Krebserkrankungen und Fruchtbarkeit · Kapitel 10 von 22 · Studienlage: Klinische Studien, Leitlinien und Tierversuche

Vorbemerkung zur Evidenzbasis bis Kinder und Jugendliche

Vorbemerkung zur Evidenzbasis

Die folgende Darstellung stützt sich auf Quellen der Master-Quellenliste, deren Abstract (in wenigen Fällen auch der Volltext) tatsächlich abgerufen wurde; zitiert wird mit den Kennungen dieser Liste. Alle Zahlen stammen aus diesen Abstracts oder Volltexten. Wo ein Abstract eine Angabe nicht enthält, etwa Konfidenzintervalle oder Teilnehmerzahlen einzelner Untergruppen, wird sie nicht ergänzt. Es handelt sich ganz überwiegend um retrospektive Auswertungen von Samenbanken. Das hat Folgen, die für das ganze Kapitel gelten. Erfasst sind nur Männer, die eine Probe abgeben konnten und wollten. Kontrollgruppen fehlen meist oder sind selbst ausgewählt (Samenspender, Männer in der Kinderwunschabklärung). Die Messzeitpunkte unterscheiden sich (vor oder nach Orchiektomie, mit oder ohne Fieber, vor oder nach Beginn einer Chemotherapie), ebenso die Auflagen der WHO-Referenzwerte (1992, 1999, 2010, 2021). Prozentangaben zur „Normozoospermie“ sind deshalb zwischen Studien nicht ohne Weiteres vergleichbar. Gepoolt oder umgerechnet wurde in diesem Kapitel nichts; wo eine Studie Zahlen nennt, die in sich nicht stimmig sind, werden sie wörtlich wiedergegeben und der Widerspruch wird benannt, ohne ihn aufzulösen.

Empfehlungen, die hier vorkommen, sind ausschließlich Aussagen der jeweiligen Autorengruppen oder Fachgesellschaften. Dieses Kapitel enthält keine Therapieempfehlung.

Hodgkin-Lymphom

Das Hodgkin-Lymphom ist die am besten untersuchte hämatologische Erkrankung in diesem Zusammenhang. Die Ergebnisse streuen stark: Der Anteil normozoospermer Männer vor Therapie reicht in den einzelnen Studien von 14 % bis 75 %.

Ragni et al. 1985 [s302] untersuchten 35 unbehandelte Männer mit Hodgkin-Krankheit (Fallserie mit Samenanalyse und Hormonbestimmung, FSH, LH, Testosteron, dazu GnRH-Stimulation mit 100 Mikrogramm). Es fanden sich 65 % Asthenozoospermie, 46 % Teratozoospermie und 28 % Oligozoospermie. Normale Samenproben hatten 7 von 18 asymptomatischen, aber nur 2 von 15 symptomatischen Patienten. Basales FSH und LH waren normal, Testosteron signifikant niedrig (p < 0,01), und die LH-Antwort auf GnRH war erniedrigt (Anstieg 28,4 % ± 18,7 % gegenüber 52,4 % ± 25,3 % bei Kontrollen, p < 0,005). Die Autoren deuten das auffällige Ejakulat als spezifisches Symptom der Erkrankung infolge einer funktionellen Unzulänglichkeit der Hypothalamus-Hypophysen-Achse. Grenzen: kleine Fallzahl, frühe Methodik.

Marmor et al. 1986 [s301] stellten diese Deutung infrage. Bei 57 jungen Patienten vor Behandlung lagen die Mittelwerte im Normbereich und ähnelten denen fertiler Populationen. Neunzehn Patienten hatten ein auffälliges Spermiogramm, bei zwölf von ihnen bestand kürzlich oder aktuell Fieber. Bei Temperaturen unter 38,5 Grad Celsius zeigte sich nur eine Asthenozoospermie, bei höherer Temperatur schwerere Veränderungen bis zu Oligoasthenozoospermie oder Azoospermie; nur fünf fiebernde Männer hatten ein normales Spermiogramm, alle mit leichtem Fieber. Die Autoren führen die Auffälligkeiten bei etwa einem Drittel der Patienten auf Fieber zurück und nicht auf eine erkrankungsspezifische Hodenveränderung. Grenzen: keine Kontrollgruppe, kleine Fallzahl.

Magnanti et al. 1996 [s286] verglichen 20 erwachsene Patienten mit Hodgkin-Lymphom vor jeder Therapie mit Kontrollpersonen (LH-Pulsatilität, computergestützte Spermienanalyse). Die Pulszahl von LH war erhöht (p < 0,05). Bei einem Drittel war die Spermienzahl vermindert; berücksichtigte man Beweglichkeit, Geschwindigkeit und Linearität der Bewegung, stieg der Anteil mit Auffälligkeiten auf zwei Drittel. Geschwindigkeit und Linearität waren schon in den Stadien I und II beeinträchtigt, die Spermienzahl erst im Stadium III; symptomatische Patienten zeigten unabhängig vom Stadium eine deutliche Verschlechterung aller Parameter. Die Pathogenese blieb nach Angabe der Autoren offen.

Fitoussi et al. 2000 [s278] (retrospektive Kohorte, Annals of Oncology): Von 316 Männern, denen eine Samenkonservierung vorgeschlagen wurde, erfüllten 94 die Einschlusskriterien (Alter über 16 und unter 50 Jahre; mittleres Alter 27,5 Jahre; Stadium I 40 %, II 38 %, III 15 %, IV 4 %). 53 % (50 Fälle) hatten einen normalen oder subnormalen Befund. Es fand sich keine Korrelation zwischen Samenqualität und Stadium, B-Symptomen, Alter oder Laborwerten (LDH, Leukozyten, Thrombozyten, Blutsenkung). Die Verwendung der Proben wurde von 13 Patienten verlangt; 88 Inseminationen führten zu 9 Schwangerschaften und 2 Geburten. Grenzen: Selektion (nur 94 von 316), Inseminationen als Methode, keine Vergleichsgruppe.

Blackhall et al. 2002 [s275] (retrospektive Kohorte, British Journal of Cancer) werteten 122 Männer aus, die zwischen 1978 und 1990 vor sterilisierender Chemotherapie bei Hodgkin-Krankheit ein Spermiogramm erhielten: 81 (66 %) lagen im Normbereich, 25 waren oligozoosperm (unter 20 × 10^6 Spermien/ml), 5 azoosperm. Bei 115 wurde Samen eingelagert; nach einer medianen Nachbeobachtung von 10,1 Jahren nutzten 33 Männer die Probe (aktuarielle Rate 27 %), neun Partnerinnen wurden schwanger, mit 11 Lebendgeburten und einem Abbruch wegen fetaler Fehlbildung. Die aktuariellen Zehn-Jahres-Raten für Vernichtung vor Tod oder Nutzung beziehungsweise Tod vor Nutzung betrugen 19 % und 13 %. Grenzen: frühe Verfahren, retrospektiv, keine Kontrollen.

Gandini et al. 2003 [s271] verglichen im selben Labor 232 Männer mit Hodentumor und 110 mit Hodgkin-Krankheit (Samen vor Chemo- oder Strahlentherapie; Hodentumorpatienten rund einen Monat nach Orchiektomie). In der Hodgkin-Gruppe (n = 106) war die Spermatogenese im Wesentlichen normal; nur 24,5 % hatten eine Gesamtspermienzahl unter 40 × 10^6 pro Ejakulat, in den Stadien III und IV war die Samenqualität jedoch signifikant geringer. Bei Hodentumor (n = 222) lagen die Mittelwerte im Normbereich nach WHO 1992, 35,5 % hatten eine verminderte Qualität. Die Autoren schließen, bei Hodgkin-Patienten sei die Samenqualität besser gewesen als bei Hodentumorpatienten, und beide Gruppen hätten besser abgeschnitten als in früheren Berichten.

Hallak et al. 2000 [s279] (Fall-Kontroll-Studie): 89 Männer mit Hodgkin-Krankheit, 18 mit Non-Hodgkin-Lymphom und 50 gesunde Spender. Die Samenmerkmale der Patienten waren vor dem Einfrieren und nach dem Auftauen signifikant niedriger als bei Spendern; zwischen den Krankheitsstadien bestand vor dem Einfrieren kein signifikanter Unterschied. Zahlenwerte nennt der Abstract nicht.

Sieniawski et al. 2008 [s256, s257] werteten Patienten der German Hodgkin Study Group aus. In der ersten Auswertung (Studien 1988 bis 2003) hatten vor der Behandlung 202 Patienten Befunde: 20 % Normozoospermie, 11 % Azoospermie, 69 % andere Dyspermie [s256]. In der zweiten Arbeit, die 38 Männer mit fortgeschrittenem Hodgkin-Lymphom aus randomisierten Studien betrifft, waren vor Behandlung 6 (23 %) normozoosperm und 20 (77 %) dysperm; der Abstract nennt die Basis der Vorbehandlungsanalyse nicht gesondert, aus den Prozentwerten ergibt sich eine Basis von 26 [s257]. Der niedrige Anteil von 20 % weicht stark von anderen Serien ab; ob Selektion oder methodische Unterschiede dafür verantwortlich sind, sagt der Abstract nicht. Die Befunde nach Therapie sind im Abschnitt zu Dosis und Reversibilität dargestellt.

van der Kaaij et al. 2009 [s251] (EORTC-GELA-Studien H6 bis H9, logistische Regression) hatten Daten zu 474 von 2.362 Männern (20 %) mit Hodgkin-Lymphom im Frühstadium. Die mediane Spermienkonzentration betrug 40 × 10^6/ml (Spanne 0 bis 345), die mediane Beweglichkeit 50 % (0 bis 90). Gute Qualität (Konzentration mindestens 20 × 10^6/ml und Beweglichkeit mindestens 50 %) hatten 41 %, intermediäre 49 %, schlechte 7 %; 3 % waren azoosperm. Alter und klinisches Stadium zeigten keinen Zusammenhang; B-Symptome und erhöhte Blutsenkung sagten dagegen eine schlechte Qualität voraus. Die Odds Ratios für schlechte Qualität lagen bei 2,77 für B-Symptome (95-%-Konfidenzintervall 1,50 bis 5,12), 2,35 für eine Blutsenkung von mindestens 50 mm/h (1,24 bis 4,43), 3,22 für Fieber (1,41 bis 7,33) und 3,78 für Nachtschweiß (1,97 bis 7,26). Das FSH vor Behandlung hing nicht zusammen. Die Autoren folgern, bei den meisten Patienten mit frühem Hodgkin-Lymphom reiche die Spermienqualität vor Behandlung für eine spätere Vaterschaft aus. Grenzen: nur 20 % der Teilnehmer hatten Daten, nur frühe Stadien.

Paoli et al. 2016 [s195] (retrospektiv mit Längsschnittteil, Human Reproduction) analysierten 519 Patienten (504 mit Spermien, 15 azoosperm), WHO-Kriterien 2010, ein Labor. 75 % der Hodgkin-Patienten waren vor Behandlung normozoosperm. Die Autoren schließen, das Hodgkin-Lymphom selbst sei nicht die Hauptursache der Beeinträchtigung. Grenzen: retrospektiv, unterschiedliche Nachbeobachtung in den Untergruppen.

Laddaga et al. 2022 [s96] (retrospektive Kohorte, 46 Männer, Behandlung 2008 bis 2016): Bei Diagnose waren die Spermienzahl in den Stadien III und IV, Beweglichkeit und Vitalität in den Stadien III und IV und bei B-Symptomen vermindert; abnorme Formen waren häufiger bei erhöhter Blutsenkung und niedrigem Albumin. Zahlenangaben nennt der Abstract nicht.

Drechsel et al. 2024 [s49] (EuroNet-PHL-C2, prospektive internationale Kohorte, 101 Jungen mit klassischem Hodgkin-Lymphom, davon 73 (post)pubertär): Von 48 (post)pubertären Jungen, die Samen abgaben, waren 19 (40 %) oligozoosperm und 4 (8 %) azoosperm. Eine niedrige Konzentration (unter 15 Mio/ml) kam bei Jungen mit B-Symptomen häufiger vor (76 % gegenüber 26 %; adjustierte Odds Ratio 2,3; 95-%-Konfidenzintervall 1,0 bis 3,8; p = 0,001). Zwei Jahre nach Diagnose lieferten 31 Jungen Proben: 12 (39 %) oligozoosperm, 4 (13 %) azoosperm. Die Autoren betonen, der Gesamtzustand der Erkrankung und das entzündliche Milieu könnten die Spermienqualität beeinträchtigen. Grenzen: begrenzte statistische Power bei der Spermienanalyse nach zwei Jahren.

Moskauer Kohorte, Vinokurov et al. 2011, 2012, 2013 [s238, s236, s225]. Diese drei Veröffentlichungen betreffen überlappende Patienten derselben Arbeitsgruppe und werden hier als eine Datenquelle behandelt. Eingeschlossen wurden Männer mit Hodgkin-Lymphom, die vor der Chemotherapie Sperma eingefroren hatten oder bei denen eine Vaterschaft nachgewiesen war. Ejakulatparameter vor der Therapie lagen nur für einen Teil vor. Der Anteil mit Spermatogenesestörung vor Therapie wird je nach Veröffentlichung unterschiedlich angegeben: 6 von 12 (50 %) in der BEACOPP-14-Teilkohorte der Arbeit von 2011 [s238], 10 von 21 (48 %) in der Gesamtkohorte von 2012 [s236] und 9 von 13 (69 %) in der BEACOPP-14-Gruppe der Arbeit von 2013 [s225] (63 Männer, davon 21 mit Vorbehandlungsparametern). Tabelle 3 der Arbeit von 2011 nennt für vor der Therapie untersuchte Männer eine mittlere Konzentration von 50,0 Mio/ml (Spanne 8,1 bis 100,0) und eine mittlere Beweglichkeit der Kategorie A von 27,8 % (3 bis 87) [s238]. Auch die Zahlen nach Therapie weichen zwischen den Fassungen ab (Azoospermie nach Therapie 42 % im Abstract von [s236], dagegen 23 von 63 oder 36,5 % bei Addition der Gruppen in [s225]). Die Zahlen werden nicht addiert oder umgerechnet. Grenzen laut den Recherchenberichten: Spermiogramme vor der Therapie nur bei 12 bis 21 Männern, nicht standardisierte Laborverfahren, Selektion, kein Kontrollkollektiv, kurze mediane Nachbeobachtung (10 Monate in der Arbeit von 2011).

Weitere Hodgkin-bezogene Arbeiten. Eine Fall-Kontroll-Studie mit Proteomik (Martins et al. 2020 [s137]) und die Chromatinuntersuchungen von O'Flaherty et al. [s255, s243, s234] sind im Kapitel zu den Mechanismen dargestellt. Eine Sekundärübersicht berichtet, in der Literatur sei bei 20 bis 70 % der Hodgkin-Patienten schon vor der Therapie Oligo-, Terato- oder Asthenozoospermie beschrieben worden, andere Studien hätten aber keinen Unterschied zu Gesunden gefunden [s158]; ein unsigniertes Kongressabstract nennt ohne Beleg 70 % [s211] (Beweiswert gering).

Einordnung. Für das Hodgkin-Lymphom ergibt sich kein einheitliches Bild. Mehrere unabhängige Studien beschreiben Zusammenhänge mit B-Symptomen, Fieber und Entzündungszeichen [s301, s251, s49, s96, s286]; einige finden keinen Zusammenhang mit dem Stadium [s278, s251], andere eine Verschlechterung in den Stadien III und IV [s286, s271, s96]. Aus China, Korea und Japan gibt es keine Studie, die Hodgkin-Lymphome allein untersucht; sie erscheinen nur als Untergruppen [s93, s200, s197].

Non-Hodgkin-Lymphome und gemischte Lymphomkohorten

Pallotti et al. 2021 [s120] (retrospektive monozentrische Kohorte, Human Reproduction) werteten 222 Männer mit Non-Hodgkin-Lymphom aus, die von 2002 bis 2017 vor jeder Behandlung Samen einlagerten (Ausschluss von Komorbiditäten mit Einfluss auf die Spermienparameter; mediane Nachbeobachtung 47,5 Monate). Mehr als 80 % waren vor Behandlung normozoosperm; 15,9 % hatten bereits ein Kind. Aggressive Lymphome gingen mit schlechterem Volumen und geringerer Gesamtspermienzahl einher als indolente (p < 0,05). Nach Standard-Erstlinientherapie kehrte die Gesamtspermienzahl nahezu zum Ausgangswert zurück (T0 195,0 ± 189,8 gegenüber T18 113,4 ± 103,1, p = 0,278; der Abstract nennt keine Einheit), bei 7,7 % Azoospermie nach zwei Jahren. Von 176 Patienten mit Fertilitätsdaten wünschten 22 (12,5 %) Kinder; 14 wurden Väter (12 natürlich, 2 per assistierter Reproduktion). Grenzen laut Autoren: keine Hormonwerte, unvollständige Nachuntersuchungen, wenige Patienten mit aktivem Kinderwunsch.

Naccache et al. 1996 [s288] (Institut Gustave-Roussy, französischsprachig, 213 Männer mit Non-Hodgkin-Lymphom, behandelt 1980 bis 1993): Ein Ausgangsspermiogramm samt Kryokonservierung gab es nur bei 24 Patienten; 11 waren normal, 13 auffällig. Zwischen dem Zustand vor der Therapie und der Qualität der Probe fand sich kein Zusammenhang. Die starke Selektion (24 von 213) und das Alter der Daten schränken die Aussagekraft ein.

Farnetani et al. 2024 [s51] (prospektive Kohorte mit Kontrollen, Human Reproduction): 53 Männer mit Hodgkin- und 25 mit Non-Hodgkin-Lymphom (Rekrutierung 2012 bis 2022), 79 gesunde fertile Kontrollen; Spermien-DNA-Fragmentierung (TUNEL) an frischen Proben. Vor Behandlung war die mediane Fragmentierung bei Patienten höher als bei Kontrollen, signifikant in der Non-Hodgkin-Gruppe (40,5 % [Interquartilsabstand 31,3 bis 52,6] gegenüber 28 % [22 bis 38], p < 0,05). Bei Hodgkin-Patienten blieben die Mediane über drei Zeitpunkte ähnlich; bei Non-Hodgkin war sie drei Jahre nach Behandlung signifikant niedriger (29,2 % gegenüber 40,5 %, p < 0,05). Der Anteil mit schwerem Schaden zwei Jahre nach Behandlung lag bei 11,6 % (Hodgkin) und 13,3 % (Non-Hodgkin). Grenzen laut Autoren: stark oligozoosperme Männer ausgeschlossen, kleine Zahl gepaarter Proben.

Bujan et al. 2014 [s204] (CECOS, prospektive multizentrische Längsschnittstudie): 75 Hodgkin- und Non-Hodgkin-Patienten und 257 fertile Kontrollmänner. Schon vor der Lymphombehandlung waren die Spermienmerkmale verändert, ohne identifizierten Risikofaktor; gegenüber Kontrollen zeigten die Patienten schon vor Behandlung mehr Chromatinveränderungen und DNA-Fragmentierung. Die Verlaufsdaten stehen im Abschnitt zur Reversibilität.

de Luyk et al. 2012 [s228] (Samenbank Pordenone; retrospektiv 28, prospektiv 61 Patienten mit Hodgkin-Lymphom, Non-Hodgkin-Lymphom oder Leukämie): Im prospektiven Teil war die Samenqualität vor Behandlung bei den meisten Proben schlecht; Normozoospermie bestand bei 14 % der Hodgkin- und 25 % der Non-Hodgkin-Patienten. Die Autoren halten die Vorbehandlungsqualität dennoch für ausreichend zur Kryokonservierung. Grenzen: sehr kleine Gruppen, Mischung von Leukämie und Lymphom.

Smit et al. 2010 [s245] (prospektive Kohorte, 127 Patienten, DNA-Fragmentierungsindex) fanden bei Hodentumor, Hodgkin-Lymphom und gemischten Malignomen vor Behandlung keinen signifikanten Unterschied zu bewiesen fertilen Kontrollen, bei Non-Hodgkin-Patienten dagegen einen erhöhten Index. Ståhl et al. 2009 [s250] (kryokonservierter Samen von 121 Krebspatienten, vorwiegend Keimzelltumor und Hodgkin-Lymphom; 137 fertile Kontrollen) berichteten vor Behandlung einen höheren Index bei Keimzelltumoren (n = 84) und Hodgkin-Lymphom (n = 18) gegenüber Kontrollen (n = 143) mit mittleren Differenzen von 7,7 (95-%-Konfidenzintervall 3,2 bis 8,8) beziehungsweise 7,0 (2 bis 12) Prozentpunkten; bei anderen Diagnosen war der Unterschied nicht signifikant (3,6; −1,2 bis 8,4). Der Punktschätzer 7,7 liegt nahe der Obergrenze des genannten Intervalls; die Angabe wurde am Abstract überprüft und wird wörtlich wiedergegeben. Nach Behandlung war kein Anstieg des Index festzustellen.

Di Bisceglie et al. 2013 [s220] (261 Männer mit Hodentumor, 219 mit lymphoproliferativen Erkrankungen): Zum Zeitpunkt der Samenentnahme waren FSH-Werte und Spermienkonzentration bei Hodentumor stärker beeinträchtigt als bei Lymphomen. Absolute Ausgangswerte nennt der Abstract nicht.

Molnár et al. 2014 [s209] (ungarisch, Spermiogramme vor Kryokonservierung bei 68 Männern mit Hodentumor, 37 mit Hodgkin- und 14 mit Non-Hodgkin-Lymphom): Azoospermie bei 11,8 % und Oligozoospermie bei 58,8 % aller 119 Patienten schon vor Behandlung. Die Konzentration bei Hodentumor sei signifikant niedriger als bei Lymphomen, angegeben als „32,8 gegenüber 24,9 Mio/ml; p = 0,03“. Die Richtung der Mittelwerte widerspricht dieser Aussage; der Abstract wurde bei PubMed erneut abgerufen und enthält den Widerspruch tatsächlich, er wird hier nicht aufgelöst. Zwischen Hodgkin und Non-Hodgkin bestand kein Unterschied.

Der Konsensus FIL/SIRU 2023 [s82] steht im Abschnitt Leitlinien, die Verlaufsdaten nach Therapie stehen im Kapitelteil zur Reversibilität.

Leukämien

Zu Leukämien liegen deutlich weniger prätherapeutische Samendaten vor als zu Hodgkin-Lymphom und Hodentumor. Aus den russischen, türkischen und arabischen Sprachräumen gibt es keine einzige Studie, die Ejakulatparameter bei Leukämie vor Therapie berichtet.

Hallak et al. 1999 [s280] (Fall-Kontroll-Studie, Cancer): 25 Männer mit akuter (n = 13) oder chronischer (n = 12) Leukämie, die vor Chemotherapie Samen einlagerten, gegen 50 gesunde Spender. Die Gesamtzahl beweglicher Spermien war vor dem Einfrieren und nach dem Auftauen signifikant niedriger (p = 0,0001), ebenso Beweglichkeit (p < 0,05) und Geschwindigkeit der Kurvenbewegung (p < 0,05). Die prozentuale Veränderung vom Einfrieren zum Auftauen war bei Patienten stärker (p < 0,05). Der Leukämietyp beeinflusste die Qualität nicht. Die Autoren halten die Menge nach dem Auftauen für ICSI ausreichend.

Buonacquisto et al. 2025 [s23] (retrospektiv, akute Leukämie; Fallzahl im Abstract nicht genannt): Die medianen Samenmerkmale lagen vor Behandlung oberhalb der 25. Perzentile (Bezugswerte im Abstract nicht spezifiziert); nach Therapie stieg der Azoospermieanteil nach einem Jahr; vier Patienten wurden Väter über mindestens einen Zyklus assistierter Reproduktion.

Cariati et al. 2025 [s24] (retrospektiv, 247 Patienten mit hämatologischer Neoplasie, davon 158 Hodgkin, 54 Non-Hodgkin, 35 Leukämie; 63 Männer ohne Krebs als Kontrollen): Nach WHO 2021 lagen die Parameter der Patienten bei der 25. Perzentile, die Beweglichkeit unter der 5. Perzentile. Unterschiede zur Kontrolle: Konzentration p = 0,0004, Gesamtzahl p = 0,0003, Gesamtbeweglichkeit p < 0,0001. Die Gesamtbeweglichkeit war in allen Untergruppen vermindert (Hodgkin p = 0,001; Non-Hodgkin p = 0,004; Leukämie p < 0,001), am stärksten bei Leukämie. Kontrollen stammen aus einem Kinderwunschkollektiv.

Reschini et al. 2025 [s35] (464 Patienten mit hämatologischer Krebserkrankung, Einlagerung 1987 bis 2018, Überleben mindestens fünf Jahre): Von 255 Überlebenden mit Samenanalyse nach Behandlung waren 37 % azoosperm; schwere oder sehr schwere Spermatogenesestörungen waren bei Leukämien häufiger als bei Lymphomen. Rund die Hälfte der Überlebenden (n = 200) suchte Vaterschaft; 73 erreichten eine natürliche Lebendgeburt, insgesamt hatten 120 von 200 Männern (60 %; 95-%-Konfidenzintervall 53 bis 67) eine Lebendgeburt. Überlebensselektion ist zu beachten.

Die großen gemischten Serien zeigen für Leukämie überwiegend die ungünstigsten Werte: In der größten Serie des Pariser CECOS (4.480 Patienten) waren nur 37 % der Leukämiepatienten normozoosperm, und die mediane Gesamtspermienzahl war bei Leukämie und Hodentumor viermal niedriger als bei Kontrollen [s189]. In einer Kohorte aus Chengdu hatten Leukämiepatienten die schlechteste Probenqualität und mit 46,2 % den höchsten Anteil von Patienten, bei denen keine Spermien eingefroren werden konnten (Leukämie n = 18) [s116]. In einer landesweiten Erhebung in Japan lag der Erfolg der Kryokonservierung bei hämatologischen Neoplasien mit 82,5 % signifikant niedriger als bei Hodentumor (93,6 %) und anderen Tumoren (95,6 %; p < 0,05) [s169]. In einer anderen japanischen Serie war die Samenqualität bei vor Therapiebeginn eingefrorenen hämatologischen Patienten dagegen fast durchweg normal (38 Patienten) [s253]. Ein Teil der Unterschiede zwischen den Kohorten dürfte vom Zeitpunkt der Probengewinnung abhängen (siehe unten, vorbehandelte Patienten).

Hodentumoren

Beim Hodentumor ist die Datenlage umfangreich und weitgehend einheitlich in der Richtung (eingeschränkte Spermatogenese schon vor Behandlung), uneinheitlich bei der Frage Seminom gegenüber Nicht-Seminom und bei der Wirkung der Orchiektomie.

Djaladat et al. 2014 [s206] (systematische Übersicht mit Qualitätsbewertung; vier Datenbanken, 701 Zitate, sechs Arbeiten eingeschlossen): Alle sechs Studien zeigten Samenabnormitäten (Zahl, Beweglichkeit, Morphologie) bei Männern mit Hodentumor vor der Orchiektomie. Gepoolte Effektschätzer nennt der Abstract nicht. Xavier et al. 2021 [s127] (nicht systematische Übersicht, nur englischsprachige PubMed-Artikel) berichten, beide Subtypen der Keimzelltumoren verschlechterten die Samenqualität und der Effekt erscheine bei Nicht-Seminomen ausgeprägter. Kaltsas et al. 2026 [s13] (narrative Übersicht) fassen zusammen, Studien vor der Orchiektomie zeigten allgemein reduzierte Konzentration, Gesamtzahl und Progressivmotilität sowie gestörte Sertoli- und Leydig-Zell-Funktion; tumorbedingtes hCG könne eine verminderte Leydig-Reserve maskieren.

Rives et al. 2012 [s235] (französisches CECOS-Netz, 1.158 Männer, 11 Laboratorien, 1999 bis 2003): Reine Seminome 48 %, Diagnose meist im Stadium I. Konzentration und Gesamtzahl waren vor der Orchiektomie bei Seminomen signifikant niedriger als bei Nicht-Seminomen (p < 0,001); nach der Orchiektomie nahmen diese Parameter bei Nicht-Seminomen ab, bei Seminomen nicht. Stärker beeinträchtigt waren die Parameter bei Stadium III, bei Kryptorchismus in der Vorgeschichte und bei Alter unter 20 Jahren; Azoospermie war vor der Orchiektomie häufiger als danach. Die Autoren folgern, die Einlagerung solle vorzugsweise vor der Orchiektomie stattfinden, und Seminome beeinträchtigten die Spermienproduktion offenbar bevorzugt im tumortragenden Hoden. Dieser Befund steht im Gegensatz zu [s271] und [s266], wo Seminompatienten bessere Werte hatten.

Gandini et al. 2003 [s271] (siehe oben): bei Hodentumor 35,5 % mit verminderter Qualität; Seminome hatten bessere Parameter als die übrigen Histologien; zwischen Patienten mit pathologischem (über 5 mIU/ml) und normalem beta-hCG zeigte sich ein signifikanter Unterschied in allen Samenvariablen. Vicari et al. 2005 [s266] (italienisch, 24 Männer nach Orchiektomie und vor Therapie, 10 Seminome, 14 Nicht-Seminome): Seminompatienten hatten signifikant höhere Konzentration, Gesamtzahl und Vorwärtsbeweglichkeit. Fünf von 24 (20,8 %) waren azoosperm, 10 (41,7 %) hatten ein oligo-, astheno- oder teratozoospermes Muster, 9 (37,5 %) waren normal. Das Volumen des verbleibenden Hodens war bei 4 von 5 azoospermen Patienten und 7 von 10 oligoasthenoteratozoospermen vermindert (unter 12 ml), bei normozoospermen nie; die Biopsie bei fünf Azoospermen zeigte Sertoli-Zell-Syndrom bei vier und Reifungsstopp bei einem. Die Autoren deuten dies als zufällige kontralaterale primäre Hodenerkrankung.

Tovar-Rodríguez et al. 2014 [s213] (Mexiko, spanischsprachig, 37 Keimzelltumoren und 35 Kontrollen): Bei Nicht-Seminomen waren LH, FSH und Testosteron niedriger, Estradiol und Prolaktin höher als bei Seminomen. In der Nicht-Seminom-Gruppe hatten 5 Oligozoospermie, 3 Azoospermie, 6 normale Konzentration, 8 gaben keine Probe ab; bei Seminomen war nur einer azoosperm, 9 hatten normale Konzentration, 5 gaben keine Probe ab. Die Autoren folgern, die Beeinträchtigung der Fertilität sei bei Nicht-Seminomen größer.

MacKenna et al. 2017 [s181] (Chile, 589 Proben von 543 Patienten, 1995 bis 2015): Hypospermie in 28,7 % der Proben, mediane Konzentration 18 Mio/ml, 35 % Oligozoospermie, 22 Patienten (4,1 %) azoosperm, 261 Proben (44,3 %) in allen Parametern normal nach WHO 2010. Die Gesamtzahl beweglicher Spermien betrug vor dem Einfrieren 12 (0 bis 412,2) und nach dem Auftauen 7 (0 bis 303,9) Mio, eine Verminderung um 32 % (p < 0,00001). Nur zwölf Patienten (2,2 %) nutzten ihren Samen.

Badia et al. 2023 [s74] (38 Patienten, Kryokonservierung vor Orchiektomie, 2006 bis 2018): Vier (11 %) azoosperm; kein signifikanter Unterschied zwischen Stadium I und II/III oder Seminom und Nicht-Seminom; nach WHO 2010 hatten 7 (18 %) abnormes Volumen, 18 (47 %) abnorme Gesamtspermienzahl und 9 (24 %) abnorme Beweglichkeit. Nur Proben vor der Orchiektomie, aber nur 38 Patienten.

Buonacquisto et al. 2026 [s04] (Samenqualität vor und nach Orchiektomie, Fallzahl im Abstract nicht genannt): Proben nach der Orchiektomie zeigten einen signifikanten Rückgang von Gesamtspermienzahl und Progressivmotilität und mehr morphologische Auffälligkeiten; zugleich sank die Spermien-DNA-Fragmentierung nach der Operation signifikant, was die Autoren als verbesserte Chromatinintegrität nach Tumorentfernung deuten. Erhöhtes präoperatives FSH und höherer BMI waren Risikofaktoren für postoperative Oligozoospermie. Die Autoren halten die Probe nach der Orchiektomie wegen besserer DNA-Integrität möglicherweise für besser geeignet für assistierte Reproduktion. Das steht in Spannung zu [s235].

Weitere Hodentumor-Serien. Fosså et al. 1989 [s296]: 147 Patienten; Kryokonservierung war bei 38 von 91 Wunschpatienten wegen schlechter Parameter unmöglich, und die Fertilität nach der Behandlung war bei Patienten mit und ohne Kryokonservierung in gleichem Maß zu beobachten; die Autoren halten die klinische Bedeutung für zweifelhaft. Bussen et al. 2004 [s267]: Bei 16 Hodentumorpatienten fand sich keine Normozoospermie, bei fünf von 21 Patienten mit anderen Malignomen (p = 0,047); Konzentration 18,7 ± 22,3 gegenüber 35,6 ± 31,3 × 10^6/ml (p = 0,03). Hotaling et al. 2013 [s222] fanden bei Hodentumor als einziger Krebsgruppe eine signifikant geringere Chance auf mehr als 5 × 10^6 bewegliche Spermien nach dem Auftauen. Záková et al. 2014 [s215]: Samen von 523 Männern mit Hodentumor (die Angaben im Abstract sind uneinheitlich, 523 gegenüber 532 Patienten, und werden hier wörtlich übernommen); 34 (6,5 %) nutzten den Samen, 16 Schwangerschaften bei 46 Zyklen (34,8 %). Hagiuda et al. 2021 [s113]: Von 9 Hodentumorpatienten mit früherem Kryptorchismus hatten 5 eine Azoospermie. Culpan et al. 2024 [s48] (Istanbul, 454 Orchiektomiepräparate): Im nicht tumorösen Hodengewebe fand sich bei 22,5 % normale Spermatogenese, bei 39,0 % Hypospermatogenese und bei 38,5 % keine reifen Spermien; Hypospermatogenese und fehlende reife Spermien waren mit metastasiertem Nicht-Seminom verbunden (Effektmaß 2,796; 95-%-Konfidenzintervall 1,251 bis 6,250 beziehungsweise 3,907; 1,692 bis 9,021; im Abstract ohne Bezeichnung, vermutlich Odds Ratios). Topuz et al. 2021 [s125] (Ankara, 53 Männer, Spermiogramm vor Orchiektomie bei 29): mittlere Konzentration 24,21 × 10^6/ml; die Beweglichkeitskategorien sind wörtlich als 0,79 %, 39,10 %, 9,83 % und 22,69 % (Kategorien A bis D) angegeben; sie summieren sich nicht auf 100 %, und der Wert für Kategorie A ist ungewöhnlich niedrig. Tangal und Yığman 2021 [s123]: Unter 954 Männern in der Kinderwunschabklärung fanden sich fünf Hodentumoren (alle Seminome), drei mit Oligospermie, zwei mit Azoospermie.

Pong et al. 2016 [s196] (Taiwan, 50 Männer): Die Kryokonservierung gelang in 52 %. Alpha-Fetoprotein (4113,1 gegenüber 81,2 ng/ml) und Tumorvolumen (77,7 gegenüber 25,5 ml) waren in der Misserfolgsgruppe höher; Seminome hatten eine höhere Konzentration als Nicht-Seminome (21,5 gegenüber 11,8 Mio/ml; p < 0,027). Hamano et al. 2018 [s163]: Den WHO-Grenzwert für die Konzentration erreichten 41 % der Hodentumor- und 66 % der Nicht-Hodentumor-Patienten; Seminom und Nicht-Seminom unterschieden sich nicht.

Deutschsprachige Arbeiten. Aus dem deutschsprachigen Raum stammen ausschließlich ältere Berichte zur Zeit vor der ICSI: Höppner et al. 1986 [s300] (29 Patienten mit Hodentumor; nach den damaligen Annahmekriterien von mehr als 10 Mio/ml und mehr als 30 % Beweglichkeit erfüllten 17 von 29 die Bedingungen für das Einfrieren; bei 19 war vor und nach der Orchiektomie kein offensichtlicher Unterschied), Barth und Schönfelder 1988 [s298] (83 Patienten; Einschränkungen der Fertilität deutlicher bei Gonadentumoren als bei extragonadalen Tumoren), Schubert et al. 1989 [s297] (bei 70 % von 30 Patienten abnormes Spermiogramm; nach retroperitonealer Lymphknotenausräumung bei 71 % von 45 vollständiger oder teilweiser Ejakulationsverlust; unter den genannten Kriterien seien nur 25 % der Hodentumorpatienten für eine langfristige Konservierung geeignet), Kolodziej et al. 1990 [s295] (93 Samendepots, nur 20 % der Ejakulate normozoosperm und mit Beweglichkeit nach dem Auftauen über 20 %), Holland-Moritz und Krause 1990 [s294] (20 von 47 Männern innerhalb von zwei Jahren nicht mehr an der Lagerung interessiert; keine der 27 verbleibenden Proben bis dahin genutzt), Hänggi et al. 1992 [s292] und Köhn und Schill 1988 [s299]. Neuere deutsche Beiträge betreffen die Nutzung und nicht die Ausgangsqualität (Menzel et al. 2024 [s61]; Fernández-González et al. 2023 und 2024 [s80, s53]).

Gemischte Krebskollektive und andere Tumorarten

Der größte Teil der Literatur zur Spermienqualität vor Behandlung stammt aus Auswertungen von Samenbanken mit gemischten Diagnosen. Das ist zugleich Stärke (große Zahlen, einheitliche Laborverfahren) und Schwäche (Selektion; meist keine Kontrolle für Fieber, Abstinenzzeit oder Zeitpunkt zur Orchiektomie).

Studien mit Vergleichsgruppen. Auger et al. 2016 [s189] (Pariser CECOS, ein Labor, 4.480 Patienten: Hodenkeimzelltumor 2.315, Hodgkin 1.175, Non-Hodgkin 439, Leukämie 360, Sarkom 208, Hirntumor 40, Morbus Behçet 68, Multiple Sklerose 73; Vergleich mit 1.448 fertilen Spenderkandidaten und 208 Partnern Schwangerer): Nur 37 % der Leukämiepatienten und weniger als 60 % bei Keimzelltumor, Non-Hodgkin, Sarkom und Hirntumor waren normozoosperm. Die mediane Gesamtspermienzahl war bei Hodentumor und Leukämie viermal niedriger (p < 0,01 gegenüber beiden Kontrollgruppen); der geringste Anteil progressiv beweglicher Spermien fand sich bei Leukämie und Hirntumor, der Anteil morphologisch normaler Spermien war bei Patienten vermindert, besonders bei Hirntumor. Nach dem Auftauen war die Progressivmotilität etwa halb so hoch wie bei Spenderkandidaten; bei fast der Hälfte der Proben von Patienten mit Hodentumor oder Leukämie lag die Zahl beweglicher Spermien je Pailette unter 0,5 × 10^6, gegenüber 4,3 × 10^6 bei Spenderkandidaten. Die Autoren schließen, für die Mehrzahl der Patienten wäre ICSI nötig.

Fan et al. 2022 [s93] (Guangdong, Propensity-Score-Matching, 445 Patienten gegen 9.170 Spender, 413 Patienten mit 798 Spendern gematcht): Bösartige Neubildungen waren mit folgenden Verminderungen verbunden: Volumen 0,3 ml, Konzentration 17,1 × 10^6/ml, Gesamtzahl 67,6 × 10^6, Gesamtbeweglichkeit 9,8 %, Progressivmotilität 10,2 %, Normalformen 6,4 %. Hodentumor, Nasopharynx- und Verdauungstumoren, Hodgkin, Non-Hodgkin und Leukämie waren signifikant mit verminderter Beweglichkeit und Normalformen assoziiert; Hodentumor, Hodgkin und Leukämie zusätzlich mit verminderter Konzentration oder Gesamtzahl. Die Verminderung war bei unter 30-Jährigen größer. Spender sind eine ausgewählte, besonders fertile Gruppe, was Unterschiede vergrößern kann; Konfidenzintervalle nennt der Abstract nicht.

Shrem et al. 2022 [s102] (313 Krebspatienten vor gonadotoxischer Behandlung gegen Männer einer Fertilitätsabklärung mit Werten oberhalb der WHO-2010-Untergrenze und gegen fertile Männer aus dem Datensatz des WHO-Handbuchs): Gegenüber der Abklärungsgruppe war die Konzentration um 65,6 % niedriger, das Volumen um 12,1 %, die Gesamtzahl um 72,7 %, die Gesamtbeweglichkeit um 33,0 % und die Progressivbeweglichkeit um 24,7 %. Das stärkste Defizit bei Beweglichkeit und Konzentration zeigte sich bei Keimzelltumoren, das geringste bei hämatologischen Tumoren. Gegenüber fertilen Männern waren alle Parameter signifikant niedriger (p < 0,0001). Die Mediane lagen bei den meisten Parametern noch im WHO-Normbereich, die fünfte Perzentile entspreche jedoch Männern mit verlängerter Zeit bis zur Schwangerschaft.

Song et al. 2023 [s84] (Seoul, prospektiv, 65 Krebspatienten gegen 67 Kontrollen mit Kryokonservierung für assistierte Reproduktion; Volltext): Konzentration 67,76 ± 59,50 gegenüber 95,52 ± 69,61 Mio/ml (p = 0,015), Gesamtbeweglichkeit 35,84 ± 11,13 gegenüber 41,58 ± 11,61 % (p = 0,004), Progressivbeweglichkeit 32,06 ± 11,63 gegenüber 38,33 ± 11,82 % (p = 0,003), DNA-Fragmentierungsindex 24,32 ± 15,69 gegenüber 19,11 ± 11,63 % (p = 0,033). Nach Ausschluss von 8 Patienten mit Chemotherapie vor dem Einfrieren blieben die drei Spermienparameter signifikant niedriger, der Index aber nicht (23,14 ± 12,79 gegenüber 19,11 ± 11,63 %; p = 0,069). Nach Tumorart hatte Hodenkrebs die niedrigste mittlere Konzentration (33,14 ± 24,88 Mio/ml); zwischen den Untergruppen fanden sich keine signifikanten Unterschiede im Index. Grenzen: Untergruppen mit 7 bis 17 Patienten; Kontrollen sind keine Gesunden, sondern Männer, die für assistierte Reproduktion einfroren (Altersunterschied von etwa vier Jahren).

Tang et al. 2022 [s104] (Peking, 351 Krebspatienten und 311 Männer ohne Krebs, die aus anderen Gründen einfroren): Die Krebsgruppe hatte niedrigere Konzentration, geringeren Anteil progressiver Spermien nach dem Auftautest, geringere Gesamtzahl progressiv beweglicher Spermien und geringere Wiedergewinnungsrate (alle p < 0,05). Zahlenbezogene Parameter waren vor allem bei Hodentumor, bewegungsbezogene vor allem bei Leukämie verändert. Zhou et al. 2019 [s157] (Peking, 251 Männer, davon 140 mit Krebs): Krebspatienten hatten gegenüber Männern ohne Krebs niedrigere mittlere Konzentration (60,53 gegenüber 90,45 Mio/ml; p < 0,05), Gesamtzahl (175,8 gegenüber 311,3 Mio.), Progressivmotilität (43,55 gegenüber 49,21 %) und Wiederfindungsrate (52,17 gegenüber 68,13 %); bei Hodentumoren waren Konzentration und Gesamtzahl signifikant niedriger. Die Abstract-Angabe zu Blutkrebs (22,31 %, n = 66) passt rechnerisch nicht zusammen und wird nur als gedruckt wiedergegeben. Caponecchia et al. 2016 [s190] (236 Krebspatienten, 102 fertile Männer): Die medianen Basiswerte lagen insgesamt oberhalb der 5. Perzentile der WHO-Referenz; bei Hodentumoren und Hodgkin-Lymphom war die Konzentration statistisch niedriger als bei Fertilen, bei anderen Krebsarten nicht; keine Korrelation mit dem Stadium. Agarwal et al. 1996 [s283] (30 Gesunde, 34 Hodentumor, 39 Hodgkin, 19 Leukämie oder Lymphom): Beweglichkeit, Bewegungsindex und Gesamtzahl beweglicher Spermien waren vor dem Einfrieren und nach dem Auftauen bei Patienten signifikant niedriger (p < 0,01); zwischen den Patientengruppen bestanden keine signifikanten Unterschiede. Agarwal 2000 [s276] (Erfahrungsübersicht der Cleveland Clinic): Die Samenqualität war bei Krebspatienten vor Behandlung schlechter als bei Spendern; der prozentuale Rückgang durch die Kryokonservierung war ähnlich wie bei gesunden Spendern; das Stadium bei Hodentumor und Hodgkin-Krankheit hatte keinen Bezug zur Samenqualität (Zahlen nennt der Abstract nicht).

Auswertungen nach Krebsart ohne gesunde Kontrolle. Hotaling et al. 2013 [s222] (1.010 Proben): Die Gruppe ohne Krebs hatte die beste Qualität; unter den Krebsgruppen die beste bei Prostatakrebs (Gesamtzahl beweglicher Spermien 155,1 vor dem Einfrieren und 53,2 × 10^6 nach dem Auftauen), die schlechteste bei Leukämien (lymphatische 26,8 × 10^6 im Rohzustand, myeloische 6,9 × 10^6 nach dem Auftauen). Williams et al. 2009 [s252] (Houston, 717 Proben aus 409 Akten): Bei Hodentumor lagen Dichte und Beweglichkeit im mittleren Bereich, bei allen anderen Malignomen die Dichte im fertilen und die Beweglichkeit im mittleren Bereich; es waren nur 409 von 1.409 Akten verfügbar. Pening et al. 2022 [s98] (Brüssel, 111 hämatologische, 104 Hoden-, 19 Prostata-, 28 gastrointestinale und 16 neurologische Tumoren): Oligoasthenozoospermie in 30 % der Proben, davon 19,33 % schwere Oligozoospermie; bei Hodentumor war die Konzentration signifikant vermindert (p < 0,01). Freour et al. 2012 [s229] (Nantes, 1.042 Männer) und Bizet et al. 2012 [s227] (Marseille, 1.080 überwiesene Patienten; Konzentration bei Hodentumor signifikant niedriger als bei den übrigen): Spermienmerkmale und Empfindlichkeit gegenüber dem Einfrieren hingen von der Krebsart ab. Ordoqui et al. 2018 [s165] (Uruguay, 113 onkologische Proben): Die Progressivmotilität bei Frischproben war niedriger als bei der Vergleichsgruppe für assistierte Reproduktion (47 % gegenüber 56 %); die Autoren nennen die Parameter der Krebsgruppe überraschend fast normal. Kobayashi et al. 2017 [s179] (Tokio, 122 Männer): mittlere Konzentration 30,5 (Hoden), 45,0 (hämatologisch), 40,5 (Verdauungstrakt) und 68,4 Mio/ml (andere), mittlere Beweglichkeit 59,6 %, 50,1 %, 43,0 % und 44,8 %. Negoro et al. 2018 [s164] (Kyoto): Konzentration 32,6 (Keimzelltumor) gegenüber 46,1 Mio/ml (hämatologisch; p < 0,05). Ku et al. 2015 [s200] (Pusan, 66 Patienten ohne Vorbehandlung): signifikante Unterschiede in Konzentration und Vitalität zwischen den Krebsarten, nicht aber in Volumen, Beweglichkeit und Morphologie; die mittlere Beweglichkeit war bei Non-Hodgkin-Lymphom (28,4 ± 19,4 %) und Leukämie (28,7 ± 15,4 %) am niedrigsten; die Hodgkin-Gruppe umfasste nur 5 Patienten. Wang et al. 2023 [s87] (Guangdong, 1.034 Patienten, Volltext): Patienten mit Tumoren des Fortpflanzungssystems (99,0 % Hodentumoren) hatten eine mediane Konzentration von 21,0 gegenüber 56,0 Mio/ml bei den übrigen (p < 0,001); mindestens 15 Mio/ml erreichten 59,9 % gegenüber 85,8 %. Liu et al. 2021 [s116] (Chengdu, 339 Männer): mediane Konzentration vor dem Einfrieren bei Keimzelltumoren 26, hämatologisch 41, Kopf-Hals 64 Mio/ml (p = 0,0015); Hodentumor 30, Leukämie 18,5 und Lymphom 48 Mio/ml (p = 0,0020). Liu et al. 2021 [s115]: Hoden- und extragonadale Keimzelltumoren unterschieden sich nicht. Song et al. 2019 [s152] (Seoul, 721 Patienten): mittlere Konzentration 66,7 ± 66,3 × 10^6/ml. Takeshima et al. 2019 [s155] (Yokohama, 235 Männer): Die Spermiendichte war bei bereits Behandelten signifikant niedriger als bei Unbehandelten (p = 0,003). Liu et al. 2025 [s29] (Nasopharynxkarzinom, Sichuan): Vor Behandlung waren 79,4 % normozoosperm, die Gesamtspermienzahl war gegenüber gesunden Kontrollen niedriger.

Sarkome, Hirntumoren und weitere Entitäten. Für diese Gruppen gibt es keine großen Einzelserien. Takeshima et al. 2023 [s85] (34 Männer mit Knochen- und Weichteiltumoren): Medianwerte vor Behandlung Volumen 2,5 ml, Konzentration 32,6 Mio/ml, Beweglichkeit 38,5 %. Fu et al. 2019 [s145] (145 Patienten): Sarkompatienten hatten die niedrigste Progressivmotilität (Zahl nicht angegeben). Hoshi et al. 2014 [s207] (14 Patienten mit Knochen- und Weichteiltumoren): 4 wählten die Spermakryokonservierung. Eine systematische Übersicht von 2026 zu nicht-Brust-soliden Tumoren (Magen-Darm, Sarkom, Lunge, Melanom) fand 102 Studien (33 Fallberichte oder Fallserien, 69 analytische Studien) und beschreibt sie als in Design, Behandlung und Ergebnisgrößen stark uneinheitlich [s19]; Li et al. 2024 [s58] weisen darauf hin, dass die meisten Studien nicht zwischen Tumorarten unterschieden. Zu Hirntumoren liegt eine russische Übersicht ohne Primärdaten vor [s144]. Zu Blasenkrebs unter intravesikaler BCG-Therapie sank nach der Behandlung die Spermienqualität bei 23 Männern (Ausgangs- und Folgewerte nicht im Abstract) [s36]. Zur Frage, wie Immuntherapien die männliche Fertilität beeinflussen, ist nach einer bibliometrischen Analyse weitere Klärung nötig [s54].

Kinder und Jugendliche

DiNofia et al. 2017 [s176] (Philadelphia): Von 399 angesprochenen pubertären Patienten versuchten 339 (85 %) die Einlagerung, 265 (78 %) erfolgreich. Eine Vorbehandlung beeinträchtigte die erfolgreiche Abgabe signifikant (p < 0,01): Nur 16,9 % der unbehandelten, aber 84,0 % der behandelten Patienten waren azoosperm. Daudin et al. 2015 [s199] (CECOS, 4.345 Jungen und junge Männer von 11 bis 20 Jahren, 23 Zentren, 34 Jahre): 4.314 versuchten eine Probe, 4.004 gelang sie, bei 3.616 wurde Samen eingelagert; mittlere Gesamtspermienzahl 61,75 × 10^6 (11 bis 14 Jahre) beziehungsweise 138,81 × 10^6 (18 bis 20 Jahre). Bahadur et al. 2002 [s274] (238 Jugendliche, Einlagerung bei 205): Mittlere Spermienzahlen waren über Krankheits- und Altersgruppen ähnlich, außer bei akuter myeloischer Leukämie. Keene et al. 2012 [s230] (180 Patienten, mittleres Alter 16,1 Jahre): 119 (66 %) lagerten erfolgreich ein; von den Erschienenen konnten 15 (10 %) keine Probe abgeben und 20 (13 %) waren azoosperm. Liu et al. 2024 [s59] (275 Jugendliche aus 16 Samenbanken): 90,5 % hatten Spermien im Ejakulat, bei 244 (88,7 %) gelang die Einlagerung. Park et al. 2025 [s33] (298 Patienten von 11 bis 25 Jahren): 72,1 % versuchten die Einlagerung; jüngeres Alter sagte den Verzicht voraus (adjustierte Odds Ratio 5,059; p = 0,001), der Erfolg bei Versuch hing nicht vom Alter ab. Fernández-González et al. 2024 [s53] (Berlin, 601 Proben von 506 Patienten): 77 % vor Behandlung; bei Jugendlichen mit Hodentumor oder hämatologischen Malignomen war die Samenqualität bereits vermindert. Drechsel et al. 2024 [s49] siehe oben. Weitere Übersichten betreffen präpubertäre Jungen, bei denen Samenbanking nicht möglich ist [s138, s247, s63]. Yildirim et al. 2024 [s66] berichten für 17 türkische Jugendliche nach Einführung der Kostenübernahme keine Ablehnung; 11 konnten eine Probe abgeben. Eine französische Hochschulschrift (56 Patienten nach pädiatrischer Krebserkrankung, Befunde nach der Behandlung) fand 78,5 % mit deutlich verminderter Spermienzahl und 48 % nicht obstruktive Azoospermie [s43].

Alle Kapitel und Anhänge (26)
  1. Das Wichtigste in Kürze
  2. Aufbau und Methodik dieser Studie
  3. Hintergrund
  4. Studienlage: Metaanalysen und Übersichten
  5. Hodgkin-Lymphom bis Leukämien und hämatologische Neoplasien
  6. Hodentumoren
  7. Mischkollektive mit Vergleichsgruppen
  8. Samenbankserien ohne Kontrollgruppe und Kinder und Jugendliche
  9. Überlebende nach Behandlung: Befunde zur Abgrenzung bis Einordnung der Beobachtungsstudien
  10. Vorbemerkung zur Evidenzbasis bis Kinder und Jugendliche
  11. Metaanalysen und systematische Übersichten bis Tierversuche
  12. Mechanismen und biologische Plausibilität
  13. Dosis-Wirkung, Subgruppen und Reversibilität
  14. Englisch bis Chinesisch
  15. Japanisch bis Türkisch
  16. Widersprüche und ihre mögliche Erklärung
  17. Limitationen der Evidenz
  18. Offene Forschungsfragen
  19. Praktische Einordnung
  20. Glossar
  21. Quellenverzeichnis (Teil 1 von 2)
  22. Quellenverzeichnis (Teil 2 von 2)
  23. Diagramme
  24. Quellen s01–s153
  25. Quellen s154–s303
  26. Prüfprotokoll der Quellenkontrolle