Dieses Kapitel ist eine Einordnung der Studienlage, keine Therapieempfehlung und kein Ersatz für eine ärztliche Diagnose. Es ersetzt weder eine Samenanalyse noch ein Gespräch mit einer Urologin, einem Andrologen oder einer Endokrinologin. Die folgenden Punkte beschreiben, was die Quellen tragen und was nicht.
Was die Studienlage trägt.
- Für anabol-androgene Steroide ist eine Beeinträchtigung der Spermatogenese gut belegt: Gonadotropine und Testosteron sinken [s166], die Spermatogenese kann bis zur Azoospermie beeinträchtigt sein [s94, s98], und die Erholung dauert Monate bis Jahre und ist nicht bei jedem Mann vollständig [s94, s136, s112]. Die AUA/ASRM-Leitlinie hält fest, laufende Anabolikaanwendung unterdrücke die Spermatogenese, und bei Männern mit aktuellem oder künftigem Kinderwunsch solle Testosteron nicht verordnet werden [s141]. Die EAU-Leitlinie beschreibt, dass sich Spermienzahl und -qualität meist innerhalb von 6 bis 12 Monaten nach dem Absetzen bessern [s42]. Diese Aussagen geben Inhalte der Leitlinien wieder; sie sind kein Rat für den Einzelfall.
- Für SARMs gibt es keinen Messwert zur Spermienqualität beim Menschen. Ein Hormonbefund (Absenkung von Gesamttestosteron und SHBG, bei 1,0 mg auch von FSH, mit Rückkehr nach dem Absetzen) weist auf eine Wechselwirkung mit der Hormonachse hin [s176]. Aus diesem Befund kann man weder auf Unbedenklichkeit noch auf eine bestimmte Schädigung schließen.
- Für Wachstumshormon, Sekretagoga und freie Peptide gibt es keine Samendaten bei gesunden Anwendern. Die vorhandenen Befunde stammen von Erkrankten und Tieren.
- Die Produktqualität ist ein eigenes Risiko: Bei einem Teil der Proben fehlte der deklarierte Wirkstoff, oder es lagen nicht deklarierte Stoffe vor [s78, s37, s02].
Was die Studienlage nicht trägt.
- Sie trägt keine Aussage wie "SARMs sind für die Spermien harmlos". Das Fehlen von Studien ist kein Beleg dafür.
- Sie trägt ebenso wenig die Aussage, SARMs vernichteten die Spermienproduktion. Dafür gibt es keine Messung beim Menschen.
- Sie trägt keine Prognose für den Einzelnen. Mittelwerte und Anteile aus Kohorten besagen nichts darüber, wie es einem bestimmten Mann ergeht. Die Streuung ist groß, in manchen Studien größer als der Mittelwert selbst [s198].
- Sie erlaubt keinen Rückschluss, dass eine bestimmte Nachbehandlung wirkt oder notwendig ist. Die Evidenz dafür ist begrenzt [s29, s04, s14].
- Tierversuche mit hohen Dosen lassen sich nicht in Aussagen über Männer übersetzen.
Die Rolle der ärztlichen Abklärung in den Quellen. Ob eine bestimmte Person in ihrer Spermienqualität beeinträchtigt ist, lässt sich nicht aus Studien ablesen, sondern nur durch eine Untersuchung klären. Die Leitlinientexte setzen dabei voraus, dass die Einnahme bekannt ist: Die AFU/SALF-Empfehlungen verlangen eine systematische Anamnese mit Lebensgewohnheiten und Behandlungen [s130], und die EAU nennt gonadotoxische Medikamente einschließlich anaboler Substanzen in der Anamnese [s42]. Nach einer Übersicht geben viele Patienten mit Hypogonadismus und AAS-Vorgeschichte die Anwendung nicht an [s158]. Die Umfragen unter Anwendern zeigen, dass Sorgen um die Erholung von Testosteron beziehungsweise Fruchtbarkeit bei 52,4 % bestanden [s96] und dass viele nach Information suchen (54,8 % wünschten qualifizierte Information [s157]).
Hinweise zum Lesen von Zahlen in dieser Studie. Prozentwerte zur Verbreitung gelten für die jeweilige Befragtengruppe und nicht für die Bevölkerung [s157, s69, s35]. Prozentwerte zur Erholung stammen aus Kliniken oder kleinen Kohorten [s98, s14]. Die meisten Tierstudien verwenden Dosen, die nicht mit menschlichen Anwendungen verglichen werden können.
Einordnung von Training und Lebensstil. Unabhängig von Wirkstoffen sind Lebensstilfaktoren mit der Samenqualität verknüpft: Rauchen, hoher Alkohol- und Kaffeekonsum sowie Bewegungsmangel [s20, s32], eine hohe Zahl an Depressionssymptomen [s164], Schlafdauer als Vermittler [s22]. Moderate körperliche Aktivität war in Beobachtungsstudien mit besseren Samenparametern assoziiert [s31, s155, s53], aber Beobachtungsstudien belegen keine Ursache, und der Umbrella-Review hält die Evidenz für überwiegend niedrig bis sehr niedrig vertrauenswürdig [s18]. Das koreanische Konsensuspapier betont modifizierbare Risikofaktoren als Basis und beschreibt pharmakologische Versuche als phänotypgesteuert und zeitlich begrenzt [s25].