Rückenmarksverletzung, Multiple Sklerose und Neurologie · Kapitel 8 von 23 · Studienlage: Beobachtungsstudien

Zusammenschau der Beobachtungsstudien

Rückenmarksverletzung. Das Grundmuster "normale oder nahezu normale Spermienzahl bei deutlich verminderter Beweglichkeit und Vitalität, vermehrten Rundzellen und Leukozyten" wird in Studien aus mindestens fünf Ländern und über drei Jahrzehnte hinweg übereinstimmend beschrieben [s137, s57, s169, s179, s190, s183, s180, s159, s163]. Quantitativ liegt die Beweglichkeit in den Serien je nach Gewinnungsverfahren zwischen etwa 5 und 37 % (Masturbation 36,9 %, PVS 25,9 %, EEJ 15,0 % in der Miami-Datenbank [s137]; EEJ 17,2 % und 9,4 % in japanischen Serien [s183, s180]; Gesamtbeweglichkeit 11,6 % in Kairo [s159]; progressive Beweglichkeit 5,0 % bei Cito et al. [s77]) gegenüber 58,0 % bei gesunden Kontrollen [s137]. Diese Zahlen sind nicht direkt vergleichbar, weil Beweglichkeit uneinheitlich definiert ist (progressiv, gesamt) und die Gewinnungsverfahren selbst die Probe verändern.

Verlauf. Vier Studien mit unterschiedlichem Design finden kein messbares Fortschreiten der Samenqualität in den Jahren nach der Verletzung [s145, s175, s57, s113]; die Studie von Kaneko und Miyazaki beschreibt dagegen eine abnehmende Gesamtspermienzahl [s188], und Iwahata et al. finden eine bessere TESE-Ausbeute bei kürzerer Zeit seit der Verletzung [s108], was Morelli et al. nicht bestätigen [s31]. Die frühe Phase (Wochen bis Monate nach der Verletzung) ist beim Menschen nahezu ohne Daten; die dazu verfügbaren Angaben stammen aus einem Referat [s75] und aus einer Probe der Samenbank [s113]. Wer aus diesen Befunden Schlüsse über den richtigen Zeitpunkt ziehen wollte, überschritte die Datenlage.

Läsionsmerkmale. Unvollständige Läsion und die Möglichkeit, durch Masturbation zu ejakulieren, gehen mit besserer Samenqualität einher [s137, s144, s84]; die Ejakulationsfähigkeit selbst hängt von Höhe und Vollständigkeit der Läsion ab [s126, s65, s158]. Die Läsionsmerkmale sind mit dem Gewinnungsverfahren verflochten; keine Studie trennt beides sauber.

Mechanismen. Beim Menschen sind erhöhte Entzündungsproteine im Samenplasma [s131, s33], eine erhöhte DNA-Fragmentation mit überwiegend Doppelstrangbrüchen [s84, s59], gestörte Chromatinreife [s130, s163], erhöhte Aneuploidieraten [s139, s140], eine erhöhte Skrotaltemperatur [s159] und hormonelle Veränderungen mit zentraler Komponente [s169, s105, s98] beschrieben. Alle Befunde sind korrelativ, stammen aus kleinen Gruppen (8 bis 55 Männer) und überwiegend aus drei bis vier Arbeitsgruppen. Eine Studie widerspricht der Hypothese der Stauung (Sønksen: kein Effekt wiederholter Ejakulation über 12 Monate [s174]).

Assistierte Reproduktion. Gewinnungsraten durch TESE oder Nebenhodenaspiration liegen in den Serien zwischen 60,9 % und 86 % [s13, s108, s31, s147]; Schwangerschafts- und Lebendgeburtenraten sind in den Vergleichsstudien mit Männern ohne SCI nicht signifikant verschieden [s77, s24], aber die Studien sind klein und retrospektiv, und die Konfidenzintervalle fehlen. Fertilitätskliniken berichten tendenziell Erfolgsserien; Männer, die keine Klinik erreichen, fehlen [s101].

Multiple Sklerose. Eine einzige Fall-Kontroll-Studie mit Samenanalyse bei 68 Männern berichtet Hypogonadotropie und schlechtere Spermienparameter [s156]; zwei kleine prospektive Studien finden bei RRMS-Männern keinen Unterschied [s78, s69]; Hormonstudien widersprechen sich [s58, s16, s96]. Die Registerstudie [s92] und die Mendelsche Randomisierung [s49] betreffen indirekte Fragen und liefern kleine Effekte mit Intervallen nahe 1.

Parkinson-Krankheit. Keine humane Samenstudie; Sexualfunktion ist beeinträchtigt [s172, s42, s70].

Neuropathie. Humane Samendaten bei Neuropathie stammen fast ausschließlich aus dem Diabetes-Umfeld [s186, s157, s117]; die einzige Studie mit Stratifizierung nach Neuropathie fand keinen Unterschied zwischen Diabetikern mit und ohne Neuropathie [s186]. Nicht diabetische Neuropathien wurden in keinem Sprachraum mit Samenparametern gefunden.

Weitere Erkrankungen. Bei der spinalen Muskelatrophie sind Fertilitätsstörungen bei 65,9 % (95 % CI 51,3 bis 80,4) und Spermiogrammveränderungen bei 81 % der untersuchten Männer berichtet [s50]; bei der myotonen Dystrophie Typ 1 etwa die Hälfte mit Hypospermie oder Azoospermie [s79]; für Schlaganfall, Myasthenia gravis, Spina bifida und Zerebralparese liegen nur Funktions- und Befragungsdaten vor [s154, s73, s164, s99, s27, s35, s18].

Methodische Gesamtbewertung. Fünf Schwächen kehren durchgehend wieder. Erstens kleine Fallzahlen, in vielen Studien unter 30 Männern, mit fehlenden Konfidenzintervallen. Zweitens Selektion: infertile Männer, Männer in Kinderwunschkliniken, Männer mit erfolgreicher Gewinnung. Drittens Vermengung von Erkrankung, Läsionsmerkmal und Gewinnungsverfahren. Viertens überlappende Kollektive (Miami, Yazd, Nara und Osaka, Taiwan, Moskau, Catania, Peking), sodass die Zahl unabhängiger Beobachtungen kleiner ist als die Zahl der Quellen. Fünftens fehlende Standardisierung (Abstinenzzeit, Beweglichkeitsdefinition, Referenzwerte), die in den Abstracts nicht erkennbar ist. Die Befunde erlauben deshalb Aussagen über Muster und Richtungen, nicht über Effektgrößen in der Gesamtheit der Betroffenen. Eine Therapieempfehlung lässt sich aus den Beobachtungsstudien nicht ableiten und wird hier nicht gegeben.

Lesehinweis. Dieses Kapitel wertet die in synthese.json geführten 192 Quellen aus. Ausgewertet wurden nach den Rechercheberichten in der Regel Abstracts, bei Leitlinien der abgerufene Seitentext, nicht die Volltexte. Zahlen, Konfidenzintervalle und p-Werte stehen so, wie sie in den abgerufenen Texten stehen. Wo ein Abstract eine Angabe nicht enthält, steht das ausdrücklich da. Die Einschätzungen zu Stärken und Schwächen sind methodische Einordnungen des Studiendesigns und keine Aussagen der Originalautoren. Das Kapitel enthält keine Therapieempfehlung. Wo Leitlinien oder Autoren ein Vorgehen als Erstlinie bezeichnen oder anraten, wird das als Aussage des jeweiligen Dokuments wiedergegeben. Titel in anderen Sprachen als Englisch und Deutsch stehen im Original, mit deutscher Übersetzung in Klammern. Abkürzungen: SCI = Rückenmarksverletzung (spinal cord injury); PVS = Penisvibrationsstimulation; EEJ = Elektroejakulation; TESE und TESA = testikuläre Spermienextraktion beziehungsweise -aspiration; ICSI = intrazytoplasmatische Spermieninjektion; MS = Multiple Sklerose; RRMS = schubförmig remittierende MS; DMT = krankheitsmodifizierende Therapie; CI = Konfidenzintervall; OR = Odds Ratio; MD = mittlere Differenz.

Wie die Literatur verteilt ist. Der Bestand ist sehr ungleich. Für die Rückenmarksverletzung liegt die große Mehrheit der Arbeiten vor, darunter Samenanalysen, Tierversuche und viele Berichte zu Gewinnung und Verwendung von Spermien. Für die Multiple Sklerose gibt es wenige kleine Spermiogramm-Studien, dazu eine Registerstudie und eine Metaanalyse zur umgekehrten Fragerichtung, eine Mendelsche Randomisierung in der direkten Richtung und Übersichten. Für die Parkinson-Krankheit liegt keine einzige abgerufene Studie vor, die beim Menschen Spermien oder Ejakulat untersucht. Für die periphere Neuropathie liegen praktisch nur diabetesbezogene Arbeiten vor. Nicht diabetische Neuropathien (zum Beispiel Charcot-Marie-Tooth oder Polyneuropathien anderer Ursache) tauchten in den Suchläufen mit Samenbezug nicht auf. Epilepsie ist ausdrücklich nicht Gegenstand dieses Kapitels. Eine Metaanalyse oder systematische Übersicht zur Samenqualität nach SCI wurde nicht gefunden; die einzige Metaanalyse zur SCI [s126] betrifft die Häufigkeit der Ejakulation, nicht deren Qualität. Außerhalb des Englischen besteht die Literatur überwiegend aus Übersichten, Kapiteln, Fallberichten und einzelnen kleinen Studien; belastbare Primärdaten zur Samenqualität stammen fast ausschließlich aus englischsprachigen Zeitschriften.

Wichtig für das Lesen der Fallzahlen. Viele Arbeiten stammen aus denselben Arbeitsgruppen und überschneiden sich in den Patientenkollektiven. Das gilt für die Miami-Datenbank (1991 bis 2011), die in [s137, s145, s68] ausdrücklich genannt wird und der durch gemeinsame Autoren vermutlich auch [s144, s175, s136, s131, s93, s119, s100] zuzurechnen sind, für die japanischen Elektroejakulationsserien aus Nara bzw. Osaka [s183, s180, s181], für die drei Taiwan-Arbeiten [s170, s176, s165], für die zwei Shandong-Arbeiten mit denselben 16 Kontrollspendern [s139, s140] und für die Moskauer Diabetes-Serien [s133, s132, s117, s114]. Diese Fallzahlen dürfen nicht addiert werden, und eine scheinbare Bestätigung durch eine zweite Arbeit derselben Gruppe ist keine unabhängige Replikation. Ebenso sind Quellen, die in synthese.json aus zwei Recherchesträngen zusammengeführt wurden (zum Beispiel [s161, s169, s156, s149, s130, s139, s148, s81, s36, s40, s09, s13, s108, s147, s72, s43, s54, s55, s56, s48, s19]), hier nur einmal gezählt.

Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Rückenmarksverletzung: Samenparameter in großen und mittleren Kollektiven bis Rückenmarksverletzung: Sexual- und Ejakulationsfunktion ohne Samenanalyse
  6. Rückenmarksverletzung: Verfahren der Samengewinnung bis Rückenmarksverletzung: Prospektive und retrospektive Studien mit therapeutischem Eingriff
  7. Multiple Sklerose: humane Studien bis Nicht in diesem Kapitel behandelt: Tierversuche und Einzelfallberichte
  8. Zusammenschau der Beobachtungsstudien
  9. Leitlinien und Konsensdokumente
  10. Übersichten zum Gesamtbild bis Vibrationsverfahren, Ejakulationsdyssynergie und Fallberichte zur Ejakulation
  11. Operative Gewinnung und Ergebnisse assistierter Reproduktion
  12. Rückenmarksverletzung: Tierversuche bis Neuropathie und Diabetes
  13. Weitere neurologische Erkrankungen (ohne Epilepsie) und Zusammenfassende Gewichtung der Studienlage
  14. Mechanismen und biologische Plausibilität
  15. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  16. Englisch bis Japanisch
  17. Koreanisch bis Türkisch
  18. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  19. Limitationen der Evidenz
  20. Offene Forschungsfragen
  21. Praktische Einordnung
  22. Glossar
  23. Quellenverzeichnis
  24. Diagramme
  25. Quellen
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle