Radiojod bei Schilddrüsenkrebs und Hyperthyreose: Kohorten und Fallberichte
Radiojod ist keine Schilddrüsenerkrankung, sondern eine Behandlung; sie ist aber die häufigste schilddrüsenbezogene Intervention mit nachgewiesenem Einfluss auf die Spermatogenese. Die Studien betreffen überwiegend das differenzierte Schilddrüsenkarzinom (DTC), wenige die Hyperthyreose [s140]. Gemeinsames Muster: vorübergehender FSH-Anstieg, Inhibin-B-Abfall und Rückgang der Spermienzahl in den ersten Monaten, in den meisten Studien Erholung nach etwa 12 bis 18 Monaten, dauerhafte Schäden vor allem nach Mehrfachdosen. Die Zusammenfassungen der Metaanalysen stehen oben [s39, s10].
Ältere Studien (1983 bis 2004)
Handelsman und Turtle 1983 [s188]. Testicular damage after radioactive iodine (I-131) therapy for thyroid cancer, Clinical Endocrinology (im Datensatz kein Affiliationseintrag). Zwölf Männer; Spermienzahl, FSH, LH und Testosteron bis 3,5 Jahre nach Radiojod. Dosisabhängiger Spermatogeneseschaden mit FSH-Anstieg; vollständige Erholung bei einem, teilweise bei einem weiteren Patienten innerhalb von 2,5 Jahren. Schon 50 mCi 131I hatten einen kleinen, aber signifikanten FSH-Effekt; klinisch bedeutsame Effekte schienen auf Männer mit Mehrfachdosen von zusammen über 100 mCi beschränkt. Schwäche: n = 12, keine Kontrollen.
Pacini, Gasperi, Fugazzola et al. 1994 [s176]: Pisa, Italien. Testicular function in patients with differentiated thyroid carcinoma treated with radioiodine, Journal of Nuclear Medicine. 103 Patienten unter wiederholter Radiojodtherapie, mittlere Nachbeobachtung 93,7 ± 54 Monate. Mittleres FSH nach der letzten Behandlung 15,3 ± 9,9 mE/ml gegenüber 6,5 ± 3,1 bei 19 unbehandelten Patienten; bei 36,8 % war das FSH abnorm erhöht. In Verlaufsbeobachtungen bei 21 Patienten stieg das FSH 6 bis 12 Monate nach einer Dosis vorübergehend an; bei vier Patienten mit mehreren Dosen wurde der Anstieg dauerhaft. Eine Samenanalyse bei wenigen Patienten ergab eine Verminderung normokinetischer Spermien; Testosteron war unverändert. Die Autoren sehen ein mögliches Infertilitätsrisiko bei hohen kumulativen Aktivitäten. Schwäche: heterogene Dosis- und Beobachtungsgruppen, Spermiogramm nur in kleiner Untergruppe.
Wichers, Benz, Palmedo et al. 2000 [s168]: Bonn, Deutschland, 25 Männer. Testicular function after radioiodine therapy for thyroid carcinoma, European Journal of Nuclear Medicine. 25 Männer (23 bis 73 Jahre), prospektiv, mittlere Dosis 9,8 ± 0,89 GBq. FSH stieg von 5,4 ± 0,77 auf 21,3 ± 2,4 IE/l nach sechs Monaten (p < 0,001) und fiel nach 18 Monaten auf 7,4 ± 1,3 (Normbereich 1,8 bis 9,2). Inhibin B sank von 178 ± 25,3 pg/ml auf 22,2 ± 5,5 nach 3 und 29,4 ± 5,7 nach 6 Monaten (p < 0,001) und stieg nach 18 Monaten auf 154 ± 23,3 pg/ml. LH stieg von 2,8 ± 0,33 auf 5,9 ± 0,69 IE/l (nach 6 Monaten) und fiel auf 4,0 ± 0,45; Gesamttestosteron stieg von 12,8 ± 0,99 auf 19,8 ± 1,7 nmol/l (12 Monate). Der Quotient Testosteron/LH sank von 5,8 ± 0,66 auf 3,0 ± 0,36 nmol/IE und erholte sich auf 5,5 ± 0,6. Die Autoren sprechen von schwer beeinträchtigter Spermatogenese nach 3 und 6 Monaten mit kompensierter Leydig-Zell-Insuffizienz und vollständiger Erholung 18 Monate nach der letzten Therapie. Schwächen: kein Spermiogramm, abnehmende Zahl der Messpunkte (n = 11 bis 22 pro Zeitpunkt), Angaben als Mittelwert ± Standardfehler. Die mittlere Dosis ist mit knapp 10 GBq deutlich höher als in der Studie von Bourcigaux (3,7 GBq) [s73].
Hyer, Vini, O'Connell et al. 2002 [s161]: Sutton, Vereinigtes Königreich. Testicular dose and fertility in men following I(131) therapy for thyroid cancer, Clinical Endocrinology. Retrospektive Analyse von 122 Männern unter 40 Jahren (mediane Nachbeobachtung 21 Jahre; 93 unter aktiver Kontrolle) plus prospektive Dosimetrie bei 14 Patienten. 106 Kinder wurden von 59 Patienten gezeugt; keine größeren Fehlbildungen wurden berichtet. Die geschätzte Hodendosis betrug median 6,4 cGy nach 3 GBq, 14,1 cGy nach 5,5 GBq und 21,2 cGy nach 9,2 GBq. Das FSH stieg vorübergehend und normalisierte sich innerhalb von 9 Monaten nach der letzten Gabe. Die Autoren sehen das Infertilitätsrisiko nach einer einzelnen Ablationsdosis als minimal und fanden auch nach Mehrfachbehandlungen keinen Infertilitätsbeleg. Stärke: sehr lange Nachbeobachtung, Kinderzahl als klinischer Endpunkt. Schwächen: Überlebens- und Selektionsverzerrung, viele Männer ohne Kinderwunsch, keine Spermiogramme.
Esfahani, Eftekhari, Zenooz et al. 2004 [s151]: Teheran, Iran. Gonadal function in patients with differentiated thyroid cancer treated with (131)I, Hellenic Journal of Nuclear Medicine. 246 Patienten (159 Frauen, 87 Männer) nach Radiojod; bei den Männern wurden FSH, LH und Testosteron vor sowie 2, 6 und 12 Monate nach der Therapie bestimmt, 53 Patienten erhielten Samenanalysen. Bei 87,4 % der Männer stieg das FSH nach Radiojod, bei 20,7 % blieb es im Verlauf erhöht; der mittlere FSH-Spiegel 2 bis 6 Monate nach jedem Zyklus war höher als vorher (p < 0,01) und korrelierte mit der kumulativen Dosis (p < 0,001). Eine verminderte Spermienzahl bestand bei 35,8 % der Männer (davon 73,7 % mit verminderter Beweglichkeit), anhaltend bei 36,8 % dieser Gruppe (13,2 % aller). Höheres FSH korrelierte mit niedriger Zahl (p < 0,005); LH und Testosteron zeigten keine signifikante Beziehung. Es wurde keine Infertilität und keine Fehlgeburt beobachtet. Schwächen: Abstract ohne Konfidenzintervalle, gemischtes Kollektiv, wechselnde Fallzahlen.
Studien ab 2006
Ceccarelli, Canale, Battisti et al. 2006 [s140]: Pisa, Italien, Radiojod bei Hyperthyreose. Testicular function after 131I therapy for hyperthyroidism, Clinical Endocrinology. 19 hyperthyreote Männer (17 Graves, 2 toxische Adenome) vor Radiojodtherapie, zwölf Monate Nachbeobachtung, 6 Patienten für Dosimetrie und 13 für die klinische Studie. Die Hodendosis betrug für Beta-Strahlung 12,5 ± 8,8 mGy und für Gamma-Strahlung 15,8 ± 5,3 mGy (Gesamtdosis 39 ± 14 µGy/MBq). Testosteron und der Quotient T/LH waren 45 Tage nach der Therapie signifikant reduziert und nach zwölf Monaten wieder normal; zehn von 15 Hyperthyreosepatienten (67 %) hatten schon vor der Behandlung eine niedrige Spermienbeweglichkeit, die nach Radiojod signifikant anstieg (Friedman-Test χ² = 12,65; p = 0,01). Konzentration und normale Formen blieben unverändert. Die Autoren sehen nur geringe Veränderungen von Keimepithel und Leydig-Zellen, die bei vorbestehender Subfertilität bedeutsam sein könnten. Schwäche: kleine Fallzahl, keine Kontrollgruppe. Der Befund zeigt zugleich, dass die Beweglichkeit schon vor der Therapie bei Hyperthyreose vermindert sein kann und sich nach Normalisierung der Funktion bessert.
Canale, Ceccarelli, Caglieresi et al. 2015 [s100]: Pisa, Italien, 20 Männer. Effects of radioiodine treatment for differentiated thyroid cancer on testis function, Clinical Endocrinology. 20 Männer, prospektiv, Untersuchung vor sowie 6 und 12 Monate nach Radiojod; Teilung in Einzelablation (n = 10) und Mehrfachbehandlung (n = 10). Vor der Therapie hatten 3 von 20 (15 %) eine verminderte Spermienzahl (alle in der Mehrfachgruppe). Nach 6 Monaten stieg das FSH (8,8 ± 1,2 gegenüber 5,2 ± 1,2 IE/l; p < 0,005), die Konzentration sank (28,8 ± 7,7 gegenüber 54,5 ± 7,1 Mio./ml; p < 0,005) und das Hodenvolumen veränderte sich (15,2 ± 3,1 gegenüber 13,7 ± 0,8 ml; p < 0,005). Nach einem Jahr hatten sieben Patienten eine Oligozoospermie (fünf aus der Mehrfach-, zwei aus der Einzelgruppe). Bleibende Beeinträchtigung bestand bei Mehrfachbehandlung bei 50 % (Spermienzahl) und je 40 % (FSH, Hodenvolumen), nach Einzelgabe bei 20 bzw. 10 %. Schwäche: n = 20, nicht randomisierte Gruppen, Angabe als Mittelwert ± Standardfehler.
Bourcigaux, Rubino, Berthaud et al. 2018 [s73]: Paris, Frankreich. Impact on testicular function of a single ablative activity of 3.7 GBq radioactive iodine for differentiated thyroid carcinoma, Human Reproduction. Prospektive multizentrische Studie an 40 Männern mit DTC (18 bis 55 Jahre) vor sowie 3 und 13 Monate nach einer einzelnen Ablationsaktivität von 3,7 GBq; 24 Patienten hatten alle Messungen. Nach 3 Monaten stiegen FSH und es sanken Inhibin B, Spermienkonzentration und der Anteil morphologisch normaler Spermien (p < 0,0001); beide Samenparameter hatten sich nach 13 Monaten erholt. FSH und Inhibin B blieben beeinflusst, aber im Normbereich. DNA-Fragmentierung wurde nicht beobachtet, aber die Zahl chromosomaler Spermienanomalien war nach 3 Monaten (p < 0,001) und 13 Monaten (p = 0,01) erhöht. Die Autoren schlagen die Spermienkonservierung bei kumulativen Aktivitäten über 3,7 GBq vor (Empfehlung der Autoren). Stärken: prospektiv, multizentrisch, registriert (NCT01150318), zytogenetische Analyse. Schwächen: nur 24 Männer vollständig, kein Kontrollkollektiv, Nachbeobachtung nur 13 Monate.
Esquerré-Lamare, Isus, Moinard et al. 2015 [s101]: Toulouse, Frankreich, Fallbericht. Sperm DNA fragmentation after radioiodine treatment for differentiated thyroid cancer, Basic and Clinical Andrology. 32-jähriger Mann mit DTC nach Thyreoidektomie und Radiojod. Mäßige Oligozoospermie 3 Monate nach der ersten Dosis, schwer nach 5 Monaten, Gesamtzahl bis 12 Monate nach der zweiten Dosis vermindert; der DFI war 3,25 Monate nach der ersten Dosis erhöht; alle Parameter waren 28 Monate nach der zweiten Dosis normal. Die Autoren empfehlen Spermienkonservierung vor der Therapie (Empfehlung der Autoren). Als Einzelfall nur illustrativ; bemerkenswert ist die Untersuchung der DNA-Integrität mit SCSA und TUNEL.
Nies, Arts, van Velsen et al. 2021 [s57]: Niederlande, 51 Männer. Long-term male fertility after treatment with radioactive iodine for differentiated thyroid carcinoma, European Journal of Endocrinology (Groningen, Rotterdam). Multizentrische Studie an 51 Männern mindestens 2 Jahre nach der letzten Radiojodgabe (kumulativ ≥ 3,7 GBq; Median 7,4 GBq, Bereich 3,7 bis 23,3 GBq), Median 5,8 Jahre nach der letzten Gabe, Alter 40,5 Jahre. Der Anteil mit niedrigem Volumen, niedriger Konzentration, niedriger progressiver Beweglichkeit oder niedriger Gesamtzahl beweglicher Spermien unterschied sich nicht vom 10. Perzentil der Allgemeinbevölkerung (p = 0,500; 0,131; 0,094; 0,500). Von 20 Männern mit kryokonserviertem Samen nutzte einer ihn. Die Autoren schließen auf eine normale Langzeitsamenqualität. Schwächen: Querschnitt ohne Ausgangswerte, mögliche Teilnahmeverzerrung, Vergleich mit Referenzwerten statt Kontrollgruppe.
Soltani, Aghaee, Rasoul Zakavi et al. 2023 [s43]: Mashhad, Iran, 18 Männer. Effects of radioiodine therapy on fertility indicators among men with differentiated thyroid cancer: A cohort study, International Journal of Reproductive BioMedicine. Prospektive Kohorte mit 18 Männern, Ablation mit 30 mCi (n = 8) oder ≥ 150 mCi (n = 10), Messungen vor sowie nach 3 und 12 Monaten. FSH 12,51 ± 1,72, 13,54 ± 1,41 und 13,10 ± 1,67 IE/ml (p < 0,001); LH 4,98 ± 1,27, 5,65 ± 1,29 und 5,21 ± 0,95 IE/ml (p < 0,001); Spermienzahl 38,22 ± 19,40, 32,05 ± 17,96 und 36,66 ± 18,81 Mio./ml (p < 0,001); Beweglichkeit und Morphologie unverändert. Die Autoren sehen auch bei unter 5 GBq eine vorübergehende Hodenfunktionsstörung in den ersten 3 Monaten. Schwächen: n = 18; die Mittelwertunterschiede sind klein bei großer Streuung, und wie die p-Werte unter 0,001 zustande kommen, geht aus dem Abstract nicht hervor.
Alavi, Hojjat, Taghinezhad et al. 2026 [s03]: Schiras, Iran, 25 Männer. Effects of High-dose Radioactive Iodine Therapy on Hormonal Profiles and Sperm Quality in Thyroidectomy Patients, Molecular Imaging and Radionuclide Therapy 2026 (türkische Zeitschrift, TRDizin; iranische Autoren). 25 Männer (20 bis 60 Jahre) mit DTC nach Thyreoidektomie und 150 mCi Radiojod; Messung vor und zwei Wochen nach der Therapie (Wilcoxon-Test). FSH war höher (p = 0,002), LH, DHT, DHEAS, Testosteron und AMH unverändert; Gesamtspermienzahl, Volumen, Beweglichkeit und schnelle progressive Beweglichkeit waren nach der Therapie signifikant höher. Die Autoren sehen keine Beeinträchtigung der Fertilität und fordern Langzeitstudien mit größeren Stichproben. Vorbehalte: Die Nachuntersuchung lag nur zwei Wochen nach der Therapie, also vor dem Zeitfenster, in dem andere Studien nach 3 bis 6 Monaten Veränderungen zeigen [s168, s100, s73]; die Aussage „keine Beeinträchtigung" ist daher kaum belastbar. Außerdem keine Kontrollgruppe, und im Abstract fehlt, ob die Männer vor der Messung hypothyreot waren oder Schilddrüsenhormone einnahmen; nur der Abstract lag vor.
Deng und Zhang 2026 [s06]: Yichang, China, Fallbericht. Reversal of Radioiodine-Induced Azoospermia in Thyroid Cancer: A Case Report, Case Reports in Oncology 2026; der Open-Access-Volltext lag vor. 26-jähriger Mann mit papillärem Schilddrüsenkarzinom (Tumordurchmesser 2,3 cm), operiert mit rechter Lobektomie, Isthmusresektion, fast vollständiger linker Thyreoidektomie und zentraler Lymphknotenentfernung. Radiojodablation in zwei Gaben (7,4 GBq und 6,66 GBq; kumulativ 14,06 GBq). Eine Samenanalyse bei einer Gesundheitsuntersuchung ein Jahr vor der Operation war nach Angaben der Autoren normal; der Originalbefund liegt nicht mehr vor. Acht Monate nach der letzten Radiojodgabe wurde in zwei aufeinanderfolgenden Samenanalysen eine Azoospermie festgestellt; Hodenvolumen je rund 10 ml (Prader-Orchidometer), Vasa deferentia tastbar. Hormone: FSH 18,62 mIU/ml, LH 9,35 mIU/ml, Testosteron 4,65 ng/ml, Prolaktin 17,57 ng/ml, Inhibin B 53 pg/ml; für Östradiol sind „51 ng/mL" angegeben (Einheit wie im Text). Karyotyp 46,XY, keine Y-Mikrodeletion. Spermien waren in einer Samenanalyse 13 Monate nach Abschluss der Behandlung wieder nachweisbar; es kam zu einer natürlichen Konzeption und zur Geburt eines gesunden Kindes. Die Autoren sehen die Azoospermie als nichtobstruktiv an und führen sie auf eine Kombination aus der hohen Radiojoddosis und einer möglichen zugrunde liegenden Neigung zum Hypogonadismus (kleine Hoden) zurück; sie verweisen darauf, dass Hodengewebe den Natrium-Iodid-Symporter exprimiert. Schwächen: Einzelfall; fehlender Ausgangsbefund; Hoden kleiner als der Normalwert, daher kann ein Teil der Veränderung nicht der Behandlung zugeordnet werden.
Zusammenfassung Radiojod
Die Evidenz ist hier am konsistentesten: vorübergehender FSH-Anstieg, Inhibin-B-Abfall und Rückgang der Spermienzahl in den ersten Monaten [s168, s100, s73, s43], Erholung nach etwa 12 bis 18 Monaten in den meisten Studien; dauerhafte Schäden vor allem nach Mehrfachdosen [s176, s100]. Gegenbefunde: der Rückgang der Spermienzahl fehlt in zwei Studien (Standardparameter unverändert bei [s10]; Anstieg zwei Wochen nach Therapie bei [s03]), und bei Hyperthyreose verbesserte Radiojod die Beweglichkeit [s140]. Die Männer sind bei den DTC-Studien Krebspatienten nach Thyreoidektomie; Hormonersatz oder Hormonentzug und die Krebserkrankung selbst sind Störfaktoren, die in den Abstracts nicht adjustiert sind. Die Auswirkungen auf die Spermienqualität sind also die einer Behandlung, nicht die einer Schilddrüsenerkrankung.
Zusammenfassende Einordnung der Beobachtungsstudien
Einheitlichkeit der Befunde nach Krankheitsbild
| Krankheitsbild | Studien mit Samenanalyse | Häufigster Befund | Einheitlichkeit |
|---|---|---|---|
| Hyperthyreose (manifest) | [s191, s190, s182, s169, s162, s121, s140] | verminderte Beweglichkeit, Besserung bei Euthyreose | überwiegend einheitlich, alle Studien klein (n bis 88) |
| Hypothyreose (manifest) | [s180, s130, s114, s60, s93, s107, s113] | Morphologie [s130] oder Beweglichkeit [s60, s180] vermindert, Androgene erniedrigt | uneinheitlich |
| Subklinische Hypothyreose | [s50, s59, s65, s90, s21, s93] | höherer DFI-Schwellenanteil [s50], schlechtere Beweglichkeit in kleinen Studien | gemischt, Standardparameter oft ohne Unterschied [s59] |
| Schilddrüsenwerte im Referenzbereich | [s07, s16, s46, s97, s04, s47] | kleine, parameterspezifische Zusammenhänge | gemischt, kleine Effekte |
| Prävalenz bei infertilen Männern | [s164, s158, s143, s189, s193, s56] | keine höhere Prävalenz, kein Zusammenhang | überwiegend Nullbefunde |
| Autoimmunität (Hashimoto) | [s164, s158, s143, s16, s68, s52] | TPO-Antikörper knapp signifikant, sonst kein Befund | unzureichend |
| Jod | [s66, s89] | niedrigere Parameter bei Mangel und Überschuss [s66]; höhere Jodwerte bei schlechteren Parametern [s89] | zwei Querschnittsstudien, keine Schilddrüsenmessung |
| Radiojod | [s168, s100, s73, s43, s151, s161, s57, s03, s140] | vorübergehender Rückgang | überwiegend einheitlich, Zeitverlauf der Metaanalysen widersprüchlich |
| Genetische Epidemiologie | [s36] | kein kausaler Effekt auf Infertilität | einzelne Studie |
Warum die Studien so verschieden aussehen
Mehrere Ursachen kommen in Betracht. Sie sind aus den Abstracts nicht einzeln belegbar und werden hier nur als Leseraster genannt: (1) Selektion: Männer in Kinderwunschkliniken unterscheiden sich von der Allgemeinbevölkerung und von Männern ohne Zuweisungsgrund; (2) unterschiedliche Referenzbereiche und Assays für TSH, fT3, fT4 und Antikörper über 50 Jahre Forschung; (3) unterschiedliche Auflagen des WHO-Handbuchs und unterschiedliche Methoden für den DFI; (4) Störgrößen wie Prolaktin, Adipositas und Alter, die mit Schilddrüsenwerten und Samenparametern gleichzeitig zusammenhängen können [s12, s04, s60]; (5) statistische Ausrichtung: Quartilsanalysen mit vielen Vergleichen liefern leicht Zufallstreffer [s07, s16]; (6) Mehrfachverwendung desselben Kollektivs [s50, s59, s47; s82, s83].
Evidenzlücken
- Keine randomisierte Studie am Menschen zur Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen und Spermienqualität.
- In der Datenbasis keine Studie, die gesunde Kontrollen und Männer mit Schilddrüsenerkrankung über einen längeren Zeitraum mit modernen Samenanalyse-Standards prospektiv verfolgt.
- Hashimoto-Thyreoiditis und Jodmangel: nur sehr wenige Studien mit Samenparametern [s68, s164, s158, s143, s16, s52, s70, s66].
- Keine deutschsprachige Studie mit mehr als einer kleinen Stichprobe außer [s158] und die aktuelle Querschnittsstudie aus einem deutschen Zentrum [s04]; Datenbanken wie SciELO, LILACS, Dialnet, CNKI, Wanfang, eLIBRARY.ru und die AWMF waren nicht erreichbar, sodass dort veröffentlichte Arbeiten nicht erfasst sind; dies ist eine Lücke der Recherche, kein Beleg für Abwesenheit.
- Fast alle Zahlen stammen aus Abstracts; Volltexte lagen nur für wenige Arbeiten vor [s66, s36, s06, s121, s93, s68, s107, s19].
- Eine eigene quantitative Zusammenfassung der Primärstudien ist anhand der Abstracts nicht möglich, weil Konfidenzintervalle und Rohdaten dort überwiegend fehlen.