Dieser Abschnitt behandelt Querschnitts-, Fall-Kontroll- und Kohortenstudien am Menschen sowie klinische Serien. Er beginnt mit der Rückenmarksverletzung, für die der größte Bestand vorliegt, und geht dann zu Multipler Sklerose, Parkinson-Krankheit, Neuropathie und weiteren Erkrankungen über. Die Reihenfolge innerhalb der Rückenmarksverletzung folgt der Fragestellung: Samenparameter, Verlauf, Hormone, Mechanismen im Samenplasma und an den Spermien, Kryokonservierung, Gewinnungsverfahren, Ergebnisse der assistierten Reproduktion und Sexualfunktion.
Rückenmarksverletzung: Samenparameter in großen und mittleren Kollektiven
Kathiresan et al. 2012: Samenqualität nach Masturbation, PVS und Elektroejakulation [s137]
Originaltitel: Semen quality in ejaculates produced by masturbation in men with spinal cord injury.
Design und Population. Retrospektive Chartanalyse im Male Fertility Research Program der Universität Miami, 1991 bis 2011. Von 528 Männern mit SCI erfüllten 444 die Einschlusskriterien; sie ejakulierten durch Masturbation (n = 43), PVS (n = 243) oder Elektroejakulation (EEJ; n = 158). Kontrollgruppe: 61 gesunde Männer, die per Masturbation Proben abgaben.
Ergebnisse. Die Spermienbeweglichkeit betrug in der SCI-Masturbationsgruppe 36,9 %, in der PVS-Gruppe 25,9 % (p < 0,001), in der EEJ-Gruppe 15,0 % (p < 0,001) und in der Kontrollgruppe 58,0 % (p < 0,001 gegenüber der SCI-Masturbationsgruppe). Die Spermienkonzentration (antegrad) lag bei 83,3 × 10^6 pro cc (Masturbation), 77,4 × 10^6 (PVS), 82,0 × 10^6 (Kontrolle) und 49,8 × 10^6 in der EEJ-Gruppe (p < 0,001). Unvollständige Läsionen fanden sich bei 84 % der Masturbationsgruppe, 54 % der PVS-Gruppe (p < 0,01) und 41 % der EEJ-Gruppe (p < 0,001).
Stärken. Große Fallzahl, einheitliches Zentrum, Kontrollgruppe. Schwächen. Retrospektiv; die Gruppen sind durch die Ejakulationsfähigkeit selektiert, sodass Gewinnungsverfahren und Läsionsvollständigkeit vermengt sind; der Abstract nennt keine Abstinenzzeit und keine Konfidenzintervalle.
Einordnung. Selbst Männer mit SCI, die durch Masturbation ejakulieren können (überwiegend unvollständige Läsion), haben eine deutlich niedrigere Beweglichkeit (36,9 %) als gesunde Kontrollen (58,0 %), während die Konzentration vergleichbar ist. Die Beweglichkeit nimmt von Masturbation über PVS zu EEJ weiter ab; ob dies am Verfahren, an der Läsion oder an beidem liegt, lässt sich mit diesem Design nicht trennen.
Iremashvili et al. 2010: Männer mit normaler Samenqualität nach SCI [s144]
Originaltitel: A minority of men with spinal cord injury have normal semen quality--can we learn from them? A case-control study.
Design. Retrospektive Fall-Kontroll-Analyse aus derselben Miami-Datenbank (500 Männer, davon 400 mit antegradem Ejakulat; 400 wurden ausgewertet). Fälle: 30 Männer mit nach WHO-Kriterien normalem Volumen, normaler Konzentration und normaler Beweglichkeit. Kontrollen: 120 gematchte übrige Männer; konditionale logistische Regression.
Ergebnisse. Nur 30 von 400 hatten normale Parameter (7,5 %, eigene Berechnung aus den genannten Zahlen). Eine unvollständige Läsion (ASIA B bis D) war mit normalen Parametern assoziiert (Odds Ratio 2,6; 95 % CI 1,1 bis 6,1; p = 0,028); ebenso die Möglichkeit, per Masturbation zu ejakulieren (OR 2,7; 95 % CI 1,1 bis 7,1; p = 0,037). Weitere Faktoren waren nicht prädiktiv.
Stärken. Konditionale Regression, Konfidenzintervalle berichtet. Schwächen. Nur 30 Fälle; die Konfidenzintervalle sind breit (untere Grenzen bei 1,1); retrospektive Daten; dieselbe Datenbank wie [s137]. Einordnung. Die Ergebnisse passen zu [s137]: Unvollständige Läsion und Ejakulation durch Masturbation gehen mit besserer Samenqualität einher.
Momen et al. 2007: Samenparameter und Ursachen bei SCI (Kairo) [s159]
Originaltitel: Semen parameters in men with spinal cord injury: changes and aetiology
Design und Population. Querschnittsstudie der Andrologie-Abteilung der Universität Kairo mit 45 Männern mit Rückenmarksverletzung. Samengewinnung durch Masturbation (n = 2), kräftige Prostatamassage (n = 13), PVS (n = 13) oder Elektroejakulation (n = 17).
Ergebnisse. Mittleres Volumen 2,3 ± 1,9 ml; Spermienkonzentration 85,0 ± 83,8 Millionen/ml; Beweglichkeit 11,6 % (angegebene Streuung ± 0,1 %); Vitalität 18,5 ± 5,2 %; normale Formen 17,5 ± 3,4 %; Eiterzellen 6,0 ± 8,2 Millionen/ml (erhöht). Gesamtbeweglichkeit (13,4 ± 9,9 gegenüber 7,1 ± 6,8) und progressive Beweglichkeit (4,4 ± 3,9 gegenüber 2,2 ± 2,1) waren bei Männern mit niedrigerer Skrotaltemperatur signifikant höher. Zwischen Elektroejakulation und Vibrationsstimulation bestand für keinen Samenparameter ein signifikanter Unterschied. Alter, seltene Ejakulation, Verletzungsdauer und Hormonprofil hatten keinen signifikanten Einfluss auf die Samenparameter. Die Autoren sehen als typisches Spermiogramm bei SCI normales Volumen und normale Zahl bei verminderter Beweglichkeit und Vitalität, wenigen normalen Formen und vielen Eiterzellen; als wahrscheinlichste Ursache nennen sie die erhöhte Skrotaltemperatur.
Stärken. Eine der wenigen klinischen Samenstudien aus dem arabischen Raum; Hodentemperatur und Hormone einbezogen. Schwächen. Keine gesunde Kontrollgruppe in der abgerufenen Zusammenfassung; gemischte Gewinnungsmethoden (die Methode beeinflusst die Samenqualität selbst); kleine Untergruppen; keine Konfidenzintervalle; die Streuung "± 0,1 %" bei der Beweglichkeit ist offensichtlich ein Schreib- oder Berechnungsfehler. Der Zusammenhang mit der Skrotaltemperatur ist korrelativ, nicht kausal belegt. Einordnung. Das Muster entspricht [s137] und [s169]; der Befund "kein Einfluss der Verletzungsdauer" deckt sich mit den Verlaufsstudien (siehe unten).
Naderi und Safarinejad 2003: Hormonprofile und Samenqualität (Teheran) [s169]
Originaltitel: Endocrine profiles and semen quality in spinal cord injured men
Design. Querschnittliche Fall-Kontroll-Studie mit 55 Männern mit SCI, 36 gesunden altersgleichen Freiwilligen und 34 nicht verletzten infertilen Männern. Gemessen wurden FSH, LH, Testosteron, Östradiol, Prolaktin, der LHRH-Stimulationstest, die Samenanalyse und das Hodenvolumen.
Ergebnisse. Acht SCI-Männer hatten niedriges basales LH, vier niedriges FSH, 16 erniedrigte Basalwerte beider Gonadotropine. Von den Männern mit niedrigen Gonadotropinen hatten neun niedriges Testosteron und sieben eine Hyperprolaktinämie. Östradiol war in allen Gruppen ähnlich. LH und FSH reagierten auf LHRH stärker als bei gesunden Kontrollen, signifikant aber nur bei SCI-Männern mit erniedrigten Basalwerten. Das Hodenvolumen unterschied sich nicht von den Kontrollen; das mittlere Ejakulatvolumen war niedriger (nicht signifikant). Spermienbeweglichkeit und Anteil normaler Formen waren gegenüber gesunden Kontrollen vermindert, nicht aber gegenüber infertilen Kontrollen. Nach dem Abstract hatten "51 % und 86 %" der SCI-Männer mindestens eine hormonelle Auffälligkeit beziehungsweise eine Störung der Achse (die Zuordnung der beiden Prozentwerte ist im Abstract nicht erklärt). Die Autoren schließen auf einen Hypogonadotropismus, wahrscheinlich durch gestörte neurale oder hormonelle Bahnen zwischen Hypothalamus und Hypophyse, der zur Beeinträchtigung der Samenqualität beitragen könne.
Stärken. Zwei Kontrollgruppen, dynamischer Hormontest. Schwächen. Querschnitt; Einschluss und Gewinnungsmethode im Abstract nicht beschrieben; keine Zahlenwerte der Spermienparameter. Einordnung. Die Beweglichkeitsminderung gegenüber Gesunden, aber nicht gegenüber infertilen Männern ohne SCI, zeigt, dass der Befund nicht SCI-spezifisch sein muss; er kann auch für andere Formen der Infertilität gelten.
Mikuriya et al. 1990: Fortpflanzungsfunktion bei SCI (Japan) [s190]
Originaltitel: [The male reproductive function in patients with spinal cord injury]. (deutsch: Die männliche Fortpflanzungsfunktion bei Patienten mit Rückenmarksverletzung)
Japanischsprachige Untersuchung aus dem Rehabilitationszentrum Kanagawa. Samenbefunde wurden bei 18 Patienten mit kompletter Verletzung, 5 mit inkompletter Verletzung und 3 mit "Dyspermatismus" erhoben (Gewinnung durch erzwungene Ejakulation). Die Spermienzahl blieb in allen drei Gruppen relativ hoch, die Beweglichkeit war in allen drei Gruppen vermindert; der Anteil missgebildeter Spermien war bei kompletter Verletzung am höchsten. Hormonuntersuchung (Radioimmunoassay) bei 27 Patienten im akuten und 47 im chronischen Stadium (ab drei Monaten nach Verletzung); bei 8 Patienten wurde im Verlauf nachuntersucht. FSH war in beiden Stadien niedrig, LH und Testosteron neigten im chronischen Stadium zu höheren Werten; Testosteron war bei allen acht Verlaufsfällen erhöht. Die Autoren schließen auf eine vorübergehende Störung der Leydig-Zellfunktion. Schwächen: keine Kontrollgruppe im Abstract, sehr kleine Gruppen, keine Zahlenwerte im Abstract. Einordnung: Als frühe japanische Beschreibung historisch wichtig; sie zeigt dasselbe Grundmuster (Zahl relativ hoch, Beweglichkeit vermindert) 1990 wie die späteren Studien. Der Befund erhöhter Testosteronwerte im chronischen Stadium widerspricht der später häufig berichteten Hypogonadotropie nicht zwingend, weil die Studien unterschiedliche Stadien und Kollektive betrachten.
Kaneko und Miyazaki 1993: Samengewinnung durch Elektrostimulation (Japan) [s188]
Originaltitel: [Study on semen collection from patients with anejaculation by electrostimulation]. (deutsch: Untersuchung zur Samengewinnung durch Elektrostimulation bei Patienten mit Anejakulation)
41 Patienten (40 mit SCI, einer mit Anejakulation nach radikaler Rektumoperation) erhielten Elektroejakulation nach Brindley und oder modifiziert nach Seager (bipolare Impulse statt Sinusstrom). Samenabgabe gelang bei 11 von 18 Patienten mit der Brindley-Technik und bei 24 von 29 mit der Seager-Technik; auch beim Patienten nach Rektumoperation wurde Samen gewonnen. Häufigste Komplikationen waren autonome Dysreflexie und Schmerz, nach Ende der Stimulation rasch abklingend; die Autoren halten das Verfahren daher für sicherer als die intrathekale Neostigmin-Injektion. Zur Samenqualität: Die Gesamtspermienzahl nahm mit zunehmendem Abstand von der Verletzung ab; auch im ersten Monat nach der Verletzung war die Beweglichkeit niedrig, was die Autoren als Hinweis auf eine frühe Funktionsstörung von Hoden und Nebenhoden deuten. Schwächen: keine Kontrollgruppe, Subgruppen überlappen (manche Patienten mit beiden Techniken), Zahlenwerte zur Spermienzahl nicht im Abstract. Einordnung: Die Aussage einer mit der Zeit abnehmenden Gesamtspermienzahl steht im Gegensatz zu den späteren Verlaufsstudien [s145, s175, s57]; mögliche Gründe (Querschnittsvergleich, Selektion, Technik) lassen sich anhand der Abstracts nicht klären.
Salsabili et al. 2006 und 2009: Chromatinreife, Zink und Kupfer (Teheran) [s163, s150]
Originaltitel: Correlation of sperm nuclear chromatin condensation staining method with semen parameters and sperm functional tests in patients with spinal cord injury, varicocele, and idiopathic infertility; Concentration of blood and seminal plasma elements and their relationships with semen parameters in men with spinal cord injury
Die vergleichende Querschnittsstudie von 2006 untersuchte 22 infertile Männer mit SCI, 20 mit Varikozele und 28 mit idiopathischer Infertilität mit Anilinblau-Färbung zur Chromatinreife. Der Gesamtscore war in allen Gruppen hoch (über 75 %, entsprechend Unreife), bei SCI aber höher (98 % gegenüber 89 % und 88 %; p < 0,01). Mittlere Beweglichkeit und Morphologie: SCI 15,5 % und 15 %, Varikozele 43 % und 15 %, idiopathisch 62,5 % und 54 %. Die Spermienzahlen lagen in allen Gruppen im Referenzbereich; die Chromatinreife korrelierte nicht mit dem Spermiogramm. Die Fall-Kontroll-Studie von 2009 (93 Männer mit SCI, 145 neurologisch Gesunde) fand, dass Zink und Kupfer im Samenplasma bei SCI mit der Spermienbeweglichkeit zusammenhingen (korrelativ, keine weiteren Zahlen im Abstract). Schwächen: kleine Gruppen, keine gesunde Kontrolle (2006), Selektion infertiler Männer; die Chromatinfärbung ist ein nicht klinisch validierter Zusatzmarker. Einordnung: Hinweise auf eine gestörte Kernreife bei SCI, die in anderen Gruppen unabhängig gefunden wurde (siehe DNA-Studien unten).
Rückenmarksverletzung: Verlauf nach der Verletzung
Die Frage, ob sich die Samenqualität mit der Zeit nach der Verletzung verschlechtert, ist praktisch bedeutsam, weil sie den Zeitpunkt einer Fertilitätsprotektion berührt. Die verfügbaren Studien sind überwiegend querschnittlich oder auf Männer mit mehrfacher Teilnahme beschränkt.
Iremashvili et al. 2010: Längsschnittstudie [s145]
Originaltitel: Semen quality remains stable during the chronic phase of spinal cord injury: a longitudinal study.
Design. Longitudinale Auswertung von 87 Männern mit mindestens zwei Samengewinnungen im Abstand von mindestens 3 Jahren; verallgemeinertes gemischtes lineares Modell. Mittleres Alter 30,1 Jahre (Spanne 16 bis 48), mittlere Zeit seit Verletzung zum ersten Eingriff 7,1 Jahre (Spanne 1 bis 26). Ergebnis. Die Spermienkonzentration nahm leicht ab; alle anderen Parameter einschließlich der Gesamtspermienzahl blieben unverändert. Die Autoren schließen auf kein klinisch relevantes Fortschreiten in den Jahren nach der Verletzung. Stärken. Wiederholte Messungen derselben Männer. Schwächen. Selektion auf Männer mit mehrfacher Teilnahme; die frühe Phase nach der Verletzung ist nicht abgedeckt (im Mittel 7,1 Jahre nach der Verletzung beginnend); Miami-Datenbank, nicht unabhängig von [s137] und [s144].
Brackett et al. 1998: Nimmt die Samenqualität nach der Verletzung ab? [s175]
Originaltitel: Semen quality in spinal cord injured men: does it progressively decline postinjury?
Retrospektive Analyse querschnittlicher Daten; 638 Proben von 125 Männern mit Verletzungen zwischen 6 Wochen und 26 Jahren zurück; Gewinnung durch PVS, EEJ und Masturbation. Ergebnis. Kein Unterschied in Konzentration, Gesamtspermienzahl oder Beweglichkeit in Abhängigkeit von der Zeit seit der Verletzung (Intervalle von 2 Jahren). Stärken. Viele Proben. Schwächen. Querschnittsvergleich und keine echte Verlaufsbeobachtung; mehrere Proben desselben Mannes werden im Abstract nicht gesondert behandelt (Abhängigkeit der Messungen); Miami-Datenbank.
Chalas et al. 2022: Prospektive Pilotstudie über 18 Monate [s57]
Originaltitel: Prospective analysis over time of semen parameters in spinal cord-injured patients: Results of a pilot study.
Design. Prospektive longitudinale Pilotstudie über 18 Monate; 35 Männer mit SCI (Alter 18 bis 60 Jahre, mittleres Alter 29,4 ± 6,4); Samengewinnung alle 6 Monate (bis zu vier Ejakulate); Granulozyten und Elastase als Entzündungsmarker, Spermien-DNA-Fragmentation als Oxidationsstressmarker. Ergebnisse. Normale Gesamtspermienzahl, verminderte Beweglichkeit und Vitalität, vermehrte Formabweichungen; Rundzellen und Granulozyten im Mittel erhöht. Weder Entzündungs- noch Oxidationsstressmarker, Läsionshöhe oder -vollständigkeit, Alter oder Zeit seit der Verletzung hatten im Verlauf einen negativen Einfluss auf die Samenqualität; ein signifikanter Rückgang wurde nicht gesehen. Die Autoren sprechen von Pilotdaten. Stärken. Prospektiv, mehrere Messungen pro Person, Entzündungs- und Oxidationsmarker. Schwächen. Kleine Stichprobe, kurze Beobachtung; die Studie wurde zusätzlich über das französische Archiv HAL gefunden (kein eigenes Kollektiv). Einordnung. Unabhängig von der Miami-Datenbank, mit gleichem Ergebnis wie [s145] und [s175]: kein messbares Fortschreiten.
Celigoj et al. 2012: Verletzung vor der Pubertät [s136]
Originaltitel: Semen quality in men who sustained a spinal cord injury during the prepubertal period.
Retrospektive Chartanalyse von 533 Männern; 7 erfüllten das Kriterium einer traumatischen SCI mit höchstens 11,9 Jahren zum Zeitpunkt der Verletzung. Das Alter bei Verletzung lag zwischen 4,4 und 11,9 Jahren. Drei Männer mit Verletzung vor dem 9. Lebensjahr waren azoosperm; einer mit Verletzung im Alter von 10 Jahren hatte eine subnormale Gesamtspermienzahl; die mit 11,9 Jahren Verletzten hatten normale Gesamtspermienzahlen, vergleichbar mit im Erwachsenenalter Verletzten. In den meisten Ejakulaten mit Spermien war die Beweglichkeit subnormal und vergleichbar mit der Erwachsener. Stärken. Erste formale Auswertung dieser seltenen Untergruppe. Schwächen. Nur 7 Männer; keine Kontrollgruppe; Aussagen zum Alterseffekt sind rein deskriptiv.
Sønksen et al. 1999: Wiederholte Ejakulation über 12 Monate [s174]
Originaltitel: Effect of repeated ejaculation on semen quality in spinal cord injured men.
Design. Prospektive Studie mit 19 anejakulatorischen Männern; PVS mindestens einmal wöchentlich über 12 Monate (Amplitude 2,5 mm, 100 Hz), Samenanalyse zu Beginn und alle 3 Monate; bei 9 Männern einseitige Hodenbiopsie vor und nach 12 Monaten. Ergebnis. Normale Spermienzahlen bei niedriger Beweglichkeit zu Beginn; kein Parameter änderte sich über 12 Monate signifikant; alle Hormonwerte blieben im Normbereich. Von 9 Biopsien zeigten 6 (67 %) zu Beginn eine normale Spermatogenese, ohne überzeugende Veränderung danach. Die Autoren schließen, dass Stauung in den Samenwegen durch seltene Ejakulation nicht die Ursache der schlechten Samenqualität sei. Stärken. Biopsiedaten; regelmäßige Intervention. Schwächen. 19 Männer, keine Kontrollgruppe, Biopsien nur bei 9. Einordnung. Der Befund steht im Gegensatz zur Hypothese "alter" Spermien aus dem russischen Expertenprotokoll [s118] und zur Vermutung einer Ansammlung und eines Zerfalls von Spermien im unteren Nebenhodenende (Cauda epididymidis) bei [s84]; die Hypothesen sind mit den vorhandenen Daten nicht entschieden.
Rückenmarksverletzung: Hormone
Bauman et al. 2016: Provokationstests der Hypothalamus-Hypophysen-Hoden-Achse [s105]
Originaltitel: Provocative stimulation of the hypothalamic-pituitary-testicular axis in men with spinal cord injury.
Design. Prospektive Stimulationsstudie mit 30 gesunden Männern mit chronischer SCI (37 ± 10 Jahre) und 38 Kontrollen ohne Verletzung. 100 µg GnRH intravenös zur Prüfung der Gonadotropin-Freisetzung, 4000 IE hCG intramuskulär zur Prüfung der Testosteron-Sekretion. Ergebnisse. Der Anteil der Responder auf die GnRH-Stimulation war bei SCI ähnlich wie bei Kontrollen (FSH 22 Männer [73 %], LH 23 Männer [76 %]); die SCI-Responder hatten eine stärkere FSH-Antwort (p < 0,05), die LH-Fläche unter der Kurve war tendenziell größer (p = 0,06). Die Testosteronantwort auf hCG war in allen Gruppen ähnlich. Die Autoren sehen einen fehlenden hypothalamischen Antrieb der Gonadotropin-Freisetzung bei chronischer SCI. Stärke. Standardisierte Provokationstests. Schwäche. Samenparameter wurden nicht untersucht.
Bauman et al. 2017: hCG-Dosisabhängigkeit [s98]
Originaltitel: Testicular responses to hCG stimulation at varying doses in men with spinal cord injury.
Prospektive Studie mit 30 Männern mit chronischer SCI (Dauer über 1 Jahr; 16 eugonadal mit Testosteron über 12,1 nmol/l, 14 hypogonadal bis 12,1 nmol/l) und Männern ohne Verletzung (11 eugonadal, 27 hypogonadal); hCG in drei Dosen (400, 2000 und 4000 IE) an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Die mittlere Testosteronantwort unterschied sich zwischen SCI und Kontrollen nicht und war in allen Gruppen ausreichend. Die Autoren schließen, dass keine primäre testikuläre Störung vorliege, und stützen frühere Befunde einer sekundären testikulären Funktionsstörung bei der Mehrzahl der Männer mit SCI und niedrigem Testosteron. Schwäche: Fokus auf Testosteron, nicht auf Spermatogenese. Einordnung beider Studien zusammen mit [s169]: Sie sprechen für eine zentral (hypothalamisch-hypophysär) bedingte Komponente der gonadalen Störung bei SCI, belegen aber keine Beziehung zur Samenqualität. Der Befund fehlender primärer Hodenschädigung steht im Kontrast zu den histologischen und DNA-Befunden anderer Studien; der Widerspruch ist nicht aufgelöst.
Rückenmarksverletzung: Entzündung, Oxidationsstress, DNA und Chromatin beim Menschen
Mehrere kleine Fall-Kontroll-Studien suchen nach den Gründen der verminderten Beweglichkeit. Sie sind Laborstudien an Samenproben, die Korrelationen und keine Ursachen belegen, und sie stammen zum Teil aus denselben Arbeitsgruppen.
Zhang et al. 2013: Inflammasom im Samen von Männern mit SCI [s131]
Originaltitel: Involvement of the inflammasome in abnormal semen quality of men with spinal cord injury.
Design und Methodik. Prospektive Fall-Kontroll-Laborstudie, je 28 Männer mit und ohne SCI. ELISA für Caspase-1, Interleukin (IL) 1β und IL-18 im Samenplasma, Western Blot für ASC (apoptosis-associated speck-like protein containing a caspase activation and recruitment domain) und Caspase-1 in Spermienfraktionen, Immunzytochemie. Ergebnisse. ASC, Caspase-1, IL-1β und IL-18 waren im Samenplasma der SCI-Gruppe gegenüber den Kontrollen erhöht; ASC und Caspase-1 auch in den Spermien. ASC lag im Akrosom, im Äquatorialsegment und im Mittelstück, Caspase-1 im Mittelstück. Nach Angabe der Autoren ist es der erste Nachweis von ASC im menschlichen Samen. Stärken. Gleich große Gruppen, mehrere Nachweisverfahren. Schwächen. Korrelation, kein Nachweis von Kausalität am Menschen; p-Werte stehen im Abstract nicht. Einordnung. Diese Befunde bilden die Grundlage der später am Menschen geprüften Hypothese, dass Entzündungsproteine die Beweglichkeit mindern [s119, s93]; nach den gemeinsamen Autoren gehört die Arbeit vermutlich zur Miami-Arbeitsgruppe.
Pacheco de Melo et al. 2025: Inflammasom-Proteine und Samenqualität [s33]
Originaltitel: Spinal cord injury and male infertility: Effect of the inflammasome proteins on semen quality.
Querschnittsstudie mit 8 Männern mit SCI und 8 Kontrollen: Inflammasom-Proteine waren erhöht; zusätzlich waren β-2-Mikroglobulin, Cystatin-S und zwei Biglycan-Isoformen erhöht. Schwächen: sehr kleine Gruppe, keine Zahlenwerte im Abstract. Einordnung: Bestätigt qualitativ [s131] in einer unabhängigen, aber sehr kleinen Stichprobe.
Da Silva et al. 2013: Proteom des Samenplasmas nach Gewinnungsverfahren [s127]
Originaltitel: Differential seminal plasma proteome according to semen retrieval in men with spinal cord injury.
Experimentelle Proteomstudie mit 12 SCI-Patienten (6 EEJ, 6 PVS) und 10 Kontrollen; 638 Proteine (MS^E) und 18 (2D-SDS-PAGE) wurden identifiziert. Prozesse zu Aktin, Muskelfunktion und Eisenhomöostase fanden sich nur in den EEJ- und PVS-Gruppen, die Antwort auf Wasserstoffperoxid und eine erhöhte Immunantwort nur in der PVS-Gruppe. Schwächen: sehr kleine Gruppen; Gewinnungsmethode mit Läsionsmerkmalen vermengt. Einordnung: Hypothesengenerierend.
Vargas-Baquero et al. 2020: Häufigkeit und Ursachen der Spermien-DNA-Fragmentation [s84]
Originaltitel: The incidence and etiology of sperm DNA fragmentation in the ejaculates of males with spinal cord injuries.
Design. Retrospektive deskriptive Studie (Toledo und Madrid) mit 27 Männern mit SCI (PVS), verglichen mit 10 normozoospermen fertilen Spendern. Ergebnisse. Männer mit SCI hatten schlechtere progressive Beweglichkeit (p = 0,0002), höhere Spermien-DNA-Fragmentation (p < 0,00005), höhere pro-oxidative Kapazität (p = 0,0191) und mehr Leukozytospermie (p < 0,00005). Keine signifikante Korrelation der Samenqualität mit der Zeit seit der Läsion; die Abstinenzzeit korrelierte positiv mit der DNA-Fragmentation (r = 0,486; p = 0,041). Bei zervikaler Läsion war die Spermienkonzentration höher als bei thorakaler (p = 0,0257); komplette Läsionen (AIS A) hatten geringere progressive Beweglichkeit als inkomplette (AIS B bis D; p = 0,0040). Die Autoren vermuten eine Ansammlung und einen Zerfall von Spermien im unteren Nebenhodenende (Cauda epididymidis). Stärken. Mehrere Parameter gleichzeitig. Schwächen. Nur 10 Kontrollen; retrospektiv; die Hypothese zur Ursache wurde nicht direkt geprüft. Einordnung. Der Befund einer positiven Korrelation der Abstinenzzeit mit der DNA-Fragmentation passt zur Hypothese der Alterung gespeicherter Spermien, ist aber mit r = 0,486 in einer kleinen Untergruppe nur ein Hinweis.
Gosálvez et al. 2022: Einzel- und Doppelstrangbrüche der Spermien-DNA [s59]
Originaltitel: Sperm DNA damage in men with spinal cord injury: the relative incidence of single- and double-strand DNA breaks.
Design. Fall-Kontroll-Laborstudie mit 20 Männern mit SCI und 27 normozoospermen Spendern; TwoTails-Comet-Assay zur Unterscheidung von Einzelstrang- (SSB) und Doppelstrangbrüchen (DSB); DNase-Aktivität im Samenplasma bei 15 Personen. Ergebnisse. Der Anteil DSB betrug bei SCI median 57,5 % gegenüber 4,6 % bei Normozoospermen (p = 0,000); der Anteil SSB war bei Normozoospermen höher (6,0 % gegenüber 2,5 %; p = 0,022). Das Verhältnis DSB zu SSB betrug bei SCI 3,3, bei Normozoospermen 0,9. Eine hohe DNase-Aktivität im Samenplasma der SCI-Gruppe wurde bestätigt. Stärken. Differenzierter DNA-Schadenstest. Schwächen. Kleine Gruppen; die Spender sind keine altersgleichen Männer ohne SCI mit gleichem Gewinnungsweg. Einordnung. Der Anteil von 57,5 % Doppelstrangbrüchen ist deutlich; die Vergleichsgruppe erlaubt aber nicht, den Anteil der SCI selbst vom Anteil des Gewinnungsverfahrens zu trennen.
Bartolomé-Nebreda et al. 2021: Zellfreie DNA und DNase im Ejakulat [s66]
Originaltitel: Free circulating DNA and DNase activity in the ejaculates of men with spinal cord injury.
Retrospektive deskriptive Laborstudie mit 15 Männern mit SCI und erhöhter DNA-Fragmentation gegenüber 15 Spendern: In allen SCI-Proben fand sich eine zellfreie DNA-Bande bei etwa 150 Basenpaaren (gelegentlich 90), bei den Spendern nicht; DNase im Samenplasma war aktiv, verdaute die DNA aber nicht. Einordnung: Rein deskriptiv, kleine Gruppen; in derselben spanischen Arbeitsgruppe wie [s84, s59].
Talebi et al. 2013: Chromatinkondensation, DNA-Integrität und Apoptose (Yazd) [s130]
Originaltitel: Sperm chromatin condensation, DNA integrity, and apoptosis in men with spinal cord injury
Design. Fall-Kontroll-Studie; 30 infertile Männer mit SCI und 30 gesunde Spender mit nachgewiesener Fertilität. Methoden: Anilinblau, Chromomycin A3, Toluidinblau, Acridinorange, TUNEL. Ergebnisse. Konzentration, Beweglichkeit und Morphologie waren bei SCI signifikant vermindert (p < 0,05); die Anteile reaktiver Spermien in den Chromatin- und TUNEL-Tests waren signifikant erhöht (p < 0,05). Die meisten reaktiven Spermien lagen über dem Grenzwert. Schwächen. Nur infertile Männer mit SCI, daher keine Aussage zur Gesamtheit der Männer mit SCI; die Kontrollen sind selektierte Spender. Einordnung. Übereinstimmung mit [s84, s59] in der Richtung; aufgrund der Selektion überschätzt die Studie vermutlich den Anteil auffälliger Männer.
Qiu et al. 2012: Spermienqualität nach PVS und perkutaner Samenleiter-Aspiration; Aneuploidie [s139, s140]
Originaltitel: Quality of sperm obtained by penile vibratory stimulation and percutaneous vasal sperm aspiration in men with spinal cord injury.; Sperm chromosomal aneuploidy and DNA integrity of infertile men with anejaculation.
Design (Journal of Andrology). Vergleichende Laborstudie aus der Provinz Shandong: 12 infertile Männer mit SCI (perkutane Samenleiter-Aspiration, PVSA), 14 Männer mit SCI (PVS), 16 Spender. Hypoosmotischer Schwelltest (HOS), Chromatindispersionstest, TUNEL-Test und Mehrfarben-FISH für die Chromosomen 13, 18, 21, X und Y. Ergebnisse. Der Anteil beweglicher Spermien, normaler Morphologie, normaler HOS/Eosin-Färbung und die DNA-Fragmentierung unterschieden sich zwischen SCI und Kontrolle signifikant (p < 0,05 und p < 0,01). Die Vorwärtsbeweglichkeit war in der PVSA-Gruppe größer als in der PVS-Gruppe (p < 0,01), die DNA-Fragmentierung in der PVS-Gruppe höher als in der PVSA-Gruppe (p < 0,05). Rundzellen pro ml bei PVS: 1 bis 12 Millionen. Die Aneuploidieraten waren bei SCI für die Chromosomen 13, 18 und 21 um das 1,5- bis 1,6-Fache und für X und Y um das 2,3- bis 2,4-Fache erhöht (p < 0,001).
Zweite Arbeit derselben Gruppe (Journal of Assisted Reproduction and Genetics). 18 infertile Männer mit SCI (PVS) gegenüber 14 Männern mit psychogener Anejakulation (PVSA) bei denselben 16 Spendern. Beweglichkeit, normale Morphologie und DNA-Fragmentierung unterschieden sich zwischen SCI und Kontrolle signifikant (p < 0,05 und p < 0,01); die Beweglichkeit war in der psychogenen Gruppe höher als in der SCI-PVS-Gruppe (p < 0,01), die DNA-Fragmentierung der SCI-PVS-Gruppe höher (p < 0,05). Aneuploidie bei SCI: 2,4-fach erhöht für 13, 18 und 21, 2,2-fach erhöht für X und Y (p < 0,0001). Rundzellen: 1 bis 8 Millionen pro Milliliter. Die Autoren lassen offen, ob erhöhte Hodentemperatur, Harnwegsinfektion oder andere Faktoren ursächlich sind.
Stärken. Direkter Vergleich mit gesunden fertilen Spendern; mehrere unabhängige DNA-Tests; chromosomale Analyse mit FISH. Schwächen. Sehr kleine Gruppen; die beiden SCI-Gruppen unterscheiden sich im Gewinnungsverfahren, sodass Verfahren und Patientenmerkmale vermischt sind; in der zweiten Arbeit wurde die psychogene Vergleichsgruppe mit einem anderen Verfahren (PVSA) gewonnen als die SCI-Gruppe (PVS); Verletzungshöhe, -dauer und Alter sind im Abstract nicht angegeben. Die Kontrollen beider Arbeiten sind dieselben 16 Spender; die Ergebnisse sind keine voneinander unabhängigen Replikationen. Einordnung. Ob die höhere Aneuploidie nur der Selektion infertiler Männer zuzuschreiben ist, bleibt offen.
Rückenmarksverletzung: Antikörper gegen Spermien
Dahlberg und Hovatta 1989 [s191] und Beretta et al. 1993 [s187]
Originaltitel: Anejaculation following spinal cord injury does not induce sperm-agglutinating antibodies.; [Anti-sperm antibodies in dysspermia in spinal cord injury patients]. (Antispermien-Antikörper bei Dysspermie von Patienten mit Rückenmarksverletzung)
Dahlberg und Hovatta untersuchten in einer Querschnittsstudie 16 Männer mit SCI auf Antispermien-Antikörper (MAR-Test, Agglutinationstest). Alle hatten Anejakulation ohne Hilfsmittel; sieben ejakulierten extern durch Vibrator oder EEJ, sieben hatten retrograde Ejakulation, bei zweien wurde kein Samen gewonnen. Die Spermiendichte im externen Ejakulat betrug durchschnittlich 405 × 10^6/ml bei 10 bis 45 % Beweglichkeit. Kein Mann hatte Antispermien-Antikörper, auch nicht bei bis zu 30 Jahren Dauer; die Autoren schließen, dass Anejakulation und Spermienretention keine Antikörperbildung auslösen. Beretta und Mitarbeiter (italienisch, 1993) untersuchten zwei Gruppen anejakulatorischer Männer mit SCI, 16 ohne und 13 mit klinischer und laborchemischer Harnwegsinfektion. Spermienantikörper fanden sich bei 12 % der ersten und bei 38 % der zweiten Gruppe; die Autoren weisen auf widersprüchliche Berichte hin. Einordnung: Die Befunde stehen im Gegensatz zueinander; der Unterschied könnte mit Infektionsstatus, Testverfahren und Ejakulationsform zusammenhängen, was die Abstracts nicht klären. Prozentwerte bei 16 und 13 Männern entsprechen etwa 2 und 5 Personen; Konfidenzintervalle sind nicht berichtet und wären sehr breit.
Rückenmarksverletzung: Kryokonservierung
Krebs et al. 2015: Spermienqualität nach langer Kryolagerung [s113]
Originaltitel: Cross-sectional study of the sperm quality in semen samples from spinal cord injured men after long-term cryopreservation.
Design. Querschnittsstudie an der Samenbank einer Rehabilitationsklinik; 28 Proben von 16 Männern mit SCI, vor und median 11 Jahre nach der Kryokonservierung (95 % CI 7 bis 13 Jahre). Ergebnisse. Vor dem Einfrieren: Ejakulatvolumen Median 1,7 ml (95 % CI 1 bis 3), Spermienkonzentration Median 106 × 10^6/ml (95 % CI 82 bis 132 × 10^6), Gesamtbeweglichkeit 19 % (95 % CI 13 bis 22), Vitalität 27 % (95 % CI 19 bis 45). Nach dem Auftauen sank die Gesamtbeweglichkeit auf 2,5 % (95 % CI 0 bis 4; p < 0,0001) und die Vitalität auf 7 % (95 % CI 6 bis 13; p < 0,0001). Kein Unterschied zwischen früh (bis 3 Wochen) und später gewonnenen Proben (p = 0,75); komplette SCI verminderte die Vitalität frischer Proben (p < 0,0001), Tetraplegie die Vitalität vor und die Beweglichkeit nach dem Einfrieren (p < 0,035). Stärken. Lange Lagerzeit, Konfidenzintervalle. Schwächen. Kleine Zahl; Vorher-Nachher-Vergleich ohne Kontrollgruppe ohne SCI; mehrere Proben pro Mann (28 Proben von 16 Männern). Einordnung. Der Befund, dass früh nach der Verletzung (bis 3 Wochen) gewonnene Proben nicht besser waren als spätere, stützt die Verlaufsstudien ohne Verschlechterung [s145, s175, s57].
Da Silva et al. 2010: Ist Kryokonservierung bei SCI-bedingter Anejakulation eine Option? [s142]
Originaltitel: Is sperm cryopreservation an option for fertility preservation in patients with spinal cord injury-induced anejaculation?
Prospektive kontrollierte Studie mit Männern mit und ohne SCI-bedingte Anejakulation (Fallzahlen im Abstract nicht genannt); Kryokonservierung im Test-Eigelb-Puffer; Comet-Assay (DNA-Fragmentation) und Mitochondrienaktivität. Vor dem Einfrieren gab es keine Unterschiede bei Konzentration und Gesamtzahl; bei SCI waren Ejakulatvolumen und Morphologie geringer, Rundzellen und Neutrophile häufiger. In beiden Gruppen führte das Einfrieren zu mehr DNA-Fragmentation, geringerer Mitochondrienaktivität und geringerer Beweglichkeit, wobei der Beweglichkeitsrückgang in der Kontrollgruppe größer war. Die Schäden seien bei SCI nicht größer gewesen als bei Kontrollen. Einordnung: Im Gegensatz zur Vermutung, Spermien von Männern mit SCI vertrügen das Einfrieren schlechter [s147], zeigt diese Studie keinen größeren Kryoschaden; die Fallzahlen sind im Abstract nicht genannt, eine Gewichtung ist daher nicht möglich.
Reignier et al. 2018 und Bechoua et al. 2013: Kryokonservierte Spermien und ART-Ergebnis [s94, s125]
Originaltitel: Sperm cryopreservation and assisted reproductive technology outcome in patients with spinal cord injury.; Outcomes with intracytoplasmic sperm injection of cryopreserved sperm from men with spinal cord injury.
Reignier und Mitarbeiter: retrospektive Kohorte; 78 Männer mit SCI, überwiesen zur Spermakryokonservierung 1998 bis 2013; Vergleichsgruppe alle ICSI-Zyklen der IVF-Einheit 2009 bis 2014. Gewinnung: 37 EEJ, 37 PVS, 4 chirurgisch. Niedriges Ejakulatvolumen bei 33 %, Oligozoospermie bei 37 %; bei 77 Männern bewegliche Spermien, die eingefroren wurden. Kein Unterschied der frischen Parameter zwischen den Gewinnungsgruppen. 20 Männer erhielten ICSI mit fünf Lebendgeburten, 4 eine intrauterine Insemination. Fazit der Autoren: Ergebnisse mit aufgetauten Spermien vergleichbar mit der infertilen Vergleichspopulation. Stärken: Vergleich mit Referenzgruppe. Schwächen: kleine Zahl behandelter Paare, retrospektiv; die Arbeit wurde auch als HAL-Eintrag gefunden. Bechoua und Mitarbeiter (Dijon): retrospektive Kohorte über 17 Jahre (1995 bis 2011), 19 Männer (6 Tetraplegiker, 13 Paraplegiker, mittleres Alter 25,2 ± 5,6 Jahre); zehn mit antegradem Ejakulat (PVS bei 9, Geschlechtsverkehr bei 1), neun mit chirurgischer Gewinnung. Befruchtungsraten 57 % und 55 %, Teilungsraten 90 % und 93 %. Von 8 Paaren mit ICSI wurden 5 schwanger; Schwangerschaftsrate pro Paar 50 % (antegrad) und 75 % (chirurgisch). Die Autoren halten die Verwendung eingefrorener Spermien in sehr speziellen Situationen für gerechtfertigt. Schwäche: sehr kleine Zahlen, Literaturvergleich nur narrativ. Einordnung: Beide Studien zeigen, dass aufgetaute Spermien in Einzelfällen zu Lebendgeburten führten; sie liefern wegen der kleinen Zahlen keine belastbaren Raten.
Rückenmarksverletzung: Sexual- und Ejakulationsfunktion ohne Samenanalyse
Diese Studien betreffen die Voraussetzung der Samengewinnung, nicht die Samenqualität.
López García-Moreno 2013: Rückenmarksverletzung als Risikofaktor für sexuelle Dysfunktion (Salamanca) [s129]
Originaltitel: La lesión medular como factor de riesgo de disfunción sexual en el varón (Die Rückenmarksverletzung als Risikofaktor für sexuelle Funktionsstörung beim Mann)
Design. Doktorarbeit, Fall-Kontroll-Studie mit 187 Männern, die wegen sexueller Dysfunktion urologisch beurteilt wurden. Fälle: Erwachsene mit traumatischer Rückenmarksverletzung seit mehr als einem Jahr; Kontrollen: Erwachsene mit sexueller Dysfunktion seit mehr als einem Jahr ohne Auffälligkeit der sakralen Metamere. Anamnese, Fragebögen zu Sexualfunktion, Angst, Depression, Selbstwert, Penis-Doppler und neurophysiologische Untersuchungen. Ergebnisse laut Abstract. Das Alter war in der Kontrollgruppe signifikant höher; Männer mit SCI hatten signifikant häufiger Ejakulationsstörungen, die Kontrollen häufiger verminderte Lust, erektile Dysfunktion und vorzeitige Ejakulation; die Kontrollen hatten höhere Angst- und Depressionswerte; die systolische Spitzengeschwindigkeit in beiden Penisarterien war bei SCI signifikant höher. Fazit: Außer Ejakulations- und Orgasmusstörungen war sexuelle Dysfunktion in der Kontrollgruppe häufiger. Schwächen. Doktorarbeit; die Kontrollgruppe hat anderes Alter und eine eigene Dysfunktion. Einordnung. Belegt die Häufigkeit von Ejakulationsstörungen bei SCI, nicht Spermienparameter.
Hadiji et al. 2013: Läsion des Conus medullaris, 90 Patienten (französischsprachig) [s128]
Originaltitel: [Evaluation of the management of erectile and ejaculatory dysfunction in a series of 90 patients with spinal cord injuries]. (Bewertung der Behandlung von Erektions- und Ejakulationsstörungen in einer Serie von 90 Patienten mit Rückenmarksverletzung)
Retrospektive monozentrische Studie mit 90 Patienten mit Läsion des Conus medullaris (komplette Läsion der sakralen Segmente S2 bis S4). IIEF-15, Erektionsbewertung, Behandlungsversuche mit Prostaglandin E1, PDE5-Hemmern und Papaverin bei 77 von 90 (85,55 %); PVS (teils mit Midodrin) bei 74 von 90 (82,22 %) mit systematischer Spermiensuche im Urin. Das Ansprechen auf PGE1 und PDE5-Hemmer betrug 81,63 % beziehungsweise 30,76 %; die Kombination aus Vibrationsmassage und Midodrin verbesserte die Ejakulation in 52,63 % der Fälle; ein Orgasmus fehlte bei allen. Schwächen. Ejakulationsergebnis nicht nach Samenqualität aufgeschlüsselt; deskriptive Auswertung. Einordnung. Zeigt, dass bei Läsion der sakralen Segmente die Ejakulation nur in etwa der Hälfte der behandelten Fälle verbessert wurde, entsprechend dem Befund der Metaanalyse, dass eine komplette S2-S4-Läsion die rhythmisch-kräftige Ejakulation ausschließt [s126].
Morrison et al. 2017: Sexual- und Fertilitätsstörungen bei Männern mit SCI in Jamaika [s101]
Originaltitel: Evaluation of sexual and fertility dysfunction in spinal cord-injured men in Jamaica.
Querschnittsstudie mit 45 Männern mit traumatischer SCI. Erektile Dysfunktion 90,7 %; 73,3 % ohne Ejakulationsmöglichkeit; 71,1 % mit Kinderwunsch; niemand wurde an assistierte Reproduktion überwiesen. Einordnung: Die Studie betrifft die Versorgungslage, nicht die Samenqualität; sie zeigt eine Versorgungslücke im Zugang zur assistierten Reproduktion.
Li et al. 2026 [s11] und Gao et al. 2025 [s28]: Erholung der Sexualfunktion nach Wirbelsäulenverletzung (Peking)
Originaltitel: Multidimensional predictive factor analysis of sexual function prognosis in male patients following cord injury without fracture or dislocation.; Effect and prognosis of thoracolumbar fracture combined with incomplete spinal cord injury on male sexual function.
Li und Mitarbeiter: retrospektive Kohortenstudie, 187 Männer mit zervikaler Rückenmarksverletzung ohne Fraktur oder Luxation, operiert mit posteriorer Laminoplastik; Nachbeobachtung nach 3 Monaten, 2 Jahren und zum Schluss (Median 57 Monate). Erhoben wurden ASIA-Skala, IIEF-5, PEDT und das ISCI-MSF Basic Data Set; radiologisch das minimale und mediane Torg-Pavlov-Verhältnis (TPRmin, TPRmedian), die Rückenmarkskompressionsrate und hohe Rückenmarkssignale (HCS) im MRT. Ausgangsbefund: 97,3 % Erektionsstörung, 86,6 % Ejakulationsstörung. Nach 2 Jahren verbesserte sich der mittlere IIEF-5 von 10,24 auf 16,20 (p < 0,05); 72,7 % hatten normale oder leicht eingeschränkte Erektionsfunktion (p < 0,05). Die Ejakulationskontrolle normalisierte sich bei 87,7 % (mittlerer PEDT von 10,73 auf 4,54; p < 0,05). Korrelationen der Erholung (Spearman): ASIA-Grad vor der Operation ρ = -0,700 bis -0,754, Zeit bis zur Operation ρ = -0,402 bis -0,372, HCS ρ = -0,325 bis -0,341, TPRmin ρ = 0,716 bis 0,772, TPRmedian ρ = 0,690 bis 0,746, Kompressionsrate ρ = -0,707 bis -0,752 (alle p < 0,001). Gao und Mitarbeiter (dieselbe Klinik): 117 Männer mit Brust- oder Lendenwirbelfraktur und inkompletter SCI; IIEF-5 vor der Verletzung 19,5 ± 6,4, nach der Verletzung 8,7 ± 8,0; PEDT vor der Verletzung 5,3 ± 3,1, danach 6,9 ± 5,2; nach zwei Jahren IIEF-5 17,5 ± 7,1 und PEDT 6,4 ± 5,1; etwa 70 % erreichten nach zwei Jahren wieder das Vorverletzungsniveau der Sexualfunktion. Stärken. Große Kohorte (Li), lange Nachbeobachtung, validierte Instrumente, bildgebende Prädiktoren. Schwächen. Retrospektiv, ein Zentrum, nur operierte Patienten, keine Samenanalyse; der Abstract unterscheidet nicht, ob "Ejakulationsstörung" vorzeitige Ejakulation (PEDT misst diese) oder Anejakulation meint, sodass die Aussage zur "Normalisierung der Ejakulationskontrolle" nicht auf die Fähigkeit zur Samengewinnung übertragbar ist; der "Wert vor der Verletzung" in Gao et al. ist eine rückblickende Angabe. Beide Studien stammen aus derselben Abteilung und sind komplementär, nicht unabhängig. Einordnung. Zeigt, dass bei inkompletten Läsionen und früher Operation die Sexualfunktion häufig zurückkehrt; für die Samenqualität folgt daraus nichts.