbefund.
Volodko et al. 2025: proximale Hypospadie und Störung der Geschlechtsentwicklung (Russland) [s84]. Titel: „Оптимизированная программа реабилитации пациентов с проксимальной гипоспадией и вариантами нарушения формирования пола (Optimiertes Rehabilitationsprogramm für Patienten mit proximaler Hypospadie und Varianten der Geschlechtsentwicklungsstörung)“ (Репродуктивное здоровье детей и подростков, 2025). 22 Patienten (15 bis 38 Jahre, Median 19) mit proximaler Hypospadie und Störung der Geschlechtsentwicklung: 10 mit partieller Gonadendysgenesie 46,XY, 5 mit gemischter Gonadendysgenesie 45,X/46,XY, 4 mit nicht näher bestimmter Variante 46,XY und 3 mit partieller Androgenresistenz. 15 Patienten bildeten die Hauptgruppe (diagnostisches Programm, stufenweise Harnröhrenplastik nach Hodenverlagerung und Entfernung müllerscher Reste, danach Betreuungsprogramm), 7 die Vergleichsgruppe (Operation vor der Diagnose ohne Betreuungsprogramm). Samenwerte werden nicht berichtet. Relevanz für die Fruchtbarkeit: indirekt, über die Notwendigkeit einer diagnostischen Einordnung vor der Operation.
Studien bei Säuglingen und Kindern (Hormon- und Hodenbefunde als Ersatzmaße)
Leunbach et al. 2026: Reproduktionshormone in der Minipubertät bei Jungen mit Hypospadie [s23]. Titel: „Reproductive Hormones During Minipuberty Suggest Subtle Testicular Impairments in Boys With Hypospadias.“ (The Journal of clinical endocrinology and metabolism, 2026). Prospektive Kohorte (Mai 2021 bis Januar 2023), 139 Säuglinge, 113 eingeschlossen; 89 (79 %) mit distaler Hypospadie. Geburtsgewichts- und Plazentaperzentilen bei proximaler Form niedriger (p = 0,014 bzw. 0,038). FSH (im Abstract „FHS“ geschrieben) 0,83 SDS, Testosteron 0,71 SDS, freies Testosteron 0,83 SDS höher (p < 0,001); Inhibin B −0,38 SDS, AMH −0,23 SDS, INSL3 −0,31 SDS, Androstendion −0,52 SDS und DHEA-S −0,50 SDS niedriger. Hormonwerte unterschieden sich nicht nach Schweregrad. Die Autoren deuten dies als diskrete Hodenfunktionsstörung. Schwäche: ein Surrogat im Säuglingsalter; ob später schlechtere Spermien folgen, ist nicht untersucht.
Shen et al. 2026: Hormonspiegel bei 323 Kindern mit Hypospadie mit und ohne Begleitfehlbildungen (China) [s45]. Titel: „Clinical Characteristics and Sex Hormone Levels in 323 Cases of Hypospadias With or Without Associated Malformations.“ (Children (Basel, Switzerland), 2026). Retrospektiv; 68 von 323 (21,05 %) hatten Begleitfehlbildungen, meist urogenital (75,00 %), am häufigsten Hodenhochstand. Operationsalter bei Begleitfehlbildungen höher (Median 3,34 gegenüber 2,42 Jahren). Nach Propensity-Matching waren FSH und Prolaktin bei urogenitalen Begleitfehlbildungen erhöht (jeweils p < 0,05). Keine Spermiendaten; relevant als Hinweis, dass Hypospadie mit Begleitanomalie eine eigene Untergruppe sein könnte.
Nakamura et al. 2018: Hodenmikrolithiasis bei Kindern mit Hypospadie (Sapporo) [s213]. Titel: „Prevalence and risk factors of testicular microlithiasis in patients with hypospadias: a retrospective study“ (BMC pediatrics, 2018). Retrospektive Aktenanalyse mit 121 Kindern mit Hypospadie (66 mild, 55 schwer; 16 mit Hodenhochstand), die eine Hodensonografie erhalten hatten. Mikrolithiasis fand sich bei 17 Kindern (14,0 %), klassische Mikrolithiasis bei 8 (6,6 %). Der Hodenhochstand war der einzige signifikante Risikofaktor: Mikrolithiasis 43,8 % gegenüber 9,5 % (p = 0,002), klassische Mikrolithiasis 37,5 % gegenüber 1,9 % (p < 0,001). Die Autoren folgern, dass isolierte Hypospadie ein geringeres Risiko für eine Hodenschädigung zu tragen scheint. Schwächen: retrospektiv, kurze Nachbeobachtung (medianes Alter bei Ultraschall 1,7 Jahre), Mikrolithiasis nur indirekter Hinweis.
Iwatsuki et al. 2011: Hormone bei präpubertären Jungen nach Operation von Hodenhochstand, Hypospadie oder beidem (Nagoya) [s301]. Titel: „Endocrine assessment of prepubertal boys with a history of cryptorchidism and/or hypospadias: a pilot study“ (The Journal of urology, 2011). Pilotstudie mit 82 präpubertären Jungen, die wegen Kryptorchismus (23), Hypospadie (49), beidem (10) oder Hydrozele (7, Kontrollgruppe) operiert worden waren. Das follikelstimulierende Hormon (FSH) lag in der Gruppe mit beiden Fehlbildungen in den Altersklassen 12,5 bis 13,5 und über 13,5 Jahre sowie in den Tanner-Stadien 2 und 3 höher als in den übrigen Gruppen (p < 0,05); luteinisierendes Hormon und Testosteron unterschieden sich nicht. Die Autoren sehen darin eine stärkere Beeinträchtigung der Hodenfunktion bei beiden Fehlbildungen zusammen, vereinbar mit der Hypothese des Hodendysgenesie-Syndroms. Schwächen: Pilotstudie, Hormone nur als Ersatzmaß für die spätere Samenqualität, keine Samenanalyse.
Kon et al. 2016: Kopienzahlvarianten der Azoospermie-Faktor-Region bei Kindern mit Hypospadie (Japan) [s236]. Titel: „Copy Number Variations of the Azoospermia Factor Region and SRY Are Not Associated with the Risk of Hypospadias“ (Sexual development : genetics, molecular biology, evolution, endocrinology, embryology, and pathology of sex determination and differentiation, 2016). Bei 89 japanischen Kindern mit Hypospadie wurden Kopienzahlvarianten der Azoospermie-Faktor-Region (AZF) und von SRY mittels MLPA untersucht. AZF-verbundene Varianten fanden sich in 39 von 89 Fällen (vier Typen, darunter eine neue einfache Duplikation) mit einer Häufigkeit, die der Gesunder vergleichbar war; SRY-Varianten fehlten. Kein Zusammenhang zwischen diesen Varianten und dem Hypospadierisiko.
Langzeitergebnisse nach Operation ohne Samenanalyse
Bocchino et al. 2024: Langzeitergebnisse nach Hypospadiekorrektur (Florenz) [s89]. Titel: „Long-term Functional, Sexual, and Cosmetic Outcomes in Adult Patients Who Underwent Hypospadias Repair During Childhood at a Highly Specialized Italian Pediatric Hospital.“ (Urology research & practice, 2024). Retrospektive Kohorte mit Fragebogen: 799 Operierte 1993 bis 2004, 239 Teilnehmende nach 17 bis 28 Jahren; Komplikationsrate 27 % (65 von 239); mittlerer IIEF-5 24,10 ± 1,02, mittlerer IPSS 0,96 ± 1,97, HOSE 15,47 ± 0,45. Es wurden keine Samenparameter erhoben. Die Arbeit ergänzt das Bild der funktionellen Ergebnisse, liefert aber nichts zur Spermienqualität; die Teilnahme von 239 der 799 erlaubt Auswahlverzerrung.
Kanematsu et al. 2016: Befragung nach Hypospadiekorrektur, Sexualleben, Heirat und Vaterschaft (Hyogo, Japan) [s235]. Titel: „Multivariate Analysis of the Factors Associated With Sexual Intercourse, Marriage, and Paternity of Hypospadias Patients“ (The journal of sexual medicine, 2016). Retrospektive Befragungskohorte: Fragebögen im April 2012 an Patienten, die zwischen 1973 und 1998 als Kinder von einem einzigen Operateur nach derselben Linie behandelt worden waren und zum Zeitpunkt der Befragung mindestens 18 Jahre alt waren. Von 518 angeschriebenen Personen erfüllten 108 die Einschlusskriterien (Alter 18 bis 50 Jahre, Median 28). Erstbehandelt wurden 79 zweizeitig und 12 einzeitig, 17 Fälle waren Reoperationen nach Erstbehandlung andernorts. Der Typ war bei 57 mild (31 glandulär, 26 penil), bei 36 proximal (13 penoskrotal, 23 skrotoperineal), bei 15 unbekannt. In Cox-Modellen und Log-Rank-Tests war Geschlechtsverkehr mit dem milden Typ verbunden (p = 0,025 und 0,0076), Heirat mit stabiler Anstellung (p = 0,020 und 0,026) und Vaterschaft mit dem Ausbleiben zusätzlicher Operationen nach der Erstkorrektur (p = 0,013 in der multivariaten Analyse). Stärken: einheitliche Technik und Operateur, multivariate Analyse. Schwächen: geringer Rücklauf (108 von 518), nicht validierte Fragen zu Sexualleben und Vaterschaft, keine Samenanalyse, Selbstauskunft.
Kanematsu et al. 2019: Reoperationen wegen Harnröhrenenge und Vaterschaft (Hyogo, Japan) [s200]. Titel: „Analysis of the association between paternity and reoperation for urethral obstruction in adult hypospadias patients who underwent two-stage repair in childhood“ (BMC urology, 2019). Dieselbe Klinik, 90 Patienten nach zweizeitiger Korrektur bei einem Operateur. 26 Patienten (28,9 %) hatten insgesamt 43 Reoperationen. Zwölf wurden wegen einer Harnröhrenengstelle (obstruktive Komplikation) reoperiert (Studiengruppe); sie wurden mit 78 Männern verglichen (14 nur aus nicht obstruktiven Gründen reoperiert, 64 nicht reoperiert). Keiner aus der Studiengruppe wurde Vater; der Unterschied war signifikant (p = 0,032, Log-Rank), ebenso unter den 31 Verheirateten (p = 0,012). Der Lebensqualitätswert des Internationalen Prostata-Symptom-Scores lag bei 2,3 ± 2,0 gegenüber 1,4 ± 1,2 (p = 0,031), Ejakulationsprobleme betrafen 66,7 % gegenüber 17,4 % (p = 0,003). Die Heiratsrate mit 32,5 Jahren lag unter der der Allgemeinbevölkerung (p = 0,048). Die Autoren sehen vielfältige Ursachen (Heiratsalter, Ejakulationsstörungen) und mahnen eine unkomplizierte Harnröhrenplastik an. Schwächen: sehr kleine Gruppe von zwölf Männern, keine Samenparameter, keine Vaterschaftsabsicht erfasst. Beide Arbeiten stammen aus derselben Klinik und derselben Operationsreihe und überschneiden sich vermutlich teilweise.
Sondermann et al. 2026: Trends der Hypospadiechirurgie in Deutschland 2006 bis 2024 [s48]. Titel: „Trends in surgical management of hypospadias in Germany: A nationwide analysis on legislative and guideline changes.“ (Journal of pediatric urology, 2026). Auswertung deutscher Krankenhausqualitätsberichte mit Joinpoint-Regression. Die Diagnosezahlen blieben stabil bei 3.225 bis 3.850 Fällen pro Jahr, die Eingriffe stiegen von 3.828 (2006) auf 5.564 (2018), sanken 2019 bis 2021 und lagen 2024 bei 5.725. Die überarbeitete S2k-Leitlinie (erstmals 2016, aktualisiert 2021) beeinflusse die Operationspraxis stärker als die Gesetzesänderung (BGB § 1631e), die keinen erkennbaren Effekt auf proximale Korrekturen zeigte. Dies ist die einzige deutsche leitliniennahe Quelle zur Hypospadie in dieser Recherche; zur Samenqualität enthält sie nichts.
Entstehung, Genitalmaße, Gene und Operationstechnik
Solonzow et al. 2026: Genitalbefunde bei Jungen nach künstlicher Befruchtung (Moskau) [s47]. Titel: „Spectrum of genital findings in ART-conceived male neonates: A blinded case series analyzing parental reproductive history“ (Urologia, 2026). Verblindete Fallserie an 294 konsekutiv geborenen Jungen, davon 71 nach künstlicher Befruchtung. In der Gruppe nach künstlicher Befruchtung hatten 40 Jungen (56 %) normale Genitalien, 31 (44 %) Auffälligkeiten. Eine Einlingsschwangerschaft war schützend für normale Genitalien (p = 0,004). Die Hypospadie-Häufigkeit betrug 4,2 % und lag damit über den im Abstract angegebenen allgemeinen Raten von 0,06 bis 0,7 %. Sie war mit männlichem Faktor der Unfruchtbarkeit (p = 0,041) und mit mütterlicher Frühgeburt (p = 0,032) verbunden; der Komplex von Penismissbildungen mit mütterlich-endokriner Unfruchtbarkeit (p = 0,033), zweieiigen Zwillingen (p = 0,014) und Frühgeburt (p = 0,017). Die Autoren deuten dies als Hinweis auf zugrunde liegende elterliche Subfertilität, mit der Befruchtungstechnik als möglichem Störfaktor. Stärken: Verblindung der Untersuchung, Einzeluntersucher. Schwächen: explorative, hypothesengenerierende Serie, nur 71 Kinder in der Vergleichsanalyse, kein Vergleich ohne künstliche Befruchtung im Abstract quantifiziert, Vergleichswerte aus der Literatur.
Kaya und Sahin 2022: Empfängnisart und Hypospadie (Türkei) [s156]. Titel: „Gebe Kalma Şeklinin Çocuklarda Hipospadias Oluşumu Üzerine Etkisinin Belirlenmesi (Einfluss der Empfängnisart auf die Entstehung von Hypospadie bei Kindern)“ (Gümüşhane Üniversitesi Sağlık Bilimleri Dergisi, 2022). Befragung von Müttern von 193 Kindern mit Hypospadie, davon 166 nach Spontanschwangerschaft und 27 nach assistierter Fortpflanzung (86,0 % gegenüber 14,0 %). In der Gruppe nach assistierter Fortpflanzung waren höheres Alter von Mutter und Vater, längere Ehedauer und mütterliche gynäkologische Erkrankungen häufiger (p < 0,05), ebenso die Pflicht-Kaiserschnittrate. Begleitende Urogenitalanomalien waren in dieser Gruppe häufiger (p = 0,036). Ein eindeutiger Einfluss der Kinderwunschbehandlung auf Hypospadie ließ sich nicht belegen. Schwäche: Alle Kinder haben Hypospadie; es gibt keine Kinder ohne Hypospadie als Vergleich.
Abbas und Ali 2021: Genitalmaße bei Hypospadie und Kryptorchismus (Katar) [s162]. Titel: „Scrotal base distance: A new key genital measurement in males with hypospadias and cryptorchidism“ (Current urology, 2021). Fall-Kontroll-Studie mit 61 Jungen mit Hypospadie (17,4 ± 6,3 Monate), 51 mit Kryptorchismus (11,4 ± 4,8 Monate) und 102 gesunden Reifgeborenen als Vergleich. Der neu eingeführte Skrotalbasisabstand, der Anogenitalabstand und die Penislänge waren bei Hypospadie niedriger als bei Kontrollen (p < 0,01). Bei Kryptorchismus lagen die Werte höher als bei Hypospadie (p < 0,01) und niedriger als bei Kontrollen. Interpretation der Autoren: Marker einer gestörten fetalen Hormonwirkung im Sinne des testikulären Dysgenesiesyndroms. Schwäche: Die Kontrollen stammen aus Beschneidungen; kein Samenbefund, da die Kinder Kleinkinder sind.
Abdelhalim und El-Sakka 2020: Anogenitalabstand bei Hypospadie (Ismailia, Ägypten) [s181]. Titel: „Relationship between maternal age and anogenital distance in patients with primary hypospadias: A case-control study“ (Arab journal of urology, 2020). Fall-Kontroll-Studie mit 52 Jungen mit Hypospadie und 30 gesunden Kontrollen. Der Anogenitalabstand betrug 4,64 (SD 1,23) gegenüber 5,33 (SD 1,01) cm (p = 0,011). Höheres Alter der Mutter ging mit kürzerem Anogenitalabstand einher (p < 0,001 in der Hypospadiegruppe, p = 0,001 bei Kontrollen). Ein mütterliches Alter von mindestens 34 Jahren sagte einen schweren Hypospadie-Score voraus (Sensitivität 100 %, Spezifität 68,3 %). Die Schweregrade verteilten sich auf 40,4 % leicht, 38,5 % mittel und 21,1 % schwer. Schwäche: kleine Gruppen, Schwellenwert aus denselben Daten bestimmt.
Denkboy Ongen et al. 2026: Fallbericht, WWOX-Variante bei Hypospadie und väterlicher Subfertilität (Bursa) [s11]. Titel: „The Role of WWOX Gene Variant in Hypospadias and 46,XY Disorders of Sexual Development“ (Reproductive sciences (Thousand Oaks, Calif.), 2026). Ein 7 Monate alter Junge mit skrotaler Hypospadie, Chordee und Hodenhochstand nach IVF-Schwangerschaft wegen männlichen Faktors. Der Junge trägt homozygot die WWOX-Variante p.Ala141Thr; der Vater (mit Unfruchtbarkeitsgeschichte, aber ohne körperliche Untersuchung) ist ebenfalls homozygot, die Mutter heterozygot. Die WWOX-Proteinmenge war bei Kind und Vater deutlich vermindert. Aussagekraft: ein Einzelfall, der eine mögliche Verbindung zwischen Hypospadie und väterlicher Subfertilität nahelegt, ohne Kausalbeleg.
Arslan Ates et al. 2022: Fallbericht, INHA-Mutation bei zwei Brüdern (Istanbul) [s141]. Titel: „Homozygosity for a novel INHA mutation in two male siblings with hypospadias, primary hypogonadism, and high-normal testicular volume“ (European journal of endocrinology, 2022). Zwei Brüder mit homozygoter INHA-Mutation (c.208_209delAG): Hypospadie in der Vorgeschichte, niedriges Testosteron, hohe Gonadotropine und hohes AMH, kaum messbares Inhibin; beide hatten im Spermiogramm eine Azoospermie. Die heterozygoten Eltern waren unauffällig. Aussagekraft: seltene genetische Ursache einer Hypospadie mit Unfruchtbarkeit.
Ramez et al. 2025: randomisierte Studie, Dartos-Lappen gegen Lappen aus der Tunica vaginalis bei Hypospadiekorrektur (Mansoura) [s74]. Titel: „Tunica vaginalis or dartos as second layer coverage for distal and mid-shaft penile hypospadias, quo vadis?“ (World journal of urology, 2025). 88 Kinder mit distaler oder mittlerer Hypospadie nach TIP-Verfahren. Urethrokutane Fisteln traten bei 9 (20,9 %) gegenüber 2 (4,9 %) auf (p = 0,029); die Operationszeit betrug im Median 100 gegenüber 145 Minuten (p < 0,001); ein Hodenhochstand nach 12 Monaten trat bei 0 gegenüber 3 Kindern (7,3 %) auf (p = 0,071). Kinder mit früherer Orchidopexie, Orchiektomie oder Leistenbruchoperation waren ausgeschlossen. Relevanz: Die Entnahme von Hüllgewebe des Hodens berührt anatomisch den Hoden; Samenparameter wurden nicht erhoben, ein Langzeitbefund zur Fruchtbarkeit fehlt.
Lee et al. 2010: Tierversuch zur frühen Testosterongabe bei Ratten (Korea) [s311]. Titel: „Timing of prepubertal androgen administration may have different effects on future fertility as well as penile size in normal male rats“ (Urology, 2010). 80 Sprague-Dawley-Ratten, je 20 pro Gruppe; wöchentliche Testosteroninjektionen in den Wochen 1 bis 3, 3 bis 5 oder 1 bis 5 gegenüber unbehandelt. Die Penislänge war bei Gabe in den Wochen 3 bis 5 größer (41,18 gegenüber 39,13 mm; p = 0,011) und bei Gabe in den Wochen 1 bis 3 kleiner (37,24 gegenüber 39,13 mm; p = 0,020). Das Hodengewicht war in allen Testosterongruppen niedriger (1,79; 2,16; 2,24 gegenüber 2,78 g in den Gruppen 1 bis 3 und Kontrolle), ebenso Nebenhodengewicht, Tubulusdurchmesser und Keimzellzahl. Relevanz: Hinweis auf möglichen Hodenschaden durch frühe Androgengabe, wie sie vor Hypospadiekorrekturen vorkommt; Übertragbarkeit auf den Menschen offen.
Einordnung der Beobachtungsstudien zur Hypospadie
Die belastbarsten Aussagen zur Samenqualität stammen aus vier Quellen: der dänischen Querschnittsstudie [s308], der indischen [s237], der belgisch-österreichischen [s152] und der schwedischen Registerkohorte [s189]. Alle vier finden bei distaler Hypospadie wenig oder keine Auffälligkeit und bei proximaler, komplexer oder mit Begleitfehlbildungen verbundener Hypospadie eine deutlichere Beeinträchtigung; Tack et al. finden aber auch in der gesamten NSH-Gruppe eine Oligo- oder Azoospermie in 18,6 % [s152]. Die russische Staffelung nach Schweregrad [s307] passt dazu. Die Befunde zu Hormonen im Säuglingsalter [s23, s45], zu Genitalmaßen [s162, s181] und zu Begleitbefunden [s213, s301, s21] sprechen dafür, dass die Hypospadie häufig Teil einer allgemeineren Störung der Hodenentwicklung ist; elterliche Subfertilität, Frühgeburt und Störungen der Geschlechtsentwicklung hängen mit ihr zusammen [s328, s47, s156]. Ob die Operation selbst die Samenqualität verändert, wird nicht isoliert geprüft; der beobachtete Gradient nach Schweregrad ist mit dem Krankheitsbild vereinbar und spricht nicht für einen Operationseffekt. Die Daten beruhen auf kleinen oder registerbasierten Studien; die Gewissheit ist niedrig bis mäßig.