Rückenmarksverletzung, Multiple Sklerose und Neurologie · Kapitel 1 von 23

Das Wichtigste in Kürze

Die Einstufung folgt der im Abschnitt „Aufbau und Methodik dieser Studie“ erläuterten Skala. Evidenzstärke beschreibt das Studiendesign (A bis D), Gewissheit die Verlässlichkeit der Aussage nach Fallzahl, Überschneidungen und Abstract-Lage (hoch, mäßig, niedrig, sehr niedrig). Keine Aussage der Studie erreicht die Gewissheit „hoch“.

  1. Rückenmarksverletzung: normale Zahl, geringe Beweglichkeit. Konzentration oft im Referenzbereich, Beweglichkeit und Vitalität vermindert; Beweglichkeit je nach Gewinnungsweg 36,9 %, 25,9 % und 15,0 % gegenüber 58,0 % bei Kontrollen [s137]; ähnliche Befunde in Kairo (Beweglichkeit 11,6 %, Vitalität 18,5 %, 45 Männer) [s159], in Spanien [s84] und im Iran [s163]. Evidenzstärke B bis C, Gewissheit mäßig (große, aber überlappende Datenbank, Gewinnungsweg und Läsionsmerkmale vermengt).
  1. Nur eine Minderheit hat normale Samenwerte. 30 von 400 Männern (7,5 %, abgeleitet aus den Angaben der Studie) erfüllten die WHO-Kriterien für Volumen, Konzentration und Beweglichkeit; inkomplette Läsion (Odds Ratio 2,6; 95-%-Konfidenzintervall 1,1 bis 6,1) und Ejakulation durch Masturbation (OR 2,7; 1,1 bis 7,1) waren mit normalen Werten verbunden [s144]. B, Gewissheit niedrig bis mäßig (30 Fälle, breite Intervalle).
  1. Ejakulation ist ein eigenes Problem. Bei kompletter Läsion Ejakulation nach Masturbation oder Koitus 11,8 %, nach Vibration 47,4 %, nach Acetylcholinesterase-Hemmer plus Masturbation 54,7 %; bei inkompletter Läsion 33,2 %, 52,8 % und 78,1 % [s126]. A (Metaanalyse), Gewissheit mäßig (kleine Einzelgruppen, keine Konfidenzintervalle im Abstract).
  1. Kein belegter Verfall mit der Zeit seit der Verletzung. Longitudinal über mindestens 3 Jahre (87 Männer) blieben alle Parameter bis auf eine leicht sinkende Konzentration unverändert [s145]; 638 Proben von 125 Männern ohne Zeiteffekt [s175]; 18 Monate Beobachtung bei 35 Männern [s57]. Offen bleibt die Frühphase: Bereits zwei Wochen nach der Verletzung werden Veränderungen beschrieben [s155]. B bis C, Gewissheit niedrig bis mäßig.
  1. Mögliche Mechanismen sind nur teilweise gesichert. Entzündungsproteine im Samenplasma [s131], Oxidationsstress und DNA-Fragmentation [s84, s59], erhöhte Aneuploidieraten [s139, s140], zentral bedingte Veränderungen der Hormonachse [s105, s98, s169]. C bis D, Gewissheit niedrig bis sehr niedrig (Gruppen von 8 bis 55 Männern, Tierversuche, selektierte Patienten).
  1. Assistierte Reproduktion gelingt häufig. Spermiengewinnung aus dem Hoden 80,7 % [s108], 81,3 % [s31], 86 % [s147]; Schwangerschaftsraten bei ICSI nicht signifikant verschieden von Vergleichsgruppen [s77, s24] beziehungsweise vergleichbar mit der infertilen Referenzpopulation einer Einheit [s94]; die Beweglichkeit im Ejakulat war 5,0 % gegenüber 35,0 %, die normale Befruchtungsrate 46,0 % gegenüber 71,0 % [s77]. Die Zahlen stammen aus Zentren mit Auswahlverzerrung. B bis C, Gewissheit mäßig.
  1. Multiple Sklerose: widersprüchliche Samenbefunde. 68 Männer mit verminderten Samenwerten und Hypogonadotropie [s156] gegenüber 38 und 16 Männern ohne Unterschied, in einer der beiden Studien nur beim freien Testosteron [s78, s69]. B, Gewissheit sehr niedrig.
  1. Multiple Sklerose und männliche Infertilität: Zusammenhang unsicher. Dänisches Register: OR 1,61 (1,04 bis 2,51) für prävalente MS, Hazard Ratio 1,28 (0,76 bis 2,17) für inzidente MS [s92]; Metaanalyse mit drei Studien OR 1,87 (0,89 bis 3,94), Heterogenität 86,1 % [s56]; Mendelsche Randomisierung OR 1,09 (1,017 bis 1,168) für MS und abnorme Spermien [s49]. A bis B, Gewissheit niedrig.
  1. Parkinson-Krankheit: Datenlücke. Keine humane Samenstudie in den erreichbaren Quellen; sexuelle Funktionsstörungen sind häufig berichtet (53,9 % im ASEX bei 76 Männern und Frauen) [s42], Tierdaten nur aus dem Rotenon-Modell [s76, s19]. D, Gewissheit sehr niedrig.
  1. Neuropathie: nur Diabetes belegt, und nicht neuropathiespezifisch. Metaanalysen: Beweglichkeit minus 14,29 Prozentpunkte (95-%-KI minus 22,76 bis minus 5,82) [s109] beziehungsweise minus 14,37 (minus 21,79 bis minus 6,96) [s74]; ein Unterschied zwischen Diabetikern mit und ohne Neuropathie fehlte in einer älteren Studie [s186]. A bis B, Gewissheit niedrig.
  1. Genetisch bedingte neuromuskuläre Erkrankungen. Spinale Muskelatrophie: Fertilitätsstörung bei 65,9 % (51,3 bis 80,4), bei Typ 2 90,5 %, bei Typ 3 40,0 % [s50]. C, Gewissheit niedrig bis mäßig (eine Querschnittsstudie, die Hälfte der Männer ohne Fertilitätsdaten).
  1. Es fehlt kontrollierte Evidenz zur Behandlung der Samenqualität. Drei randomisierte Studien betreffen die Wiederherstellung der Ejakulation (Samenparameter nur als sekundärer Endpunkt bei [s114]) und nicht die Samenqualität als Hauptziel [s115, s114, s149]; Probenecid und Anti-ASC-Antikörper wurden nur in einarmigen beziehungsweise Laborstudien geprüft [s93, s119]. C bis D, Gewissheit sehr niedrig. Das ist ein Befund über die Literatur, kein Behandlungshinweis.
Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Rückenmarksverletzung: Samenparameter in großen und mittleren Kollektiven bis Rückenmarksverletzung: Sexual- und Ejakulationsfunktion ohne Samenanalyse
  6. Rückenmarksverletzung: Verfahren der Samengewinnung bis Rückenmarksverletzung: Prospektive und retrospektive Studien mit therapeutischem Eingriff
  7. Multiple Sklerose: humane Studien bis Nicht in diesem Kapitel behandelt: Tierversuche und Einzelfallberichte
  8. Zusammenschau der Beobachtungsstudien
  9. Leitlinien und Konsensdokumente
  10. Übersichten zum Gesamtbild bis Vibrationsverfahren, Ejakulationsdyssynergie und Fallberichte zur Ejakulation
  11. Operative Gewinnung und Ergebnisse assistierter Reproduktion
  12. Rückenmarksverletzung: Tierversuche bis Neuropathie und Diabetes
  13. Weitere neurologische Erkrankungen (ohne Epilepsie) und Zusammenfassende Gewichtung der Studienlage
  14. Mechanismen und biologische Plausibilität
  15. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  16. Englisch bis Japanisch
  17. Koreanisch bis Türkisch
  18. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  19. Limitationen der Evidenz
  20. Offene Forschungsfragen
  21. Praktische Einordnung
  22. Glossar
  23. Quellenverzeichnis
  24. Diagramme
  25. Quellen
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle