Rückenmarksverletzung, Multiple Sklerose und Neurologie · Kapitel 4 von 23

Studienlage: Metaanalysen und Übersichten

Vorbemerkung zu Umfang und Methode dieses Kapitels

Dieses Kapitel gibt die Studienlage zu Rückenmarksverletzung (SCI), Multipler Sklerose (MS), Parkinson-Krankheit, Neuropathie und weiteren neurologischen Erkrankungen (ohne Epilepsie) in Bezug auf die Samenqualität wieder. Es gliedert sich in zwei Teile: zuerst die zusammenfassenden Arbeiten (Metaanalysen, systematische und narrative Übersichten, Leitlinien), dann die Beobachtungsstudien am Menschen. Tierversuche, Einzelfallberichte und randomisierte Interventionsstudien sind nicht Gegenstand der beiden Hauptabschnitte; sie werden an anderer Stelle der Gesamtstudie behandelt und hier nur dort erwähnt, wo sie zum Verständnis oder zur Abgrenzung nötig sind.

Drei Hinweise zur Belastbarkeit gelten durchgehend. Erstens beruhen alle Angaben auf den in der Recherche abgerufenen Zusammenfassungen (Abstracts) beziehungsweise bei Leitlinien auf dem abgerufenen Seitentext, nicht auf Volltexten. Wo ein Abstract eine Angabe nicht enthält, steht das ausdrücklich da. Die Einschätzungen zu Stärken und Schwächen sind methodische Einordnungen des jeweiligen Studiendesigns und keine Aussagen der Originalautoren. Zweitens stammt ein großer Teil der Primärliteratur zur Rückenmarksverletzung aus einem einzigen Zentrum (Male Fertility Research Program der Universität Miami, Patientenkollektive aus den Jahren 1991 bis 2011); Studien aus derselben Datenbank sind nicht unabhängig voneinander, und ihre Fallzahlen dürfen nicht addiert werden [s137, s144, s145, s175, s136]. Ähnliches gilt für mehrere japanische, taiwanesische, iranische und Moskauer Arbeitsgruppen, die bei den einzelnen Studien vermerkt werden. Drittens enthält dieses Kapitel keine Therapieempfehlung. Wo Leitlinien oder Autoren Verfahren bevorzugen, wird dies als Aussage des jeweiligen Dokuments wiedergegeben.

Die Literaturlage ist zwischen den Erkrankungen sehr ungleich verteilt. Für die Rückenmarksverletzung existiert der mit Abstand größte Bestand. Für die Multiple Sklerose liegen wenige kleine Spermiogramm-Studien vor. Für die Parkinson-Krankheit wurde in allen durchsuchten Sprachräumen keine einzige humane Studie gefunden, die Spermienparameter untersucht [s15, s37, s42, s67, s172, s70]. Für die Neuropathie gibt es praktisch nur diabetesbezogene Arbeiten. Eine Metaanalyse oder systematische Übersicht zur Samenqualität nach Rückenmarksverletzung wurde in der Recherche nicht gefunden; auch in der Cochrane Library fand sich über eine Ersatzsuche in Europe PMC kein einschlägiger Review. Die einzige Metaanalyse zur SCI betrifft die Häufigkeit der Ejakulation und nicht deren Qualität [s126].

Metaanalysen

Chéhensse et al. 2013: Metaanalyse zur spinalen Ejakulationskontrolle [s126]

Originaltitel: The spinal control of ejaculation revisited: a systematic review and meta-analysis of anejaculation in spinal cord injured patients.

Design und Methodik. Systematische Übersicht mit Metaanalyse; durchsucht wurden Embase, PubMed, EBSCOhost und die Cochrane Library. Aus 523 Studien gingen 45 in die Auswertung ein, zusammen n = 3851 Patienten mit Rückenmarksverletzung. Eingeschlossen wurden Studien, die das Auftreten antegrader Ejakulation in Abhängigkeit von der neurologischen Charakterisierung der Läsion berichteten; ausgeschlossen wurden Studien mit rektaler elektrischer Stimulation. Gepoolt wurden Ejakulationsraten, keine Samenparameter.

Ergebnisse bei kompletter Läsion. Ejakulation trat nach Masturbation oder Koitus bei 11,8 % (n = 1161) auf, nach Penisvibrationsstimulation (PVS) bei 47,4 % (n = 597) und nach Acetylcholinesterase-Hemmer plus Masturbation bei 54,7 % (n = 309).

Ergebnisse bei inkompletter Läsion. Die entsprechenden Raten betrugen 33,2 % (n = 343), 52,8 % (n = 305) und 78,1 % (n = 32).

Ergebnisse nach Läsionsebene. Bei kompletter Läsion der sympathischen Zentren (Th12 bis L2), der parasympathischen und somatischen Zentren (S2 bis S4) oder aller Ejakulationszentren (Th12 bis S5) kam es nach PVS bei keinem Patienten zur Ejakulation (n = 5, n = 4 beziehungsweise n = 21). Nach Acetylcholinesterase-Hemmer plus Masturbation ejakulierten in diesen drei Gruppen 4,9 % (n = 61), 30,8 % (n = 26) und 0 % (n = 16). Die Ejakulation nach PVS oder Acetylcholinesterase-Hemmern war bei 97,9 % (n = 48) der Patienten mit kompletter Läsion strikt oberhalb des Onuf-Kerns (S2 bis S4) rhythmisch-kräftig; eine komplette Läsion der Segmente S2 bis S4 schloss eine rhythmisch-kräftige Ejakulation aus (n = 5). Wurde die Zahl der verletzten Segmente zwischen Th12 und L2 berücksichtigt, sank die Ejakulationsrate deutlich, sobald die Läsion bis L3 oder tiefer reichte. Die Autoren folgern, dass die Segmente zwischen L2 und S2 wahrscheinlich einen spinalen Ejakulationsgenerator beim Menschen enthalten (L3 bis L5).

Stärken. Größte quantitative Zusammenfassung zur Ejakulation nach SCI; mehrere Datenbanken; Auswertung getrennt nach Vollständigkeit und Höhe der Läsion. Die Leitlinie der European Association of Urology stützt ihre Aussagen zu den Ansprechraten ausdrücklich auf diese Arbeit [s04].

Schwächen. Es werden Ejakulationsraten gepoolt, keine Samenparameter; die Einzelgruppen sind teils sehr klein (n = 4 bis 32); Konfidenzintervalle und Heterogenitätsmaße stehen im Abstract nicht. Die Raten für Masturbation und Koitus, PVS und Medikamentenkombination stammen aus unterschiedlichen Studien mit unterschiedlichen Patientengruppen; ein direkter Vergleich der Verfahren ist deshalb nur eingeschränkt zulässig.

Einordnung. Die Arbeit beantwortet die Voraussetzung jeder Samenanalyse bei SCI, nämlich ob und mit welchem Verfahren überhaupt antegrades Ejakulat gewonnen werden kann. Sie ist die Grundlage der Aussage, dass bei kompletter Läsion in der Mehrzahl der Fälle eine Hilfestellung erforderlich ist. Zur Samenqualität selbst trägt sie nichts bei; das Fehlen einer entsprechenden Metaanalyse ist ein eigener Befund dieser Studienlage.

Pergialiotis et al. 2016: Diabetes und funktionelle Spermienmerkmale [s109]

Originaltitel: Diabetes mellitus and functional sperm characteristics: A meta-analysis of observational studies.

Design. Metaanalyse von Beobachtungsstudien; Fallzahl im Abstract nicht angegeben. Die Arbeit betrifft Diabetes insgesamt und nicht gezielt die diabetische Neuropathie.

Ergebnisse (gewichtete Mittelwertdifferenzen, 95-%-Konfidenzintervalle). Diabetes war mit einem verminderten Samenvolumen verbunden (MD -0,66 ml; 95 % CI -1,10 bis -0,22) und mit einem verminderten Anteil beweglicher Zellen (MD -14,29 %; 95 % CI -22,76 bis -5,82). Das FSH war höher (MD 0,47 mIU/ml; 95 % CI 0,01 bis 0,93), und zwar bei Männern, die wegen Infertilität untersucht wurden. Keine Beeinflussung zeigte sich für die Gesamtspermienzahl (MD 13,16 × 10^6; 95 % CI -22,75 bis 49,07), den Anteil normaler Morphologie (-3,06 %; 95 % CI -6,25 bis 0,14), LH (0,65 mIU/ml; 95 % CI -0,84 bis 2,13) und Testosteron (-0,18 ng/ml; 95 % CI -0,60 bis 0,24). Die Autoren halten wegen erheblicher Heterogenität feste Schlüsse nicht für möglich.

Stärken. Konfidenzintervalle für alle Endpunkte berichtet; die Intervalle von Gesamtzahl und Morphologie machen die Unsicherheit sichtbar. Schwächen. Hohe Heterogenität; Einschlusspopulation teilweise wegen Infertilität untersucht (Selektion); keine Trennung nach Neuropathie. Einordnung. Die Metaanalyse stützt eine Minderung von Volumen und Beweglichkeit bei Diabetes. Ob der Anteil, der auf eine autonome Neuropathie zurückgeht, relevant ist, lässt sich aus ihr nicht ablesen; dazu steht lediglich die ältere Studie von Ali und Mitarbeitern zur Verfügung [s186].

Zhong et al. 2021: Diabetes, Adipositas, Spermienparameter und Testosteron [s74]

Originaltitel: Association of diabetes and obesity with sperm parameters and testosterone levels: a meta-analysis.

Design. Metaanalyse mit 44 Studien; 20.367 adipöse und 1386 diabetische Männer. Für Diabetes ergaben sich gegenüber Nichtdiabetikern folgende gepoolte Mittelwertdifferenzen: Samenvolumen MD -0,45 (95 % CI -0,63 bis -0,27; p < 0,001), Spermienzahl MD -13,12 (95 % CI -18,43 bis -7,82; p < 0,001), Konzentration MD -11,73 (95 % CI -21,44 bis -2,01; p = 0,02), progressive Beweglichkeit MD -14,37 (95 % CI -21,79 bis -6,96; p = 0,001) und Testosteron MD -0,37 (95 % CI -0,63 bis -0,12; p = 0,004).

Stärken. Große Zahl eingeschlossener Studien; alle Hauptendpunkte mit Konfidenzintervall. Schwächen. Die diabetische Untergruppe ist mit 1386 Männern deutlich kleiner als die adipöse; der Abstract nennt keine Heterogenitätsmaße; keine Trennung nach Typ des Diabetes oder nach Neuropathie. Einordnung. Im Gegensatz zu Pergialiotis et al. [s109] zeigt diese Metaanalyse auch eine verminderte Spermienzahl und Konzentration. Der Unterschied kann in der Studienauswahl und in der Population liegen (Pergialiotis: Männer, die wegen Infertilität untersucht wurden); die Abstracts erlauben keine abschließende Klärung. Für die Fragestellung dieser Studie sind beide Arbeiten nur Randbefunde, weil die Neuropathie nicht abgegrenzt ist.

Shahraki et al. 2023: Männliche Infertilität und späteres MS-Risiko [s56]

Originaltitel: Male Factor Infertility and Risk of Multiple Sclerosis (MS): A Systematic Review and Meta-Analysis

Fragerichtung. Die Arbeit untersucht die umgekehrte Richtung der hier interessierenden Frage: Ist männliche Infertilität ein Risikofaktor für eine spätere Multiple Sklerose?

Design und Methodik. Systematische Übersicht mit Metaanalyse; durchsucht wurden PubMed, Embase, Scopus, Web of Science, Google Scholar und graue Literatur bis Juni 2021. 197 Artikel wurden gefunden, nach Entfernung von Duplikaten 109; in die Metaanalyse gingen 3 Studien ein.

Ergebnisse. Zusammen 2090 MS-Fälle und 3.895.562 Kontrollen; 114 infertile Männer in der MS-Gruppe und 139.716 in der Kontrollgruppe. Gepoolte Odds Ratio für männliche Infertilität und die Chance, MS zu entwickeln: 1,87 (95 % CI 0,89 bis 3,94); Heterogenität I² = 86,1 % (P = 0,001). Die Autoren schließen, es bestehe kein Zusammenhang.

Stärken. Breite Datenbanksuche einschließlich grauer Literatur. Schwächen. Nur drei Studien; sehr hohe Heterogenität; ein breites Konfidenzintervall. Einordnung. Der Schluss "kein Zusammenhang" stützt sich auf ein nicht signifikantes Intervall, das eine erhöhte Odds Ratio nicht ausschließt (der Punktschätzer liegt bei knapp 2). Die Studie von Glazer et al. [s92] gehört vermutlich zu den drei eingeschlossenen Arbeiten; der Abstract sagt das nicht ausdrücklich. Zur Samenqualität bei bestehender MS sagt die Arbeit nichts.

Systematische Übersichten, Scoping- und Umbrella-Reviews

Gao et al. 2026: Lumbosakrale Erkrankungen und Ejakulationsstörung [s06]

Originaltitel: The association between ejaculatory dysfunction and lumbosacral disorders: a systematic review of an underrecognized clinical link.

Systematische Übersicht (PROSPERO CRD420261372301); Suche in PubMed, Web of Science, Embase und Scopus bis zum 31. Dezember 2025; 24 Studien erfüllten die Kriterien. Ejakulationsstörungen standen im Zusammenhang mit Bandscheibenvorfall, Cauda-equina-Syndrom, Spinalkanalstenose, Tarlov-Zysten, Spina bifida, ankylosierender Spondylitis und Pudendusneuropathie. Als Phänotypen werden vorzeitige, verzögerte, schwache und retrograde Ejakulation, Anejakulation und Anorgasmie beschrieben. Die Funktion verbesserte sich häufig nach Behandlung der Grunderkrankung. Die Autoren nennen als Einschränkungen kleine Stichproben, heterogene Endpunkte und schwache Studiendesigns; ein ursächlicher Zusammenhang bleibe unbewiesen. Einordnung: Die Übersicht betrifft die Ejakulationsfunktion, nicht die Samenqualität. Ihr Wert liegt darin, den Kreis neurologisch-orthopädischer Ursachen für Ejakulationsstörungen abzustecken, die zur Spermiengewinnung relevant werden können. Da der Abstract keine gepoolten Zahlen nennt, ist die Stärke der Zusammenhänge nicht beurteilbar.

Salardaine et al. 2025: Typologie sexueller Störungen bei idiopathischer Parkinson-Krankheit [s37]

Originaltitel: Typology of sexual disorders in idiopathic Parkinson's disease, a systematic review.

Systematische Übersicht in einer französischen Zeitschrift; Fallzahl im Abstract nicht angegeben. Beschrieben werden Beeinträchtigungen von Verlangen, Erregung, Orgasmus und Ejakulation; Männer hätten häufig eine hohe Prävalenz erektiler Dysfunktion und Ejakulationsprobleme; Hypersexualität sei selten und trete meist unter dopaminerger Therapie auf. Zahlen nennt der Abstract nicht. Einordnung: Samenparameter sind kein Thema der Übersicht. Sie ist der einzige systematische Beitrag zur Sexualfunktion bei Parkinson in der Sammlung und belegt damit auch, dass die Fachliteratur Fortpflanzungsparameter bei dieser Erkrankung nicht in den Blick nimmt.

Toljan und Briggs 2024: Scoping-Review zur männlichen Sexual- und Reproduktionsgesundheit bei MS [s51]

Originaltitel: Male sexual and reproductive health in multiple sclerosis: a scoping review.

Scoping-Review nach PRISMA, nur PubMed durchsucht, 34 Studien; vier Themenfelder: sexuelle Dysfunktion, erektile Dysfunktion, Fertilität und Familienplanung. Sexuelle Dysfunktion trete bei Männern mit MS in 35 bis 72 % auf; nur eine Minderheit bespreche dies mit dem Behandlungsteam; MS-Behinderung und Depression gingen mit sexueller Dysfunktion einher. PDE5-Hemmer erschienen bei erektiler Dysfunktion wirksam. Es könne einen Zusammenhang zwischen MS und männlicher Infertilität geben, der aber auch durch verändertes Sexualverhalten bedingt sein könne; bei der krankheitsmodifizierenden Therapie und der Familienplanung bestehe eine große Wissenslücke. Stärken: Überblick über vier Themenfelder. Schwächen: Nur eine Datenbank, keine Qualitätsbewertung der Einzelstudien im Abstract; ein Scoping-Review fasst keine Effekte statistisch zusammen. Einordnung: Die Spanne von 35 bis 72 % ist breit, weil Definitionen und Instrumente der Einzelstudien verschieden sind. Für die Samenqualität liefert die Arbeit keine eigene Aussage.

Nezamzadeh et al. 2025: MS, Harnwegsinfektionen und Infertilität [s32]

Originaltitel: Multiple sclerosis, urinary tract infections and infertility: a comprehensive scoping review.

Scoping-Review; Fallzahl im Abstract nicht angegeben. Aussage: MS könne bei jungen Erwachsenen sexuelle Dysfunktion und Infertilität verursachen. Zahlen im Abstract fehlen. Einordnung: Die Arbeit verknüpft Infertilität und Harnwegsinfektionen bei MS, was mechanistisch für die Samenqualität (Leukozyten, Entzündung) relevant sein könnte; der Abstract belegt das jedoch nicht.

Hammad et al. 2024: MS und Hypogonadismus [s47]

Originaltitel: Multiple sclerosis and hypogonadism: is there a relationship?

Übersichtsarbeit mit 19 Artikeln. Von den 19 Artikeln beschrieben 11 eine positive Korrelation zwischen niedrigem Testosteron und einer Störung der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse bei MS. Einordnung: Die Auswahl der 19 Artikel und die Qualitätsbewertung sind im Abstract nicht beschrieben. Die Einzelstudien zu Hormonen sind widersprüchlich (siehe die Beobachtungsstudien zu MS in diesem Kapitel [s156, s78, s58, s16, s96]); die Zahl 11 von 19 ist ein Zählergebnis und kein gepoolter Effekt.

Manuli et al. 2026: Umbrella-Review zur Sexualgesundheit nach neurologischen Erkrankungen [s14]

Originaltitel: Sexual Health After Neurological Disorders: A Comprehensive Umbrella Review of Treatment Evidence.

Umbrella-Review über 26 systematische Übersichten. Nach AMSTAR 2 wurden 17 Übersichten als von "kritisch niedriger" und 6 als von "niedriger" Qualität eingestuft. Am kohärentesten sei die Evidenz für PDE5-Hemmer bei erektiler Funktion nach Rückenmarksverletzung; Samenqualität ist im Abstract kein Endpunkt. Einordnung: Dieser Befund ist für die Gesamtstudie bedeutsam. Selbst im Bereich der Sexualfunktion, der besser untersucht ist als die Samenqualität, beurteilt der Umbrella-Review die Mehrzahl der vorhandenen Übersichten als methodisch schwach (23 von 26 in den beiden untersten Kategorien).

Französische Leitlinie zur Fertilitätsprotektion bei Rückenmarksverletzung 2025 [s08]

Originaltitel: Fertility preservation in men with spinal cord injury: The 2025 French guidelines.

Design. Leitlinie, begründet durch eine systematische Übersicht nach PRISMA (Zeitraum Januar 1990 bis Juni 2024); 434 Publikationen wurden gesichtet, 115 erfüllten die Einschlusskriterien. Drei Fragen standen im Mittelpunkt: Indikationen und Verfahren der Fertilitätsprotektion, Zeitpunkt und Überwachung, Senkung des Infertilitätsrisikos.

Aussagen laut Abstract. Manuelle Samengewinnung durch Masturbation könne als Erstlinie erwogen werden. Wenn Masturbation scheitert oder unmöglich ist, werde PVS empfohlen, besonders bei suprasakralen Läsionen. Scheitert die PVS, könne Elektroejakulation als Zweitlinie angeboten werden, um bei Läsionen unterhalb Th10 ein retrogrades Ejakulat zu erhalten (so im Abstract formuliert). Ohne verwertbare Spermien nach diesen Verfahren seien chirurgische Techniken (Hodenbiopsie, Spermiengewinnung aus Nebenhoden oder Samenleiter) möglich.

Stärken und Schwächen. Systematische Methodik, französischsprachig und damit eine der wenigen nicht englischen Leitlinien zum Thema. Der Abstract nennt keine Evidenzgrade, keine Qualität der eingeschlossenen Studien und keine Zahlen zu Samenparametern; der Volltext wurde nicht ausgewertet. Einordnung: Die Leitlinie regelt die Reihenfolge der Gewinnungsverfahren; sie gibt keine Auskunft darüber, wie schlecht die Samenqualität bei SCI tatsächlich ist.

Leitlinien und Konsensdokumente

EAU-Leitlinie Sexuelle und reproduktive Gesundheit, Ausgabe 2026 [s04]

Originaltitel: EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health: Male Infertility und Ejakulationsstörungen

Design. Leitlinie der European Association of Urology; die abgerufene Kapitelseite beschreibt eine begrenzte Aktualisierung (Ausgabe 2026) eines erstmals 2020 veröffentlichten Dokuments. Ausgewertet wurde der Seitentext, nicht die Literaturbasis jedes einzelnen Satzes.

Ejakulationsstörungen. Nach Kinsey et al. (in der Leitlinie zitiert) haben 0,14 % der Allgemeinbevölkerung eine Anejakulation. Als häufigste Ursachen nennt der Text Rückenmarksverletzung, Diabetes mellitus und Multiple Sklerose. Bei den meisten Männern mit SCI sei ärztliche Hilfe der einzige Weg zur Ejakulation; Masturbation führe zu den niedrigsten Ejakulationsraten, höhere Ansprechraten ließen sich mit PVS oder mit Acetylcholinesterase-Hemmern gefolgt von Masturbation erreichen; dabei stützt sich die Leitlinie auf die Metaanalyse von Chéhensse et al. [s126].

Retrograde Ejakulation. Sie werde bei 0,3 bis 2 % der Patienten in Kinderwunschsprechstunden berichtet; Diabetes könne diese Rate über eine autonome Neuropathie erhöhen. In einer kontrollierten Studie hätten 34,6 % der diabetischen Männer eine retrograde Ejakulation gehabt, in einer Serie von 54 Diabetikern mit sexueller Funktionsstörung 6 %, bei 57 Männern mit Typ-1-Diabetes (18 bis 50 Jahre) mindestens 8,8 %. In der Ursachentabelle der retrograden Ejakulation stehen neurogen unter anderem Rückenmarksverletzung, Cauda-equina-Läsionen, Multiple Sklerose, autonome Neuropathie, Parkinson-Krankheit und Diabetes mellitus; unter den neurogenen Ursachen verzögerter und ausbleibender Ejakulation stehen auch die diabetische autonome Neuropathie, die Multiple Sklerose und die Rückenmarksverletzung.

Anejakulation. Bei Anejakulation durch Lymphadenektomie oder Neuropathie sowie bei Männern mit Rückenmarksverletzung sei die PVS die Erstlinientherapie (im Text als "first-line therapy" bezeichnet); sie löse den Ejakulationsreflex aus, der ein intaktes lumbosakrales Rückenmarkssegment voraussetze. Eine Kombination aus Midodrin und PVS habe bei 158 Männern mit SCI in knapp 65 % zur Ejakulation geführt (in der Leitlinie zitierte Quelle: Soler et al. 2008). Bei schlechter Samenqualität oder retrograder Ejakulation könne ein Paar in ein IVF-Programm eintreten. Für Anorgasmie nennt der Text PVS, Elektroejakulation oder testikuläre Spermienextraktion (TESE) als Optionen der Spermiengewinnung.

Hypogonadismus. Die Ursachentabelle führt die Rückenmarksverletzung sowohl unter den Ursachen des primären als auch des sekundären (hypogonadotropen) Hypogonadismus auf.

Stärken. Aktuelle Ausgabe, systematisch gepflegt, Quellen benannt. Schwächen. Der Leitlinientext zu SCI und Samenqualität ist knapp; die Zahlen stammen aus Primärquellen, die hier nicht einzeln geprüft wurden. Die Spanne der Prävalenzen retrograder Ejakulation bei Diabetes (6 % bis 34,6 %) macht sichtbar, wie stark sie von Population und Definition abhängt.

AUA/ASRM-Leitlinie "Diagnosis and Treatment of Infertility in Men" (veröffentlicht 2020, geändert 2024) [s45]

Originaltitel: Diagnosis and Treatment of Infertility in Men: AUA/ASRM Guideline

Gemeinsame Leitlinie der American Urological Association und der American Society for Reproductive Medicine; der Seitentext wurde abgerufen. Bei Männern mit Aspermie könne chirurgische Spermiengewinnung oder induzierte Ejakulation (Sympathomimetika, Vibrationsstimulation oder Elektroejakulation) je nach Zustand des Patienten und Erfahrung des Behandlers durchgeführt werden (Statement 33, Evidenzstufe "Expert Opinion"). Retrograde Ejakulation könne bei verschiedenen Neuropathien vorliegen; genannt werden Diabetes und Rückenmarksverletzung, daneben die retroperitoneale Lymphknotenausräumung; die Diagnose beruhe auf der Analyse des Urins nach der Ejakulation. Viele Männer mit Emissionsstörung bei Rückenmarksverletzung oder psychogener Anejakulation könnten auf Vibrationstherapie ansprechen; bei anhaltender Störung seien Elektroejakulation oder chirurgische Gewinnung denkbar. Für den Vergleich der Verfahren bei Ejakulationsstörungen lägen nur begrenzte Daten vor. Bei anderen Begleiterkrankungen, darunter Multiple Sklerose, bestünden nur "unsichere Assoziationen" mit männlicher Infertilität (Literaturverweis auf Glazer et al. 2018 [s92]).

Stärken. Institutionenübergreifend; Verfahren benannt. Schwächen. Die Statements zu Aspermie und retrograder Ejakulation haben das Niveau der Expertenmeinung; zu den hier behandelten Erkrankungen gibt es keinen eigenen Abschnitt. Einordnung: Die Leitlinie führt die MS ausdrücklich als Erkrankung mit nur unsicherer Assoziation zur Infertilität; diese Einschätzung deckt sich mit der geringen Zahl direkter Studien.

EAN/EFAS/INUS-Leitlinie zu neurogenen Harn- und Sexualsymptomen [s34]

Originaltitel: European Academy of Neurology (EAN)/European Federation of Autonomic Societies (EFAS)/International Neuro-Urology Society (INUS) Guidelines for Practising Neurologists on the Assessment and Treatment of Neurogenic Urinary and Sexual Symptoms (NEUROGED Guidelines).

Leitlinie nach dem ADAPTE-Verfahren mit AGREE-II-Bewertung und modifiziertem Delphi-Verfahren (mindestens 80 % Konsens); insgesamt 38 Aussagen: 11 evidenzbasierte Empfehlungen, 19 Good-Practice-Aussagen und 8 konsensbasierte Empfehlungen. Zur Sexualität werden eine umfassende Sexualanamnese sowie Gleitmittel, Vibratoren und PDE5-Hemmer genannt. Der Abstract nennt weder Samenqualität noch Fertilität. Einordnung: Die Leitlinie der neurologischen Fachgesellschaften adressiert Sexualsymptome, nach dem Abstract aber nicht die Samenqualität; dies bestätigt die Lücke zwischen Neurologie und Reproduktionsmedizin.

Veiga Álvarez et al. 2024: Spermiengewinnung aus dem Urin bei retrograder Ejakulation [s52]

Originaltitel: Recuperación de espermatozoides de la orina en hombres con eyaculación retrógrada. (Gewinnung von Spermien aus dem Urin bei Männern mit retrograder Ejakulation)

Dokument der Kommission für Andrologie und assistierte Reproduktion der spanischen Gesellschaft für Laboratoriumsmedizin (SEQC-ML). Inhalt laut Abstract: Definition der retrograden Ejakulation und Diagnoseverfahren, Nachweis von Spermien im Urin nach der Ejakulation, Aufbereitung und Verwendung der gewonnenen Spermien in der assistierten Reproduktion. Die Diagnose beruhe auf dem Spermiennachweis im Urin bei Männern mit Aspermie oder mit Oligozoospermie bei niedrigem oder normalem Samenvolumen; es fehle ein Konsens über genaue Diagnosekriterien, nur sehr wenige Studien beschrieben sie, und ein bedeutender Teil der Patienten bleibe wahrscheinlich undiagnostiziert. Neurogene Ursachen werden im Abstract nicht aufgeschlüsselt. Einordnung: Die Bedeutung liegt in der Diagnostik, wie sie bei Diabetes und SCI vorkommt [s04, s45].

Narrative Übersichten zur Rückenmarksverletzung

Narrative Übersichten haben keine nachvollziehbare Suchstrategie und keine Qualitätsbewertung der Einzelstudien. Sie belegen vor allem, was die Fachliteratur als gesichertes Wissen darstellt, und zeigen, aus welchen Primärquellen dieses Wissen stammt. Die Zahlen in diesen Arbeiten sind Zahlen aus zweiter Hand.

Anderson et al. 2018 [s87] und Patki et al. 2008 [s155]

Originaltitel: Spinal cord injury and male infertility-a review of current literature, knowledge gaps, and future research. sowie Effects of spinal cord injury on semen parameters.

Anderson und Mitarbeiter beschreiben, dass bei Rückenmarksverletzung nahezu jeder Aspekt der männlichen Reproduktion betroffen ist, mit herabgesetzter Spermienbeweglichkeit bei oft normaler Zahl; sie benennen Wissenslücken und künftigen Forschungsbedarf. Patki und Mitarbeiter schreiben, die Samenqualität sei bei SCI schlecht, Veränderungen träten schon zwei Wochen nach der Verletzung auf, und kennzeichnend seien eine abnorme Beweglichkeit und Vitalität; bei der Mehrzahl der Männer sei die Spermienzahl nicht abnorm. Die Ursache der Asthenozoospermie sei multifaktoriell; als wichtige Einflüsse nennen sie die Zusammensetzung des Seminalplasmas, die Art des Blasenmanagements und die neurogene Beeinträchtigung der Ejakulation. Einordnung: Beide Texte geben das Grundmuster "normale Zahl, schlechte Beweglichkeit und Vitalität" wieder, das auch in den Primärstudien dieses Kapitels wiederkehrt [s137, s57, s169, s159]. Die Aussage "Veränderungen nach zwei Wochen" wird im russischen Referat (siehe unten [s75]) im Zusammenhang mit Hundedaten genannt; für den Menschen ist sie in den hier vorliegenden Abstracts nicht direkt belegt.

Perrin et al. 2010 [s146] und 2016 [s110]; François 1995 [s182]; Vidal Samsó 1993 [s189]; Açıkgöz et al. 2012 [s134]

Originaltitel: [The spinal cord injured patient: semen quality and management by Assisted Reproductive Technology]. (Der Patient mit Rückenmarksverletzung: Samenqualität und Behandlung durch assistierte Reproduktion); Fertility issues in men with spinal cord injury; [Genital sexual and procreation disorders in patients with spinal cord injuries]. (Genitale Sexual- und Fortpflanzungsstörungen bei Patienten mit Rückenmarksverletzung); Lesión medular e infertilidad masculina (deutsch: Rückenmarksverletzung und männliche Infertilität); Spinal kord yaralanmalı olgularda cinsel işlev ve üreme bozuklukları (deutsch: Sexuelle und Fortpflanzungsstörungen bei Patienten mit Rückenmarksverletzung)

Die französische Übersicht von Perrin und Mitarbeitern (2010) gibt an, dass nur etwa 10 % der Männer mit SCI ohne medizinische Hilfe Kinder zeugen könnten, und beschreibt normale Spermienkonzentrationen bei abnorm niedriger Beweglichkeit und Vitalität. Das Buchkapitel von 2016 fasst zusammen: In einer Studie an Hunden mit SCI waren Spermienbeweglichkeit und Spermatogenese drei Wochen nach der Verletzung deutlich beeinträchtigt; bei chronischer SCI beim Menschen sei die Skrotaltemperatur durch die sitzende Haltung und eine gestörte Thermoregulation erhöht, und die Konzentration reaktiver Sauerstoffspezies im Samenplasma sei hoch und mit der Spermienbeweglichkeit umgekehrt korreliert. François (1995, französisch) gibt einen frühen Überblick über Hilfen zur Fortpflanzung bei querschnittgelähmten Männern, darunter die Punktion des Samenleiters. Der spanische Übersichtsartikel von Vidal Samsó (1993, Rehabilitación 27(4), S. 285 bis 291) hält fest, dass die Fertilitätsstörungen nach Rückenmarksverletzung schwer und Schwangerschaften nach erworbener Paraplegie oder Tetraplegie selten seien, dass das Interesse an Untersuchung und Behandlung gewachsen sei und die Aussichten auf Nachkommen verbessert habe; beschrieben werden Samengewinnung und Veränderungen von Menge und Zusammensetzung des Samens (keine Zahlen im Abstract). Die türkische Übersicht von Açıkgöz, Aşçı und Büyükalpelli (2012; PubMed-Recherche 1982 bis 2011) ordnet die Innervation der Genitalien den Segmenten Th11 bis L2 (sympathisch), S2 bis S4 (parasympathisch) und S2 bis S3 (somatisch) zu. Bei Läsionen oberhalb von Th10 blieben nach ihrer Darstellung autonome, somatische, Vibrations- und Elektroejakulation erhalten, bei thorakolumbalen Läsionen (Th11 bis L2) sei nur noch die Elektroejakulation möglich. Die Fortpflanzungsstörung beruhe auf der Kombination aus erektiler Dysfunktion, Ejakulationsversagen und abnormalen Samenparametern. Einordnung: Die türkische Zusammenfassung weist nach Einschätzung der Recherche Widersprüche zwischen der türkischen und der englischen Fassung des Abstracts auf; ihre Aussagen sind nur als grobe Orientierung zu lesen. Die französischen und spanischen Texte belegen, dass das Thema im romanischen Sprachraum seit den frühen 1990er Jahren behandelt wird; eigene Daten zur Samenqualität enthalten sie im Abstract nicht.

Ibrahim et al. 2022: Penisvibrationsstimulation aus Patientensicht [s61]

Originaltitel: Penile Vibratory Stimulation for Semen Retrieval in Men with Spinal Cord Injury: Patient Perspectives.

Narrative Übersicht der Miami-Arbeitsgruppe. Nach dieser Darstellung entwickeln etwa 90 % der Männer mit SCI eine Ejakulationsstörung, und nur 10 % könnten durch Masturbation oder beim Geschlechtsverkehr ejakulieren. PVS führe bei Verletzungen auf Höhe Th10 oder höher in bis zu 86 % zum Ejakulat; in 90 % dieser Ejakulate seien bewegliche Spermien, in etwa 75 % mehr als 5 Millionen bewegliche Spermien. Einordnung: Die Zahlen stammen aus der eigenen Primärliteratur der Autoren; die Arbeit ist daher keine unabhängige Bestätigung der in [s137] und [s100] berichteten Befunde.

Neuere Übersichten zu Oxidationsstress, Entzündung, Fertilitätsprotektion: Katopodis et al. 2026 [s10], Zikopoulos et al. 2026 [s20], Cohen et al. 2025 [s26]

Originaltitel: Sexual Dysfunction and Infertility in Male Patients With Spinal Cord Injury: A Narrative Review.; Spinal Cord Injury-Related Male Infertility: Oxidative Stress, Inflammation, and Sperm DNA Damage.; Fertility preservation in males with spinal cord, pelvic, and other injuries potentially impacting male fertility.

Die drei jüngsten Übersichten zur SCI und männlichen Infertilität vertiefen Sexual- und Fertilitätsstörungen (Katopodis: narrative Übersicht zu sexueller Dysfunktion und Infertilität), Oxidationsstress, Entzündung und Spermien-DNA-Schäden (Zikopoulos) sowie die Fertilitätsprotektion bei Rückenmarks-, Becken- und weiteren Verletzungen (Cohen). Die Abstracts enthalten keine neuen Primärzahlen. Einordnung: Sie zeigen, dass sich der Schwerpunkt der Diskussion von der reinen Beschreibung hin zu Mechanismen (Oxidationsstress, Entzündung, DNA-Fragmentation) und Fertilitätserhalt verschoben hat; die Evidenz stammt weiterhin aus den hier einzeln besprochenen kleinen Studien.

Koršunov et al. 2021: Männlicher Infertilitätsfaktor bei traumatischer Rückenmarkserkrankung [s75]

Originaltitel: Мужской фактор бесплодия при травматической болезни спинного мозга (deutsch: Männlicher Infertilitätsfaktor bei traumatischer Rückenmarkserkrankung)

Design. Narratives Übersichtsreferat "öffentlich zugänglicher Quellen" aus Moskau, ohne Suchstrategie, ohne Einschlusskriterien und ohne Bewertung der Studienqualität. Alle Zahlen stammen aus zweiter Hand und werden hier "nach [s75]" wiedergegeben.

Berichtete Zahlen. Weltweit erleiden nach Angabe der Weltgesundheitsorganisation jährlich etwa 500.000 Menschen eine Rückenmarksverletzung, bis zu 90 % durch Verkehrsunfälle und Stürze, mehr als 70 % der Betroffenen sind Männer. Etwa 90 bis 95 % der Männer seien infertil, nur etwa 5 % könnten ohne spezialisierte Hilfe ein Kind zeugen. In der Phase des spinalen Schocks seien keine wesentlichen Abweichungen im Spermiogramm gefunden worden; die Ejakulatqualität verschlechtere sich etwa zwei Wochen nach dem Trauma. Im Hundemodell sank bis zum 21. Tag die mittlere aktive Beweglichkeit von 62,9 auf 20,1 % (p = 0,008), die Gesamtzahl der Spermien von 42,3 auf 29,4 Millionen (nicht signifikant), die Dichte haploider Zellen im Hoden von 75,6 auf 48,3 % (p = 0,028); reife Spermatiden pro Tubulusquerschnitt betrugen 13,6 gegenüber 43,9 (p = 0,02). Hodenbiopsien bei 28 Männern zeigten erhaltene Spermatogenese 1, 3 und 6 Monate nach dem Trauma in 39, 48 und 80 % der Fälle; die Autoren leiten daraus eine mögliche Umkehrbarkeit ab. Bei 50 Männern im späten Verlauf (im Mittel 8 Jahre nach der Verletzung) war die Spermatogenese bei 28 erhalten. Hypogonadismus komme bei SCI bis zu 46 % vor; ein gesicherter Einfluss der Hormone auf die Spermatogenese sei nicht belegt. Hohe Spermien-DNA-Fragmentation gehe mit schlechteren Schwangerschafts- und Geburtsraten in der assistierten Reproduktion einher. Als mögliche Ursachen der Beweglichkeitsminderung werden neurotrophe Störungen, erhöhte Hodentemperatur, Infektion und Entzündung, Veränderungen der Samenplasma-Zusammensetzung, Inflammasom-Komponenten, oxidativer Stress, verminderte Testosteronbildung und Apoptose genannt. Die Schwangerschafts- und Geburtsraten bei Männern mit SCI seien in einer Studie von Coccia et al. mit denen einer Kontrollgruppe mit idiopathischer Infertilität vergleichbar gewesen; die entsprechende Primärstudie liegt hier als [s77] vor.

Stärken. Gute neuroanatomische Einordnung. Schwächen. Keine systematische Methodik; Zahlen aus zweiter Hand; Wiedergabefehler sind nicht auszuschließen (der Text spricht zum Beispiel von "Spermatophor-Flagellen", gemeint sind offenbar die Flagellen der Spermien); die Schlussfolgerung, sexuelle Funktionsstörungen seien bei SCI "nicht akut", ist nicht begründet. Einordnung: Die Biopsiezahlen (39, 48, 80 %) sind die einzigen Angaben zur Frühphase beim Menschen in der gesamten Sammlung, aber nicht mit der Primärquelle überprüft; sie dürfen nur als Hinweis gelesen werden.

Dimitriadis et al. 2010 [s143], Fan und Liu 2005 [s166], Zhang und Li 2020 [s85]

Originaltitel: Erectile function and male reproduction in men with spinal cord injury: a review.; [Penile vibratory stimulation and electroejaculation in the treatment of ejaculatory dysfunction]. (deutsch: Penisvibrationsstimulation und Elektroejakulation bei der Behandlung von Ejakulationsstörungen); Male genital sensation after spinal cord injury: a review.

Dimitriadis und Mitarbeiter (Übersicht, international besetzt) fassen zusammen: Männer mit SCI haben Störungen der Erektion, der Ejakulation und der Fortpflanzungsfähigkeit; Defekte beträfen den Samentransport in die hintere Harnröhre und die Expulsion, die sekretorische Funktion von Leydig-Zellen, Sertoli-Zellen und akzessorischen Drüsen; die Samenqualität sei bei Gewinnung per Penisvibration oder Elektroejakulation vermindert. Als erste Linie der Samengewinnung nennen die Autoren die PVS, danach Elektroejakulation oder chirurgische Gewinnung. Die chinesischsprachige Übersicht von Fan und Liu (2005, Tongji-Krankenhaus) gibt an, rund 80 % aller Männer mit Ejakulationsstörung bei intaktem Ejakulationsreflexbogen (oberhalb von Th10) könnten mit PVS antegrade Ejakulation erreichen; bei Störungen des zentralen oder peripheren Nervensystems einschließlich chirurgischer Nervenverletzung könne Elektroejakulation erfolgreich sein. Zhang und Li (2020, Wuhan) behandeln die Genitalsensibilität nach SCI: Sensibilitätsstörungen störten Erektion und Ejakulation und minderten Erregung und Befriedigung; Samenparameter enthält die Arbeit nicht. Einordnung: Alle drei sind Übersichten ohne Methodenangabe im Abstract; sie zeigen, dass die Fachgemeinschaft in drei Sprach- und Kulturräumen dasselbe Grundmuster beschreibt.

Sakakibara et al. 2026 [s17], Sakamoto 2014 [s122], Liu et al. 2014 [s120], Ruan et al. 2006 [s162]

Originaltitel: Urogenital dysfunction in neurological diseases.; Sexually dimorphic nuclei in the spinal cord control male sexual functions.; [Spinal gastrin-releasing peptide system mediates sexual function of males: advances in studies]. (deutsch: Das spinale Gastrin-releasing-Peptid-System vermittelt die männliche Sexualfunktion: Stand der Forschung); [Peripheral nerve injury and male sexual dysfunction]. (deutsch: Periphere Nervenverletzung und männliche Sexualfunktionsstörung)

Sakakibara, Yamamoto und Uchiyama (Nature Reviews Neurology 2026) geben einen Überblick über urogenitale Störungen bei Schlaganfall, Alzheimer-Krankheit, Marklagererkrankung, Normaldruckhydrozephalus, Parkinson-Krankheit, Lewy-Körper-Demenz, Multisystematrophie, SCI, MS und Spina bifida, darunter Libidoverlust sowie Störungen von Erektion, Ejakulation und Orgasmus; Samenparameter fehlen im Abstract. Sakamoto (2014) beschreibt geschlechtsdimorphe Kerngebiete im Lenden- und Sakralmark, die Peniseflexe und Sexualverhalten steuern; Schäden des unteren Rückenmarks führten zu Erektions- und Ejakulationsstörungen. Die chinesischsprachige Übersicht von Liu und Mitarbeitern (2014) beschreibt, dass Neurone im oberen Lendenmark (L3, L4) zum unteren Lendenmark (L5, L6) projizieren und Gastrin-releasing-Peptid freisetzen, das Erektions- und Ejakulationsreflexe reguliert; das System werde von Androgenen reguliert, und eine Stimulation des Rezeptors habe bei kastrierten Ratten Peniseflexe und Ejakulation wiederhergestellt. Die chinesischsprachige Kurzübersicht von Ruan und Mitarbeitern (2006) hält fest, dass die Genitalorgane autonom und somatisch innerviert werden und dasselbe Symptom durch verschiedene verletzte Nerven entstehen kann (keine Daten im Abstract). Einordnung: Diese Arbeiten sind Grundlagenüberblicke zur Ejakulationsphysiologie. Sie erklären, warum Läsionshöhe und -vollständigkeit die Ejakulation bestimmen, enthalten aber keine Befunde zur Samenqualität.

Seager 2014 und Expertenrunde 2014: russischsprachige Beiträge zur Elektroejakulation [s123, s118]

Originaltitel: Использование электроэякуляции у мужчин с невозможностью естественного семяизвержения: 30-летний опыт (deutsch: Einsatz der Elektroejakulation bei Männern ohne natürliche Ejakulation: 30 Jahre Erfahrung); Методы сбора эякулята: преимущества, недостатки и влияние на показатели спермограммы (deutsch: Methoden der Ejakulatgewinnung: Vorteile, Nachteile und Einfluss auf das Spermiogramm)

Der Erfahrungsbericht von Seager (russische Übersetzung eines US-Beitrags des Geräteentwicklers, Washington D.C.) nennt einen früheren Bericht (1990) über 266 Patienten mit Rückenmarksverletzung, mehr als 2.500 Verfahren mit 37 Schwangerschaften und insgesamt mehr als 4.000 Verfahren ohne gemeldete unerwünschte Wirkungen; das Gerät sei in 52 Ländern in Gebrauch, Ejakulation trete meist bei 5 bis 12 W und 300 bis 600 mA ein, ein Verfahren dauere etwa 20 Minuten. Als Indikationen werden neben der SCI MS, Spina bifida, Diabetes und Zustand nach retroperitonealer Lymphknotenausräumung genannt. Die Aussage "100 % Erfolg" bezieht sich auf die Gewinnung von Ejakulat, nicht auf dessen Qualität. Schwächen: hoher Interessenkonflikt (Entwickler und Anbieter), keine Vergleichsgruppe, keine Samenparameter. Das Protokoll einer Expertendiskussion auf dem XIII. Kongress der Russischen Urologischen Gesellschaft (Moskau 2013) zeigt eine zurückhaltende Haltung: Božedomov hält die Elektroejakulation nur bei Rückenmarksverletzten unter lokaler Betäubung für anwendbar, das Volumen sei meist klein, die Daten seien nicht repräsentativ, weil die Nebenhoden bei der Ejakulation gewöhnlich nicht entleert würden; durch das Fehlen eines normalen Sexuallebens enthalte das Ejakulat stark erhöht "alte" Spermien mit beginnender Apoptose und DNA-Defekten. Er berichtet, bei mehr als 5.000 untersuchten Patienten (mehr als 15.000 Samenproben) sei die Vibrationsstimulation kein einziges Mal nötig gewesen. Einordnung: Reine Expertenmeinungen ohne Datenerhebung; die Hypothese "alter" Spermien passt zu den DNA-Befunden bei SCI [s84, s59], wird in der Quelle selbst aber nicht belegt.

Übersichten zu Spina bifida, Parkinson-Krankheit, MS und Diabetes

Deng et al. 2018 [s91] (Spina bifida): Die Infertilität beruhe auf Spermatogenesedefekten oder gestörtem Spermientransport, die Schwere korreliere mit Läsionshöhe und Hydrozephalus. Originaltitel: Sexual dysfunction and infertility in the male spina bifida patient.

Rafetto et al. 2026 [s15] (Parkinson, klinischer Wegweiser) beschreibt sexuelle Funktionsstörungen mit Beeinträchtigung von Verlangen, Erregung, Orgasmus und Ejakulation; Zahlen nennt der Abstract nicht. Bourque et al. 2021 [s67] (Androgene und Parkinson) berichten, Männer mit Parkinson hätten niedrigere Androgenspiegel; Androgenbehandlungen hätten bisher keine ausreichend positiven Effekte gezeigt, Tiermodelle seien uneinheitlich; Samenqualität ist kein Thema. Originaltitel: Evaluation and management of male sexual dysfunction in Parkinson's disease: A clinical road map.; Androgens and Parkinson's Disease: A Review of Human Studies and Animal Models.

Geng et al. 2023 [s55] nennen bei jungen Männern mit MS erektile Dysfunktion, Ejakulationsstörungen, verminderte Libido, verminderte Spermienqualität und beeinträchtigte Fertilität; als mögliche Mechanismen werden genetische Faktoren, Autoimmunität, chronische Entzündung, psychische Faktoren und Medikamente genannt (keine Zahlen im Abstract) [s55]. Massarotti et al. 2021 [s71] stellen drei offene Fragen: Verursacht MS an sich Infertilität? Besteht ein Zusammenhang mit infertilitätsfördernden Zuständen? Wie beeinflussen krankheitsmodifizierende Therapien die Gonadenfunktion? Shin et al. 2025 [s38] beschreiben das Tiermodell der experimentellen autoimmunen Enzephalomyelitis mit systemischer Entzündung und möglicher Beteiligung der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse. Originaltitel: Impact of multiple sclerosis on male sexual and reproductive health.; Effect of Multiple Sclerosis and Its Treatments on Male Fertility: Cues for Future Research.; Reproductive Dysfunction in Experimental Autoimmune Encephalomyelitis, an Animal Model of Multiple Sclerosis.

Alaei et al. 2025 [s23] (Diabetes, Chromatinschäden und epigenetische Effekte) und Tjuzikov et al. 2026 [s21] (männliche Fortpflanzungsstörungen bei Diabetes): Diabetische Neuropathie trete bei 30 bis 50 % der Diabetiker auf; die urogenitale Neuropathie senke die Sensibilität und störe die Reflexbögen von Erektion und Ejakulation. Syrkaševa et al. 2016 [s112] (retrograde Ejakulation und männlicher Infertilitätsfaktor): Die retrograde Ejakulation mache etwa 0,3 bis 2 % der Männer in der Infertilitätsberatung aus; als neurogene Faktoren würden Rückenmarksschäden und Neuropathien (diabetische Neuropathie, MS) genannt; etwa 80 % der Fälle entfielen auf Diabetes, Prostataresektion, Blasenhalsoperationen oder retroperitoneale Lymphadenektomie; eine zitierte Studie (16 Paare, 35 ICSI-Zyklen) nenne eine Schwangerschaftsrate von 51,2 %; es gebe kein einheitliches Protokoll, und die Datenlage reiche für einen Vergleich der Verfahren nicht aus. Kurbatov et al. 2013 [s132] (Literaturübersicht mit Zwischenbericht zu 10 Patienten): Neuropathien kämen bei 65 bis 80 % der Diabetiker vor, urogenitale Neuropathie bei 10 bis 20 %, erektile Dysfunktion bei 50 bis 60 % der Männer mit Diabetes. Živolupov et al. 2015 [s116] nennen in einer Tabelle Prävalenzen sexueller Funktionsstörungen bei neurologischen Erkrankungen (Parkinson-Krankheit 60 %, Rückenmarksverletzung 25 bis 95 %, MS 62 bis 83 %, diabetische Polyneuropathie 100 %); die Quellen sind im abgerufenen Text nicht erkennbar. Originaltitel: Diabetes and male infertility: A review of sperm chromatin damage and epigenetic effects.; Мужские репродуктивные нарушения при сахарном диабете: патофизиологические механизмы, причинно-следственные связи и возможности эмпирической фармакотерапии (deutsch: Männliche Fortpflanzungsstörungen bei Diabetes mellitus: pathophysiologische Mechanismen, Kausalzusammenhänge); Ретроградная эякуляция и мужской фактор бесплодия (обзор литературы) (deutsch: Retrograde Ejakulation und männlicher Infertilitätsfaktor (Literaturübersicht)); Восстановление фертильности у больных сахарным диабетом 1-го типа (deutsch: Wiederherstellung der Fertilität bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1); Нейрогенная копулятивная дисфункция у мужчин: теоретические аспекты, дифференциальная диагностика и рациональная терапия (deutsch: Neurogene kopulative Dysfunktion bei Männern: theoretische Aspekte, Differentialdiagnostik und rationale Therapie)

Einordnung der Übersichten zu MS, Parkinson, Neuropathie. Die Prävalenzspannen (zum Beispiel MS 35 bis 72 % [s51] gegenüber 62 bis 83 % [s116] oder die Angabe 100 % für diabetische Polyneuropathie) sind nicht vergleichbar, weil Instrumente, Definitionen und Stichproben nicht angegeben sind. Sie betreffen die Sexualfunktion, nicht die Samenqualität. Für keine dieser Erkrankungen existiert eine Übersicht, die Spermienparameter systematisch zusammenfasst.

Zusammenschau der zusammenfassenden Arbeiten

Aus den zusammenfassenden Arbeiten lassen sich vier Befunde festhalten, die keine Therapieempfehlung enthalten. Erstens: Die einzige Metaanalyse zur SCI betrifft die Ejakulationsfähigkeit [s126]; zur Samenqualität liegt keine Metaanalyse vor. Zweitens: Die einzigen Metaanalysen mit Samenparametern betreffen Diabetes insgesamt [s109, s74] und unterscheiden nicht nach Neuropathie. Drittens: Die einzige Metaanalyse mit MS-Bezug beantwortet die umgekehrte Frage und ist mit drei Studien, einer Heterogenität von 86,1 % und einem Konfidenzintervall von 0,89 bis 3,94 nicht aussagekräftig [s56]. Viertens: Die Leitlinien [s04, s45, s08, s34] regeln Verfahren der Spermiengewinnung und kennen für MS nur "unsichere Assoziationen", für Parkinson und nicht diabetische Neuropathien keine Aussage zur Samenqualität. Die methodische Qualität der vorhandenen Übersichten zur Sexualgesundheit wird im Umbrella-Review überwiegend als kritisch niedrig oder niedrig bewertet [s14].

Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Rückenmarksverletzung: Samenparameter in großen und mittleren Kollektiven bis Rückenmarksverletzung: Sexual- und Ejakulationsfunktion ohne Samenanalyse
  6. Rückenmarksverletzung: Verfahren der Samengewinnung bis Rückenmarksverletzung: Prospektive und retrospektive Studien mit therapeutischem Eingriff
  7. Multiple Sklerose: humane Studien bis Nicht in diesem Kapitel behandelt: Tierversuche und Einzelfallberichte
  8. Zusammenschau der Beobachtungsstudien
  9. Leitlinien und Konsensdokumente
  10. Übersichten zum Gesamtbild bis Vibrationsverfahren, Ejakulationsdyssynergie und Fallberichte zur Ejakulation
  11. Operative Gewinnung und Ergebnisse assistierter Reproduktion
  12. Rückenmarksverletzung: Tierversuche bis Neuropathie und Diabetes
  13. Weitere neurologische Erkrankungen (ohne Epilepsie) und Zusammenfassende Gewichtung der Studienlage
  14. Mechanismen und biologische Plausibilität
  15. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  16. Englisch bis Japanisch
  17. Koreanisch bis Türkisch
  18. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  19. Limitationen der Evidenz
  20. Offene Forschungsfragen
  21. Praktische Einordnung
  22. Glossar
  23. Quellenverzeichnis
  24. Diagramme
  25. Quellen
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle