Die folgenden Fragen ergeben sich aus den Lücken und Widersprüchen der Quellen. Sie sind keine Behandlungsvorschläge, sondern beschreiben, welche Studien fehlen, um die Befunde einzuordnen. Zu jeder Frage steht, woran sie in der vorliegenden Literatur erkennbar wird.
A. Rückenmarksverletzung
- Wie verläuft die Samenqualität in den ersten Wochen und Monaten nach der Verletzung? Die menschlichen Verlaufsdaten beginnen im Mittel mehr als sieben Jahre nach dem Unfall [s145]; für die Frühphase gibt es Tierdaten [s148, s88, s102, s83], eine japanische Beobachtung ohne Zahlen [s188], Übersichtsangaben [s155] und aus zweiter Hand Biopsiedaten [s75]. Offen ist eine prospektive Kohorte, die ab der Akutphase wiederholt dieselben Männer mit standardisierter Gewinnung untersucht, mit Angabe der Abstinenzzeit und der Läsionsmerkmale.
- Welcher Mechanismus bestimmt beim einzelnen Mann die Beweglichkeit? Stauung und alternde Spermien [s84, s118], Skrotaltemperatur [s159, s110], Inflammasom-Aktivierung [s131, s119], Oxidationsstress und DNA-Schäden [s84, s59], zentrale Hormonachse [s169, s105] und Eigenschaften des Seminalplasmas [s127, s68, s155] werden jeweils in kleinen Studien gestützt, aber nicht gegeneinander gewichtet. Offen ist eine Studie, die mehrere Marker gleichzeitig bei denselben Männern erhebt und Zusammenhänge mit der Beweglichkeit modelliert.
- Hängt die Gewinnungsrate bei operativer Spermiengewinnung von der Zeit seit der Verletzung ab? Eine Studie sieht einen Zeiteffekt (Schwelle 12 Jahre) [s108], eine andere nicht [s31]; FSH ist in zwei Serien der stärkste Prädiktor [s108, s13]. Offen sind gepoolte individuelle Patientendaten aus mehreren Zentren mit einheitlichen Definitionen von Zeit, Läsionshöhe und Hormonstatus.
- Wie vergleichen sich Gewinnungsverfahren bei gleicher Läsion? Weil sich Gewinnungsweg und Läsionsvollständigkeit überschneiden [s137], bräuchte es Vergleiche innerhalb derselben Männer (Cross-over, wie es für drei Vibrationsmethoden bereits gemacht wurde [s100]) oder gematchte Gruppen, mit Schwangerschaftsraten je Paar und kumulativ und mit Konfidenzintervallen statt der bisher überwiegend kleinen Vergleiche [s09, s161, s24].
- Wie wirkt sich Einfrieren speziell bei Männern mit Rückenmarksverletzung aus? Die Befunde reichen von „frische Hodenspermien deutlich besser“ [s147] über „vergleichbar“ [s94, s125] bis zu starkem Beweglichkeitsverlust nach langer Lagerung [s113] und „nicht stärker geschädigt als Kontrollen“ [s142]. Offen sind prospektive, kontrollierte Untersuchungen mit Lagerzeit, Probenart (Ejakulat, Nebenhoden, Hoden) und Befruchtungs- und Geburtsendpunkten.
- Welche Bedeutung hat die DNA-Schädigung für das Behandlungsergebnis? Hohe Anteile von Doppelstrangbrüchen [s59], erhöhte Fragmentation und Aneuploidie [s84, s139, s140] sind beschrieben; ob sie Schwangerschafts- und Geburtsraten voraussagen, wurde in den Quellen nicht systematisch geprüft; eine russische Übersicht nennt einen solchen Zusammenhang, ohne dass die Primärquellen hier ausgewertet wurden [s75]. Offen ist auch, wie die erhöhte Aneuploidie in zwei Laborstudien [s139, s140] mit der Gesundheit von Kindern zusammenhängt; Langzeitdaten zu Kindern fehlen in den Quellen.
- Gibt es Unterschiede nach Läsionshöhe, Spastik und Querschnittgrad? Tierdaten zeigen Unterschiede zwischen thorakaler (spastischer) und sakraler (nicht spastischer) Läsion [s07] und zwischen Läsionsausdehnungen [s81, s62]; beim Menschen sind die Befunde zu kompletten und inkompletten Läsionen mäßig gestützt [s144, s84, s137]. Offen ist, wie weit die Tierbefunde übertragbar sind.
- Welche Rolle spielen Arzneimittel der Blasen- und Spastikbehandlung für die Samenqualität? Mirabegron [s72], Botulinumtoxin in der Blase [s135] und andere Mittel sind nur in kleinen retrospektiven Serien beschrieben. Offen sind kontrollierte Vergleiche mit Samenparametern und Fertilitätsendpunkten.
- Lässt sich die Beweglichkeit durch Hemmung von Entzündungswegen verbessern? Die bisherigen Hinweise stammen aus einem In-vitro-Versuch mit Patientenproben [s119], einer einarmigen Studie mit Probenecid ohne Fertilitätsendpunkte [s93] und einer kleinen Proteomstudie [s68], teilweise von Autoren mit Patentinteresse [s119]. Offen sind unabhängige, placebokontrollierte Studien, die Fertilitätsendpunkte einschließen; diese Frage beschreibt eine Forschungslücke und keine Empfehlung.
- Wie gut ist die Wirkung pharmakologischer Auslöser der Ejakulation belegt? Die einzige placebokontrollierte Studie bei Rückenmarksverletzung hat 20 auswertbare Teilnehmer [s115]; die größere randomisierte Studie betrifft Männer ohne Rückenmarksverletzung [s149]. Offen sind angemessen große randomisierte Studien bei SCI, getrennt nach Läsionshöhe und -vollständigkeit.
- Wie häufig bleiben Männer unversorgt? In Jamaika wurde keiner von 45 Männern an die assistierte Reproduktion überwiesen [s101]; unter 20 jungen Männern mit Spina bifida hatte keiner ein Kind, viele wünschten sich eines [s35]; in einer Umfrage bei Spina bifida suchte keiner ärztliche Hilfe wegen Erektionsstörung [s164], und bei Diabetespatienten hatten 32,4 % keine Kenntnis urogenitaler Komplikationen [s138]. Offen sind Versorgungsstudien zur Aufklärung, Überweisung und Inanspruchnahme.
B. Multiple Sklerose
- Beeinträchtigt MS die Samenqualität, und wenn ja, wie stark? Es gibt genau drei Spermiogramm-Studien mit widersprüchlichen Ergebnissen [s156, s78, s69]. Offen ist eine größere Studie mit Stratifizierung nach Verlaufsform (schubförmig oder progredient), EDSS, Krankheitsdauer, Vorbehandlung und mit gleichzeitiger Messung von Gesamt- und freiem Testosteron sowie Gonadotropinen, idealerweise unabhängig von der Arbeitsgruppe der Erstbeschreibung [s156].
- Wie wirken krankheitsmodifizierende Therapien auf die Spermatogenese? Die vorliegenden Daten betreffen kleine Gruppen unter Natalizumab oder Ocrelizumab ohne Unterschied zu Kontrollen [s69], Wirkstoffkonzentrationen im Samen von Fingolimod und Teriflunomid [s90, s60] und Übersichten, die dies als offene Frage benennen [s71, s51]. Offen sind Spermiogramm- und Fertilitätsdaten unter den einzelnen Wirkstoffen über längere Zeiträume.
- Besteht eine kausale Beziehung zwischen männlicher Infertilität und MS, und in welche Richtung? Registerdaten [s92], eine unsichere Metaanalyse [s56] und Mendelsche Randomisierungen mit kleinem Effekt [s49] ergeben kein klares Bild. Offen ist, ob gemeinsame Ursachen (Hypogonadismus, Genetik, Autoimmunität) bestehen [s92] und ob veränderte Sexualkontakte den Befund erklären [s51].
- Sind die Befunde aus dem Cuprizon-Modell auf die MS übertragbar? Chronische Demyelinisierung senkt im Mausmodell Testosteron und Spermienparameter und betrifft den Hypothalamus [s46]; ob dies beim Menschen eine Entsprechung hat, ist nicht untersucht.
C. Parkinson-Krankheit
- Wie ist die Samenqualität bei Männern mit Parkinson-Krankheit? Es gibt keine humane Studie [s15, s37, s42, s70, s172]. Offen ist eine einfache Querschnittsstudie mit Spermiogramm, Hormonstatus, Krankheitsstadium und Medikation; gleichzeitig wäre zu klären, ob die in Rattenmodellen gefundenen Hodenveränderungen [s19, s76] und die niedrigeren Androgenspiegel bei Männern [s67] eine Entsprechung bei der Samenqualität haben.
- Trennen sich Krankheit und Medikation? Die japanische Fragebogenstudie kann den Einfluss von Levodopa und Dopaminagonisten nicht von der Krankheit trennen [s172]; Studien müssten behandelte und nicht behandelte Männer vergleichen.
D. Neuropathie
- Wie groß ist der neuropathische Anteil an den Samenveränderungen bei Diabetes? Die einzige vergleichende Studie fand zwischen neuropathischen und nicht neuropathischen Diabetikern keinen Unterschied in den Samenparametern [s186]; neuere Metaanalysen betreffen Diabetes insgesamt [s109, s74]. Offen sind Studien mit objektiver Neuropathie-Diagnostik, wie sie in einer Moskauer Serie mit Pudendus-Neurographie verwendet wurde [s117], kombiniert mit Samenanalysen.
- Was ist über nicht diabetische Neuropathien bekannt? Die Quellen enthalten dazu außer einem Fallbericht zur Leber-Optikusneuropathie [s63] und Übersichten zu peripheren Nervenverletzungen [s162] nichts. Offen ist, ob Charcot-Marie-Tooth-Erkrankungen und andere Polyneuropathien Samenparameter verändern; die Suchläufe der Befundberichte ergaben keine einzige Studie mit Samenbezug.
- Wie ist retrograde Ejakulation einheitlich zu diagnostizieren und wie häufig ist sie bei Diabetes? Die Spannweite von 0,3 bis 34,6 % [s112, s04] und die fehlenden Diagnosekriterien [s52] erfordern einheitliche Definitionen und Studien mit definierten Nennern.
- Wie unterscheiden sich Diabetes-Typen? Die Hinweise auf unterschiedliche Funktionsmuster bei Typ-1- und Typ-2-Diabetes (zum Beispiel Anorgasmie bei 65,5 % gegenüber 30,2 %) [s12] betreffen nur eine retrospektive Serie ohne Samenparameter.
E. Weitere neurologische Erkrankungen
- Spinale Muskelatrophie, myotone Dystrophie, Kennedy-Krankheit: Bei spinaler Muskelatrophie ergab eine Studie Fertilitätsstörungen bei 65,9 % und Azoospermie bei 30 % der Männer mit Spermiogramm (alle vor einer Behandlung mit Risdiplam) [s50]; für myotone Dystrophie Typ 1 zeigten 20 Patienten bei etwa der Hälfte Hypospermie oder Azoospermie [s79]; für die Kennedy-Krankheit liegt ein Fallbericht vor [s25]. Offen sind größere Spermiogrammstudien, auch zur Frage, ob sich Befunde unter neuen Therapien ändern.
- Schädel-Hirn-Trauma, Zerebralparese, Schlaganfall, Myasthenia gravis, Spina bifida: Hier sind Hodenhistologie nach Schädel-Hirn-Trauma beim Menschen (11 Fälle, Autopsiematerial [s97]), Tierstudien [s22, s30], der Hodenstand bei Zerebralparese im Kindesalter [s18] und Fragebogendaten zur Sexualfunktion [s154, s73, s99, s164] die einzigen Hinweise. Offen sind Samenanalysen bei erwachsenen Männern und Daten zur späteren Fruchtbarkeit nach Hodenhochstand oder -atrophie in der Kindheit.
F. Methodische Querschnittsfragen
- Standardisierte Endpunkte (Core Outcome Set). Einheitliche Parameter (Beweglichkeit, Vitalität, Konzentration, Gesamtzahl beweglicher Spermien, DNA-Fragmentation), Abstinenzzeit, Gewinnungsart und Schwangerschaftsendpunkte je Paar und kumulativ wären nötig, damit sich Studien vergleichen und poolen lassen.
- Eine Metaanalyse zur Samenqualität nach Rückenmarksverletzung. Die einzige Metaanalyse betrifft die Ejakulation [s126]; eine Poolung der Samenparameter nach Gewinnungsweg und Läsion mit Heterogenitätsangaben fehlt. Voraussetzung wären Individualdaten oder zumindest eine gemeinsame Auswertung der großen Datenbanken.
- Unabhängige Replikation und Datentransparenz. Wegen überlappender Kohorten (Miami, Nara/Osaka, Taiwan, Moskau) sind unabhängige Zentren nötig; Studienregistrierung sollte Standard sein (in den Abstracts nennen nur wenige Quellen eine Registrierung, so UMIN000055045 [s13] und PROSPERO [s06]).
- Übertragbarkeit der Tiermodelle. Welche Befunde der Nagermodelle (Läsion Th8 bis Th10, Kontusion oder Durchtrennung) am Menschen ein Gegenstück haben, ist offen; sinnvoll wären Modelle mit abgestufter Läsionshöhe und -schwere und mit direkter Verknüpfung zu humanen Biomarkern [s07, s81].
- Sprach- und Zugangslücken. Die in der Recherche nicht erreichbaren Datenbanken (CNKI, KCI, eLIBRARY.ru, DergiPark, SciELO und andere) und die vielen japanischen Titel ohne Abstract sind eine eigene Aufgabe für künftige systematische Übersichten; eine deutschsprachige Leitlinie, die Samenqualität bei diesen Erkrankungen behandelt, wurde nicht gefunden.
- Kinder und Heranwachsende. Für Verletzungen vor der Pubertät liegen sieben Männer vor, von denen drei mit Verletzung vor dem 9. Lebensjahr azoosperm waren [s136]; für Zerebralparese zeigen Daten zum erworbenen Hodenhochstand in der Kindheit ein Risikofeld ohne Daten zur späteren Fertilität [s18]. Offen sind Langzeitstudien.
- Psychosoziale und Versorgungsaspekte. Studien zur Verbindung von psychischer Gesundheit, Partnerschaft, sozialer Unterstützung und dem Erfolg assistierter Reproduktion (zum Beispiel neun Männer mit hoher Paraplegie, mit Angabe von Angst und Depression [s43]) sind bisher Einzelbeobachtungen.