SARMs, Wachstumshormon und Fitness-Wirkstoffe · Kapitel 4 von 20 · Studienlage: Metaanalysen und Übersichten

Einordnung und Abgrenzung bis Übersichten zu Wachstumshormon, IGF-1 und Peptiden

Einordnung und Abgrenzung

Dieses Kapitel stellt die zusammenfassenden Arbeiten vor: systematische Übersichten, Metaanalysen, einen Umbrella-Review, Cochrane-Reviews, Scoping-Reviews und die narrativen Übersichten, soweit sie eigene Zahlen oder eine ausgewiesene Methodik enthalten. Einzelne Fallberichte, Tierversuche und Leitlinientexte gehören nicht hierher. Die Reihenfolge folgt der Nähe zur Leitfrage, also der Frage, was Wirkstoffe aus dem Fitnessumfeld mit der Spermienqualität machen.

Vorab das Wichtigste: Es wurde keine Metaanalyse und keine systematische Übersicht gefunden, die SARMs (selektive Androgenrezeptor-Modulatoren), Wachstumshormon-Sekretagoga oder frei verkaufte Fitnesspeptide mit einem Spermienendpunkt beim Menschen untersucht. Die Europe-PMC-Kernabfrage zu SARM-Begriffen in Verbindung mit Samen-, Spermatogenese- und Fertilitätsbegriffen lieferte 233 Treffer; bei der Durchsicht fand sich keine Humanstudie mit Samenparametern unter SARM-Einnahme. Die einzigen Arbeiten, die unter einem SARM die Spermatogenese oder beim Menschen die Hormonachse untersuchen, sind eine Rattenstudie zu einem für die Kontrazeption entwickelten Wirkstoff und eine Phase-1-Studie mit LGD-4033 ohne Samenanalyse [s176, s195]; hinzu kommen zwei Rattenstudien mit Hormon- und Organgewichtsmessungen unter Ligandrol und Ostarin ohne Samenendpunkt [s61, s91]. Die Suche im chinesischen, japanischen und koreanischen Sprachraum ergab mit Länderfilter keinen Treffer zu SARMs mit Spermien- oder Hodenendpunkt. Das ist eine Lücke und kein Beleg für Unbedenklichkeit. Die vorhandenen zusammenfassenden Arbeiten betreffen drei Bereiche, die jeweils nur indirekt auf die Leitfrage übertragbar sind:

  1. Anabole androgene Steroide (AAS): die einzige Wirkstoffklasse mit mehreren Metaanalysen zu Hormonen, Hodenvolumen und teils Samenparametern bei Anwendern. SARMs sind keine AAS; ihre behauptete Gewebeselektivität ist nach kritischer Prüfung nicht sicher belegt [s38]. Die AAS-Befunde sind deshalb als Analogie zu lesen, nicht als SARM-Evidenz.
  2. SARMs selbst: systematische Übersichten zu Sicherheit, Leistungsfähigkeit und Missbrauch, ohne Samenendpunkt.
  3. Behandlungsansätze (Gonadotropine, Antioxidanzien) bei subfertilen Männern und Bewegungsinterventionen: sie liefern Vergleichsmaßstäbe, betreffen aber nicht Fitnessanwender von Wirkstoffen.

Zur Lesart der Zahlen: Konfidenzintervalle (KI) werden mitgeteilt, wo die Quelle sie nennt. Wo ein Abstract keine Heterogenitätsmaße (I²) oder Konfidenzintervalle nennt, steht das ausdrücklich dort. Für die meisten der folgenden Arbeiten lag der Abstract vor; bei Mulawkar et al. und Corona et al. wurde der frei zugängliche Volltext gelesen (Abruf über Europe PMC), und das ist an der Stelle vermerkt.

Metaanalysen und systematische Übersichten zu AAS und männlicher Fortpflanzung

Christou et al. 2017, systematische Übersicht mit Metaanalyse (Sports Medicine) [s166]. Fragestellung: Wie wirkt sich AAS-Gebrauch bei Sportlern und Freizeitanwendern auf das Fortpflanzungssystem aus? Recherche in MEDLINE, CENTRAL und Google Scholar. Eingeschlossen wurden Teilnehmer jeden Alters und Geschlechts und jeder Sportart, mit AAS jeder Art, Dosis und Dauer; Endpunkte aus Anamnese, klinischer Untersuchung, Hormon- und Samenanalyse. Die Übersicht umfasst 33 Studien (3 randomisierte klinische Studien, 11 Kohortenstudien, 18 Querschnittsstudien, 1 nichtrandomisierte Parallelstudie) mit 3879 Teilnehmern, davon 1766 AAS-Anwender und 2113 Nichtanwender; überwiegend Männer, nur sechs Studien lieferten Daten zu Sportlerinnen. Die Metaanalyse (zufällige Effekte, gewichtete mittlere Differenz, WMD) umfasste 11 Studien zu Gonadotropinen und Testosteron bei Männern in drei Vergleichen: vor gegenüber während der Einnahme (sechs Studien mit 65 Anwendern für die Gonadotropine, sieben Studien mit 59 Anwendern für Testosteron), während der Einnahme gegenüber nach dem Absetzen (vier Studien mit 35 beziehungsweise sechs Studien mit 39 Anwendern) und vor der Einnahme gegenüber nach dem Absetzen (drei Studien mit 17 beziehungsweise fünf Studien mit 27 Anwendern).

Während der Einnahme sanken LH um 3,37 IU/L (95-%-KI -5,05 bis -1,70; p < 0,001), FSH um 1,73 IU/L (95-%-KI -2,67 bis -0,79; p < 0,001) und endogenes Testosteron um 10,75 nmol/L (95-%-KI -15,01 bis -6,49; p < 0,001). Nach dem Absetzen kehrten die Gonadotropine innerhalb von 13 bis 24 Wochen auf das Ausgangsniveau zurück; das Testosteron blieb gegenüber dem Ausgangswert erniedrigt (WMD -9,40 nmol/L; 95-%-KI -14,38 bis -4,42; p < 0,001) und war noch 16 Wochen nach dem Absetzen vermindert. Außerdem berichten die Autoren strukturelle und funktionelle Spermienveränderungen, eine Verkleinerung des Hodenvolumens, Gynäkomastie sowie bei Frauen Klitorisvergrößerung und Zyklusstörungen. Ihre Schlussfolgerung: Die Mehrzahl der Anwender zeigte einen Hypogonadismus mit über Wochen bis Monate anhaltend niedrigen Gonadotropin- und Testosteronwerten, mit tiefgreifenden und verlängerten Folgen für das Fortpflanzungssystem und möglichen Folgen für die Fruchtbarkeit.

Heterogenität: Der Abstract nennt keine I²-Werte. Mulawkar et al. weisen darauf hin, dass Christou et al. keine nicht exponierte Vergleichsgruppe einbezogen hatten, dass einige Studien Dosen nahe der therapeutischen Dosis betrafen und dass Studien mit Frauen eingeschlossen waren [s102]. Stärken: breite Suche über mehrere Studientypen, Effektschätzer mit Konfidenzintervallen, getrennte Zeitfenster vor, während und nach der Einnahme. Schwächen: sehr kleine Teilstichproben in jedem Vergleich (zwischen 17 und 65 Anwendern); Mischung von Substanzen, Dosen und Anwendungsdauern; überwiegend nichtrandomisierte Daten; der Abstract nennt keine gepoolten Spermienwerte, die Aussage zu den Spermien beruht auf der erzählenden Zusammenfassung. Einordnung: Sie wird in den späteren Metaanalysen als Referenz zur Erholung der Achse diskutiert [s113, s102]. Sie belegt die Unterdrückung der Gonadotropine während der Einnahme und die unvollständige Testosteron-Erholung innerhalb von 16 Wochen, sagt aber nichts Quantitatives über die Spermatogenese selbst aus.

Corona et al. 2022, Übersicht mit Metaanalyse und Tiermodell-Reanalyse (World Journal of Men's Health) [s113]. Design: erzählende Übersicht mit eingebetteter Metaanalyse; Recherche in Medline, Embase und Cochrane (Veröffentlichungen vom 1. Januar 1969 bis 15. Januar 2021, nur Humanstudien, nur Männer, nur englischsprachig). Zusätzlich wurden eigene Tiermodell-Daten (eugonadale Kaninchen oder Ratten mit und ohne supraphysiologisches Testosteron) retrospektiv neu ausgewertet. Von 738 gesichteten Studien untersuchten 24 ausdrücklich die andrologischen Folgen von AAS. Diese 24 Studien umfassten 2411 Patienten mit einem mittleren Alter von 29,7 Jahren und einer mittleren Nachbeobachtung von 148,7 Wochen; 13 Studien verglichen AAS-Anwender mit Kontrollen, 11 berichteten nur Nebenwirkungen der Anwendergruppe. Die Kontrollen waren überwiegend nicht anwendende Sportler, teils sitzende Gruppen.

Ergebnisse (Volltext; die Effektschätzer stehen in Abbildungen und Tabellen, die hier nicht ausgewertet wurden): Anwender hatten niedrigeres LH, FSH und SHBG sowie höheres Gesamttestosteron und höheres Östradiol als Kontrollen. Gesamtspermienzahl und normale Morphologie waren bei Anwendern niedriger; bei der Spermienkonzentration zeigte sich ein Trend zur Verminderung ohne Signifikanz; für andere Samenparameter lagen zu wenig Daten vor. Gynäkomastie, Akne, Haarausfall und verkleinertes Hodenvolumen wurden häufig berichtet. Stoffwechselseitig fanden sich mehr fettfreie Masse und weniger Fettmasse sowie höheres LDL- und niedrigeres HDL-Cholesterin; Dyslipidämie wurde bei bis zu 17 % der Anwender berichtet, erhöhter Blutdruck bei bis zu 50 %. Erektile Dysfunktion und verminderte Lust traten in bis zu 19 % beziehungsweise 31 % der Fälle auf; für die Sexualfunktion gab es keine Vergleiche zwischen Fällen und Kontrollen. Die Autoren erklären das im Unterschied zu Christou et al. höhere Testosteron der Anwender mit der Art der verwendeten Präparate: Je nach Substanz kann der Serumspiegel steigen, obwohl die körpereigene Produktion sinkt. Substanzspezifische Subanalysen waren nicht möglich, weil Angaben zur Art der AAS fehlten.

Stärken: Vergleich mit Kontrollgruppen, mehrere Endpunktgruppen (Hormone, Samen, Stoffwechsel, Sexualfunktion). Schwächen: erzählende Zusammenführung, Heterogenität der Präparate und Kontrollgruppen, fehlende Substanzangaben; der Abstract nennt keine Zahlenwerte der Metaanalyse. Die Tiermodell-Reanalyse stützt den Mechanismus (Testosteron-Überschuss beeinträchtigt die Spermienproduktion), ist aber kein Humanbefund. Einordnung: Die beiden Metaanalysen widersprechen sich scheinbar beim Gesamttestosteron (Christou: nach dem Absetzen gegenüber dem Ausgangswert erniedrigt; Corona: unter laufender Einnahme gegenüber Kontrollen erhöht). Das ist kein Widerspruch der Daten, sondern der Fragestellung: einmal Zeitverlauf nach Absetzen, einmal Anwender gegenüber Kontrollen unter Einnahme.

Mulawkar et al. 2023, systematische Übersicht mit Metaanalyse (Journal of Human Reproductive Sciences) [s102]. Fragestellung: Wirkung von AAS auf männliche Fruchtbarkeitsparameter (Spermiogramm, Testosteron, FSH, LH), Reversibilität und fertilitätsrelevante Begleitfolgen. Registrierung PROSPERO CRD42023411294; Recherche im März 2023 in PubMed, MEDLINE, EMBASE, Google Scholar und Web of Science; Publikationen von 2000 bis 2022, nur englischsprachig. Eingeschlossen waren Erwachsene unter supraphysiologischen AAS-Dosen für Sport oder Aussehen, mit Vergleich zur Allgemeinbevölkerung oder zu gematchten Kontrollen, wo verfügbar; wegen der ethischen Unmöglichkeit kontrollierter Studien wurden auch Studien ohne Kontrollgruppe, Fallberichte und Befragungen zugelassen. Methodik der Metaanalyse: inverse Varianz, standardisierte mittlere Differenz (SMD), zufällige Effekte, Heterogenität über I², als wesentlich definiert ab I² > 50 %; Auswertung mit RevMan 5.4; Studienqualität nach Newcastle-Ottawa-Skala (NOS), kein Verzerrungsrisiko-Werkzeug für Interventionsstudien, weil solche Studien fehlten. Von 1043 Treffern (883 nach Entfernen von 160 Duplikaten) wurden 116 im Volltext geprüft und 32 Studien aufgenommen: 12 Kohorten-, 5 Fall-Kontroll-, 9 Querschnittsstudien und 6 Fallberichte. Angegeben sind 9371 Teilnehmer, davon 2671 Anwender.

Hormone (Volltext): Sieben Studien mit 327 Teilnehmern verglichen das FSH bei Anwendern und Nichtanwendern; Anwender hatten signifikant niedrigeres FSH (SMD -4,61; 95-%-KI -6,50 bis -2,73; P < 0,00001). Drei Monate nach dem Absetzen (2 Studien, 137 Teilnehmer) war das FSH gegenüber dem Wert beim Absetzen nicht signifikant verändert (SMD -12,67; 95-%-KI -38,16 bis 12,83; P = 0,33); nach 6 Monaten (3 Studien, 216 Teilnehmer) war es bei Anwendern weiter erniedrigt (SMD -1,00; KI -1,29 bis -0,70; P = 0,003); nach einem Jahr (3 Studien, 294 Teilnehmer) bestand kein Unterschied zu Nichtanwendern (SMD 0,02; 95-%-KI -0,34 bis 0,38; P = 0,91). Für LH waren Anwender niedriger (SMD -5,14; 95-%-KI -7,25 bis -3,04; P < 0,00001); nach 3 Monaten SMD -6,32 (-20,03 bis 7,38; P = 0,37), nach 6 Monaten SMD -1,60 (-2,28 bis -0,91; P < 0,00001), nach einem Jahr SMD -0,65 (-1,52 bis 0,22; P = 0,14). Die Heterogenität war bei allen Gonadotropin-Analysen wesentlich, am niedrigsten beim Ein-Jahres-Vergleich. Für Gesamttestosteron (6 Studien, 303 Teilnehmer) war der Gesamteffekt nicht signifikant (SMD 1,27; 95-%-KI -0,95 bis 3,50; P = 0,26), weil es bei Anwendern je nach Studie höher oder niedriger lag; nach 3 Monaten SMD -1,78 (-5,71 bis 2,16; P = 0,38), nach 6 Monaten SMD 0,99 (-1,07 bis 3,06; P = 0,35). Nach einem Jahr (3 Studien, 294 Teilnehmer) hatten Anwender niedrigere Testosteronwerte als Nichtanwender, mit vernachlässigbarer Heterogenität; der Text nennt dazu SMD 0,73 mit dem Intervall -0,49 bis 0,97 und P < 0,00001. Dieses Intervall schließt den Punktschätzer nicht ein und widerspricht dem Vorzeichen des Befundes; die Angabe ist offenbar fehlerhaft und wird hier nicht weiter ausgewertet.

Spermienparameter und Hoden (Volltext): Drei Studien (n = 154) berichteten die Spermienkonzentration. Sie war bei Anwendern niedriger, aber der Gesamteffekt nicht signifikant (SMD -1,27; 95-%-KI -2,84 bis 0,30; P = 0,11; erhebliche Heterogenität). Drei Studien (n = 186) berichteten die Beweglichkeit: SMD -2,72 (95-%-KI -5,46 bis 0,02; P = 0,05; erhebliche Heterogenität). Die Autoren werten das als signifikant niedrigere Beweglichkeit; tatsächlich schließt das Intervall die Null knapp ein, der Befund liegt an der Signifikanzgrenze. Das Hodenvolumen (drei Studien, 170 Teilnehmer) war bei Anwendern kleiner (SMD -3,92; 95-%-KI -7,65 bis -0,18; P = 0,04; erhebliche Heterogenität). Weitere Einzelbefunde der Übersicht: Die Inzidenz männlicher Infertilität unter Anwendern wird mit 11 % bis 18 % angegeben. In einer gematchten dänischen Kohorte war die Fertilitätsrate der Anwender in den zehn Jahren vor der Dopingsperre 26 % niedriger (relatives Risiko 0,74; 95-%-KI 0,60 bis 0,90; P = 0,0028) und nach der Sperre nur noch 7 % niedriger (RR 0,93; 95-%-KI 0,84 bis 1,03); der Bedarf an assistierter Reproduktion unterschied sich nicht. In einer Befragung von Männern mit Kinderwunsch nahmen 94,8 % Begleitmedikamente, und die selbstberichtete Fertilitätsrate lag bei 92,8 %. In der prospektiven niederländischen Beobachtungsstudie (Smit et al.) fielen FSH und LH von 3,9 und 3,0 vor dem Zyklus auf je 0,1 am Zyklusende und erreichten nach 3 Monaten 3,2 und 2,8 sowie nach einem Jahr 4,1 und 3,1 mIU/ml; Testosteron betrug 10,60 (Beginn), 23,01 (Zyklusende), 4,26 (3 Monate) und 4,49 ng/ml (1 Jahr).

Stärken: Registrierung, mehrere unabhängig Auswertende, Kontrollgruppenvergleich bei mehreren Endpunkten, Nachbeobachtung bis ein Jahr. Schwächen: Die Autoren nennen kleine Stichproben, Polypharmazie, fehlende Dosisangaben, hohe Heterogenität, überwiegend beobachtende Studien und mögliche Publikationsverzerrung. Zusätzlich fällt auf: (1) Mehrere Teilanalysen beruhen auf zwei oder drei Studien. (2) Die Tabelle der eingeschlossenen Studien führt dieselbe dänische Population (5995 Männer) zweimal (Horwitz et al. 2019 und Windfeld-Mathiasen et al. 2021; die Tabelle vermerkt das selbst) und die Befragung von 382 Männern zweimal (Coward et al. und Kovac et al.); die Zeilensumme der Spalte Gesamtteilnehmer liegt bei 15 366 (eigene Rechnung), die angegebene Gesamtzahl bei 9371. Wie gezählt wurde, ist im Text nicht erläutert. (3) Einzelne Konfidenzintervalle sind unplausibel (siehe oben). (4) Anwender mit und ohne Testosteron im Regime wurden zusammengefasst, sodass das Testosteron-Ergebnis nicht deutbar ist. Einordnung: Der Befund einer nicht signifikant verminderten Konzentration bei signifikant niedrigeren Gonadotropinen ist nicht als Beleg einer erhaltenen Spermatogenese zu lesen. Er passt zu einer Mischung aus Anwendern mit begleitendem hCG, Männern in verschiedenen Absetzphasen und sehr wenigen Studien mit Samendaten (Deutung, nicht im Abstract belegt). Die Autoren verweisen zur Einordnung auf Verhütungsstudien mit Testosteron: Von 1549 gesunden Männern aus 30 klinischen Studien zeigten nach Ende der Medikation 67 % innerhalb von 6 Monaten, 90 % innerhalb von 12 Monaten, 96 % innerhalb von 16 Monaten und 100 % innerhalb von 24 Monaten eine Rückkehr der Spermienkonzentration über den im Volltext genannten Schwellenwert (dort mit 160 Millionen pro Milliliter angegeben, was nicht plausibel erscheint und hier nicht als Grenzwert übernommen wird). Die Dosen für Doping lägen weit über denen der Verhütung, sodass eine längere Erholung erwartbar sei.

Esposito et al. 2023, systematische Übersicht (Panminerva Medica) [s94]. Recherche in SCOPUS, PubMed, Google Scholar und Web of Science bis 31. Dezember 2021; von 66 identifizierten Artikeln wurden 62 eingeschlossen. Der Abstract nennt als Ergebnisse: AAS-Gebrauch führt zu Hodenatrophie und Azoospermie (anabolika-induzierter Hypogonadismus); die Infertilität ist durch Oligo- oder Azoospermie und Störungen von Beweglichkeit und Morphologie gekennzeichnet; die Spermienqualität erholt sich in den meisten Fällen innerhalb von 4 Monaten nach dem Absetzen, die negativen Folgen für die Spermatogenese können aber bis zu 3 Jahre anhalten. Tierstudien zeigten Zerstörung von Leydig-Zellen und Hodenatrophie. Stärken: der größte Literaturumfang der hier vorgestellten AAS-Übersichten (62 Artikel), Einbeziehung von Tier und Mensch. Schwächen: Der Abstract nennt keine Effektschätzer, keine Konfidenzintervalle, keine Qualitätsbewertung der Einzelstudien und keine Gewichtung; es handelt sich um eine qualitative Zusammenfassung. Die Angabe „meist innerhalb von 4 Monaten“ steht in Spannung zur Metaanalyse von Mulawkar et al. (FSH und LH nach einem Jahr normalisiert, Testosteron noch erniedrigt) und zu den klinischen Serien (siehe Abschnitt Beobachtungsstudien). Einordnung: Die Erholungszeiten reichen je nach Quelle von wenigen Monaten bis zu mehreren Jahren; die Spannbreite selbst ist der belastbare Befund.

Vilar Neto et al. 2021, systematische Übersicht zur Reversibilität (Andrologia) [s136]. Design: Übersicht nach PRISMA mit Suche von Juli bis September 2020. Population: 179 Fälle von AAS-Anwendern aus Fallberichten und Fallserien; bei 168 war der Hypogonadismus eindeutig auf AAS zurückzuführen, bei nur 38 war der Ausgang vollständig bekannt, und nur bei 4 dieser 38 war der Hypogonadismus vollständig reversibel (2 davon unter medikamentöser Therapie). Die Autoren schließen, das Problem sei erheblich unterschätzt und eine vollständige Erholung sei in den meisten Fällen schwierig. Schwächen: Die Datenbasis besteht aus veröffentlichten Einzelfällen. Fälle mit Problemen werden eher veröffentlicht, sodass die 4 von 38 keine Häufigkeit in der Anwenderpopulation darstellen; für die Spermienfrage liefert die Arbeit nur indirekte Angaben (Hypogonadismus als Endpunkt). Einordnung: Sie zeigt die pessimistische Seite der Berichtsverzerrung, während Kohortenstudien mit systematischer Nachbeobachtung deutlich häufigere Erholung beschreiben [s14, s98].

Rajmil und Moreno-Sepúlveda 2024, systematische Übersicht zur Wiederherstellung der Spermatogenese (Actas Urológicas Españolas) [s89]. Eingeschlossen wurden 13 Studien mit Protokollen zur Wiederherstellung der Spermatogenese nach AAS-Missbrauch (PRISMA). Injizierbare Gonadotropine, selektive Östrogenrezeptor-Modulatoren (SERMs) und Aromatasehemmer zeigten eine Wiederherstellung, ihr Einsatz sei in der Literatur aber nur dürftig beschrieben. Die Erholung der Spermienproduktion kann länger als ein Jahr dauern, und sowohl zurückhaltende als auch aggressive Behandlung könne die Spermatogenese verbessern. Schwächen: Der Abstract nennt weder Fallzahlen noch Effektgrößen; eine Aussage, welche Strategie überlegen ist, lässt sich nicht ableiten. Das Ergebnis ist nur die Feststellung, dass Behandlungen beschrieben wurden und eine Erholung erreichbar war.

Rahnema et al. 2014, geplante Metaanalyse ohne eingeschlossene Studien (Fertility and Sterility) [s174]. Ziel war es, hypogonadale Männer mit anamnestischer AAS-Einnahme zu beschreiben und Empfehlungen zum Vorgehen abzuleiten. Der Abstract hält fest, dass eine Metaanalyse geplant war, aber keine Studie ausreichender Qualität die Einschlusskriterien erfüllte; die Arbeit ist daher eine Übersicht von Literatur und Expertenmeinungen. Ergebnis: Symptomatischer Hypogonadismus sei eine mögliche Folge und hänge von Dosis, Dauer und Art der AAS ab. Das ist selbst ein Befund: Bereits 2014 gab es keine Studien, die für eine Metaanalyse zum anabolika-induzierten Hypogonadismus ausreichten.

Solanki et al. 2023, Scoping Review zur körperlichen, psychischen und biochemischen Erholung (Endocrine Connections) [s106]. Die Arbeit verbindet einen pathophysiologischen Überblick über die Erholung der Hypothalamus-Hypophysen-Testosteron-Achse nach supraphysiologischer Testosteronexposition mit einer Scoping-Recherche beobachtender und interventioneller Studien in PubMed. Nach dem Abstract hängt die Erholung von Alter und Ausmaß des Missbrauchs ab; körperliche Veränderungen wie Hodenatrophie erholen sich über Monate bis Jahre nahezu vollständig; die Spermatogenese werde über Monate bis Jahre voll erholt erwartet; die Libido kehre über mehrere Monate zum Ausgangsniveau zurück, meist schwächer als unter AAS; eine Rückbildung der Gynäkomastie sei unwahrscheinlich; für die psychische Erholung seien die Daten unzureichend und widersprüchlich; Testosteron erhole sich über Monate nahezu vollständig, die Gonadotropine über 3 bis 6 Monate. Die Autoren betonen, es fehle an prospektiven kontrollierten Daten zum natürlichen Verlauf. Schwächen: Scoping-Reviews bewerten das Verzerrungsrisiko nicht; der Abstract nennt keine Zahlen. Einordnung: Die Zeiträume stimmen mit Christou et al. und Mulawkar et al. überein (Gonadotropine in 3 bis 6 Monaten, Testosteron in Monaten).

Weitere narrative Übersichten zu AAS und Fruchtbarkeit. Diese Arbeiten fassen die Befunde erzählend zusammen und liefern, soweit die Abstracts es zeigen, keine neuen Zahlen; sie sind für die Einordnung der Rezeption relevant.

  • McBride und Coward 2016: Spontane Erholung nach Absetzen von Testosteronersatz oder AAS tritt bei einer „angemessenen Zahl“ von Patienten ein, aber nicht bei allen; Gonadotropine, SERMs und Aromatasehemmer werden off label eingesetzt, die Literatur dazu ist dünn [s170].
  • El Osta et al. 2016: beschreiben transiente anabolika-induzierte Hypogonadismen und neuere experimentelle Berichte zu strukturellen und genetischen Spermienschäden [s169].
  • Sansone et al. 2018: Doping stört die männliche Achse auf mehreren Ebenen und führt zu Hypogonadismus und Infertilität; zugleich könnten übermäßige Intensität und Dauer des Krafttrainings nachteilig wirken [s163].
  • Lane et al. 2019: „Exercise-Hypogonadal Male Condition“ bei Ausdauersportlern, mit dauerhaft niedrigem Testosteron ohne LH-Anstieg; Hinweise auf Spermatogenesestörungen, aber begrenzte Daten und nur bei lang andauerndem Ausdauertraining [s150].
  • Azevedo et al. 2024, Kumar et al. 2025 und Kowalik et al. 2026: Testosteron- und AAS-Missbrauch unterdrücke die Achse, beeinträchtige die Spermatogenese, könne oxidativen Stress und DNA-Schäden in Spermien erzeugen und die Erholung verlängern, mit möglicher Unvollständigkeit [s17, s52, s71].
  • Majzoub und Canguven 2026 (Doha), sexualmedizinische Sicht: AAS unterdrücken die Achse mit Hypogonadismus und gestörter Spermatogenese von schwerer Oligozoospermie bis Azoospermie; die Erholung sei uneinheitlich, endokrine Parameter normalisierten sich oft früher als Samenparameter, bei langer oder hoch dosierter Anwendung bleibe sie bei einem klinisch bedeutsamen Teil verzögert oder unvollständig; robuste randomisierte Studien fehlten [s23].
  • Hashimi et al. 2025 (Leitfaden): ordnen die Azoospermie nach prätestikulär, testikulär und posttestikulär und beschreiben abwartendes Vorgehen bei kurzer Anwendungsdauer sowie Gonadotropine und SERMs bei persistierender Azoospermie; kontrollierte Langzeitstudien fehlen [s45].
  • Tatem et al. 2020 fassen Strategien zum Fruchtbarkeitserhalt zusammen [s147].
  • Rizzuti et al. 2023 nennen in der Literatur beschriebene Dosisbereiche (hCG 125 bis 500 IE jeden zweiten Tag, Clomifen 12,5 bis 50 mg täglich, rekombinantes LH und FSH 75 bis 150 IE ein- bis dreimal wöchentlich) als frühe Ansätze und fordern eine Standardisierung [s103]. Das ist die Wiedergabe von Literaturangaben, keine Empfehlung.
  • Smit et al. 2026 bewerten die Nachbehandlung mit SERMs, hCG und Aromatasehemmern als nur begrenzt belegt; die spontane Erholung trete bei den meisten innerhalb von Monaten ein [s29]. Bandura et al. 2026 halten Wirksamkeit, Sicherheit und Überwachung von Clomifen in der Nachbehandlung für unzureichend definiert [s04].
  • Whitaker et al. 2021 nennen Anabolika und SARMs als exogene Einflüsse und halten fest, dass Anwender die Folgen für die Fruchtbarkeit häufig nicht kennen [s137]; Desai et al. 2022 betonen die spärlichen Daten zur Erholung der Spermatogenese [s115].
  • Im russischsprachigen Raum: Lichonossow und Babenko 2019 (narrative Übersicht; Recherche in eLIBRARY.RU, PubMed, Google Scholar und Cochrane Library; Zahl der Quellen nicht genannt) nennen die weltweite AAS-Prävalenz mit 6,4 % bei Männern und 1,6 % bei Frauen, eine Azoospermie bei 40 % der Männer unter Testosteronersatztherapie, eine Erholung der Achse in 4 bis 12 Monaten und dauerhafte Störungen bis zu 3 bis 6 Jahren; ihr Fazit lautet, zuverlässige Methoden zur Wiederherstellung der Spermatogenese gebe es nicht [s158]. Nysanbajewa et al. 2021 (55 Quellen) berichten, die Spermienzahl kehre meist innerhalb von vier Monaten zur Norm zurück, könne aber mehr als ein Jahr brauchen [s140]; Merzlowa et al. 2025 geben 6 bis 24 Monate an, in Einzelfällen 3 bis 6 Jahre [s67]. Die russischsprachigen Übersichten zitieren überwiegend englischsprachige Literatur und enthalten keine eigenen Daten; die abweichenden Zeitangaben zeigen, wie uneinheitlich die Literatur ist.
  • Zwei kurze Beiträge ohne eigene Daten (Betilmersajew 2025, Ossipow 2018) werden nur als Hinweis auf die Rezeption geführt [s165, s65].

Gesamteinschätzung der AAS-Metaanalysen: Drei Arbeiten mit statistischer Zusammenführung (Christou, Corona, Mulawkar) und mehrere qualitative Übersichten kommen zu übereinstimmenden Kernaussagen: LH, FSH und Testosteron sinken unter AAS; die Gonadotropine erholen sich innerhalb von etwa 3 bis 12 Monaten, das Testosteron kann länger erniedrigt bleiben; Hodenvolumen und Samenparameter sind bei Anwendern beeinträchtigt, wobei die gepoolten Samendaten dünn und uneinheitlich sind (Konzentration nicht signifikant, Beweglichkeit an der Signifikanzgrenze). Keine der Arbeiten stützt sich auf randomisierte Daten mit realistischen Missbrauchsdosen, was ethisch bedingt ist. Der Übertrag auf SARMs bleibt eine Ableitung.

Systematische Übersichten zu SARMs

Diese Arbeiten sind für die Leitfrage von besonderem Interesse, weil sie die einzige zusammenfassende Evidenz zu SARMs liefern. Gemeinsam ist ihnen, dass im jeweiligen Abstract kein Samen- oder Fertilitätsendpunkt genannt wird.

Vignali et al. 2023, systematische Übersicht zur Sicherheit bei gesunden Erwachsenen (Journal of Xenobiotics) [s107]. Recherche am 10. November 2022 in PubMed, Scopus, Web of Science und ClinicalTrials.gov mit mehrstufiger Selektion. Eingeschlossen wurden Studien oder Fallberichte zu allgemein gesunden Personen mit Exposition gegenüber einem beliebigen SARM: 33 Studien (15 Fallberichte oder Fallserien, 18 klinische Studien), insgesamt 2136 Personen, davon 1447 SARM-exponiert. Berichtet wurden 15 Fälle arzneimittelbedingter Leberschädigung, ein Fall von Achillessehnenruptur, ein Fall von Rhabdomyolyse und ein Fall mit milder reversibler Leberenzymerhöhung. In den klinischen Studien war die ALT bei im Mittel 7,1 % der SARM-exponierten Personen erhöht; zwei Personen unter GSK2881078 entwickelten eine Rhabdomyolyse. Stärken: Fokus auf Gesunde, kombinierte Betrachtung von Fallberichten und Studien. Schwächen: gemischte Evidenz (Fallberichte neben klinischen Studien), keine gepoolte Effektschätzung im Abstract, kein Samenendpunkt, Heterogenität der Substanzen. Einordnung: Die Arbeit dokumentiert Leber-, Sehnen- und Muskelrisiken, aber keine Fertilitätsdaten; die Lücke zur Spermienfrage bleibt bestehen.

Leciejewska et al. 2024, Auswertung von Verdachtsfällen (European Journal of Clinical Pharmacology) [s88]. PubMed-Recherche vom 16. September 2022 bis 2. Oktober 2023, 20 Einträge. Seit 2020 wurden 20 Berichte unerwünschter Ereignisse veröffentlicht, überwiegend Leberschädigung (cholestatisch oder hepatozellulär, Ikterus). Die Angaben zu Dosierung und Reinheit der Präparate sind spärlich; die fehlende Qualitätskontrolle macht eine direkte Zuordnung zur Substanz sehr schwierig. Schwächen: kurzer Suchzeitraum, nur eine Datenbank, Sammlung von Einzelfällen ohne Nenner.

Vasireddi et al. 2025, systematische Übersicht zum Missbrauch durch Athleten (American Journal of Sports Medicine) [s62]. PRISMA-Recherche in PubMed, Cochrane und Embase, nur englischsprachig; 72 Artikel aus den Jahren 2003 bis 2022; Evidenzstufe 4 laut Autoren. Die Prävalenz der SARM-Anwendung unter Athleten wird auf 1 bis 3 % geschätzt. Präklinische und klinische Studien berichteten eine Zunahme der Magermasse sowie Nebenwirkungen einschließlich Knochenumbau, Testosteronsuppression und Vergrößerung von Niere, Leber und Prostata. 13 Fallberichte beschrieben 15 Fälle: alle Männer, Medianalter 32 Jahre (Spanne 19 bis 52), 8 von 15 Athleten, alle oral über im Mittel 8 Wochen; fünf Patienten verneinten ausdrücklich illegalen Drogengebrauch, was laut den Autoren darauf hindeute, dass sie ihre Anwendung für legal halten. Athleten gaben deutlich höhere Dosen an, als in klinischen Studien geprüft wurden, und die meisten online gekauften Produkte waren verunreinigt. Stärken: sportmedizinische Perspektive, Betrachtung von Kontamination und Dopingkontrolle. Schwächen: Evidenzstufe 4; die Prävalenzspanne ist eine Schätzung; kein Samenendpunkt. Einordnung: Die „Testosteronsuppression“ ist der einzige Hinweis auf die Hormonachse; sie passt zu den Daten der Phase-1-Studie mit LGD-4033, in der Gesamttestosteron, SHBG und bei der höchsten Dosis auch FSH sanken und nach dem Absetzen zum Ausgangswert zurückkehrten [s176].

Wen et al. 2025, systematische Übersicht randomisierter Studien zur körperlichen Leistungsfähigkeit (Clinical Endocrinology) [s63]. PRISMA-Recherche in drei Datenbanken; neun Studien mit 970 Patienten (mittleres Alter 57,1 Jahre, Spanne 35,3 bis 75,9; mittlere Nachbeobachtung 80 Tage, Spanne 14 bis 180), sechs SARMs (LGD-4033, PF-06260414, GSK2881078, GTx-024, MK-0773, OPK-88004). Mittelwerte vor der Intervention beziehungsweise danach: Treppensteigleistung (5 Studien) 352,24 W auf 315,16 W, Beinpresse (4 Studien) 1822,77 N auf 2191,27 N, SPPB (2 Studien) 9,15 auf 9,79, Magermasse (7 Studien) 49,46 kg auf 50,86 kg, Fettmasse (5 Studien) 21,99 kg auf 21,85 kg. Die Autoren sprechen von mäßigen Raten leichter bis mäßiger und einer geringen Rate schwerer unerwünschter Ereignisse. Schwächen: Die Zahlen sind gemittelte Studienmittelwerte vor und nach der Intervention, ohne Kontrollgruppenvergleich, Effektschätzer oder Konfidenzintervalle; die Treppensteigleistung sank im Mittel, während die Autoren dennoch einen positiven Effekt auf die körperliche Leistungsfähigkeit folgern. Die Population ist alt und krank. Einordnung: Für die Spermienfrage ohne Aussagekraft; relevant, weil sie zeigt, dass die klinischen SARM-Studien keine jungen Fitnessanwender abbilden und die Dosierungen im Studienkontext nicht mit denen der Selbstanwendung vergleichbar sind.

Bond et al. 2025, kritische Bewertung der Gewebeselektivität (Frontiers in Endocrinology) [s38]. Die Autoren argumentieren, dass die scheinbare Selektivität präklinisch zu einem großen Teil auf dem fehlenden Steroidstoffwechsel (5α-Reduktion, 3α/β-Reduktion) beruhen könnte, und halten fest, dass direkte Vergleichsstudien gegen klassische Androgene fehlen. Als klinisches Problem nennen sie die fehlende östrogene Aktivität, besonders für Knochengesundheit und Sexualfunktion beim Mann. Der Abstract äußert sich nicht zur Spermatogenese. Einordnung: Dies ist der wichtigste Grund, AAS-Befunde nicht unbesehen auf SARMs zu übertragen, aber auch die Gewebeselektivität nicht als Schutz der Hoden vorauszusetzen.

Weitere Übersichten zu SARMs. Solomon et al. 2019 fassen Pharmakokinetik und frühe klinische Anwendungen (Kachexie, benigne Prostatahyperplasie, Hypogonadismus, Brustkrebs) zusammen [s153]. Christiansen et al. 2020 führen unter den untersuchten Anwendungen die männliche Kontrazeption und den Hypogonadismus auf [s144]. Giagulli et al. 2020 diskutieren SARMs als mögliche Alternative zu Testosteron bei männlichem Hypogonadismus und halten fest, die Studien seien in einer frühen Phase, eine Validierung als Ersatz erfordere weitere Studien [s145]. Kang et al. 2022 nennen die beeinträchtigte Spermatogenese als bekannte Nebenwirkung der Testosteronersatztherapie und beschreiben SARMs als eine der neuen Androgentherapien [s119]. Mohideen et al. 2023 beschreiben ein cholestatisches Muster der SARM-Leberschädigung mit ausgeprägter Hyperbilirubinämie bei nur leichter Enzymerhöhung [s101]. Tjusikow et al. 2023 halten in einer russischsprachigen Übersicht fest, der Einfluss der SARM-Einnahme auf den Testosteronspiegel und die männliche Fortpflanzung sei in evidenzbasierten klinischen Studien praktisch nicht untersucht, es gebe keine zugelassenen Indikationen, und SARMs würden nicht routinemäßig als testosteron-restaurative Therapie empfohlen [s111]. Dieser Satz ist die klarste ausdrückliche Benennung der Lücke in der gesamten gesichteten Literatur. Cai et al. 2026 fassen endokrine, kardiovaskuläre und gastrointestinale Risiken von Sportergänzungsmitteln zusammen, ohne Fertilitätsdaten im Abstract [s05].

Al-Saad et al. 2026, systematische Übersicht zu nicht deklarierten verbotenen Stoffen in Nahrungsergänzungsmitteln (Frontiers in Sports and Active Living, Doha) [s02]. PRISMA-Recherche; 12 031 Datensätze aus Scopus, Web of Science und SPORTDiscus, 44 eingeschlossene Studien. Etwa 9 bis 15 % der in empirischen Studien getesteten handelsüblichen Präparate waren mit verbotenen Stoffen und nicht zugelassenen pharmakologischen Wirkstoffen verunreinigt, überwiegend Stimulanzien und anabole Substanzen; am häufigsten betroffen waren Pre-Workout-, Abnehm- und Muskelaufbauprodukte; die Analytik stützte sich meist auf LC-MS, danach GC-MS. Der Abstract nennt SARMs nicht namentlich, spricht aber von strukturellen Analoga. Stärken: PRISMA-Methodik und große Trefferzahl. Schwächen: Die Einzelstudien sind sehr heterogen; die Spanne 9 bis 15 % hängt von Auswahl und Nachweisverfahren ab; keine Daten zu Fruchtbarkeitsfolgen. Einordnung: Für die Leitfrage indirekt relevant, weil eine Exposition gegenüber anabolen Stoffen auch ohne bewusste Einnahme möglich ist.

Gesamteinschätzung der SARM-Übersichten: Die systematischen Übersichten belegen Leber-, Sehnen- und Muskelsignale, eine Testosteronsuppression und eine stark verunreinigte Produktlage, aber keine Samendaten. Die klinischen Studien, auf die sie sich stützen, betreffen überwiegend ältere und kranke Personen und kurze Beobachtungszeiten. Eine belastbare Aussage zur Spermienqualität unter SARMs ist aus dieser Literatur nicht möglich.

Übersichten zu Wachstumshormon, IGF-1 und Peptiden

Für gesunde Anwender von Wachstumshormon (GH), IGF-1-Analoga oder Sekretagoga wurde keine Studie mit Samenparametern gefunden. Die zusammenfassenden Arbeiten beschreiben deshalb Menschen mit krankhaft veränderter GH-Achse oder die Peptidmärkte.

Corona et al. 2024, Übersicht zu GH-Mangel und GH-Überschuss und männlicher Sexualgesundheit (Frontiers of Hormone Research) [s76]. GH-Überschuss führe indirekt über vaskuläre und metabolische Wirkungen zu erektiler Dysfunktion (40,2 % der Fälle) und beeinträchtige die Fruchtbarkeit mit sekundärem Hypogonadismus; im Vergleich zu Kontrollen waren Spermienkonzentration (p = 0,00), progressive Beweglichkeit (p = 0,03) und normale Morphologie (p = 0,02) ungünstiger. Zur Wirkung von GH-Mangel auf die Fruchtbarkeit sei die Datenlage unklar, und der Nutzen einer Testosterontherapie in dieser Gruppe sei nicht untersucht. Die Autoren heben die widersprüchlichen Daten hervor. Schwächen: erzählende Zusammenführung kleiner Primärstudien; die Angabe „p = 0,00“ ist keine Effektgröße, und der Abstract nennt keine Konfidenzintervalle. Einordnung: Akromegalie ist ein krankheitsbedingter GH-Überschuss und kein Modell der GH-Anwendung durch Gesunde.

Cannarella et al. 2021, systematische Übersicht zur GH-IGF1-Achse beim Laron-Syndrom (Endocrine Connections) [s127]. 17 Artikel mit 125 männlichen Patienten. Die Pubertät fehlte bei 8,9 % und war bei 35,6 % der unbehandelten Patienten verzögert; die Behandlung mit IGF-1 erhöhte Gonadotropine und Testosteron bei 5 von 5 pubertären Patienten; keine eingeschlossene Arbeit berichtete Spermienparameter oder Fruchtbarkeit. Einordnung: Belegt eine Rolle der Achse für die Pubertätsentwicklung, aber keinen Befund zu Spermien; sehr kleine Zahl behandelter Patienten.

Weitere Übersichten zur GH-Achse. Salvio et al. 2022: Akromegalie führe über Masseneffekt und Prolaktin zu Hypogonadismus; zu Fruchtbarkeit und Hodenvolumen gebe es wenige Daten [s121]. Zhou et al. 2023: GH könne die Gonadotropinempfindlichkeit steigern, zur testikulären Steroidogenese beitragen, die Spermatogenese möglicherweise beeinflussen und die Erektionsfunktion regulieren, wobei IGF-1 der Hauptvermittler sei [s110]. Ghasemian Nafchi et al. 2022 fassen In-vitro-Studien zusammen, in denen der Zusatz von Wachstumsfaktoren (unter anderem IGF-I) bei der Spermienaufbereitung die Spermienqualität verbessert hat; das ist keine systemische Exposition [s116].

Übersichten zu nicht zugelassenen Peptiden. Dominikowski et al. 2026 beschreiben GHRH-Analoga (Sermorelin, Tesamorelin, CJC-1295), GH-Sekretagoga (GHRP-2, GHRP-6, Hexarelin, Ipamorelin), AOD9604 und IGF-1-Analoga (PEG-MGF, IGF-1 LR3) mit Nebenwirkungen wie erhöhtem Prolaktin und Kortisol, Dysglykämie, Flüssigkeitsretention, Muskel- und Gelenkschmerzen und Injektionsreaktionen und betonen die unsichere Zusammensetzung der Produkte [s07]. Moiz et al. 2026 nennen für BPC-157, TB-500 und Melanotan II fehlende Humansicherheitsprofile und Risiken wie Verunreinigung, falsche Dosierung, pathologische Angiogenese und kardiovaskuläre Belastung [s24]. Hailu et al. 2026 beschreiben den Graumarkt für Peptide und fordern bessere Überwachung [s10]. Keine der drei Übersichten nennt im Abstract Spermien- oder Fertilitätsdaten. Cretu et al. 2026 prüfen Kisspeptin- und GnRH-basierte Peptidstrategien bei testosteron-induzierter Suppression und halten fest, es fehlten gut konzipierte klinische Studien; das sind medizinische Prüfansätze, nicht die frei verkauften Fitnesspeptide [s06]. Brylew et al. 2013 (Moskau) behandeln GH-freisetzende Peptide (Sermorelin, CJC-1295, GHRP-1, -2, -6, Hexarelin, Ipamorelin, Ghrelin) mit kardiologischem Schwerpunkt; zu Fortpflanzung, Gonaden oder Spermien steht im Volltext nichts [s179]. Nysanbajewa et al. 2022 zitieren die größte Studie an Freizeitsportlern mit GH 2 mg täglich und Testosteron 250 mg wöchentlich (GH verringerte die Fettmasse und erhöhte die Muskelmasse über extrazelluläres Wasser) und geben für IGF-1-Doping 16 % in einer schwedischen Suchtklinik, mehr als 6 % in einer britischen Online-Befragung und 7 % in einer US-Befragung von Gewichthebern an; Fertilität wird nicht behandelt [s125]. Mammetmyradowa 2025 nennt in einer kurzen Übersicht ohne Daten GH, Erythropoetin und Somatomedine als die verbreitetsten Peptidhormone im Sport und hCG, TSH und LH als nicht selten nach AAS-Kuren eingesetzt [s66]. Diese Beiträge belegen vor allem die Lücke.

Einordnung des Abschnitts: Die Übersichten zur GH-Achse stützen eine physiologische Rolle von GH und IGF-1 für Hoden und Spermatogenese, aber bei Kranken mit Mangel oder Überschuss und mit uneinheitlichen Ergebnissen. Über Spermienparameter bei gesunden Männern unter GH oder Sekretagoga lässt sich aus keiner dieser Arbeiten etwas ableiten.

Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Einordnung und Abgrenzung bis Übersichten zu Wachstumshormon, IGF-1 und Peptiden
  5. Metaanalysen zu Behandlungen bei subfertilen Männern als Vergleichsmaßstab und Metaanalysen und Übersichten zu Training und Lebensstil
  6. Einordnung und Abgrenzung bis Testosteron-Fehlanwendung: Fallserien und Kohorten aus Korea, Japan und China
  7. Wachstumshormon-Achse beim Menschen: Beobachtungsstudien bis Gesamteinschätzung der Beobachtungsstudien
  8. Wie belastbar ist die Literatur überhaupt? bis Wachstumshormon, IGF-1 und Ghrelin
  9. Weitere Wirkstoffe, Nahrungsergänzung und Training und Leitlinien und Konsensdokumente
  10. Mechanismen und biologische Plausibilität
  11. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  12. Englisch bis Spanisch
  13. Chinesisch bis Arabisch
  14. Türkisch
  15. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  16. Limitationen der Evidenz
  17. Offene Forschungsfragen
  18. Praktische Einordnung
  19. Glossar
  20. Quellenverzeichnis
  21. Diagramme
  22. Quellen s01–s113
  23. Quellen s114–s218
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle