Schilddrüsenerkrankungen und Spermienqualität · Kapitel 18 von 21

Offene Forschungsfragen

Die folgenden Fragen ergeben sich aus den Lücken und Widersprüchen der ausgewerteten Literatur. Sie sind Fragen an die Forschung und keine Handlungsaussagen.

1. Wirkt die Behandlung einer Schilddrüsenerkrankung auf die Spermienqualität, und wie stark? Die vorhandenen Vorher-nachher-Studien zeigen nach Erreichen der Euthyreose Verbesserungen, etwa der Beweglichkeit bei Thyreotoxikose [s162] und mehrerer Parameter bei manifester Hypothyreose [s60]. Ohne unbehandelte oder mit Placebo behandelte Vergleichsgruppe lässt sich der Effekt nicht vom Spontanverlauf und von der zyklischen Erneuerung der Spermatogenese trennen. Eine randomisierte oder zumindest prospektiv kontrollierte Studie mit definierter Nachbeobachtung über mehrere Spermatogenesezyklen fehlt.

2. Gibt es einen Effekt der subklinischen Hypothyreose, und über welchen Weg? Die größte Studie findet einen höheren Anteil auffälliger DNA-Fragmentierung, aber keinen signifikanten Unterschied des mittleren DFI [s50]; eine zweite Auswertung derselben Klinik findet gleiche Samenparameter, aber niedrigere Schwangerschafts- und Einnistungsraten bei Männern ab 35 Jahren [s59]. Unklar ist, ob die Altersabhängigkeit ein echtes Phänomen ist oder ein Artefakt kleiner Untergruppen. Offen ist auch, ob der Befund in unabhängigen Zentren und anderen Bevölkerungen reproduzierbar ist; eine zweite, unabhängige Gruppe mit denselben Definitionen würde die Frage klären.

3. Wie verhalten sich Hashimoto-Thyreoiditis und Schilddrüsenautoimmunität? Die Datenlage besteht aus wenigen Studien: TPO-Antikörper korrelierten in einer österreichischen Kohorte knapp signifikant mit Pathozoospermie und Asthenozoospermie [s164], in Brüssel gab es keinen Unterschied der Autoimmunität zwischen Männern mit normalen und abnormen Samenmerkmalen [s143], in einer chinesischen Kohorte trat der Zusammenhang von FT3 und Beweglichkeit nur bei TAI-negativen Männern auf [s16]. Es fehlen kontrollierte Studien mit euthyreoten Männern mit und ohne Antikörper, einheitlich definierten Titerschwellen und Spermiogramm sowie DNA-Integrität. Ob Antikörper, Entzündung oder Begleitfaktoren (zum Beispiel Prolaktin) einen Beitrag leisten, ist ungeklärt.

4. Jod: Wie sieht die Dosis-Wirkungs-Beziehung beim Menschen aus? Es liegt eine große Querschnittsstudie mit U-förmigem Zusammenhang vor [s66], eine kleine Studie mit ungünstigerem Befund bei höherem Jod [s89] und ein Scoping Review mit begrenzter Evidenz [s20]. Prospektive Studien mit wiederholten Jodmessungen, gemessenen Schilddrüsenhormonen (in [s66] nicht erhoben) und Samenparametern fehlen, ebenso eine Prüfung der historischen Hypothese zum Spermienzahlrückgang [s155] anhand von Individualdaten statt ökologischer Korrelation.

5. Wie lässt sich der Widerspruch zwischen Mendelscher Randomisierung und Beobachtungsstudien auflösen? Die Mendelsche Randomisierung betrifft die Diagnose Infertilität und Menschen europäischer Abstammung [s36]. Mendelsche Analysen mit Spermienparametern als Ergebnisgröße und in ostasiatischen Bevölkerungen würden die Frage genauer beantworten. Offen ist außerdem, ob nichtlineare Zusammenhänge, wie die biphasische Beziehung zwischen TSH und Spermienkonzentration mit Gipfel bei TSH 1,22 µIU/ml in [s46], mit linearen genetischen Instrumenten überhaupt erfasst werden.

6. Welche Rolle spielen Störfaktoren? TSH, Adipositas und Entzündung sind in einer Fall-Kontroll-Studie gemeinsam verändert [s12]; TSH korrelierte mit Prolaktin (r = 0,199) [s04]; Phthalatexposition hing mit fT4 und Morphologie zusammen, wobei fT4 17 % des Zusammenhangs vermittelte [s79]. Studien, die Adipositas, Prolaktin, Alter, Umweltstoffe und Schilddrüsenstatus gemeinsam modellieren, fehlen in der ausgewerteten Literatur.

7. Was geschieht bei Hyperthyreose über die Beweglichkeit hinaus? Die kontrollierten Studien sind klein [s162, s169]; die subklinische Hyperthyreose ist nur in einer Metaanalyse ohne quantifizierte Samenbefunde im Abstract behandelt [s27]. Spermien-DNA-Integrität, Oxidationsmarker im Seminalplasma und der Beitrag des SHBG-vermittelt niedrigen freien Testosterons zur Spermatogenese sind offen.

8. Welche Mechanismen sind beim erwachsenen Menschen relevant? Die Grundlagenliteratur beschreibt Wirkungen von Schilddrüsenhormon auf Sertoli-Zellen, Leydig-Zellen und Keimzellen [s134, s157, s127]; ihre Rolle im erwachsenen Hoden gilt als umstritten [s127]. In vitro wirken niedrige Levothyroxin-Konzentrationen günstig auf menschliche Spermien [s69], hohe schädlich [s91, s150]; in [s91] sind die Dosierungen im Abstract nicht genannt, in [s150] liegen sie weit über physiologischen Werten, sodass offen bleibt, welche Konzentrationen den Verhältnissen im Seminalplasma entsprechen.

9. Radiojod: Wie groß ist das Risiko bleibender Schäden, und welche Rolle spielen Dosis und Alter? Die Metaanalysen widersprechen sich im Zeitverlauf des FSH [s39, s10]; Studien mit langer Nachbeobachtung und mit hohen kumulativen Aktivitäten liegen nur vereinzelt vor [s57, s176, s100]. Chromosomale Spermienanomalien wurden in einer Studie nach 3 und 13 Monaten erhöht gefunden, eine DNA-Fragmentierung dort nicht [s73]; bei einem Einzelfall war der DFI erhöht [s101]. Angaben zu Nachkommen liegen nur aus einer retrospektiven Analyse mit 106 Kindern von 59 Patienten vor [s161]. Unklar ist auch, ob Hyperthyreose-Patienten mit niedrigeren Aktivitäten ein anderes Muster zeigen als Karzinom-Patienten [s140, s128].

10. Wie lassen sich Studien international vergleichbar machen? Gebraucht werden einheitliche WHO-Auflagen, vorab registrierte Protokolle, Angabe von Konfidenzintervallen und Zugriff auf Individualdaten. Offen ist außerdem, ob sich die Unterschiede in der Prävalenz manifester Hypothyreose zwischen Nigeria und Mitteleuropa [s17, s164, s143] durch Auswahl, Jodversorgung, Methoden oder Behandlungszugang erklären.

Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Genetische Epidemiologie: Mendelsche Randomisierung und Hyperthyreose beim Mann
  6. Hypothyreose beim Mann: klinische Serien mit Samenanalyse und Subklinische Hypothyreose und Schilddrüsenwerte innerhalb der Referenzbereiche: Querschnitts- und Kohortenstudien
  7. Prävalenz von Schilddrüsenstörungen und Autoimmunität bei Männern mit Fertilitätsproblemen bis Autoimmunthyreoiditis: kleine Behandlungsbeobachtungen
  8. Radiojod bei Schilddrüsenkrebs und Hyperthyreose: Kohorten und Fallberichte und Zusammenfassende Einordnung der Beobachtungsstudien
  9. Hyperthyreose beim Mann: Hormonachse und Samenparameter bis Übersichtsarbeiten
  10. In-vitro-Studien an menschlichen Spermien und Zellkulturen bis Befunde, die sich widersprechen
  11. Mechanismen und biologische Plausibilität
  12. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  13. Englisch bis Spanisch
  14. Chinesisch bis Arabisch
  15. Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis
  22. Diagramme
  23. Quellen
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle