SARMs, Wachstumshormon und Fitness-Wirkstoffe · Kapitel 16 von 20

Limitationen der Evidenz

Die zentrale Lücke: kein Messwert am Menschen

Für SARMs liegt keine einzige Studie vor, die Spermienkonzentration, Beweglichkeit oder Morphologie beim Menschen unter SARM-Einnahme gemessen hat. Das gilt für die englischsprachige Literatur (die Kernabfrage zu SARM-Begriffen mit Spermien-, Samen-, Spermatogenese- und Fertilitätsbegriffen lieferte 233 Treffer, von denen keiner eine solche Messung enthielt), für den chinesischen, japanischen und koreanischen Sprachraum (0 Treffer mit Länderfilter, 24 ohne, keiner aus dem Sprachraum) und für den russischen, türkischen und arabischen Sprachraum [s111, s09]. Die einzige Studie mit direktem Befund zur Spermatogenese unter einem SARM ist ein Rattenversuch mit einer Substanz, die als Kontrazeptivum entwickelt wurde [s195]. Beim Menschen gibt es nur Hormonwerte aus einer 21-tägigen Studie mit höchstens 1,0 mg LGD-4033 täglich [s176]. Alles Weitere sind Fallberichte [s126, s87, s44, s50, s75, s131], Produktanalysen [s78, s37] und Übersichtsarbeiten ohne eigene Samendaten [s107, s88, s62]. Das Ergebnis ist eine Lücke, kein Beleg für Unbedenklichkeit. Es ist ebenso wenig ein Beleg für Schädlichkeit: Aus Hormonwerten und aus der Pharmakologie lässt sich eine Hypothese ableiten, ein gemessener Befund ist es nicht.

Für Wachstumshormon, GH-Sekretagoga und die frei verkauften Peptide (BPC-157, TB-500, Melanotan, Ipamorelin, CJC-1295) gilt dasselbe. Es gibt keine kontrollierte Studie zur Einnahme durch gesunde Fitnessanwender mit Samenparametern. Die vorhandene Literatur beschreibt Erkrankte, Zellkulturen und Tiere, darunter einen Fischversuch mit Ipamorelin [s79]. Die einschlägigen Übersichten zu nicht zugelassenen Peptiden erwähnen in ihren Abstracts keine Fertilitätsdaten [s07, s24, s10], die russische Übersicht zu GH-freisetzenden Peptiden erwähnt die Fortpflanzung nicht [s179].

Wovon die vorhandene Evidenz getragen wird

Der größte Teil der Humandaten betrifft anabol-androgene Steroide und nicht SARMs oder Peptide. Die Übertragung auf SARMs ist offen, weil SARMs keine östrogene Aktivität haben und ihre behauptete Gewebeselektivität nach kritischer Prüfung nicht sicher belegt ist [s38]. Die AAS-Befunde sind daher in dieser Studie als Analogie, nicht als SARM-Evidenz zu lesen.

Auch für AAS fehlt der Goldstandard. Es gibt keinen randomisierten, placebokontrollierten Humanversuch zur Wirkung auf die Spermatogenese mit realistischen Missbrauchsdosen; das ist aus ethischen Gründen nicht zu erwarten. Die Datenlage besteht aus Kohorten, Querschnitten, Fallserien und Fallberichten. Von den 33 Studien der systematischen Übersicht von Christou et al. waren nur 3 randomisiert (11 Kohorten, 18 Querschnitte, 1 nichtrandomisierte Parallelstudie) [s166]; bei Mulawkar et al. waren es 12 Kohorten-, 5 Fall-Kontroll-, 9 Querschnittsstudien und 6 Fallberichte [s102].

Typische Verzerrungsquellen

Selektion. Viele Kohorten stammen aus Kinderwunschkliniken [s98, s109, s112, s146, s175, s154]. Wer dort erscheint, hat bereits ein Problem. Die Fallserie aus Japan nennt immerhin einen Nenner (6 von 4.375 Patienten einer Kinderwunschpraxis hatten wegen eines Late-onset-Hypogonadismus Testosteron erhalten) [s146]; solche Nenner sind die Ausnahme. Coward et al. fanden zwar eine mehr als zehnfach häufigere frühere AAS-Exposition bei hypogonaden Männern unter 50 Jahren (OR 10,16; 95-%-KI 4,90 bis 21,08), aber ebenfalls in einer einrichtungsbasierten Erhebung mit Selbstangaben [s177].

Berichtsbias. Fälle mit Problemen werden eher veröffentlicht. Bei Vilar Neto et al. war bei 168 von 179 Fällen der Hypogonadismus eindeutig auf AAS zurückzuführen, nur bei 38 war der Ausgang vollständig bekannt, und nur bei 4 davon war er vollständig reversibel [s136]. Diese Zahlen sind keine Häufigkeit. Umgekehrt sind Männer ohne Beschwerden in den Studien nahezu unsichtbar.

Mischkonsum und Mehrfachexposition. Anwender kombinieren AAS mit hCG, Anastrozol, Clomifen und Tamoxifen [s157], mit GH, Insulin und Erythropoetin [s56], mit Clenbuterol und weiteren Stoffen [s83]. Der russische Übersichtsbegriff dafür lautet "Dopingpolypragmasie" [s158]. In einer saudischen Serie kombinierten 96 % mehrere Mittel [s56]. Einzelne Stoffe lassen sich dann kaum trennen, und die Autoren der Metaanalyse nennen Polypharmazie ausdrücklich als Schwäche [s102].

Produktqualität. Wenn die Etiketten nicht stimmen [s78, s37, s02], ist die Exposition nicht bekannt. Das gilt für Fallberichte und Befragungen gleichermaßen, weil Anwender nur angeben können, was sie zu nehmen glaubten.

Selbstangaben. Dosis, Dauer und Substanzen stammen in den meisten Humanstudien von den Anwendern selbst [s96, s157, s69, s35, s80]. Mehr als 50 % der Patienten mit Hypogonadismus und AAS-Vorgeschichte verbärgen nach einer Übersicht die Anwendung [s158]; dies ist eine zitierte Angabe, keine eigene Messung.

Kleine Fallzahlen. Viele Studien arbeiten mit zweistelligen Gruppen: 10 Anwender gegen 6 Nichtanwender [s83], 18 Kraftsportler [s198], 15 gegen 15 Bodybuilder [s209], 44 Teilnehmer in der Petersburger Verlaufsstudie [s148]. Die Konfidenzintervalle sind entsprechend weit, bei İbis et al. liegt die untere Grenze der Odds Ratio nahe 1 (1,32) [s14].

Surrogatendpunkte. Die meisten Studien messen Hormone, Hodenvolumen, Spermienzahl oder Histologie, nicht die Lebendgeburt. Das koreanische Konsensuspapier betont ausdrücklich Endpunkte wie die Lebendgeburt statt Zwischenparameter [s25]. Auch bei der Behandlung subfertiler Männer mit FSH zeigten Konnyu et al. bescheidene und kurzfristige Verbesserungen von Spermienparametern, bei unklarer Übertragung auf Schwangerschaft oder Lebendgeburt [s16].

Tierversuche. Ein erheblicher Teil der experimentellen Befunde stammt von Ratten, Mäusen, einem Pferd, Rhesusaffen und einem Fisch [s79, s213, s210, s84]. Die Dosen sind in mg/kg angegeben, oft supraphysiologisch, und nicht ohne Weiteres auf menschliche Anwendungsmuster übertragbar; die Gruppen sind klein (meist 5 bis 10 Tiere je Gruppe, zum Beispiel n = 5 in [s11], n = 6 in [s84]). Viele der arabischen und iranischen Rattenstudien haben als Hauptziel den Nachweis einer Schutzsubstanz (Ginseng, Nanopartikel, Thymochinon, Vitamin B17, plättchenreiches Plasma) [s03, s12, s26, s68, s104]; für die Frage nach den Folgen der AAS selbst zählt nur der Vergleich mit der Kontrollgruppe. Mehrere Veröffentlichungen der Rhesusaffen-Serie stammen offenbar aus demselben Versuchsansatz und sind nicht unabhängig [s210, s207, s208, s204].

Doppelte Zählung. Zwei Veröffentlichungen beschreiben dieselbe Verhütungsstudie auf Chinesisch und Englisch [s201, s196]; zwei weitere dieselbe Probandengruppe zum Androgenrezeptor-Polymorphismus [s188, s187]. Sie dürfen nicht als unabhängige Bestätigung gezählt werden.

Widersprüchliche Angaben innerhalb der Quellen. Einige Studien enthalten Unstimmigkeiten, die in den Quellen selbst nicht aufgelöst sind: 12 gegenüber 13 Teilnehmern in einer Dosisgruppe [s215], 40 Teilnehmer gegenüber 18 plus 18 [s190], widersprüchliche Dosisangaben und Tabellen mit "p > 0,05" trotz beschriebener großer Unterschiede in der russischen Rattenstudie [s139], prozentuale Angaben, die nicht zur Fallzahl passen (7 von 31 sind 23 %, nicht 20 %) [s56]. Diese Quellen tragen höchstens qualitative Aussagen.

Begrenzungen der Recherche

  • Nur Abstracts. Für die meisten Studien lag nur der Abstract vor; Volltexte wurden nur dort gelesen, wo sie frei verfügbar waren. Zahlen, die im Abstract fehlen, wurden nicht ergänzt. Dadurch fehlen bei vielen Studien Fallzahlen, p-Werte oder Dosen.
  • Datenbankzugang. Der Abruf lief über Europe PMC, die NCBI-E-utilities und einige Fachportale. Nicht auswertbar waren unter anderem Cairn, SciELO, LILACS, Dialnet, die Seite der Società Italiana di Andrologia, CNKI, Wanfang, DBpia, KoreaMed, eLIBRARY.ru, DergiPark, Arab World Research Source und Mandumah. Die spanisch-, portugiesisch- und italienischsprachige Primärliteratur außerhalb von PubMed und Europe PMC konnte daher nicht durchsucht werden; falls es dort einschlägige Studien gibt, fehlen sie. Chinesischsprachige Arbeiten, die nur in CNKI oder Wanfang erscheinen, sind nur insoweit erfasst, als PubMed sie führt.
  • Leitlinien. Eine AWMF-Leitlinie zu Anabolika und Fertilität wurde nicht gefunden. Es wurde keine Leitlinie gefunden, die SARMs oder Wachstumshormon in Bezug auf die Spermienqualität behandelt. Die abgerufenen Texte von AUA/ASRM und EAU enthalten die Begriffe "selective androgen receptor modulator" und "growth hormone" nicht [s141, s42].
  • Nicht aufgenommene Treffer. Studien zu Metabolismus und Nachweis von SARMs ohne Reproduktionsendpunkt, Arbeiten zu Kisspeptin und zu Nutztieren wurden nicht aufgenommen; ebenso mehrere Treffer zu Trenbolon bei Fischen und anderen Tieren und zu Umweltexposition. Für Clenbuterol, Trenbolon und sogenannte Fatburner fand sich keine Humanstudie mit Samendaten, die aufgenommen wurde.
  • Umfang. Das Quellenverzeichnis umfasst 218 Quellen. Drei japanischsprachige Titel (zur Rolle des Wachstumshormons und des Clonidin-Tests, zu einem testosteronhaltigen Nahrungsergänzungsmittel und zum Missbrauch von Androgenen im Sport) wurden gefunden, aber ohne abrufbaren Abstract nicht aufgenommen; ihr Inhalt ist unbekannt.
  • Zeitrahmen. Stand der Recherche ist der 4. Oktober 2026. Eine spätere Studie kann das Bild ändern.
Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Einordnung und Abgrenzung bis Übersichten zu Wachstumshormon, IGF-1 und Peptiden
  5. Metaanalysen zu Behandlungen bei subfertilen Männern als Vergleichsmaßstab und Metaanalysen und Übersichten zu Training und Lebensstil
  6. Einordnung und Abgrenzung bis Testosteron-Fehlanwendung: Fallserien und Kohorten aus Korea, Japan und China
  7. Wachstumshormon-Achse beim Menschen: Beobachtungsstudien bis Gesamteinschätzung der Beobachtungsstudien
  8. Wie belastbar ist die Literatur überhaupt? bis Wachstumshormon, IGF-1 und Ghrelin
  9. Weitere Wirkstoffe, Nahrungsergänzung und Training und Leitlinien und Konsensdokumente
  10. Mechanismen und biologische Plausibilität
  11. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  12. Englisch bis Spanisch
  13. Chinesisch bis Arabisch
  14. Türkisch
  15. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  16. Limitationen der Evidenz
  17. Offene Forschungsfragen
  18. Praktische Einordnung
  19. Glossar
  20. Quellenverzeichnis
  21. Diagramme
  22. Quellen s01–s113
  23. Quellen s114–s218
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle