EAU-Leitlinie, Sexual and Reproductive Health, Kapitel Male Infertility, Abschnitt 11.4.4 [s383] (Webfassung, abgerufen). Die WHO rechne Urethritis, Prostatitis, Orchitis und Epididymitis zu den Anhangsdrüseninfektionen. Der Effekt symptomatischer oder asymptomatischer Infektionen auf die Spermienqualität sei widersprüchlich; eine systematische Übersicht zu Chlamydien, Mykoplasmen, Gonokokken, Trichomonaden und Viren habe wegen der begrenzten Datenqualität keinen starken Zusammenhang belegen können. Leukozytospermie über 10⁶/ml gelte als Entzündungszeichen, sei aber nicht zwingend mit Bakterien oder Viren verbunden; es gebe keine Evidenz, dass die Behandlung einer Leukozytospermie allein die Konzeptionsraten verbessere. Chlamydien und Ureaplasmen könnten Dichte, Motilität und Morphologie senken und DNA-Schäden erhöhen; HPV im Sperma: 20 % bei infertilen Männern, 8 % in der Allgemeinbevölkerung. Evidenzzusammenfassung: Anhangsdrüseninfektionen seien nicht klar mit beeinträchtigter natürlicher Konzeption verbunden (Evidenzgrad LE 3); Antibiotika könnten die Spermienqualität verbessern, aber nicht die Konzeptionswahrscheinlichkeit (LE 2a). Bei Männern unter 35 Jahren sei Epididymitis meist durch C. trachomatis oder N. gonorrhoeae verursacht; transiente Einbußen von Spermienzahl und Motilität seien möglich, Stenosen und Azoospermie seien bei beidseitiger Epididymitis zu bedenken.
AUA/ASRM-Leitlinie [s73] (Webfassung, Veröffentlichung 2020, Änderung 2024). Statement 18 (klinisches Prinzip): Bei Pyospermie solle nach Infektion gesucht werden; weiße Blutkörperchen im Sperma könnten aus Infektion oder Entzündung stammen. Sexuell übertragbare Infektionen werden unter „Other Comorbidities“ mit unsicherem Zusammenhang zur männlichen Infertilität genannt.
Weitere Leitlinien und Stellungnahmen. Die WHO-Leitlinie zur Infertilität [s34] und die Übersicht von Esteves [s12] nennen 40 Empfehlungen und sechs Good-Practice-Statements, darunter eines zur Verringerung des Infertilitätsrisikos durch STI; die meisten Empfehlungen seien bedingt, mit geringer oder sehr geringer Evidenzsicherheit. Die British Fertility Society 2010 [s312] verweist auf eine nachteilige Wirkung von Chlamydien auf die männliche Reproduktion und auf den Mangel an solider Evidenz. Die französische CNGOF-Leitlinie von 2022 zur Erstabklärung des Paares (veröffentlicht von Sonigo et al. 2024) [s99] nennt beim Mann Spermiogramm, Spermiozytogramm und Spermakultur als Erstuntersuchung; die Chlamydia-trachomatis-Serologie sei zur Vorhersage der Tubendurchgängigkeit nicht leistungsfähig genug. Europäische Leitlinien zu Epididymo-Orchitis 2024 [s18], Gonorrhö 2020 [s198], Chlamydia trachomatis 2025 [s66] und Mycoplasma genitalium 2021 [s146] enthalten laut Abstract Diagnostik- und Behandlungsaussagen, aber keine Aussagen zur Samenqualität; die Chlamydien-Leitlinie diskutiert die fehlende Evidenz und den begrenzten Nutzen eines breiten Screenings bei asymptomatischen Gruppen. Die deutsche Leitlinie zur Urethritis des Mannes [s65] (Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft 2025) beschreibt einen syndromorientierten Ansatz bei Männern mit Urethritis und äußert sich nicht zur Samenqualität. Eine deutsche Leitlinie zu STI und männlicher Samenqualität wurde nicht gefunden (das AWMF-Register war nicht auswertbar). Aus dem russischen, türkischen und arabischen Raum wurde keine nationale Leitlinie mit eigenen Empfehlungen zu STI und Samenqualität abgerufen; genannt werden nur Verweise auf Verfügungen des russischen Gesundheitsministeriums zur Diagnostik [s324] und die Wartezeitangabe der WHO bei Zika laut Übersicht [s19].
Titel der genannten Leitlinien im Original. [s198] „2020 European guideline for the diagnosis and treatment of gonorrhoea in adults“; [s66] „2025 European guideline on the management of Chlamydia trachomatis infections“; [s146] „2021 European guideline on the management of Mycoplasma genitalium infections“; [s18] „The 2024 European guideline on the management of epididymo-orchitis“; [s65] „German evidence- and consensus-based guideline on the management of penile urethritis“; [s99] „First-line management of infertile couple. Guidelines for clinical practice of the French College of Obstetricians and Gynecologists 2022“; [s312] „Impact of Chlamydia trachomatis in the reproductive setting: British Fertility Society Guidelines for practice“.
Cochrane. Über den Cochrane-Filter in Europe PMC fand sich kein Cochrane-Review zu STI und Samenqualität; gefunden wurden Reviews zu Antioxidantien bei männlicher Subfertilität, zu Antibiotika vor Embryotransfer, zu Varikozelen und zu Povidon-Jod, die nicht zur Frage gehören.
Einordnung der Leitlinienlage. Die Leitlinien stimmen darin überein, dass der Zusammenhang zwischen STI und Samenqualität unsicher ist (EAU: LE 3 für die natürliche Konzeption, AUA/ASRM: unsicherer Zusammenhang). Konkret messbar ist in den Leitlinien vor allem die Leukozytospermie über 10⁶/ml als Entzündungszeichen; für eine Verbesserung der Konzeptionsrate durch deren alleinige Behandlung gibt es nach EAU keine Evidenz.