Rückenmarksverletzung, Multiple Sklerose und Neurologie · Kapitel 9 von 23 · Studienlage: Klinische Studien, Leitlinien und Tierversuche

Leitlinien und Konsensdokumente

Keine der gefundenen Leitlinien widmet den hier behandelten Erkrankungen einen eigenen Abschnitt zur Samenqualität. Leitlinien äußern sich zur Ejakulation, zur Spermiengewinnung und zur Diagnostik der retrograden Ejakulation. Die Aussagen zur Samenqualität selbst sind knapp.

EAU-Leitlinie Sexuelle und reproduktive Gesundheit, Ausgabe 2026 [s04]. Abgerufen wurde der Seitentext der European Association of Urology, der eine begrenzte Aktualisierung eines erstmals 2020 veröffentlichten Dokuments nennt. Zur Anejakulation führt der Text Kinsey et al. an, wonach 0,14 % der Allgemeinbevölkerung eine Anejakulation haben; als häufigste Ursachen werden Rückenmarksverletzung, Diabetes mellitus und Multiple Sklerose genannt. Bei den meisten Männern mit SCI sei ärztliche Hilfe der einzige Weg zur Ejakulation; Masturbation führe zu den niedrigsten Ejakulationsraten, höhere Ansprechraten ließen sich mit PVS oder mit Acetylcholinesterase-Hemmern gefolgt von Masturbation erreichen. Die Leitlinie stützt sich dabei auf die Metaanalyse von Chéhensse et al. [s126]. Für Anejakulation durch Lymphadenektomie oder Neuropathie und bei Männern mit Rückenmarksverletzung bezeichnet der Text die PVS als "first-line therapy"; sie löse den Ejakulationsreflex aus, der ein intaktes lumbosakrales Rückenmarkssegment voraussetze. Eine Kombination aus Midodrin und PVS habe in einer in der Leitlinie zitierten Quelle (Soler et al. 2008) bei 158 Männern mit SCI in knapp 65 % zur Ejakulation geführt. Zur retrograden Ejakulation nennt die Leitlinie eine Häufigkeit von 0,3 bis 2 % in Kinderwunschsprechstunden; Diabetes könne die Rate über eine autonome Neuropathie erhöhen. Zitiert werden 34,6 % retrograde Ejakulation in einer kontrollierten Studie an diabetischen Männern, 6 % in einer Serie von 54 Diabetikern mit sexueller Funktionsstörung und mindestens 8,8 % bei 57 Männern mit Typ-1-Diabetes (18 bis 50 Jahre). In der Ursachentabelle stehen neurogen unter anderem Rückenmarksverletzung, Cauda-equina-Läsionen, Multiple Sklerose, autonome Neuropathie, Parkinson-Krankheit und Diabetes mellitus. Bei schlechter Samenqualität oder retrograder Ejakulation könne ein Paar in ein IVF-Programm eintreten. Für Anorgasmie nennt der Text PVS, EEJ oder TESE als Optionen der Spermiengewinnung. Die Ursachentabelle des Hypogonadismus führt die Rückenmarksverletzung sowohl beim primären als auch beim sekundären (hypogonadotropen) Hypogonadismus. Stärke: aktuell, die Quellen sind benannt. Schwäche: Die Zahlen stammen aus Primärquellen, die hier nicht einzeln geprüft wurden; der Text zu SCI und Samenqualität ist knapp.

AUA/ASRM-Leitlinie "Diagnosis and Treatment of Infertility in Men" (veröffentlicht 2020, geändert 2024) [s45]. Bei Männern mit Aspermie könne chirurgische Spermiengewinnung oder induzierte Ejakulation (Sympathomimetika, Vibrationsstimulation oder Elektroejakulation) je nach Zustand des Patienten und Erfahrung des Behandlers durchgeführt werden (Statement 33, Evidenzstufe "Expert Opinion"). Retrograde Ejakulation könne bei verschiedenen Neuropathien vorliegen; die Leitlinie nennt Diabetes und Rückenmarksverletzung und beschreibt die Diagnose über die Analyse des Urins nach der Ejakulation. Viele Männer mit Emissionsstörung bei Rückenmarksverletzung oder psychogener Anejakulation könnten auf Vibrationstherapie ansprechen; bei anhaltender Störung seien EEJ oder chirurgische Gewinnung denkbar. Für den Vergleich der Verfahren liegen nach der Leitlinie nur begrenzte Daten vor. Zur Multiplen Sklerose und anderen Begleiterkrankungen bestünden nur "unsichere Assoziationen" mit männlicher Infertilität (Verweis auf Glazer et al. [s92]). Schwäche: Die Statements haben Expertenmeinungs-Niveau; ein eigener Abschnitt zu den hier behandelten Krankheiten fehlt.

Französische Leitlinie zur Fertilitätsprotektion bei Rückenmarksverletzung [s08]. Guillot-Tantay et al., Fertility preservation in men with spinal cord injury: The 2025 French guidelines (The French journal of urology; in synthese.json mit dem Jahr 2026 geführt). Die Leitlinie beruht auf einer systematischen Übersicht nach PRISMA (Januar 1990 bis Juni 2024): 434 Publikationen wurden gesichtet, 115 erfüllten die Einschlusskriterien; die drei Fragen betrafen Indikationen und Verfahren der Fertilitätsprotektion, Zeitpunkt und Überwachung sowie die Senkung des Infertilitätsrisikos. Nach dem Abstract kann manuelle Samengewinnung durch Masturbation als Erstlinie erwogen werden. Scheitert sie oder ist sie unmöglich, werde PVS empfohlen, besonders bei suprasakralen Läsionen. Scheitert die PVS, könne EEJ als Zweitlinie angeboten werden, um bei Läsionen unterhalb Th10 ein retrogrades Ejakulat zu erhalten (so im Abstract formuliert). Ohne verwertbare Spermien seien chirurgische Techniken (Hodenbiopsie, Spermiengewinnung aus Nebenhoden oder Samenleiter) möglich. Zahlen zu Samenparametern, Evidenzgrade und die Qualität der eingeschlossenen Studien nennt der Abstract nicht; der Volltext wurde nicht ausgewertet.

EAN/EFAS/INUS-Leitlinie zu neurogenen Harn- und Sexualsymptomen (NEUROGED) [s34]. Panicker et al. 2025: Leitlinie nach dem ADAPTE-Verfahren mit AGREE-II-Bewertung und modifiziertem Delphi-Verfahren (mindestens 80 % Konsens), insgesamt 38 Aussagen (11 evidenzbasierte Empfehlungen, 19 Good-Practice-Aussagen, 8 konsensbasierte Empfehlungen). Zur Sexualität nennt der Abstract eine umfassende Sexualanamnese sowie Gleitmittel, Vibratoren und PDE5-Hemmer. Samenqualität und Fertilität kommen im Abstract nicht vor: Die neurologische Fachgesellschaft adressiert Sexualsymptome, nach Abstract aber nicht die Samenqualität.

Konsensdokument zur Gewinnung von Spermien aus dem Urin [s52]. Veiga Álvarez et al., Recuperación de espermatozoides de la orina en hombres con eyaculación retrógrada (Gewinnung von Spermien aus dem Urin bei Männern mit retrograder Ejakulation), Dokument der Kommission für Andrologie und assistierte Reproduktion der spanischen Gesellschaft für Laboratoriumsmedizin (SEQC-ML), 2024. Es definiert die retrograde Ejakulation, beschreibt den Spermiennachweis im Urin nach der Ejakulation sowie die Aufbereitung und Verwendung der Spermien in der assistierten Reproduktion. Es fehle Konsens über genaue Diagnosekriterien, nur sehr wenige Studien beschrieben sie, und ein bedeutender Teil der Patienten bleibe wahrscheinlich undiagnostiziert. Neurogene Ursachen werden im Abstract nicht aufgeschlüsselt.

Was nicht gefunden wurde. Eine AWMF-Leitlinie zum Thema wurde nicht gefunden; das Register ließ sich nicht durchsuchen, was nicht bedeutet, dass keine Leitlinie besteht. Eine ESHRE-Aussage zum Thema konnte nicht ausgewertet werden (die abgerufene Adresse führte auf eine Fehlerseite). In Russland, der Türkei und dem arabischen Raum wurde keine Leitlinie zur Samenqualität bei diesen Erkrankungen gefunden; aus Japan, China und Korea ebenfalls nicht. Ein Cochrane-Review zum Thema wurde über Europe PMC nicht gefunden.

Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Rückenmarksverletzung: Samenparameter in großen und mittleren Kollektiven bis Rückenmarksverletzung: Sexual- und Ejakulationsfunktion ohne Samenanalyse
  6. Rückenmarksverletzung: Verfahren der Samengewinnung bis Rückenmarksverletzung: Prospektive und retrospektive Studien mit therapeutischem Eingriff
  7. Multiple Sklerose: humane Studien bis Nicht in diesem Kapitel behandelt: Tierversuche und Einzelfallberichte
  8. Zusammenschau der Beobachtungsstudien
  9. Leitlinien und Konsensdokumente
  10. Übersichten zum Gesamtbild bis Vibrationsverfahren, Ejakulationsdyssynergie und Fallberichte zur Ejakulation
  11. Operative Gewinnung und Ergebnisse assistierter Reproduktion
  12. Rückenmarksverletzung: Tierversuche bis Neuropathie und Diabetes
  13. Weitere neurologische Erkrankungen (ohne Epilepsie) und Zusammenfassende Gewichtung der Studienlage
  14. Mechanismen und biologische Plausibilität
  15. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  16. Englisch bis Japanisch
  17. Koreanisch bis Türkisch
  18. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  19. Limitationen der Evidenz
  20. Offene Forschungsfragen
  21. Praktische Einordnung
  22. Glossar
  23. Quellenverzeichnis
  24. Diagramme
  25. Quellen
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle