Die Beobachtungsstudien lassen sich nach der Frage ordnen, die sie beantworten können. Die erste Gruppe enthält Studien, die Samenproben von Patienten vor jeder Behandlung mit Vergleichsgruppen Gesunder oder Fertiler untersuchten; nur sie erlauben, die Ausgangsqualität in Relation zu setzen. Die zweite Gruppe sind Samenbankserien ohne Kontrollgruppe, die absolute Werte nach Krebsart berichten. Die dritte Gruppe sind Studien mit Vorher-Nachher-Design, die die Ausgangswerte vor Behandlung als Teil einer Verlaufsbeobachtung berichten. Die vierte Gruppe befasst sich mit Mechanismen (Chromatin, DNA-Fragmentierung, Proteom, Hormone). Die Gliederung folgt zuerst der Krebsart, dann den Querschnittsfragen (Mischkollektive mit Kontrollen, Kinder und Jugendliche, Zeitpunkt der Probe, Reproduzierbarkeit, umgekehrte Kausalrichtung) und endet mit einer Gesamteinordnung. Jede Studie ist einzeln dargestellt; Studien, die in mehreren Abschnitten relevant sind, werden an der Stelle ihres Schwerpunkts ausführlich besprochen und an anderer Stelle nur kurz erwähnt. Mehrfachveröffentlichungen derselben Kohorte sind ausdrücklich als solche gekennzeichnet.
Hodgkin-Lymphom
Das Hodgkin-Lymphom ist die Krebsart, bei der die Frage nach einer erkrankungsbedingten Beeinträchtigung der Spermien am längsten und am widersprüchlichsten diskutiert wird. Die Anteile normozoosperm untersuchter Männer reichen in den Studien dieses Abschnitts von 14 % bis 75 %; wesentliche Gründe sind unterschiedliche Definitionen, unterschiedliche Selektion und der Einfluss von Fieber und Allgemeinsymptomen.
Ragni et al. 1985 [s302]. Titel: Evaluation of semen and pituitary gonadotropin function in men with untreated Hodgkin's disease. (Fertility and sterility, 1985, PMID 3922808). Land: im Abstract nicht angegeben. Design: Fallserie mit endokrinologischer Testung. Population: 35 unbehandelte Patienten mit Hodgkin-Krankheit. Methodik: Samenanalyse, Basalwerte von FSH, LH und Testosteron sowie Stimulationstest mit 100 Mikrogramm GnRH. Ergebnisse: 65 % der Patienten hatten eine Asthenozoospermie, 46 % eine Teratozoospermie, 28 % eine Oligozoospermie. Normale Samenproben fanden sich häufiger bei asymptomatischen (7 von 18) als bei symptomatischen Patienten (2 von 15). Alle Patienten hatten normale basale FSH- und LH-Werte, aber signifikant niedrige Testosteronwerte (p < 0,01); die LH-Antwort auf GnRH war erniedrigt (relativer Anstieg 28,4 ± 18,7 % gegenüber 52,4 ± 25,3 %, p < 0,005; Spitzenwerte 36,7 ± 20,7 gegenüber 59,4 ± 26,4 mIU/ml, p < 0,01). Die Autoren sehen im auffälligen Ejakulat ein spezifisches Symptom der Hodgkin-Krankheit infolge funktioneller Unzulänglichkeit der Hypothalamus-Hypophysen-Achse. Stärken: Kombination von Samen- und Hormonbefund bei unbehandelten Patienten. Schwächen: kleine Fallzahl, frühe Methodik, kein Kontrollkollektiv im Abstract genannt; die Deutung als erkrankungsspezifisch wird schon von der folgenden Studie in Frage gestellt.
Marmor et al. 1986 [s301]. Titel: Semen analysis in Hodgkin's disease before the onset of treatment. (Cancer, 1986, PMID 3955503). Land: im Abstract nicht angegeben. Design: Fallserie. Population: 57 junge Patienten mit Hodgkin-Krankheit vor Behandlung. Ergebnisse: Die mittleren Werte lagen im Normbereich und ähnelten denen fertiler Populationen. Neunzehn Patienten hatten ein auffälliges Spermiogramm; bei zwölf von ihnen bestand kürzlich oder aktuell Fieber. Bei Temperaturen unter 38,5 Grad Celsius zeigte sich nur eine Asthenozoospermie, bei höherer Temperatur schwerere Veränderungen bis hin zu Oligoasthenozoospermie oder Azoospermie. Nur fünf fiebernde Männer hatten ein normales Spermiogramm, alle mit leichtem Fieber. Schlussfolgerung der Autoren: Die Auffälligkeiten bei etwa einem Drittel der Patienten seien wahrscheinlich nicht auf eine erkrankungsspezifische Hodenveränderung, sondern auf Fieber zurückzuführen. Stärken: Der Fiebereinfluss wird konkret aufgeschlüsselt. Schwächen: keine Kontrollgruppe, kein Vergleich mit anderen Erkrankungen, kleine Fallzahl, Abstract ohne Konfidenzintervalle. Einordnung: Die Arbeit liefert die früheste Erklärung für die Streuung der Ausgangsbefunde und wird in späteren Übersichten zitiert (zum Beispiel [s158]); sie ist mit der späteren Beobachtung vereinbar, dass B-Symptome die Qualität vorhersagen [s251].
Magnanti et al. 1996 [s286]. Titel: Luteinizing hormone pulsatility and computer-assisted analysis of sperm features in patients with Hodgkin's disease. (Journal of cancer research and clinical oncology, 1996, PMID 8690752). Land: Italien (Rom). Design: Querschnittsstudie mit Kontrollpersonen. Population: 20 erwachsene Patienten mit gesichertem Hodgkin-Lymphom vor jeder Therapie. Methodik: Messung der LH-Pulsatilität und computergestützte Spermienanalyse (CASA). Ergebnisse: Die Pulszahl von LH war gegenüber den Kontrollen erhöht (p < 0,05). Bei einem Drittel der Patienten war die Spermienzahl vermindert; berücksichtigte man Beweglichkeit, Geschwindigkeit und Linearität der Bewegung, stieg der Anteil mit Auffälligkeiten auf zwei Drittel. Geschwindigkeit und Linearität waren schon in den Stadien I und II beeinträchtigt, die Spermienzahl erst im Stadium III. Symptomatische Patienten zeigten unabhängig vom Stadium eine deutliche Verschlechterung aller Parameter. Stärken: CASA erfasst Bewegungsmerkmale feiner als die Routineanalyse; Kontrollgruppe. Schwächen: kleine Fallzahl; die Pathogenese bleibt nach Angabe der Autoren offen; keine Konfidenzintervalle im Abstract.
Fitoussi et al. 2000 [s278]. Titel: Semen analysis and cryoconservation before treatment in Hodgkin's disease. (Annals of oncology : official journal of the European Society for Medical Oncology, 2000, PMID 10942055). Land: Frankreich (Pessac). Design: retrospektive Kohorte. Population: Von 316 Männern, denen eine Spermakonservierung vorgeschlagen wurde, erfüllten 94 die Einschlusskriterien (Alter über 16 und unter 50 Jahre, Hodgkin-Krankheit jeden Stadiums, Aufklärung über die drohende Sterilität, Einwilligung); mittleres Alter 27,5 Jahre (16 bis 48); je 38 Patienten im Stadium I und II, 14 im Stadium III, 4 im Stadium IV. Ergebnisse: 53 % (50 Fälle) hatten einen normalen oder subnormalen Befund. Es fand sich keine Korrelation zwischen Samenqualität beziehungsweise Spermienmenge und Stadium, B-Symptomen, Alter oder Laborwerten (LDH, Leukozyten, Thrombozyten, Blutsenkung). Die Verwendung der kryokonservierten Proben verlangten 13 Patienten; 88 Inseminationen führten zu 9 Schwangerschaften und 2 Geburten. Stärken: Verknüpfung von Ausgangsqualität und späterem Nutzungserfolg. Schwächen: Selektion (nur 94 von 316 erfüllten die Kriterien), Inseminationen als Methode (ICSI im Abstract nicht beschrieben), keine Vergleichsgruppe, keine Konfidenzintervalle. Einordnung: Das Fehlen jeder Korrelation mit B-Symptomen steht im Gegensatz zu den EORTC-Daten [s251]; die Gruppe der Männer mit B-Symptomen war hier vermutlich zu klein, um einen Zusammenhang zu zeigen (der Abstract macht dazu keine Angabe).
Blackhall et al. 2002 [s275]. Titel: Semen cryopreservation, utilisation and reproductive outcome in men treated for Hodgkin's disease. (British journal of cancer, 2002, PMID 12177773). Land: Vereinigtes Königreich (Manchester). Design: retrospektive Kohorte. Population: 122 Männer, die zwischen 1978 und 1990 vor sterilisierender Chemotherapie bei Hodgkin-Krankheit ein Spermiogramm erhielten. Ergebnisse: 81 (66 %) lagen im Normbereich, 25 waren oligozoosperm (weniger als 20 × 10^6 Spermien/ml), 5 azoosperm. Bei 115 Männern wurde Samen kryokonserviert; nach einer medianen Nachbeobachtung von 10,1 Jahren nutzten 33 Männer die gelagerte Probe (aktuarielle Rate 27 %); neun Partnerinnen wurden schwanger, mit 11 Lebendgeburten und einem Schwangerschaftsabbruch wegen fetaler Fehlbildung. Die aktuariellen 10-Jahres-Raten für Vernichtung vor Tod oder Nutzung beziehungsweise Tod vor Nutzung betrugen 19 % und 13 %. Stärken: lange Nachbeobachtung. Schwächen: Zeitraum 1978 bis 1990 (frühe Verfahren), retrospektiv, keine Kontrollgruppe, Fieber und Symptome nicht aufgeschlüsselt.
Gandini et al. 2003 [s271]. Titel: Testicular cancer and Hodgkin's disease: evaluation of semen quality. (Human reproduction (Oxford, England), 2003, PMID 12660273). Land: Italien (Rom). Design: retrospektive Querschnittsstudie, die Hodenkrebs und Hodgkin-Krankheit vergleicht. Population: 342 Patienten mit Hodentumor (n = 232) oder Hodgkin-Krankheit (n = 110), die vor Chemo- oder Strahlentherapie Samen einlagerten; die Hodenkrebspatienten wurden etwa einen Monat nach der Orchiektomie untersucht. Ergebnisse: 14 Patienten waren azoosperm oder kryptozoosperm. In der Hodentumorgruppe (n = 222) lagen die Mittelwerte im Normbereich nach WHO 1992; unterteilt nach Gesamtspermienzahl von mindestens beziehungsweise unter 40 × 10^6 pro Ejakulat zeigten 35,5 % eine verminderte Qualität. Seminome hatten bessere Parameter als die übrigen histologischen Gruppen. Zwischen Patienten mit pathologischem (über 5 mIU/ml) und normalem beta-hCG zeigte sich ein signifikanter Unterschied in allen Samenvariablen; die Stadien I und II unterschieden sich nicht. In der Hodgkin-Gruppe (n = 106) war die Spermatogenese im Wesentlichen normal, nur 24,5 % hatten eine Gesamtspermienzahl unter 40 × 10^6 pro Ejakulat; in den Stadien III und IV war die Samenqualität signifikant geringer. Die Autoren folgern, die Samenqualität sei bei Hodgkin-Patienten besser als bei Hodentumorpatienten gewesen und beide Gruppen schnitten besser ab als in früheren Berichten. Stärken: direkter Vergleich zweier Erkrankungen im selben Labor, Berücksichtigung des beta-hCG. Schwächen: Hodentumorproben nach der Orchiektomie, keine gesunde Vergleichsgruppe laut Abstract, keine Konfidenzintervalle.
Hallak et al. 2000 [s279]. Titel: Characteristics of cryopreserved semen from men with lymphoma. (Journal of assisted reproduction and genetics, 2000, PMID 11209541). Land: Brasilien (São Paulo). Design: retrospektive Fall-Kontroll-Studie. Population: 89 Patienten mit Hodgkin-Krankheit, 18 mit Non-Hodgkin-Lymphom und 50 gesunde Spender. Ergebnisse: Bei Hodgkin-Patienten waren die Samenmerkmale vor dem Einfrieren und nach dem Auftauen signifikant niedriger als bei Spendern; ähnlich bei Non-Hodgkin-Lymphomen. Zwischen den Krankheitsstadien bestand vor dem Einfrieren kein signifikanter Unterschied. Zahlenwerte nennt der Abstract nicht. Stärken: Kontrollgruppe, Messung vor und nach Kryokonservierung. Schwächen: im Abstract keine absoluten Werte, keine Konfidenzintervalle; kleine Non-Hodgkin-Gruppe.
Sieniawski et al. 2008 (GHSG-Studien) [s256]. Titel: Assessment of male fertility in patients with Hodgkin's lymphoma treated in the German Hodgkin Study Group (GHSG) clinical trials. (Annals of oncology : official journal of the European Society for Medical Oncology, 2008, PMID 18544558). Land: Deutschland (Köln). Design: Auswertung von Patienten, die zwischen 1988 und 2003 in Studien der German Hodgkin Study Group behandelt wurden. Population: Vor Behandlung lagen Daten von 202 Patienten vor, nach Behandlung von 112. Ergebnisse vor Behandlung: 20 % Normozoospermie, 11 % Azoospermie, 69 % andere Dyspermie. Nach der Behandlung: 64 % Azoospermie, 30 % andere Dyspermie, 6 % Normozoospermie (p < 0,001). Azoospermie trat bei 90 % der ausschließlich mit Chemotherapie Behandelten auf, bei 67 % nach kombinierter Behandlung und bei 11 % nach alleiniger Strahlentherapie (p < 0,001). Nach 4 Zyklen COPP/ABVD 91 %, nach 8 Zyklen BEACOPP (Basis) 93 %, nach 8 Zyklen BEACOPP eskaliert 87 %, nach 2 Zyklen COPP/ABVD 56 % (p = 0,003). Der FSH-Wert nach Behandlung unterschied sich signifikant zwischen Männern mit und ohne Azoospermie (p = 0,001). Stärken: große multizentrische Basis, Vorher-Nachher-Vergleich. Schwächen: Die Gruppen vor und nach Behandlung sind nicht identisch (202 gegenüber 112), keine Kontrollgruppe. Einordnung: Der niedrige Normozoospermieanteil von 20 % weicht stark von den Befunden aus Rom [s195] ab; der Abstract macht zu möglichen Gründen (Selektion, Definition, Laborunterschiede) keine Angabe.
Sieniawski et al. 2008 (BEACOPP) [s257]. Titel: Fertility in male patients with advanced Hodgkin lymphoma treated with BEACOPP: a report of the German Hodgkin Study Group (GHSG). (Blood, 2008, PMID 17890456). Land: Deutschland (Köln). Design: Auswertung von Teilnehmern randomisierter GHSG-Studien mit fortgeschrittenem Hodgkin-Lymphom. Population: 38 Männer. Ergebnisse: Vor Behandlung waren 6 (23 %) normozoosperm und 20 (77 %) dysperm. Nach Behandlung waren 34 (89 %) azoosperm, 4 (11 %) anders dysperm, keiner normozoosperm. Zwischen BEACOPP Basis und eskaliert unterschied sich die Azoospermierate nicht (93 % gegenüber 87 %, p > 0,999). Nach Behandlung hatten 93 % abnorme FSH-Werte; abnorme Testosteron- und LH-Werte fanden sich bei 57 % beziehungsweise 21 %. In univariater Analyse war kein Risikofaktor (Alter, Stadium, Blutsenkung, B-Symptome, große Mediastinalmasse, extranodaler Befall, drei oder mehr Lymphknotenregionen) signifikant. Stärken: einheitliches Protokoll. Schwächen: sehr kleine Gruppe; der Abstract nennt die Teilnehmerzahl der Vorbehandlungsanalyse nicht gesondert (rechnerisch ergeben 6 Patienten = 23 % und 20 Patienten = 77 % eine Basis von 26), kein Kontrollkollektiv. Hinweis: Die beiden Veröffentlichungen [s256] und [s257] stammen aus derselben Studiengruppe und können sich überschneiden; die Abstracts geben darüber keine Auskunft.
van der Kaaij et al. 2009 [s251]. Titel: Sperm quality before treatment in patients with early stage Hodgkin's lymphoma enrolled in EORTC-GELA Lymphoma Group trials. (Haematologica, 2009, PMID 19850901). Land: Niederlande (Groningen) mit EORTC-GELA-Beteiligung. Design: Auswertung von Teilnehmern der EORTC-GELA-Studien H6 bis H9 bei unbehandelten Patienten mit Hodgkin-Lymphom im Frühstadium; logistische Regression. Population: Von 2.362 Männern lagen für 474 (20 %) Daten vor. Methodik: Spermienqualität nach WHO-Kriterien, gut definiert als Konzentration von mindestens 20 × 10^6/ml und Beweglichkeit von mindestens 50 %. Ergebnisse: Die mediane Spermienkonzentration betrug 40 × 10^6/ml (Spanne 0 bis 345), die mediane Beweglichkeit 50 % (0 bis 90 %). Gute Spermienqualität hatten 41 %, intermediäre (Konzentration mindestens 5 × 10^6/ml) 49 %, schlechte (unter 5 × 10^6/ml, aber über null) 7 %; 3 % waren azoosperm. Kein Zusammenhang mit Alter oder klinischem Stadium; B-Symptome und erhöhte Blutsenkung sagten eine schlechte Qualität voraus. Odds Ratios für schlechte Qualität: B-Symptome 2,77 (95-%-Konfidenzintervall 1,50 bis 5,12; p = 0,001), Blutsenkung von mindestens 50 mm/h 2,35 (1,24 bis 4,43; p = 0,009), Fieber 3,22 (1,41 bis 7,33; p = 0,005), Nachtschweiß 3,78 (1,97 bis 7,26; p < 0,001); kein Zusammenhang mit dem FSH-Wert vor Behandlung. Die Autoren folgern, dass bei den meisten Patienten mit frühem Hodgkin-Lymphom die Spermienqualität vor Behandlung für eine spätere Vaterschaft mit modernen Verfahren ausreiche (90 % gute oder intermediäre Qualität). Stärken: größte Datenbasis unter den Hodgkin-Studien mit Konfidenzintervallen, standardisierte Studienpopulation. Schwächen: nur 20 % der Teilnehmer hatten Daten (Selektionsverzerrung möglich), nur frühe Stadien, keine gesunde Kontrollgruppe. Einordnung: Der Kernbefund ist, dass Allgemeinsymptome, nicht das Stadium, die Spermienqualität vorhersagen; das passt zu [s301].
Paoli et al. 2016 [s195]. Titel: Spermatogenesis in Hodgkin's lymphoma patients: a retrospective study of semen quality before and after different chemotherapy regimens. (Human reproduction (Oxford, England), 2016, PMID 26705149). Land: Italien (Rom). Design: retrospektive Studie mit Längsschnittteil. Population: 519 Patienten (504 mit Spermien, 15 azoosperm); längsschnittlich 202 Patienten vor und nach ABVD (Zeitpunkte T0, T6, T12, T24 Monate) und 42 Patienten vor und nach BEACOPP, COPP/ABVD, OPP/ABVD oder MOPP mit inguinaler Bestrahlung. Methodik: WHO-Kriterien 2010, ein einziges Labor. Ergebnisse: 75 % der Hodgkin-Patienten waren vor Behandlung normozoosperm. Nach ABVD gab es signifikante Abnahmen von Spermienkonzentration und Gesamtzahl bei T6 und T12 (p < 0,001 beziehungsweise p < 0,01), einen Abfall der Progressivmotilität (p < 0,001) und einen Anstieg abnormer Formen (p < 0,01) bei T6; zwischen T0 und T24 bestand kein signifikanter Unterschied. Sechs oder mehr Zyklen BEACOPP, COPP/ABVD, OPP/ABVD oder MOPP führten zu dauerhafter Azoospermie, auch bei weniger als sechs Zyklen kehrte die Spermatogenese erst nach 3 bis 5 Jahren zurück. Die Autoren schließen, dass das Hodgkin-Lymphom selbst nicht die Hauptursache der Beeinträchtigung sei. Stärken: größte berichtete Fallzahl, einheitliche Laboranalyse. Schwächen (nach eigener Angabe): retrospektiv, geringe Fallzahl und unterschiedliche Nachbeobachtung in den Untergruppen der Kombinationstherapien; keine gesunde Kontrollgruppe und keine Konfidenzintervalle im Abstract. Einordnung: Die Autoren selbst halten ihre Vorbehandlungswerte für besser als einen Teil der Literatur; sie stehen zu den GHSG-Daten [s256] im Gegensatz.
Laddaga et al. 2022 [s96]. Titel: In male Hodgkin lymphoma patients, impaired fertility may be improved by non-gonadotoxic therapy. (British journal of haematology, 2022, PMID 34462914). Land: Italien (Bari). Design: retrospektive Kohorte. Population: 46 männliche Hodgkin-Patienten mit verfügbarem Spermiogramm (Behandlung 2008 bis 2016). Ergebnisse bei Diagnose: Die Spermienzahl war in den Stadien III und IV vermindert; Beweglichkeit und Vitalität waren in den Stadien III und IV und bei B-Symptomen vermindert; abnorme Formen waren bei erhöhter Blutsenkung und niedrigem Albumin vermehrt. Nach Stammzelltransplantation bestand eine schwere Beeinträchtigung der Beweglichkeit; ohne Transplantation verbesserte sich die Beweglichkeit nach der Erstlinienbehandlung statistisch signifikant. Zahlenangaben (p-Werte) enthält der Abstract nicht. Stärken: Verknüpfung von Prognosemerkmalen mit Samenbefund. Schwächen: kleine Serie, nach Angabe der Autoren sind größere Serien nötig. Einordnung: Die Befunde zu B-Symptomen und Blutsenkung bestätigen [s251], die Verschlechterung in den Stadien III und IV stimmt mit [s271] überein.
Drechsel et al. 2024 (EuroNet-PHL-C2) [s49]. Titel: Semen analysis and reproductive hormones in boys with classical Hodgkin lymphoma treated according to the EuroNet-PHL-C2 protocol. (Human reproduction (Oxford, England), 2024, PMID 39256932). Land: Niederlande, Deutschland, Belgien, Tschechische Republik und Österreich (18 Zentren; Erstautorenschaft Amsterdam). Design: prospektive internationale multizentrische Kohorte, Zusatzstudie zu einem randomisierten Phase-3-Protokoll bei Jungen mit klassischem Hodgkin-Lymphom bis 18 Jahre. Population: 101 Jungen, davon 73 (post)pubertäre (medianes Alter 15,4 Jahre) und 28 präpubertäre (9,6 Jahre). Methodik: Spermienparameter bei Diagnose und zwei Jahre danach, FSH und Inhibin B zu mehreren Zeitpunkten. Ergebnisse bei Diagnose: 48 (post)pubertäre Jungen gaben Samen zur Kryokonservierung ab; 19 (40 %) Proben waren oligozoosperm und 4 (8 %) azoosperm. Eine niedrige Spermienkonzentration (unter 15 Mio/ml) hing offenbar mit der Erkrankung selbst zusammen und kam bei Jungen mit B-Symptomen häufiger vor (76 % gegenüber 26 %, adjustiertes Odds Ratio 2,3; 95-%-Konfidenzintervall laut Quelle 1,0 bis 3,8; p = 0,001). Zwei Jahre nach Diagnose lieferten 31 Jungen Proben: 12 (39 %) waren oligozoosperm, 4 (13 %) azoosperm, insgesamt hatten 52 % (16 von 31) eine Oligozoospermie oder Azoospermie, und 22 (71 %) hatten eine niedrige gesamte bewegliche Spermienzahl (unter 20 Mio); besonders Jungen mit fortgeschrittenem Stadium hatten niedrige Zahlen und eingeschränkte Beweglichkeit. Stärken: prospektiv, standardisiertes Protokoll, Hormonverlauf. Schwächen: begrenzte Aussagekraft der Spermienanalysen nach zwei Jahren (31 Proben), Nachbeobachtung nur bis zwei Jahre, keine gesunde Kontrollgruppe; die Intervallangabe 1,0 bis 3,8 für ein Odds Ratio von 2,3 und den Wert p = 0,001 gibt der Abstract in dieser Form an. Einordnung: Die Studie bestätigt bei Jugendlichen das Muster der Erwachsenenstudien (B-Symptome als Marker) und zeigt, dass auch in der modernen, strahlenarmen Behandlung ein erheblicher Teil nach zwei Jahren auffällige Werte hat.
Vinokurov et al. 2011, 2012 und 2013 (Moskauer Hodgkin-Kohorte) [s238, s236, s225]. Titel zu [s238]: Оценка гонадотоксичности терапии по схеме ВЕАСОРР-14 у молодых мужчин, излеченных от лимфомы Ходжкина (Bewertung der Gonadotoxizität der BEACOPP-14-Therapie bei jungen, vom Hodgkin-Lymphom geheilten Männern) (Клиническая онкогематология, 2011). Titel zu [s236]: Фертильность подростков и молодых мужчин, излеченных от лимфомы Ходжкина (Fruchtbarkeit von Jugendlichen und jungen Männern, die vom Hodgkin-Lymphom geheilt wurden) (Злокачественные опухоли, 2012). Titel zu [s225]: Фертильность подростков и молодых мужчин, излеченных от лимфомы Ходжкина (Fruchtbarkeit von Jugendlichen und jungen Männern, die vom Hodgkin-Lymphom geheilt wurden) (Гематология и трансфузиология, 2013). Land: Russland (Moskau, Hämatologisches Forschungszentrum). Design: drei überlappende Veröffentlichungen derselben retrospektiven Kohorte; sie werden in einer Synthese nur einmal gezählt. Population und Fassungen: [s238] umfasst 30 Männer (18 bis 35 Jahre, nachgewiesene Fertilität), die zwischen 2006 und 2011 behandelt wurden (28 mit BEACOPP-14, 2 mit BEACOPP-14 plus ABVD; 23 mit Strahlentherapie; Stadien IIA bis B 6, IIIA bis B 13, IVA bis B 11; B-Symptome 21), mediane Nachbeobachtung 10 Monate. Voraussetzung war eine Spermakryokonservierung oder eine nachgewiesene Vaterschaft. [s236] und [s225] umfassen 63 Patienten (19 bis 37 Jahre; Behandlung 1993 bis 2011), eingeteilt in ABVD (n = 11), BEACOPP-14 (n = 30), MOPP/ABVD (n = 15) und BEACOPP eskaliert (n = 7). Prätherapeutische Daten: In [s238] wurde das Ejakulat bei 12 der 30 Männer (40 %) vor der Therapie untersucht; bei 6 (50 %) bestanden kombinierte Veränderungen der Spermatogeneseparameter. Die mittlere Konzentration betrug vor der Therapie 50,0 Mio/ml (Spanne 8,1 bis 100,0) und danach 20,8 Mio/ml (0,2 bis 150,0); mittleres Ejakulatvolumen 2,6 ml vor und nach der Therapie; mittlere Beweglichkeit A plus B 51,0 % (12 bis 89) vor und 24,8 % nach der Therapie; Beweglichkeit der Kategorie A 27,8 % (3 bis 87) vor und 6,2 % (1 bis 28) nach der Therapie. Der Text bezeichnet den Konzentrationsabfall als statistisch signifikant, die angegebene Statistik (p = 0,094) erreicht die Schwelle von 0,05 aber nicht; die Spanne „27 bis 79“ der Tabelle zur Beweglichkeit A plus B ist mit dem Mittelwert unvereinbar und wird deshalb nicht verwendet. In [s236] werden initiale Spermatogenesestörungen bei 48 % (10 von 21) der prätherapeutisch untersuchten Männer genannt; in [s225] lagen Ejakulatparameter vor der Therapie nur bei 21 von 63 (33 %) vor, obwohl bei 58 von 63 (92 %) vor der Therapie Sperma kryokonserviert worden war. Nach Gruppen in [s225]: ABVD 4 untersucht, 2 mit initialen Störungen; BEACOPP-14 13 untersucht, 9 (69 %) mit initialen Störungen (in [s238] waren es 6 von 12 [50 %] in derselben Gruppe); MOPP/ABVD 2 untersucht; BEACOPP eskaliert 2 untersucht, beide mit initialen Störungen. Von den 9 Männern der BEACOPP-14-Gruppe mit initialen Störungen entwickelten 6 (67 %) nach der Therapie eine Azoospermie. Behandlungsfolgen (nur zur Einordnung): Azoospermie nach der Therapie bei ABVD 0 von 11, BEACOPP-14 13 von 30 (43 %), MOPP/ABVD 6 von 15 (40 %), BEACOPP eskaliert 4 von 7 (57 %); die Summe von 23 von 63 (36,5 %) weicht von den 42 % ab, die der Abstract von [s236] nennt, sodass die Fassungen nicht deckungsgleich sind. Stärken: einzige regionale Serie mit Samenanalyse vor Therapie bei Hodgkin-Patienten im russischsprachigen Raum und mit Therapieschema-Vergleich. Schwächen: nur 33 % beziehungsweise 40 % mit prätherapeutischem Spermiogramm, unterschiedliche Laborstandards, Selektion (nur Patienten mit Kryobank-Probe oder Vaterschaft), kleine Gruppen, abweichende Zahlen zwischen den Fassungen, kein Kontrollkollektiv. Einordnung: Die Autoren zitieren aus der Literatur initiale Störungen bei 59 bis 70 % und führen sie auf Zytokine des Tumors zurück; die eigenen 48 bis 69 % beruhen auf sehr wenigen Männern.
Non-Hodgkin-Lymphome und gemischte Lymphomkohorten
Pallotti et al. 2021 [s120]. Titel: Semen quality in non-Hodgkin lymphoma survivors: a monocentric retrospective study. (Human reproduction (Oxford, England), 2021, PMID 33257989). Land: Italien (Rom, Samenbank „Loredana Gandini“). Design: retrospektive monozentrische Kohorte. Population: 222 Patienten mit Non-Hodgkin-Lymphom, die von 2002 bis 2017 vor jeder antineoplastischen Behandlung Samen einlagerten; Ausschluss von Komorbiditäten, die die Spermienparameter beeinflussen; mediane Nachbeobachtung 47,5 Monate (28 bis 140). Methodik: Untersuchung bei Kryokonservierung (T0) und mindestens einmal bei 6, 12, 18, 24 Monaten oder später; Fertilitätsfragebogen. Ergebnisse vor Behandlung: Mehr als 80 % waren normozoosperm; 15,9 % hatten bereits ein Kind. Aggressive Lymphome gingen mit schlechterem Ausgangsvolumen und geringerer Gesamtspermienzahl einher als indolente (p < 0,05). Nach Behandlung kehrte die Gesamtspermienzahl nach Standard-Erstlinientherapie zu nahezu den Ausgangswerten zurück (T0 195,0 ± 189,8 gegenüber T18 113,4 ± 103,1; p = 0,278), bei 7,7 % Azoospermie nach zwei Jahren. Bestrahlung des Beckens gegenüber anderen „hohen“ Regionen war in der Standardgruppe mit erhöhtem Azoospermierisiko verbunden (Odds Ratio 4,29; 95-%-Konfidenzintervall 1,81 bis 10,14; p = 0,001). Zwei Drittel der Patienten mit Rezidiv und Salvage-Therapie (gegebenenfalls mit Stammzelltransplantation) wurden azoosperm. Von 176 Patienten mit Fertilitätsdaten wünschten 22 (12,5 %) Kinder; 14 wurden Väter (12 natürlich, 2 per assistierter Reproduktion). Stärken: größte NHL-Serie, einheitliche Laboranalyse, Fertilitätsfragebogen (Rücklauf über 80 %). Schwächen laut Autoren: keine Hormonwerte, mehrere Patienten ohne vollständige Nachuntersuchung, wenige Patienten mit aktivem Kinderwunsch; keine gesunde Kontrollgruppe. Einordnung: Beim Non-Hodgkin-Lymphom lag der Anteil normozoosperm vor Therapie nach dieser Studie deutlich über den in anderen Serien für Hodentumor und Leukämie berichteten Werten (etwa [s189]); die kleinere Serie aus Triest [s228] fand dagegen nur bei 25 % der Non-Hodgkin-Patienten eine Normozoospermie.
Naccache et al. 1996 [s288]. Titel: [Semen preservation and gonadal toxicity in the treatment of non Hodgkin lymphoma. Experience at the Gustave-Roussy Institute from 1980 to 1993]. (Konservierung von Sperma und Gonadentoxizität bei der Behandlung des Non-Hodgkin-Lymphoms. Erfahrungen am Institut Gustave-Roussy von 1980 bis 1993) (Bulletin du cancer, 1996, PMID 8680082). Land: Frankreich (Villejuif, Institut Gustave-Roussy). Design: retrospektive Analyse (Bulletin du Cancer, französischsprachig). Population: 213 männliche NHL-Patienten, behandelt von 1980 bis 1993, mittleres Alter 30 Jahre (15 bis 42). Ergebnisse: Ein Ausgangsspermiogramm samt Kryokonservierung gab es nur bei 24 Patienten (die Hälfte zwischen 1991 und 1993); 11 waren normal, 13 auffällig (Oligospermie n = 7, Asthenospermie n = 7, Teratospermie n = 8). Zwischen dem Zustand vor der Therapie und der Qualität der Probe fand sich kein Zusammenhang. Die Kryokonservierung war nur in 22 Fällen möglich; von 16 Überlebenden hatten zwei inseminiert. FSH war bei 48 Patienten erhoben; bei einer Schwelle von 8 g/m² Cyclophosphamid hatten 86 % erhöhte Werte (p < 10^-6). Fünf Patienten bekamen nach der Behandlung Kinder. Stärken: Langzeitbeobachtung, Erfahrung eines großen Zentrums. Schwächen: nur 24 von 213 Patienten mit Ausgangsspermiogramm (starke Selektion), alte Daten, keine Kontrollgruppe.
Bujan et al. 2014 (CECOS) [s204]. Titel: Impact of lymphoma treatments on spermatogenesis and sperm deoxyribonucleic acid: a multicenter prospective study from the CECOS network. (Fertility and sterility, 2014, PMID 25044088). Land: Frankreich (Toulouse, CECOS-Verband). Design: prospektive multizentrische Längsschnittstudie. Population: 75 Patienten mit Hodgkin- oder Non-Hodgkin-Lymphom und 257 fertile Kontrollmänner; Analysen vor Behandlung und nach 3, 6, 12 und 24 Monaten. Methodik: Samenanalysen, Spermien-DNA- und Chromatinuntersuchungen (TUNEL und Sperm Chromatin Structure Assay). Ergebnisse: Schon vor der Lymphombehandlung waren die Spermienmerkmale verändert, ohne identifizierten Risikofaktor. Die Werte fielen nach Behandlung mit Tiefpunkt nach 3 und 6 Monaten. Nach 12 Monaten erreichte die mittlere Spermienzahl nach ABVD oder ABVD plus Strahlentherapie wieder den Ausgangswert, nach CHOP oder MOPP nicht; 7 % blieben nach 24 Monaten azoosperm. Kaplan-Meier-Schätzung: Mehr als 90 % erholen sich nach ABVD oder ABVD plus Strahlentherapie, 61 % nach CHOP. In der multivariaten Analyse war nur die Gesamtspermienzahl vor Behandlung mit der Erholung verbunden. Gegenüber den Kontrollen zeigten die Lymphompatienten schon vor Behandlung mehr Chromatinveränderungen und DNA-Fragmentierung; nach der Behandlung nahm die Fragmentierung ab (TUNEL ab 3 Monaten, Sperm Chromatin Structure Assay ab 6 Monaten), blieb aber während der Nachbeobachtung höher als bei den Kontrollen. Stärken: prospektiv, Kontrollgruppe, DNA- und Chromatinanalyse. Schwächen: Der Abstract nennt keine Konfidenzintervalle und keine absoluten Ausgangswerte; die Gruppen nach Therapieschema sind klein. Einordnung: Die Studie ist neben Farnetani [s51] eine der wenigen prospektiven Arbeiten mit gesunder Kontrollgruppe und stützt eine Ausgangsstörung bei Lymphomen, die in den retrospektiven Serien nur teilweise sichtbar ist.
de Luyk et al. 2012 [s228]. Titel: Pre-treatment and post-treatment fertility in young male patients affected by Hodgkin and non-Hodgkin lymphoma. (Archivio italiano di urologia, andrologia : organo ufficiale [di] Societa italiana di ecografia urologica e nefrologica, 2012, PMID 23210406). Land: Italien (Triest, Samenbank Pordenone). Design: retrospektive und prospektive Studie. Population: retrospektiv 28 Patienten mit Hodgkin- oder Non-Hodgkin-Lymphom (11 mit Samenanalyse, mittleres Alter 31,55 Jahre); prospektiv 61 Patienten mit Leukämie oder Lymphom (mittleres Alter 29,08 ± 9,5 Jahre) mit Proben vor Therapie (WHO 1999). Ergebnisse: Im prospektiven Teil war die Samenqualität vor Behandlung bei den meisten Proben schlecht; Normozoospermie bei 14 % der Hodgkin-Patienten und 25 % der Non-Hodgkin-Patienten. Im retrospektiven Teil waren alle Proben der 11 Patienten verändert, sechs nach hochdosierten Alkylanzien plus abdominaler oder Beckenbestrahlung azoosperm. Die Autoren halten die Vorbehandlungsqualität für ausreichend zur Kryokonservierung. Stärken: Samenbankdaten. Schwächen: sehr kleine Gruppen, im Abstract keine Angaben zu Subgruppengrößen, Mischung von Leukämie und Lymphom, keine Kontrollgruppe. Einordnung: Mit 14 % Normozoospermie beim Hodgkin-Lymphom ist dies der niedrigste Wert unter den hier dargestellten Studien zum Hodgkin-Lymphom (zur Spannweite siehe [s195] mit 75 %).
Di Bisceglie et al. 2013 [s220]. Titel: Effects of oncological treatments on semen quality in patients with testicular neoplasia or lymphoproliferative disorders. (Asian journal of andrology, 2013, PMID 23542137). Land: Italien (Turin). Design: retrospektive Kohorte. Population: 261 Patienten mit Hodentumoren und 219 mit lymphoproliferativen Erkrankungen, die vor Chemo- oder Strahlentherapie Samen kryokonservieren ließen. Ergebnisse: Zum Zeitpunkt der Samenentnahme waren die FSH-Werte und die Spermienkonzentration bei Hodentumorpatienten stärker beeinträchtigt als bei Lymphompatienten. Nach der Behandlung zeigte sich eine Toxizität nach 6 und 12 Monaten und eine Besserung nach 18 Monaten; die Autoren halten fest, dass der Verlauf im Einzelfall nicht vorhersagbar sei. Stärken: zwei große Gruppen im selben Zentrum, Hormonwerte. Schwächen: Der Abstract nennt keine absoluten Ausgangswerte und keine Konfidenzintervalle; keine gesunde Kontrollgruppe.
Smit et al. 2010 [s245]. Titel: Sperm DNA integrity in cancer patients before and after cytotoxic treatment. (Human reproduction (Oxford, England), 2010, PMID 20551071). Land: Niederlande (Rotterdam). Design: prospektive Kohorte. Population: 127 Patienten mit Hodentumoren, Hodgkin-Lymphom, Non-Hodgkin-Lymphom und verschiedenen Krebsarten; nach der Behandlung hatten 52 eine Nachuntersuchung. Methodik: DNA-Fragmentierungsindex (DFI). Ergebnisse: Bei Hodentumor, Hodgkin und gemischten Malignomen unterschied sich der DFI vor Behandlung nicht signifikant von bewiesen fertilen Kontrollen; bei Non-Hodgkin-Patienten war er erhöht. Insgesamt nahm der DFI nach Behandlung ab (13,2 % [Spanne 5,0 bis 70,5] gegenüber 17,1 % [5,1 bis 66,6]; p = 0,040). Nach Strahlentherapie war er bei Hodentumorpatienten höher (16,9 %) als nach Chemotherapie allein (10,9 %); p = 0,037. Stärken: prospektiv, Kontrollen. Schwächen: Die Nachuntersuchten waren laut Abstract meist weniger schwer erkrankt (Selektion). Einordnung: Das Ergebnis steht im Gegensatz zu [s250], wo der DFI bei Hodentumor und Hodgkin vor Behandlung erhöht war.
Farnetani et al. 2024 [s51]. Titel: Severe sperm DNA fragmentation may persist for up to 3 years after cytotoxic therapy in patients affected by Hodgkin lymphoma and non-Hodgkin lymphoma. (Human reproduction (Oxford, England), 2024, PMID 38177083). Land: Italien (Florenz). Design: prospektive Kohorte mit Kontrollen. Population: 53 Hodgkin- und 25 Non-Hodgkin-Patienten (postpubertär; Rekrutierung 2012 bis 2022), 18 mit gepaarten Proben zu drei Zeitpunkten; 79 gesunde fertile Normozoosperme über 18 Jahre als Kontrollen. Methodik: Spermien-DNA-Fragmentierung (TUNEL mit Durchflusszytometrie) an frischen Proben, vor der Behandlung (T0) und 2 und 3 Jahre nach deren Ende; schwere DNA-Schädigung wurde als Wert über der 95. Perzentile der Kontrollen (50 %) definiert. Ergebnisse: Vor Behandlung war die mediane Fragmentierung bei Patienten höher als bei Kontrollen, signifikant in der NHL-Gruppe (40,5 % [Interquartilsabstand 31,3 bis 52,6] gegenüber 28 % [22 bis 38]; p < 0,05). Bei Hodgkin-Patienten blieben die Mediane über die drei Zeitpunkte ähnlich, bei NHL waren sie drei Jahre nach Behandlung signifikant niedriger (29,2 % [22 bis 38] gegenüber 40,5 %; p < 0,05). Der Anteil mit schwerem Schaden zwei Jahre nach Behandlung betrug 11,6 % bei Hodgkin- und 13,3 % bei NHL-Patienten; nach drei Jahren hatte nur noch einer von 16 NHL-Patienten einen schweren Schaden. Stärken: frische Proben (nicht aufgetaut), Kontrollkohorte, gepaarte Analyse. Schwächen laut Autoren: Ausschluss stark oligozoospermer Männer (TUNEL benötigt mindestens 5 Millionen Spermien), kleine Zahl gepaarter Proben.
van der Kaaij et al. 2014 [s214]. Titel: Cryopreservation, semen use and the likelihood of fatherhood in male Hodgkin lymphoma survivors: an EORTC-GELA Lymphoma Group cohort study. (Human reproduction (Oxford, England), 2014, PMID 24345581). Land: Niederlande (Amsterdam). Design: Kohortenstudie mit geschachtelter Fall-Kontroll-Analyse (EORTC-GELA), Fragebogen an 1.849 männliche Überlebende, behandelt 1974 bis 2004. Population: 902 auswertbare Antworten, mittleres Alter bei Behandlung 31 Jahre, mediane Nachbeobachtung nach Kryokonservierung 13 Jahre (5 bis 36). Ergebnisse: 363 von 902 (40 %) hatten vor der Behandlung Samen kryokonserviert; 78 von 363 (21 %) nutzten ihn. Männer, die 1994 bis 2004 behandelt wurden, hatten signifikant geringere Chancen auf Nutzung als früher Behandelte; Alkylanzien oder Zweitlinientherapie erhöhten die Chance. Für eine Vaterschaft nach der Behandlung ergab sich bei erfolgter Kryokonservierung ein adjustiertes Odds Ratio von 2,03 (95-%-Konfidenzintervall 1,11 bis 3,73; p = 0,02). 48 von 258 (19 %) Männern mit Kindern nach Hodgkin-Behandlung wurden mit kryokonserviertem Samen Vater. Schwächen laut Autoren: Fragebogendaten (Antwortverzerrung), keine Korrektur für die Nachbeobachtungsdauer, keine Angaben zu Technik und Zyklenzahl. Einordnung: Die Studie misst keine Samenqualität vor der Behandlung; sie zeigt, welchen Nutzen eine Einlagerung bei Hodgkin-Lymphom im Vaterschaftsergebnis hatte.
Minoia et al. 2023 [s82] und Behringer et al. 2013 [s218] sowie Ferdinandus et al. 2025 [s25]. Titel zu [s82]: Fertility preservation and monitoring in adult patients diagnosed with lymphoma: consensus-based practical recommendations by the Fondazione Italiana Linfomi & Società Italiana della Riproduzione Umana. (Frontiers in oncology, 2023, PMID 37766870). Titel zu [s218]: Gonadal function and fertility in survivors after Hodgkin lymphoma treatment within the German Hodgkin Study Group HD13 to HD15 trials. (Journal of clinical oncology : official journal of the American Society of Clinical Oncology, 2013, PMID 23150709). Titel zu [s25]: Fertility in patients with advanced-stage classic Hodgkin lymphoma treated with BrECADD versus eBEACOPP: a secondary analysis of the multicentre, randomised, parallel, open-label, phase 3 HD21 trial. (The Lancet. Oncology, 2025, PMID 40652943). Diese drei Arbeiten sind behandlungsbezogen und enthalten im Abstract keine Ausgangswerte der Spermienqualität. Minoia et al. (Italien, Bari) ist ein Konsensusdokument der Fondazione Italiana Linfomi und der Società Italiana della Riproduzione Umana mit Delphi-Verfahren (elf Experten, 78 Fragen oder Aussagen, Gwets AC zwischen 0,649 und 0,958). Behringer et al. (Deutschland, Köln) werteten 1.323 (55 %) der 2.412 kontaktierten Überlebenden der GHSG-Studien HD13 bis HD15 aus; FSH, AMH und Inhibin B korrelierten signifikant mit der Therapieintensität (p < 0,001), die Geburtenraten nach fortgeschrittener Behandlung waren niedrig (Frauen 6,5 %, Männer 3,3 %). Ferdinandus et al. (Deutschland) analysierten in der randomisierten HD21-Studie 1.183 Patienten im gebärfähigen Alter (darunter 692 Männer); die Vier-Jahres-Erholung der Gonadenfunktion bei Männern betrug 85,6 % (95-%-Konfidenzintervall 80,8 bis 90,8) nach BrECADD gegenüber 39,7 % (33,6 bis 46,9) nach eBEACOPP (Hazard Ratio 3,28; 2,51 bis 4,30), die Fünf-Jahres-Vaterschaftsrate 9,3 % (6,0 bis 14,5) gegenüber 3,3 % (1,7 bis 6,5); p = 0,014. Diese Zahlen betreffen die Behandlungsfolge und sind hier nur zur Orientierung genannt.
Leukämien und hämatologische Neoplasien
Bei Leukämien ist die Datenlage schmaler als bei Hodentumor und Hodgkin-Lymphom. Mehrere große Mischserien berichten für Leukämien die niedrigste Ausgangsqualität (siehe Abschnitt „Mischkollektive mit Vergleichsgruppen“); spezifische Studien nur zu Leukämien sind klein. Ein Teil der Unterschiede zwischen den Studien geht auf den Zeitpunkt der Probe zurück, weil bei akuten Leukämien die Therapie oft ohne Aufschub beginnt (siehe Abschnitt „Zeitpunkt der Probe“).
Hallak et al. 1999 [s280]. Titel: Cryopreservation of sperm from patients with leukemia: is it worth the effort? (Cancer, 1999, PMID 10223238). Land: USA (Cleveland Clinic). Design: retrospektive Fall-Kontroll-Studie. Population: 25 Männer mit akuter (n = 13) oder chronischer (n = 12) Leukämie, die vor Chemotherapie Samen einlagerten; 50 gesunde Spender als Kontrollen. Methodik: Samenanalyse vor dem Einfrieren und nach dem Auftauen einschließlich Bewegungsparametern. Ergebnisse: Signifikant niedrigere Gesamtzahl beweglicher Spermien vor dem Einfrieren und nach dem Auftauen (p = 0,0001), geringere Beweglichkeit (p < 0,05) und geringere Geschwindigkeit der Kurvenbewegung (VCL; p < 0,05) als bei Spendern. Die prozentuale Veränderung von Einfrieren zu Auftauen bei beweglicher Spermienzahl und Beweglichkeit war bei Patienten stärker (p < 0,05). Der Leukämietyp beeinflusste die Qualität nicht. Die Autoren halten die Menge nach dem Auftauen für ICSI ausreichend. Stärken: Kontrollgruppe, Bewegungsparameter. Schwächen: kleine Fallzahl, nur Samen vor Behandlung ohne späteren Verlauf, keine absoluten Werte und Konfidenzintervalle im Abstract.
Cariati et al. 2025 [s24]. Titel: Semen Quality in Patients with Hematological Malignancies: A Retrospective Monocentric Study in the Perspective of Personalized Oncofertility Medicine. (Journal of personalized medicine, 2025, PMID 41590504). Land: Italien (Neapel). Design: retrospektive monozentrische Studie. Population: 247 Patienten mit hämatologischer Neoplasie (158 Hodgkin-Lymphom, 54 Non-Hodgkin-Lymphom, 35 Leukämie), die von Januar 2017 bis Dezember 2024 am Onkofertilitätszentrum Samen einlagerten, und 63 Männer ohne Krebs (In-vitro-Fertilisation wegen eines tubaren Faktors der Partnerin) als Kontrollen. Methodik: Vergleich von Ejakulatvolumen, Konzentration, Beweglichkeit und Morphologie zwischen Patienten und Kontrollen und danach zwischen den drei Entitäten; WHO 2021. Ergebnisse: Insgesamt lagen die Parameter der Patienten bei der 25. Perzentile der WHO-Referenz, die Beweglichkeit unter der 5. Perzentile. Signifikante Unterschiede gegenüber den Kontrollen bestanden bei Konzentration (p = 0,0004), Gesamtzahl (p = 0,0003) und Gesamtbeweglichkeit (p < 0,0001). Für das Hodgkin-Lymphom unterschieden sich Konzentration (p = 0,003) und Gesamtzahl (p = 0,001) von den Kontrollen. Die Gesamtbeweglichkeit war bei allen Untergruppen vermindert (Hodgkin p = 0,001; Non-Hodgkin p = 0,004; Leukämie p < 0,001), am stärksten bei Leukämie. Stärken: Kontrollgruppe, Aufgliederung nach Entität, aktuelle WHO-Referenz. Schwächen: Die Kontrollen stammen aus einem Paarkollektiv mit Kinderwunsch (keine gesunden Spender, vermutlich selbst selektiert); die Leukämiegruppe ist mit 35 Männern klein; der Abstract nennt keine Konfidenzintervalle und keine absoluten Zahlen. Einordnung: Die Beweglichkeitsstörung auch bei Lymphomen deckt sich mit der Studie aus Guangdong [s93].
Buonacquisto et al. 2025 [s23]. Titel: Semen quality in acute leukemia patients: a retrospective study. (Annals of hematology, 2025, PMID 40707629). Land: Italien (Rom). Design: retrospektive Studie bei Patienten mit akuter Leukämie. Population: Die Zahl der Patienten steht nicht im abgerufenen Abstract. Ergebnisse: Die medianen Samenmerkmale lagen vor Behandlung oberhalb der 25. Perzentile (die Bezugswerte sind im Abstract nicht spezifiziert); nach der Therapie stieg der Anteil azoospermer Männer nach einem Jahr; vier Patienten wurden über mindestens einen Zyklus assistierter Reproduktion Väter. Stärken: aktuelle Daten zur Machbarkeit der Kryokonservierung bei akuter Leukämie. Schwächen: Der Abstract nennt keine Fallzahl, keine Kontrollgruppe und keine Konfidenzintervalle. Einordnung: Das Ergebnis, dass die medianen Werte über der 25. Perzentile lagen, steht scheinbar im Kontrast zu den Mischserien [s189, s222], ist aber wegen der fehlenden Bezugsgröße nicht direkt vergleichbar.
Reschini et al. 2025 [s35]. Titel: Natural and Assisted Conceptions in Male Patients With Blood Cancers Who Stored Their Semen for Fertility Preservation. (JCO oncology practice, 2025, PMID 40198873). Land: Italien (Mailand). Design: retrospektive Kohorte mit Nachbeobachtung. Population: 464 Patienten mit hämatologischer Krebserkrankung, die zwischen 1987 und 2018 Samen einlagerten und mindestens fünf Jahre nach Therapie überlebten; 407 überlebten. Ergebnisse: 255 (63 %) hatten eine Samenanalyse nach Behandlung, davon 37 % azoosperm; schwere oder sehr schwere Spermatogenesestörungen waren bei Leukämien häufiger als bei Lymphomen. Rund die Hälfte der Überlebenden (n = 200) suchte Vaterschaft; 73 erreichten eine natürliche Lebendgeburt (37 %); 46 % der Kinderwunschpatienten nutzten kryokonservierten Samen, davon 52 % mit mindestens einer Lebendgeburt. Insgesamt hatten 120 von 200 Männern (60 %; 95-%-Konfidenzintervall 53 bis 67) eine Lebendgeburt. Stärken: sehr lange Nachbeobachtung. Schwächen: Überlebensselektion (nur mindestens fünf Jahre Überlebende), Ausgangsqualität im Abstract nicht berichtet. Die Studie gehört zur Behandlungsfolge und wird hier wegen ihrer Differenzierung nach Leukämie und Lymphom aufgenommen.
Meguro et al. 2008 [s253]. Titel: Sperm cryopreservation in patients with hematologic malignancies (Int J Hematol, 2008, PMID 18696184). Land: Japan (Jichi Medical University). Design: retrospektive Studie. Population: 38 Patienten mit hämatologischen Neoplasien, 1999 bis 2007. Ergebnisse: Bei den vor Beginn der Ersttherapie eingefrorenen Proben (medianes Alter 27,5 Jahre) hatten bis auf zwei Patienten alle eine normale Konzentration und Beweglichkeit; einer hatte normale Konzentration bei verschlechterter Beweglichkeit, einer eine extreme Oligozoospermie. Die Gruppe nach Therapie (medianes Alter 32 Jahre) umfasste 7 AML, 3 ALL, 1 CML, 2 NHL und 3 lymphoblastische Lymphome; ihre Konzentrationen liegen im abgerufenen Text nicht vor (es ist ein Artikelauszug, kein strukturierter Abstract). Schwächen: kleine Zahl, kein Kontrollkollektiv, die Zahlen zur Nachtherapiegruppe fehlen. Einordnung: Anders als die großen Mischserien zeigt diese kleine japanische Serie fast durchweg normale Ausgangswerte vor der Erstbehandlung.
Chang et al. 2006 [s263]. Titel: Initial 10-year experience of sperm cryopreservation services for cancer patients (J Formos Med Assoc, 2006, PMID 17185246). Land: Taiwan (Taipeh). Design: retrospektive Beschreibung der ersten zehn Jahre. Population: 75 Onkologiepatienten (mittleres Alter 25,7 Jahre; Leukämie 35 %, Lymphom 25 %, Hodenkrebs 13 %). Ergebnisse: Bei chronisch-myeloischer Leukämie war die Spermienzahl signifikant niedriger; die Autoren deuten dies als Hinweis auf eine Sammlung nach Therapiebeginn. Die Lagerung wurde bei 13 (17 %) beendet; 3 (4 %) nutzten das Material, es gab keine klinische Schwangerschaft und eine biochemische Schwangerschaft. Schwächen: keine Kontrollgruppe, sehr kleine Untergruppen.