Hormonelle Fertilitätstherapie beim Mann · Kapitel 18 von 22

Offene Forschungsfragen

Die folgenden Fragen ergeben sich aus den Lücken und Widersprüchen der ausgewerteten Literatur. Sie sind Fragen an die Forschung, keine Aussagen über das, was für einzelne Männer gilt.

  1. Wirkt eine Hormonvorbehandlung bei NOA überhaupt, und für wen? Die Metaanalyse findet einen Vorteil nur bei normogonadotropen Männern [s119], mehrere große Kohorten finden keinen [s03, s165]. Die einzige im ausgewerteten Material identifizierte geplante randomisierte Prüfung ist das Protokoll einer multizentrischen Studie zu hCG mit oder ohne FSH bei idiopathischer NOA mit biochemischem Hypogonadismus (Registrierung NCT07540611) [s08]; Ergebnisse liegen nicht vor. Offen ist, ob sich Gruppen nach dem Hormonstatus (APHRODITE) tatsächlich unterschiedlich verhalten und ob die Einteilung prospektiv bestätigt werden kann [s13, s14, s15].
  2. Welche Endpunkte zählen? Für Clomifen, Letrozol und Anastrozol fehlen randomisierte Studien mit Lebendgeburt als Endpunkt; für FSH beruht die Lebendgeburt auf einer Studie mit 30 Teilnehmern [s217]. Offen ist außerdem, ob ein Anstieg in einer WHO-Konzentrationskategorie [s30] für Paare eine relevante Veränderung bedeutet. Eine türkische Umfrage fand, dass Erfolgsdefinitionen in der Praxis sehr uneinheitlich sind und die Lebendgeburt nicht gesondert erfragt wurde [s05]; ein standardisierter Satz von Kernendpunkten fehlt.
  3. Dosis, Dauer und Schema. Die Netzwerk-Metaanalyse beschreibt bei SERMs eine umgekehrte, bei FSH eine direkte Dosis-Wirkungs-Tendenz, stützt sich dabei aber auf wenige Studien je Dosisstufe [s57]. Dosisvergleiche bei FSH (75 gegenüber 150 IE; tägliche gegenüber dreimal wöchentliche Gabe) sind klein und retrospektiv [s147, s128]. Bei HH ist offen, welches Schema (gleichzeitiger Beginn oder FSH-Vorbehandlung, wöchentliche oder zweimal wöchentliche Gabe, zusätzliche Testosterongabe) die Zeit bis zu den ersten Spermien verkürzt [s48, s25, s136, s209].
  4. Vorhersage des Ansprechens. Diskutiert werden Inhibin B [s200, s178], das Verhältnis von Testosteron zu Estradiol [s121, s114, s126, s242], Ausgangs-FSH und -LH [s113, s157], das Verhältnis von Testosteron zu LH [s102], testikuläre FSH-Rezeptoren [s262], der Androgenrezeptor im Hoden [s211] und das Ausgangshodenvolumen bei HH [s156, s136, s69]. Für keinen Marker gibt es nach den ausgewerteten Quellen eine prospektiv und unabhängig bestätigte Schwelle; teils widersprechen sich die Befunde (Inhibin B in [s200] gegenüber [s178]; T/E2-Auswahl in [s121]).
  5. FSH-Pharmakogenetik. Die genetische Bestimmung von FSHB- und FSHR-Varianten wird nur für Forschungszwecke empfohlen, die Daten sind nicht schlüssig [s56, s18]; in einer Responderstudie unterschieden zwei FSHR-Genotypen Responder nicht von Nichtrespondern [s159]. Ebenso offen sind die Rolle von CYP19A1-Polymorphismen bei Aromatasehemmern [s144] und von CYP2D6*10 bei Tamoxifen [s208].
  6. Langzeitsicherheit. Offen sind die Knochendichte unter Aromatasehemmern bei Männern mit Kinderwunsch [s109], Thromboembolien unter Tamoxifen [s161], Chromatin- und DNA-Schäden unter Tamoxifen (bisher im Mausmodell [s173, s174]), die Bedeutung des Fallberichts zu hochdosiertem Clomifen [s155], die Fruchtbarkeit nach Aromatasehemmer-Behandlung im Jugendalter (zehn Männer mit überwiegend normalen Befunden [s11]) und das Verhalten der Hormonachse nach Absetzen (Testosteronanstiege unter Aromatasehemmern kehrten nach Übersichtsangaben meist zurück [s06]). Für Clomifen bei Hypogonadismus gibt es große Beobachtungsdaten zu kardiovaskulären Ereignissen [s31], aber ohne Fertilitätsendpunkte und mit Verzerrungsgefahr.
  7. Wer verschlechtert sich? Eine Minderheit zeigt unter Clomifen Rückgänge [s130, s28, s113]. Ob Vorhersagefaktoren existieren (niedrige Ausgangskonzentration [s28], niedrige Gonadotropine [s113]) und ob Verschlechterungen mehr als natürliche Schwankung sind, ist ohne Kontrollgruppen nicht entscheidbar.
  8. Enclomifen und neue Substanzen. Enclomifen hielt in randomisierten Studien an Männern mit sekundärem Hypogonadismus die Spermienzahlen aufrecht [s223, s195, s214]; die Studien waren klein oder kurz, Schwangerschaftsendpunkte fehlen, und in einer retrospektiven Vergleichsstudie mit Clomifen änderten sich Ejakulatvolumen und Konzentration in keiner der beiden Gruppen signifikant [s103]. Ein FSH-verstärkender Antikörper [s47] und ein lang wirksames FSH [s98] sind nur präklinisch untersucht; ein niedermolekularer LH-Rezeptor-Agonist wurde nur in Ratten gegen hCG verglichen [s150, s108].
  9. GnRH-Pumpe gegenüber Gonadotropinen. Eine Metaanalyse fordert randomisierte Studien [s143]; alle bisherigen Vergleiche sind nach den Abstracts nicht randomisiert [s202, s189, s177, s69, s96]. Bei Hypophysenstiel-Unterbrechungssyndrom sind die Befunde uneinheitlich [s96].
  10. Testosterongabe und Fertilitätserhaltung. Die Rolle von niedrig dosiertem hCG, Clomifen oder Enclomifen zur Erhaltung der Spermatogenese unter Testosteronersatz beruht auf Übersichten und retrospektiven Daten [s43, s78, s129, s62, s61]. Offen sind kontrollierte Studien und die Frage, wie lange die Erholung nach Absetzen dauert und wie sie von Alter und Dauer der Testosterongabe abhängt [s187, s219, s175].
  11. Lücken außerhalb der englischsprachigen Literatur. Studien in nicht indizierten chinesischen, russischen, arabischen und lateinamerikanischen Zeitschriften sind in dieser Studie nicht erfasst; ob sie das Bild verändern, ist unbekannt.
  12. Methodische Aufgaben. Notwendig wären prospektiv registrierte, placebokontrollierte Studien mit ausreichender Größe, vorab definierten Endpunkten, Berichterstattung der Konfidenzintervalle und der Ausfälle sowie möglichst wenig Kombinationstherapien in den Studienarmen; mehrere Autoren fordern große randomisierte Studien ausdrücklich [s119, s111, s153, s143].
Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Übersicht der Metaanalysen und systematischen Übersichten bis Hypogonadotroper Hypogonadismus (HH)
  5. Hypogonadismus (Testosteronmangel) und SERM: indirekt fertilitätsrelevante Übersichten bis Zusammenschau der Metaanalysen und Übersichten
  6. Hypogonadotroper Hypogonadismus: westliche, australische und türkische Kohorten bis Hypogonadotroper Hypogonadismus: Japan, Korea, Taiwan und weitere Länder
  7. Nicht-obstruktive Azoospermie: Hormonvorbehandlung und Salvage-Therapie bei Beobachtungsstudien bis Idiopathische und unerklärte Oligo-, Astheno- und Teratozoospermie: Aromatasehemmer
  8. Idiopathische Oligo-, Astheno- und Teratozoospermie: FSH, hMG, hCG und Kombinationen bis Zusammenschau der Beobachtungsstudien
  9. Vorbemerkung zu Grundlage und Grenzen bis Clomifen, Tamoxifen und Enclomiphen
  10. Aromatasehemmer (Letrozol, Anastrozol, Testolacton) bis Hypogonadotroper Hypogonadismus: Gonadotropine und GnRH-Pumpe
  11. Nicht-obstruktive Azoospermie: Hormonvorbehandlung vor der Spermiengewinnung bis Einordnung der Studienlage und Besonderheiten der Quellenräume
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Chinesisch
  15. Japanisch bis Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 2)
  22. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 2)
  23. Diagramme
  24. Quellen s01–s133
  25. Quellen s134–s263
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle