SARMs, Wachstumshormon und Fitness-Wirkstoffe · Kapitel 3 von 20

Hintergrund

Warum die Frage gestellt wird

Wirkstoffe zur Steigerung von Muskelmasse und Leistung werden außerhalb der Medizin von vielen jungen Männern angewendet, und die Fortpflanzungsfolgen sind ihnen oft nicht bewusst. Die Prävalenzangaben sind nicht vergleichbar, weil Stichproben und Definitionen verschieden sind: In einer anonymen Befragung in Fitnessstudios Sankt Petersburgs gaben 30,4 % von 550 Auswertbaren AAS-Anwendung an [s157]; unter Athleten in Medina waren es 32 % von 121 [s69], unter Fitnessstudio-Nutzern in Al-Qassim 19,5 % von 415 [s35], unter Sportstudierenden in Palästina 2,9 % von 380 [s80]. In Antalya galten 35,4 % (57 von 161) der Sportler mit Hormonmessung als Nutzer, definiert über unterdrückte Gonadotropine, also über das Messergebnis selbst [s08]. Eine russische Übersicht zitiert eine weltweite AAS-Prävalenz von 6,4 % bei Männern und 1,6 % bei Frauen [s158]. Für SARMs schätzt eine systematische Übersicht die Anwendung unter Athleten auf 1 bis 3 % [s62], und die Suchanfragen nach SARMs stiegen, während das Interesse an Anabolika stagnierte oder fiel [s82].

Zugleich besteht ein Wissensdefizit: Nur 13,3 % der Befragten in Al-Qassim wussten, dass AAS eine Brustvergrößerung verursachen können [s35], und unter palästinensischen Sportstudierenden hatten nur 36 (10 %) zufriedenstellendes Wissen [s80]. Übersichtsarbeiten halten fest, dass Anwender von Anabolika und SARMs die möglichen Folgen für die Fruchtbarkeit häufig nicht kennen [s137]. In einer Umfrage unter 470 Anwendern äußerten 52,4 % Sorge um die Erholung von Testosteron beziehungsweise Fruchtbarkeit [s96]. Ärzte berichten Ähnliches aus der Praxis: In einer Befragung von 151 Urologen, Andrologen und Endokrinologen beobachteten 90,73 % eine Zunahme des AAS-Missbrauchs, 64,24 % sahen Patienten mit Infertilität [s92]. Dazu passt eine Klinikanalyse, nach der unter hypogonaden Männern unter 50 Jahren frühere AAS-Exposition mehr als zehnfach häufiger war (OR 10,16; 95-%-KI 4,90 bis 21,08) [s177].

Die Frage ist auch deshalb wichtig, weil männliche Infertilität häufig ist. Die japanische Leitlinie beziffert den Beitrag von Samenfaktoren auf etwa 50 % der Infertilitätsfälle [s60], und die WHO hat 2025 eine Infertilitätsleitlinie vorgelegt, deren Aussagen zur männlichen Infertilität mit AUA/ASRM, EAU, ESHRE und NICE verglichen wurden [s01].

Die Hormonachse und die Spermatogenese

Die Spermienbildung hängt an einer Regelkette aus Hypothalamus, Hypophyse und Hoden. Die Hypophyse schüttet die Gonadotropine LH und FSH aus; sie steuern die Hodenfunktion einschließlich der Testosteronbildung, und das Testosteron wirkt auf Hypothalamus und Hypophyse zurück [s23, s102]. Wird Testosteron oder ein verwandter Wirkstoff von außen zugeführt, drosselt diese Rückkopplung die Gonadotropine. Die Zahlen aus der chinesischen Kontrazeptionsforschung zeigen es am klarsten: Unter monatlich 500 mg Testosteronundecanoat stieg das Serumtestosteron im Mittel um 131 %, LH sank um 72 % und FSH um 70 % [s202]. Bei Anwendern anaboler Steroide fand eine Metaanalyse niedrigeres LH, FSH und endogenes Testosteron [s166], und eine saudische Fall-Kontroll-Studie mit 10 Anwendern und 6 Nichtanwendern maß Mediane von 0,1 gegenüber 2,7 mIU/mL für LH und 0,05 gegenüber 2,71 mIU/mL für FSH [s83].

Das Entscheidende für die Spermien ist nicht das Testosteron im Blut, sondern das im Hoden. Nach einer russischen Übersicht benötigt die Spermatogenese einen intratestikulären Testosteronspiegel, der physiologisch etwa 50- bis 100-mal höher liegt als im Blut; unter AAS gehe dieses Verhältnis verloren, und bei langer Unterdrückung von FSH und Testosteron kämen es zur Rückbildung der Samenkanälchen und zur Apoptose der Sertoli-Zellen [s67]. Die Messung im Hodengewebe-Milieu ist selten: In einer Pilotstudie mit 37 Proben testikulärer Interstitialflüssigkeit lag das Testosteron bei Männern mit nichtobstruktiver Azoospermie ohne Hormonbehandlung im Median bei 1528,1 ng/mL, bei obstruktiver Azoospermie bei 207,5 ng/mL [s47]; die Studie untersucht keine Fitness-Wirkstoffe und zeigt nur, dass sich intratestikuläre Werte direkt erfassen lassen.

Auf Gewebeebene beschreiben die Quellen mehrere Wege der Schädigung durch Androgenüberschuss. Bei Hengsten und Ratten unter Nandrolon fanden sich eine Verarmung an Leydig-Zellen und ein Stillstand der fortgeschrittenen Spermatogenese [s213, s162]. Beim Menschen stieg unter supraphysiologischem Testosteronundecanoat der Anteil apoptotischer Keimzellen im Ejakulat signifikant [s212], und bei Rhesusaffen verlief die Keimzellapoptose zeitabhängig mit Fas/FasL-Expression und einem Maximum an Tag 30 [s210]. Weitere diskutierte Mechanismen sind oxidativer Stress und DNA-Schäden der Spermien [s71, s52, s17]; ein Fallbericht fand in den Spermien eines Mannes mit wiederkehrender Spermatogenese nach Anabolikagebrauch eine hohe Rate an XY-Disomie, die die Autoren als mögliche Folge gestörter meiotischer Segregation deuten [s192].

Wachstumshormon wirkt nach der Literatur nicht über denselben Regelkreis. Eine Übersicht beschreibt, dass GH die Gonadotropinempfindlichkeit steigern, zur testikulären Steroidbildung beitragen, möglicherweise die Spermatogenese beeinflussen und die Erektionsfunktion regulieren könne, wobei IGF-1 der Hauptvermittler sei [s110]. Bei präpubertären Ratten erhöhte rhGH das testikuläre Igf1 und die Testosteronbildung [s122]; in der Organkultur von Mäusehoden verringerte IGF-1 die Keimzellapoptose [s168]. Beim Menschen ist die Lage weniger klar: Bei Laron-Syndrom (IGF-1-Resistenz) erhöhte IGF-1-Behandlung Gonadotropine und Testosteron bei 5 von 5 pubertären Patienten, aber keine Arbeit berichtete Spermienparameter [s127]. Auch Ghrelin, das über den GH-Sekretagogen-Rezeptor wirkt, ist im Hoden nachweisbar; seine Expression in Leydig-Zellen korrelierte beim Menschen negativ mit dem Serumtestosteron [s191], und bei Ratten hemmte zentral gegebenes Ghrelin die Testosteronsekretion [s182].

Auch Training verändert die Achse. Für lang andauerndes Ausdauertraining wird ein „Exercise-Hypogonadal Male Condition“ mit niedrigem Testosteron ohne LH-Anstieg beschrieben, bei begrenzten Daten zu den Spermien [s150].

Messgrößen

Die Studien messen auf mehreren Ebenen, und das erschwert den Vergleich. Die Samenanalyse umfasst Ejakulatvolumen, Spermienkonzentration, Gesamtspermienzahl, Beweglichkeit (progressiv und gesamt), Vitalität und Morphologie; ein Beispiel für diese Endpunkte ist die Untersuchung von GH-Mangel nach der Pubertät, in der Ejakulatvolumen, Gesamtzahl, progressive und Gesamtbeweglichkeit, Konzentration und normale Morphologie berichtet werden [s39]. Hinzu kommen die progressiv bewegliche Gesamtzahl und der DNA-Fragmentationsindex als Maß der Chromatinschäden [s31, s53] sowie der oxidative Stress im Samenplasma [s90]. In Tierversuchen treten Histologie, Johnsen-Score, Keimepithelhöhe und Tubulusdurchmesser dazu [s11]. Klinische Zusatzgrößen sind Hodenvolumen [s102, s14] und Hormone: LH, FSH, Gesamt- und freies Testosteron, SHBG, Östradiol, Prolaktin, daneben Inhibin B, das eine russische Arbeitsgruppe als Marker des Keimepithels vorschlägt [s148], und das berechnete bioverfügbare Testosteron [s189].

Als eigentlicher Endpunkt gilt die Fruchtbarkeit: Schwangerschaft und Lebendgeburt der Partnerin. Wo sie gemessen wurde, ist die Unsicherheit am größten: Das koreanische Konsensuspapier fordert Endpunkte wie die Lebendgeburt statt Zwischenparameter [s25], und der Cochrane-Review zu Antioxidanzien zeigt, wie anders das Bild bei Lebendgeburt als bei Zwischenparametern aussehen kann [s114]. Fast keine Studie zu Fitness-Wirkstoffen berichtet Schwangerschaften; Ausnahmen sind Klinikserien mit Männern in Kinderwunschbehandlung [s98, s112].

Die Begriffe Azoospermie, Oligozoospermie und Normozoospermie sind nicht einheitlich hinterlegt. Azoospermie bedeutet das Fehlen von Spermien im Ejakulat. Die Schwellen der übrigen Kategorien unterscheiden sich von Studie zu Studie: Eine Klinikkohorte nannte „schwere Oligozoospermie“ unter 5 Mio./mL, „Oligozoospermie“ unter 15 Mio./mL und „Normozoospermie“ über 15 Mio./mL [s98], die chinesischen Kontrazeptionsstudien definierten die Suppression als Azoospermie oder Spermienkonzentration unter 3 Mio./mL [s202] beziehungsweise höchstens 1 Mio./mL [s185], und die Bodybuilder-Studie von 1989 verwendete die Grenze von 20 Mio./mL [s218]. Studien mit solchen Kategorien lassen sich deshalb nur mit Vorsicht gegeneinander halten.

Die WHO-Referenzwerte 2021 und ihre Einordnung

Die sechste Ausgabe des WHO-Handbuchs zur Untersuchung und Aufbereitung menschlichen Samens erschien im Juli 2021 (Boitrelle et al. 2021, Life; zusätzlich abgerufen). Die unteren Referenzwerte, also die 5. Perzentile in der Referenzpopulation fertiler Männer, betragen laut WHO 2021 für die Spermienkonzentration 16 Mio./mL, die Gesamtspermienzahl 39 Mio. je Ejakulat, die Gesamtbeweglichkeit 42 % und die normalen Formen 4 % (Paffoni et al. 2022, Human Reproduction; zusätzlich abgerufen). Zum Vergleich mit den früheren Ausgaben nennt eine Kohortenstudie an 788 infertilen Männern (Boeri et al. 2022, Andrology; zusätzlich abgerufen):

KenngrößeWHO 1999WHO 2010WHO 2021
Volumen (mL)≥ 21,51,4
Spermienkonzentration (Mio./mL)≥ 201516
Gesamtbeweglichkeit (%)≥ 504042
Normale Morphologie (%)1444

Weitere Grenzwerte der sechsten Ausgabe, etwa zu Vitalität oder progressiver Beweglichkeit, wurden nicht abgerufen und werden hier nicht genannt. Die Wahl der Ausgabe verändert die Einordnung erheblich: In der genannten Kohorte galten 31 Männer (3,9 %) nach den Werten von 1999, 138 (17,5 %) nach denen von 2010 und 126 (16,0 %) nach denen von 2021 als normozoosperm (Boeri et al. 2022).

Die WHO selbst betont, dass die 5. Perzentile keine Grenze zwischen fertilen und infertilen Männern darstellt; sie sei nur eine Möglichkeit, Samenbefunde zu interpretieren (Paffoni et al. 2022). Die sechste Ausgabe gibt die Vorstellung fester Referenzgrenzen auf und schlägt stattdessen „Entscheidungsgrenzen“ vor, benennt aber für keinen Parameter solche Grenzen (Boitrelle et al. 2021). Sie führt außerdem wieder die vierstufige Einteilung der Beweglichkeit ein und erweitert den Blick der Samenanalyse von einem Prognosewerkzeug für die assistierte Reproduktion zu einem Maß der männlichen Fortpflanzungsfunktion und Gesundheit (Björndahl und Kirkman Brown 2022, Fertility and Sterility; zusätzlich abgerufen).

Die Referenzpopulation wird kritisiert. Sie umfasst 3589 fertile Männer aus 12 Ländern und 10 Studien; in einer Neuberechnung aus den Rohdaten der Einzelstudien schwankte die 5. Perzentile der Konzentration zwischen 11 und 36 Mio./mL, der Gesamtzahl zwischen 22 und 65 Mio. je Ejakulat, der Gesamtbeweglichkeit zwischen 33 und 55 % und der normalen Formen zwischen 2 und 23 %, und keine der Populationen wurde von den Referenzperzentilen vollständig korrekt beschrieben (Paffoni et al. 2022). Für diese Studie folgt daraus: Wer in den ausgewerteten Arbeiten „im Normbereich“ liegt, ist je nach Ausgabe und Labor etwas anderes, und ein Wert unter dem Referenzwert beweist weder Unfruchtbarkeit noch ein Wert darüber Fruchtbarkeit. Die ausgewerteten Studien nutzen zudem verschiedene Ausgaben; die Akromegalie-Studie von Andreassen et al. bezog sich ausdrücklich auf die WHO-Werte von 2010 [s143].

Die Wirkstoffgruppen

SARMs. Selektive Androgenrezeptor-Modulatoren sind nach einer russischen Übersicht gewebespezifische Androgenrezeptor-Agonisten; sie wurden bei Brustkrebs, Osteoporose und Kachexie untersucht und im Sport als Mittel zur Steigerung von Muskel- und Knochenmasse und Leistung angewendet, wobei es keine von der FDA zugelassenen Indikationen gebe [s111]. Frühe klinische Anwendungsfelder waren Kachexie, benigne Prostatahyperplasie, Hypogonadismus und Brustkrebs [s153]; als Alternative zu Testosteron beim männlichen Hypogonadismus werden sie diskutiert, bei früher Studienphase [s145], und unter den untersuchten Anwendungen steht auch die männliche Kontrazeption [s144]. Die klinischen Studien betrafen überwiegend ältere oder kranke Menschen: Eine systematische Übersicht randomisierter Studien umfasst neun Studien mit 970 Patienten (mittleres Alter 57,1 Jahre) zu sechs SARMs (LGD-4033, PF-06260414, GSK2881078, GTx-024, MK-0773, OPK-88004) [s63]. Im Fitnessumfeld stehen vor allem Ligandrol (LGD-4033), Ostarin (Enobosarm, MK-2866) und RAD-140; Anwender nehmen sie deutlich höher dosiert, als in klinischen Studien geprüft wurde, und die meisten online gekauften Produkte waren verunreinigt [s62]. Bekannte Nebenwirkungen sind Leberschäden, meist cholestatisch [s88, s101], und Rhabdomyolyse [s131, s107]. Cardarin (GW1516) und MK-677 gehören nicht zu den SARMs, tauchen aber in denselben Präparaten auf: GW1516 ist ein PPARδ-Agonist [s73], MK-677 ein GH-Sekretagogum [s75].

Anabole androgene Steroide. Gemeint sind Testosteron und seine Ester sowie synthetische Abkömmlinge wie Nandrolon, Stanozolol, Trenbolon, Boldenon und Oxandrolon; Handelspräparate wie Sustanon werden in Tierversuchen geprüft [s84]. In der ältesten Bodybuilder-Studie lagen die Dosen bis zum 40-Fachen der klinisch üblichen [s218]; in Sankt Petersburg lagen die Injektionsdosen bei 500 bis 2000 mg pro Woche, am häufigsten bei 1000 mg [s157]. Eine Übersicht zitiert, Testosteronersatz mit 75 bis 100 mg pro Woche löse keinen Hypogonadismus aus, 200 bis 250 mg pro Woche verursachten Oligospermie und Dosen von 1000 mg pro Woche und mehr unterdrückten die Achse zuverlässig [s158]. Anwender kombinieren AAS häufig mit Wachstumshormon, Clenbuterol, Insulin, IGF-1 und anderen Mitteln, die Übersicht spricht von „Dopingpolypragmasie“ [s158]. Auch ärztlich verordneter Testosteronersatz beeinträchtigt die Spermatogenese; die AUA/ASRM-Leitlinie hält als klinisches Prinzip fest, dass Männern mit aktuellem oder künftigem Kinderwunsch kein exogenes Testosteron verordnet werden solle [s141, s119].

Wachstumshormon, IGF-1, Sekretagoga und Peptide. GH, IGF-1 und Insulin werden von Profi- und Freizeitsportlern missbraucht; zitiert wird eine Studie an Freizeitsportlern mit 2 mg GH täglich, die weniger Fettmasse und mehr Muskelmasse über extrazelluläres Wasser zeigte, und IGF-1-Doping wird bei 16 % der Patienten einer schwedischen Suchtklinik berichtet [s125]. Die Übersicht zu leistungssteigernden Peptiden nennt GHRH-Analoga (Sermorelin, Tesamorelin, CJC-1295), GH-Sekretagoga (GHRP-2, GHRP-6, Hexarelin, Ipamorelin), AOD9604 und IGF-1-Analoga (PEG-MGF, IGF-1 LR3) mit Nebenwirkungen wie erhöhtem Prolaktin und Kortisol, Dysglykämie und Flüssigkeitsretention sowie unsicherer Zusammensetzung der Produkte [s07]. BPC-157, TB-500 und Melanotan II haben nach einer weiteren Übersicht keine Humansicherheitsprofile [s24]; der Graumarkt für Peptide verlangt bessere Überwachung [s10]. Kisspeptin- und GnRH-basierte Peptide, die bei Testosteron-induzierter Suppression geprüft werden, sind medizinische Prüfansätze und keine Fitnesspeptide [s06].

Nachbehandlung (Post-Cycle-Therapy). Anwender setzen nach einem Zyklus selbst Mittel ein, die die Achse wieder anregen sollen: hCG, selektive Östrogenrezeptor-Modulatoren (Clomifen, Tamoxifen) und Aromatasehemmer; die Übersichten bewerten die Evidenz als begrenzt [s29, s04], und ein Teil der beschlagnahmten Mittel enthielt den deklarierten Wirkstoff nicht [s37].

Weitere Mittel. Zu Kreatin gibt es Grundlagenarbeit: In Knockout-Mäusen war intratestikuläres Kreatin für Spermienzahl, Beweglichkeit und Befruchtungsrate nötig, was nichts über Supplemente beim gesunden Mann aussagt [s86]. Verzweigtkettige Aminosäuren senkten bei Mäusen nur als Valin Spermienkonzentration und Vitalität [s49]; DHEA wirkte bei adipösen Ratten auf Proteine der Spermienreifung [s156] und in einem Mausmodell über einen Rezeptor auf die Spermienbeweglichkeit [s15]. Antioxidanzien wurden in einem Cochrane-Review bei subfertilen Männern untersucht [s114], und bei Fußballspielern mit auffälligem Samen verbesserte ein Antioxidanzienpräparat Beweglichkeit und Morphologie, nicht die Konzentration [s57].

Geschichte der Forschungsfrage

Die Frage, ob Anabolika die Spermien schädigen, ist älter als jede SARM-Forschung. Die früheste Studie des Datensatzes stammt von 1989: Der Vergleich von 41 Bodybuildern mit 41 Freiwilligen fand bei den Bodybuildern häufiger niedrige Spermienzahlen und bei denen, die mehr als vier Monate zuvor aufgehört hatten, Werte im Normbereich [s218]. Aus den 1990er-Jahren stammen ein Fallbericht zur Reversibilität anabolika-induzierter Azoospermie [s216] und Tierversuche zum Zusammenspiel von Testosteron, FSH und IGF-1 [s217]. Parallel entstand in China ein eigener Forschungsstrang: Weil Testosteronundecanoat die Spermatogenese verlässlich unterdrückt, wurde es als männliches Verhütungsmittel geprüft, von der Pilotstudie mit 32 Männern 1999 [s215] über die Phase-II-Studie mit 308 Männern [s202] bis zur Phase-III-Studie mit 1045 Männern [s185]. Diese Studien sind keine Fitnessstudien, bilden aber den größten Datenbestand zur reversiblen Suppression.

Um 2000 folgten Vergleichsstudien an Kraftsportlern [s209], 2004 die Beobachtung, dass gleichzeitiges hCG die Spermatogenese trotz massiver AAS-Dosen erhielt, aber die Samenqualität vorübergehend beeinträchtigte [s198], und Fallberichte zur Wiederherstellung [s203, s192]. Die erste SARM-Arbeit des Datensatzes ist der Rattenversuch von 2005, in dem das SARM als Verhütungsmittel entwickelt wurde [s195]; 2013 folgte die randomisierte Studie mit LGD-4033 [s176], und im selben Jahr zeigte die Datenbankanalyse an 6033 Patienten, dass frühere AAS-Exposition die häufigste Ursache eines ausgeprägten Hypogonadismus bei jungen Männern war (42 von 97) [s177]. 2017 lieferte die Metaanalyse zu Gonadotropinen und Testosteron unter AAS die ersten gepoolten Effekte [s166]; in den 2020er-Jahren folgten Übersichten zur Reversibilität [s136, s94, s102], eine systematische Sicherheitsübersicht zu SARMs [s107] und die Analyse der Produktqualität [s78, s37].

Das Feld wächst rasch: Von den 218 Quellen erschienen 67 seit 2025, darunter die Übersichten zu Peptiden und zur Nachbehandlung [s07, s24, s10, s29, s04] und die erste vergleichende Kohorte zur Nachbehandlung nach kurzer AAS-Anwendung [s14]. Der Ausbau der Literatur hat die Lücken zu SARMs, Wachstumshormon und Peptiden bisher nicht geschlossen.

Als weiterer Hintergrund dient die Diskussion um die Entwicklung der Spermienzahl insgesamt. Carlsen et al. werteten 1992 61 Arbeiten mit 14.947 Männern aus und fanden einen Rückgang der mittleren Spermiendichte von 113 Mio./mL im Jahr 1940 auf 66 Mio./mL im Jahr 1990 (BMJ; zusätzlich abgerufen). Levine et al. schlossen 2023 223 Studien mit 288 Schätzungen aus Proben von 1973 bis 2018 ein und berichteten einen Rückgang der Konzentration um 0,87 Mio./mL pro Jahr (95-%-KI −0,89 bis −0,86) im einfachen linearen Modell (Human Reproduction Update; zusätzlich abgerufen); die Autoren erwähnen selbst Kontroversen um diese Frage. Beide Arbeiten betreffen weder Fitness-Wirkstoffe noch die Frage, ob Anwender einer Risikogruppe angehören; sie erklären aber, warum die Spermienqualität ein viel beachteter Gesundheitsindikator geworden ist.

Lesehilfe für die folgenden Kapitel

Wer die Einzelbefunde liest, sollte drei Dinge im Blick behalten. Erstens trennt diese Studie konsequent, was gemessen wurde (Hormone, Samenparameter, Histologie), von dem, was abgeleitet wird; Ableitungen sind als solche gekennzeichnet. Zweitens stammen viele Zahlen aus Selektionen, etwa Kinderwunschkliniken, urologischen Praxen oder Selbstmeldungen, und beschreiben nicht die Häufigkeit unter allen Anwendern. Drittens ersetzt keine der berichteten Zahlen eine ärztliche Beurteilung im Einzelfall.

Alle Kapitel und Anhänge (24)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Einordnung und Abgrenzung bis Übersichten zu Wachstumshormon, IGF-1 und Peptiden
  5. Metaanalysen zu Behandlungen bei subfertilen Männern als Vergleichsmaßstab und Metaanalysen und Übersichten zu Training und Lebensstil
  6. Einordnung und Abgrenzung bis Testosteron-Fehlanwendung: Fallserien und Kohorten aus Korea, Japan und China
  7. Wachstumshormon-Achse beim Menschen: Beobachtungsstudien bis Gesamteinschätzung der Beobachtungsstudien
  8. Wie belastbar ist die Literatur überhaupt? bis Wachstumshormon, IGF-1 und Ghrelin
  9. Weitere Wirkstoffe, Nahrungsergänzung und Training und Leitlinien und Konsensdokumente
  10. Mechanismen und biologische Plausibilität
  11. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  12. Englisch bis Spanisch
  13. Chinesisch bis Arabisch
  14. Türkisch
  15. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  16. Limitationen der Evidenz
  17. Offene Forschungsfragen
  18. Praktische Einordnung
  19. Glossar
  20. Quellenverzeichnis
  21. Diagramme
  22. Quellen s01–s113
  23. Quellen s114–s218
  24. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle