Hormonelle Fertilitätstherapie beim Mann · Kapitel 1 von 22

Das Wichtigste in Kürze

Für jeden Kernbefund stehen zwei Einordnungen. Die Evidenzstärke beschreibt, aus welchen Studientypen der Befund stammt. Die Gewissheit beschreibt, wie sicher die Richtung und Größe des Befunds nach den vorliegenden Daten ist. Wo ein Gütegrad in der Quelle selbst genannt wird (zum Beispiel GRADE in der Cochrane-Übersicht), wird er so wiedergegeben. In allen anderen Fällen ist die Einordnung eine Einschätzung der Verfasser dieser Zusammenfassung auf Grundlage der im Abstract genannten Designmerkmale und ersetzt keine formale Risikobewertung.

  1. Hypogonadotroper Hypogonadismus (HH): Gonadotropine induzieren bei den meisten Männern Spermien im Ejakulat. Gepoolt 74 % (66 bis 82 %) mit mittlerer Zeit bis zu Spermien von 11,8 Monaten und Schwangerschaftsrate 52 % (42 bis 62 %) bei Paaren mit Kinderwunsch [s21]; hCG plus FSH 86 % gegenüber hCG allein 40 % [s72]. Eine retrospektive Kohorte von 35 Männern fand 78 % gegenüber 33 % [s22]. Die erreichten Spermienkonzentrationen liegen meist unter den WHO-Werten [s77, s196]. Evidenzstärke: große Zahl unkontrollierter Kohorten und Metaanalysen daraus, wenige kleine randomisierte Studien. Gewissheit: hoch für die Richtung (eigene Einschätzung), mittel für die genauen Anteile, da die Studienqualität überwiegend als schlecht bewertet wurde [s21].
  1. FSH bei idiopathischer Infertilität mit normalen Gonadotropinen: Spermienzahl und spontane Schwangerschaftsrate steigen in Metaanalysen, Lebendgeburtendaten fehlen praktisch. Cochrane: spontane Schwangerschaft 16 % gegenüber 7 % (Peto-OR 4,94; 2,13 bis 11,44), Evidenz mäßiger Qualität; Lebendgeburt 27 % gegenüber 0 % (eine Studie, 30 Männer), Evidenz sehr niedriger Qualität; kein Unterschied bei ICSI oder Insemination [s217]. Metaanalyse von Santi 2015: spontane Schwangerschaft OR 4,5 (2,17 bis 9,33), nach assistierter Reproduktion OR 1,60 (1,08 bis 2,37) [s205]. Neueste Übersicht: „bescheiden und kurzfristig“, Übertragung auf Schwangerschaft unsicher [s24]. Evidenzstärke: randomisierte und nicht-randomisierte Studien, kleine Fallzahlen. Gewissheit: niedrig bis mittel.
  1. Clomifen und Tamoxifen bei idiopathischer Infertilität: widersprüchliche Übersichten. Netzwerk-Metaanalyse: Konzentrationszunahme bei Clomifen 25 mg jeden zweiten Tag um 22,0 (14,75 bis 29,25) [s57]; Metaanalyse von 11 Studien: Schwangerschafts-OR 2,42 (1,47 bis 3,94) [s220]; Netzwerk nur randomisierter Studien: kein Vorteil gegenüber Placebo [s71]; zehn randomisierte Studien: Schwangerschaft 10,4 % gegenüber 7,1 %, OR 1,30 (0,27 bis 6,17) [s49]. Evidenzstärke: viele kleine Studien, kaum Placebokontrollen. Gewissheit: niedrig.
  1. Aromatasehemmer (Letrozol, Anastrozol): Hormon- und Spermienwerte bessern sich überwiegend in unkontrollierten Studien; eine größere randomisierte Studie zeigt einen kleinen Effekt auf eine Kategorie. Randomisierte Studie, 296 Männer, drei Monate: Hochstufung der WHO-Konzentrationskategorie 14,3 % gegenüber 5,4 % (Risikodifferenz 9,2 %; 2,5 bis 15,8 %), kein signifikanter Unterschied der Spermaparameter, Libidominderung 12,2 % gegenüber 5,4 % [s30]. Evidenzstärke: eine mittelgroße randomisierte Studie, viele unkontrollierte Serien. Gewissheit: niedrig.
  1. Hormonvorbehandlung vor Spermiengewinnung bei nicht-obstruktiver Azoospermie (NOA): kein belegter Nutzen. Metaanalyse mit 1706 Männern: OR 1,96 (1,08 bis 3,56), Evidenz niedrig, nur bei normogonadotropen Männern signifikant [s119]; große chinesische Kohorte: 31,2 % gegenüber 19,5 % (adjustierte OR 1,59; 1,02 bis 2,52), aber ohne Unterschied bei Lebendgeburten [s116]; Kohorte mit 1256 Männern und Studie mit 152 Männern: kein Vorteil [s02, s03]. Eine randomisierte Studie liegt als Protokoll vor [s08]. Evidenzstärke: Beobachtungsstudien und eine Metaanalyse dieser Studien. Gewissheit: niedrig; die Autoren der Metaanalyse selbst sehen keine Grundlage für eine routinemäßige Anwendung [s119].
  1. Ein Teil der Männer verschlechtert sich unter Clomifen. Übersicht aus 11 Studien (384 Männer): Abnahme der Spermienzahl bei 19 %, der Konzentration bei 21 %, der Beweglichkeit bei 17 %, der Gesamtzahl beweglicher Spermien bei 24 %; bei bis zu 17 % keine Erholung nach Absetzen [s130]. Kohorte mit 166 Männern: 29 % paradoxer Rückgang der Konzentration [s28]. Evidenzstärke: Beobachtungsdaten ohne Kontrollgruppe. Gewissheit: niedrig für die Größenordnung, weil natürliche Schwankungen nicht abgrenzbar sind.
  1. Exogenes Testosteron unterdrückt die Spermienbildung; hCG ist eine untersuchte Alternative. In beiden großen Leitlinien steht, dass Testosteron bei Kinderwunsch nicht verordnet werden soll [s12, s138]; koreanische Fallserien zeigen Erholung der Werte nach Absetzen [s175, s219]; in einer retrospektiven Kohorte von 77 Männern mit früherer Testosterontherapie besserte hCG plus FSH bei 74 % die Konzentration [s62]. Evidenzstärke: Leitlinien-Konsens und Fallserien. Gewissheit: hoch für die Unterdrückung (eigene Einschätzung), niedrig für die Erholungsbehandlung.
  1. hCG nach Varikozelenoperation: widersprüchliche, schwach gestützte Befunde. Zwei iranische randomisierte Studien berichten höhere Schwangerschaftsraten unter Hormongabe nach der Operation, in der größeren 61,5 % gegenüber 22,7 % nach zwei Jahren [s179, s226]; die zusammenfassende Übersicht nennt für die Schwangerschafts-Odds-Ratio nach drei Monaten 34,49 mit einem Konfidenzintervall von 1,88 bis 632,45 [s59]. Evidenzstärke: kleine randomisierte Studien, Auswertung ohne Verblindung im Abstract erkennbar. Gewissheit: sehr niedrig.
  1. Die klinisch entscheidenden Endpunkte fehlen. Lebendgeburten werden für Clomifen, Letrozol und Anastrozol in keiner gesichteten randomisierten Studie berichtet, für FSH nur in einer Cochrane-Studie mit 30 Männern [s217]. Meist werden Ersatzmaße wie Konzentration, Hormonwerte oder Hodenvolumen berichtet.
  1. Die Evidenz insgesamt ist schwach. Umbrella-Review: keiner von 90 Effekten mit hoher Evidenzqualität, 48 mit mittlerer, 23 mit niedriger, 19 mit sehr niedriger [s95]; von zehn bewerteten Leitlinien wurde nur eine als „empfehlenswert“ eingestuft [s50]. Die WHO-Leitlinie 2025 enthält nach den abgerufenen Abstracts keine Empfehlung zu hormonellen Therapien beim Mann; ein Vergleich mit anderen Leitlinien nennt die Stärkung der Evidenz für häufig angewendete Interventionen einschließlich Hormontherapien als offene Aufgabe [s01, s16, s33].
  1. Die Literatur ist überwiegend englischsprachig. In französischer, deutscher, italienischer, portugiesischer und spanischer Sprache fand sich keine randomisierte Studie zu den sechs Wirkstoffen; die große Mehrzahl der Primärstudien erscheint auf Englisch, auch aus China, Japan, Korea, der Türkei und dem arabischen Raum. Nicht durchsuchbare Datenbanken lassen eine Lücke offen (Abschnitt „Aufbau und Methodik“).
Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Übersicht der Metaanalysen und systematischen Übersichten bis Hypogonadotroper Hypogonadismus (HH)
  5. Hypogonadismus (Testosteronmangel) und SERM: indirekt fertilitätsrelevante Übersichten bis Zusammenschau der Metaanalysen und Übersichten
  6. Hypogonadotroper Hypogonadismus: westliche, australische und türkische Kohorten bis Hypogonadotroper Hypogonadismus: Japan, Korea, Taiwan und weitere Länder
  7. Nicht-obstruktive Azoospermie: Hormonvorbehandlung und Salvage-Therapie bei Beobachtungsstudien bis Idiopathische und unerklärte Oligo-, Astheno- und Teratozoospermie: Aromatasehemmer
  8. Idiopathische Oligo-, Astheno- und Teratozoospermie: FSH, hMG, hCG und Kombinationen bis Zusammenschau der Beobachtungsstudien
  9. Vorbemerkung zu Grundlage und Grenzen bis Clomifen, Tamoxifen und Enclomiphen
  10. Aromatasehemmer (Letrozol, Anastrozol, Testolacton) bis Hypogonadotroper Hypogonadismus: Gonadotropine und GnRH-Pumpe
  11. Nicht-obstruktive Azoospermie: Hormonvorbehandlung vor der Spermiengewinnung bis Einordnung der Studienlage und Besonderheiten der Quellenräume
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Chinesisch
  15. Japanisch bis Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 2)
  22. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 2)
  23. Diagramme
  24. Quellen s01–s133
  25. Quellen s134–s263
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle