Spermatogenese in Kürze
Die Bildung reifer Spermien (Spermatogenese) findet in den Hodenkanälchen statt. Nach Hwang und Clark (Fertility and Sterility 2025, PMID 40398716) dauert sie beim Menschen etwa 74 Tage, setzt zahlreiche Zell-Zell-Wechselwirkungen innerhalb der Hodenkanälchen voraus und braucht eine genaue hormonelle Steuerung. Zwei Folgerungen sind für diese Studie wichtig. Erstens spiegelt ein Samenbefund immer den Zustand mehrerer Wochen vor der Probe wider: Ein Fieberschub, eine Operation oder ein Therapiebeginn wirken sich verzögert aus. Zweitens liegt zwischen einer Schädigung der Keimzellen und ihrer Erholung ein Zeitraum von Monaten bis Jahren; die Studien der Quellenbasis berichten Erholungszeiten, die von wenigen Monaten bis zu drei bis fünf Jahren reichen [s195, s204]. Diese Verzögerungen sind einer der Gründe, warum der Zeitpunkt der Probe in Bezug auf die Therapie in der Literatur so oft die entscheidende Störgröße ist.
Für die Beurteilung der Hodenfunktion werden neben dem Spermiogramm Hormone herangezogen. In den Quellen kommen das follikelstimulierende Hormon (FSH), das luteinisierende Hormon (LH), Testosteron, Inhibin B und das Anti-Müller-Hormon (AMH) vor. Eine Hodgkin-Kohorte zeigte bei unbehandelten Patienten normale basale FSH- und LH-Werte, aber niedrige Testosteronwerte [s302]. Bei Überlebenden einer kindlichen akuten lymphatischen Leukämie sagte eine FSH-Schwelle von 3,55 mIU/ml abnorme Spermaparameter voraus (AUC 0,88), während AMH keinen Vorhersagewert hatte [s14]. Eine Moskauer Arbeit nennt FSH, Inhibin B und AMH als mögliche Prädiktoren bei nicht obstruktiver Azoospermie [s186]. Solche Hormonwerte beschreiben eher die Funktion der Hoden-Hypophysen-Achse als die Zahl der Spermien; sie sind in den meisten Studien dieser Quellenbasis Zusatzinformation.
Wie Krebs die Spermienqualität schon vor der Behandlung beeinflussen könnte
Dass die Qualität vor der Behandlung vermindert sein kann, ist in der Literatur seit den 1980er-Jahren beschrieben. Warum, ist bis heute offen. Die Quellen nennen mehrere Erklärungen, die hier als Hypothesen der jeweiligen Autoren wiedergegeben werden und sich nicht gegenseitig ausschließen.
Systemische Wirkungen der Erkrankung. Eine Übersicht nennt bereits bestehende Keimzelldefekte, systemische Krebswirkungen sowie endokrine und immunologische Störungen als mögliche Ursachen schlechter Samenqualität [s264]. Für Fieber gibt es einen konkreten Befund: Bei 57 Hodgkin-Patienten war das Spermiogramm bei 19 auffällig, und bei zwölf von ihnen bestand aktuell oder kürzlich Fieber; unter 38,5 Grad Celsius zeigte sich nur eine Asthenozoospermie, bei höherer Temperatur schwerere Veränderungen bis zur Azoospermie [s301]. Die Autoren deuteten die Auffälligkeiten bei etwa einem Drittel der Patienten als Folge von Fieber, nicht als erkrankungsspezifische Hodenveränderung. Dazu passt, dass B-Symptome, Fieber, Nachtschweiß und erhöhte Blutsenkung in großen späteren Serien mit schlechterer Qualität verbunden waren [s251, s49, s96]. Eine Moskauer Übersicht nennt Subfebrilität, Gewichtsverlust und hohe Tumorlast [s201]; die Autoren einer Moskauer Kohorte verweisen auf Zytokine des Tumors [s225]. Ein unsigniertes Kongressabstract ohne Literaturangaben, dessen Beweiswert die Teilrecherche als niedrig einstuft, nennt außerdem parakrine Mediatoren (TNF, Interleukine), paraneoplastische Hyperthermie, Leydig-Zell-Zerstörung und Antispermien-Antikörper [s211]. Eine ältere Studie mit Messung der LH-Pulsatilität bei 20 unbehandelten Hodgkin-Patienten fand mehr LH-Impulse als bei Kontrollen und bei etwa zwei Dritteln auffällige Spermienbewegung, wenn Beweglichkeit, Geschwindigkeit und Linearität berücksichtigt wurden [s286]. Dem Befund von Ragni et al., ein auffälliges Ejakulat sei ein spezifisches Symptom der Hodgkin-Krankheit infolge funktioneller Unzulänglichkeit der Hypothalamus-Hypophysen-Achse [s302], steht die Fieberdeutung von Marmor et al. [s301] gegenüber. Beide Arbeiten sind klein und ohne Kontrollgruppe oder mit kleiner Kontrollgruppe; die Frage ist damit nicht entschieden.
Lokale Wirkungen beim Hodentumor. Eine Übersicht von 2026 zählt als mögliche Beiträge testikuläre Dysgenesie, Beeinträchtigung des gegenseitigen Hodens, Keimzellneoplasie in situ, lokale Tumoreffekte sowie oxidative oder proteomische Veränderungen auf und betont, die Evidenz sei unterschiedlich; tumorbedingtes hCG könne zudem eine verminderte Leydig-Reserve verdecken [s13]. Zu diesen Erklärungen passen Einzelbefunde: Bei Kryptorchismus in der Vorgeschichte entstand der Tumor bevorzugt im nicht herabgestiegenen Hoden, und die Samenparameter waren schwerer beeinträchtigt [s235]; in einer Fallserie hatten fünf von neun Patienten mit früherem Kryptorchismus eine Azoospermie [s113]. In einer kleinen Querschnittsstudie war das Volumen des verbleibenden Hodens bei vier von fünf azoospermen Patienten vermindert, und die Biopsie zeigte ein Sertoli-Zell-Syndrom bei vier und einen Reifungsstopp bei einem; die Autoren deuten dies als zufällige Erkrankung des gegenseitigen Hodens [s266]. Histologisch fand sich im nicht tumorösen Gewebe nur bei 22,5 % von 454 Patienten eine normale Spermatogenese [s48]. Diese Studie untersucht Gewebe, nicht Ejakulat, und erlaubt keinen Rückschluss auf die Samenqualität einzelner Männer.
Molekulare Befunde. Mehrere kleine Studien zeigen Veränderungen, die Standardparameter nicht erfassen: erhöhte Spermien-DNA-Fragmentierung und verminderte Chromatinverdichtung vor der Chemotherapie bei Hodentumor und Hodgkin-Lymphom [s255, s243, s250], sehr hohen oxidativen Stress in der vitalen Spermienfraktion bei Krebspatienten gegenüber Kontrollen [s76], Veränderungen des Spermien-Proteoms [s137, s150], des Methyloms [s77] und kleiner nichtkodierender RNA [s79]. Diese Arbeiten haben meist kleine oder im Abstract nicht genannte Fallzahlen, und die Befunde zur DNA-Fragmentierung sind nicht einheitlich: Sie ist erhöht in mehreren Studien, war aber bei Hodentumor und Hodgkin-Lymphom in einer anderen Kohorte nicht von Kontrollen verschieden [s245] und nach Ausschluss bereits chemotherapeutisch behandelter Männer nicht mehr signifikant [s84].
Hinweise aus Tierversuchen und Biopsien. Nur zwei Tierstudien betrachten die Wirkung einer Tumorerkrankung selbst. In einem Mausmodell der akuten myeloischen Leukämie verschlechterten sich Spermienkonzentration und Beweglichkeit, die Morphologie wurde auffälliger, die spontane Akrosomreaktion nahm zu, und Fertilität und Nachkommenzahl sanken, schon durch die Erkrankung allein [s148]. Bei pubertierenden Ratten mit Walker-256-Tumor veränderten sich die Hodenmorphologie und die Zellzahlen von Sertoli- und Leydig-Zellen; das Modell ist ein Kachexiemodell, und eine Samenanalyse wurde nicht berichtet [s121]. Bei Kindern mit akuter lymphatischer Leukämie fanden japanische Autoren in Hodenbiopsien am Therapieende in allen 14 Biopsien Gewebeschäden, wobei die Infiltration mit Leukämiezellen der wichtigste Faktor gewesen sei; das Bild bildet allerdings Erkrankung und Therapie zusammen ab [s285].
Die umgekehrte Richtung. Eine Gruppe von Studien fragt, ob eine verminderte Fertilität dem Krebs vorausgeht. Eine Metaanalyse von acht Kohorten fand für Männer mit Infertilitätsdiagnose eine gepoolte Odds Ratio von 1,43 (95-%-KI 1,25 bis 1,64) für alle Krebsarten und 1,91 (1,52 bis 2,42) für Hodentumor [s111]; eine Kohorte aus Utah mit 20.433 Männern mit Samenanalyse fand eine Hazard Ratio von 3,3 für Hodentumor [s193]; eine Fall-Kontroll-Studie fand dagegen nur für die Kinderzahl und die Geschwisterzahl, nicht für ärztlich diagnostizierte Infertilität, einen Zusammenhang [s192]. Diese Arbeiten beantworten die Frage nach der Samenqualität nach der Diagnose nicht, sind aber wichtig, weil eine schon vor dem Tumor bestehende Hodenfunktionsstörung die Befunde bei Hodentumorpatienten teilweise erklären könnte.
Definitionen und Messgrößen
Die Studien der Quellenbasis arbeiten mit einem gemeinsamen Satz von Messgrößen, wenden sie aber nicht einheitlich an. Das Standardspermiogramm erfasst das Ejakulatvolumen, die Spermienkonzentration (Millionen pro Milliliter), die Gesamtspermienzahl pro Ejakulat, die Beweglichkeit (gesamt und progressiv, also vorwärts gerichtet), die Vitalität (Anteil lebender Spermien) und die Morphologie (Anteil normal geformter Spermien). Eine für Krebspatienten häufig verwendete Kombination ist die Gesamtzahl beweglicher Spermien (total motile count, TMC) vor dem Einfrieren und nach dem Auftauen [s222]. Auch die Streuung zwischen Proben desselben Mannes spielt eine Rolle. In einer koreanischen Studie mit bis zu fünf aufeinanderfolgenden Ejakulaten bei 86 Krebspatienten lagen die Intraklassen-Korrelationskoeffizienten für das Volumen bei 0,76 (95-%-KI 0,52 bis 0,89), für die Gesamtzahl beweglicher Spermien bei 0,71 (0,30 bis 0,89) und für die Bahnschwankung der Spermien („Wobble“) nur bei 0,14 (−0,13 bis 0,51) [s208]; in einer Folgestudie mit 81 Patienten und drei Tagen lag der Wert für die DNA-Fragmentierung bei 0,68 (0,45 bis 0,84) und für das Volumen bei 0,67 (0,45 bis 0,84) [s95]. Die Autoren folgern, dass wiederholte Ejakulate keine wesentliche Variation der Samenqualität zeigen; die Intervalle sind wegen der kleinen Zahlen weit.
Begriffe nach Befundmuster. In den Studien kommen folgende Bezeichnungen vor: Normozoospermie (Parameter im Referenzbereich), Oligozoospermie (zu geringe Konzentration oder Gesamtzahl), Asthenozoospermie (zu geringe Beweglichkeit), Teratozoospermie (zu wenige normal geformte Spermien), Oligoasthenoteratozoospermie als Kombination, Kryptozoospermie (Spermien nur im Zentrifugat) und Azoospermie (keine Spermien im Ejakulat). Von der Azoospermie unterscheidet die Literatur obstruktive und nicht obstruktive Formen; die nicht obstruktive Azoospermie ist hier die relevante, weil sie auf einer gestörten Spermienbildung beruht. Mehrere Studien wählen eigene Grenzen, und genau das macht Vergleiche schwierig. Einige Beispiele: Oligozoospermie als weniger als 20 Mio. Spermien pro Milliliter [s275]; niedrige Konzentration als weniger als 15 Mio. pro Milliliter [s49]; „gute“ Qualität als Konzentration von mindestens 20 Mio. pro Milliliter bei mindestens 50 % Beweglichkeit [s251]; schwere Oligozoospermie als weniger als 5 Mio. pro Milliliter [s98]; Gesamtspermienzahl von weniger als 40 Mio. pro Ejakulat als verminderte Qualität [s271]; eine Konzentration von mindestens 15 Mio. pro Milliliter als Auswertungsschwelle [s87]; Spermien-DNA-Fragmentierung als „schwer“ oberhalb der 95. Perzentile der Kontrollen, hier 50 % [s51]. Die Teilrecherche der Gruppe a weist darauf hin, dass die Studien zudem verschiedene Auflagen der WHO-Referenzwerte (1992, 1999, 2010 und 2021) verwenden. Prozentangaben zur „Normozoospermie“ sind deshalb zwischen Studien nicht ohne Weiteres vergleichbar; dies ist der Hauptgrund für die große Spannweite beim Hodgkin-Lymphom (14 % bis 75 %).
Erweiterte Untersuchungen. Neben dem Spermiogramm kommen Tests der Spermien-DNA-Integrität zum Einsatz. Die Quellen nennen die TUNEL-Methode mit Durchflusszytometrie an frischen Proben [s51], den Halosperm-Test [s95], den DNA-Fragmentierungsindex (DFI) [s245, s250, s84] und Färbungen der Chromatinverdichtung wie CMA3 [s255]. Die computergestützte Spermienanalyse (CASA) erfasst Bewegungsmerkmale feiner als die Routineanalyse [s286]. Solche Verfahren sind in dieser Quellenbasis fast durchweg an kleinen Gruppen angewandt.
Begriffe der Kryokonservierung. Die Quellen messen den Erfolg des Einfrierens an mehreren Größen, die nicht austauschbar sind. Misserfolg des Einfrierens bedeutet, dass keine einfrierbare Probe entstand (gepoolt 10 % [s58]). Die Wiederfindungsrate gibt an, welcher Anteil beweglicher Spermien nach dem Auftauen erhalten ist; bei Proben mit weniger als 2 Mio. Spermien pro Milliliter ging sie in einer Florentiner Auswertung gegen null [s81]. Die Nutzungsrate ist der Anteil der Patienten, die ihre Probe später einsetzen; ihr Nenner (alle Überwiesenen, alle Einlagerer, nur Kinderwunschpatienten) und die Nachbeobachtungsdauer unterscheiden sich stark. Die Vernichtungsrate bezeichnet den Anteil verworfener Proben. Als Verfahren nach dem Auftauen werden die intrauterine Insemination (IUI), die In-vitro-Fertilisation (IVF) und die intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) unterschieden. Bei Azoospermie oder schwerer Oligozoospermie kommt die Gewinnung von Spermien aus dem Hodengewebe in Betracht: die testikuläre Spermienextraktion (TESE), in mikrochirurgischer Form (mTESE) und, wenn sie vor der Behandlung am Tumorhoden oder zeitgleich mit der Orchiektomie erfolgt, als Onko-TESE [s235, s221, s57]. Für die Beschreibung der Gonadotoxizität einer Chemotherapie wird die Cyclophosphamid-Äquivalentdosis (CED) benutzt; in zwei taiwanischen Auswertungen hatte kein Mann mit einer CED über 4.000 mg/m² lebensfähige Spermien im Hoden [s86, s55]. Dies betrifft allerdings die Zeit nach der Behandlung und ist nur als Kontext für die Frage nach dem Wert der Einlagerung vor der Behandlung relevant.
Die WHO-Referenzwerte 2021
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlicht seit 1980 ein Handbuch zur Untersuchung und Aufbereitung menschlichen Ejakulats; nach Boitrelle et al. (Life 2021, PMID 34947899) erschien das erste Handbuch 1980, auf das fünf weitere Auflagen folgten, die sechste im Juli 2021. Die sechste Auflage kann frei von der Webseite der WHO heruntergeladen werden (Wang et al., Fertility and Sterility 2022, PMID 34996596). Die Referenzwerte der fünften (2010) und sechsten Auflage (2021) sind untere fünfte Perzentilen von Männern, deren Partnerinnen innerhalb von zwölf Monaten ohne Verhütung auf natürlichem Weg schwanger wurden. Die folgende Tabelle gibt die Werte nach Tabelle 2 bei Boitrelle et al. wieder, mit dem 95-%-Konfidenzintervall in Klammern.
| Messgröße | WHO 2010 (5. Auflage) | WHO 2021 (6. Auflage) |
|---|---|---|
| Ejakulatvolumen (ml) | 1,5 (1,4 bis 1,7) | 1,4 (1,3 bis 1,5) |
| Gesamtspermienzahl (Mio. pro Ejakulat) | 39 (33 bis 46) | 39 (35 bis 40) |
| Gesamtbeweglichkeit (%) | 40 (38 bis 42) | 42 (40 bis 43) |
| Progressivbeweglichkeit (%) | 32 (31 bis 34) | 30 (29 bis 31) |
| Vitalität (%) | 58 (55 bis 63) | 54 (50 bis 56) |
| Normalformen (%) | 4 (3 bis 4) | 4 (3,9 bis 4) |
Die Konzentration fehlt in dieser Tabelle. Campbell et al. (Andrology 2021, PMID 33528873), die Datenanalyse für die Neufassung, die mehr als 3.500 Männer aus zwölf Ländern und fünf Kontinenten umfasste, nennen als fünfte Perzentile für die Konzentration 16 Mio. pro Milliliter, für die Progressivbeweglichkeit 30 % (Gesamtbeweglichkeit 42 %) und für die Normalformen 4 %. Für den Wert 2010 wurde in dieser Studie keine eigene Angabe abgerufen.
Drei Einschränkungen sind für die Deutung der Befunde dieser Studie wichtig. Erstens betonen Campbell et al. selbst, die Werte stellten keine klaren Grenzen zwischen fruchtbaren und subfertilen Männern dar; Boitrelle et al. berichten, die sechste Auflage stelle ausdrücklich klar, dass die fünfte Perzentile nur ein Weg sei, Befunde einzuordnen, und für sich allein nicht ausreiche, um männliche Infertilität zu diagnostizieren. Zweitens hat die sechste Auflage nach Boitrelle et al. die Begriffe Normozoospermie, Asthenozoospermie, Nekrozoospermie und Teratozoospermie im gesamten Handbuch nicht mehr verwendet und den Gedanken fester Referenzgrenzen zugunsten von „Entscheidungsgrenzen“ verlassen, ohne solche Grenzen für Basisparameter oder erweiterte Parameter vorzuschlagen. Damit hat die Literatur der Quellenbasis, die fast ausschließlich in den Kategorien von 2010 oder früher denkt, keinen gleichwertigen neuen Maßstab; eine Studie von 2025 ordnet Krebspatienten ausdrücklich nach den Perzentilen von 2021 ein und fand die Parameter der Patienten bei der 25. Perzentile und die Beweglichkeit unter der 5. [s24]. Drittens betonen Shrem et al., die Mediane vieler Krebspatienten lägen noch im Normbereich der WHO, die fünfte Perzentile entspreche aber Männern mit verlängerter Zeit bis zur Schwangerschaft [s102]. Ein Medianwert im Referenzbereich schließt also eine Beeinträchtigung eines Teils der Patienten nicht aus.
Störgrößen: Warum „vor der Behandlung“ schwer zu messen ist
Die Frage, wie gut die Spermienqualität vor der Behandlung ist, wird in der Quellenbasis nur selten sauber beantwortet. Fünf Störgrößen kehren in den Studien wieder.
Zeitpunkt der Probe zur Behandlung. In Samenbankserien stammen nicht alle Proben aus der Zeit vor der Therapie. In Berlin entstanden 23 % der Proben nach Behandlungsbeginn [s53]; in Seoul froren 15,4 % während oder nach der Behandlung ein [s152]; in Yokohama waren 23 von 36 gescheiterten Versuchen erst nach Behandlungsbeginn überwiesen worden, und die Spermiendichte war bei bereits Behandelten signifikant niedriger (p = 0,003) [s155]. In einer japanischen Kohorte konnten Männer ohne Chemotherapie zu 96,1 % Sperma einfrieren, nach Chemotherapie nur zu 45,3 % [s273].
Zeitpunkt zur Orchiektomie. Bei Hodentumoren werden Proben vor und nach der Entfernung des Tumorhodens gewonnen. Die französische CECOS-Serie fand, dass Konzentration und Gesamtzahl vor der Orchiektomie bei Seminomen niedriger waren als bei Nicht-Seminomen, während nach der Orchiektomie die Parameter bei Nicht-Seminomen abnahmen [s235]; Höppner et al. fanden bei 19 Patienten keinen offensichtlichen Unterschied vor und nach der Orchiektomie [s300]; Buonacquisto et al. fanden nach der Orchiektomie weniger Spermien, aber weniger DNA-Fragmentierung [s04]. Deshalb sind Studien, die alle Proben nach der Operation untersuchen, mit denen vor der Operation nur eingeschränkt vergleichbar.
Fieber und akute Erkrankung. Siehe oben [s301]; fast keine Samenbankstudie dokumentiert Fieber zum Zeitpunkt der Probe.
Auswahl. Es sind nur Männer erfasst, die eine Probe abgeben konnten und wollten. In einer südchinesischen Auswertung kam die Einlagerung bei 160 von 1.194 Männern gar nicht zustande, davon lehnten 127 die Kryokonservierung azoospermer oder extrem schlechter Proben nach Aufklärung ab [s87]. In einer Moskauer Hodgkin-Kohorte lagen Spermiogramme vor der Therapie nur für 21 von 63 Männern vor [s225].
Vergleichsgruppen. Gesunde Parallelkontrollen sind selten. Die Studien vergleichen mit fertilen Spendern [s93, s189, s190], mit Männern einer Fertilitätsabklärung oder Kinderwunschklinik [s102, s84, s24], mit Partnern Schwangerer [s189] oder mit Referenzdatensätzen [s102]. Spender sind eine besonders fertile Gruppe; das kann Unterschiede vergrößern, ohne dass die Abstracts dies ausdrücklich sagen.
Krebsarten im Blick
Die Studie betrachtet die in der Fragestellung genannten Krebsarten. Nach den Autoren einer türkischen Übersicht ist Hodenkrebs bei Männern zwischen 15 und 44 Jahren die häufigste solide Krebserkrankung [s09]. Für Frankreich schätzt eine nationale Studie auf Basis von Daten von 2018 für Männer von 15 bis 49 Jahren 2.630 Hodentumoren und 3.913 Lymphome (943 Hodgkin-Lymphome, 2.970 Non-Hodgkin-Lymphome) und nennt geschätzte Einlagerungsraten von 41 % bei Hodentumor, 40 % bei Hodgkin-Lymphom und 7 % bei Non-Hodgkin-Lymphom [s83]; ein Kongressabstract derselben Arbeitsgruppe nennt für ein anderes Altersfenster 41 % bei Hodentumor und 28 % bei Lymphomen insgesamt [s91]. Diese Schätzungen zeigen, dass die Inanspruchnahme je nach Krebsart weit auseinanderliegt. Leukämien, Lymphome und Hodentumoren machen in vielen Samenbankserien der Quellenbasis den größten Teil der Patienten aus [s47, s116, s152, s159]; Sarkome, Hirntumoren, Magen-Darm-Tumoren, Kopf-Hals-Tumoren und Nasopharynxkarzinome treten als kleinere Gruppen auf, das Nasopharynxkarzinom in chinesischen Serien als eigene größere Gruppe [s60, s87, s93, s29].
Geschichte der Forschungsfrage
Die Frage, ob Männer vor einer Krebsbehandlung Sperma einlagern sollten und wie gut dessen Qualität ist, hat sich in vier Phasen entwickelt, wie sich an den Quellen ablesen lässt.
Erste Phase, 1980er-Jahre: Hodgkin-Krankheit und die ersten Samenbanken. Ältere Quellen im Bestand stammen aus Frankreich und Deutschland. Aus dem französischen CECOS-Netz berichten Ozyglik et al. 1982 über 511 Kandidaten: Eine zufriedenstellende Konservierung war bei 40 % der Patienten mit Hodgkin-Krankheit und bei 15 % der Patienten mit Hodenkarzinom möglich, bei 9 % wurde der Samen zur Insemination genutzt, 95 % wünschten die Fortführung der Lagerung [s303]. 1985 beschrieben Ragni et al. bei 35 unbehandelten Hodgkin-Patienten 65 % Asthenozoospermie, 46 % Teratozoospermie und 28 % Oligozoospermie [s302]. 1986 zeigten Marmor et al., dass die Auffälligkeiten bei etwa einem Drittel von 57 Patienten wahrscheinlich auf Fieber zurückgehen [s301]. Köhn und Schill berichteten 1988 über die Münchner Samenbank seit 1974 [s299]. Höppner et al. fanden 1986 bei Hodentumorpatienten, dass 17 von 29 (58,6 %) die damaligen Annahmekriterien (mehr als 10 Mio. pro Milliliter und mehr als 30 % Beweglichkeit) für das Einfrieren erfüllten [s300].
Zweite Phase, 1989 bis 1998: Skepsis vor der ICSI und erste ICSI-Berichte. Fosså et al. stellten 1989 fest, dass die Fertilität nach der Behandlung bei Patienten mit und ohne Kryokonservierung in gleichem Maß zu beobachten war, und zweifelten an der klinischen Bedeutung der routinemäßigen Einlagerung bei Hodentumor [s296]. Deutsche Erfahrungsberichte der Jahre 1988 bis 1992 beschrieben Vernichtungen nach wenigen Jahren und eine niedrige Wiedergewinnung [s292, s299, s295, s294, s297]; Kolodziej et al. meldeten 1990 bei Hodentumorpatienten eine mittlere Konzentration beweglicher Spermien von 2,1 Mio. pro Milliliter und sahen in den meisten Fällen keine Schwangerschaftschance [s295]. Sanger et al. fassten 1992 in einer Übersicht mit Umfrage in neun Samenbanken 117 dokumentierte Schwangerschaften und 115 Lebendgeburten zusammen, mit Empfängnissen nach IVF bei weniger als 1 Mio. beweglichen Spermien, und titelten, die Kriterien änderten sich [s293]. 1996 berichteten Chen et al. eine Schwangerschaft nach ICSI mit zuvor eingefrorenem Sperma eines Mannes mit Seminom, bei dem drei intrauterine Inseminationen erfolglos geblieben waren [s284]. Damit geriet die Annahmeschwelle der 1980er-Jahre in Frage (mehr als 10 Mio. pro Milliliter und mehr als 30 % Beweglichkeit [s300, s297]). Hallak et al. berichteten 1998 in einer Fallserie von 10 Paaren eine Schwangerschaftsrate von 50 % pro Paar mit aufgetautem Sperma [s281] und hielten 1999 in einem Fall-Kontroll-Vergleich bei Leukämie die Menge nach dem Auftauen für ICSI ausreichend [s280]. Die späteren großen Serien beschreiben, dass für die Mehrzahl der Patienten ICSI nötig wäre, weil bei fast der Hälfte der Proben von Hodentumor- oder Leukämiepatienten die Zahl beweglicher Spermien je Pailette unter 0,5 Mio. lag [s189].
Dritte Phase, 2000 bis 2015: große Serien, DNA-Qualität, Kinder. Seit der Jahrtausendwende erscheinen große Auswertungen: Fitoussi et al. 2000 mit 94 Hodgkin-Patienten [s278], Blackhall et al. 2002 mit 122 [s275], Gandini et al. 2003 mit 342 [s271], Agarwal und Allamaneni 2005 mit dem Überblick über mögliche Mechanismen [s264], Sieniawski et al. 2008 für die German Hodgkin Study Group [s256], Ståhl et al. und van der Kaaij et al. 2009 [s250, s251]. Die Gruppe um O'Flaherty zeigte 2008 bis 2012 erhöhte DNA-Schäden vor der Chemotherapie bei Hodentumor und Hodgkin-Lymphom [s255, s243, s234]. Große Samenbankberichte aus Asien, Frankreich und den USA folgten [s244, s227, s229, s235]. Eine systematische Übersicht fand 2014 in allen sechs Studien Samenauffälligkeiten vor der Orchiektomie [s206]. Daudin et al. werteten 2015 bei 4.345 Jungen und jungen Männern von 11 bis 20 Jahren die französischen Daten über 34 Jahre aus [s199]; Jugendliche werden in eigenen Serien untersucht [s274, s230, s176, s199].
Vierte Phase, 2016 bis 2026: Metaanalysen, Leitlinien, Strukturen und molekulare Befunde. Ferrari et al. fassten 2016 30 Studien mit 11.798 Patienten zusammen (Nutzungsrate 8 %) [s191]; Li et al. legten 2024 eine Metaanalyse über 69 Studien mit 32.234 Patienten vor [s58]. Auger et al. veröffentlichten 2016 die größte Einzelserie der Quellenbasis mit 4.480 Patienten und Kontrollgruppen [s189]. In derselben Zeit erschienen Leitlinien: die japanische der JSCO 2017 [s94, s105], die deutsche S2k-Leitlinie von 2018 [s162] mit Fassung 2025 [s15], die französische von 2021 [s99], die spanische von 2022 [s101], der italienische Konsensus für Lymphome 2023 [s82] und das ASCO-Update 2025 [s37]. Molekulare Arbeiten (Proteom, Methylom, kleine RNA) erscheinen in der Quellenbasis ab 2019 [s150, s137, s77, s79]; 2023 bis 2026 kamen Arbeiten zu oxidativem Stress [s76], zur Samenqualität in Bezug auf die Orchiektomie [s04, s13] und zu Fehlgeburten nach ICSI mit Sperma von Hodentumorpatienten hinzu [s10].
Strukturelle Entwicklungen. Neben der Wissenschaft ändern sich die Rahmenbedingungen und mit ihnen, wer überhaupt eine Probe abgibt. Das französische Bioethikgesetz soll seit 2011 den kostenfreien Zugang zum Fertilitätserhalt empfehlen und garantieren (so ein Kongressabstract) [s91]. In Deutschland hat die Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung nach Angabe der Berliner Gruppe die Inanspruchnahme in ihrem Zentrum erhöht [s80]. In Japan besteht seit April 2021 ein landesweites Förderprogramm, das als Forschungsförderung zum Aufbau von Evidenz positioniert ist [s65]. In Russland gilt seit dem 1. Januar 2021 ein Erlass des Gesundheitsministeriums, der nach Angabe von Mamizhev et al. die Kryokonservierung biologischen Materials für onkologische Patienten vor Chemo- und Strahlentherapie vorsieht [s89]. In der Türkei übernimmt die nationale Krankenversicherung nach Yildirim et al. Verfahren und Lagerung bei Jugendlichen; nach der Einführung lehnte keiner der 17 Patienten ab [s66]. Hongkong wertet ein öffentliches Programm ab 2020 aus [s46]. Solche Rahmenbedingungen erklären einen Teil der Unterschiede in den Nutzungs- und Erfolgsraten zwischen den Sprachräumen.
Offene Fragen. Aus dieser Geschichte bleiben vier Fragen, die der Rest der Gesamtstudie nach Krebsart und Sprachraum aufschlüsselt: das Ausmaß der Beeinträchtigung vor der Behandlung gegenüber gesunden Männern, die Rolle des Zeitpunkts der Probe (vor oder nach Orchiektomie, vor oder nach Therapiebeginn), der Beitrag von Fieber und Allgemeinsymptomen und schließlich der tatsächliche Nutzen der Einlagerung gemessen an Geburten, wenn man die niedrige Nutzungsrate berücksichtigt. Die Antworten der folgenden Kapitel sind auf den Abstract-Ebenen der Quellenbasis begrenzt.
Kapitel 02: Krebserkrankungen vor der Behandlung und die Spermienqualität
Abgrenzung dieses Kapitels. Dieses Kapitel fragt, wie es um die Spermienqualität von Männern mit Leukämie, Hodgkin-Lymphom, Non-Hodgkin-Lymphom, Hodentumoren und anderen Krebserkrankungen steht, bevor eine gonadotoxische Behandlung begonnen hat, und was Samenbankdaten darüber verraten. Behandelt werden Metaanalysen, systematische und erzählende Übersichten sowie Beobachtungsstudien (Kohorten, Fall-Kontroll-Studien, Querschnittsstudien, Fallserien). Bewusst nicht in diesem Kapitel stehen Leitlinien und Konsensusdokumente, Befragungen von Ärztinnen und Ärzten, qualitative und bibliometrische Arbeiten sowie Tierversuche zu Schutzstoffen; sie gehören thematisch in andere Kapitel der Gesamtstudie. Patientenbefragungen erscheinen nur dort, wo sie die Selektion der Samenbankkohorten belegen. Die Kryokonservierung selbst (Auftauqualität, Nutzungsraten, Schwangerschaftsraten) kommt hier nur vor, soweit die Studien daran die Ausgangsqualität messen oder die Aussage der Studie ohne sie nicht verständlich wäre. Das Kapitel enthält keine Therapieempfehlung; wo Autoren Empfehlungen aussprechen, wird dies als deren Aussage kenntlich gemacht.
Wie die Zahlen zu lesen sind. Alle Zahlen stammen aus den in der Quellenliste geführten Arbeiten. Für die große Mehrheit lag nur der Abstract vor; wo der Abstract eine Angabe nicht enthält (Konfidenzintervall, Fallzahl einer Untergruppe, Maß der Heterogenität), wird sie nicht ergänzt, sondern ausdrücklich als fehlend benannt. Mehrere Kernstudien wurden für dieses Kapitel am Original-Abstract in PubMed gegengeprüft. Prozentwerte für die „Normozoospermie“ sind zwischen Studien nur eingeschränkt vergleichbar, weil die Arbeiten verschiedene Auflagen der WHO-Referenzwerte (1992, 1999, 2010, 2021), verschiedene Kontrollgruppen (fertile Spender, Partner Schwangerer, Männer mit abgeklärter Unfruchtbarkeit, Männer vor Vasektomie, Kinderwunschpaare mit weiblichem Faktor), verschiedene Messzeitpunkte (vor oder nach der Orchiektomie, mit oder ohne Fieber, Zahl und Abstand der Proben) und verschiedene Selektionsmechanismen nutzen. Wo Zahlen in einem Abstract in sich widersprüchlich sind, werden sie wortgetreu wiedergegeben und der Widerspruch benannt, nicht aufgelöst. Originaltitel stehen im Original; bei nicht englischen und nicht deutschen Titeln folgt die deutsche Übersetzung in Klammern, soweit die Quellenliste sie führt. Zitiert wird ausschließlich mit den Kennungen der Master-Quellenliste, zum Beispiel [s189] oder [s189, s93].