Die Literatur zur Spermienqualität vor der Krebsbehandlung ist überwiegend beschreibend. Quantitativ zusammenfassende Arbeiten sind selten, und unter den in der Quellenliste geführten Arbeiten poolt keine einzige Metaanalyse die Spermienparameter von Krebspatienten im Vergleich zu Gesunden. Die größte Metaanalyse im Themenfeld (Li 2024) poolt Raten der Kryokonservierung, nicht die Spermienqualität, und sagt das selbst. Ob die Samenqualität schon vor der Therapie vermindert ist, muss deshalb aus Einzelstudien erschlossen werden; die Übersichten helfen vor allem bei der Einordnung der Studienlage und ihrer Verzerrungen.
Systematische Übersichten und Metaanalysen
Li et al. 2024 [s58]. Titel: Fertility preservation in adult male patients with cancer: a systematic review and meta-analysis. (Human reproduction open, 2024, PMID 38389980). Land: China (Nanchang und Changsha). Design: systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse, registriert bei PROSPERO (CRD42022314460). Suche bis zum 31. Dezember 2021 in CENTRAL, CNKI, Cochrane Systematic Reviews, EMBASE, MEDLINE, PubMed und Web of Science. Population: erwachsene männliche Krebspatienten, die vor oder während der Krebsbehandlung eine Spermienkryokonservierung angeboten bekamen oder versuchten; ausgeschlossen waren Kinder und Jugendliche, Studien ohne Angabe der Nutzung eingelagerter Proben, Studien mit experimentellen Verfahren (Hodengewebe, spermatogoniale Stammzellen), Dubletten, Abstracts, Fallberichte, Kommentare und Übersichten. Die Studienqualität wurde mit der Newcastle-Ottawa-Skala und dem Methodological Index for Non-Randomized Studies bewertet. Eingeschlossen wurden 69 nicht randomisierte Studien mit 32.234 zur Spermaanalyse überwiesenen Patienten, von denen 23.178 mindestens eine Probe einlagerten. Gepoolte Ergebnisse (jeweils mit 95-%-Konfidenzintervall): Rate gescheiterter Kryokonservierung 10 % (8 bis 12 %), Verwerfungsrate 23 % (16 bis 30 %), Nutzungsrate 9 % (8 bis 10 %), Schwangerschaftsrate 28 % (22 bis 33 %), Fehlgeburtsrate 13 % (10 bis 17 %), Geburtenrate 20 % (15 bis 25 %). Die klinische Schwangerschaftsrate pro Zyklus betrug bei ICSI 34 % (27 bis 41 %), bei IVF 24 % (14 bis 35 %) und bei intrauteriner Insemination 9 % (5 bis 15 %); die Geburtenrate pro Zyklus 23 % (17 bis 30 %), 18 % (11 bis 26 %) beziehungsweise 5 % (1 bis 9 %). Untergruppenanalysen zeigten in neueren Studien höhere Schwangerschafts- und Geburtenraten sowie weniger Misserfolge als in Studien von vor einem Jahrzehnt; Studien aus Asien berichteten höhere Verwerfungs- und Schwangerschaftsraten als Studien anderer Kontinente. Heterogenität: Der Abstract beziffert sie nicht (kein I² genannt), die Untergruppenanalysen deuten aber auf deutliche Unterschiede nach Zeitraum und Region hin. Stärken: sieben Datenbanken einschließlich der chinesischen CNKI, formale Qualitätsbewertung, Registrierung. Schwächen (von den Autoren genannt): Datenspanne von 36 Jahren mit mehrfach geänderten WHO-Standards, kleine Studien und fehlende Kontrollgruppen in älteren Arbeiten, keine Berücksichtigung des Schweregrads der Erkrankung, Verwendung von Studienmittelwerten statt Patientendaten, und vor allem keine Analyse des Zusammenhangs zwischen Krebsart und Samenqualität. Einordnung: Für die Frage dieses Kapitels liefert die Metaanalyse den Rahmen, nicht die Antwort. Die Autoren kritisieren selbst, dass die meisten eingeschlossenen Studien nicht zwischen Tumorarten unterschieden, sondern verallgemeinerten, und fordern Studien nach Krebsart und Schweregrad. Die gepoolte Nutzungsrate von 9 % könnte nach Aussage der Autoren die tatsächliche Nutzung unterschätzen, weil die Nachbeobachtung kurz ist.
Ferrari et al. 2016 [s191]. Titel: Sperm cryopreservation and reproductive outcome in male cancer patients: a systematic review. (Reproductive biomedicine online, 2016, PMID 27156003). Land: Italien (Mailand). Design: systematische Übersichtsarbeit mit aggregierten Raten, ohne eigene Heterogenitätsstatistik im Abstract. Population: 30 Studien mit zusammen 11.798 männlichen Krebspatienten in Samenbankprogrammen. Ergebnisse: Die gepoolte Nutzungsrate kryokonservierten Samens betrug 8 % (95-%-Konfidenzintervall 8 bis 9 %). Zwischen der mittleren beziehungsweise medianen Nachbeobachtungsdauer und der Nutzungsrate zeigte sich eine statistisch signifikante Korrelation (R² = 0,46; p = 0,03). Der Anteil der Patienten, die ihre Probe verwarfen, wurde in 11 Studien berichtet und lag gepoolt bei 16 % (15 bis 17 %). Der Anteil der Nutzer, die Eltern wurden, wurde in 19 Arbeiten berichtet und betrug gepoolt 49 % (44 bis 53 %). Die Autoren halten die Rate der Vaterschaften durch Tiefkühlsamen für niedrig und stellen die ökonomische Effektivität von Samenbankprogrammen zur Diskussion; zugleich werten sie den niedrigen Anteil verworfener Proben und die Korrelation mit der Nachbeobachtungsdauer als Hinweis darauf, dass die 8 % die kumulative Nutzung unterschätzen. Stärken: Aggregation mit Konfidenzintervallen. Schwächen: Heterogenität der Einzelstudien (Nachbeobachtung, Bezugsgrößen, Zeiträume), im Abstract keine Aussage zur Ausgangsqualität der Samenproben. Einordnung: Die Arbeit zeigt, dass die Nutzungsrate vom Beobachtungszeitraum abhängt; sie sagt nichts darüber, wie gut die Samenqualität vor der Therapie war.
Behboudi-Gandevani et al. 2021 [s111]. Titel: A Systematic Review and Meta-Analysis of Male Infertility and the Subsequent Risk of Cancer. (Frontiers in oncology, 2021, PMID 34722244). Land: Norwegen und Iran (Autorenschaft). Design: systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse; dieses Design betrachtet die umgekehrte Richtung, nämlich ob Unfruchtbarkeit einer späteren Krebserkrankung vorausgeht. Die Arbeit ist für das Kapitel wichtig, weil eine bereits vor dem Tumor bestehende Hodenfunktionsstörung die niedrigen Spermienwerte bei Hodentumorpatienten teilweise erklären könnte. Suche in PubMed (einschließlich Medline), Scopus und Web of Science nach englischsprachigen Beobachtungsstudien vom 1. Januar 1990 bis zum 28. Februar 2021. Eingeschlossen wurden acht Kohortenstudien mit 168.327 Männern mit der Diagnose Unfruchtbarkeit und 2.252.806 Männern ohne. Methodik: Fixed- oder Random-Effects-Modelle je nach Heterogenität, gepoolte Odds Ratios nach DerSimonian und Laird beziehungsweise nach der Methode der inversen Varianz; Publikationsbias wurde mit Harbord-, Egger- und Begg-Test und Trichterdiagramm geprüft, die Studienqualität mit standardisierten Instrumenten. Ergebnisse: Die Gesamtzahl der Krebsfälle betrug 1.551 bei infertilen und 12.164 bei fertilen Männern; für Prostatakrebs 324 und 3.875, für Hodenkrebs 183 und 849, für Melanom 121 und 450. Das gepoolte Odds Ratio für alle Krebsarten betrug 1,43 (95-%-Konfidenzintervall 1,25 bis 1,64), für Hodentumor 1,91 (1,52 bis 2,42), für Prostatakrebs 1,48 (1,05 bis 2,08) und für Melanom 1,31 (1,06 bis 1,62). Heterogenität: Der Abstract nennt keine I²-Werte, erwähnt aber die Wahl zwischen Fixed- und Random-Effects-Modellen je nach Heterogenität. Stärken: sehr große Zahl von Männern, mehrere Tests auf Publikationsbias. Schwächen: nur englischsprachige Beobachtungsstudien, nur acht Kohorten, die Definition der Unfruchtbarkeit unterscheidet sich zwischen den Studien (im Abstract nicht näher beschrieben); die Autoren fordern prospektive Studien. Einordnung: Das erhöhte Odds Ratio von 1,91 für Hodentumor passt zur Vorstellung, dass ein Teil der niedrigen Spermienwerte vor der Behandlung schon vor dem Tumor angelegt war; Kausalität lässt sich aus der Metaanalyse nicht ableiten.
Djaladat et al. 2014 [s206]. Titel: The Association Between Testis Cancer and Semen Abnormalities Before Orchiectomy: A Systematic Review. (Journal of adolescent and young adult oncology, 2014, PMID 25538860). Land: USA (University of Southern California, Los Angeles). Design: systematische Übersichtsarbeit nach Qualitäts- und Verzerrungsbewertung, ohne Metaanalyse. Fragestellung: Besteht schon vor der Orchiektomie, also ohne Einfluss von Operation, Strahlen- oder Chemotherapie, ein Zusammenhang zwischen Hodenkeimzelltumor und Samenauffälligkeiten? Methodik: MeSH-Suche in vier Datenbanken (PubMed, Cochrane Reviews, Web of Science, Ovid) mit 701 potenziell relevanten Zitaten, dreistufiges Screening, sechs eingeschlossene Arbeiten. Ergebnis: Alle sechs Studien zeigten Samenauffälligkeiten (Zahl, Beweglichkeit, Morphologie) bei Männern mit Hodenkeimzelltumor vor der Orchiektomie. Die Autoren schließen, dass der Hodenkeimzelltumor mit Samenauffälligkeiten schon vor der Orchiektomie verbunden sei. Stärken: Eingeschlossen wurden nur Studien mit Spermiogrammen vor der Orchiektomie, sodass Behandlungseffekte weitgehend ausgeschlossen sind; formale Bewertung von Verzerrung. Schwächen: nur sechs Studien; der Abstract nennt weder gepoolte Effektschätzer noch Konfidenzintervalle noch Heterogenitätsmaße, und auch die Fallzahlen der sechs Arbeiten werden nicht genannt. Einordnung: Das Ergebnis „alle sechs Studien“ ist qualitativ einheitlich, aber quantitativ unbestimmt; es trägt die Aussage, dass die Auffälligkeit bei Hodentumoren nicht allein durch die Behandlung entsteht.
Shirron et al. 2026 [s19]. Titel: Oncofertility outcomes in early-onset patients with non-breast solid malignancies: a systematic review. (EClinicalMedicine, 2026, PMID 42306492). Land: Israel (Haifa) und Italien (Genua). Design: systematische Übersichtsarbeit nach PRISMA, registriert bei PROSPERO (CRD42024557875), mit ergänzenden explorativen Metaanalysen. Population: Erwachsene mit gastrointestinalen Tumoren, Sarkomen, Lungenkrebs und Melanom; schwangerschaftsassoziierte und pädiatrische Studien waren ausgeschlossen. Methodik: Suche in PubMed und Embase bis 1. Juni 2025, 3.337 geprüfte Datensätze, zwei unabhängige Prüfende, Qualitätsbewertung mit dem JBI-Instrument; ein formaler Test auf Publikationsbias erfolgte wegen der geringen Zahl von Studien je Endpunkt nicht. Primäre Endpunkte schlossen Azoospermie und Erholung der Spermatogenese bei der Nachbeobachtung ein. Ergebnisse: 102 Studien wurden eingeschlossen, nämlich 33 fallbasierte Veröffentlichungen (30 Fallberichte, 3 Fallserien) und 69 analytische Studien (64 Beobachtungsstudien, davon 6 prospektiv und 58 retrospektiv, sowie 5 andere analytische Designs). Die Evidenz sei in Design, Behandlungsexposition und Endpunktdefinition stark heterogen gewesen. Beim Melanom behielten die meisten Überlebenden ihre Fruchtbarkeit, mit seltenen Fällen von Orchitis oder Azoospermie unter Checkpoint-Inhibitoren. Sarkomschemata mit Alkylanzien und Platinverbindungen trügen das höchste Risiko eines anhaltenden Gonadenversagens bei beiden Geschlechtern, bei teils möglicher Teilerholung der Spermien. Bei gastrointestinalen Tumoren sei die chemotherapiebedingte Gonadenfunktionsstörung bei jüngeren Patienten oft vorübergehend, die Beckenbestrahlung führe beim Mann zu langfristigem Hypogonadismus. Beim Lungenkrebs seien Beratung und Fertilitätserhalt selten angeboten worden. Heterogenität: Sie wurde mit I² bewertet; die explorativen Metaanalysen waren nach Aussage der Autoren unpräzise und durch erhebliche Heterogenität begrenzt, Zahlenwerte stehen nicht im Abstract. Stärken: breite Suche, zwei Prüfende, offene Benennung der Grenzen. Schwächen: Es handelt sich um Behandlungsfolgen, nicht um Ausgangswerte vor der Therapie; die Arbeit enthält nach dem Abstract keine zusammenfassende Aussage zur prätherapeutischen Spermienqualität dieser Tumorarten. Einordnung: Sie belegt vor allem eine Lücke, denn die Autoren sprechen von einem Mangel an belastbarer Evidenz für Tumoren, die bei jungen Menschen zunehmen.
Weitere Übersichten, die dem Kapitel zugeordnet, aber hier nicht einzeln dargestellt werden. Übersichten zu Barrieren des Fertilitätserhalts, zu reproduktiven Sorgen, zu Leitlinien und zu bibliometrischen Fragen messen keine Spermienqualität. Dazu gehören die Scoping-Reviews und systematischen Übersichten von Matua 2026 [s16] und Niu 2026 [s17], die Evidenzzusammenfassung von Fu 2025 [s26], die Leitlinienvergleiche von Bhinder 2026 [s03], die bibliometrischen Arbeiten von Huang 2024 [s54] und Nasrallah 2025 [s32] sowie das Scoping Review zur Hodentoxizität von Imatinib von Ji 2026 [s12]. Sie gehören thematisch zu Versorgung, Leitlinien und Behandlungsfolgen.
Erzählende Übersichten mit Aussagen zur Ausgangsqualität
Agarwal und Allamaneni 2005 [s264]. Titel: Disruption of spermatogenesis by the cancer disease process. (Journal of the National Cancer Institute. Monographs, 2005, PMID 15784813). Land: USA (Cleveland Clinic Foundation). Design: erzählende Übersicht. Inhalt: Die Autoren fassen zusammen, was über die Ursachen schlechter Samenqualität bei Krebspatienten bekannt ist. Mehrere Faktoren seien wahrscheinlich beteiligt: bereits vorbestehende Keimzelldefekte, systemische Wirkungen der Krebserkrankung sowie endokrine und immunologische Störungen. Der Schwerpunkt liegt auf Hodentumor und Hodgkin-Lymphom. Als einfaches und praktikables Verfahren für alle Krebspatienten mit Wunsch nach Erhalt des Befruchtungspotenzials nennen sie die Kryokonservierung. Stärken: früher Systematisierungsversuch der Mechanismen. Schwächen: Der Abstract nennt weder Suchstrategie noch Zahlen; die Mechanismen sind Hypothesen, die Arbeit stammt von 2005 und kennt die neueren Daten zu DNA-Fragmentierung und Proteom nicht.
Agarwal 2000 [s276]. Titel: Semen banking in patients with cancer: 20-year experience. (International journal of andrology, 2000, PMID 10849486). Land: USA (Cleveland Clinic). Design: Erfahrungsbericht und Übersicht über 20 Jahre Samenbank. Die Autoren halten drei Befunde fest: Erstens war die Samenqualität bei Krebspatienten vor dem Einfrieren und nach dem Auftauen schlechter als bei gesunden Spendern; zweitens war der prozentuale Rückgang durch die Kryokonservierung ähnlich wie bei gesunden Spendern; drittens hatte das Stadium bei Hodentumor und Hodgkin-Krankheit keinen Bezug zur Samenqualität. Der Abstract nennt keine Zahlen. Stärken: sehr lange Erfahrung eines großen Zentrums. Schwächen: Erfahrungsübersicht ohne Methodendetails und ohne Effektschätzer im Abstract; keine Aussage zu Tumorarten außerhalb von Hodentumor und Hodgkin.
Xavier et al. 2021 [s127]. Titel: Semen quality from patients affected by seminomatous and non-seminomatous testicular tumor. (International braz j urol : official journal of the Brazilian Society of Urology, 2021, PMID 32459453). Land: Brasilien (São Paulo). Design: erzählende Übersicht auf der Grundlage von PubMed mit den Suchbegriffen Seminom, Nicht-Seminom, männliche Unfruchtbarkeit, Keimzelltumor, Chemotherapie und Strahlentherapie; berücksichtigt wurden nur englischsprachige Artikel. Inhalt: Hodenkeimzelltumoren betreffen vor allem Männer zwischen 15 und 40 Jahren und haben eine Heilungsrate von über 95 %. Die Übersicht bündelt Daten zu Spermienparametern vor und nach der Krebstherapie nach histologischem Subtyp. Ergebnis laut Abstract: Beide Subtypen der Keimzelltumoren verschlechterten die Samenqualität (verminderte Konzentration, verminderte Gesamtbeweglichkeit, vermehrte Morphologieveränderungen), die Wirkung des Nicht-Seminoms erscheine jedoch ausgeprägter. Schwächen: nicht systematisch, nur englische Literatur, keine Zahlen im Abstract. Einordnung: Das Ergebnis steht im Gegensatz zu der CECOS-Studie von Rives 2012 [s235], in der Seminome die Spermienproduktion vor der Orchiektomie stärker beeinträchtigten; die Übersicht löst diesen Widerspruch nicht auf.
Kaltsas et al. 2026 [s13]. Titel: Before Orchiectomy: Gonadal Function in Testicular Germ Cell Tumors-A Narrative Review. (Journal of clinical medicine, 2026, PMID 42739861). Land: Griechenland (Athen und Ioannina). Design: erzählende Übersicht zur Gonadenfunktion vor der Orchiektomie bei Hodenkeimzelltumoren. Aussage: Studien vor der Orchiektomie zeigten im Allgemeinen verminderte Spermienkonzentration, verminderte Gesamtzahl und verminderte Progressivmotilität sowie eine gestörte Funktion von Sertoli- und Leydig-Zellen; tumorbedingtes hCG könne eine verminderte Leydig-Reserve maskieren. Als mögliche Beiträge werden testikuläre Dysgenesie, kontralaterale Beeinträchtigung, Keimzellneoplasie in situ, lokale Tumoreffekte sowie oxidative und proteomische Veränderungen genannt, wobei die Evidenz unterschiedlich sei. Schwächen: narrativ, ohne systematische Suche, ohne Zahlenangaben im Abstract.
Poorvu et al. 2019 [s151]. Titel: Cancer Treatment-Related Infertility: A Critical Review of the Evidence. (JNCI cancer spectrum, 2019, PMID 31360893). Design: kritische Übersicht, die Fertilitätsrisiken moderner Krebsbehandlungen bei Kindern und Erwachsenen abschätzt. Der Abstract betont, dass die Fähigkeit, das Fertilitätsrisiko genau zu beurteilen, durch die Heterogenität von Patientenpopulationen, Behandlungen und Endpunktmaßen der Literatur begrenzt sei. Die Arbeit ist behandlungsbezogen und enthält im Abstract keine Zahlen zur Ausgangsqualität.
Prusak et al. 2025 [s34]. Titel: Male infertility as a late side effect of oncological treatment of Hodgkin lymphoma in childhood and adolescents and the possible prevention. (Frontiers in oncology, 2025, PMID 41220951). Land: Polen (Posen). Design: Übersicht zur männlichen Unfruchtbarkeit als Spätfolge der Behandlung des Hodgkin-Lymphoms im Kindes- und Jugendalter. Die Spermienkryokonservierung wird dort als Standardverfahren bezeichnet. Die Arbeit ist behandlungsbezogen; Daten zur Ausgangsqualität nennt der Abstract nicht.
Kawai und Nishiyama 2019 [s147]. Titel: Preservation of fertility of adult male cancer patients treated with chemotherapy (Int J Clin Oncol, 2019, PMID 30353257). Land: Japan (Tsukuba). Design: Übersicht zum Fertilitätserhalt bei erwachsenen Krebspatienten unter Chemotherapie. Nach der Zusammenfassung deuten mehrere Studien darauf hin, dass der Krebs selbst, nicht allein die Behandlung, die Samenqualität verschlechtern kann; schlechte Vorbehandlungsqualität werde bei Hodentumor, Leukämie, Hirntumor und Sarkom berichtet. Schwächen: Übersicht ohne eigene Datenerhebung und ohne Zahlen im Abstract.
Yumura et al. 2022 und 2023 [s106, s88] sowie 2022 (japanisch) [s107]. Titel zu [s88]: Long-Term Fertility Function Sequelae in Young Male Cancer Survivors (World J Mens Health, 2023, PMID 36593712). Titel zu [s106]: Fertility and sexual dysfunction in young male cancer survivors (Reprod Med Biol, 2022, PMID 35949642). Titel zu [s107]: がん治療による造精機能障害とその対応 (Durch Krebstherapie bedingte Spermatogenesestörung und der Umgang damit) (AYAがんの医療と支援, 2022). Land: Japan (Yokohama). Design: drei Übersichten derselben Gruppe zu Fruchtbarkeit und sexueller Dysfunktion bei jungen männlichen Krebsüberlebenden, eine davon in japanischer Sprache mit gleichem Abstractinhalt. Nach Angabe der Autoren verlieren 15 bis 30 % der Krebsüberlebenden ihr Fertilitätspotenzial; der Schweregrad hänge von Medikamentenkombination, Kumulativdosis und Strahlendosis ab. Die Übersichten sind behandlungsbezogen und enthalten keine prätherapeutischen Daten.
Sanger et al. 1992 [s293]. Titel: Semen cryobanking for men with cancer--criteria change. (Fertility and sterility, 1992, PMID 1426353). Land: USA (Omaha, Nebraska). Design: Übersichtsarbeit mit Literaturrecherche und Umfrage in neun Samenbanken. Population: Männer mit Hodentumor, Hodgkin-Krankheit, Non-Hodgkin-Lymphom und anderen Krebsarten, die vor der Therapie Samen einlagerten. Berichtet werden 117 dokumentierte Schwangerschaften und 115 Lebendgeburten nach Nutzung kryokonservierten Samens (Insemination durch den Ehemann oder andere assistierte Reproduktion) sowie Empfängnisse nach IVF mit weniger als 1 × 10^6 beweglichen Spermien. Die Zahl der Versuche (Nenner) fehlt im Abstract, sodass aus der Arbeit keine Erfolgsrate berechnet werden kann. Die Autoren folgern, die bis dahin üblichen Aufnahmekriterien der Samenbanken sollten angesichts erfolgreicher Schwangerschaften auch mit Samen niedriger Dichte und Beweglichkeit überarbeitet werden. Schwächen: Literatur- und Umfragedaten ohne Methodik im Abstract, Berichtsverzerrung zugunsten erfolgreicher Verläufe nicht auszuschließen. Einordnung: Die Arbeit ist weniger eine Aussage über die Ausgangsqualität als ein früher Beleg dafür, dass auch niedrige Ausgangswerte nicht von vornherein zum Ausschluss führten.
Kryokonservierungs- und Samenbankübersichten aus dem französischen, spanischen und italienischen Sprachraum. Mehrere Übersichten aus Frankreich und der Schweiz fassen den Wissensstand zusammen, ohne eigene Zahlen zur Ausgangsqualität: Bringer-Deutsch 2010 [s240] verlangt laut Abstract, die Spermienkryokonservierung müsse systematisch allen Männern, auch Jugendlichen, angeboten werden, die eine möglicherweise fertilitätsschädigende Krebsbehandlung erhalten, unabhängig von der Spermienqualität; Leyvraz 2012 [s233] nennt die Kryokonservierung das derzeit einzige erwiesene Verfahren; Chaput 2018 [s161] und Courbiere 2023 [s78] sind Praxisübersichten (Letztere bezieht sich auf Empfehlungen des französischen Krebsinstituts INCa); Laverdure 2012 [s232] beschreibt am Beispiel eines Elfjährigen die Frage nach dem Mindestalter und die großen Unterschiede zwischen den Zentren. Aus Spanien stammen González Casbas 2004 [s269], die jedem Mann im zeugungsfähigen Alter mit möglichem späteren Vaterschaftswunsch das Angebot zur Einlagerung zusprechen, mit Ausnahme von Patienten mit Azoospermie bei Diagnose, sowie die Übersichten zu Kindern und Jugendlichen von Andrés 2009 [s247] und Medrano 2020 [s138]. Colpi 2000 [s277] (Italien) behandelt die Unfruchtbarkeit nach Hodentumorbehandlung: Heilung sei bei 84 % der Fälle innerhalb von zehn Jahren erreichbar, ein Ejakulationsverlust nach retroperitonealer Lymphknotenausräumung komme in 23,5 bis 80 % der Fälle vor, und die Erfolgsrate chirurgischer oder mikrochirurgischer Gewinnung von Hodenspermien bei fehlender Kryokonservierung liege bei etwa 50 %. Diese Zahlen sind Angaben der Übersichtsautoren; welche Primärstudien sie belegen, nennt der Abstract nicht. Die Übersichten nennen Krebs, Tumorlast und Fieber als Ursachen der Ausgangsstörung nur in allgemeiner Form.
Französische Hochschulschriften zur Wirkung der Erkrankung auf die Gametenqualität. Drei Dokumente der französischen Archivplattform HAL beschreiben die Ausgangsqualität ohne peer-reviewte Veröffentlichung. Eine Literaturübersicht von 2021 [s108] („Cancer et reproduction masculine : impact de la maladie sur la qualité des gamètes“; deutsch: Krebs und männliche Fortpflanzung, Auswirkung der Erkrankung auf die Gametenqualität) kommt als Ergebnis ihrer Literaturrecherche zu dem Schluss, dass die Krebserkrankung selbst die Gametenqualität beeinflusse, insbesondere den Kerninhalt und die Chromatinkondensation. Eine Arbeit aus der Andrologie-Abteilung in Nancy von 2012 [s226] („Tumeurs testiculaires germinales et fertilité“; deutsch: Hodenkeimzelltumoren und Fertilität) beobachtete laut Abstract eine wichtige Veränderung der Spermienparameter vor der Behandlung und deren möglichen Zusammenhang mit bestimmten Faktoren. Eine Marseiller Hochschulschrift von 2017 [s174] („Préservation de la fertilité masculine dans le cadre du cancer“, mit Umfrage in allen 27 CECOS und einer 20-Jahres-Auswertung in Marseille) stellt eine signifikante Veränderung der Spermienparameter vor der Behandlung fest. Alle drei Dokumente enthalten im abgerufenen Abstract keine Zahlen und sind nicht begutachtet; sie werden deshalb nur als Hinweis auf die in Frankreich vertretene Sichtweise gewertet.
Übersichten aus Russland, der Türkei und China. Aus dem russischsprachigen Raum liegen mehrere Übersichten und Kongressbeiträge vor, die zum Teil unbelegte Sekundärzahlen enthalten. Vinokurov et al. 2015 [s201] schreiben, initiale Spermatogenesestörungen kämen bei 25 bis 70 % der Patienten mit Hodgkin-Lymphom und anderen Tumoren vor, und nennen als Ursachen Subfebrilität, Gewichtsverlust, hohe Tumorlast und andere systemische Störungen. Kuleva et al. 2019 [s158] berichten für das Hodgkin-Lymphom, Studien hätten bei 20 bis 70 % der Patienten schon vor der Therapie Oligo-, Terato- oder Asthenozoospermie gezeigt, andere Studien hätten keinen Unterschied zu Gesunden gefunden, und Marmor 1986 [s301] habe die Verschlechterung bei Fieber über 38,5 Grad Celsius beschrieben. Startsev und Korneev 2016 [s198] schreiben, die Ejakulatqualität bei Keimzelltumoren sinke bereits vor der Diagnose, und zitieren, nach dem Auftauen sänken laut einer ihrer Quellen die progressiv beweglichen Spermien um 31 %, die normale Morphologie um 37 % und die mitochondriale Aktivität um 36 %. Der unsignierte Kongressabstract des Berufsverbands der Andrologen Russlands von 2014 [s211] behauptet ohne Literaturangabe, etwa die Hälfte der Patienten mit Hodentumor und 70 % der Hodgkin-Patienten hätten schon bei Vorstellung eine beeinträchtigte Spermatogenese; nennt als Mechanismen parakrine Mediatoren (TNF, Interleukine), paraneoplastische Hyperthermie, Leydig-Zell-Zerstörung und Störung der Blut-Hoden-Schranke; und führt Strahlendosen in Einheiten an, die für die Gonadendosis nicht plausibel sind. Der Beweiswert dieser Quelle ist niedrig. Korshunov et al. 2017 [s185], Akopyan et al. 2008 [s258] und Kulchenko 2017 [s187] sind Übersichten zu Strahlendosen und Erholungszeiten nach Therapie und enthalten keine Daten zur Ausgangsqualität; Mamizhev et al. 2023 [s89] behandelt onkologische, rechtliche und religiöse Aspekte beim Hodenkeimzelltumor und zitiert sekundär, 10 % der Männer mit Infertilitätszeichen hätten einen Maldescensus in der Vorgeschichte und das relative Risiko für Hodentumoren sei in dieser Gruppe vier- bis neunfach erhöht. Astaf'eva et al. 2019 [s144] fassen Fortpflanzungsstörungen bei Männern mit Hirntumoren zusammen. Aus der Türkei stammen die Übersichten von Taşkapu 2026 [s09] (nach den Autoren werde die Kryokonservierung nur bei etwa 30 bis 40 % der Hodenkrebspatienten angewendet), Avcı 2020 [s132] (bei einem erheblichen Teil der Patienten bestehe eine Azoospermie oder Kryptozoospermie, dann sei die Spermiensuche per Mikrodissektion nötig) und Shehata 2017 [s183]. Aus China liegen Übersichten von Dong 2017 [s177] und Fu 2017 [s178] vor, die Gonadenschäden durch Therapie beschreiben und Schutzstrategien nennen; in Japan fassen Chiba 2014 [s205], Yamaguchi 2011 [s237], Fujita 2010 [s241] und Okada 2019 [s149] die Gonadotoxizität zusammen. Keine dieser Übersichten bringt für das Kapitel neue Zahlen zur Ausgangsqualität; sie spiegeln aber die Sichtweise ihrer Sprachräume und sind in der Gesamtschau (Abschnitt „Einordnung der Übersichten“) berücksichtigt.
Einordnung der Übersichten
Aus den Übersichten ergibt sich ein einheitliches, aber dünn belegtes Bild. Erstens: Dass Hodentumoren schon vor der Orchiektomie mit Samenauffälligkeiten einhergehen, ist in der einzigen systematischen Übersicht dazu (sechs Studien) durchgehend bestätigt [s206]; die Metaanalyse zur umgekehrten Richtung (Unfruchtbarkeit und späteres Hodenkrebsrisiko, gepooltes Odds Ratio 1,91; 95-%-KI 1,52 bis 2,42) legt nahe, dass ein Teil davon bereits vor dem Tumor besteht [s111]. Zweitens: Für alle anderen Tumorarten fehlt eine quantitative Zusammenfassung; die größte Metaanalyse der Kryokonservierung [s58] hat die Krebsart nicht ausgewertet, und die jüngste systematische Übersicht zu Sarkom, Magen-Darm-Tumoren, Lungenkrebs und Melanom [s19] bestätigt die Lücke. Drittens: Die Mechanismen (vorbestehende Keimzelldefekte, systemische Entzündung, Fieber, endokrine und immunologische Störungen, Tumormarker wie hCG) sind in den Übersichten Hypothesen, die in einzelnen Beobachtungsstudien gestützt werden, aber nirgends in kontrollierten Studien am Menschen bewiesen wurden [s264, s13]. Viertens: Zahlen, die in Übersichten ohne Primärquelle stehen (zum Beispiel „70 % der Hodgkin-Patienten“ [s211] oder „20 bis 70 %“ [s158]), sind Sekundärangaben und werden in diesem Kapitel nicht als eigener Befund gewertet.