Metaanalysen zu Behandlungen bei subfertilen Männern als Vergleichsmaßstab
Diese Arbeiten betreffen nicht Fitnessanwender, sondern Männer mit auffälligem Samen. Sie sind hier aufgenommen, weil nach AAS-Absetzen dieselben Substanzklassen (Gonadotropine, SERMs, Antioxidanzien) verwendet werden und weil sie zeigen, wie stark die Evidenz für diese Mittel ist.
Konnyu et al. 2026, zwei verknüpfte systematische Übersichten mit Metaanalyse zur Hormonbehandlung bei normogonadotropen Männern mit auffälligem Samen (Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism) [s16]. Fragestellung: Wirksamkeit hormoneller Behandlung gegenüber Placebo oder keiner Behandlung. Recherche in MEDLINE, Embase, Cochrane Database of Systematic Reviews und CENTRAL bis Februar 2025. Übersicht 1 schloss randomisierte und nichtrandomisierte kontrollierte Studien zu hormonellen Behandlungen bei normogonadotropen Männern mit auffälligem Samen ein, Übersicht 2 dieselben Behandlungen bei Männern in assistierter Reproduktion. Primäre Endpunkte waren die Samenqualität (Übersicht 1) und die Schwangerschaft (Übersicht 2). Alle Treffer wurden doppelt gesichtet, das Verzerrungsrisiko mit dem Cochrane-Werkzeug und ROBUST-RCT bewertet, Metaanalysen mit zufälligen Effekten gerechnet. Ergebnis: neun Studien mit 735 Männern. FSH verbesserte die Spermienzahl (mittlere Differenz, MD, 11,0; 95-%-KI 7,2 bis 14,8), die Konzentration (MD 5,6; 95-%-KI 1,9 bis 9,3) und die Beweglichkeit (MD 3,4; 95-%-KI 0,7 bis 6,0), nicht aber die Morphologie (MD 4,7; 95-%-KI -0,8 bis 10,3). Kombinierte hCG- und hMG-Gaben sowie Tamoxifen zeigten keinen Nutzen. Zwei kleine Studien fanden nicht signifikante Zunahmen der Schwangerschaften unter FSH. Keine eingeschlossene Studie prüfte Aromatasehemmer oder Clomifen. Fazit der Autoren: vorsichtig möglicher selektiver FSH-Einsatz, Nutzen aber bescheiden und kurzfristig, mit unklarer Übertragung auf Schwangerschaft oder Lebendgeburt. Stärken: aktuelle Suche, doppelte Sichtung, Berücksichtigung des Verzerrungsrisikos, klare Aussage zu fehlenden Studien. Schwächen: wenige Studien (neun), Einheiten der Differenzen im Abstract nicht genannt, Heterogenitätsmaße im Abstract nicht berichtet, kleine Studien. Einordnung: Wichtig für die Leitfrage ist die Negativaussage: Für Clomifen und Aromatasehemmer, also zwei der in der Nachbehandlung nach AAS am häufigsten verwendeten Substanzklassen, gab es bei normogonadotropen Männern keine eingeschlossene kontrollierte Studie. Die Arbeit betrifft aber normogonadotrope Männer, nicht den hypogonadotropen Zustand nach AAS.
de Ligny et al. 2022, Cochrane-Review „Antioxidants for male subfertility“ (Cochrane Database of Systematic Reviews) [s114]. Population: subfertile Männer aus Paaren in Kinderwunschkliniken, 18 bis 65 Jahre; eingeschlossen wurden randomisierte kontrollierte Studien zu beliebigen oralen Antioxidanzien gegen Placebo, keine Behandlung oder ein anderes Antioxidans; ausgeschlossen waren Vergleiche mit Fertilitätsmedikamenten allein sowie Männer mit idiopathischer Infertilität bei normalem Samen und fertile Männer. Recherche bis 15. Februar 2021. Aufgenommen wurden 90 Studien mit 10 303 Männern; 20 verschiedene Antioxidanzien; 67 Studien gingen in die Metaanalyse ein, aber nur 20 berichteten klinische Schwangerschaft und davon 12 Lebendgeburt. Ergebnisse: Lebendgeburt OR 1,43 (95-%-KI 1,07 bis 1,91; p = 0,02; 12 RCTs, 1283 Männer; I² = 44 %; sehr niedrige Sicherheit der Evidenz); nach Ausschluss von Studien mit hohem Verzerrungsrisiko Peto-OR 1,22 (95-%-KI 0,85 bis 1,75; 8 RCTs, 827 Männer; p = 0,27; I² = 32 %). Klinische Schwangerschaft OR 1,89 (95-%-KI 1,45 bis 2,47; p < 0,00001; 20 RCTs, 1706 Männer; I² = 3 %; niedrige Sicherheit). Fehlgeburt OR 1,46 (95-%-KI 0,75 bis 2,83; 6 RCTs, 664 Männer; I² = 35 %; sehr niedrige Sicherheit). Leichte Magen-Darm-Beschwerden OR 2,70 (95-%-KI 1,46 bis 4,99; p = 0,002; 16 RCTs, 1355 Männer; I² = 40 %; niedrige Sicherheit). Die Autoren schließen, die Evidenz sei wegen schwerwiegender Verzerrungsrisiken (schlechte Berichterstattung zur Randomisierung, fehlende Berichte klinischer Endpunkte, unklare oder hohe Ausfallraten) und Unschärfe (kleine Studien, wenige Ereignisse) nicht schlüssig. Stärken: Cochrane-Methodik, große Datenbasis, Sicherheitsabschätzung durch GRADE. Schwächen: kleine Studien, unterschiedliche Substanzen, Wirkung verschwindet bei Ausschluss von Studien mit hohem Verzerrungsrisiko. Einordnung: Die Cochrane-Evidenz zu einer sehr verbreiteten Supplement-Klasse ist ein Maßstab: selbst bei 90 Studien bleibt der Nutzen für die Lebendgeburt unsicher. Die Arbeit betrifft keine Fitnessanwender.
Smits et al. 2019, frühere Fassung desselben Cochrane-Reviews (Cochrane Database of Systematic Reviews) [s152]. Recherche bis 1. Februar 2018; 61 Studien mit 6264 Männern, 18 Antioxidanzien; 44 Studien in der Metaanalyse. Lebendgeburt OR 1,79 (95-%-KI 1,20 bis 2,67; p = 0,005; 7 RCTs, 750 Männer; I² = 40 %; niedrige Sicherheit); nach Ausschluss von Studien mit hohem Verzerrungsrisiko Peto-OR 1,38 (95-%-KI 0,89 bis 2,16; 5 RCTs, 540 Männer; p = 0,15; I² = 0 %). Klinische Schwangerschaft OR 2,97 (95-%-KI 1,91 bis 4,63; p < 0,0001; 11 RCTs, 786 Männer; I² = 0 %). Fehlgeburt OR 1,74 (95-%-KI 0,40 bis 7,60; 3 RCTs, 247 Männer). Magen-Darm-Beschwerden OR 2,51 (95-%-KI 1,25 bis 5,03; 11 RCTs, 948 Männer; I² = 50 %). Der Vergleich der beiden Fassungen ist lehrreich: Mit mehr Studien (90 statt 61) sank der Punktschätzer der Lebendgeburt von OR 1,79 auf OR 1,43 und die Sicherheit der Evidenz von niedrig auf sehr niedrig. Das ist ein Hinweis darauf, dass frühe positive Befunde bei kleinen Studien sich bei wachsender Datenlage abschwächen können (eigene Deutung).
Weitere Arbeiten zur Behandlung subfertiler Männer. Çayan et al. 2024: Gonadotropine und SERMs könnten Spermienparameter bei Infertilität mit normalen Gonadotropinen verbessern; Aromatasehemmer könnten bei einem Verhältnis von Gesamttestosteron (ng/ml) zu Östradiol (pg/ml) unter 0,10 helfen, Dopaminagonisten bei Hyperprolaktinämie; keine Zahlen zu Effektstärken im Abstract, keine ausgewiesene Methodik [s74]. Die Übersichten der französischen und italienischen Fachliteratur (Methorst et al. 2023 zu Lebensstil und zu medizinischen Behandlungen, Gulino et al. 2014 zur nichtchirurgischen Therapie) nennen Anabolika unter den Lebensstilfaktoren, die nachweislich das Spermiogramm beeinflussen, beziehungsweise führen Testosteron, pulsatiles GnRH, Antiöstrogene und Aromatasehemmer auf, ohne SARM-Bezug im Abstract [s100, s173, s99]. Fink et al. 2024 beschreiben in einer Übersicht, dass klassischer Testosteronersatz durch negative Rückkopplung zu männlicher Infertilität führen kann, dass neuere Applikationsformen die Achse unterschiedlich stark unterdrücken und dass Begleitmedikamente die Fertilität erhalten könnten, ohne Zahlen im Abstract [s77]. Zitzmann 2026 (Bundesgesundheitsblatt) beschreibt, dass die hormonelle Kontrazeption beim Mann auf der Suppression der Spermatogenese durch Testosteron plus Gestagen beruht und die WHO-Studie wegen Nebenwirkungen (Libidoverlust, Stimmung, Gewicht) abgebrochen wurde [s34]; das ist der Hintergrund, vor dem die Suppression der Spermatogenese bei androgenen Wirkstoffen als erwartbarer Effekt zu lesen ist. Iff et al. 2022 (Praxis, Schweiz, deutsch und englisch) nennen als häufige Folgen des nichtmedizinischen Gebrauchs bild- und leistungsverbessernder Mittel Libidoabnahme, Oligo- oder Azoospermie und erektile Dysfunktion und weisen darauf hin, dass Anwender Medikamente zur Selbstbehandlung nehmen [s118]. Wenbo und Yan 2023 (narrative Übersicht zu AAS bei Sportlern) nennen als Komplikationen unter anderem Hodenfunktionsstörung, Gynäkomastie und Hypogonadismus nach dem Absetzen, ohne Zahlen und ohne ausgewiesene Methodik [s108]. Alle diese Arbeiten enthalten keine neuen Daten.
Metaanalysen und Übersichten zu Training und Lebensstil
Körperliches Training beeinflusst die Spermienqualität unabhängig von Wirkstoffen und ist deshalb eine Störgröße in jeder Studie zu Anwendern von Fitnesswirkstoffen. Die folgenden Arbeiten betreffen Training als Intervention oder Exposition, nicht Wirkstoffe.
Lam et al. 2026, Umbrella-Review von Metaanalysen randomisierter Studien (Journal of Global Health) [s18]. Recherche in sechs Datenbanken (PubMed, Cochrane Library, Web of Science, Scopus, EBSCOhost, Google Scholar) von Beginn bis 24. November 2025; eingeschlossen waren systematische Übersichten mit Metaanalysen randomisierter Studien; Überlappung zwischen den Übersichten wurde mit Zitationsmatrizen berücksichtigt; Methodenqualität, Verzerrungsrisiko und Vertrauenswürdigkeit wurden mit AMSTAR 2, ROBIS und GRADE bewertet (PROSPERO CRD42025638675). Ergebnis: 13 Metaanalysen mit 24 470 Frauen und 8068 Männern. Bei Männern war Bewegung mit Verbesserungen von Spermienkonzentration, Morphologie, Spermienzahl und Samenvolumen verbunden sowie mit einer höheren Schwangerschaftsrate der Partnerinnen. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz reichte von hoch bis sehr niedrig, die meiste wurde als niedrig oder sehr niedrig eingestuft; Heterogenität der Populationen und Trainingsbestandteile schränke das Vertrauen ein. Stärken: Umbrella-Design mit Überlappungsmanagement, Registrierung, GRADE. Schwächen: Der Abstract nennt keine Effektschätzer für Männer, und die Trainingsprotokolle sind uneinheitlich. Einordnung: Bewegung steht eher für eine Verbesserung der Samenqualität; das gilt für Trainingsprogramme in Studien, nicht automatisch für Hochleistungs- oder extremes Training.
Song et al. 2025, systematische Übersicht mit Netzwerk-Metaanalyse (Frontiers in Endocrinology) [s59]. Fragestellung: Vergleich verschiedener Bewegungsinterventionen bei Männern, bezogen auf die Spermienqualität. Eingeschlossen wurden ausschließlich randomisierte klinische Studien aus PubMed, Cochrane Library, EMBASE, Web of Science sowie den chinesischen Datenbanken CNKI, Wanfang und VIP; registriert in PROSPERO (CRD42024534582). Ergebnis: 14 Studien mit 1079 Probanden, Population infertile Männer. Samenvolumen (MD, 95-%-KI): Ausdauertraining im Freien 1,84 (1,56 bis 2,14), Mehrkomponenten-Training 1,37 (0,85 bis 1,89), Leistungssport 1,04 (0,46 bis 1,60), Ausdauertraining in Räumen 0,32 (0,21 bis 0,44). Motilität: sonstige Sportarten 9,49 (6,17 bis 12,84), Ausdauer in Räumen 4,43 (3,12 bis 5,74), Krafttraining 3,93 (0,49 bis 7,37), Leistungssport 5,44 (0,10 bis 10,79), Radfahren 27,29 (22,45 bis 32,06). Gesamtspermienzahl: sonstige Sportarten 17,20 (3,12 bis 31,19). Morphologie: Krafttraining 10,90 (8,44 bis 13,36), sonstige Sportarten 1,97 (1,41 bis 2,54), Ausdauer in Räumen 2,43 (1,13 bis 3,73), Radfahren 12,18 (10,19 bis 14,18). Konzentration: Radfahren 18,87 (11,70 bis 25,86), Ausdauer in Räumen 9,53 (8,97 bis 10,09). Schwächen: Der Abstract enthält einen inneren Widerspruch: Er schreibt, mehrere Trainingsformen hätten die Spermiendichte, die Zahl nekrotischer und die Zahl aktiver Spermien „signifikant verringert“ (teils P < 0,05, teils P > 0,05), während die Schlussfolgerung Verbesserungen berichtet; die Richtung dieser Aussagen ist deshalb unklar und mit Vorsicht zu behandeln. Außerdem sehr unterschiedliche Effektgrößen bei sehr engen Konfidenzintervallen, kleine Studienzahl je Vergleich und eine Population infertiler Männer (Übertragbarkeit auf Gesunde unklar). Stärken: Einschluss chinesischsprachiger Datenbanken, Registrierung, ausschließlich randomisierte Studien. Einordnung: Die Netzwerk-Metaanalyse zeigt, dass es chinesischsprachige Trainingsstudien gibt, die in englischsprachigen Datenbanken fehlen; die Einzelstudien selbst waren nicht zugänglich.
Hu et al. 2025, Netzwerk-Metaanalyse von Nagetierstudien zur Trainingsintensität (Reproductive Sciences) [s46]. 35 Studien aus acht Datenbanken zu vier Trainingsformen (niedrigintensives kontinuierliches Training LICT, moderates MICT, hochintensives kontinuierliches HICT, hochintensives Intervalltraining HIIT). MICT war HICT bei der Spermienkonzentration überlegen (MD 15,28; 95-%-KI 2,52 bis 28,04); SUCRA 77,6 % bei gesunden und 80,1 % bei nicht gesunden Tieren. Für die Beweglichkeit waren MICT (MD 12,23; 95-%-KI 7,97 bis 16,48) und HIIT (MD 10,94; 95-%-KI 1,10 bis 20,78) der Bewegungslosigkeit überlegen; HICT war mit weniger normaler Morphologie verbunden gegenüber Bewegungslosigkeit (MD -10,05; 95-%-KI -19,53 bis -0,58) und gegenüber MICT (MD -17,25; 95-%-KI -32,17 bis -2,33). Stärken: Rangordnung der Intensitäten. Schwächen: nur Nagetiere; die Autoren warnen selbst vor der Übertragung auf den Menschen, weil Umwelt- und Lebensstilfaktoren des Menschen hinzukommen. Einordnung: Der Befund einer Verschlechterung der Morphologie unter hochintensivem Dauertraining ist tierexperimentell und kein Humanbefund.
Weitere Übersicht zu körperlicher Aktivität. Chen et al. 2025 stellen in einer narrativen Übersicht zur körperlichen Aktivität und Samenqualität fest, dass es keinen Konsens über Art und Intensität wirksamer Bewegung gebe [s40]; der Abstract nennt keine Zahlen. Die Querschnitts- und Kohortenstudien zu Aktivität, Sitzzeit und Samenqualität werden im Abschnitt zu den Beobachtungsstudien dargestellt. Zusammenfassend ist die Bewegungsliteratur für die Leitfrage vor allem als Störgröße wichtig: Moderates Training ist in Beobachtungs- und Interventionsdaten eher mit besseren Samenwerten verbunden, die Datenlage zu sehr hoher Trainingsbelastung ist dünn und überwiegend tierexperimentell [s150, s46].