Dieser Abschnitt ordnet die Befunde nach drei Fragen: Wie hängt das Ausmaß der Schädigung von Behandlungsschema und Dosis ab? Welche Untergruppen schneiden besser oder schlechter ab? Und wie vollständig und wie schnell erholt sich die Spermatogenese? Die Fragestellung des Kapitels ist die Spermienqualität vor der Behandlung; Dosis und Erholung betreffen die Zeit danach und werden hier aufgenommen, weil sie begründen, warum der Zeitpunkt der Probe (vor oder nach Behandlungsbeginn) in den Studien so großes Gewicht hat. Die Tabellen geben die Zahlen der jeweiligen Studien nebeneinander wieder; sie sind nicht gepoolt, nicht umgerechnet und nicht vergleichbar im Sinn einer Metaanalyse. Gemeint sind Konzentrationen in Millionen pro Milliliter (Mio/ml) beziehungsweise Prozentangaben, wie von den Studien berichtet.
Behandlungsschema, Dosis und Schädigung
Die Gonadotoxizität hängt in den Studien vom Schema, von alkylierenden Substanzen, von der kumulativen Dosis und von der Strahlendosis ab. Eine sehr gut belegte Linie betrifft das Hodgkin-Lymphom (Vergleich von ABVD, BEACOPP und älteren Schemata); für andere Entitäten beruhen die Aussagen auf kleineren Serien.
| Therapie / Dosisgröße | Befund (wörtlich nach Studie) | Quelle |
|---|---|---|
| Hodgkin-Lymphom, GHSG-Studien, nach Behandlung (n = 112) | 64 % Azoospermie, 30 % andere Dyspermie, 6 % Normozoospermie (vor Behandlung, 202 Patienten: 11 % Azoospermie, 69 % andere Dyspermie, 20 % Normozoospermie; die Gruppen sind nicht identisch); Azoospermie bei 90 % nach alleiniger Chemotherapie, 67 % nach kombinierter Behandlung, 11 % nach alleiniger Strahlentherapie (p < 0,001) | [s256] |
| Hodgkin-Lymphom, GHSG, nach Zahl der Zyklen | Azoospermie nach 2 Zyklen COPP/ABVD 56 %, nach 4 Zyklen COPP/ABVD 91 %, nach 8 Zyklen BEACOPP Basis 93 %, nach 8 Zyklen BEACOPP eskaliert 87 % (p = 0,003) | [s256] |
| Fortgeschrittenes Hodgkin-Lymphom, BEACOPP-Studien (38 Männer) | nach Behandlung 34 (89 %) azoosperm, keiner normozoosperm; Basis gegenüber eskaliert 93 % gegenüber 87 % (p > 0,999); abnorme FSH-Werte bei 93 %, Testosteron bei 57 %, LH bei 21 %; kein Risikofaktor (Alter, Stadium, Blutsenkung, B-Symptome, Mediastinalmasse, extranodaler Befall, Zahl der Regionen) in univariater Analyse signifikant | [s257] |
| Hodgkin-Lymphom, ABVD (202 Patienten, Verlauf T0, T6, T12, T24 Monate) | signifikante Abnahme von Konzentration und Gesamtzahl bei T6 und T12 (p < 0,001; p < 0,01), Abfall der Progressivmotilität (p < 0,001) und Anstieg abnormer Formen (p < 0,01) bei T6; zwischen T0 und T24 kein signifikanter Unterschied | [s195] |
| Hodgkin-Lymphom, 6 oder mehr Zyklen BEACOPP, COPP/ABVD, OPP/ABVD oder MOPP (42 Patienten, mit inguinaler Bestrahlung) | dauerhafte Azoospermie; auch bei weniger als sechs Zyklen kehrte die Spermatogenese erst nach 3 bis 5 Jahren zurück | [s195] |
| Hodgkin-Lymphom, Moskau, Azoospermie nach Therapie (63 Männer) | ABVD 0 von 11; BEACOPP-14 13 von 30 (43 %); MOPP/ABVD 6 von 15 (40 %); BEACOPP eskaliert 4 von 7 (57 %); innerhalb der BEACOPP-14-Gruppe keine Abhängigkeit von der Zahl der Zyklen (p = 0,65) oder vom Alter (p = 0,65) | [s225] |
| Hodgkin-Lymphom, Verlauf der FSH-, AMH- und Inhibin-B-Werte (HD13 bis HD15) | signifikante Korrelation mit der Therapieintensität (p < 0,001); niedrige Geburtenraten nach fortgeschrittener Behandlung (Männer 3,3 %) | [s218] |
| Fortgeschrittenes Hodgkin-Lymphom, BrECADD gegenüber eBEACOPP (HD21, 692 Männer) | Erholung der Gonadenfunktion nach 4 Jahren 85,6 % (95-%-KI 80,8 bis 90,8) gegenüber 39,7 % (33,6 bis 46,9), Hazard Ratio 3,28 (2,51 bis 4,30); Vaterschaft nach 5 Jahren 9,3 % (6,0 bis 14,5) gegenüber 3,3 % (1,7 bis 6,5), p = 0,014 | [s25] |
| Non-Hodgkin-Lymphom, Strahlenregion | Beckenbestrahlung gegenüber anderen „hohen“ Regionen: Odds Ratio für Azoospermie 4,29 (95-%-KI 1,81 bis 10,14; p = 0,001) in der Standardgruppe | [s120] |
| Non-Hodgkin-Lymphom, Rezidiv und Salvage-Therapie | zwei Drittel der Patienten wurden azoosperm | [s120] |
| Non-Hodgkin-Lymphom, Cyclophosphamid | bei der Schwelle 8 g/m² hatten 86 % erhöhte FSH-Werte (p < 10^-6; 48 Patienten mit FSH) | [s288] |
| Persistierende Azoospermie nach Chemotherapie, mikrochirurgische TESE (23 von 1.098) | Spermiengewinnung bei 11 (47 %); mit Alkylanzien 1 von 9 (11 %), ohne 10 von 14 (71 %; p = 0,009); kein Mann mit Cyclophosphamid-Äquivalentdosis über 4.000 mg/m² (n = 6) mit lebensfähigen Spermien | [s86] |
| Azoospermie nach Chemotherapie, Taipeh (28 Männer) | Spermiengewinnung bei 11 (39,3 %); minimale Äquivalentdosis unter 4.000 mg/m² 10 von 14 (71,4 %), darüber 0 von 8 | [s55] |
| Überlebende nach Krebs im Kindesalter (Samenproben von 27 von 57 Männern) | Normozoospermie bei hoher Dosis (Äquivalentdosis mindestens 8.000 mg/m²) 27,3 % gegenüber 62,5 % bei niedriger (p = 0,047) | [s184] |
| Säuglings-ALL, 6 Überlebende | Äquivalentdosen von 3, 9 bis 11 und 24 g/m²; der Junge mit 24 g/m² hatte erhöhtes LH und FSH | [s71] |
| Hodentumor, Cisplatin-basierte Chemotherapie (567 Überlebende) | Vaterschaft ohne eingefrorenes Sperma: ohne Chemotherapie 33 von 169 (20 %), mit Chemotherapie 39 von 398 (10 %; p < 0,05); nach drei Zyklen 12 %, nach vier Zyklen 5 % (p < 0,05); die Fragebogenstudie nennt nicht, wie viele Männer überhaupt Kinder zeugen wollten | [s128] |
| Hodentumor, Post-Chemotherapie-Lymphknotenausräumung | Ejakulationsstörungen bei 28,4 %, bei vollständiger bilateraler Schablone 67,9 % gegenüber 14,8 % bei modifizierter (p < 0,001; nicht begutachteter Preprint) | [s22] |
| Hodentumor, retroperitoneale Lymphknotenausräumung (ältere deutsche und japanische Serien) | vollständiger oder teilweiser Ejakulationsverlust bei 71 % (n = 45) beziehungsweise rund 70 % nach Lymphknotenausräumung | [s297, s282] |
| Sarkome, überwiegend Ifosfamid | 8 von 12 nachuntersuchten Männern hatten noch Spermien; 2 spontane Schwangerschaften | [s85] |
| Blasenkrebs, intravesikale BCG-Therapie (23 Männer) | nach Induktionsphase Konzentration, Gesamtzahl, Progressivbeweglichkeit und Normalformen jeweils vermindert (p < 0,05); FSH erhöht | [s36] |
Strahlendosis. Zwei russische Übersichten und ein Kongressabstract enthalten Dosisangaben, die ohne Primärquelle übernommen sind und deshalb mit Vorsicht zu lesen sind. Korshunov et al. nennen für die paraaortale Bestrahlung eine Hodendosis von etwa 0,1 bis 0,2 Gy und für die Beckenbestrahlung von 0,5 bis 2,0 Gy; unter 0,8 Gy komme es zu Oligozoospermie, bei 0,8 bis 2 Gy zu vorübergehender, über 2 Gy möglicherweise zu irreversibler Azoospermie; die Erholung dauere 10 bis 24 Monate, und strukturelle Chromosomenschäden der Gameten könnten bis zu fünf Jahre nach Therapie auftreten [s185]. Eine Übersicht in der älteren Einheit rad nennt: unter 10 rad schwacher Effekt, 10 bis 50 rad mäßige Oligospermie mit Erholung nach 6 Monaten, 50 bis 75 rad schwere Oligozoospermie, 75 bis 100 rad Azoospermie für 6 Monate, 200 bis 300 rad Azoospermie für 1 bis 2,5 Jahre, über 300 rad etwa 5 Jahre oder keine Erholung; nach Ganzkörperbestrahlung vor Knochenmarktransplantation erhole sich die Fertilität bei weniger als 20 % [s258]. Das Kongressabstract des russischen Andrologenverbandes nennt „300 Gy“ als Schwelle potenziell reversibler Azoospermie und „1200 Gy“ für irreversible Störungen; diese Einheiten sind für die Gonadendosis nicht plausibel (verglichen mit [s258], „über 300 rad“) und werden nur wörtlich berichtet, bei geringem Beweiswert [s211]. Dasselbe Abstract nennt ohne Beleg, Schemata ohne Alkylanzien senkten die Rate irreversibler Spermienschäden von 60 % auf 8 % [s211]. Bei Hodentumorpatienten war der DNA-Fragmentierungsindex nach Strahlentherapie höher (16,9 %) als nach Chemotherapie allein (10,9 %; p = 0,037) [s245].
Gewebeschäden als Dosisanzeichen bei Überlebenden. Bei Überlebenden einer kindlichen ALL (33 Samenanalysen) waren 42,4 % abnorm und 24,2 % azoosperm; die Häufigkeit gonadaler Dysfunktion stieg von der Standard- zur Hochrisikogruppe, und eine FSH-Schwelle von 3,55 mIU/ml sagte abnorme Spermienparameter voraus (Fläche unter der Kurve 0,88) [s14]. Bei Überlebenden einer akuten Leukämie oder eines Lymphoms im Kindesalter waren infradiaphragmale Bestrahlung, Doxorubicin und kumulative Cyclophosphamiddosis die wichtigsten Prädiktoren; das Spermiogramm war bei 66 % abnorm [s272]. Diese Arbeiten betreffen die Zeit nach der Behandlung und sagen nichts über den Ausgangszustand.
Schwellenwerte in Leitlinien. Die französische Leitlinie legt für präpubertäre Jungen Äquivalentdosen von mindestens 7.500 mg/m² oder eine Bestrahlung beider Hoden mit mindestens 3 Gy als Empfehlungsschwelle für Hodengewebekryokonservierung fest und mindestens 5.000 mg/m² beziehungsweise mindestens 2 Gy als Schwelle für einen Vorschlag [s99]. Diese Schwellen sind Konsensaussagen eines Gremiums, keine Ergebnisse einer einzelnen Studie.
Subgruppen vor der Behandlung
Die Unterschiede zwischen Subgruppen sind teils konsistent, teils widersprüchlich. Die folgende Tabelle stellt die Befunde nach dem Merkmal zusammen; bei widersprüchlichen Merkmalen sind beide Richtungen aufgeführt.
| Merkmal | Befunde | Quelle |
|---|---|---|
| Krebsart: Hodentumor gegenüber anderen Malignomen | Konzentration 18,7 ± 22,3 gegenüber 35,6 ± 31,3 Mio/ml (n = 16 gegenüber 21) | [s267] |
| mediane Konzentration 21,0 gegenüber 56,0 Mio/ml; mindestens 15 Mio/ml bei 59,9 % gegenüber 85,8 % (1.034 Patienten) | [s87] | |
| mittlere Konzentration 30,5 (Hoden), 45,0 (hämatologisch), 40,5 (Verdauungstrakt), 68,4 (andere); mittlere Beweglichkeit 59,6 %, 50,1 %, 43,0 %, 44,8 % | [s179] | |
| Konzentration 32,6 (Keimzelltumor) gegenüber 46,1 Mio/ml (hämatologisch; p < 0,05) | [s164] | |
| mediane Konzentration 30 (Hodentumor), 18,5 (Leukämie), 48 (Lymphom) Mio/ml (p = 0,0020); Leukämie mit 46,2 % ohne einfrierbare Probe | [s116] | |
| mittlere Konzentration 37,68 (Hoden), 57,98 (Blut), 90,69 (andere) Mio/ml (Peking, 251 Männer) | [s157] | |
| WHO-Grenzwert der Konzentration erreicht von 41 % (Hodentumor) und 66 % (andere) | [s163] | |
| Krebsart: Leukämie | nur 37 % normozoosperm; Gesamtzahl viermal niedriger als bei Kontrollen | [s189] |
| Gesamtbeweglichkeit am stärksten vermindert (p < 0,001); Hodgkin p = 0,001, Non-Hodgkin p = 0,004 | [s24] | |
| Leukämie ohne Unterschied zwischen akuter und chronischer Form; Gesamtzahl beweglicher Spermien niedriger als bei Spendern (p = 0,0001) | [s280] | |
| Alter | Rückgang von Konzentration und Gesamtzahl bei unter 30-Jährigen größer | [s93] |
| Parameter stärker beeinträchtigt bei Alter unter 20 Jahren (Hodentumor) | [s235] | |
| mittlere Gesamtspermienzahl 61,75 × 10^6 (11 bis 14 Jahre) gegenüber 138,81 × 10^6 (18 bis 20 Jahre) | [s199] | |
| ältere Jugendliche seltener azoosperm (p < 0,01); 65 % der jüngsten konnten einlagern | [s176] | |
| Stadium: kein Zusammenhang | Hodgkin: keine Korrelation mit Stadium (n = 94; n = 474) | [s278, s251] |
| Hodentumor und Hodgkin: Stadium ohne Bezug zur Samenqualität | [s276] | |
| Krebspatienten: keine Korrelation mit dem Stadium | [s190] | |
| Hodentumor: kein Unterschied zwischen Stadium I und II/III | [s74] | |
| Stadium: Verschlechterung | Hodgkin: Spermienzahl erst ab Stadium III, Geschwindigkeit und Linearität schon in Stadium I und II | [s286] |
| Hodgkin: Samenqualität in Stadium III und IV signifikant geringer | [s271] | |
| Hodgkin: Zahl, Beweglichkeit und Vitalität in Stadium III und IV vermindert | [s96] | |
| Hodentumor: stärker beeinträchtigt bei Stadium III | [s235] | |
| Allgemeinsymptome (Hodgkin) | schlechte Qualität bei B-Symptomen Odds Ratio 2,77 (1,50 bis 5,12), Fieber 3,22, Nachtschweiß 3,78; Jungen: niedrige Konzentration 76 % gegenüber 26 % | [s251, s49] |
| Seminom besser als Nicht-Seminom | Seminome mit besseren Parametern; Seminome signifikant höhere Konzentration, Gesamtzahl und Vorwärtsbeweglichkeit; Konzentration 21,5 gegenüber 11,8 Mio/ml; bessere Beweglichkeit nach dem Auftauen | [s271, s266, s196, s115] |
| Hormonwerte und Azoospermien bei Nicht-Seminomen ungünstiger (3 Azoospermien gegenüber 1) | [s213] | |
| Seminom schlechter als Nicht-Seminom | vor der Orchiektomie Konzentration und Gesamtzahl bei Seminomen signifikant niedriger (p < 0,001) | [s235] |
| Seminom und Nicht-Seminom ohne Unterschied | Stadium und Histologie ohne signifikanten Unterschied | [s74, s163] |
| Effekt bei Nicht-Seminomen nach einer Übersicht ausgeprägter | [s127] | |
| Zeitpunkt zur Orchiektomie | vor Orchiektomie Azoospermie häufiger als danach; nach Orchiektomie bei Nicht-Seminomen Rückgang | [s235] |
| nach Orchiektomie signifikanter Rückgang von Zahl und Progressivmotilität, aber niedrigere DNA-Fragmentierung | [s04] | |
| bei 19 Patienten vor und nach Orchiektomie kein offensichtlicher Unterschied | [s300] | |
| vor dem Einfrieren Operierte: mediane Konzentration 33,0 gegenüber 51,0 Mio/ml (293 gegenüber 741; p < 0,05) | [s87] | |
| Vorbehandlung zum Zeitpunkt der Einlagerung | nach Chemotherapie Einfrieren nur bei 45,3 %, ohne Chemotherapie bei 96,1 %; Referenzwerte erreicht von 13 % der nach Beginn der Chemotherapie Überwiesenen (9 von 69; Azoospermie 29 von 69, 42 %), gegenüber 20 % (Hodentumor) und 50 % (Leukämie, Lymphom) der vor Chemotherapie Untersuchten | [s273] |
| Azoospermie 84,0 % bei Behandelten gegenüber 16,9 % bei Unbehandelten | [s176] | |
| 63,9 % der gescheiterten Einlagerungen betrafen erst nach Behandlungsbeginn Überwiesene; Dichte signifikant niedriger (p = 0,003) | [s155] | |
| Azoospermie bei 1 Patienten vor, bei 5 nach Behandlung (31 Männer) | [s167] | |
| Leukämie: alle Parameter in der unbehandelten Gruppe näher an der Norm | [s260] | |
| Einlagerung erst während oder nach Behandlung bei 15,4 % (111 von 721) [s152]; Chemotherapie vor dem Einfrieren bei 12,3 % (8 von 65) [s84]; rund 20 % der Patienten mit Nicht-Hodentumoren bereits in Chemotherapie [s169] | [s152, s84, s169] |
Lesehinweis. Die Auflistung zeigt, dass sich in den vorhandenen Studien drei Gruppen von Merkmalen unterscheiden lassen. Gut und mehrfach gestützt ist der Zusammenhang mit Allgemeinsymptomen beim Hodgkin-Lymphom [s301, s251, s49], die niedrigere Konzentration bei Hodentumor in Studien mit Tumorvergleich und der Unterschied zwischen vor und nach Behandlungsbeginn eingelagerten Proben. Widersprüchlich sind Stadium und Seminom gegenüber Nicht-Seminom. Das Alter wirkt je nach Studie in unterschiedliche Richtung (stärkerer Rückgang bei Jüngeren in [s93] und [s235], aber auch eine niedrigere mittlere Gesamtzahl bei 11- bis 14-Jährigen als bei 18- bis 20-Jährigen [s199], wobei diese Zahlen nicht mit Gesunden verglichen wurden). Die Zusammenhänge sind adjustiert nur in wenigen Studien [s93, s251, s49]; die meisten Tabellenwerte sind unadjustierte Vergleiche.
Reversibilität und Erholung
Die Erholung der Spermatogenese nach Behandlung ist in mehreren Studien beschrieben. Sie betrifft die Zeit nach der Therapie; sie wird hier aufgenommen, weil sie bestimmt, wie lange eine vor Behandlung eingelagerte Probe die einzige Quelle bleibt. Die Zeitangaben stammen aus unterschiedlichen Schemata und Studienpopulationen.
| Gruppe / Schema | Erholung (wörtlich nach Studie) | Quelle |
|---|---|---|
| Hodgkin und Non-Hodgkin, ABVD, CHOP, MOPP (CECOS, 75 Patienten, 24 Monate) | Tiefpunkt nach 3 und 6 Monaten; nach 12 Monaten erreichte die mittlere Spermienzahl nach ABVD oder ABVD plus Strahlentherapie wieder den Ausgangswert, nach CHOP oder MOPP nicht; 7 % nach 24 Monaten azoosperm; Kaplan-Meier: mehr als 90 % Erholung nach ABVD oder ABVD plus Strahlentherapie, 61 % nach CHOP; multivariat nur die Gesamtspermienzahl vor Behandlung mit Erholung verbunden | [s204] |
| Hodgkin, ABVD (Paoli) | zwischen T0 und T24 kein signifikanter Unterschied | [s195] |
| Hodgkin, Moskau, ABVD gegenüber MOPP/ABVD | nach ABVD Erholung im Median in 2 Monaten (1 bis 83), bei 7 von 11 (64 %) innerhalb von 1 bis 6 Monaten; nach MOPP/ABVD mediane Erholungszeit 110 Monate (1 bis 156), mediane Azoospermiedauer 126 Monate (102 bis 180); BEACOPP-14: mediane Dauer der Azoospermie 4 Monate (3 bis 29) bei 6 Männern | [s225] |
| Hodgkin, Moskau, BEACOPP-14 (Arbeit von 2011) | bei 17 von 30 (57 %) Erholung der Spermatogenese; mediane Dauer der Azoospermie 22 Monate; mediane Nachbeobachtung nur 10 Monate | [s238] |
| Hodgkin, fortgeschritten, HD21 | Erholung der Gonadenfunktion nach 4 Jahren 85,6 % (BrECADD) gegenüber 39,7 % (eBEACOPP) | [s25] |
| Hodgkin, Frühstadium, Jungen (EuroNet-PHL-C2) | zwei Jahre nach Diagnose 39 % oligozoosperm, 13 % azoosperm (31 Jungen) | [s49] |
| Non-Hodgkin, Standardtherapie (Pallotti) | Gesamtzahl nach 18 Monaten nahezu Ausgangswert (T0 195,0, T18 113,4; p = 0,278); 7,7 % Azoospermie nach zwei Jahren; bei Rezidiv und Salvage zwei Drittel azoosperm | [s120] |
| Lymphom, DNA-Fragmentierung | Non-Hodgkin: drei Jahre nach Behandlung 29,2 % gegenüber 40,5 % vor Behandlung; Hodgkin: Mediane über drei Zeitpunkte ähnlich; schwerer Schaden zwei Jahre nach Behandlung 11,6 % (Hodgkin), 13,3 % (Non-Hodgkin) | [s51] |
| Mischkollektiv, DNA-Fragmentierung | nach Behandlung insgesamt niedriger (13,2 % gegenüber 17,1 %; p = 0,040); kein Anstieg nach Behandlung | [s245, s250] |
| Lymphom und Hodentumor (Di Bisceglie) | Toxizität nach 6 und 12 Monaten, Besserung nach 18 Monaten; Verlauf im Einzelfall nicht vorhersagbar | [s220] |
| Nasopharynxkarzinom | Gesamtzahl nach Therapie bei T0, T3 und T6 niedriger, nach 12 Monaten wieder auf früherem Niveau; Autoren: 1 bis 2 Jahre | [s29] |
| Akute Leukämie | Azoospermieanteil nach einem Jahr erhöht | [s23] |
| Hodentumor, Chemotherapie (Sekundärangabe) | Azoospermie meist nach 3 Monaten, 6 bis 9 Monate; nach 9 bis 12 Monaten bei 40 % einzelne Keimzellen; nach 24 Monaten bei 15 % Konzentration nahe der Norm; nach Strahlentherapie nach 6 Monaten fast alle azoosperm | [s187] |
| Sarkome, Ifosfamid | 8 von 12 Nachuntersuchten mit Spermien | [s85] |
| Nach Chemotherapie mit persistierender Azoospermie, mTESE | Gewinnung bei 31 von 66 (47 %), klinische Schwangerschaft 23 (35 %), Lebendgeburtenrate 27 % | [s197] |
| Gewinnung bei 11 von 26 (42 %), nach Hodentumorbehandlung 75 %, Alkylanzien senkten sie; 7 (27 %) Schwangerschaften, 5 (19 %) Lebendgeburten | [s212] | |
| Gewinnung bei 11 von 23 (47 %), 11 von 28 (39,3 %) | [s86, s55] | |
| Gewinnung bei 34,9 % (63 Männer, im Mittel 11 ± 5 Jahre nach Chemotherapie); Schwangerschaft 20,63 %, Lebendgeburt 12,7 % | [s100] | |
| Onko-TESE vor oder zu Beginn der Chemotherapie | bewegliche Hodenspermien bei 9 von 17; bei bereits begonnener Chemotherapie 3 von 9, bei chemotherapienaiven 6 von 8 | [s57] |
Lesehinweis. Die Zahlen zeigen, dass das Schema die Erholung stark bestimmt: Nach ABVD erholte sich die Spermatogenese in den dafür vorliegenden Serien meist in Monaten bis zwei Jahren [s204, s195, s225], nach Schemata mit Alkylanzien in Jahren oder gar nicht [s195, s225, s256]. Bei vielen Männern bleibt die Frage der Reversibilität im Einzelfall offen; die Autoren von [s220] halten den Verlauf im Einzelfall für nicht vorhersagbar. Für die Frage dieses Kapitels, die Qualität vor Behandlung, ist zweierlei wichtig: Erstens ist die Erholung vom Ausgangswert vor Behandlung abhängig (nur die Gesamtspermienzahl vor Behandlung war in der multivariaten Analyse mit der Erholung verbunden [s204]); zweitens wird der Nutzen der Einlagerung für die spätere Vaterschaft unterschiedlich beschrieben: Bei Hodgkin-Überlebenden war die Vaterschaft nach Behandlung bei erfolgter Kryokonservierung häufiger (adjustierte Odds Ratio 2,03; 95-%-Konfidenzintervall 1,11 bis 3,73) [s214], während sich bei Hodentumorpatienten die Fertilität nach Behandlung bei Patienten mit und ohne Kryokonservierung in gleichem Maß zeigte [s296]. Beide Arbeiten betreffen unterschiedliche Erkrankungen und Zeiträume (1989 gegenüber 2014), und Fragebogenstudien sind durch Erinnerungs- und Antwortverzerrung begrenzt.
Gesamtbewertung der Belege
Aus den Studien lässt sich zusammengefasst festhalten: Beim Hodentumor ist eine eingeschränkte Spermienqualität vor jeder Behandlung am konsistentesten beschrieben [s206, s235, s189, s93, s267, s271]. Bei Leukämien berichten mehrere große Serien niedrigere Ausgangsqualität oder niedrigere Einlagerungserfolge [s189, s222, s116, s145, s169, s280], während eine Serie zur akuten Leukämie Mediane oberhalb der 25. Perzentile fand [s23]. Beim Hodgkin-Lymphom reicht der Anteil der Normozoospermie von 14 % bis 75 %; die Streuung hängt vermutlich zum Teil von Fieber und Allgemeinsymptomen ab [s301, s251, s49, s96, s256, s195]. Beim Non-Hodgkin-Lymphom ist die Ausgangsqualität nach den größten Serien eher günstiger als beim Hodentumor, die Daten sind aber spärlich [s120, s220, s209]. Für andere Tumorarten (Sarkome, Hirntumoren, gastrointestinale, Kopf-Hals-Tumoren) fehlen große Einzelserien [s19, s58]. Die Kryokonservierung vermindert die Beweglichkeit auch bei gesunden Spendern, aber Krebspatienten starten von einem niedrigeren Wert; die tatsächliche Nutzung eingelagerter Proben liegt in der Metaanalyse bei 9 % [s58, s191].
Die wesentlichen Schwächen der Literatur sind: retrospektive Samenbankserien ohne gesunde Parallelkontrolle; Selektion auf Männer, die eine Probe abgeben konnten; uneinheitliche Messzeitpunkte und WHO-Auflagen; fehlende große Serien für die selteneren Tumorarten; wenige Konfidenzintervalle in den Abstracts; und sehr wenige Tierversuche, die die Erkrankung selbst untersuchen (nur [s148] und [s121]). Die Literatur bleibt in diesem Sinn dünn für die Frage nach kausalen Mechanismen und für Subgruppen jenseits von Hodentumor, Hodgkin-Lymphom und Leukämie, und dies wird hier ausdrücklich so benannt. Die Auswertung beruht auf Abstracts und wenigen Volltexten; Cairn, SciELO, LILACS, Dialnet, CNKI, Wanfang, eLIBRARY.ru und arabischsprachige Plattformen waren nicht abrufbar, so dass die Literatur in diesen Sprachräumen unterrepräsentiert sein dürfte; arabischsprachige Primärstudien wurden nicht gefunden.