Gonorrhö, Syphilis, Trichomonaden, Mpox und Zika · Kapitel 1 von 25

Das Wichtigste in Kürze

Die Einstufung am Ende jedes Punktes ist die Einschätzung der Studienleitung auf Grundlage der Studiendesigns, kein formales Bewertungsverfahren nach GRADE. Das Raster steht im Abschnitt zur Methodik. „Evidenzstärke“ beschreibt, wie belastbar die vorhandenen Studien sind. „Gewissheit“ beschreibt, wie sicher die jeweilige Aussage daraus folgt.

  1. Infektionen und Samenqualität hängen in der Literatur zusammen, ein ursächlicher Beleg fehlt. Die jüngste Metaanalyse über Urogenitalinfektionen insgesamt (51 Studien in der qualitativen, 35 in der quantitativen Auswertung) fand niedrigeres Ejakulatvolumen (-0,37 ml), niedrigere Konzentration (-6,65 Mio./ml), niedrigere progressive Beweglichkeit (-5,93 %), niedrigere Gesamtzahl (-47,15 Mio.) und geringeren Anteil normal geformter Spermien (-0,76 %). Gesamtbeweglichkeit, Vitalität und DNA-Fragmentationsindex unterschieden sich nicht signifikant. Die Heterogenität lag bei I² 66 bis 95 % [s06]. Eine ältere systematische Übersicht über elf Erreger nannte die Evidenz uneindeutig, mit Ausnahme von Ureaplasma [s123], eine weitere die Studien widersprüchlich und von begrenzter Qualität [s257]. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: mäßig für den Zusammenhang, niedrig für eine Verursachung.
  1. Chlamydia trachomatis: konsistente Assoziation in Metaanalysen, aber hohe Heterogenität und Hinweise auf Verzerrung. In 56 Artikeln lag die Prävalenz bei infertilen Männern bei 20,6 % (19,8 bis 21,5; I² 97,77), die Odds Ratio für Infertilität bei 2,28 [s122]. In 26 Fall-Kontroll-Studien betrug sie 3,68; in altersangepassten Studien 6,77, nach Korrektur für Publikationsbias 2,75 [s05]. Die größte Einzelstudie (7.154 Samenproben, 416 Chlamydien-positiv) fand niedrigeres Volumen und mehr Entzündungszeichen, aber keine Verschlechterung von Konzentration, Beweglichkeit und Morphologie [s162]. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: niedrig bis mäßig.
  1. Ureaplasmen und Mykoplasmen: stärkste Signale in Metaanalysen, widersprüchlich in angepassten Kohorten. Gepoolte Odds Ratios für Infertilität: Ureaplasma urealyticum 3,278 (2,075 bis 5,180), Mycoplasma genitalium 3,438 (1,780 bis 6,643), Mycoplasma hominis 1,840 (1,013 bis 3,343), Ureaplasma parvum 1,671 (0,947 bis 2,950; nicht signifikant) [s116]. Für Mycoplasma hominis lag die standardisierte Mittelwertdifferenz der Konzentration bei -0,815 (-1,314 bis -0,317) [s04]. Drei Kohorten aus einem Zentrum fanden dagegen bei Ureaplasma kaum Unterschiede in Konzentration, Beweglichkeit und Morphologie [s102, s64, s09]. Der Großteil der Daten stammt aus China. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: niedrig.
  1. HPV im Sperma: Assoziation mit Infertilität und schlechterer Beweglichkeit, Einzelstudien uneinheitlich. Odds Ratios von 2,93 (2,03 bis 4,24; 31 Studien, 5.194 Männer) [s247] und 3,02 (2,11 bis 4,32; acht Artikel) [s233]; standardisierte Mittelwertdifferenzen von -0,82 für die Beweglichkeit und -0,52 für die Morphologie in 25 Studien [s83]. Mehrere Einzelstudien fanden keinen Zusammenhang, etwa bei 237 Männern mit Beobachtung der Schwangerschaftsraten [s60]. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: niedrig bis mäßig.
  1. Hepatitis B: Assoziation mit schlechterer Samenqualität, widersprüchliche Ergebnisse bei der assistierten Reproduktion. Die Metaanalyse (elf Studien) nannte niedrigere Konzentration (-4,46 Mio./ml), Beweglichkeit (-6,85 %) und progressive Beweglichkeit (-6,63 %) [s105]. In einer landesweiten Kohorte in Taiwan war die adjustierte Hazard Ratio für diagnostizierte Infertilität 1,52 (1,20 bis 1,92) [s288]. Kohorten zur Kinderwunschbehandlung fanden positive, neutrale und negative Befunde. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: niedrig.
  1. Gonorrhö: eine Lücke. Direkte Daten zur Samenqualität sind selten, alt oder methodisch unsicher. Die einzige gezielte Vergleichsstudie (1982, 30 Männer) fand keinen Unterschied im Spermiogramm [s377]. In Kinderwunschkohorten ist Gonorrhö selten, etwa 0,12 % bei 53.103 Männern eines chinesischen Zentrums [s54], gepoolt 2,2 % (1,3 bis 3,2) in infertilen Populationen weltweit [s165]. Einzelne Studien fanden sie dennoch deutlich häufiger bei infertilen Männern, so 12,66 % gegenüber 0,93 % in Changsha [s89] und 6,5 % gegenüber 0 % in Jordanien [s290]. Evidenzstärke: sehr gering. Gewissheit: sehr niedrig.
  1. Syphilis: keine Humanstudie mit Spermiogramm. Es gibt Fallberichte zur syphilitischen Hodenentzündung, die als Hodentumor imponieren kann (zum Beispiel [s27, s256]), einen Fallbericht mit Treponemen-DNA und -RNA im Sperma eines Patienten ohne Läsionen [s209] und einen Kaninchenversuch mit direkter Hodeninjektion, der nach 14 Tagen Hodenschäden und weniger Spermien zeigte [s37]. Evidenzstärke: sehr gering. Gewissheit: sehr niedrig.
  1. Trichomonaden: konsistente Laborbefunde, spärliche Humandaten. Sekretionsprodukte senkten in vitro Beweglichkeit und Überleben von Spermien [s138, s147, s279, s347]. Beim Menschen schwankt der Nachweis in infertilen Männern zwischen 0 und 90 %, je nach Auswahl und Methode (zum Beispiel 1 von 197 [s46] gegenüber 46 von 51 [s337]). Eine russische Serie mit 52 Männern fand bei 62 % eine Patospermie, ohne gesunde Kontrollgruppe [s324]. Evidenzstärke: gering bis sehr gering. Gewissheit: sehr niedrig.
  1. Mpox: Virusnachweis im Sperma gut dokumentiert, Samenqualität nicht untersucht. In einer prospektiven Kohorte (77 Teilnehmer, 1.663 Proben) betrug die mediane Zeit bis zur Elimination der Virus-DNA im Sperma 13 Tage (9 bis 18), bei 90 % der Fälle 39 Tage (27 bis 56); replikationsfähiges Virus wurde nur in Proben mit hoher DNA-Menge isoliert [s133]. In einer Kohorte aus Barcelona blieb DNA im Sperma bis Tag 75 nachweisbar [s10]. Evidenzstärke für die Ausscheidung: mäßig. Für die Samenqualität: keine Humandaten.
  1. Zika: lange Ausscheidung, eine einzige winzige Humanstudie mit Spermiogramm. In einer kleinen Studie waren Konzentration (45 gegenüber 63,5 Mio./ml; p = 0,041) und Gesamtbeweglichkeit (54 % gegenüber 75 %; p = 0,009) in Zika-positiven Proben niedriger, bei nur drei symptomatischen Männern mit Samenprobe [s183]. Infektiöses Virus fand sich im Sperma von 8 von 97 Patienten bis zu 38 Tage nach der ersten Detektion [s213]; RNA wurde bei einem immunsupprimierten Patienten über 900 Tage nachgewiesen [s214]. In Mäusen und Totenkopfaffen schädigte das Virus den Hoden [s261, s112]; bei Rhesusaffen blieb die Beweglichkeit unverändert [s197]. Evidenzstärke: sehr gering für die Samenqualität, mäßig für die Ausscheidung. Gewissheit: niedrig.
  1. Ebola: lange Persistenz im Sperma, keine Spermiogramme. In Sierra Leone waren nach 180 Tagen 75,4 % (66,9 bis 82,0), nach 270 Tagen 26,8 % und nach 360 Tagen 6,0 % der 220 Überlebenden noch RNA-positiv [s181]. In Guinea waren 27 von 277 Männern (9,8 %) mindestens einmal RNA-positiv [s210]. Ob das Virus die Samenqualität verändert, wurde beim Menschen in keiner gefundenen Studie gemessen. Evidenzstärke für die Persistenz: mäßig. Für die Samenqualität: keine Humandaten.
  1. Entzündung im Ejakulat verbindet viele Befunde, ihre Ursache bleibt offen. Leukozytospermie war mit niedrigerem Volumen, niedrigerer Konzentration, Beweglichkeit und Morphologie sowie höherer DNA-Fragmentation verbunden; Männer mit Nebenhodenentzündung und Prostatitis hatten höhere Chancen auf Leukozytospermie (adjustiert 1,88 und 1,37) [s13]. Die EAU-Leitlinie hält laut Webfassung fest, es gebe keine Evidenz, dass die Behandlung einer Leukozytospermie allein die Konzeptionsraten verbessere; ein klarer Zusammenhang von Anhangsdrüseninfektionen mit gestörter natürlicher Konzeption sei nicht belegt [s383]. Evidenzstärke: mäßig. Gewissheit: mäßig für den Zusammenhang, niedrig für die Ursache.
  1. Behandlungsstudien erlauben keinen Schluss auf eine Wirkung. Bei 124 Männern mit Ureaplasma parvum stieg nach Doxycyclin die Konzentration von 4,01 auf 9,20 Mio./ml; es gab keine unbehandelte Vergleichsgruppe, eine Regression zur Mitte ist nicht ausgeschlossen [s52]. Ähnliche Vorher-nachher-Designs prägen die Ureaplasma- und Trichomonas-Literatur [s151, s150, s318]. Evidenzstärke: sehr gering. Gewissheit: sehr niedrig.
  1. Die Literatur ist geografisch und methodisch verzerrt. 131 der 383 Quellen sind dem chinesischen Sprach- und Forschungsraum zugeordnet, die meisten Humanstudien stammen aus Kinderwunschzentren. Mehrere Quellen enthalten interne Unstimmigkeiten, zum Beispiel ein Preprint mit unklaren Nennern [s82], eine PCR-Gonokokkenrate von 36 % bei gesunden Freiwilligen [s154] und nicht nachvollziehbare Prüfgrößen [s89]. Evidenzstärke dieser Feststellung: hoch. Gewissheit: hoch.
  1. Leitlinien liefern wenig eigene Evidenz zur Samenqualität. Die WHO-Leitlinie von 2025 nennt 40 Empfehlungen und sechs Good-Practice-Statements, darunter eine zur Verringerung des Infertilitätsrisikos durch sexuell übertragbare Infektionen; die meisten Empfehlungen beruhen laut einer Übersicht auf geringer oder sehr geringer Evidenzsicherheit [s34, s12]. Die europäischen Leitlinien zu Gonorrhö, Chlamydien, Mycoplasma genitalium und Nebenhodenentzündung enthalten laut Abstract keine Aussagen zur Samenqualität [s198, s66, s146, s18]. Evidenzstärke: nicht anwendbar. Gewissheit: mäßig.
Alle Kapitel und Anhänge (29)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Vorbemerkung: was dieses Kapitel umfasst und wie es zu lesen ist bis Chronische Prostatitis, Leukozytospermie und Bakteriospermie
  5. Mpox, Zika, Ebola, Marburg und Dengue: Übersichten bis Zusammenschau der Metaanalysen und Übersichten
  6. Lesehilfe: Fragestellungen, Vergleichsgruppen und typische Schwächen bis Trichomonaden (Trichomonas vaginalis)
  7. Chlamydia trachomatis
  8. Mykoplasmen und Ureaplasmen bis Hepatitis B
  9. HIV und Antiretrovirale Therapie bis Wo sich Studien zu demselben Erreger widersprechen, und mögliche Erklärungen
  10. Grenzen der Beobachtungsliteratur und Lücken
  11. Übergreifende Übersichten und Metaanalysen bis Zika
  12. Ebola (und Marburg) bis Bakteriospermie, Leukozytospermie, Prostatitis und Samenmikrobiom
  13. Leitlinien
  14. Mechanismen und biologische Plausibilität
  15. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  16. Englisch bis Koreanisch
  17. Russisch bis Türkisch
  18. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  19. Limitationen der Evidenz
  20. Offene Forschungsfragen
  21. Praktische Einordnung
  22. Glossar
  23. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 3)
  24. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 3)
  25. Quellenverzeichnis (Teil 3 von 3)
  26. Diagramme
  27. Quellen s01–s197
  28. Quellen s198–s383
  29. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle