SARMs, Wachstumshormon und Fitness-Wirkstoffe · Kapitel 6 von 20 · Studienlage: Beobachtungsstudien

Einordnung und Abgrenzung bis Testosteron-Fehlanwendung: Fallserien und Kohorten aus Korea, Japan und China

Einordnung und Abgrenzung

Beobachtungsstudien sind bei Fitnesswirkstoffen die wichtigste Evidenzform am Menschen, weil kontrollierte Versuche mit realistischen Missbrauchsdosen ethisch nicht möglich sind. Aufgenommen sind Querschnitts-, Fall-Kontroll-, Kohorten- und Befragungsstudien sowie Produktanalysen, soweit sie Samenparameter, die Hormonachse, Fruchtbarkeit, Anwendungsmuster oder die Exposition selbst betreffen. Randomisierte Studien, Tierversuche, Fallberichte und einarmige Interventionsstudien werden hier nicht behandelt, auch wenn einzelne von ihnen in den Übersichten oben vorkommen.

Zwei Befunde prägen das Gesamtbild und werden vorab genannt. Erstens gibt es keine Beobachtungsstudie, die bei Männern unter SARM-Einnahme Samenparameter misst; die Evidenz zu SARMs besteht aus einer Phase-1-Studie, Fallberichten, Produktanalysen und Übersichten [s176, s78]. Zweitens gibt es keine Beobachtungsstudie mit Samenparametern bei Anwendern von Wachstumshormon oder Peptiden; die menschlichen GH-Daten stammen von Kranken. Samendaten nach Einnahme liegen nur für AAS und für Testosteron vor. Die Studien in diesem Kapitel sind deshalb in erster Linie AAS-Studien und als Analogie zu lesen.

Gemeinsame Verzerrungsquellen fast aller dieser Studien: Selbstangaben zu Substanz und Dosis; Mischkonsum (Testosteron mit weiteren AAS, hCG, Antiöstrogenen, Wachstumshormon, Insulin) mit entsprechender Untrennbarkeit der Einzelwirkstoffe; Selektion (Männer, die wegen Beschwerden oder Kinderwunsch einen Arzt aufsuchen, sind nicht repräsentativ für alle Anwender); kleine Fallzahlen; für die meisten Studien lag nur der Abstract vor. Wo ein Volltext gelesen wurde, ist das vermerkt.

Samenparameter und Hormone bei Anwendern anaboler Steroide im Vergleich zu Kontrollen

Knuth, Maniera und Nieschlag 1989, Bodybuilder und Samenparameter (Fertility and Sterility) [s218]. Land: Deutschland (Münster). Design: Fall-Kontroll-Vergleich. Population: 41 Bodybuilder (Alter 26,7 ± 0,7 Jahre) im Vergleich zu 41 konsekutiv rekrutierten gesunden Freiwilligen ohne Steroide. Exposition: Steroideinnahme retrospektiv erfasst; die Dosen lagen bis zum 40-Fachen der klinisch üblichen Dosen. Ergebnisse: Nur 5 der Freiwilligen, aber 24 der Bodybuilder hatten Spermienzahlen unter der unteren Normgrenze von 20 × 10^6/mL; der Anteil beweglicher und normal geformter Spermien war je nach Einnahmedauer und Abstand zur letzten Einnahme signifikant verringert. Bei Bodybuildern, die mehr als 4 Monate zuvor aufgehört hatten, lagen die Zahlen im Normbereich. Der Abstract nennt keine Konfidenzintervalle. Stärken: Kontrollgruppe, früher Beleg der Reversibilität, Studie mit Dosen aus der Praxis. Schwächen: retrospektive Erfassung der Einnahme, nichtrandomisierte Gruppenbildung, Verzerrung durch freiwillige Teilnahme, es liegt nur der Abstract vor; die Samenanalytik von 1989 verwendet den damaligen Grenzwert von 20 × 10^6/mL. Einordnung: Die Studie ist die älteste kontrollierte Samenuntersuchung bei Anwendern und zeigt in der Praxis das, was die Metaanalysen später bestätigen: Beeinträchtigung unter laufender Einnahme, Normalisierung nach einigen Monaten bei der Mehrzahl.

Torres-Calleja et al. 2001, Bodybuilder mit und ohne AAS (Life Sciences) [s209]. Land: Mexiko. Design: Querschnittsvergleich. Population: 30 freiwillige Bodybuilder (26,6 ± 4,1 Jahre), 15 mit AAS-Anamnese und 15 ohne. Ergebnisse: Bei den Anwendern hatten 8 Spermienzahlen unter 20 × 10^6/mL, 3 eine Azoospermie, 2 eine Polyzoospermie und 2 normale Zahlen; der Anteil morphologisch normaler Spermien war signifikant erniedrigt (nur 17,7 % normale Formen); in der Kontrollgruppe hatte ein Mann eine Oligozoospermie. FSH war bei den Anwendern erniedrigt (1,5 ± 3,2 gegenüber 5,0 ± 1,6; p < 0,001), ebenso Prolaktin (5,1 ± 4,9 gegenüber 9,2 ± 4,4; p < 0,01); LH, Testosteron, Östradiol und DHEA waren unverändert. Schwächen: sehr kleine Stichprobe, Abstand zur letzten Einnahme und Dosis im Abstract nicht genannt, Einheiten der Hormonwerte nicht angegeben, keine Konfidenzintervalle. Die Metaanalyse von Mulawkar et al. listet diese Studie mit Dosen von 50 bis 1500 mg pro Woche über 8 bis 16 Wochen und dem Befund, dass Training allein diese Parameter nicht verändere [s102]. Einordnung: Das Spektrum von Azoospermie bis Normalbefund unter AAS erklärt, warum gepoolte Mittelwerte wie bei Mulawkar et al. unscharf bleiben.

Karila, Hovatta und Seppälä 2004, gleichzeitiger Missbrauch von AAS und hCG (International Journal of Sports Medicine) [s198]. Land: Finnland. Design: prospektive klinische Beobachtungsstudie. Population: 18 gesunde männliche Kraftsportler unter massiven AAS-Dosen. Messung: Samenproben am Ende des Zyklus, 1,5 und 6 Monate nach dem Absetzen; Befragung zur Reproduktion nach 6 Jahren. Ergebnisse: Spermienkonzentration am Zyklusende 33 ± 49 × 10^6/mL (nur ein Teilnehmer azoosperm), nach 1,5 Monaten 30 ± 42, nach 6 Monaten 77 ± 70 × 10^6/mL; signifikante Unterschiede zwischen der Probe nach 6 Monaten und den beiden früheren (p ≤ 0,05, Varianzanalyse mit Messwiederholung). Die hCG-Dosis korrelierte positiv mit dem Anteil morphologisch abnormer Spermien (r = 0,60; p < 0,01). Schlussfolgerung der Autoren: gleichzeitiges hCG erhält die Spermatogenese trotz massiver AAS-Dosen, doch die Samenqualität ist vorübergehend beeinträchtigt. Laut Tabelle der Metaanalyse betrug die kumulative Dosis 835 bis 44 635 mg bei 0,5 bis 13 Jahren Anwendung [s102]. Stärken: Verlaufsmessung bei denselben Männern. Schwächen: n = 18, Selbstdosierung mit Mischung aus hCG, Antiöstrogenen und AAS, sehr große Streuung (zu zwei von drei Zeitpunkten ist die Standardabweichung größer als der Mittelwert), keine Kontrollgruppe. Einordnung: Zeigt, dass Anwender mit begleitendem hCG deutlich bessere Spermienwerte haben können als Anwender ohne; das passt zur Mischung, die in den Metaanalysen die unveränderte Konzentration erklärt.

Jambi et al. 2024, saudische Athleten (Saudi Pharmaceutical Journal) [s83]. Land: Saudi-Arabien. Design: Fall-Kontroll-Querschnittsstudie. Population: Nüchternblut von 16 männlichen Athleten, 10 AAS-Anwender und 6 Nichtanwender, plus Fragebogen. Exposition: Mischung mehrerer Substanzen (Testosteronpropionat in 41,18 % der Anwendungen; Testosteron-Enantat, Nandrolondecanoat, Oxandrolon, Stanozolol, Trenbolonacetat, Boldenonundecylenat, Methenolonacetat, Clenbuterol); Dauer vor der Blutentnahme 6 bis 13 Wochen. Ergebnisse: Alter 34 ± 4 gegenüber 28 ± 2 Jahre (p > 0,05), BMI 29 ± 2 gegenüber 25 ± 4 kg/m² (p < 0,05). Hormone (Median und Quartile, Anwender gegenüber Kontrollen, alle p < 0,05): LH 0,1 (0,1 bis 0,97) gegenüber 2,7 (1,44 bis 3,95) mIU/ml; FSH 0,05 (0,05 bis 0,07) gegenüber 2,71 (2,30 bis 4,99) mIU/ml; Gesamttestosteron 89,9 (24,8 bis 135) gegenüber 20,5 (17,8 bis 24,3) nmol/l; Östradiol 136,5 (75,7 bis 312) gegenüber 57,5 (37 bis 90) pmol/l; Prolaktin bei Anwendern erhöht (Median 12,2 ng/ml). Leber: ALT 69 gegenüber 22,5 U/l, AST 44,5 gegenüber 20,0 U/l, CK 856 gegenüber 362 U/l, Albumin 43 gegenüber 47 g/l; ALP und GGT ohne Unterschied. Stärken: objektive Messwerte, dokumentierte Präparate. Schwächen: 10 gegen 6, Nutzer älter und schwerer, heterogene Substanzen und Dosen, Selbstangabe, keine Samenanalyse, keine Konfidenzintervalle; das Gesamttestosteron unter Anwendung spiegelt vor allem zugeführtes Testosteron. Einordnung: Die fast vollständige Unterdrückung von LH und FSH passt zu einer unterdrückten Spermatogenese zum Messzeitpunkt, belegt sie aber nicht.

Al-Muhaisen et al. 2011, Bodybuilder im Irak (Maysan Journal of Physical Education Sciences, arabisch) [s183]. Land: Irak. Design: Fall-Kontroll-Studie. Population: Blut von 49 Athleten (18 bis 28 Jahre) von April bis September 2009; 29 nutzten AAS, 20 nicht. Messung: Immunglobuline und Komplement (radiale Immundiffusion), Hormone (ELISA). Ergebnis: IgG, IgM, C3 und C4 waren erhöht (Versuchsgruppe 1539,693 ± 75,58, 186,0467 ± 7,141, 210,7 ± 9,232 und 41,4533 ± 2,56014; Kontrollgruppe 1288,6556, 165,85, 126,22 und 33,3389; Einheiten im Abstract nicht genannt). Für die Fruchtbarkeitshormone berichten die Autoren signifikante Unterschiede zur Kontrolle; die im Abstract genannten Werte der Versuchsgruppe (8,174 ± 0,171, 6,734 ± 0,428 und 8,244 ± 0,645) lassen sich keinem Hormon eindeutig zuordnen, ebenso fehlen Einheiten; Prolaktin war deutlich erhöht (24,836 ± 1,9; der Wert ist im Abstract abgeschnitten). Schwächen: unklare Zuordnung der Zahlen, keine Angabe zu Art, Dosis und Dauer der AAS, keine Spermienparameter. Einordnung: Der Beitrag zeigt, dass im arabischen Raum bereits 2009 Hormonmessungen bei Bodybuildern erfolgten, ist aber für die Spermienfrage ohne Aussagekraft.

Eraslan et al. 2026, türkische Fitnessstudio-Besucher (Journal of Ethnicity in Substance Abuse) [s08]. Land: Türkei (Antalya). Design: retrospektive Querschnittsanalyse männlicher Freizeitsportler im Alter von 18 bis 50 Jahren mit LH-, FSH- und Testosteronmessung in der Sportmedizin 2015 bis 2025. „AAS-Nutzer“ waren definiert als Sportler mit unterdrückten Gonadotropinen. Ergebnisse: Von 161 Sportlern waren 57 (35,4 %) Nutzer mit schwerer Hodenunterdrückung (Median LH 0,12 IE/l, FSH 0,17 IE/l); 54,5 % waren 18 bis 25 Jahre alt. Nutzer hatten signifikant höheres Gesamttestosteron, Vitamin B12, Kreatinin, Transaminasen, Erythrozyten, Hämatokrit, Hämoglobin und Thrombozyten sowie niedrigeres HDL; B12 korrelierte am stärksten negativ mit den Gonadotropinen, HDL am stärksten positiv. Stärken: große Fallzahl für diese Gruppe, Laborwerte statt Selbstangabe. Schwächen: zirkuläre Definition (wer unterdrückte Gonadotropine hat, gilt als Nutzer); die 35,4 % sind kein Bevölkerungswert, sondern der Anteil unter denen, die zur Hormonmessung kamen; keine Samenanalyse; p-Werte und Effektgrößen im Abstract nicht genannt. Einordnung: Der Befund, dass etwa jeder dritte Sportler in einer sportmedizinischen Ambulanz eine schwere Unterdrückung zeigte, ist ein Hinweis auf die Häufigkeit in dieser selektierten Gruppe, keine Prävalenzschätzung.

Mubarak et al. 2025, Blutwerte bei Athleten mit AAS-Kombinationen (Substance Abuse and Rehabilitation) [s56]. Land: Saudi-Arabien (Mekka). Design: zweistufige Beobachtungsstudie. Population: 31 Männer (24 bis 45 Jahre) füllten einen Online-Fragebogen aus, 18 ließen Blut untersuchen; Rekrutierung über soziale Medien und Trainer. Ergebnisse: 94 % (29) nutzten AAS ohne medizinische Indikation. Verwendet wurden Testosteron bei 28 (90 %), Wachstumshormon bei 25 (81 %), Insulin bei 7, Erythropoetin bei 7 und Dexamethason bei 1; 96 % kombinierten mehrere Mittel, am häufigsten Testosteron plus GH (14 Teilnehmer, 45 %). Dauer: 1 bis 3 Monate bei 20 (64 %). 74 % berichteten Nebenwirkungen, darunter Hodenverkleinerung bei 6 (19 %), Impotenz bei 5 (16 %), Gynäkomastie bei 4 (13 %), gesteigerte Libido bei 16 (52 %); eine Infertilität oder geringe Spermienproduktion war bei 1 (3 %) ärztlich diagnostiziert. Labor beschreibend: erhöhte Testosteron-, Prolaktin-, ALT-, AST- und Blutfettwerte, niedrige LH- und FSH-Werte. Stärke: dokumentiert reale Kombinationen mit GH. Schwächen: sehr kleine Stichprobe, Rekrutierung über soziale Medien und Trainer (Selektion), nur beschreibende Auswertung, keine Kontrollgruppe, keine Samenuntersuchung, teils inkonsistente Prozentwerte (7 von 31 entsprechen 23 %, nicht 20 %). Einordnung: Zur GH-Wirkung auf Spermien lässt sich nichts ableiten, weil GH fast immer mit Testosteron kombiniert wurde; die Studie belegt aber, dass in dieser Anwendergruppe GH häufig mitgenommen wird.

Lichonossow et al. 2020, Erholung der Hypophysen-Gonaden-Achse nach AAS (Problemy Endokrinologii) [s148]. Land: Russland (Sankt Petersburg). Design: monozentrische, prospektive, offene, unkontrollierte Beobachtungsstudie, Januar bis August 2019. Population: 44 männliche AAS-Nutzer, Alter im Median 29 Jahre, Anwendungsdauer im Median 6 Monate (Quartile 3,52 bis 7). Messung: unter AAS und drei Monate nach dem Absetzen (einheitliche Nachsorgetherapie) LH, FSH, Gesamttestosteron, Prolaktin, Östradiol, Inhibin B und TSH; Erholung bedeutete Testosteron > 3,4 ng/ml und LH > 1,24 mIU/ml. Ergebnisse unter AAS: LH 0,2 mIU/ml (Quartile 0,04 bis 0,47), Testosteron 4,34 ng/ml (1,05 bis 8,81); LH < 1,24 bei 84 % (n = 37), Testosteron < 3,4 bei 47,7 % (n = 21). Nach drei Monaten: LH 4,12 mIU/ml (2,58 bis 5,84), Testosteron 4,55 ng/ml (3,76 bis 6,24); Testosteron < 3,4 weiter bei 20,5 % (n = 9), LH < 1,24 bei 4,5 % (n = 2). Zufriedenstellende Erholung bei 35 Männern (79,5 %), schlechte bei 9 (20,5 %). Korrelationen mit der Testosteron-Erholung: Anwendungsdauer -0,857 (p < 0,0001), Zahl der Präparate -0,443 (p = 0,003), Dosis -0,7825 (p < 0,0001), Art der AAS -0,698 (p < 0,0001); Inhibin B und Testosteron 0,418 (p = 0,005); die Autoren schlagen Inhibin B als Marker des Keimepithels vor. Stärken: Verlaufsmessung bei aktuellen Anwendern, Dosis-Wirkungs-Hinweis. Schwächen: kein Spermiogramm (Spermienqualität nur über Inhibin B erschlossen), keine Kontrollgruppe, die Nachsorgetherapie nennt der Abstract nicht, mit n = 44 sind die hohen Korrelationen vorsichtig zu lesen (Dauer, Dosis und Präparatezahl hängen vermutlich zusammen), keine Konfidenzintervalle. Einordnung: Etwa vier von fünf Männern erholten die Achse innerhalb von drei Monaten unter Nachsorgetherapie, ein Fünftel nicht; das passt zu den Zeiträumen der Metaanalysen.

Coward et al. 2013, anabolika-induzierter Hypogonadismus bei jungen Männern (Journal of Urology) [s177]. Land: USA. Design: retrospektive Datenbankanalyse mit anonymer Folgebefragung. Population: 6033 Patienten mit Hypogonadismus-Behandlung (2005 bis 2010); ausgeprägter Hypogonadismus (Testosteron höchstens 50 ng/dL) bei 97 Männern (1,6 %); häufigste Ursache war frühere AAS-Exposition (42 Männer, 43 %). In der Befragung von 382 behandelten Männern (49,2 ± 13,0 Jahre) hatten 80 (20,9 %) frühere AAS-Exposition (Alter 40,4 ± 8,4 Jahre). Hypogonade Männer unter 50 Jahren hatten mehr als zehnfach häufiger frühere AAS-Exposition (OR 10,16; 95-%-KI 4,90 bis 21,08). Frühere AAS-Anwendung korrelierte negativ mit dem Bildungsniveau (rho = -0,160; p = 0,002) und der Kinderzahl (rho = -0,281; p < 0,0001). Stärken: große Datenbank, Konfidenzintervall. Schwächen: einrichtungsbasierte Erhebung (Selektion), Selbstangaben; Fertilität nur über die Kinderzahl erfasst, was Alter und Partnerschaft nicht ausschließt. Einordnung: Zeigt, dass frühere AAS-Exposition bei jungen Männern mit ausgeprägtem Hypogonadismus ein häufiger Befund ist; für die Spermienqualität unter Anwendung liefert die Studie nichts.

Kohortenstudien zu Erholung und Nachbehandlung nach AAS

Ibis et al. 2026, Nachbehandlung nach kurzer AAS-Anwendung (BJU International) [s14]. Länder: Großbritannien (London) und Türkei (Ankara). Design: retrospektive Zwei-Zentren-Kohortenstudie. Population: 79 Männer mit höchstens 6 Monaten AAS-Anwendung und dokumentiert normalen Hormon- und Samenwerten vor dem Zyklus. Gruppen: keine Behandlung, Clomifen 25 mg täglich oder Clomifen plus hCG 1500 IE dreimal pro Woche subkutan; bei FSH unter 1,5 IU/L wurde rekombinantes FSH (75 IE dreimal pro Woche) vorgeschlagen, fünf Männer erhielten es. Zu Beginn der Nachbehandlung hatten 89,9 % eine erektile Dysfunktion und 69,7 % eine Azoospermie oder schwere Oligozoospermie. Die Hormone normalisierten sich in allen Gruppen bis Monat 6. Normozoospermie nach 12 Monaten: 87,5 % (Clomifen plus hCG), 69,2 % (Clomifen), 58,6 % (keine Behandlung). Eine Zunahme des Hodenvolumens um mindestens 20 % zeigten 70,8 % unter Clomifen plus hCG gegenüber 6,9 % ohne Behandlung. Die Kombination sagte unabhängig eine Normozoospermie voraus (OR 6,23; 95-%-KI 1,32 bis 29,4) und ebenso die Wiederkehr der Beweglichkeit (OR 4,85; 95-%-KI 1,27 bis 18,4). Alle fünf Männer mit rekombinantem FSH erreichten bis Monat 12 eine Normozoospermie. Die sexuelle Funktion besserte sich in allen Gruppen, schneller bei behandelten Männern. Stärken: dokumentierte Ausgangswerte vor dem Zyklus, Samenparameter als Endpunkt, Odds Ratios mit Konfidenzintervallen. Schwächen: retrospektiv, nichtrandomisiert, Gruppengrößen im Abstract nicht genannt, sehr breite Konfidenzintervalle (untere Grenzen nahe 1), Behandlungswahl nicht zufällig, nur Männer mit höchstens sechs Monaten Anwendung und zufällig dokumentierten Vorbefunden (Auswahlverzerrung), keine Angaben zu GH oder SARMs; die Autoren fordern selbst randomisierte Studien. Einordnung: Bemerkenswert ist, dass auch ohne Behandlung 58,6 % nach 12 Monaten normozoosperm waren (41,4 % nicht, eigene Rechnung). Es ist der einzige Befund in dieser Recherche, der Samenparameter nach AAS im Verlauf und unter verschiedenen Schemata vergleicht, begrenzt auf eine kleine, selektierte Gruppe.

Ledesma et al. 2023, Fruchtbarkeitsergebnisse nach früherer Anabolikaeinnahme (Fertility and Sterility) [s98]. Land: USA. Design: retrospektive Kohorte, 2018 bis 2022. Population: 45 Männer (Median 37 Jahre; Quartile 32 bis 45) mit Azoospermie oder schwerer Oligozoospermie; mediane Dauer der früheren Testosteronanwendung 4 Jahre (Quartile 1,3 bis 10), meist als Injektion (43,5 %) oder oral (34,8 %). Behandlung: Absetzen und Clomifen plus hCG für mindestens 3 bis 6 Monate (Median 5 Monate; Quartile 3 bis 12). Die mediane Anfangskonzentration lag bei 0 Mio./mL (Quartile 0 bis 1,15), 23 Männer (51,1 %) waren azoosperm. Von diesen 23 gingen 5 verloren; von den übrigen 18 erreichten 6 (33,3 %) eine schwere Oligozoospermie (< 5 Mio./mL), 6 (33,3 %) eine Oligozoospermie (< 15 Mio./mL), 1 (5,6 %) eine Normozoospermie (> 15 Mio./mL), und 5 (27,8 %) blieben nach 6 Monaten azoosperm. Von 24 antwortenden Paaren erzielten 9 (37,5 %) eine Schwangerschaft, davon 3 mit assistierter Reproduktion und 6 natürlich. In der logistischen Regression fanden sich keine signifikanten Prädiktoren. Stärken: konkrete Behandlungsdauer und Spermienkategorien, Schwangerschaftsrate als klinischer Endpunkt. Schwächen: retrospektiv, ohne Kontrollgruppe, Verlust zur Nachbeobachtung (5 von 23, und nur 24 Paare antworteten), Einschluss nur von Männern mit Infertilitätsbeschwerden und nicht von Anwendern allgemein, die Wirkung der Behandlung ist nicht vom Spontanverlauf trennbar. Einordnung: Zeigt für eine schwer betroffene, selektierte Klinikgruppe, dass nach 6 Monaten mehr als ein Viertel der zuvor azoospermen Männer weiter azoosperm war; die Zahlen dürfen nicht auf alle Anwender übertragen werden.

White et al. 2023, Wiederaufnahme von Anabolika nach Infertilität (Cureus) [s109]. Land: USA (University of Miami). Design: retrospektive Kohorte, 2012 bis 2022. Population: 94 Männer mit Infertilität durch chronischen AAS-Gebrauch. Ergebnisse: 31 (33,0 %) nahmen AAS innerhalb von 8 Monaten wieder auf. Wer wieder begann, hatte zuvor länger angewendet (60 gegenüber 17 Monate); signifikante Unterschiede bei Alter, Dauer, Applikation und Testosteron zu Beginn fehlten. Schwächen: retrospektiv, Einzelzentrum, Selektion infertiler Männer. Einordnung: Ein Drittel dieser Männer nahm die Substanzen wieder auf, was eine Erholung der Spermatogenese verhindern kann (Ableitung); für die Erholungsstudien bedeutet das, dass abgebrochene Erholung kein seltener Störfaktor ist. In der Ärztebefragung wird bei einem Drittel der Patienten ein Rückfall erwartet [s92].

Al Hashimi et al. 2022, prospektive Studie mit Randomisierung nach 3 Monaten (Andrologia) [s112]. Land: Vereinigte Arabische Emirate. Design: prospektive Beobachtung mit nachträglicher Randomisierung. Population: 520 Patienten mit bestätigter AAS-Anamnese innerhalb eines Jahres vor Vorstellung. Messung: Beschwerden, Hormone und Samen alle 3 Monate bis 12 Monate; zunächst 3 Monate Beobachtung der spontanen Erholung, danach Randomisierung der nicht erholten Patienten auf weitere Beobachtung oder Medikation. Ergebnisse: 84 % kamen mit kombinierten sexuellen Beschwerden, 18 % mit Infertilität; bei 90 % waren LH, FSH und Gesamttestosteron niedrig. Nach 3 Monaten begannen 89 % eine Behandlung, 11 % blieben in Beobachtung. Behandelte besserten sich schneller bei IIEF, Hormonen, Hodengröße und Samenparametern (p < 0,005). Unter den 94 infertilen Patienten (61 Oligozoospermie, 33 Azoospermie) erreichten nur 14 (15 %) eine Schwangerschaft innerhalb von 12 Monaten, und alle Azoospermiepatienten blieben am Ende der Nachbeobachtung infertil. Laut Metaanalyse hatten die Patienten AAS, hCG und Clomifen verwendet [s102]. Schwächen: Einzelzentrum, Randomisierung erst nach Selektion der Nichterholten, Beobachtungszeit 12 Monate, im Abstract keine Angaben zu Dosen und Substanzen, die Kontrollgruppe ohne Behandlung ist mit 11 % klein. Einordnung: Die Studie zeigt, dass in einer klinischen Selektion die Erholung innerhalb eines Jahres bei den Azoospermie-Patienten ausblieb; sie ist wegen der Selektion nicht repräsentativ für alle Anwender.

Befragungen zu Anwendung, Wissen und Verhalten

Diese Studien belegen die Verbreitung und die typischen Anwendungsmuster, aber nicht die Wirkung auf die Spermien. Gemeinsame Schwächen sind Selbstangaben, Selbstselektion und fehlende Laborwerte.

Lichonossow und Babenko 2019, Umfrage in Fitnessstudios Sankt Petersburgs (Problemy Endokrinologii) [s157]. Anonyme postalische Querschnittsbefragung; von 1815 verschickten Fragebögen kamen 762 zurück, 550 waren auswertbar; mittleres Alter 29,3 ± 7,4 Jahre. 30,4 % gaben AAS-Anwendung an; 74,3 % dieser Nutzer waren 22 bis 35 Jahre alt. Häufigstes Präparat war Testosteronpropionat (51,5 %), oft mit Oxandrolon (19,7 %); 70,6 % nutzten Injektionen oder Injektionen plus Tabletten; Injektionsdosen 500 bis 2000 mg pro Woche und mehr, am häufigsten 1000 mg (23,9 %); länger als ein Jahr 16,1 %. In der Erholungsphase wurden Anastrozol (55 %), hCG (51,3 %), Clomifen (41,3 %) und Tamoxifen (30,5 %) eingesetzt. Wichtigste Informationsquelle: Internet (48,7 %). Negative Haltung zu AAS: 17,3 %; 54,8 % wünschten qualifizierte Information. Stärken: erste russische Prävalenzdaten, konkrete Dosis- und Präparatemuster. Schwächen: Rücklauf etwa 42 % (762 von 1815) mit Selbstselektion, Selbstangabe, keine Laborwerte, kein Spermiogramm, keine Konfidenzintervalle. Einordnung: Die Praxis „Kur, danach Gonadotropin, Antiöstrogen und Aromatasehemmer“ macht aus AAS-Nutzern eine Gruppe mit Mehrfachexposition, in der sich einzelne Stoffe kaum trennen lassen.

Lichonossow et al. 2019, motivierter Verzicht auf AAS (Problemy Endokrinologii) [s159]. Dieselben 44 Freiwilligen wie in [s148], Interview und Fragebogenskalen. Mehr als 105 Fitnessstudio-Besucher reagierten auf das Angebot (kostenlose Beratung und Laborwerte), 54 (51,4 %) willigten ein, 44 (41,9 %) schlossen ab. 32 (72,7 %) kannten Wirkungen und Nebenwirkungen. Lebenszufriedenheit 34 Punkte (Quartile 29 bis 38), Aggressivität 27 (25 bis 29, über dem Normwert), Depressivität 9 (3 bis 12, leichte depressive Störung). Gesteigerte Aggressivität unter AAS nannten 22,7 % (n = 10); Hypogonadismus-Symptome nach dem Absetzen (Libidoverlust, Erektionsstörung) 25 % (n = 11), was ein Grund für die Fortsetzung der Einnahme war; zum vollständigen Absetzen bereit waren 31,8 % (n = 14). Einordnung: Ein Randbefund für die Spermienfrage (keine Fortpflanzungsdaten); er zeigt, dass Entzugssymptome ein Motiv zur Fortsetzung sind, was die Erholung der Achse verzögern kann. Schwächen: kleine, selbstselektierte Stichprobe, Einschluss nur bei offengelegter Einnahme.

Al Hashimi et al. 2023, Ärztebefragung (Health Science Reports) [s92]. Querschnittsbefragung von 151 Ärzten (68,21 % Urologen, 22,51 % Andrologen, 9,28 % Endokrinologen). 90,73 % beobachteten eine Zunahme des AAS-Missbrauchs; Vorstellung mit Infertilität bei 64,24 %, mit erektiler Dysfunktion bei 59,60 %; auffällige Samenanalyse bei 77,48 %, auffällige Hormone bei 94,70 %, verkleinerte Hoden bei 50,33 %. Erwartet wurde eine Erholungszeit von 6 bis 12 Monaten und bei einem Drittel ein Rückfall. Sofortige Behandlung bot 44,37 % an, abwartendes Vorgehen 32,45 %; keine einheitlichen Leitlinien. Einordnung: Es handelt sich um Wahrnehmungen von Ärzten, nicht um Patientendaten; die Befragung zeigt aber, dass im klinischen Alltag unterschiedlich vorgegangen wird.

Grant et al. 2023, Befragung von 470 Anwendern (Substance Abuse Treatment, Prevention, and Policy) [s96] und von Endokrinologen (Reproduction & Fertility) [s95]. Anonyme Online-Befragung von überwiegend weißen Männern im Alter von 18 bis 30 Jahren. 65,1 % (n = 306) hatten das Absetzen versucht, davon 95,1 % mit mindestens einem Symptom (gedrückte Stimmung 72,9 %, Müdigkeit 58,5 %, verminderte Libido 57,0 %). 56,5 % nutzten Nachbehandlung (PCT); sie milderte laut Selbstangabe Verlangen, Entzugssymptome und Suizidgedanken um 60 %, 60 % beziehungsweise 50 %. Sorgen um die Körperzusammensetzung und um die Erholung von Testosteron beziehungsweise Fruchtbarkeit bestanden bei 60,5 % beziehungsweise 52,4 %. Schwächen: Selbstselektion und Selbstangaben, keine Messwerte; die Wirkung der Nachbehandlung auf Spermien wurde nicht gemessen. Die Befragung von über 100 Endokrinologen ergab, dass die meisten zum Abwarten raten und rund 20 % Medikamente zur Anhebung des Testosterons verordnen, mit stark unterschiedlicher Praxis; die genaue Zahl der Befragten nennt der Abstract nicht.

Alrehaili et al. 2024, Prävalenz und Wissen bei Athleten in Medina (Saudi Medical Journal) [s69]. Querschnittsbefragung (33 Fragen), Zufallsauswahl in privaten Sportzentren; von 150 Befragten antworteten 121 (80,6 %), 56,2 % waren 18 bis 23 Jahre alt, 79,3 % ledig. 32 % gaben AAS-Nutzung an, überwiegend für Muskelmasse, am häufigsten auf Rat von Trainern (46,1 %); Quellen: Internet (30,7 %), Trainer (30 %), Freunde (27,9 %). Wahrgenommene Nebenwirkungen: Nieren- und Leberschäden sowie sexuelle Probleme. Schwächen: Selbstangabe, keine Laborwerte, Fruchtbarkeit nur als subjektives Problem erwähnt.

Alsugoor 2025, Kenntnisse, Einstellungen und Praxis in Fitnessstudios von Al-Qassim (Saudi Pharmaceutical Journal) [s35]. Querschnittsbefragung in 24 Fitnessstudios (Januar bis März 2022), 415 Nutzer (62,9 % Männer, 37,1 % Frauen). 74 % kannten AAS; nur 13,3 % wussten, dass AAS eine Brustvergrößerung verursachen können; 83,6 % hielten sie für schädlich; 19,5 % gaben eigene Nutzung zu (19,2 % der Männer, 20,1 % der Frauen); 51,1 % hielten sie für leicht erhältlich. Signifikante Zusammenhänge der Nutzung mit Familienstand (p = 0,031), Zeit im Fitnessstudio (p = 0,016), chronischen Erkrankungen (p = 0,028) und Rauchen (p = 0,031). Schwächen: Selbstangabe, Fruchtbarkeit nicht erhoben, durch den Frauenanteil nicht mit reinen Männerkohorten vergleichbar.

Hattab et al. 2024, Wissen zu AAS bei Sportstudierenden in Palästina (Scientific Reports) [s80]. Elektronische Querschnittsbefragung (November 2020 bis Januar 2021), 380 Studierende, Durchschnittsalter 21 Jahre, etwa je zur Hälfte Frauen und Männer. Wissensscore 2,95 von 8; nur 36 (10 %) hatten zufriedenstellendes Wissen. Aktuelle Nutzung bejahten 11 (2,9 %, alle männlich), frühere etwa 28 (7 %), 30 (8 %) planten den Versuch; 221 (58 %) nahmen Vitamine und Mineralstoffe ein. Schwächen: Online-Selbstangabe, keine Fruchtbarkeitsdaten. Einordnung: Wissensdefizit statt Wirkung auf die Spermien.

Ibischew et al. 2022, Harnwegssymptome nach Absetzen von Testosteron (Westnik Urologii) [s124]. Land: Russland (Rostow am Don). Klinisch-statistische Auswertung von 31 Männern (22 bis 46 Jahre), die Testosteronpräparate in Fitnessstudios angewendet hatten und wegen Harnwegssymptomen zum Urologen kamen. Gesamttestosteron bei 13 (41,9 %) 8 bis 11 nmol/l, bei 18 (58,1 %) unter 8 nmol/l; hypovaskuläre Prostataareale bei 77,4 %, Prostatafibrose bei 67,7 %. Das Absetzen könne mit sekundärem Hypogonadismus und überwiegend irritativen Symptomen einhergehen. Schwächen: selektierte urologische Patienten, keine Kontrolle, keine Spermiendaten. Einordnung: Für die Spermienfrage nur indirekt relevant; belegt Hypogonadismus nach dem Absetzen in einer kleinen Klinikgruppe.

Sulima et al. 2019, Auswertung aus einer Kinderwunschklinik auf der Krim (Eksperimentalnaja i Klinitscheskaja Urologija) [s160]. Die Arbeit nennt AAS und testosteronhaltige Nahrungsergänzung als Ursache von Hypogonadismus bei jungen Männern und von Spermatogenesestörungen bis zur Azoospermie, enthält aber nach dem Abstract keine eigenen Daten zum Thema; sie wird nur der Vollständigkeit halber geführt [s160].

Produktanalysen und Marktbeobachtung

Diese Studien betreffen die Exposition. Sie sind für die Leitfrage wichtig, weil ein Teil der Produkte andere Wirkstoffe enthält, als deklariert ist.

Gaudiano et al. 2024, online aus Italien bezogene SARM-Produkte (Sexual Medicine) [s78]. Land: Italien. Design: Produktanalyse (Massenspektrometrie, quantitative Kernspinresonanz) und Web-Analyse. Population: 13 Produkte. Ergebnisse: Etwa 70 % der Proben enthielten das deklarierte SARM, in 23 % wurde stattdessen ein anderes SARM gefunden, in einer Probe kein SARM. In 30 % der Proben wurden nicht deklarierte Arzneistoffe gemessen (Tamoxifen, Clomifen, Testosteron, Epimethandienon, Tadalafil), bei mehr als 60 % lag mehr als ein Wirkstoff vor, und der Gehalt betrug 30 bis 90 % der Angabe. Stärken: Kombination aus Analytik und Web-Recherche. Schwächen: kleine Stichprobe (13 Produkte), nur frei zugängliches Internet, keine Zufallsauswahl. Einordnung: Testosteron, Clomifen und Tamoxifen beeinflussen die hormonelle Achse unmittelbar; eine Wirkung auf die Samenqualität kann deshalb auch ohne das deklarierte SARM auftreten (Ableitung).

Błażewicz et al. 2025, beschlagnahmte Leistungssteigerungsmittel und Mittel der Nachbehandlung (Frontiers in Chemistry) [s37]. Land: Polen. Design: Laboranalyse beschlagnahmter Proben, Januar 2020 bis August 2024. Population: 601 Proben, davon 411 (68,4 %) als AAS deklariert, 63 (10,5 %) als Mittel der Nachbehandlung, 127 (21,1 %) andere. Unter den Nachbehandlungsproben wiesen 33,3 % laut Etikett Tamoxifen oder Clomifen (SERM) auf, 25,4 % Aromatasehemmer und 41,3 % andere Substanzen (hCG, Cabergolin, Mesterolon). In 65,1 % war der deklarierte Wirkstoff vorhanden, in 34,9 % nicht; bezogen auf alle 63 Proben (die Prozentwerte summieren sich zu 65,1 % und 34,9 %, entsprechen also 37, 4, 13 und 9 Proben) enthielten 58,7 % nur den deklarierten Wirkstoff und 6,4 % zusätzlich einen nicht deklarierten; 20,6 % enthielten überhaupt keinen Wirkstoff und 14,3 % andere, nicht deklarierte Wirkstoffe (die Auszählung der Fälle ist eigene Rechnung; der Abstract formuliert die letzten beiden Werte missverständlich als Anteil der Proben ohne deklarierten Wirkstoff). Stärken: große Probenzahl. Schwächen: beschlagnahmte Proben sind keine Stichprobe des Marktes (Selektion), die Prozentangaben beziehen sich auf Untergruppen mit unterschiedlichen Nennern. Einordnung: In rund einem Drittel der Proben fehlte der deklarierte Wirkstoff; die tatsächlich eingenommene Substanz ist in Selbstberichten deshalb unsicher.

Holubeck et al. 2024, Suchinteresse als Näherung für die Anwendung (Cureus) [s82]. Analyse von Suchinteresse-Daten. Das Interesse an SARMs (zum Beispiel RAD-140) stieg, während das Interesse an Anabolika und an Nachbehandlung stagnierte oder fiel; die Autoren schlagen Suchdaten als Näherung für die ärztliche Anamnese vor. Schwächen: Suchinteresse ist keine Anwendung und keine Prävalenz; keine Fertilitätsdaten.

Handelsman et al. 2022, Urinanteil in Samenproben (Drug Testing and Analysis) [s117]. Methodenstudie mit gleichzeitiger Kreatininmessung in Urin und Samenplasma zum Anteil von Urin in Samenproben, der den Wirkstoffnachweis im Ejakulat verfälschen kann; Zahlen nennt der Abstract nicht. Einordnung: Methodisch relevant für künftige Studien, die Wirkstoffe im Ejakulat messen wollen; kein Befund zur Spermienqualität.

Testosteron-Fehlanwendung: Fallserien und Kohorten aus Korea, Japan und China

Diese Arbeiten betreffen nicht Fitnessanwender im engeren Sinn, sondern Männer, die Testosteron als Ersatztherapie bekamen und infertil wurden. Sie sind aufgenommen, weil sie Zeit und Verlauf der Erholung nach exogenem Testosteron beim Menschen zeigen.

Bang et al. 2013, umkehrbare Infertilität unter Testosterontherapie (Yonsei Medical Journal) [s175]. Land: Korea (CHA Gangnam Medical Center). Design: Fallserie. Population: 8 Männer, die zwischen Januar 2008 und Juli 2011 wegen Azoospermie oder schwerer Oligozoospermie überwiesen wurden, bei allen iatrogener Hypogonadismus durch externen Androgenersatz. Alle hatten mehrere Injektionen von Testosteronundecanoat (Nebido) wegen Androgenmangelsymptomen und niedrigem Testosteron erhalten. Ergebnis: Die mediane Dauer des Androgenersatzes vor der Azoospermie betrug 8 Monate (Spanne 4 bis 12); nach dem Absetzen normalisierten sich Spermienkonzentration und FSH nach median 8,5 Monaten (Spanne 7 bis 10). Fazit der Autoren: Fehlanwendung könne vorübergehend die Spermatogenese stören und die Infertilität verschlimmern. Stärken: klare Zeitangaben zur Erholung. Schwächen: n = 8, Selektion über eine Kinderwunschambulanz, keine Kontrollgruppe, keine Konfidenzintervalle.

Song et al. 2019, Fehlanwendung von Testosteronersatz bei infertilen Paaren (Clinical and Experimental Reproductive Medicine) [s154]. Land: Korea (CHA Gangnam). Design: retrospektive Fallserie. Population: 20 aufeinanderfolgende Männer mit Azoospermie oder schwerer Oligozoospermie unter Testosteronersatz; mittleres Alter 37 Jahre, mittlere Infertilitätsdauer 16,3 ± 11,6 Monate. Bei Vorstellung: 8 Azoospermie, 9 Kryptozoospermie, 3 schwere Oligozoospermie; das FSH lag bei den meisten unter 1,0 mIU/ml. Drei laufende Programme der assistierten Reproduktion mit weiblichem Faktor wurden wegen der männlichen Spermatogenesestörung abgebrochen; bei zwei dieser Männer waren die Samenparameter im Zyklus davor normal gewesen. Nach dem Absetzen normalisierten sich Hormone und Spermienkonzentration nach median 8 Monaten. Fazit der Autoren: hoch dosierter Testosteronersatz könne über die Hemmung der Hypothalamus-Hypophysen-Hoden-Achse die Spermatogenese stören; der Ersatz sei bei Paaren mit Kinderwunsch kontraindiziert. Stärken: klinische Folgen (abgebrochene Behandlungszyklen) dokumentiert. Schwächen: retrospektiv, keine Vergleichsgruppe, Selektion.

Sukegawa und Tsuji 2020, Infertilität durch Testosteronersatz bei LOH-Syndrom (Hinyokika Kiyo / Acta Urologica Japonica) [s146]. Titel: LOH症候群に対するテストステロン補充療法に起因した男性不妊症 (Risiko der männlichen Unfruchtbarkeit durch Testosteronersatz bei LOH-Syndrom). Land: Japan (Ebisu Tsuji Clinic). Quelle: englischer Abstract des japanischen Originals (CiNii). Design: Fallserie. Population: 6 von 4375 Patienten, die zur Infertilitätsabklärung kamen, hatten wegen Late-onset-Hypogonadismus Testosteron erhalten (3 bis 12 Monate). Ergebnis: Bei 5 von 6 waren die Gonadotropine stark unterdrückt (hypogonadotroper Hypogonadismus); beim sechsten lagen LH und FSH im Referenzbereich bei erhöhtem Testosteron. Die Samenbefunde reichten von Azoospermie bis zu schwerer Oligospermie. Das Testosteron wurde sofort abgesetzt; drei Patienten, die eine rasche Erholung benötigten, erhielten hCG (2) oder Clomifen (1). Die Samenbefunde besserten sich bei allen signifikant, außer bei einem Patienten mit nur einem Monat hCG; die Erholungszeit war von Patient zu Patient sehr unterschiedlich. Stärken: nennt einen Nenner (4375 Patienten) und gibt damit eine grobe Häufigkeitsvorstellung in der Infertilitätsklinik; Behandlung der Erholung dokumentiert. Schwächen: n = 6, ohne Kontrollen, Abstract ohne Einzelwerte; „signifikant“ ohne Prüfverfahren im Abstract.

Chen et al. 2019, Testosteronundecanoat plus hCG bei isoliertem hypogonadotropem Hypogonadismus (Asian Journal of Andrology) [s149]. Land: China (Tongji Hospital, Wuhan). Design: retrospektive Kohortenstudie. Population: 107 Patienten mit isoliertem hypogonadotropem Hypogonadismus; 54 erhielten hCG intramuskulär plus orales Testosteronundecanoat, 53 hCG allein; mediane Nachbeobachtung 29 Monate (Spanne 12 bis 72) in beiden Gruppen. Ergebnis: Die kombinierte Gruppe brauchte weniger Zeit bis zur Normalisierung des Serumtestosterons (P < 0,001) und bis zum Erreichen der Tanner-Stadien III und V (P < 0,05). Bei der Rate von Spermien im Samen, der Spermienkonzentration und der Zeit bis zu verschiedenen Konzentrationsschwellen gab es keine signifikanten Unterschiede; ebenso keine Unterschiede bei Nebenwirkungen wie Akne und Gynäkomastie. Stärken: lange Nachbeobachtung, klinisch relevante Endpunkte. Schwächen: retrospektiv, nicht randomisiert, die Population (Patienten mit angeborenem Hypogonadismus unter hCG) ist mit gesunden Männern nicht vergleichbar. Einordnung: Für die Leitfrage zeigt die Studie, dass zusätzliches exogenes Testosteron die Spermatogenese bei hCG-behandelten Patienten nicht schlechter, aber auch nicht besser machte.

**Tang et al. 2015, Tamoxifen plus Testosteronundecanoat und CYP2D6*10 (Journal of Zhejiang University Science B) [s172].** Land: China (Guiyang). Design: Kohortenstudie mit Kontrollen. Population: 230 infertile Männer mit idiopathischer Oligozoospermie und 147 Kontrollen. Behandlung: Tamoxifencitrat und Testosteronundecanoat; Genotypisierung des CYP2D6*10-Polymorphismus. Ergebnis: Die Genotypfrequenzen unterschieden sich nicht zwischen Patienten und Kontrollen (P > 0,05). FSH, LH und Testosteron stiegen, Spermienkonzentration und Motilität stiegen nach 3 Monaten und wurden nach 6 Monaten signifikant, am höchsten bei Trägern des Wildtyp-Allels (C/C) gegenüber C/T oder T/T (P < 0,05); der Anteil normaler Morphologie stieg nach 6 Monaten und war in der C/C-Untergruppe am höchsten (P < 0,05); die Rate spontaner Schwangerschaften war in C/C höher (P < 0,01). Stärken: Genotyp-Stratifizierung, Schwangerschaftsrate als Endpunkt. Schwächen: Der Abstract nennt keine unbehandelte Vergleichsgruppe, sodass der Effekt der Kombination nicht vom Spontanverlauf zu trennen ist; keine Effektschätzer. Einordnung: Ein Beispiel für eine Kohorte mit Testosteron im Kombinationsregime bei Subfertilität, nicht für Anwender von Fitnesswirkstoffen.

Li und Gu 2008, Prädiktoren partieller Suppression (Asian Journal of Andrology) [s188] und Li et al. 2008, (CAG)n-Polymorphismus (Zhonghua Nan Ke Xue) [s187]. Land: China. Design: geschachtelte Fall-Kontroll-Studie innerhalb einer Studie mit monatlichem Testosteronundecanoat (500 mg) als männlichem Verhütungsmittel. Population: 43 partielle Suppressoren (keine Azoospermie oder schwere Oligozoospermie) gegenüber 855 vollständigen Suppressoren; die genetische Untersuchung betraf 29 partielle und 34 vollständige Suppressoren. Ergebnis: Das Ausgangs-LH war bei den partiellen Suppressoren höher, LH und FSH waren in der Suppressionsphase weniger stark unterdrückt. In der logistischen Regression waren ein größeres Hodenvolumen, ein höheres FSH allein oder die Interaktion aus LH, FSH, Testosteron und Spermienkonzentration mit dem Grad der Suppression verknüpft. Die Verteilung der Polymorphismen von Androgenrezeptor und FSH-Rezeptor unterschied sich nicht. Bei unvollständiger FSH-Suppression war die Chance auf Azoospermie bei Trägern von mehr als 22 CAG-Repeats 1,5-fach höher; die chinesische Fassung nennt mittlere Repeat-Zahlen von 23,62 gegenüber 22,97 (P > 0,05) und keinen Zusammenhang zwischen CAG-Repeats und Spermienkonzentration [s187]. Stärken: erklärt interindividuelle Unterschiede im Ansprechen auf Testosteron. Schwächen: kleine genetische Untergruppe, Effektgröße ohne Konfidenzintervall im Abstract, wohl überlappende Population der beiden Veröffentlichungen (nicht unabhängig bestätigend), im Abstract ist das Vergleichszeichen beim FSH-Schwellenwert nicht lesbar. Einordnung: Ein Teil der Männer unterdrückt unter Testosteron die Spermatogenese nur unvollständig; das FSH-Niveau spielt dabei eine Rolle.

Huang et al. 2025, Intratestikuläres Testosteron bei Azoospermie (World Journal of Men's Health) [s47]. Land: Taiwan (Taipei Veterans General Hospital). Design: Pilotstudie. Population: 37 Proben testikulärer Interstitialflüssigkeit (5 von Männern mit obstruktiver, 32 mit nichtobstruktiver Azoospermie). Methodik: Flüssigchromatographie mit Tandem-Massenspektrometrie. Ergebnis: Männer mit nichtobstruktiver Azoospermie ohne Hormonbehandlung hatten deutlich höhere intratestikuläre Konzentrationen von Testosteron (Median 1528,1 gegenüber 207,5 ng/ml), Androstendion (10,6 gegenüber 1,9 ng/ml) und 17-OH-Progesteron (13,0 gegenüber 1,8 ng/ml) als Männer mit obstruktiver Azoospermie. Unter den hormonell behandelten Männern mit nichtobstruktiver Azoospermie hatten jene mit erfolgreicher Spermiengewinnung niedrigeres Androstendion (Median 5,7 gegenüber 18,5 ng/ml; p = 0,004) und ein höheres Testosteron/Androstendion-Verhältnis (365,8 gegenüber 165,0; p = 0,008). Einordnung: Referenz zur intratestikulären Hormonlage, die durch exogene Androgene gesenkt wird; die Studie untersucht keine Fitnesswirkstoffe. Schwächen: kleine Zahl, Pilotcharakter, Untergruppen noch kleiner.

Lin et al. 2026, niedriges Testosteron bei infertilen Männern mit normaler Spermienkonzentration (Frontiers in Endocrinology) [s19]. Land: Taiwan (Taipei City Hospital). Design: retrospektive Kohortenstudie, 2013 bis 2020. Population: 3147 infertile Männer mit anfänglicher Spermienkonzentration von mindestens 15 Mio./ml. Ergebnis: 77,2 % (2429 Männer) erhielten keine Hormonabklärung; die Abklärungsrate lag bei 100 % für Urologen mit Spezialausbildung in männlicher Infertilität, 23,2 % für allgemeine Urologen und 1,2 % für Gynäkologen. Von 718 hormonell untersuchten Männern hatten 24,1 % niedriges Testosteron (Gesamttestosteron unter 300 ng/dl). Unabhängige Prädiktoren: höherer BMI (OR 1,083; 95-%-KI 1,031 bis 1,136; p = 0,001) und niedrigeres Östradiol (OR 0,956; 95-%-KI 0,937 bis 0,976; p < 0,001); adipöse gegenüber normalgewichtigen Männern OR 1,725 (95-%-KI 1,010 bis 2,943; p = 0,046). Bei 66 behandelten Männern stieg das Testosteron zu allen Nachbeobachtungszeitpunkten signifikant (alle p ≤ 0,001), sechs erreichten eine natürliche Schwangerschaft. Stärken: große Stichprobe, Konfidenzintervalle. Schwächen: retrospektiv, Selektionsverzerrung durch die geringe Abklärungsrate (nur 718 von 3147 untersucht), keine Fitnesswirkstoffe. Einordnung: Niedriges Testosteron kommt auch bei normaler Spermienkonzentration vor und hat mehrere Ursachen; ein niedriger Wert allein erlaubt keinen Rückschluss auf Wirkstoffgebrauch.

Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Einordnung und Abgrenzung bis Übersichten zu Wachstumshormon, IGF-1 und Peptiden
  5. Metaanalysen zu Behandlungen bei subfertilen Männern als Vergleichsmaßstab und Metaanalysen und Übersichten zu Training und Lebensstil
  6. Einordnung und Abgrenzung bis Testosteron-Fehlanwendung: Fallserien und Kohorten aus Korea, Japan und China
  7. Wachstumshormon-Achse beim Menschen: Beobachtungsstudien bis Gesamteinschätzung der Beobachtungsstudien
  8. Wie belastbar ist die Literatur überhaupt? bis Wachstumshormon, IGF-1 und Ghrelin
  9. Weitere Wirkstoffe, Nahrungsergänzung und Training und Leitlinien und Konsensdokumente
  10. Mechanismen und biologische Plausibilität
  11. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  12. Englisch bis Spanisch
  13. Chinesisch bis Arabisch
  14. Türkisch
  15. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  16. Limitationen der Evidenz
  17. Offene Forschungsfragen
  18. Praktische Einordnung
  19. Glossar
  20. Quellenverzeichnis
  21. Diagramme
  22. Quellen s01–s113
  23. Quellen s114–s218
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle