Lesehilfe: Fragestellungen, Vergleichsgruppen und typische Schwächen
Die Beobachtungsstudien lassen sich nach der Frage ordnen, die sie tatsächlich beantworten. Eine erste Gruppe misst die Samenqualität unmittelbar (Spermiogramm, Spermien-DNA, Hormone); sie ist klein und besteht überwiegend aus Gruppen mit 7 bis 50 Männern. Eine zweite Gruppe misst Fruchtbarkeit als Kinderzahl oder Geburt (Registerstudien); sie ist groß, sagt aber nichts über einzelne Spermienparameter. Eine dritte Gruppe betrifft die Kinder (Fehlbildungen, Frühgeburt, Geburtsgewicht) nach väterlicher Erkrankung oder Medikamenteneinnahme. Eine vierte Gruppe misst Hormone und Sexualfunktion. Eine fünfte besteht aus genetischen Zusammenhangsanalysen (Mendelsche Randomisierung), eine sechste aus Meldedatenbanken und Befragungen. Die typischen Schwächen sind in allen Gruppen ähnlich: Krankheitsaktivität und Medikament lassen sich kaum trennen, weil kranke Männer ohne Medikament selten als Vergleich dienen; viele Studien vergleichen mit gesunden Freiwilligen oder Spendern; die Beobachtungsdauer (meist 3 bis 6 Monate) reicht kaum über einen Spermatogenesezyklus hinaus; Konfidenzintervalle fehlen in den meisten Spermienstudien. Die Studien sind nach dem Wirkstoff oder der Erkrankung geordnet, die im Mittelpunkt steht.
Zöliakie
Farthing et al. 1982 (Gut), Teil 1 der Reihe „Male gonadal function in coeliac disease“ [s298]. Querschnittsstudie an 28 aufeinanderfolgenden Männern mit Zöliakie, verglichen mit 19 Männern mit Morbus Crohn ähnlichen Alters und Ernährungszustands. Zwei der 28 (7 Prozent) hatten klinischen Hypogonadismus; Impotenz und verminderte sexuelle Aktivität waren häufiger, Letztere besserte sich offenbar nach Glutenentzug. Von den verheirateten Zöliakiepatienten hatten 19 Prozent eine unfruchtbare Ehe, mehr als in der Allgemeinbevölkerung erwartet. Das Ejakulat zeigte deutliche Störungen von Morphologie und Beweglichkeit; nur die Morphologie besserte sich nach Glutenentzug. Ähnliche Störungen fanden sich bei Morbus Crohn, dort hatten 46 Prozent zusätzlich eine verminderte Spermienkonzentration. Antispermien-Antikörper schienen keine wesentliche Rolle zu spielen. Stärken: aufeinanderfolgende Patienten, Vergleichsgruppe mit ähnlichem Ernährungszustand. Schwächen: 28 und 19 Männer, die Vergleichsgruppe war selbst krank (Crohn), keine Angabe zur Dauer der Glutenfreiheit, keine Konfidenzintervalle, keine gesunde Kontrolle. Einordnung: Die Studie zeigt ähnliche Samenstörungen bei zwei Darmerkrankungen, was für einen Einfluss der chronischen Darmerkrankung allgemein spricht und nicht für etwas, das nur die Zöliakie betrifft.
Farthing et al. 1983 (Gut), Teil 2: Sexualhormone [s297]. Bei 41 Männern mit Zöliakie wurden Testosteron, Dihydrotestosteron, Sexualhormon-bindendes Globulin, Östradiol und LH gemessen und mit 19 ernährungsgleichen Männern mit Morbus Crohn sowie Männern mit rheumatoider Arthritis und Hodgkin-Lymphom verglichen. Unbehandelte Zöliakie zeigte erhöhtes Testosteron und einen erhöhten freien Testosteronindex, erniedrigtes Dihydrotestosteron und erhöhtes LH, also ein Muster der Androgenresistenz, das in keiner Vergleichsgruppe auftrat und sich mit besserer Zottenmorphologie normalisierte. Die Verbindung zur gestörten Spermatogenese blieb ungeklärt. Schwächen: keine Zahlenwerte im Bericht, Querschnitt, keine gesunden Kontrollen.
Zugna et al. 2011 (Schweden; Fertility and Sterility) [s243]. Landesweite Registerkohorte: 7.121 Männer im Alter von 18 bis 54 Jahren mit biopsiegesicherter Zöliakie (Marsh III) gegen 31.677 altersgleiche Kontrollen. Die Männer mit Zöliakie hatten 9.935 Kinder, die Kontrollen 42.245. Die Hazard Ratio für Fruchtbarkeit, adjustiert für Alter, Kalenderzeitraum und Parität und stratifiziert nach Bildung, lag bei 1,02 (95-%-KI 0,99 bis 1,04). Die Autoren schließen auf normale Fruchtbarkeit bei Männern mit diagnostizierter Zöliakie. Stärken: Größe, Biopsiediagnose, Registerdaten. Schwächen: Fruchtbarkeit nur als Kinderzahl, keine Samenanalyse; in der Kontrollgruppe können nicht diagnostizierte Fälle sein; die Studie sagt wenig über Männer mit unbehandelter Zöliakie und nichts über Spermienparameter. Einordnung: Die enge Konfidenz um 1,0 spricht gegen einen großen Einfluss der diagnostizierten Zöliakie auf die Kinderzahl.
Kiani et al. 2024 (Iran; Cell Journal) [s56]. Fall-Kontroll-Studie mit 10 Männern mit gesicherter Zöliakie und 11 fruchtbaren Männern ohne Zöliakie. Die Standardparameter nach WHO 2010 unterschieden sich nicht signifikant. Dagegen waren die Chromatinreifung (persistierende Histone, Protamin-Mangel; Färbungen mit Anilinblau und Chromomycin A3) und die DNA-Schäden (Spermienchromatin-Struktur-Test) bei Zöliakie signifikant höher (p kleiner als 0,05), die Vitalität signifikant niedriger (p kleiner als 0,05); Lipidperoxidation (Malondialdehyd) und intrazelluläre reaktive Sauerstoffspezies unterschieden sich nicht. Die Autoren folgern, die Zöliakie beeinträchtige Chromatinreifung und DNA-Fragmentierung der Spermien. Stärken: Spezialtests zur Spermienchromatin. Schwächen: 10 und 11 Männer, im Abstract keine Angaben zur Glutenfreiheit und Krankheitsaktivität, keine Effektgrößen oder Konfidenzintervalle; bei vielen Einzelvergleichen steigt die Chance zufälliger Befunde. Einordnung: Die einzige Samenstudie bei Zöliakie neben Farthing 1982; die unveränderten Standardwerte bei auffälligen Spezialtests passen zu einem Befund, den eine Routineuntersuchung nicht zeigen würde, ohne dass seine klinische Bedeutung bekannt ist.
Väterliche Zöliakie und Kinder. Ludvigsson et al. 2006 (Schweden; Scandinavian Journal of Gastroenterology) [s258]: Registerkohorte mit 1.059 Kindern von Männern mit Zöliakie (554 mit Diagnose vor der Geburt, 505 nach der Geburt). Bei nicht diagnostizierter väterlicher Zöliakie war das Kaiserschnittrisiko erhöht (adjustierte OR 1,83; 95-%-KI 1,13 bis 2,95; p = 0,014), sonst fanden sich keine ungünstigen Ausgänge: intrauterine Wachstumsretardierung OR 1,37 (0,91 bis 2,07), niedriges Geburtsgewicht 1,41 (0,93 bis 2,12), sehr niedriges Geburtsgewicht 1,21 (0,39 bis 3,77), Frühgeburt 1,10 (0,74 bis 1,62), sehr frühe Frühgeburt 0,62 (0,09 bis 4,40). Die Autoren halten den Kaiserschnittbefund für möglicherweise durch Mehrfachtests erklärt. Khashan et al. 2010 (Dänemark; Paediatric and Perinatal Epidemiology) [s244]: Kinder von Männern ohne Zöliakie (n = 1.472.352) gegen Kinder von Vätern mit unbehandelter (n = 138; Diagnose nach der Zeugung) und behandelter Zöliakie (n = 473). Unbehandelte väterliche Zöliakie: Geburtsgewicht adjustiert minus 3 g (95-%-KI minus 46 bis 40), Frühgeburt OR 0,86 (0,53 bis 1,37). Behandelte väterliche Zöliakie: minus 81 g (minus 161 bis minus 3), Frühgeburt OR 1,76 (0,95 bis 3,26). Die Autoren sehen Hinweise, dass Diagnose und vermutete Behandlung mit glutenfreier Kost mit einem geringeren Geburtsgewicht verbunden sein könnten. Zugna et al. 2013 (Schweden; American Journal of Epidemiology) [s236]: Sterblichkeit von Kindern von Männern mit Zöliakie (n = 9.289) gegen Kinder von Kontrollvätern (n = 32.984); Sterberaten 53 gegen 53 pro 100.000 Personenjahre, adjustierte Hazard Ratio 1,02 (0,85 bis 1,23). Zugna et al. 2014 (Schweden; Clinical Gastroenterology and Hepatology) [s230]: Von 6.002 Kindern von Vätern mit Zöliakie hatten 352 (5,9 Prozent) eine Fehlbildung gegenüber 1.009 von 19.600 (5,1 Prozent) bei Kontrollvätern; adjustierte Prävalenz-OR 1,14 (1,00 bis 1,29); bei Geburten seit 2000 verschwand der Unterschied (OR 1,01; 0,81 bis 1,26). Die Autoren betonen, die Obergrenze des Intervalls entspreche einer maximalen relativen Zunahme von 29 Prozent. Einordnung der vier Registerstudien: Sie betreffen die Kinder, nicht die Spermien; sie sprechen übereinstimmend gegen einen großen Nachteil durch die väterliche Zöliakie und zeigen im Einzelnen kleine, uneinheitliche Abweichungen (Kaiserschnitt, Geburtsgewicht bei behandelten Vätern, Fehlbildungen bis 2000), die bei vielen Vergleichen auch zufällig sein können.
Karaca et al. 2015 (Türkei; Turkish Journal of Gastroenterology) [s210]. Prospektive Pilotstudie am Kinderwunschzentrum eines Krankenhauses in Istanbul (Januar bis Juni 2014) bei Paaren mit ungeklärter Unfruchtbarkeit. Aufgenommen wurden 68 Paare, 65 gingen in die Auswertung ein (der Abstract ist an dieser Stelle nicht ganz widerspruchsfrei; mittleres Alter 33,40 ± 4,59 Jahre). Untersucht wurden Anti-Gliadin-, Anti-Endomysium- und Gewebs-Transglutaminase-Antikörper sowie Gesamt-IgA, bei positiver Serologie eine Magenspiegelung mit Histologie nach Marsh. Fünf von 65 Paaren waren antikörperpositiv (7,69 Prozent), bei keinem Paar beide Partner. Anti-Gliadin-Antikörper waren bei zwei Frauen und drei Männern dieser fünf Paare positiv. Nur ein Mann hatte alle Antikörper positiv (1,5 Prozent) und eine Marsh-IIIa-Enteropathie; es wurde also bei einem Paar (1,5 Prozent) eine Zöliakie diagnostiziert. Die Autoren verweisen auf frühere Berichte zu Beweglichkeit und Androgenspiegeln, die sie nicht selbst gemessen haben. Stärken: prospektiv, serologisch und histologisch gesichert, beide Partner untersucht. Schwächen: sehr kleine Stichprobe, keine Kontrollgruppe ohne Unfruchtbarkeit, keine Spermienparameter, daher keine Aussage zur Samenqualität.
Minaycheva et al. 2019 (Russland; Almanach der klinischen Medizin) [s156]. Titel „Ассоциация генетических маркеров целиакии с репродуктивными нарушениями“ (Assoziation genetischer Marker der Zöliakie mit Fortpflanzungsstörungen). Pilotstudie an 220 Paaren mit Unfruchtbarkeit und Fehlgeburten; untersucht wurden Polymorphismen von IL10 (rs1800872), TNF (rs1800629), CXCL10 (rs4386624) und der HLA-Klasse-II-Gene (DQA1, DQB1, DRB1) mit Echtzeit-PCR und Restriktionsanalyse, verglichen mit Bevölkerungsdaten (Chi-Quadrat-Test, Signifikanzniveau 0,05). Bei Männern mit Fortpflanzungsstörungen fand sich eine deutliche Umverteilung der Genotypen und Allele der TNF-Variante rs1800629; bei den anderen Varianten gab es keine Unterschiede. Die Häufigkeit der mit Zöliakie verbundenen HLA-Haplotypen (DQ2 und DQ8) lag bei 23,8 Prozent in der Stichprobe. Zahlenwerte zu Allelfrequenzen und p-Werten stehen im Abstract nicht. Schwächen: Vergleich mit Bevölkerungsdaten statt mit gepaarten Kontrollen; eine Zöliakie selbst ist nicht gesichert (es wird nur von zöliakieassoziierten HLA-Haplotypen auf die Krankheit geschlossen); keine Spermiendaten. Einordnung: Die Arbeit ist ein Genotypbefund bei Männern mit Fortpflanzungsstörung und kein Befund zur Spermienqualität bei Zöliakie; ihre Schlussfolgerung (wichtige Rolle zöliakieassoziierter Gene) geht über die Daten hinaus.
Baykan 2017 (Türkei; Molecular Genetics and Metabolism Reports) [s175]. Fallbericht eines 20-jährigen Patienten, bei dem wegen Wachstumsrückstand ein Klinefelter-Syndrom (Karyotyp 47,XXY mit Hypogonadismus und Unfruchtbarkeit) und gleichzeitig eine Zöliakie diagnostiziert wurden. Der Abstract enthält keine Spermiendaten. Einordnung: Der Hypogonadismus ist durch die Chromosomenstörung erklärt und nicht durch die Zöliakie; der Fall zeigt nur das Zusammentreffen zweier Diagnosen.
Mendelsche Randomisierung bei Zöliakie. Sun et al. 2026 [s12] (China; Science Progress) schlossen die Zöliakie in eine Analyse mit zwölf Erkrankungen ein; sie fanden keinen ursächlichen Zusammenhang mit auffälligen Spermien; ein zunächst signifikanter Zusammenhang mit niedrigerem bioverfügbarem Testosteron verschwand nach Entfernen von Ausreißern (Einzelheiten im Abschnitt zu den genetischen Analysen).
Zwischenbilanz Zöliakie. Samenparameter liegen nur aus zwei kleinen Studien vor [s298, s56]; die große Registerstudie spricht gegen eine verminderte Kinderzahl bei diagnostizierter Zöliakie [s243]; die Registerstudien zu den Kindern zeigen keine großen Nachteile [s258, s244, s236, s230]. Eine Metaanalyse zum Mann gibt es nicht; die Metaanalysen zu Zöliakie und Unfruchtbarkeit betreffen Frauen [s220, s227, s205].
Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen als Erkrankung
Valer et al. 2017 (Spanien; Inflammatory Bowel Diseases) [s192]. Multizentrische Querschnitts-Fallserie zu Samenqualität und Sexualfunktion bei Männern mit CED im Vergleich mit Kontrollpersonen; Samenanalyse nach WHO, Sexualfunktion mit dem International Index of Erectile Function. In der multivariaten Analyse hatten Männer mit Morbus Crohn eine niedrigere Spermienkonzentration als Männer mit Colitis ulcerosa (Median 34,5; Interquartilsabstand 19,2 bis 48 gegen 70; 34,5 bis 127,5 Millionen/ml; p = 0,02) und weniger Zink im Samen (1.475 ± 235 gegen 2.221 ± 1.123 µmol/l; p = 0,04). Männer mit Morbus Crohn unter TNF-Blockern hatten eine bessere progressive Beweglichkeit (56,7 ± 17,7 gegen 35,1 ± 22,1; p = 0,01) und Morphologie (14,4 ± 7,1 gegen 7,6 ± 4,9; p = 0,04) als ohne. Bei der Sexualfunktion gab es in klinischer Remission keine Unterschiede zu Kontrollen. Stärken: mehrere Zentren, Vergleich der Erkrankungsformen, Zinkbestimmung. Schwächen: Querschnitt, Gruppen nach Behandlung nicht zufällig gebildet, im Abstract keine Gruppengrößen und keine Konfidenzintervalle; der Vorteil unter TNF-Blockern kann auch an einer geringeren Krankheitsaktivität in dieser Gruppe liegen (Deutung der Recherche). Die Ergebnisse ähneln der spanischen Doktorarbeit derselben Erstautorin [s191].
Martin et al. 2017 (USA, Utah; Urology), SHARE-Studie [s186]. Bevölkerungsbasierte Kohorte aus der Utah Population Database (1996 bis 2014), durch Chartprüfung bestätigt und mit dem Datensatz der SHARE-Studie (Samenanalysen von Männern in Utah) verknüpft: 55 Männer mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa gegen 47 altersgepaarte Kontrollen. Nachkommen fanden sich bei 71 Prozent der Männer mit Colitis ulcerosa (im Mittel 1,8 Kinder) und 61 Prozent der Männer mit Morbus Crohn (1,2 Kinder). Verglichen mit den Kontrollen gab es keine Unterschiede bei Kinderzahl, Geburtsintervall oder irgendeinem Samenparameter. Stärken: Bevölkerungsbasis, gepaarte Kontrollen, Prüfung der Diagnosen. Schwächen: kleine Gruppe; die Männer hatten bereits eine Samenanalyse und sind damit nach Spermiogramm-Indikation selektiert (Einschätzung der Recherche); Medikamente nicht ausgewertet. Einordnung: Der Befund unauffälliger Samenwerte steht im Gegensatz zu Wdowiak et al. 2021 [s124].
Wdowiak et al. 2021 (Polen; Journal of Clinical Medicine) [s124]. Fall-Kontroll-Studie: 50 Männer mit Colitis ulcerosa in klinischer Remission (Dezember 2019 bis Dezember 2020) gegen 50 gesunde Freiwillige. Gesamtzahl der Spermien, Konzentration, Anteil morphologisch normaler Spermien, Vitalität und progressive Beweglichkeit waren in der Studiengruppe signifikant niedriger (p kleiner als 0,001); der DNA-Fragmentierungsindex lag bei 28,9 gegen 14,6 Prozent und das Redoxpotenzial bei 1,55 gegen 0,79 Prozent (Zahlen nach dem Rechercheprotokoll); eine Bakteriospermie war häufiger (p = 0,037), der häufigste Erreger Enterococcus faecalis; Fragmentierungsindex und Redoxpotenzial waren bei Trägern von Bakterien in beiden Gruppen höher (p kleiner als 0,001). Die Autoren deuten dies als Folge verstärkten oxidativen Stresses. Stärken: Samenuntersuchung mit DNA-Test, Mikrobiologie, Kontrollgruppe. Schwächen: Einzelzentrum, Medikation im Abstract nicht berücksichtigt (Sulfasalazin, das bei Colitis ulcerosa verbreitet ist, kann Samenwerte für sich verändern; die Studie sagt dazu im Abstract nichts), keine Konfidenzintervalle. Einordnung: Der einzige Befund mit deutlicher Verschlechterung der Spermien bei Colitis ulcerosa in Remission; gegenläufig zu Martin et al. [s186].
Darmadi et al. 2023 und 2024 (Indonesien; Archivio Italiano di Urologia e Andrologia, Asian Journal of Andrology) [s71, s51]. Zwei Querschnittsstudien zur Colitis ulcerosa ohne Kontrollgruppe. In der ersten (59 Männer) unterschieden sich progressiv bewegliche Spermien, unbewegliche Spermien und normale Formen signifikant je nach Grad der Rektalblutung; bei Grad 3 (stärkere Blutung) lagen die progressiv beweglichen Spermien bei 24,81 ± 5,85 (p kleiner als 0,0001), Testosteron bei 255,9 ± 30,08 (p = 0,014; Einheit im Bericht nicht angegeben); die Autoren folgern, der Grad der Rektalblutung beeinflusse Beweglichkeit, Morphologie und Testosteron. In der zweiten (120 Männer, eingeteilt nach Mayo-Score) sanken Konzentration, Beweglichkeit und Morphologie mit zunehmender Schwere signifikant; der Mayo-Score korrelierte negativ mit der Spermienkonzentration (r = minus 0,375; p kleiner als 0,0001), der schnellen progressiven Beweglichkeit (r = minus 0,660), dem freien Testosteron (r = minus 0,732) und dem Gesamttestosteron (r = minus 0,721; jeweils p kleiner als 0,0001) sowie positiv mit unbeweglichen Spermien (r = 0,660), abnormer Morphologie (r = 0,657) und SHBG (r = 0,278; p = 0,002). Stärken: abgestufte Auswertung nach Schwere, ungewöhnlich große Gruppe für eine Samenstudie. Schwächen: keine gesunde Vergleichsgruppe, Medikamente im Abstract nicht berücksichtigt, Querschnitt (Schwere und Samenwerte gleichzeitig gemessen, keine Aussage zur Richtung), Korrelationskoeffizienten dieser Größe (bis minus 0,73) sind für Biomarker ungewöhnlich hoch und sollten nach Einschätzung dieses Kapitels an den Originaldaten geprüft werden. Die zwei Arbeiten stammen aus derselben Gruppe; die zweite könnte Patienten der ersten einschließen, was die Abstracts nicht klären.
Gutiérrez et al. 2024 (Spanien; Frontiers in Medicine) [s53]. Querschnitts-Fall-Kontroll-Studie zu Inhibin B und Anti-Müller-Hormon als Fruchtbarkeitsmarker bei Morbus Crohn. Bei 58 Männern mit Morbus Crohn lag das Inhibin B niedriger als bei 25 altersgleichen gesunden Kontrollen (177 ± 58 gegen 234 ± 75 pg/ml; p = 0,001), ebenso das Verhältnis Inhibin B zu FSH (58,27 ± 59,5 gegen 91,35 ± 60,04; p = 0,014). Sexuelle Funktionsstörungen waren bei Männern und Frauen mit Morbus Crohn häufiger als bei Kontrollen, ohne Zusammenhang mit dem Fruchtbarkeitsmarker. Bei 50 Frauen fand sich ein niedrigeres Anti-Müller-Hormon über 30 Jahren. Die Autoren schließen, die Sertoli-Zell-Funktion sei bei Männern mit Morbus Crohn unabhängig vom Alter vermindert. Stärken: gezielter Marker der Sertoli-Zellen. Schwächen: Es wurde kein Spermiogramm berichtet, Inhibin B ist ein indirekter Marker, 25 Kontrollen, Medikamente im Abstract nicht ausgewertet.
Judge et al. 2025 (Australien; Inflammatory Bowel Diseases) [s22]. Prospektive Querschnittsstudie zu Testosteron und Krankheitsaktivität bei 85 Männern mit CED (mittleres Alter 44 ± 14,1 Jahre; 49,4 Prozent Morbus Crohn). Mittleres Testosteron 15,4 ± 5,2 nmol/l; 17,6 Prozent lagen unter dem Grenzwert (10,4 nmol/l laut Recherchebericht). Die Krankheitsaktivität war nur in der einfachen Analyse (p = 0,02), nicht in der mehrfachen (p = 0,06) mit niedrigerem Testosteron verbunden. Die Autoren sehen im niedrigen Testosteron möglicherweise Störfaktoren und keine unabhängige Verbindung zur Krankheitsaktivität. Stärken: prospektiv, Calprotectin und Selbstangaben zur Erektionsfunktion. Schwächen: keine gesunde Kontrollgruppe, 85 Männer, keine Spermiendaten.
Grosen et al. 2019 (Dänemark; Journal of Crohn's and Colitis) [s147]. Prospektive Studie: 20 Patienten mit schwerer aktiver CED im stationären Verlauf, dazu 19 Patienten, die Anti-TNF-Therapie begannen, und 17, die sie beendeten. Proben wurden bei aktiver Erkrankung sowie mindestens drei Monate nach Remission, nach Beginn oder nach Beendigung der Therapie gewonnen. Bei schwerer Erkrankung war die progressive Beweglichkeit eingeschränkt und stieg in Remission signifikant von 28,4 auf 37,4 Prozent (p = 0,045); DNA-Fragmentierungsindex 12,5 gegen 12,0 Prozent (p = 0,55), Konzentration 55,0 gegen 70,0 Millionen/ml (p = 0,39), normale Morphologie 4,7 gegen 5,1 Prozent (p = 0,51) unverändert. Das Testosteron war bei aktiver Erkrankung erniedrigt und normalisierte sich in Remission. Bei Beginn einer Anti-TNF-Therapie fiel der DNA-Fragmentierungsindex statistisch signifikant, aber nach Ansicht der Autoren klinisch bedeutungslos, von 12,8 auf 10,0 Prozent (p = 0,02); alle übrigen Parameter blieben unverändert; die Wirkstoffe waren im Samen in vernachlässigbaren Mengen nachweisbar. Stärken: gepaarte Proben (jeder Mann als eigene Kontrolle), Spezialtest zur DNA, Messung der Wirkstoffspiegel im Samen. Schwächen: kleine Gruppen, die Umstände der Aufnahme (schwere Krankheit) erlauben Einflüsse von Begleitmedikation (etwa Glukokortikoide) kaum auszuschließen, keine Konfidenzintervalle. Einordnung: Der Befund einer verminderten Beweglichkeit bei schwerer Entzündung, die sich nach Remission bessert, ist eine der wenigen Beobachtungen, die den Einfluss der Krankheit von der Dauermedikation trennen.
Druvefors et al. 2022 (Schweden; Alimentary Pharmacology & Therapeutics) [s96]. Landesweite Registerkohorte: 29.104 Männer mit CED im Alter von 15 bis 44 Jahren (1964 bis 2014) gegen 140.901 nach Alter und Wohnort gepaarte Kontrollen (Verhältnis 1:5; Geburten aus dem Mehrgenerationenregister). Geburten je 1.000 Personenjahre: 1,28 (Standardabweichung 1,27) gegen 1,35 (1,31). Die Hazard Ratios lagen bei 0,93 (95-%-KI 0,91 bis 0,96) für Colitis ulcerosa, 0,95 (0,92 bis 0,98) für Morbus Crohn und 0,92 (0,89 bis 0,95) für unklassifizierte CED (Zahlen nach dem Rechercheprotokoll). Krankheitsschwere, intensive Medikation bei Morbus Crohn und Darmoperation bei unklassifizierter CED waren mit geringerer Fruchtbarkeit verbunden. Die Autoren sprechen von nur geringfügig vermindertem Fruchtbarkeitsmaß. Stärken: sehr große Fallzahl, Langzeitdaten. Schwächen: Fruchtbarkeit nur als Geburtenrate, freiwillige und unfreiwillige Kinderlosigkeit nicht trennbar, keine Samenwerte, CED-Diagnose über Patientenregister. Einordnung: Statistisch erkennbar, aber klein; er passt zu den Befunden von Tavernier et al. [s234].
Druvefors et al. 2023 (Schweden; Journal of Crohn's and Colitis) [s72]. Landesweite Registerkohorte zu Kolektomie bei CED: 2.989 Frauen und 3.771 Männer mit CED und früherer Kolektomie gegen 35.092 gepaarte Kontrollen. Bei Männern war die Fruchtbarkeit nach Kolektomie nur leicht vermindert (Hazard Ratio 0,89; 95-%-KI 0,85 bis 0,94), unabhängig von der Art der Rekonstruktion. Bei Frauen war sie stärker vermindert (HR 0,65; 0,61 bis 0,69). Einordnung: Die Operation ist als Einflussgröße für die männliche Kinderzahl klein.
Friedman et al. 2025 (Dänemark; Inflammatory Bowel Diseases) [s20]. Landesweite Registerstudie zu allen Embryotransfers im dänischen Register für assistierte Reproduktion (2. Januar 2006 bis 3. September 2019); exponiert waren Transfers bei Paaren, bei denen der Mann Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa hatte, verglichen mit Transfers ohne väterliche CED. Väter mit Colitis ulcerosa: adjustierte OR für biochemische Schwangerschaft 1,14 (95-%-KI 0,92 bis 1,42), klinische Schwangerschaft 0,91 (0,59 bis 1,40), Lebendgeburt 0,99 (0,71 bis 1,60). Väter mit Morbus Crohn: biochemische Schwangerschaft 0,83 (0,63 bis 1,09), klinische Schwangerschaft 0,58 (0,34 bis 0,97), Lebendgeburt 0,88 (0,51 bis 1,55). Die Autoren sehen darin einen möglichen Hinweis auf erhöhtes Risiko eines frühen Schwangerschaftsverlusts bei Partnerinnen von Männern mit Morbus Crohn. Stärken: landesweit, klinisch bedeutsamer Endpunkt, Paare mit gleicher Behandlungssituation. Schwächen: Signifikant ist nur eine von sechs berichteten Analysen und deren Intervall reicht fast an 1,0 (0,34 bis 0,97); im Abstract fehlt eine Angabe zur Korrektur für Mehrfachtests; Medikation und Krankheitsaktivität nicht erfasst; die Zahl der exponierten Transfers steht im Abstract nicht. Einordnung: Ein Hinweis, kein Beleg; die Autoren verlangen selbst Bestätigung.
Kao et al. 2016 (Taiwan; Inflammatory Bowel Diseases) [s199]. Landesweite Kohortenstudie aus der nationalen Krankenversicherung: 1.845 Patienten mit CED (2000 bis 2011) und 7.380 nach Geschlecht, Alter und Basisjahr gepaarte Kontrollen. Nach bis zu zwölf Jahren Nachbeobachtung lag die Inzidenz erektiler Dysfunktion bei 2,23 gegenüber 1,29 pro 10.000 Personenjahre; adjustierte Hazard Ratio 1,64 (95-%-KI 1,07 bis 2,52). Schwächen: Diagnosecodes, keine Angaben zur Krankheitsaktivität, sehr niedrige absolute Raten (es werden nur ärztlich gestellte und abgerechnete Diagnosen erfasst). Der Endpunkt ist die Erektionsstörung, nicht die Spermienqualität.
Furukawa et al. 2023 (Japan; Sexual Medicine) [s74]. Querschnittsstudie an 165 japanischen Männern mit Colitis ulcerosa; Erhebung mit dem Sexual Health Inventory for Men, Krankenakten und Arztangaben. Schwere Erektionsstörung bei 47,9 Prozent, Erektionsstörung insgesamt bei 64,9 Prozent. Schleimhautheilung, klinische Remission, Krankheitsdauer, Ausdehnung und Medikation waren nicht mit der Erektionsstörung verbunden; ein Alter von mindestens 63 Jahren war unabhängig mit ihr (adjustierte OR 12,93; 95-%-KI 4,51 bis 43,00) und mit schwerer Erektionsstörung (adjustierte OR 9,02; 3,66 bis 23,91) verbunden. Schwächen: Definition über den Fragebogenwert, sehr weite Intervalle, Querschnitt. Einordnung: Der Befund, dass die Krankheitsaktivität die Erektionsfunktion nicht erklärt, steht im Gegensatz zu den Metaanalysen, die bei aktiver CED ein erhöhtes Risiko nennen [s150].
Ananthakrishnan et al. 2019 (USA; Clinical Gastroenterology and Hepatology) [s141]. Forschungsbrief mit dem Titel „Paternal Disease Activity Is Associated With Difficulty in Conception Among Men With Inflammatory Bowel Diseases“. Der abgerufene Abstract besteht nur aus einem Einleitungssatz und enthält keine Zahlen; der Titel gibt die Aussage wieder, dass die väterliche Krankheitsaktivität mit Schwierigkeiten bei der Empfängnis verbunden sei. Die Befunde sind daher nicht prüfbar.
Mountifield et al. 2009 (Australien; Inflammatory Bowel Diseases) [s250] und Vieujean et al. 2023 (Belgien u. a.; Digestive and Liver Disease) [s84], Befragungen. Mountifield et al. befragten 365 erreichbare Personen im Alter von 18 bis 50 Jahren aus einer Krankenhausdatenbank schriftlich; 255 antworteten (70 Prozent), 34 Prozent davon Männer, 127 mit Morbus Crohn, 85 mit Colitis ulcerosa, 5 mit unbestimmter Kolitis. 42,7 Prozent der Befragten gaben Angst vor Unfruchtbarkeit an, suchten ärztlichen Rat aber nur so oft wie die Allgemeinbevölkerung; die Autoren sehen die „freiwillige“ Kinderlosigkeit als Folge von Sorgen, die nicht unbedingt gerechtfertigt seien. Vieujean et al. befragten 257 Fachpersonen aus 40 Ländern und 793 Patienten (615 Frauen, 176 Männer, 2 ohne Angabe); 98,4 Prozent der Fachpersonen, aber nur 29,3 Prozent der Patienten hatten gutes Wissen zu Schwangerschaft; eine beeinträchtigte Sexualfunktion fand sich bei 21,9 Prozent der Männer (66,1 Prozent der Frauen); 63 Prozent der Patienten hatten keine Information zu CED und Schwangerschaft erhalten. Schwächen beider Studien: Selbstangaben, freiwillige Teilnahme, bei Mountifield nur ein Drittel Männer, keine Samenmessung. Einordnung: Die Befragungen erklären, warum Kinderzahlen sinken können, ohne dass die Fruchtbarkeit biologisch gemindert ist.
Coulange 2018 (Frankreich; Qualifikationsarbeit, HAL/DUMAS, Université de Picardie) [s164]. Telefonische Befragung von 19 Personen (10 Frauen, 9 Männer) mit CED seit der Kindheit in der Picardie; Titel „Fertilité chez les patients atteints de maladies inflammatoires chroniques de l'intestin à début pédiatrique en Picardie“ (Fertilität bei Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen mit Beginn im Kindesalter in der Picardie). Nach dem Rechercheprotokoll war nur ein Mann Vater, und die Männer berichteten keine Sexualstörungen; eine gemessene Verminderung der Fruchtbarkeit um 45 Prozent betraf Frauen. Bei neun Männern ist die Aussagekraft minimal.