Schilddrüsenerkrankungen und Spermienqualität · Kapitel 12 von 21

Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität

Dieser Abschnitt ordnet die Befunde nach Ausmaß der Störung, Dosis, Zeit und Untergruppe. Eine echte Dosis-Wirkungs-Beziehung im pharmakologischen Sinn lässt sich für die Schilddrüsenfunktion beim Menschen nicht ableiten: Die Studien vergleichen Gruppen oder Quartile, keine Studie variiert die Hormonlage gezielt. Eine Dosis im strengen Sinn gibt es nur für Radiojod, für Jod und in Tierversuchen. Alle Zahlen stammen aus den zitierten Arbeiten; fehlende Angaben sind als „nicht berichtet“ markiert.

Schilddrüsenwerte und Samenparameter beim Menschen: Gradienten

StudieGruppe und EinteilungBefundAnmerkung
Lei 2026 [s07]5142 infertile Männer, Quartile FT3, TT3Q1 bis Q2: Oligozoospermie aOR 1,434 bis 1,785Querschnitt; keine Konfidenzintervalle im Abstract
Lei 2026 [s07]Quartile FT3 und FT4Q3: Asthenozoospermie aOR 0,740 (FT3) bzw. 0,664 (FT4)mittleres Quartil günstig, nicht das höchste
Lei 2026 [s07]TT3 Q1; FT4 Q2Teratozoospermie aOR 1,219 bzw. 0,705
Lei 2026 [s07]niedrigstes TSH-Quartilgeringeres Risiko für Oligo- und AsthenozoospermieZahlen nicht berichtet
Zhang 2026 [s16]8478 Männer, FT3-Quartileprogressive Beweglichkeit Q1 35,0 %, Q4 39,2 %; Asthenozoospermie aOR Q1 1,23; Mittelstückdefekte 15 % gegenüber 13 %kleine absolute Unterschiede
Kakoulidis 2022 [s46]130 Männer, log-TSHVolumen sinkt mit TSH; Konzentration biphasisch, Gipfel bei TSH 1,22 µIE/mlerklärte Varianz 3 % (Volumen), 7 % (Konzentration)
Rao 2022 [s47]4066 Paare, fT4-Tertile, Männer ab 35 JahrenLebendgeburtenrate 0,21 (unteres), 0,27 (mittleres), 0,30 (oberes Tertil)p = 0,024 unten gegenüber oben; Gesamtkohorte ohne Unterschied
Zhao 2022 [s50]418 SCH, 4983 euthyreotDFI ≥ 25 %: 20,57 % gegenüber 14,49 % (OR 1,43); DFI ≥ 30 %: 11,72 % gegenüber 6,74 % (OR 1,84)mittlerer DFI 19,7 % gegenüber 18,9 %, p = 0,07
Rehman 2020 [s65]376 MännerSCH 4,6 % bei normalen, 38,75 % bei veränderten Parametern; manifeste Hypothyreose 6,8 % in der zweiten Gruppeselektierte Klinikgruppe
Alizadeh 2026 [s04]346 Männernormales TSH: Spermienzahl im Referenzbereich OR 1,302 (1,009 bis 1,681)nur 5 % mit abnormem TSH
Liu 2024 [s36]Mendelsche Randomisierung, MännerTSH OR 1,06 (0,86 bis 1,30); fT4 OR 0,86 (0,51 bis 1,43) pro StandardabweichungEndpunkt: Infertilitätsdiagnose

Die Gradienten sind klein, nicht durchgehend monoton (mittlere Quartile günstiger als höchste [s07], biphasische TSH-Beziehung [s46]) und liegen häufig innerhalb der Referenzbereiche der Hormone. In den schweren Fällen sind die Befunde größer, aber die Fallzahlen kleiner: Bei aktiver Graves-Krankheit lag die Spermienbeweglichkeit bei 28 % gegenüber 57 % [s162] bzw. 25,3 % gegenüber 59,3 % [s121].

Schweregrad: manifest, subklinisch, Autoimmunität

ZustandBefundQuelle
Manifeste HyperthyreoseBeweglichkeit 28 % gegenüber 57 %; Dichte 35,7 gegenüber 51,5 Mio./ml (nicht signifikant); Morphologie nicht verändert[s162]
Manifeste HyperthyreoseAsthenozoospermie 85,7 %, Hypospermie 61,9 %, Oligozoospermie 42,9 %, Nekrozoospermie 42,9 %, Teratozoospermie 19,0 % (n = 21)[s169]
Manifeste HyperthyreoseSpermienzahl 37,1 gegenüber 101,0 Mio./ml; aktiv bewegliche 25,3 gegenüber 59,3 % (n = 29 gegenüber 30)[s121]
Subklinische HyperthyreoseLH SMD -0,20; FSH SMD 0,25; Testosteron SMD -0,05 (Metaanalyse, 748 Teilnehmer); Samenzahlen nicht berichtet[s27]
Manifeste HypothyreoseMorphologie schlechter (p < 0,0001); Beweglichkeit tendenziell geringer[s130]
Manifeste Hypothyreose67,56 % niedrige Gesamtbeweglichkeit; 72,97 % niedrige progressive Beweglichkeit (n = 37)[s60]
Manifeste Hypothyreose, induziertVolumen, Vorwärtsbeweglichkeit leicht vermindert; Morphologie normal[s180]
Subklinische Hypothyreoseerhöhter Anteil mit DFI ≥ 25 und ≥ 30 % (Zhao); kein DFI-Unterschied (Rao 2021)[s50], [s59]
Subklinische HypothyreoseGesamtbeweglichkeit niedriger bei erhaltener Zahl und Morphologie (n = 35 gegenüber 27)[s90]
Hashimoto-Thyreoiditis12 von 17 Spermiogrammen pathologisch (Fallserie ohne Kontrolle)[s68]
Kein Funktionsbefund305 Männer ohne manifeste Funktionsstörung; latente Störung 11,5 %, keine Korrelation mit Samenparametern[s164]

Das Muster in den Kleinstudien ist: Hyperthyreose trifft vor allem die Beweglichkeit; Hypothyreose trifft je nach Studie Morphologie [s130], Beweglichkeit [s60, s180] oder Konzentration [s93]. Eine Abstufung vom subklinischen zum manifesten Befund mit klaren Schwellen gibt es in den Daten nicht; subklinische und manifeste Hypothyreose werden nur in wenigen Studien nebeneinander dargestellt (zum Beispiel [s65, s17, s107]).

Radiojod: Dosis, Hodendosis und Zeitverlauf

StudieDosisZeitpunktBefund
Handelsman 1983 [s188]50 mCi; kumulativ über 100 mCibis 3,5 Jahrekleiner, aber signifikanter FSH-Effekt schon bei 50 mCi; klinisch bedeutsam vor allem bei Mehrfachdosen
Hyer 2002 [s161]3; 5,5; 9,2 GBqFSH normalisiert binnen 9 Monatengeschätzte Hodendosis median 6,4; 14,1; 21,2 cGy; 106 Kinder von 59 Patienten
Ceccarelli 2006 [s140] (Hyperthyreose)39 ± 14 µGy/MBq45 Tage; 12 MonateTestosteron reduziert, nach 12 Monaten normal; Beweglichkeit stieg
Pacini 1994 [s176]wiederholte Gaben, Beobachtung 93,7 ± 54 Monatenach letzter BehandlungFSH 15,3 gegenüber 6,5 mE/ml; 36,8 % abnorm; bei vier Patienten dauerhaft
Wichers 2000 [s168]mittel 9,8 GBq3, 6, 18 MonateFSH 5,4 → 21,3 → 7,4 IE/l; Inhibin B 178 → 22,2 (3 Monate) → 29,4 (6) → 154 pg/ml (18)
Esfahani 2004 [s151]kumulativ2 bis 12 MonateFSH-Anstieg bei 87,4 %, anhaltend bei 20,7 %; Spermienzahl vermindert bei 35,8 %, anhaltend bei 13,2 % aller Männer
Canale 2015 [s100]Einzelablation gegenüber Mehrfachbehandlung (je 10)6 und 12 MonateKonzentration 54,5 → 28,8 Mio./ml (6 Monate); bleibend beeinträchtigte Spermienzahl 20 % gegenüber 50 %
Bourcigaux 2018 [s73]3,7 GBq einmalig3 und 13 MonateKonzentration und Morphologie nach 3 Monaten schlechter, nach 13 Monaten erholt; chromosomale Anomalien auch nach 13 Monaten erhöht
Soltani 2023 [s43]30 mCi (n = 8) oder ≥ 150 mCi (n = 10)3 und 12 MonateSpermienzahl 38,22 → 32,05 → 36,66 Mio./ml; FSH 12,51 → 13,54 → 13,10
Nies 2021 [s57]kumulativ median 7,4 GBq (3,7 bis 23,3)median 5,8 Jahre nach letzter GabeAnteile unter dem 10. Perzentil nicht verschieden (p = 0,094 bis 0,500)
Alavi 2026 [s03]150 mCi2 WochenFSH höher; Spermienzahl und Beweglichkeit höher (zu früh für Schadensaussage)
Deng 2026 [s06] (Einzelfall)kumulativ 14,06 GBqAzoospermie nach 8 Monaten; Spermien nach 13 Monatennatürliche Konzeption
Cai 2023 [s39] (Metaanalyse)verschiedene≤ 6 Monate; ≥ 12 MonateFSH-Differenz -7,65 (p = 0,02) gegenüber -2,64 (p = 0,08); Inhibin B 116,27 gegenüber 66,38
Santi 2026 [s10] (Metaanalyse)verschiedene3, 6, 12 MonateFSH-Anstieg erst nach 12 Monaten (6,56 IE/l); nimmt mit Alter und Dosis zu

Aus diesen Daten folgt ein gerichtetes Bild: Der Schaden ist im ersten halben Jahr am größten, bei Einzelgaben in der Regel binnen 12 bis 18 Monaten rückläufig, bei Mehrfachgaben und höherer kumulativer Aktivität häufiger bleibend; die Metaanalysen stimmen im Zeitverlauf des FSH nicht überein [s39, s10]. Ergänzend sind die Rattendaten zu sehen: Bei 111 MBq sanken acht Tage nach der Gabe Beweglichkeit (74,58 → 18,75 %) und Lebensfähigkeit (81,91 → 18,41 %), die DNA-Fragmentierung stieg (3,08 → 14,91 %), die Konzentration blieb unverändert [s84].

Jod: Mangel und Überschuss

StudieGruppenBefund
Sun 2020 [s66] (Mensch, n = 1098)Mangel (UIC < 100 µg/l), optimal (100 bis < 200), Überschuss (≥ 200)Konzentration 41,21 / 70,86 / 57,13 Mio./ml; Gesamtzahl 128,68 / 208,92 / 175,02 Mio.; Beweglichkeit 51,75 / 51,61 / 50,78 %; Zeit bis zur Schwangerschaft bei Mangel und Überschuss länger
Partal-Lorente 2017 [s89] (Mensch, n = 96)höheres Seminal- bzw. Urinjodmehr Morphologieveränderungen (p = 0,032); weniger bewegliche Spermien im Swim-up (p = 0,044)
Shoyinka 2008 [s133] (Ratte, n = 75)0,05 (Grundfutter), 0,5, 3,0 mg/kg über 90 Tageniedrigere Spermienzahlen unter Zusatz (im Nebenhoden p < 0,05)
Chakraborty 2016 [s94] (Ratte)Hundert- und Fünfhundertfaches der empfohlenen Menge, 30 und 60 TageTestosteron niedriger, biochemische Hypothyreose bei sehr hoher Dosis
Chakraborty 2020 [s62] (Ratte)0,7 und 3,5 mg KI/100 g, 60 TageSpermienzahl und Beweglichkeit vermindert
Crissman 2000 [s165] (Ratte)neonataler und chronischer JodmangelHodengewicht +8,5 und +14,0 %, tägliche Spermienproduktion proportional erhöht
Srivastava 2022 [s49] (Rind, n = 12)0,250 / 0,375 / 0,500 ppm, 60 Tagebessere Spermienvitalität und Beweglichkeit, höheres Testosteron

Eine U-förmige Beziehung, bei der sowohl Mangel als auch Überschuss ungünstig sind, zeigt nur die chinesische Humanstudie [s66]; die Tierdaten sind uneinheitlich, und die verwendeten Dosen sind in den Rattenstudien weit höher als die übliche menschliche Aufnahme. Ein Fallbericht zu lokalem Povidon-Jod [s24] belegt keine Dosisbeziehung.

Dosis-Wirkung im Tierversuch (Schilddrüsenhormon, Hemmstoffe, Zusätze)

StudieModell und DosisstufenBefund
Kobayashi 2014 [s104]perinatales PTU 0 / 0,5 / 1,0 / 2,0 mg/kgKörpergewicht dosisabhängig niedriger bis Woche 13; Hodengewicht ab Woche 13 höher; Sertoli-Zellen von Woche 3 bis 26 erhöht
Matsumoto 2026 [s08]neonatales PTU 0,001 / 0,01 / 0,03 %GFRA1-positive Keimzellen erhöht; Lumenbildung dosisabhängig vermindert
Yao 2018 [s80]PTU 0,001 % und 0,1 %, 60 Tagenur hohe Dosis: T3 und T4 niedriger, TSH höher, Bax/Bcl-2, Caspase 9 und 3 erhöht
Zhang 2011 [s120]Ammoniumperchlorat 0 / 130 / 260 / 520 mg/kg, 80 TagefT4 in allen Gruppen niedriger; Anteil Beweglichkeitsgrad D 17 → 38 → 40 % (260 und 520 mg/kg); Testosteron unverändert
Xiao 2010 [s126]PCB153 neonatal 0,025 / 2,5 mg/kgnur die höhere Dosis senkte die tägliche Spermienproduktion mit 77 Tagen
Lee 2008 [s131]PTU-Hypothyreose plus Dibutylphthalat 100 / 500 mg/kgSchäden bei 500 mg/kg, bei hypothyreoten Tieren milder
Asker 2015 [s99]L-Thyroxin 300 µg/kg, 3 gegenüber 8 WochenNebenhodenspermienzahl und Beweglichkeit sanken zeitabhängig
Önçü 2004 [s154]Thyreoidektomie, 2 / 4 / 6 WochenFläche des Keimepithels -28,12 / -48,5 / -40,29 % gegenüber Kontrolle
Nagae 1987 [s183]Hahn: schwerer gegenüber mildem Hormonmangel (Restschilddrüse etwa 20 mg)nur bei schwerem Mangel sanken Hodengewicht, Samenvolumen und Spermienkonzentration
Krepkova 2021 [s55]Potentilla-alba-Extrakt 25 / 125 mg/kg, 60 Tagebewegliche Spermien 56,1 → 46,3 → 32,8 %; pathologische Formen 1,5 → 2,7 → 5,1 %
Salama 2025 [s22]Thyroxin im Verdünner 0,1 bis 0,9 gegenüber 2,7 und 8,1 µg/dl (Büffelbullen)niedrige Konzentrationen günstig, höhere nicht; 0,75 µg/dl am besten
Tartici 2026 [s13]Levothyroxin 0,1 bis 200 µM, 24 hIC50 121,22 (TM3) und 114,16 µM (TM4); als überphysiologisch bezeichnet
Condorelli 2019 [s69]Levothyroxin 0,9 und 2,9 pmol/l (Humanspermien)Beweglichkeit und Mitochondrienpotenzial besser, Nekrose und Lipidperoxidation niedriger

Der Schwerpunkt dieser Tabelle ist die Abhängigkeit von Dosis, Zeit und Schweregrad: Schon milde Unterschiede in der Hormonlage ändern bei Hahn [s183] und perinatalen Ratten [s104] das Ergebnis; und ein Befund wie der dosisabhängige Hodengrößenzuwachs bei neonataler Hypothyreose ist nicht gleichbedeutend mit besserer Spermienqualität (hypothyreote rdw-Ratten haben große Hoden bei Infertilität [s156, s166]).

Subgruppen

SubgruppeBefundQuelle
Alter des Mannes ≥ 35 JahreSchwangerschaftsrate 0,32 gegenüber 0,42 und Einnistungsrate 0,24 gegenüber 0,29 bei väterlicher SCH; bei Jüngeren kein Unterschied[s59]
Alter des Mannes ≥ 35 Jahreniedrigstes fT4-Tertil: Lebendgeburtenrate 0,21 gegenüber 0,30[s47]
Alter bei RadiojodFSH-Anstieg nimmt mit Alter und Dosis zu[s10]
Schilddrüsenautoimmunität (TAI)FT3-Beweglichkeitsbezug nur bei TAI-negativen Männern (Asthenozoospermie 34,7 gegenüber 42,6 %)[s16]
Azoospermie gegenüber Oligoasthenoteratozoospermiebei Azoospermie TSH und FSH höher, freies Testosteron niedriger[s64]
Primäre gegenüber sekundäre InfertilitätSchilddrüsenauffälligkeiten 41,3 % gegenüber 78,6 % (Benin City)[s17]
Phänotyp (Dhaka)Hypothyreose bei Oligo-Asthenozoospermie 70,0 %; Hyperthyreose bei Asthenozoospermie 27,3 %[s02]
Einzel- gegenüber Mehrfachbehandlung mit Radiojodbleibende Beeinträchtigung 20 % gegenüber 50 %[s100]
Jüngere gegenüber ältere Männer mit HypothyreoseHypogonadismus 40 % gegenüber 8 % ohne Hypothyreose im jüngeren Lebensabschnitt[s81]
AdipositasHypothyreose plus fettreiche Kost: stärkere Hodenschädigung (Maus); TSH, BMI, IL-6 gemeinsam mit Infertilität assoziiert[s05], [s12]
DiabetesHypothyreose plus Diabetes: Spermienzahl -75 % (Hypothyreose allein ebenfalls -75 %, Diabetes allein -10 %; Maus)[s77]
Hypo- gegenüber Hyperthyreose (Sexualfunktion)vorzeitige Ejakulation 50 % gegenüber 7,1 %; erektile Dysfunktion 14,7 % gegenüber 64,3 %[s146]

Die meisten Subgruppenbefunde beruhen auf Untergruppenanalysen ohne Interaktionstest und kleinen Zellen; sie sind Hinweise für künftige Studien, keine gesicherten Effektmodifikatoren. Der Altersbefund bei Männern ab 35 Jahren kommt aus zwei Arbeiten derselben Klinik [s59, s47].

Reversibilität

Beim Menschen, nach Behandlung der Schilddrüsenerkrankung.

StudieAusgangslageIntervallErgebnis
Clyde 1976 [s191]3 Thyreotoxikose-Patientenbis EuthyreoseSamenqualität und Hormone kehrten zur Norm zurück (Zahlen nicht berichtet)
Abalovich 1999 [s169]Graves, 6 Nachuntersuchte7 bis 19 Monate Euthyreose85 % der Samenveränderungen normalisiert
Krassas 2002 [s162]Thyreotoxikose, n = 23etwa 5 Monate EuthyreoseBeweglichkeit 28 → 45 % (p < 0,05); Dichte 35,7 → 43,3 Mio./ml (nicht signifikant); Morphologie unverändert; unabhängig von der Therapieform
Ismailov 2011 [s121]Basedow, 1 bis 8 Jahre euthyreotaktiv bewegliche Formen 25,3 → 46,9 / 50,1 / 58,8 %; Spermienzahl bleibt im Radiojodarm niedrig (34,5 Mio./ml)
Krassas 2008 [s130]Hypothyreose, n = 256 bis 9 Monate LevothyroxinMorphologie verbessert (p < 0,001); Beweglichkeit nicht signifikant
Ambigapathy 2020 [s60]Hypothyreose, n = 406 Monate Euthyreosealle Parameter gebessert (Zahlen nicht im Abstract)
Bondarenko 2014 [s107]Hypothyreose, n = 843 MonateNormozoospermie 41,2 bis 92,9 % je Gruppe; keine unbehandelte Kontrolle
Komiya 2012 [s113]Myxödemkoma, Einzelfallschrittweise nach EuthyreoseBesserung von Testosteron und Spermienzahl
Krysiak 2019 [s70]Hashimoto, Testosteron statt Schilddrüsenbehandlung6 MonateSamenparameter unverändert

Die Reversibilität ist für Hyperthyreose in drei kleinen Verlaufsstudien gezeigt [s162, s169, s121], für Hypothyreose in drei nicht kontrollierten Vorher-nachher-Studien [s130, s60, s107]; eine Erholung kann auch auf den Spontanverlauf zurückgehen, und ohne unbehandelte oder randomisierte Kontrollgruppe ist der Anteil der Behandlung nicht bestimmbar. Der Einfluss der Therapieform auf die Erholung wurde nur bei Hyperthyreose verglichen: Methimazol allein und Radiojod plus Methimazol erholten sich gleich [s162]; in der usbekischen Serie erholte sich die Spermienzahl im Radiojodarm (n = 11) nicht signifikant, in den anderen Armen schon [s121].

Nach Radiojod: Erholung nach 13 bis 18 Monaten bei Einzelgaben [s168, s73], bleibende FSH-Erhöhung bei einem Teil der Männer nach Mehrfachgaben [s176, s100, s151], kein Unterschied zur Referenzbevölkerung median 5,8 Jahre danach (kein Vergleich mit Ausgangswerten) [s57], Azoospermie mit Erholung nach 13 Monaten im Einzelfall [s06].

Im Tierversuch ist die Reversibilität uneinheitlich. Vollständig reversibel war die Infertilität der hypothyreoten rdw-Ratte unter Thyroxin (Fertilität der Nebenhodenspermien in vivo und in vitro wiederhergestellt) [s166]; unter Thyroxinbehandlung ab Woche 3 wurden nach Woche 16 alle verpaarten Weibchen trächtig [s156]; die Spermienausbeute des Kaninchens erreichte nach der T3-Gabe 88 % des Ausgangswerts [s160]. Nicht reversibel waren dagegen die verminderte Spermienzahl und Beweglichkeit bei präpubertär hyperthyreoten Ratten nach Absetzen von T4 [s174] und die Befunde nach Thyreoidektomie am Tag 30, die 30 Tage T4-Ersatz nicht wiederherstellte [s175]. Folsäure verbesserte die Spermatogenese hypothyreoter Ratten besser nach Wiederherstellung der Euthyreose als bei gleichzeitiger Gabe [s117]; T3 stellte die mitochondriale Thiol-Redoxlage nicht wieder her [s124].

Was die Daten tragen

Die Befunde stützen am besten folgende Aussagen: (1) Bei unbehandelter Thyreotoxikose ist in kleinen kontrollierten Studien die Spermienbeweglichkeit vermindert, und sie bessert sich unter Euthyreose [s162, s121]. (2) Bei Hypothyreose sind Testosteron und teils Morphologie oder Beweglichkeit betroffen; die Befunde sind zwischen den Studien nicht einheitlich [s130, s180, s60]. (3) Radiojod beeinträchtigt die Spermatogenese dosis- und zeitabhängig; die Erholung ist bei Einzelgaben die Regel, bei Mehrfachgaben nicht gesichert [s168, s73, s100]. (4) Die Zusammenhänge im Normbereich der Schilddrüsenhormone sind klein und nicht kausal belegt [s07, s16, s46, s36]. Ob die Behandlung einer Schilddrüsenerkrankung die Spermienqualität verbessert, ist ohne randomisierte Studien nicht entschieden. Die Literatur zu Hashimoto-Thyreoiditis und zu Jodmangel beim Mann ist dünn; sie beruht auf wenigen Arbeiten, und eine klare Aussage ist nicht möglich.

Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Genetische Epidemiologie: Mendelsche Randomisierung und Hyperthyreose beim Mann
  6. Hypothyreose beim Mann: klinische Serien mit Samenanalyse und Subklinische Hypothyreose und Schilddrüsenwerte innerhalb der Referenzbereiche: Querschnitts- und Kohortenstudien
  7. Prävalenz von Schilddrüsenstörungen und Autoimmunität bei Männern mit Fertilitätsproblemen bis Autoimmunthyreoiditis: kleine Behandlungsbeobachtungen
  8. Radiojod bei Schilddrüsenkrebs und Hyperthyreose: Kohorten und Fallberichte und Zusammenfassende Einordnung der Beobachtungsstudien
  9. Hyperthyreose beim Mann: Hormonachse und Samenparameter bis Übersichtsarbeiten
  10. In-vitro-Studien an menschlichen Spermien und Zellkulturen bis Befunde, die sich widersprechen
  11. Mechanismen und biologische Plausibilität
  12. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  13. Englisch bis Spanisch
  14. Chinesisch bis Arabisch
  15. Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis
  22. Diagramme
  23. Quellen
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle