Schilddrüsenerkrankungen und Spermienqualität · Kapitel 19 von 21

Praktische Einordnung

Dieser Abschnitt ordnet ein, was die Literatur zeigt und was nicht. Er enthält keine Therapieempfehlung und ersetzt keine Diagnose. Wer Fragen zur eigenen Schilddrüse, zu Hormonwerten oder zum Spermiogramm hat, ist auf ärztliche Beurteilung im Einzelfall verwiesen; die Studien beschreiben Gruppen, nicht einzelne Personen.

Stand der Evidenz. Die Datenlage ist insgesamt dünn und heterogen. Die Humanstudien sind überwiegend kleine Beobachtungsstudien oder große Querschnittsstudien aus Kinderwunschzentren; randomisierte Studien zur Wirkung einer Schilddrüsenbehandlung auf die Spermienqualität liegen nicht vor, und die Mendelsche Randomisierung fand keinen kausalen Effekt auf die Diagnose Infertilität [s36]. Schilddrüsenhormone und Samenparameter hängen in mehreren großen Kohorten statistisch zusammen, die Effekte sind klein, hormonspezifisch und teils nur in Untergruppen erkennbar [s07, s16, s50]. Der Zusammenhang gilt für Gruppen von Männern in Kinderwunschbehandlung; auf Männer ohne Fertilitätsproblem lässt er sich daraus nicht übertragen.

Hyperthyreose. Kleine Studien beschreiben bei unbehandelter Thyreotoxikose eine verminderte Spermienbeweglichkeit und eine veränderte Hormonachse mit hohem SHBG, die sich nach Erreichen der Euthyreose zurückbildete [s162, s169, s121]. Die größte prospektive kontrollierte Studie mit Verlauf umfasst 23 Männer [s162]; bei Abalovich und Mitarbeitern wurden nur 6 Männer nachuntersucht [s169]. Kausalität und Ausmaß sind damit nicht gesichert.

Hypothyreose. Die Befunde sind uneinheitlich: Einzelne kontrollierte Studien finden eine verminderte Morphologie [s130] oder Beweglichkeit [s60, s180]; große Studien in Mitteleuropa fanden keine manifeste Hypothyreose bei den untersuchten infertilen Männern und keinen Zusammenhang mit den Samenparametern [s164, s143, s97]. Bei subklinischer Hypothyreose wird ein erhöhter Anteil auffälliger DNA-Fragmentierung beschrieben [s50], bei gleichen Samenparametern teils niedrigere Schwangerschaftsraten ab 35 Jahren [s59]. Die Hormonachse (Testosteron, LH, SHBG) ist bei Hypothyreose in mehreren Studien verändert [s60, s184, s14].

Hashimoto-Thyreoiditis. Zur Autoimmunität beim Mann gibt es nur wenige Studien, deren Ergebnisse nicht zusammenpassen [s164, s143, s16]. Aus der einarmigen Selenstudie folgt kein Wirksamkeitsbeleg [s52].

Jodmangel und Jodüberschuss. Beim Menschen liegt wenig vor: eine große chinesische Querschnittsstudie mit schlechteren Spermienwerten bei Mangel und Überschuss [s66], eine kleinere spanische mit schlechteren Werten bei höherem Jod [s89] und ein Scoping Review mit begrenzter Evidenz [s20]. Tierversuche mit sehr hohen Jodmengen sind auf übliche Zufuhr nicht übertragbar [s94, s62].

Radiojod. Dies ist der am konsistentesten belegte Zusammenhang: Nach Radiojod bei Schilddrüsenkarzinom stieg in mehreren Studien das FSH und sanken Inhibin B und Spermienkonzentration in den ersten Monaten, mit Erholung nach etwa 12 bis 18 Monaten; bleibende Veränderungen wurden vor allem nach mehreren Gaben beschrieben [s168, s100, s73, s43, s176]. Die Metaanalysen widersprechen sich im Zeitverlauf des FSH [s39, s10]. Einzelne Autoren dieser Studien schlagen Spermienkonservierung bei höheren kumulativen Aktivitäten vor [s73, s101]; das ist deren Schlussfolgerung und wird hier nur berichtet. Bei der Behandlung der Hyperthyreose sind die Dosen niedriger, und eine Übersicht wertet die Störung durch die Erkrankung selbst als wahrscheinlich größer als die durch Radiojod [s128].

Was Leitlinien sagen. Die abgerufene AUA/ASRM-Leitlinie enthält keine eigene Aussage zur Schilddrüsendiagnostik beim infertilen Mann; sie nennt Schilddrüsenerkrankungen bei den Begleiterkrankungen mit unsicheren Zusammenhängen und erwähnt die Behandlung der Grunderkrankung bei Hyperprolaktinämie durch Hypothyreose [s28]. Ob andere Leitlinien (EAU, ESHRE, AWMF) Aussagen zum Thema enthalten, konnte nicht abschließend geprüft werden; die EAU-Kapitelseite enthielt keine [s28].

Positionen der Studienautoren. Die Autoren empfehlen teils Schilddrüsenabklärung bei Spermatogenesestörung [s130] oder routinemäßige TSH-Bestimmung bei beiden Partnern [s04], teils raten sie vom systematischen Screening ab [s143, s97, s158]. Diese Positionen werden nicht durch randomisierte Studien gestützt; sie sind Einschätzungen der jeweiligen Autoren und keine Aussage dieses Kapitels.

Tierversuche. Sie zeigen Mechanismen und Entwicklungsfenster, etwa die Rolle der Sertoli-Zell-Reifung [s157, s134], sind aber wegen der Modellierung durch Medikamente mit eigener Hodenwirkung, der Dosis und der Entwicklungsphase kaum auf erwachsene Männer übertragbar.

Was die Literatur nicht zeigt. Sie belegt nicht, dass eine Schilddrüsenerkrankung bei einem einzelnen Mann die Ursache einer Zeugungsschwierigkeit ist, und sie belegt nicht, dass eine Schilddrüsenbehandlung die Spermienqualität in einem bestimmten Ausmaß verbessert. Ebenso wenig ist belegt, dass Selen oder Antioxidanzien die Spermienqualität bei Schilddrüsenerkrankungen verändern; die vorhandenen Studien dazu sind einarmig oder nicht randomisiert [s52, s107].

Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Genetische Epidemiologie: Mendelsche Randomisierung und Hyperthyreose beim Mann
  6. Hypothyreose beim Mann: klinische Serien mit Samenanalyse und Subklinische Hypothyreose und Schilddrüsenwerte innerhalb der Referenzbereiche: Querschnitts- und Kohortenstudien
  7. Prävalenz von Schilddrüsenstörungen und Autoimmunität bei Männern mit Fertilitätsproblemen bis Autoimmunthyreoiditis: kleine Behandlungsbeobachtungen
  8. Radiojod bei Schilddrüsenkrebs und Hyperthyreose: Kohorten und Fallberichte und Zusammenfassende Einordnung der Beobachtungsstudien
  9. Hyperthyreose beim Mann: Hormonachse und Samenparameter bis Übersichtsarbeiten
  10. In-vitro-Studien an menschlichen Spermien und Zellkulturen bis Befunde, die sich widersprechen
  11. Mechanismen und biologische Plausibilität
  12. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  13. Englisch bis Spanisch
  14. Chinesisch bis Arabisch
  15. Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis
  22. Diagramme
  23. Quellen
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle