Dieser Abschnitt stellt die Beobachtungsstudien am Menschen einzeln dar: Querschnittsstudien, Fall-Kontroll-Studien, Kohorten, Fallserien und Fallberichte sowie genetische Analysen. Aufgenommen sind auch kleine Vorher-nachher-Studien, in denen Männer mit Schilddrüsenerkrankung über die Zeit beobachtet wurden, ohne dass die Zuteilung zufällig war. Die Studien sind nach dem Krankheitsbild gruppiert (Hyperthyreose, Hypothyreose, Schilddrüsenwerte innerhalb der Referenzbereiche, Prävalenz bei infertilen Männern, Jod, Sexualfunktion, Radiojod) und innerhalb der Gruppen meist chronologisch geordnet. Für die Gesamtliteratur gilt vorweg:
- Es gibt keine randomisierte Studie am Menschen zur Frage, ob die Behandlung einer Schilddrüsenerkrankung die Spermienqualität verbessert; die Studien mit Behandlung (Levothyroxin, Thyreostatika, Radiojod, Selen) sind einarmig oder nicht randomisiert.
- Die meisten Studien stützen sich auf Männer aus Kinderwunsch- und Andrologiesprechstunden. Das ist eine selektierte Gruppe, in der Schilddrüsenwerte und Samenbefunde schon durch die Zuweisung verbunden sein können.
- Die meisten Zahlen stammen aus Abstracts. Konfidenzintervalle fehlen häufig; bei den vielen Hormon-Quartil-Parameter-Kombinationen ist mit Zufallsbefunden zu rechnen.
- Die Samenanalyse-Standards haben sich geändert: Studien vor den 1990er Jahren und solche nach der 4. Auflage des WHO-Laborhandbuchs sind mit Studien nach 2010 nicht ohne Weiteres vergleichbar.
- Kausalrichtung und Störgrößen (Adipositas, Prolaktin, Alter, Rauchen, Begleiterkrankungen, Medikamente) sind in Beobachtungsstudien nicht kontrollierbar, soweit sie nicht gemessen und adjustiert wurden.
Genetische Epidemiologie: Mendelsche Randomisierung
Liu, Qiu, Jiang et al. 2024: Schilddrüsenfunktion und Infertilität, Mendelsche Randomisierung [s36]. Land: China (Abteilung für Endokrinologie, Fujian Provincial Hospital, Fuzhou). Quelle: Causal association between thyroid function and the risk of infertility: a Mendelian randomization study, Frontiers in Endocrinology 2024; der Open-Access-Volltext lag vor.
Design und Methodik. Zwei-Stichproben-Mendelsche-Randomisierung (genetische Varianten als Instrumente für die Schilddrüsenfunktion) mit vier Methoden; Hauptmethode war die Gewichtung mit der inversen Varianz (IVW). Die Expositionsdaten (TSH, fT4, Hypo- und Hyperthyreose, hohes und niedriges TSH) stammen aus dem ThyroidOmics-Konsortium und der UK Biobank (über 700.000 Personen), der Endpunkt Infertilität (über 70.000 Personen, getrennt nach Geschlecht) aus dem FinnGen-Konsortium. Alle Teilnehmenden waren Erwachsene europäischer Abstammung [s36].
Ergebnisse für Männer (IVW, Odds Ratio pro Standardabweichung der genetisch vorhergesagten Größe). TSH: OR 1,06 (95-%-KI 0,86 bis 1,30; p = 0,59). fT4: OR 0,86 (95-%-KI 0,51 bis 1,43; p = 0,56). Hohes TSH: OR 1,06 (95-%-KI 0,88 bis 1,27; p = 0,54). Für Hypothyreose und Hyperthyreose fand sich kein kausaler Zusammenhang mit männlicher Infertilität; die Zahlenwerte stehen nur in Abbildungen und sind hier nicht wiedergegeben. Die Zahl der genetischen Instrumente für Männer: 25 Varianten für TSH, 9 für fT4, 8 für Hypo- und 3 für Hyperthyreose; die F-Statistiken lagen über 10 (Spanne 30,05 bis 474,85). Bei Frauen fand sich ein Zusammenhang zwischen hohem TSH und endometriosebedingter Infertilität (OR 0,82; 95-%-KI 0,74 bis 0,91; p = 1,49 × 10⁻⁴) [s36].
Stärken. Geschlechtergetrennte Analyse; Sensitivitätsanalysen zu Heterogenität, Pleiotropie und Leave-one-out; Verringerung von Störgrößeneffekten und umgekehrter Kausalität im Vergleich zu klassischen Beobachtungsstudien.
Schwächen. Der Endpunkt „Infertilität" ist eine registrierte Diagnose (ICD-10) und enthält keine Samenparameter. Die Konfidenzintervalle sind breit (fT4: 0,51 bis 1,43), die Teststärke für kleine bis mäßige Effekte ist begrenzt. Die Aussage betrifft nur Variation innerhalb des genetisch erklärbaren Bereichs, nicht schwere Schilddrüsenerkrankungen. Ausschließlich europäische Abstammung. Eine Umkehrkausalität wurde laut Autoren wegen fehlender Instrumente für die geschlechtsgetrennte Infertilität nicht geprüft.
Einordnung. Die Studie liefert keinen Hinweis auf einen kausalen Einfluss genetisch vorhergesagter Schilddrüsenfunktion auf männliche Infertilität als klinische Diagnose. Sie schließt moderate Effekte und Effekte auf einzelne Samenparameter nicht aus und steht damit in einem Spannungsverhältnis zu den Querschnittsstudien, die Zusammenhänge in Teilgruppen oder bei einzelnen Parametern finden.
Hyperthyreose beim Mann
Die Studien zur Hyperthyreose sind überwiegend klein und alt. Gemeinsamer Nenner sind eine veränderte Hormonachse (hohes SHBG, hohes Gesamttestosteron bei niedrigem bioverfügbarem Testosteron, erhöhte LH-Antwort) und, wo ein Spermiogramm vorliegt, eine verminderte Beweglichkeit.
Fallserien und kleine Studien vor 1990
Clyde, Walsh und English 1976 [s191]. Elevated plasma testosterone and gonadotropin levels in infertile males with hyperthyroidism, Fertility and Sterility (im Datensatz kein Affiliationseintrag, Land unbekannt). Fallserie mit drei jungen thyreotoxischen Männern. In allen drei Fällen war die Samenqualität reversibel eingeschränkt; unerwartet waren erhöhte Testosteron- und Gonadotropinspiegel, die mit Erreichen der Euthyreose zur Norm zurückkehrten; ein Patient hatte vor der Behandlung einen Reifungsarrest der Spermatogenese. Stärke: genaue klinische Beschreibung, Rückbildung unter Euthyreose dokumentiert. Schwächen: n = 3, keine Kontrollgruppe, im Abstract keine Zahlen zur Samenanalyse.
Kidd, Glass und Vigersky 1979 [s190]. The hypothalamic-pituitary-testicular axis in thyrotoxicosis, Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism (im Datensatz kein Affiliationseintrag, Land unbekannt). Sieben Männer mit Graves-Thyreotoxikose. Libidoverlust bestand bei 71 %, verminderte Potenz bei 56 %. Alle hatten ein normales Hodenvolumen (25 ml), zwei eine Gynäkomastie. Bei vier der fünf untersuchten Männer lag die Gesamtspermienzahl unter 40 Millionen. Basales Östradiol und Gesamtspermienzahl korrelierten invers (r = −0,87; p < 0,05). Gesamttestosteron und Östradiol waren höher als bei Normalpersonen (1008 ± 104 ng/100 ml bzw. 104 ± 16 pg/ml; p < 0,05), das freie Testosteron mit 13,6 ± 2,4 ng/100 ml unverändert (Normal 15,3 ± 1,5). Die Testosteronantwort auf hCG war abgeschwächt (80 ± 40 % gegenüber 193 ± 19 % bei Kontrollen; p < 0,02). Basales LH lag bei 15,5 ± 1,5 mIE/ml gegenüber 9,1 ± 0,6 (p < 0,05). Die Autoren schließen auf eine partielle Leydig-Zell-Insuffizienz und eine gestörte Spermatogenese. Schwächen: sehr kleine Stichprobe, Spermiogramm nur bei fünf Männern, Mittelwerte mit Streuungsangabe ohne Konfidenzintervalle.
Buitrago und Díez 1987 [s182]. Serum hormones and seminal parameters in males with thyroid disturbance, Andrologia. Vergleichsstudie an fünf Männern mit Schilddrüsenerkrankung (zwei primäre Hypothyreose, zwei Morbus Basedow, eine subakute Thyreoiditis). Die Samenqualität war bei Veränderung des Schilddrüsenstatus beeinträchtigt, „bei Hypothyreose stärker als bei Hyperthyreose", und besserte sich unter Behandlung. Der Abstract enthält keine Zahlen. Aus Salamanca, Spanien. Die Arbeit ist wegen n = 5 und fehlender Zahlen nur als historischer Hinweis zu werten.
Röjdmark, Berg und Kallner 1988 [s181]. Hypothalamic-pituitary-testicular axis in patients with hyperthyroidism, Hormone Research (Stockholm, Schweden). Acht hyperthyreote Männer erhielten zwei identische GnRH-Tests, vor der Behandlung und 6 bis 13 Monate später im euthyreoten Zustand. Basales LH, FSH und Testosteron waren vergleichbar; die Antwort (inkrementelle Flächen) war in der Thyreotoxikose größer: LH 3999 ± 665 gegenüber 2640 ± 430 (p < 0,02), FSH 825 ± 193 gegenüber 542 ± 98 (p < 0,05). Testosteron stieg unter GnRH nur im hyperthyreoten Zustand signifikant an (Fläche 162 ± 51; p < 0,02). Es wurde kein Spermiogramm erhoben; die Studie betrifft nur die Hormonachse. Schwäche: n = 8, keine Kontrollgruppe.
猪 芳亮 und Mitarbeiter 1985 [s187] (Japan; Iryo, Japanese Journal of National Medical Services 39: 122-126; japanischer Titel 男性甲状腺機能亢進症における視床下部―下垂体―性腺系の機能, deutsch: Funktion der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse bei männlicher Hyperthyreose). 22 Männer mit Hyperthyreose; der Abstract wurde auf Japanisch über J-STAGE gelesen. Basalwerte von LH, Testosteron und Östradiol waren häufig erhöht. Im LH-RH-Test zeigte LH häufig eine überschießende, FSH meist eine normale Reaktion; im HCG-Test reagierte Testosteron häufig schwach, Östradiol häufig überschießend. Zwischen Testosteron bzw. Östradiol und T3 bzw. T4 bestand keine signifikante Korrelation. Im Vergleich vor und nach Behandlung war die LH-Antwort im LH-RH-Test nach der Behandlung schwächer, FSH unverändert; im HCG-Test war die Testosteronantwort nach der Behandlung signifikant schwächer, die Östradiolantwort nicht verändert. Die Autoren schließen auf eine teilweise Leydig-Zell-Funktionsstörung und eine veränderte Empfindlichkeit von Hypothalamus und Hypophyse gegenüber der Östrogen-Rückkopplung. Dynamische Funktionstests an einer kleinen Serie; keine Samenparameter.
Studien der 1990er Jahre bis 2005
Ford, Cooke, Keightley et al. 1992 [s178]. Serum levels of free and bound testosterone in hyperthyroidism, Clinical Endocrinology (Wellington, Neuseeland). Neun Männer und elf Frauen mit Graves-Hyperthyreose, jeweils vor und nach mindestens drei Monaten Euthyreose. Bei beiden Geschlechtern waren Gesamttestosteron und SHBG in der Hyperthyreose erhöht, der nicht an SHBG gebundene Anteil des Testosterons erniedrigt; bei Männern unterschied sich die freie Testosteronkonzentration nicht signifikant. SHBG korrelierte mit dem Schweregrad der Thyreotoxikose. Keine Samenparameter; die Relevanz liegt im Verständnis, warum das Gesamttestosteron bei Hyperthyreose trügerisch hoch sein kann.
Velázquez und Bellabarba Arata 1997 [s172]. Effects of thyroid status on pituitary gonadotropin and testicular reserve in men, Archives of Andrology (Mérida, Venezuela). Zehn Männer mit Graves-Krankheit, fünf mit Hypothyreose und zehn Kontrollen. Bei unbehandelter Hyperthyreose war das freie Testosteron normal, 17-OH-Progesteron erhöht, die Testosteronantwort auf hCG verringert und die LH-Antwort auf GnRH überhöht; dies normalisierte sich nach Senkung des fT4. Bei unbehandelter Hypothyreose war die LH-Antwort auf GnRH vermindert. Zwischen fT4 und der Testosteronantwort bestand eine starke negative Korrelation. Trotz normalem basalem freiem Testosteron klagten 70 % der hyperthyreoten und 60 % der hypothyreoten Patienten über verminderte Libido. Kein Spermiogramm im Abstract. Schwäche: sehr kleine Gruppen.
Abalovich, Levalle, Hermes et al. 1999 [s169]. Hypothalamic-pituitary-testicular axis and seminal parameters in hyperthyroid males, Thyroid (Buenos Aires, Argentinien). 25 Männer (19 bis 47 Jahre) mit aktiver Graves-Krankheit, 10 gesunde Kontrollen. Spermiogramme nach WHO-Kriterien lagen bei 21 Patienten vor, bei sechs wurden Hormon- und Samenwerte nach 7 bis 19 Monaten Euthyreose wiederholt. Beeinträchtigte Sexualfunktion fand sich bei 12, Gynäkomastie bei 6 und niedriges Hodenvolumen bei 3 Patienten. Basales LH war höher als bei Kontrollen (7,8 ± 4,7 gegenüber 5,0 ± 1,9 mIE/ml; p < 0,02). SHBG lag bei 102,3 ± 37,3 gegenüber 19,0 ± 5,0 nmol/l (p < 0,01), Testosteron bei 9,3 ± 3,3 gegenüber 5,4 ± 1,6 ng/ml (p < 0,005), das bioverfügbare Testosteron dagegen niedriger (1,7 ± 0,8 gegenüber 3,1 ± 1,9 ng/ml; p < 0,02). Anteil auffälliger Samenparameter: Asthenozoospermie 85,7 %, Hypospermie 61,9 %, Oligozoospermie 42,9 %, Nekrozoospermie 42,9 % und Teratozoospermie 19,0 %. Bei den wenigen nachuntersuchten Patienten normalisierten sich 85 % der Samenveränderungen. Stärken: umfassende Hormonachse, WHO-Spermiogramm, Kontrollgruppe. Schwächen: nur sechs Patienten mit Verlaufsdaten, kleine Kontrollgruppe, keine Adjustierung berichtet. Nach [s121] ist es die zweitgrößte Serie mit Spermiogramm bei Hyperthyreose in der Datenbasis.
Krassas, Pontikides, Deligianni et al. 2002 [s162]. A prospective controlled study of the impact of hyperthyroidism on reproductive function in males, Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism (Thessaloniki, Griechenland). Prospektive kontrollierte Studie mit 23 thyreotoxischen Männern (43,8 ± 2,4 Jahre) und 15 gesunden Kontrollen. Zwei Samenanalysen im Abstand von 2 bis 3 Wochen vor und etwa fünf Monate nach Erreichen der Euthyreose, entweder mit Methimazol allein (14 Patienten) oder mit Radiojod plus Methimazol (9). Das Ejakulatvolumen war normal (3,3 ± 0,2 gegenüber 3,5 ± 0,4 ml). Die Spermiendichte war bei Patienten niedriger, aber nicht signifikant (35,7 ± 5,3 gegenüber 51,5 ± 6,1 Mio./ml; p = 0,062), ebenso die Morphologie (68 ± 7 % gegenüber 78 ± 8 %; nicht signifikant). Die Beweglichkeit war deutlich geringer (28 ± 8 % gegenüber 57 ± 7 %; p < 0,01). Nach der Behandlung verbesserten sich Dichte (43,3 ± 6,5 Mio./ml; nicht signifikant) und Beweglichkeit (45 ± 7 %; p < 0,05), die Morphologie nicht (70 ± 6 %). Fruktose, Zink und Magnesium im Seminalplasma unterschieden sich nicht und korrelierten nicht mit den Spermienparametern. Die Wiederherstellung war unabhängig von der Therapieform. Stärken: prospektiv, Kontrollgruppe, Verlauf, Untersuchung zweier Proben. Schwächen: kleine Gruppen, Angaben als Mittelwert ± Standardfehler, keine Konfidenzintervalle, Kontrollen nur einmal untersucht, keine Randomisierung der Therapieform. Die Studie ist die am häufigsten zitierte kontrollierte Studie zur Hyperthyreose und deshalb Grundlage der Aussage „Hyperthyreose beeinträchtigt die Beweglichkeit".
Zheng, Ye und Wu 2005 [s149] (Zhonghua Nan Ke Xue; englische Titelübersetzung „The observation of serum sexual hormone levels before and after treatment in male hyperthyroidisms", deutsch: Beobachtung der Serum-Sexualhormonspiegel vor und nach Behandlung bei männlichen Hyperthyreose-Patienten; Zhenjiang, China). Bei 68 Männern mit Hyperthyreose waren Serumtestosteron und Östradiol vor der Behandlung signifikant höher als bei der Kontrollgruppe (p < 0,005); FSH und LH unterschieden sich nicht (p > 0,05). Nach der Behandlung bestand bei FSH, LH, Testosteron und Östradiol kein Unterschied zur Kontrolle. Die Autoren deuten die erhöhten Werte als Anpassung an das hochmetabolische Milieu und Veränderung der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse. Keine Samenparameter; nur Abstract. Der LH-Befund unterscheidet sich von der Taiyuan-Studie [s115] (unten), in der LH bei Männern mit Morbus Basedow erhöht war; die Abstracts erlauben keine Aussage über die Gründe (Krankheitsform, Assays, Alter).
Studien ab 2011
Ismailov, Usbekow und Elow 2011 [s121] (Mezhdunarodnyj endokrinologicheskij zhurnal; russisch: Состояние сперматогенеза при диффузном токсическом зобе до и после лечения, deutsch: Zustand der Spermatogenese bei diffuser toxischer Struma vor und nach der Behandlung; Taschkent, Usbekistan). Der Volltext wurde ausgewertet.
Design und Population. 88 Männer mit Morbus Basedow, die zwischen 2002 und 2010 behandelt wurden, und 30 gesunde Männer ohne Schilddrüsenerkrankung als Kontrolle. Durchschnittsalter 27,2 ± 7,1 Jahre. Behandelt wurden 39 Männer konservativ, 11 mit Radiojodtherapie und 38 operativ. Nach der Behandlung wurden nur Männer eingeschlossen, die zwischen einem und acht Jahren euthyreot waren; Männer mit klinischer Hypothyreose oder TSH über 4,0 mIU/l wurden ausgeschlossen. Raucher waren 38,6 % (34 Männer); in der Gruppe der unbehandelten Thyreotoxikose nahmen 68,9 % (20 Männer) Betablocker und 58,6 % (17) Glukokortikoide ein.
Methodik. TSH, Gesamt-T3 und Gesamt-T4 mit kommerziellen Immunoassays. Das Ejakulat wurde nach dem WHO-Laborhandbuch, 4. Auflage, mit der Software „Video-Sperm 2.1" beurteilt. Als normal galten Volumen über 2,0 ml, Konzentration über 20 Mio./ml, Beweglichkeit über 50 % (Kategorien A + B) und Morphologie über 14 % normale Formen.
Ergebnisse (Tabelle 2 der Arbeit; Mittelwert ± Streuungsangabe, p < 0,05).
| Parameter | Kontrolle (n = 30) | unbehandelt, Thyreotoxikose (n = 29) | konservativ, euthyreot (n = 32) | Radiojod, euthyreot (n = 11) | operiert, euthyreot (n = 31) |
|---|---|---|---|---|---|
| Spermienzahl (Mio./ml) | 101,0 ± 10,0 | 37,1 ± 15,0 | 56,5 ± 15,0 | 34,5 ± 6,0 | 45,5 ± 8,0 |
| Aktiv bewegliche Formen (%) | 59,3 ± 6,0 | 25,3 ± 6,0 | 46,9 ± 5,0 | 50,1 ± 9,0 | 58,8 ± 5,0 |
| Unbewegliche Formen (%) | 24,7 ± 5,0 | 65,3 ± 6,0 | 43,1 ± 5,0 | 39,9 ± 81,0 | 32,8 ± 5,0 |
| Pathologische Formen (%) | 7,14 ± 0,10 | 7,68 ± 0,04 | 7,21 ± 0,09 | 7,16 ± 0,15 | 7,10 ± 0,03 |
| Volumen (ml) | 3,2 ± 0,6 | 2,9 ± 0,7 | 3,1 ± 0,5 | 3,2 ± 0,5 | 3,1 ± 0,9 |
Die unbehandelte Thyreotoxikose lag bei Spermienzahl und aktiv beweglichen Formen signifikant unter der Kontrolle; die Behandlungsgruppen lagen bei den beweglichen Formen signifikant über der unbehandelten Gruppe. Der TSH-Wert lag in der unbehandelten Gruppe bei 0,15 ± 0,05 mIU/l und nach Behandlung bei 3,7 ± 0,2 (konservativ), 3,5 ± 0,6 (Radiojod) und 3,2 ± 0,5 (Operation). Die Konzentration blieb in allen Gruppen im WHO-Normbereich. Zwei Männer der unbehandelten Gruppe waren seit zwei bzw. drei Jahren kinderlos. Nach Erreichen der Euthyreose stieg der Anteil aktiv beweglicher Formen in allen Behandlungsgruppen (46,9 %, 50,1 %, 58,8 %). Volumen und Anteil pathologischer Formen änderten sich nicht.
Stärken. Größte Serie mit Spermiogramm bei Männern mit Hyperthyreose in der Datenbasis; Kontrollgruppe; Behandlungsarten getrennt; Referenzwerte offengelegt.
Schwächen. Es ist nicht erkennbar, ob dieselben Männer vor und nach der Behandlung untersucht wurden; die Gruppengrößen (29 unbehandelt; 32, 11 und 31 behandelt) sprechen eher für getrennte Gruppen, ein gepaarter Vergleich wird nicht beschrieben. Die Streuungsangaben sind nicht als Standardabweichung oder Standardfehler bezeichnet; für die unbeweglichen Formen im Radiojod-Arm steht „± 81,0", offenbar ein Druckfehler. Konfidenzintervalle fehlen. Die „pathologischen Formen" von rund 7 % in allen Gruppen passen nicht zur im Methodenteil genannten Normgrenze von über 14 % normalen Formen; eine Erklärung fehlt. Rauchen, Betablocker und Glukokortikoide sind benannt, aber nicht adjustiert. Die Radiojod-Gruppe (n = 11) zeigt keine signifikante Erholung der Spermienzahl, was wegen der kleinen Zahl nichts aussagt.
Dogadin und Schelkownikowa 2013 [s110] (Klinicheskaya i eksperimental'naya tireoidologiya; russisch: Андрогенная функция гонад у мужчин с гипертиреозом, deutsch: Androgene Funktion der Keimdrüsen bei Männern mit Hyperthyreose; Krasnojarsk, Russland). Prospektive Beobachtungsstudie mit 37 Männern (22 bis 55 Jahre) mit erstmals diagnostizierter Basedow-Krankheit und 16 gesunden Männern (Altersmedian in beiden Gruppen 43 Jahre). Messzeitpunkte: Beginn sowie nach 3 und 6 Monaten thyreostatischer Therapie (Thiamazol 30 mg täglich mit schrittweiser Reduktion plus Betablocker). Spermiogramme wurden nicht erhoben.
Ausgangswerte (Median [Interquartilsbereich], Hyperthyreose gegen Kontrolle): TSH 0,01 [0,01; 0,1] gegen 2,1 [1,4; 2,5] mIU/l; freies T4 40,1 [29,2; 52,1] gegen 18,0 [17,0; 20,3] pmol/l; Gesamttestosteron 31,7 [20,2; 43,7] gegen 27,0 [20,7; 32,0] nmol/l (p = 0,265); freies Testosteron 161,8 [125,2; 261,3] gegen 280,6 [235,1; 374,9] pmol/l (p = 0,002); freier Testosteronanteil 0,7 [0,6; 1,01] gegen 1,5 [1,0; 1,6] % (p < 0,001); SHBG 145,9 [105,1; 204,8] gegen 66,8 [54,3; 94,1] nmol/l (p < 0,001); FSH 7,2 [5,3; 12,8] gegen 5,3 [3,3; 6,4] U/l (p = 0,023); LH 9,4 [6,0; 13,0] gegen 4,0 [3,4; 5,6] U/l (p = 0,001); Östradiol 69,0 gegen 71,5 pg/ml (p = 0,405); Prolaktin 184 gegen 195 mU/l (p = 0,30). Das freie Testosteron lag bei 21 Männern (57 %) unter 174 pmol/l.
Verlauf: Nach drei Monaten war bei allen Männern medikamentös ein euthyreoter Zustand erreicht. Von den 21 Männern mit niedrigem freiem Testosteron nahmen 11 auf eigene Entscheidung zusätzlich ein Testosteronpräparat, 10 nicht. Nach sechs Monaten war das freie Testosteron bei 2 von 10 (20 %) ohne und bei 9 von 11 (82 %) mit Testosteron normal (χ² = 5,76; p = 0,017). Das mediane freie Testosteron nach sechs Monaten betrug 118,7 [93,2; 168,4] pmol/l ohne gegen 297,1 [199,6; 340,3] mit Testosteron (p = 0,008).
Einordnung: Kernbefund ist, dass das Gesamttestosteron bei Hyperthyreose nicht erniedrigt war, das freie Testosteron aber bei stark erhöhtem SHBG, und dass die Gonadotropine erhöht waren. Das passt zu [s169] und [s178]. Schwächen: kleine Gruppen; die Zuteilung zur Testosterongabe erfolgte nach Patientenwunsch, und die Männer mit Testosteron waren jünger (Median 41 gegen 51,5 Jahre); für den Anteil der SHBG-Normalisierung nach drei Monaten (82 % gegen 20 %) nennen die Autoren denselben χ²-Wert (5,76; p = 0,017) wie für das freie Testosteron nach sechs Monaten, was auf eine Verwechslung im Text hindeutet; im Text liegt der SHBG-Wert bei allen Hyperthyreose-Patienten über 110 nmol/l, die Tabelle gibt jedoch einen unteren Quartilswert von 105,1 an. Die Autoren schlagen vor, bei Männern mit Hyperthyreose und Androgenmangel von Beginn an Testosteron zu geben; ob dies die Spermatogenese beeinflusst, wurde nicht untersucht, und dieser Vorschlag wird hier nicht übernommen.
Wang, Jin, Xu et al. 2012 [s115] (Zhonghua Nan Ke Xue; englische Titelübersetzung „Radioiodine-131 therapy improves sex hormones and sexual function in male patients with Graves' disease", deutsch: Radiojod-131-Therapie verbessert Sexualhormone und Sexualfunktion bei männlichen Patienten mit Morbus Basedow; Taiyuan, China). 34 Männer mit Morbus Basedow (21 bis 40 Jahre, Mittel 32,3 ± 6,7), behandelt mit Radiojod-131 (111 bis 407 MBq, Mittel 237,8 ± 51,8). Sexualhormone und IIEF-5-Score wurden vor sowie 3 und 6 Monate nach der Behandlung erhoben; 20 gesunde Männer (25 bis 37 Jahre) dienten als Kontrolle. Ausgangswerte (Mittelwert ± SD, Morbus Basedow gegenüber Kontrolle): Östradiol 132,5 ± 40,4 gegenüber 80,4 ± 31,2 pmol/l, Testosteron 21,6 ± 4,6 gegenüber 14,5 ± 4,2 nmol/l, LH 10,1 ± 4,4 gegenüber 6,2 ± 1,9 IU/l (jeweils p < 0,05). Nach 3 Monaten: Östradiol 110,2 ± 20,6, Testosteron 17,7 ± 5,5, LH 9,4 ± 3,9; nach 6 Monaten: 82,6 ± 30,1, 13,8 ± 3,4 und 6,6 ± 1,5, ohne signifikanten Unterschied zur Kontrolle. IIEF-5 vor der Behandlung 15,5 ± 3,5 (Spanne 5 bis 25) gegenüber Kontrolle 24 ± 0,5 (p < 0,05); nach 3 Monaten 19,5 ± 1,0, nach 6 Monaten 23,5 ± 1,5, ohne signifikanten Unterschied zu den Gesunden. Die Studie bestätigt die hormonelle Veränderung bei männlicher Hyperthyreose und ihre Normalisierung. Samendaten fehlen. Schwächen: keine Randomisierung, kein Vergleich unter Placebo, im Abstract keine Schilddrüsenhormonwerte; die Besserung der erektilen Funktion kann auch den Gesamtverlauf der Erkrankung widerspiegeln.
van Otzel, Somers, Narinx et al. 2026 [s14]. Primary thyroid dysfunction and changes in the gonadal axis and SHBG in adult men: a prospective cohort study, European Thyroid Journal. Prospektive Kohorte mit Messung der Sexualsteroide per LC-MS/MS bei 16 Männern mit neu diagnostizierter Hyperthyreose und 11 mit Hypothyreose, jeweils bei Diagnose und beim ersten Kontrolltermin. In der Hyperthyreosegruppe sanken unter Behandlung Gesamttestosteron, Gesamtöstradiol und SHBG (p = 0,0131; 0,0063; 0,0003), während freies Testosteron, T:E2-Quotient, FSH, LH und Prolaktin gleich blieben. Bei Hypothyreose stiegen unter Levothyroxin SHBG, LH und FSH (p = 0,0014; 0,0117; 0,0039), während Gesamt- und freies Testosteron unverändert blieben. Keine Samenparameter. Die Hormonveränderungen werden demnach vor allem über SHBG vermittelt (Deutung der Autoren). Stärke: moderne Massenspektrometrie, prospektives Design. Schwäche: sehr kleine Gruppen, kurzer Beobachtungszeitraum, keine Kontrollgruppe ohne Schilddrüsenerkrankung im Abstract.
Zusammenfassung Hyperthyreose
Sieben Studien enthalten ein Spermiogramm bei Hyperthyreose [s191, s190, s182, s169, s162, s121, s140]; die letzte betrifft Radiojod und wird unten dargestellt. Die Studien mit Angaben zur Beweglichkeit [s169, s162, s121, s140] beschreiben übereinstimmend eine verminderte Beweglichkeit; die Spermiendichte war bei Krassas nicht signifikant [s162], bei Ismailov signifikant vermindert [s121]. Die Morphologie zeigt kein einheitliches Bild. In den Studien, die vor und nach Behandlung messen, besserte sich die Beweglichkeit [s169, s162, s121, s140]. Keine Studie ist randomisiert, die größte hat 88 Männer [s121]. Die Hormonachse ist besser belegt als die Samenqualität: Erhöhtes SHBG, erhöhtes Gesamttestosteron bei niedrigem freiem bzw. bioverfügbarem Testosteron und überhöhte LH-Antwort sind in mehreren Serien übereinstimmend beschrieben [s190, s178, s169, s172, s181, s110].