Metaanalysen und systematische Übersichten
Li et al. 2024 [s58] (Human Reproduction Open; 69 nicht randomisierte Studien, 32.234 überwiesene Patienten, 23.178 mit mindestens einer eingelagerten Probe): gepoolte Rate gescheiterter Kryokonservierung 10 % (95-%-Konfidenzintervall 8 bis 12), Vernichtung 23 % (16 bis 30), Nutzung 9 % (8 bis 10), Schwangerschaft 28 % (22 bis 33), Fehlgeburt 13 % (10 bis 17), Geburt 20 % (15 bis 25). Klinische Schwangerschaftsrate pro Zyklus: ICSI 34 % (27 bis 41), IVF 24 % (14 bis 35), IUI 9 % (5 bis 15); Geburtenrate pro Zyklus 23 % (17 bis 30), 18 % (11 bis 26) und 5 % (1 bis 9). Neuere Studien berichteten günstigere Raten, asiatische Studien höhere Vernichtungs- und Schwangerschaftsraten. Grenzen laut Autoren: 36 Jahre Daten, wechselnde WHO-Standards, kleine Studien ohne Kontrollgruppe, keine Analyse nach Krebsart und Schweregrad, Studienmittelwerte statt Patientendaten, pädiatrische und jugendliche Patienten ausgeschlossen. Ferrari et al. 2016 [s191] (30 Studien, 11.798 Patienten): gepoolte Nutzungsrate 8 % (8 bis 9), Anteil verworfener Proben 16 % (15 bis 17), Anteil der Nutzer, die Eltern wurden, 49 % (44 bis 53); die Nutzungsrate korrelierte mit der Dauer der Nachbeobachtung (R² = 0,46; p = 0,03), die Autoren halten sie für möglicherweise unterschätzt. Behboudi-Gandevani et al. 2021 [s111] (acht Kohortenstudien, 168.327 Männer mit Infertilitätsdiagnose gegen 2.252.806 ohne): gepoolte Odds Ratio für alle Krebsarten 1,43 (1,25 bis 1,64), Hodentumor 1,91 (1,52 bis 2,42), Prostatakrebs 1,48 (1,05 bis 2,08), Melanom 1,31 (1,06 bis 1,62); diese Arbeit betrifft die umgekehrte Richtung (Subfertilität vor der Krebsdiagnose). Zu den Übersichten [s206] und [s19] siehe oben.
Nach dem Auftauen sinkt die Beweglichkeit in nahezu allen Serien, in der Regel auch bei gesunden Spendern; Krebspatienten starten aber von einem niedrigeren Ausgangswert [s189, s222, s283, s181]. Marchiani et al. 2023 [s81] (Florenz, 1.973 Sammelproben): Die Wiedergewinnung von Beweglichkeit und Vitalität hing stark von der Ausgangsqualität ab; bei Proben mit weniger als 2 × 10^6 Spermien/ml ging sie gegen null.
Versorgungs-, Befragungs- und qualitative Studien
Eine große Zahl von Arbeiten misst keine Spermienparameter, sondern Beratung, Inanspruchnahme und Hindernisse. Sie erklären, warum viele Proben erst nach Therapiebeginn gewonnen werden. Beispiele: Abdel-Razeq et al. 2020 [s133] (Jordanien, 186 Patienten; Spermabanking bei 33,1 %, häufiger bei Ledigen, Kinderlosen und hoch Gebildeten), Abusanad et al. 2022 [s92], Almajed et al. 2025 [s21], Arafa et al. 2023 [s73], Al Ghaithi et al. 2023 [s72], Agha und Aladul 2026 [s01], Darif et al. 2026 [s06], Gharaibeh et al. 2026 [s08], das Scoping Review von Matua et al. 2026 [s16], Topçu et al. 2013 [s223], İncesoy Özdemir et al. 2026 [s20], Zhang et al. 2020 [s143], Li et al. 2020 [s136], Hu et al. 2025 und 2026 [s27, s11] sowie die japanischen Befragungen [s169, s156, s119, s254, s262]. In der japanischen Befragung von 2018 gingen bei Nicht-Hodentumoren etwa 20 % der Patienten vor der Kryokonservierung in Chemotherapie [s169]. Zur Nutzung der eingelagerten Proben liegen Zahlen zwischen 2,2 % und 27 % vor (Hodentumor in Chile 2,2 % [s181], Kanada 3,2 % [s47], China, 16 Regionen, 3,7 % [s60], gepoolt 8 % [s191] und 9 % [s58], Hodgkin nach 10 Jahren aktuariell 27 % [s275]); sie hängen von Nachbeobachtung und Bezugsgröße ab.
Leitlinien und Konsensusdokumente
Die folgenden Angaben geben ausschließlich wieder, was die Gremien in den abgerufenen Abstracts aussagen.
- ASCO-Leitlinie, Update 2025 [s37] (Evidenzbasis 166 Studien; am Abstract überprüft): Personen mit Krebs sollten bei Diagnose und im Verlauf zu Fortpflanzungsrisiken beraten werden; Spermienkryokonservierung solle Männern vor krebsgerichteter Behandlung angeboten werden, mit testikulärer Spermienextraktion, wenn keine Samenprobe abgegeben werden kann; die Kryokonservierung von Hodengewebe bei präpubertären Jungen sei experimentell und solle nur in einer klinischen Studie angeboten werden; Männer sollten auf möglicherweise höhere genetische Schädigungsrisiken in kurz nach Therapiebeginn oder -ende gewonnenen Spermien hingewiesen werden; die Onkologie-Teams sollten raschen Zugang zu einem multidisziplinären Fertilitätserhaltungsteam sicherstellen.
- Französische Leitlinien 2021 [s99] (400 Artikel aus PubMed, 1987 bis 2019; am Abstract überprüft): Jedes Kind, jeder Jugendliche und Erwachsene im fortpflanzungsfähigen Alter solle über das Risiko der Gonadentoxizität informiert werden. Bei pubertären Männern müsse die Spermienkryokonservierung jedem Mann angeboten werden, der eine Krebsbehandlung erhält, unabhängig von der Toxizität; Hodengewebekryokonservierung solle Männern vorgeschlagen werden, die keine Spermien einlagern können und eine Behandlung mit mittlerem oder schwerem Gonadotoxizitätsrisiko erhalten. Bei präpubertären Jungen wird Hodengewebe bei einer Cyclophosphamid-Äquivalentdosis von mindestens 7.500 mg/m² oder Strahlentherapie von mindestens 3 Gy auf beide Hoden empfohlen und bei mindestens 5.000 mg/m² beziehungsweise mindestens 2 Gy vorgeschlagen; bei mehreren Strategien treffe der Patient die Entscheidung.
- AWMF-S2k-Leitlinie 2018 [s162] (DGGG, DGU, DGRM): Der Abstract hält ausdrücklich fest, Aussagen für Jungen und Männer seien nicht der Schwerpunkt dieser Leitlinie. Die Fassung von Mai 2025 [s15] (Titel: DGGG, OEGGG, SGGG; laut Abstract koordiniert von der DGGG gemeinsam mit DGU und DGRM) formuliert als Ziel konsensbasierte Empfehlungen zur Beratung und Anwendung fertilitätserhaltender Maßnahmen bei präpubertären Mädchen und Jungen und bei Patienten im reproduktionsfähigen Alter, unter Berücksichtigung von Lebensumständen, geplanter onkologischer Therapie und individuellem Risikoprofil sowie des Vorgehens bei ausgewählten Tumorentitäten; Einzelempfehlungen nennt der Abstract nicht.
- Spanischer multidisziplinärer Konsens 2022 [s101] (fünf Fachgesellschaften): Der Abstract nennt keine Einzelempfehlungen zu Spermien.
- Italienischer Konsensus FIL/SIRU 2023 [s82] (Fondazione Italiana Linfomi und Società Italiana della Riproduzione Umana): Delphi-Verfahren mit elf Experten, 78 Fragen oder Aussagen in sechs Bereichen, zwei Runden; die Übereinstimmung nach Gwets AC lag zwischen 0,649 und 0,958; behandelt Fertilitätserhalt und -überwachung bei erwachsenen Lymphompatienten, konkrete Samenwerte nennt der Abstract nicht.
- Japanische Leitlinie der JSCO [s94, s105] (Teil 1 und 2 der Leitlinie von 2017, veröffentlicht 2022; dazu [s153]): Teil 1 enthält Grundlagen, Wirkung der Krebstherapie auf die Gonaden nach Geschlecht und Behandlungsart sowie Empfehlungen zu vier klinischen Fragen, Teil 2 Einzelheiten für acht Tumorbereiche; Empfehlungsgrade stehen nicht in den Abstracts. Die Leitlinie der Japanischen Urologischen Gesellschaft 2024 [s38] zur männlichen Infertilität hebt den Fertilitätserhalt vor einer Krebsbehandlung hervor; nichtobstruktive Azoospermie wird mit Mikro-TESE behandelt (Grad A).
- Vergleich von NCCN (2025), ASCO (2025), COSA (2022) und ESMO (2020) [s03]: Spermienkryokonservierung werde stark empfohlen; ASCO und NCCN unterstützten zusätzlich die testikuläre Spermienextraktion für den Fertilitätserhalt nach der Behandlung.
- Ohne einschlägige Aussage in den abgerufenen Abstracts: Die EAU-Leitlinie zur männlichen sexuellen und reproduktiven Gesundheit (Update 2025) [s31] äußert sich im Abstract nicht zur Spermienkryokonservierung vor Krebsbehandlung; ebenso der Abstract der AUA/ASRM-Leitlinie (Teil I, 2021) [s122]. Die abgerufene ESHRE-Leitlinie betrifft ausschließlich die weibliche Fertilitätsprotektion [s131], die einzige abgerufene Cochrane-Übersicht ebenfalls Frauen (23 randomisierte Studien, 2.647 Frauen) [s39]. Eine ESHRE-Leitlinie oder Cochrane-Übersicht zum männlichen Fertilitätserhalt bei Krebs wurde nicht gefunden. Die Leitlinienportale selbst wurden nicht durchsucht, nur die Zeitschriftenfassungen.
- Übersichten und Positionen: Poorvu et al. 2019 [s151] schätzen das Fertilitätsrisiko moderner Krebsbehandlungen und weisen auf Heterogenität der Literatur hin. Prusak et al. 2025 [s34] bezeichnen die Spermienkryokonservierung bei Hodgkin-Lymphom im Kindes- und Jugendalter als Standardverfahren. Die Autoren von Bringer-Deutsch et al. 2010 [s240] formulieren, die Kryokonservierung müsse systematisch allen Männern angeboten werden, die eine möglicherweise fertilitätsschädigende Behandlung erhalten, unabhängig von der Spermienqualität. In Russland gilt laut Mamizhev et al. seit 1. Januar 2021 der Erlass Nr. 803n, nach dem für onkologische Patienten vor Chemo- und Strahlentherapie die Kryokonservierung biologischen Materials angezeigt sei [s89].
Tierversuche
Die Recherche fand nur zwei Tierstudien, die den Einfluss einer Tumorerkrankung selbst auf Hoden oder Spermien untersuchen.
Michailov et al. 2019 [s148] (Mausmodell der akuten myeloischen Leukämie, International Journal of Molecular Sciences): Mäuse mit C1498-Leukämiezellen, anschließend Behandlung mit Cytarabin; Gruppen mit Krankheit allein, Chemotherapie allein und kombiniert. Es zeigten sich signifikante Abnahmen von Spermienkonzentration und Beweglichkeit, Zunahme abnormer Morphologie und spontaner Akrosomreaktion nach Leukämie und nach Chemotherapie jeweils allein und in Kombination, außerdem verminderte Fertilität und weniger Nachkommen. Die Autoren sehen darin die erstmalige Darstellung, dass die Leukämie selbst die spontane Akrosomreaktion erhöht und Fertilitätskapazität sowie Zahl der Nachkommen vermindert. Grenzen: ein einziges Leukämiemodell; Übertragbarkeit offen; Fallzahlen und Effektstärken nennt der Abstract nicht.
Rocha et al. 2021 [s121] (40 pubertierende Wistar-Ratten, vier Gruppen: Kontrolle, Kontrolle mit L-Glutamin, Walker-256-Tumorzellen, Tumorzellen mit L-Glutamin; Histomorphometrie der Hoden): Der Tumor verursachte quantitative Veränderungen der tubulären und intertubulären Kompartimente, mit verminderten Anteilen von Lumen und Tunica albuginea, geringerer Zahl der Sertoli-Zellen pro Gramm Hoden, geringerer Zahl der Leydig-Zellen und verminderten Anteilen von Blutgefäßen und Bindegewebe im Intertubulärraum; die Glutaminzufuhr verhinderte einen Teil dieser Veränderungen. Es wurde keine Samenanalyse berichtet; das Modell ist ein Kachexiemodell.
Alle weiteren Tierarbeiten der Sammlung sind Modelle der Toxizität von Chemotherapeutika oder Schutzstudien und sagen nichts über den Zustand vor Behandlung. Aus ihnen stammen Hinweise auf Schädigungsmechanismen: Cyclophosphamid plus Busulfan bei Mäusen führte zu ausgeprägter Teratozoospermie mit Kopfdefekten bei erhaltener Konzentration und Beweglichkeit, verminderter Befruchtungsrate und gestörter früher Embryonalentwicklung [s28]; eine Busulfan-Studie an vier Wochen alten Mäusen untersuchte Riluzol [s56], eine weitere NAD+-Vorstufen [s52]; Nme8-Knockout-Mäuse waren unter Cisplatin empfindlicher [s68]; ein Busulfanmodell mit zwei Injektionen im Abstand von drei Stunden diente Transplantationsstudien [s142]; neonatale Mäusehoden in Organkultur reagierten dosisabhängig auf Cisplatin [s97]; bei Ratten unter BEP verminderte Glutathion die DNA-Fragmentierung [s75]; CHOP bei Ratten senkte Spermienzahl und -beweglichkeit [s118], die Spermienzahl im Nebenhodenabstrich betrug 120,01 gegenüber 190,34 Mio/ml bei Kontrollen (n = 18 Tiere) [s69]; Cisplatin bei Mäusen senkte dosisabhängig das Hodengewicht um 44 % und 54 % und die Spermienzahl um 53 % und 71 % [s248]; Doxorubicin und Cisplatin wurden an Ratten und Mäusen als Modelle geprüft [s129]; unter Nilotinib blieb bei Mäusen die Spermatogenese erhalten, während die Follikelzahl der Weibchen sank [s175]. Dosen und Zeitverläufe entsprechen nicht klinischen Schemata; die Übertragbarkeit auf den Menschen ist offen.