Aus den Widersprüchen und Grenzen der Evidenz ergeben sich Fragen, die die vorliegende Literatur nicht beantwortet. Sie sind als Fragen formuliert und nicht als Empfehlung an Forschende oder Betroffene.
- Wie groß ist der Anteil des Fiebers, der systemischen Entzündung und der Krankheit selbst? Die Daten von Marmor [s301], van der Kaaij [s251] und Drechsel [s49] sprechen für einen Beitrag von Fieber und Allgemeinsymptomen. Eine prospektive Studie, die Körpertemperatur, Entzündungsmarker (zum Beispiel Blutsenkung) und Samenparameter bei derselben Person im Verlauf misst, liegt nicht vor.
- Wie verhält sich die Samenqualität vor der Behandlung bei Leukämien, Non-Hodgkin-Lymphomen und seltenen Tumoren? Die Daten sind durch den Probenzeitpunkt verzerrt [s155, s273]; Serien mit Proben ausschließlich vor jeder Therapie und mit Parallelkontrolle sind selten. Für Sarkome, Hirntumoren, gastrointestinale und Kopf-Hals-Tumoren fehlen große Einzelserien [s19, s58].
- Welche Rolle spielt die DNA-Fragmentierung für das Ergebnis assistierter Reproduktion bei Krebspatienten? Die Messungen vor der Behandlung sind uneinheitlich [s84, s245, s250], und die Beziehung zu Fehlgeburten beruht bisher auf einer sehr kleinen Gruppe [s10]. Ob frische Proben nach der Behandlung oder eingelagerte Proben vor der Behandlung günstiger sind [s04, s250], ist nicht entschieden.
- Wann ist beim Hodentumor der günstigste Einlagerungszeitpunkt relativ zur Orchiektomie? Zahl und Beweglichkeit sprechen in einer Studie für vorher [s235], DNA-Integrität in einer anderen für nachher [s04]. Eine Studie, die beide Zeitpunkte bei denselben Patienten mit Geburtsendpunkt vergleicht, fehlt.
- Wie lässt sich die Nutzung eingelagerter Proben vorhersagen und wie hoch ist der tatsächliche Bedarf? Raten von 2,2 % bis 27 % [s181, s275] sind ohne einheitliche Nenner (alle Einlagerer, Männer mit Kinderwunsch, Überlebende) nicht vergleichbar [s191]. Langfristige, standardisierte Registerdaten mit Angabe von Überleben, Kinderwunsch und natürlicher Zeugung wären nötig; als Ansatz gelten Registerverknüpfungen wie in Stockholm [s64] und das japanische Onkofertilitätsregister [s65].
- Verlieren Krebspatienten beim Einfrieren relativ mehr als Gesunde? Die Befunde von Agarwal und Hallak widersprechen sich [s276, s280]; Studien mit gleicher Ausgangszahl und parallelem Auftautest in gesunden und Krebsgruppen mit genügender Fallzahl fehlen. Unklar ist auch, ab welchen Ausgangswerten die Wiedergewinnung für assistierte Reproduktion praktisch zu klein wird; Marchiani bestimmten dafür Grenzwerte, die der Abstract nicht nennt [s81].
- Gibt es erkrankungsspezifische molekulare Muster? Proteom-, Methylom- und kleine-RNA-Studien liegen vor [s77, s79, s137, s150], aber an kleinen oder gepoolten Gruppen; größere Studien sind nötig, wie die Autoren selbst schreiben [s79].
- Welche Wirkungen haben neuere Therapien? Tyrosinkinasehemmer (zum Beispiel Imatinib [s12], Nilotinib im Mausmodell [s175]), Immuntherapien und Checkpoint-Inhibitoren sind kaum untersucht [s54]; auch Daten zu Nachkommen sind spärlich (zum Beispiel keine Fehlbildungen bei 37 gesunden Kindern in einer Befragung [s210]).
- Wie unterscheiden sich Hodgkin-Lymphome und Non-Hodgkin-Lymphome in Kohorten mit einheitlichen Methoden? Studien zum Hodgkin-Lymphom allein fehlen in den ostasiatischen Sprachräumen (Befund der Recherche zu Chinesisch, Japanisch und Koreanisch), zum Non-Hodgkin-Lymphom ist die Datenlage dünn [s120, s288].
- Wie lässt sich die Versorgung unabhängig vom Land und von Kosten gestalten? Kostenübernahme und strukturierte Wege veränderten in einzelnen Berichten die Inanspruchnahme [s65, s66, s80]; kontrollierte Studien zu dieser Frage liegen nicht vor. Die Hindernisse sind in vielen Ländern vergleichbar (Zeitdruck, fehlende Information, Kosten, fehlende Überweisungswege [s01, s06, s20, s21, s72]).
- Wie geht man mit der Altersgrenze bei Kindern und jungen Jugendlichen um? Für präpubertäre Jungen ist die Hodengewebe-Kryokonservierung nach dem Abstract der ASCO-Leitlinie 2025 experimentell und solle nur in einer klinischen Studie angeboten werden [s37]; die Ergebnisse dazu sind nicht abgeschlossen (zum Beispiel ein Studienprotokoll [s41]). Die Daten zu jungen Jugendlichen sind dünn: In einer chinesischen Serie waren nur 13 von 275 Jugendlichen 13 bis 14 Jahre alt [s59].
- Wie sollten Studien berichten, damit sie vergleichbar werden? Einheitliche Definition der Normozoospermie (welche WHO-Auflage), Angabe von Zeitpunkt der Probe relativ zu Therapie, Operation und Fieber, Konfidenzintervalle, Fallzahlen aller Untergruppen und eindeutige Nenner für Nutzungsraten würden viele Widersprüche in diesem Kapitel entschärfen.